Cannes und Berlin

Es regnet! Endlich! Dieses Jahr können Sie die unendlich langen heißen und regenlosen Sommer, die wir hier haben, ja auch in Deutschland nachvollziehen. Der Rheinpegel ist so niedrig, dass allerorten der Fährverkehr eingestellt wurde und zum Binger Mäuseturm kann man derzeit zu Fuß laufen! Nein, bei uns ist das Mittelmeer immer noch da und wir laufen auch nicht zu Fuß zu den Iles des Lérins, aber der Regen wurde hier auch lechzend ersehnt. Jetzt ist er da, und glücklicherweise ist es ein mehrtägiger aber gemütlicher Landregen und sind es nicht diese sintflutartigen Wassermassen, wie wir sie vor drei Jahren hatten und wie sie dieses Jahr den Südwesten Frankreichs heimgesucht haben.

Regen! Endlich! Endlich ist dieses Draußen-Rumgerenne vorbei, dieses ewige Sonne-Ausnutzen, endlich darf man drin bleiben, sich ins Sofa kuscheln und lesen und schreiben! Uff. Ausatmen. Endlich komme ich dazu, Ihnen meinen Sommer zu erzählen.  Wo anfangen? Soll ich Ihnen Ende Oktober noch erzählen, dass ich Ende August für drei Tage in Berlin war? Ja? Nein? Doch! Klar, Berlin ist so klasse, vor allem wenn man aus einer südlichen Provinzstadt kommt. Kultur satt! Anlass für den Berlinbesuch war das Sommerfest von Kiepenheuer & Witsch in der Villa und auf dem Gelände des Literarischen Colloquiums. Toller Rahmen, tolles Fest! Ganz großartig war es!

Kiwi Sommerfest am Wannsee
die Wolken hängen tief
Kiwi und Galiani in der Villa des LCB
S-Bahn Wannsee

Berlin! Ich habe ebenso ganz großartig direkt an der Hufeisensiedlung gewohnt, und dort unterm Apfelbaum gesessen, der von der Hitze erschöpft schon alle seine Äpfelchen abwarf.

Blick auf die Hufeisensiedlung
Berliner Fußabkratzer

Die Großstadtfreundin nahm mich Landpomeranze zur Uraufführung eines Tanztheater-Spektakels mit: Exodos. Ich war schon so begeistert vom Ort und all diesen unterschiedlichen Menschen, jung, alt, und es gibt keinen Dresscode, oder wenn, dann ist er irgendwie hip und es ist nicht dieser bourgeoise Luxusmarkenschick, das ist so erholsam! Der erste Teil des Spektakels war außerordentlich – beklemmend und eindrucksvoll. Ich habe so etwas noch nie erlebt! Den zweiten Teil fand zumindest ich dann aber ziemlich lang und unverständlich, vielleicht war ich auch nur zu müde von der schlechten Luft, der Hitze, der superlauten Musik und der vielen Großstadtkultur. Aber die körperliche Leistung der Tänzer*Innen in diesem Spektakel verdient Hochachtung! Ich verlinke Ihnen mal diese Kritik, nur so, falls es Sie interessiert.

Die Spree am Radialsystem
die Tänzer’Innen und Sasha Waltz
Nachbereitung bei Cappuccino, Apfelsaft und Käsekuchen

Erstmals lief ich auch durch die (an mancher Stelle schon leicht abbröckelnden) grauen Steine des Holocaust-Memorials und war beeindruckt und verstört. Darf man wirklich picknicken auf den Gedenksteinen, wie es so viele tun? Darf man durch die langen dunklen Wege rennen und Fangen spielen? Darf man von Stein zu Stein springen, als sei es ein Parcours? Darf man das heute? Freizeitpark Holocaust Memorial? Spielerischer Umgang mit Geschichte? Sollte da nicht mehr Respekt sein? Bin nur ich mit meiner deutschen Ernsthaftigkeit so streng? Bin ich gar zu alt? (Nur am Rande, ich ertrage die Remix-Version des italienischen Partisanenliedes Bella Ciao, das ich früher inbrünstig und natürlich mit dem richtigen Bewusstsein an jedem Lagerfeuer zur Gitarre sang, auch nicht. Maître Gims, ein kongolesisch-französischer Rapper, gewandet in rote Ballonseide, blutrot vielleicht oder partisanenrot, was weiß denn ich, sang es in diesem Sommer beim Festival de la Musique oder war es anlässlich des Nationalfeiertags? Egal, es war in Nizza und tausende junge Menschen sangen auf der Place Massena begeistert mit: oh oh oh oh oh bella ciao … Darf man aus Partisanenliedern kommerzielles Geplärre machen? In meiner FB-Blase waren alle begeistert: So viele junge Menschen singen Bella Ciao! Aber wissen sie, was sie singen?!, frage ich mich. Oder ist das egal? Oder arrogant? Und morgen machen wir einen Remix aus den Moorsoldaten? Ich sei haha vermutlich zu alt, um die Jugendkultur zu verstehen wurde mir freundlich zugerufen. So siehts aus. Mit Mitte 50 schon reaktionär und verknöchert. Oh partigiano, portami via … )

Lichtstrahl
Freizeitpark Holocaust Memorial

Ganz kurz war ich auch in Potsdam, um die Gerhard Richter Ausstellung im Museum Barberini anzusehen. Wenn schon, denn schon! Ich liebe Gerhard Richter. Ich liebe genau diese abstrakte Kunst von ihm und auch auf die Gefahr, das Wort etwas zu exzessiv zu verwenden, ich fand alles großartig!

Karos
Fenster – Spiegelungen
Pink und Rot
erinnert mich an den Garten von Monet in Giverny

Zuguterletzt, das wissen Sie vielleicht alles schon, dann verzeihen Sie es mir, ich bin ja so weit weg (nicht nur) vom (deutschen) Kulturgeschehen, habe ich in diesen Sommer einen (setzen Sie ruhig das g-Wort ein, wenn Sie wollen) Film über die rätselhafte Vivian Maier gesehen: eine einsame, schrullige Frau, die ihren Lebensunterhalt als (nicht wirklich liebevolles) Kindermädchen verdiente, vor allem aber eine manische (und hier schon wieder das g-Wort!) Fotografin war. Zu Lebzeiten hat sie nicht eines ihrer über 150.000 Fotos veröffentlicht! Über ihr merkwürdiges Leben und ihre Fotografien gibt derzeit auch eine Ausstellung in Berlin!

Und wie ich gerade begriffen habe, ist es schon die zweite Ausstellung in Berlin über Vivian Maier. Ich erzähle Ihnen also vermutlich wirklich nichts Neues. So ist es, wenn man in der südfranzösischen Provinz zu Hause ist. „Wie ist das Wasser?“, fragt man hier mit Blick auf das Meer, und „Was gibts zu essen?“ und „Kann ich noch einen Apéro?“ Und danach macht man erstmal eine Sieste.

Zurück von der kleinen Kulturauszeit in Berlin habe ich noch ein paar Tage fleißig geschrieben, kaum war das Manuskript (wir berichteten) abgegeben, verbrachte ich eine Woche in Heidelberg. Davon (und von Paris, um die Kurve zu Frankreich zu kriegen) demnächst. Stay tuned.

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10 Kommentare zu Cannes und Berlin

  1. Marion sagt:

    Großartige Impressionen und Anregungen. Danke.

  2. Sunni sagt:

    Oh wie schön, der Bericht und die Fotos! Hier liegt der Ausstellungsbildband Richter aus dem Barberini. Ist es nicht fabelhaft? Und das LCB ist nicht weit vom wunderschönen Liebermannhaus und – garten. Wir hätten uns treffen können, da unweit von dort in der ehemaligen Alsenkolonie bei der Tochter zu Besuch. Oh kulturell ist Berlin toll. Das genießen wir auch, wenn aus der tiefen Provinz dort zu Gast. Herzlich, Sunni

    • dreher sagt:

      Wie schön! Aber ach Mensch, wen und was man alles noch hätte sehen können … ist in drei Tagen gar nicht zu bewerkstelligen, wissen Sie, wie lange ich die Großstadtfreundin (und Berlin) nicht gesehen habe?! Acht Jahre! Herrjeh … liebe Grüße!

  3. Ursula Weber sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Bericht und die eindrucksvollen Bilder🤗

  4. Eva sagt:

    Liebe Christiane,
    Danke für den Ausstellungstipp Vivian Maier. Für Richter bin ich nächste Woche zu spät in Berlin!
    Wir sind ein paar Tage dort bei Vincent ( du erinnerst dich? Der alte Peruaner?), der jetzt schon im 3. Semester ist. Ja, die Zeit geht schnell vorbei.
    Außerdem sind wir endlich umgezogen. Hat dann doch 1,5 Jahre länger gedauert, aber jetzt ist es gut!
    Dein Empfinden zum Thema Spiel- und Picknickplatz an diesem Erinnerungsort in Berlin teile ich. Es gibt einfach Räume, auch im Freien, die anders sind und wo ein Innehalten und Nachdenken besser angebracht wäre – zumindest meiner Meinung nach.
    So, Feierabend für heute, herzliche Grüße,
    Eva

    • dreher sagt:

      Ich wollte das ja alles schon viel früher geschrieben haben, habe erst beim Link suchen gesehen, dass die Richter-Ausstellung schon vorbei ist, doof 🙄 aber Vivian Maier geht noch eine Weile. Immerhin. Ja, das mit dem Umzug habe ich auf Instagram gesehen, was lange währt… Danke für das Teilen deiner Gedanken zum Erinnerungsort und viel Spaß in Berlin!

  5. Karin PENTEKER sagt:

    Ich komme gerade zurück aus Berlin, eine tolle Stadt, aber leider haben das auch Tausende anderer Touristen entdeckt. Mich hat erschreckt wie es sich im Zeitraum von nur fünf Jahren entwickelt hat! Ueberall Fastfood-Restaurants und -Cafés, Ampelmännchen-Shops und Berlin-Souvenirläden. Da war Potsdam dann wohltuend ruhig und klein und wir fanden endlich ein in Privatregie geführtes Café,wie wir es in Berlin gesucht hatten: klein, fein, eine One-Woman-Show sozusagen, mit leckerem Kakao und nur selbstgebackenem Kuchen! Sogar die Tochter war begeistert, und das will was heissen!

    Hier nur schnell ein link zur SZ wo sie ein Phänomen beschreiben, das Du schon perfektioniert hast: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/plogging-der-trend-der-joggen-und-umweltschutz-verbindet-1.4191804 Und jetzt hast Du auch einen Namen dafür: Plogging. Obwohl, Joggen tust Du ja nicht. Oder doch? Vielleicht Plalking? :)

    Ganz liebe Grüsse aus Genf (hier schon nasskalt),

    Karin

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