Quand il est mort le poète

Am Donnerstag haben wir Danny beerdigt.

Wir sind dafür in das kleine Dorf in den Bergen gefahren, dort, wo für mich vor zwölf Jahren alles angefangen hat mit Frankreich. Danny, das Oberhaupt der „erweiterten“ Familie G., wie es in der Todesanzeige heißt, ist ein paar Tage nach einer eigentlich geglückten Operation der Herzkranzgefäße überraschend gestorben. Sein großes Herz war wohl schon zu erschöpft und schaffte es nicht mehr, weiterzuschlagen.

Ich habe mit dieser „erweiterten“ Familie ein Jahr lang gelebt und gearbeitet. Darüber habe ich in meinem ersten Buch geschrieben und Danny heißt darin Paul. Er war in den späten Sechziger Jahren der Begründer einer Hippie-Kolonie, wo man auf dem Hof, den er von einem alten Onkel übernommen hat, alle denkbaren Lebens- und Arbeitsformen mit Freunden, Frauen und Kindern ausprobierte. Frei, gleichberechtigt, alternativ und autonom wollte man leben mit Landwirtschaft, Garten und Tieren. Sie gründeten sogar eine alternative Grundschule für all die Kinder mit einem Privatlehrer. Hippie auch er.

Ich habe die letzten Tage wieder viele meiner Fotos angesehen, die eine Welle an Erinnerungen hochspülte. Es scheint mir, als sei mein Hofaufenthalt erst gestern gewesen. Ich erinnere mich noch an alles. Auch an meine anfängliche Verlorenheit, als ich mich dort in einer so fremden Welt wiederfand. Nicht nur der Hof war fremd mit all den Tieren, den Geräuschen und Gerüchen. Die Sprache sowieso (zuzüglich des landwirtschaftlichen Vokabulars), aber es war vor allem diese alternative Welt, die mich befremdete. All die wild aussehenden Männer mit langen Bärten, verfilzten Haaren, die mit nacktem Oberkörper Holz spalteten und danach ihre sehr eigenen Tabak-Kräutermischungen rauchten, die in Hütten oder Wohnwagen eine Zeitlang mitlebten, verschwanden und wiederkamen. Es war ein Kommen und Gehen auf dem Hof. Ich sah das alles mit Staunen an und verstand die Regeln nicht. Heute weiß ich, es gab keine Regeln, oder fast keine. Alles war möglich. Und die Tür stand immer offen. Vorurteilsfrei für jeden. Immer waren wir mindesten zwölf am Tisch, aber wir hätten auch überraschend zwanzig sein können, dann hätte man einfach noch ein paar Teller dazu gestellt und hätte das, was da war, geteilt. Teilen – partager – das war das oberste Gebot. Das war Dannys Lebensmotto. Großzügig stellte er für Gäste immer alles auf den schweren Holztisch: Bier und Wein, Brot, selbstgemachte Wurst, Schinken, Pasteten. Und alles, was Küche, Keller und der Garten hergaben. Und was A. seine Frau zubereitet hat. Jeden Tag. Fast fünfzig Jahre lang teilte sie sein Leben und machte möglich, dass dieser Hof so offen und einladend sein konnte. Genauso haben sie mich vor zwölf Jahren aufgenommen. Wie selbstverständlich. Komm ruhig. Sehen wir dann schon. Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich einlasse, wäre ich nicht gekommen. Aber so bin ich meinem Gefühl gefolgt, ohne je ein Foto des Hofes oder der Familie gesehen zu haben. Und dann war ich da, und es war so ein Schock. Und ich verstand gar nichts, es war so, als stünde ich plötzlich auf dem Kopf. Oder war es die Welt, die auf dem Kopf stand? Aber so muss es ja sein, wenn man reist und sich und die Welt wirklich kennenlernen will. Der Aufenthalt auf dem Hof war für mich mehr als nur bewusstseinserweiternd, er war lebensverändernd, lebensstiftend, lebensrettend. Und das meine ich ganz so, wie ich es sage.

Für mich ist dieser Hof ein Eckstein meiner Frankreichbiographie und meiner Biographie überhaupt. Ich kann und will ihn mir nicht anders vorstellen als so, wie er zu meiner Zeit war, so chaotisch und schlampig er auch gewesen sein mag. Ich ertrage es schwer, dass Menschen, die ich dort oben kennengelernt habe, nicht mehr da sein werden. Am liebsten würde ich alles für immer konservieren. Und jetzt ist Danny gestorben.

Ich wusste, dass es eine große Beerdigung werden würde. Danny war nicht nur in der alternativen Welt eine Persönlichkeit, er war auch in der „klassischen“ Bergwelt beliebt und geschätzt. Aber tatsächlich gab es sogar mehrere Gendarmen, die den Verkehr regelten. So etwas hat man da oben noch nicht erlebt. Autos über Autos fuhren die enge Serpentinenstraße zum Bergdorf hinauf und parkten auf dem Fußballplatz, auf Wiesen und an Wegrändern rund um das Dorf, und kilometerlang entlang der Zufahrtsstraße. Der Platz vor der Kirche füllte sich mit hunderten von Menschen. Auch der Pfarrer war da, aber er sei nicht als Pfarrer gekommen, erklärte er, er sei ein Trauergast wie alle. Denn Danny und der Pfarrer mochten sich zwar, aber Danny hatte mit der Kirche nichts am Hut.

Wie in Frankreich üblich, begrüßen alle alle, man kennt sich oder man stellt sich vor, erklärt seine Beziehung zu Danny und so verging viel Zeit, aber irgendwann hatte man auch dem Letzten die Hand geschüttelt oder Küsschen gegeben und dann warteten wir. Wir warteten lange. Und auch das war so typisch. Dieses Unpünktliche, dieses ewige „zu spät kommen“ (nach meinem Empfinden) dieser Familie mit ihrem eigenen Rhythmus.

Danny kam auf seinem Traktor. Dieser uralt-Traktor, schon hunderte Male repariert, war Dannys Lieblingsgefährt. Stundenlang rumpelte er mit ihm über die Wiesen, die er leidenschaftlich gern mähte. Jetzt fuhr sein Sohn B. den Traktor und zog einen Anhänger, der mit frischen Blumen und Kirschblütenzweigen geschmückt war, nepalesische Gebetsfähnchen flatterten im Wind. Auf dem Anhänger der Sarg und darum die (engste) Familie, fast so, wie wir manchmal vom Rübenfeld nach Hause gerumpelt waren, waren sie heute vom Weiler, wo der Hof liegt, bis zum Dorf gefahren. Und auf dem Platz angekommen, spielten sie seine Lieblingsjazzstücke ab: Miles Davis, Keith Jarrett und Ella Fitzgerald. Es war umwerfend schön und traurig.

Es war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, die Wiesen frischgrün, Apfel- und Kirschbäume standen in voller Blüte, es blühten alle Wiesenblumen, und in den Gärten blühten Flieder, Iris und Osterglocken. Auf den Berggipfeln lag noch Schnee. Und auf dem Platz vor der Kirche stand dieser Traktor, daneben der Sarg (auf Strohballen erhöht), Blumen über Blumen davor, und Miles Davis blies klagend in seine Trompete. Und all die Menschen. Magnifique.

„Wir wollen uns Zeit nehmen, um von Danny Abschied zu nehmen“, sagte seine Tochter. Jeder, der wollte, war eingeladen zu sprechen, ein Gedicht zu lesen, zu singen, Musik zu machen. Alles war möglich. Und viele sprachen von seiner Großzügigkeit, von seiner barocken Lebenslust, von all der Liebe, die er hatte, und auch von seiner Sensibilität. Es wurden mit zitternden Stimmen Gedichte und Texte gelesen, es wurde weinend gesungen, die Enkeltöchter spielten Klavier und Saxophon, die kleinen Nachzügler-Enkelsöhne spielten derweil Verstecken und Fangen zwischen all den Menschen. Sie waren die einzigen, die fröhlich lachten, während sich die großen Schwestern und überhaupt alle, immer wieder weinend in den Armen lagen. Dann stimmte eine Frau mit wilder Stimme Quand il est mort le poète an, ein Lied, das Gilbert Becaud oft sehr gefühlvoll zusammen mit Publikum sang. Sie aber sang es rau und so fremd, dass ich es kaum wiedererkannte. Allen ging es so, schien mir, denn wir sangen nur zögerlich und leise dieses einfache Lied mit, dessen Text mir plötzlich so passend vorkam, als habe man es für Danny geschrieben.

Die ganze Zeremonie war ruhig und langsam und traurig-schön, wir legten Blumen auf den Sarg, den die Söhne und Schwiegersöhne später auf den Friedhof trugen und, zunächst nur mit der Familie, in die Erde absenkten, während jetzt Les vieux amants von Brel über den Platz schallte.

Später gab es ein riesiges Buffet, zu dem, wie bei solchen Anlässen üblich, jeder etwas beigesteuert hatte. Und Dannys lebenslange Großzügigkeit wurde zurückgegeben: Die Tische bogen sich unter den salzigen und süßen Speisen auf großen Platten, und es gab auch allerhand zu trinken: Allez, on va boire un coup! „Lasst uns was trinken, Kinder“, hätte Danny gesagt. Und so aßen wir und tranken und sprachen von ihm, und das Leben geht weiter, und er wird fehlen, aber wir werden ihn immer in unserem Herzen haben.

Adieu Danny. 

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten auf Quand il est mort le poète

  1. Sunni sagt:

    Ach, wie tieftraurig und doch wunderschön! Danke für das Teilhaben an einer ganz privaten innigen Trauer! Sunni

  2. Mumbai sagt:

    Eine schoene, wuerdige Verabschiedung erweckten wieder Erinnerungen. Ich finde
    es gut und schoen, den Tod so feierlich zu begruessen und das Leben so froehlich
    zu verabschieden.
    Quand il es mort….hab ich schon eine Ewigkeit nicht gehoert und es beruehrt mich,
    es unter diesen Umstaenden wieder voll abzuspielen.

  3. Marion sagt:

    Was für ein liebevoller „Nachruf“. Wie mutig Du damals gewesen bist, diesen radikalen Ausstieg zu wagen. Ich bewundere es immer noch. Aber nun erstmal frohe, geruhsame und sonnige Ostertage für Dich und Thierry (hier ist es leider grau, regnerisch und viel zu kühl für die Jahreszeit)!

  4. Micha sagt:

    Eine schöne Beerdigung! Warum nur ist das so selten?

  5. Birgit sagt:

    Danke Christiane für deine Offenheit in deiner Trauer.
    Der Text holt mich in deine ersten Zeilen zurück.
    Liebe Grüße von Birgit

Hinterlasse einen Kommentar zu Mumbai Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>