l’appel du 18 juin

Ähm, ja. Historisch nur so ungefähr richtig und ein so sensibles Thema, das keine Ungenauigkeiten duldet und außerdem, wie mir der Gatte gerade deutlich gemacht hat, selbst mit historisch richtigen Daten zu sensibel, um mal eben schnell und auch noch mit einer gewissen Flapsigkeit darüber zu schreiben. Die Franzosen spalten noch immer Haare bei diesem Thema. Als nichtwissende Nichthistorikerin habe ich den Beitrag daher zurückgezogen. Danke an Rainer Wadel für den ersten und freundlicherweise diskreten Hinweis. Zum Appell des 18. Juni können Sie hier etwas nachlesen.

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14 Kommentare zu l’appel du 18 juin

  1. Croco sagt:

    Da haben wir uns auch mal in die Nesseln gesetzt.
    Vor langer Zeit landeten wir auf einer unserer Franzkreichtouren in Vichy.
    Und dachte, knallnaiv wie wir waren, da muss es doch ein Zentrum zu Vichyzeit geben, Museum, Dokumentation, eine Aufarbeitung. Wir haben rumgefragt. Ojeeee! So viele peinlich berührte, erschrockene und sogar entsetzte Gesichter haben wir nie mehr gesehen.
    Also, es gibt keines.

    • dreher sagt:

      Ja, es gibt keines. Es gibt keine Aufarbeitung. Die „Enkelin“ (14 Jahre) ist die erste, die im Geschichtsunterricht etwas zu den Lagern in Frankreich gehört hat. Man fuhr nach Aix Les Milles. Kaum ein Franzose weiß davon. Ich habe ihr ein frz. Kinder-BD zum Thema gekauft. „Dann reicht es aber auch damit“ meinten die Eltern.
      In Nizza wurde in diesem Jahr, nach nur 75 Jahren, eine Tafel mit den Namen aller von Nizza deportierten Juden installiert.
      Als 2009 der Film „La Rafle du Vel d’Hiv“ ins Kino kam, dachte ich ganz naiv, jetzt könne man darüber sprechen, dass auch die Franzosen einen Teil der Schuld hätten – aber nein, das kann man nicht. Schon gar nicht als Deutsche.
      Sensibles Thema wie gesagt.

  2. Croco sagt:

    Ein Minenfeld, sozusagen.
    Es scheint ihnen doch sehr peinlich zu sein, das alles.
    Verstehen kann ich es. Trotzdem tut es nicht gut , solche Dinge zu vergraben.
    Wie sieht die Enkelin das?

    • dreher sagt:

      Ach, sie ist noch ein Kind irgendwie, das zu pubertieren beginnt. Da gibt es so viel anderes, was verstörend ist. Sie hat das BD gelesen und fand es „bewegend“ – weiß nicht, ob es tiefer irgendetwas „bewegt“ hat, aber ich habe sie dann auch, wie gewünscht, damit in Ruhe gelassen.

  3. Reiner Wadel sagt:

    Ich könnte zwei Bücher zum Thema empfehlen:
    Irène Némirovsky „Suite Francaise“.
    Sie beschreibt die Verhältnisse während des deutschen Einmarsches im Frühsommer 1940, die chaotische Flucht aus dem gefährdeten Paris und den Zerfall jeglicher sozialen Ordnung und Humanität. Und in einem 2.Teil Alltag und Zusammenleben von Einheimischen und Besatzern im Jahr nach der Niederlage in einem französischen Dorf in der besetzten Zone.
    Irène Némirovsky wurde am 12. Juni 1942 verhaftet und starb am 17. August 1942 in Auschwitz-Birkenau an Entkräftigung.

    Ein zweites Buch ist Emmanuel Bove: Die Falle ( Le Piège)
    Sein Protagonist versucht aus dem besetzten Frankreich nach Algerien zu flüchten um sich in England General de Gaulle anzuschließen. In einer kafkaesken Situation wird er von Behörde zu Behörde, von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter weitergeleitet und gerät mehr und mehr in die Mühlen der Vichy-Bürokratie. Selbst die Flucht nach Paris kann ihn nicht mehr retten. Am Schluss wird er auf Grund eines grotesken Irrtums als Geisel erschossen.

    • dreher sagt:

      Irène Némirovsky habe ich gerne und sehr berührt gelesen, wurde auch verfilmt, ich weiß nicht, ob es eine deutsche Fassung des Films gibt.
      Emmanuel Bove kenne ich nicht. Gerade gegoogelt und nachgelesen. Klingt lesenswert.
      Vielen Dank!

      • Reiner Wadel sagt:

        Ich wusste nicht, dass der Roman verfilmt wurde.
        Auf DVD erhältlich bei Amazon. Suite française (Untertitel: ‚Melodie der Liebe‘ – nun ja). zu einem Spottpreis von weniger als 5€.

        • dreher sagt:

          Der deutsche Titel nimmt wohl Bezug auf die Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Soldaten und einer Französin (das schlie0e ich gerade aus dem frz. Trailer), die wohl im Mittelpunkt steht; es ist bizarr, weil ich mich gerade nicht daran erinnere, vielleicht habe ich nur das Buch gelesen?!

  4. Reiner Wadel sagt:

    Die Liebesgeschichte ist aus dem 2.Teil des Romanfragments und sozusagen Aufhänger für die Darstellung der unterschiedlichen Reaktionen der Bevölkerung auf die deutsche Besetzung.

  5. N. Aunyn sagt:

    Ich empfehle: Sarah Kofman: Rue Ordener, Rue Labat
    Die Langzeitfolgen eines Überlebens im Versteck, das in den Freitod mündet; wer kann, dem sei das französische Orginal empfohlen. Die deutsche Übersetzung ist lausig unerfreulich.

  6. Sunni sagt:

    Oh, ja, man könnte meinen : Vermintes Terrain. Ich weiß nicht, ob nur ich es immer als etwas tröstlich empfinde, wenn anderen Erinnern auch nicht leicht fällt. Zu der Thematik an sich gelangte ich im zarten Alter von 17/18, als meine Großmutter Ernst von Salomons „Fragebogen“ in die geschichtsbefreite (zumindest teilweise einseitig) DDR schmuggelte. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Aber als ich während mehrerer Reisen in die Provence und den Luberon mit unseren Gastgebern auf Französisch , auch noch radebrechend, auf historische Dinge kam und dass mein Vater als 17,5-jähriger in Paris einmarschieren musste, aber zum Glück dann an der finnischen Front landete…herrschte absolutes Stillschweigen, als der Begriff Vichy mir aus dem Mund rutschte. Et bien….ich wechselte auf Gewächse und Berge in der Macchia, was sehr erfreut als Thema aufgegriffen wurde. Damals hatte ich dann einen relativ großen Wortschatz dazu, aufgrund der Vermeidung anderer Themen…Beste Grüße!

    • dreher sagt:

      Genau, vermintes Terrain. In der verklärenden Erinnerung der Franzosen waren eigentlich alle im Widerstand. Immer gut, wenn man sich auf die unverfängliche Botanik zurückziehen kann ;-)
      Ernst von Salomon musste ich aber auch erst googeln.

  7. Wolfram sagt:

    Wer eine Neigung zum Perversen hat, kann ja mal auf der Straße „Maréchal, nous voilà“ pfeifen… Die wenigen Töne sind für sich genommen völlig unauffällig. Aber… nein, diese Geschichte ist ebensowenig aufgearbeitet wie der Kolonialismus (zu dem noch Präsident Chirac per Erlaß verfügt hat, daß er bitteschön positiv darzustellen sei im Schulunterricht. Und Indochina, und der Algerienkrieg. Wespennest…
    Bei jeder zweiten Beerdigung, die ich vorbereite, kommt die Geschichte irgendwie hoch, denn als die, die jetzt sterben, jung waren, da war Besatzung (hier war besetzt, nicht Vichy, denn Berlin hat sich die Küste reserviert), und viele Männer sind in Indochina oder Algerien gewesen, als Wehrpflichtige. Aber über das, was sie dort erlebt haben, reden sie meist nicht.
    Und Vichy, das ist ein Stoffmuster, das ist ein Badeort und ein Heilwasser. Aber nichts Politisches, ich bitte Sie!

    Die Ansichten darüber können allerdings etwas differenzierter sein, je nach Milieu. Eine – schon etwas ältere – Kommilitonin am Institut Protestant de Théologie in Paris meinte mal: „die Collabos waren alle unfruchtbar.“ Muß wohl.

    Und in alle diese Wespennester gestochen hat ein Enfant terrible der französischen Literatur, Régine Desforges, mit ihrer Dekalogie „La Bicyclette bleue“. Sehr politisch unkorrekt. Aber recht gut zu lesen. Wurde es je übersetzt? Ich weiß es nicht. Die Verfilmung des ersten Bandes ist, nun ja, etwas weichgespült.