Wir sind wieder in Cannes – und der Schock ist jedes Mal groß: Es ist laut, die Bässe der Elektroplages wummern, es ist heiß und die Luft ist schwül-klebrig. Die Zikaden zirpen wahnsinnig laut – das ist das einzige Geräusch, das ich irgendwann nicht mehr wahrnehme. Es ging sogar so weit, dass ich lange dachte, es gäbe keine Zikaden in Cannes. Hier höre ich sie nicht, sondern nur an anderen, mir weniger vertrauten Orten oder wenn ich nach einer Zeit ohne Zikaden (aus den Bergen oder Deutschland) wieder zurückkomme.
Das Wummern höre ich, den Autoverkehr vor dem Haus ebenso wie die nachts unartikuliert brüllenden Touristen aus dem Airbnb nebenan und die asthmatisch röchelnde Waschmaschine, ebenfalls aus dem Airbnb. Die Nächte sind anstrengend. Erst gegen Morgen schlafe ich tief und fest. Aber dann hat mich Monsieur heute Morgen gegen sechs Uhr geweckt und gefragt, ob ich mit ihm an den Strand zum Schwimmen wolle. Jetzt! Nein, das wollte ich nicht, ich wollte schlafen. Um halb sieben weckt er mich erneut und fragt, ob ich jetzt vielleicht bereit sei. Herrgott, nein. Irgendwann ging er allein, kam aber zurück, um mich noch einmal zu wecken und zu fragen, ob ich wüsste, wo seine Schwimmflossen seien. Grrr. Jetzt sitze ich vor dem kleinen Ventilator und schreibe in Etappen.
Beamen wir uns zurück in die Berge.
Hier ist der Blick auf den Mont St. Honorat (2500 m). Das ist der einzige Berg, den ich je bestiegen habe. Davor, in der Bildmitte auf der Ebene ganz links, ist irgendwo der Hof, auf dem ich damals ein Jahr lang mitlebte. Das ist jetzt einundzwanzig Jahre her.

Ich habe es nochmal rangezoomt.

Das, was ich gemacht und gelebt habe, ist jetzt anscheinend ein Sujet in der Gegenwartsliteratur, Frauen, die alleine aufs Land gehen und versuchen, sich da zurechtzufinden. Ich verlinke hier mal den Beitrag vom Deutschlandfunk: “Das Landleben: Zwischen Abgrund und Idyll”. Ein dankenswerter Hinweis von Marion! Ich kann heute auch mal etwas weniger Sympathisches über das Dorfleben erzählen, damit ich nicht am Idyll-Klischee mitstricke.
Das Sommerfest nämlich. Oder fangen wir am Vorabend an, da gab es eine Magie-Veranstaltung im Dorf. Die Region finanziert im Sommer jede Menge (in der Regel Freiluft-) Konzert- und Theater-Veranstaltungen, mit denen die Dörfer im Hinterland bespielt werden. Die Gemeinden können eine oder zwei Veranstaltungen aus dem Kontingent auswählen; wir haben da in den vergangenen Jahren schon ganz tolle und qualitativ hervorragende Konzerte gehört, Klassik, Jazz oder Rock, und für uns ist das alles kostenlos! Dieses Jahr gab es im Juni bereits ein Rockkonzert, die Gruppe war sehr professionnell und gab alles, um uns ZuhörerInnen zu begeistern; allerdings war es am Abend des Mühlenfestes, das erstmals von der jungen Generation organisiert wurde, und es waren recht viele junge Menschen im Dorf, die fanden den Rock’n’Roll nicht so prickelnd und warteten nur darauf, dass die Gruppe ihr Programm beendet hatte, um dann schnell die klassische Fetenmusik über eine Anlage hochzuspielen. Das war vermutlich ein bisschen frustrierend für die Herren Rockmusiker, die noch lange zu banalen Schlagern, ihren ganzen Bühnenabbau vornahmen.

Jetzt also Magie. Wir sind als erste da und setzen uns zunächst in die erste Reihe, geben die Plätze dann aber an die Kinder ab, die später eintrudeln. Überhaupt trifft das Publikum nur langsam ein, zunächst sind nicht mal alle Plätze besetzt. Die Magier sehen es skeptisch und erwarten wohl nicht viel vom wenigen Publikum in dem kleinen Dorf am Ende der Straße. Aber, ich greife vor, es wird eine große Liebe für einen Abend!
Stephen Lucy und Triton heißen die beiden Magier, und sie machen eine interaktive, poetische und auch unglaublich lustige Show. Selten habe ich so gelacht! Sie haben klassische Tricks in ihrem Programm, über die man aber auch als Erwachsener immer noch staunt, denn ja, vor unseren Augen und fast zum Greifen nah, beginnt eine Frau aus dem Publikum zu schweben und eine andere wurde entzweigeschnitten.

Am Ende sind wir alle bezaubert und klatschen uns die Hände wund, der Platz vor der Schule ist jetzt übervoll, die beiden Magier und ihre Assistentin strahlen, sie können es gar nicht glauben, dass sie in diesem kleinen Dorf fast am Ende der Welt, so einen Erfolg hatten. Sie danken uns herzlich und gerührt, wir danken ebenfalls, dass sie sich bis zu uns bemüht haben.

Ich habe ein kleines Video gefunden, das einen Eindruck von der Show gibt:
Am nächsten Morgen stelle ich den Wecker auf sieben Uhr, denn ich möchte einen Tian zum gemeinsamen Essen im Oberdorf mitbringen. Er ist zwar einfach herzustellen, braucht aber Zeit im Backofen. Um zehn Uhr fahren wir (und mit uns ein befreundetes Paar) die sieben Kilometer lange, unbefestigte Straße nach oben. Das Wetter ist durchwachsen, aber es regnet nicht. Seit zwei Jahren haben wir einen neuen Pfarrer. Er ist ursprünglich aus Madagaskar und war zunächst zwanzig Jahre in Italien tätig. Mit seinem schweren Akzent, dem gelegentlichen Abgleiten ins Italienische beim Beten und seiner ungewohnten Liedauswahl kommt er nicht ganz so gut an. Dabei ist er sehr freundlich, bezieht die Kinder auf eine sehr nette Art in den Gottesdienst mit ein und akzeptiert sogar Hunde in der Kirche.



Die Prozession mit der Figur der heiligen Anne, die wie immer von vier Frauen getragen wird, ist dieses Mal kurz und eher still. Kaum jemand kennt noch das Lied „Sainte Anne, ô bonne Mère”. Der Pfarrer kennt es nicht und die alten Damen und Herren, die bis dato immer treu mitgesungen haben, sind nicht mehr dabei. Ich teile es hier einmal, es ist sehr katholisch. Sie müssen es nicht anklicken.
Danach gibt es einen Apéro und schließlich das gemeinsame Essen – unter wolkenverhangenem Himmel, aber zum Glück regnet es nicht. Das Essen ist deutlich beliebter als die Prozession – so zahlreich waren wir noch nie. Siebzig Personen sitzen an den vielen aneinandergereihten Tischen. Wir essen zusammen, ein Nachbar spielt Musik bzw. ein Musikquiz über seine Anlage ab, man plaudert und es herrscht eine super nette Atmosphäre.


Danach wird alles wieder abgeräumt, wir spülen das Geschirr, schließen das Haus ab und fahren gegen 16 Uhr wieder nach unten. Zeit für eine ausführliche Sieste.
Um 18 Uhr gibt es bereits den nächsten Programmpunkt: Fahnenappell mit der Gendarmerie am Kriegerdenkmal. Alles ist dieses Mal sehr offiziell und reglementiert: das Ablesen der Namen am Kriegerdenkmal, das Ablegen der Blumengestecke in den Farben Blau, Weiß und Rot sowie das Absingen der Marseillaise. Danach folgt die Rede der Bürgermeisterin. Glücklicherweise haben zwei Regionalpolitiker abgesagt, deren traditionell nicht enden wollende Reden mir nicht fehlen. Die Bürgermeisterin schneidet auch das Thema der Auberge an, denn die Aubergistin, die gerade mal seit einem Jahr dort tätig ist, wird uns leider schon wieder am Ende der Saison verlassen. Das ist schade, denn auch wenn sie keine Sterneküche zauberte, war sie die erste Person, die es schaffte, nicht nur Touristen zu beherbergen, sondern auch das Dorf und seine Einwohner zu beleben. Es gibt jedoch unvereinbare Differenzen zwischen der Aubergistin und der Bürgermeisterin – und jede erzählt die Geschichte anders. Die Wahrheit liegt vielleicht, wie so oft, in der Mitte.
Es folgt ein erneuter Apéro, dann ziehen wir langsam auf den Platz um, wo das Abendessen stattfinden soll. Auch hier gibt es Rekordzahlen: 160 Personen sollen heute hier verköstigt werden – ein enormer logistischer Aufwand, selbst für das große Team, das das Fest organisiert.
Nur eine Handvoll Leute lebt derzeit ganzjährig im Dorf. „Wer sind denn all die Menschen, die hier auf dem Platz herumstehen? Die habe ich ja noch nie gesehen“, fragt eine seit ein paar Jahren in einem Häuschen in der Nähe des Dorfes lebende Neueinwohnerin fassungslos. Diese über hundert Menschen, die zum Fest anreisen und das Dorf fluten, befremden sie. Aber so ist es nun einmal. Beim Sommerfest im unteren Dorf merkt man, dass man auch nach zwanzig Jahren noch „fremd” ist – und das wird sich vermutlich auch nach fünfzig Jahren nicht ändern, auch wenn ich das nicht mehr erleben werde. Da kann man noch so viel Zeit im Dorf verbringen und sich noch so sehr als Teil der Gemeinschaft fühlen: Die anderen haben ihre Wurzeln hier, sind seit Generationen hier zu Hause – und so benehmen sie sich auch. Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, Nichten und Neffen sind angereist. Viele der jungen Erwachsenen habe ich als achtjähriges Rotzbengel kennengelernt. Was haben mich manche von ihnen genervt! Jetzt kommen sie mit ihrer Freundin und einem winzigen Baby im Arm ins Dorf ihrer Urgroßeltern und Großeltern und werden gefeiert. Die Plätze an den Tischen werden traditionell nach Familien vergeben. Die Neueinwohner des Dorfes kommen in der Regel an einen Extratisch, wenn man sie nicht komplett vergessen hat – wie mich und Monsieur. Man habe keine Anmeldung von mir bekommen, heißt es. Na, danke. Jetzt, so kurz vor knapp, ist es fast unmöglich, noch einen Platz an einem Familientisch zu bekommen. Monsieur meldet sich ab, da er vom Mittagessen noch satt ist. Ich versuche, alleine irgendwo unterzukommen, und finde einen Platz bei der Familie, mit der wir auch mittags schon zusammengesessen haben. Um 21 Uhr, als sie gerade mit dem Service des ersten Entrées beginnen, wird der Himmel plötzlich schwarz: Blitze, Donner und prasselnder Regen setzen ein. Alle springen auf und suchen Schutz unter Türvorsprüngen, Dächern und in Kellereingängen. Nach einer halben Stunde ist das Gewitter vorbei.

Wir wischen die Tische und Bänke ab und setzen uns wieder hin. Das Wetter bleibt jedoch unbeständig. Man bittet uns daher, mitanzupacken und Tische, Bänke und Stühle ins Zelt vor dem alten Schulhaus zu transportieren. Dort ist zwar weniger Platz, aber immerhin sitzt man im Trockenen. Für den Service wird es jedoch schwierig, da sie nun alles vom Platz durch den Regen nach unten tragen müssen. Zunächst schleppen wir jedoch in Windeseile Tische und Stühle und bauen sie im Festzelt wieder auf. Alle Tischreservierungen sind jedoch hinfällig, Familien werden getrennt und es findet ein Hauen und Stechen statt, um festzulegen, wer mit wem wo sitzen kann. Für mich ist leider kein Platz mehr, zumindest nicht bei der Familie, die mich eben noch beherbergt hatte. „Hier ist für meine Freundin reserviert”, schreit eine sonst reizende Dame und schießt mir böse Blicke zu. „Setz dich doch da hinten hin”, schlägt man mir vor. Die jungen Leute haben zwar noch einen Platz, aber sie sehen mich zweifelnd an. Ich habe auf die jungen Leute auch keine rechte Lust – immerhin verbringt man noch Stunden miteinander. Ich habe mich schon durch so viele Festabende mit Leuten, die ich nicht kannte, und schleppende Konversation gequält. Das muss heute nicht sein. Ich gehe also, zugegeben etwas resigniert, einfach nach Hause und mache mir ein Schinkenbrot.
Ich habe keine Ahnung, wie das Fest letzten Endes war. Die Vereinspräsidentin hat mir am nächsten Tag demonstrativ den Rücken zugedreht. Aus ihrer Sicht war ich vermutlich unsolidarisch. Erst habe ich sie bedrängt und wollte unbedingt irgendwo sitzen. Als es schwierig wurde, habe ich nicht teilgenommen. Nun gut. Vielleicht lässt sich das zu einem späteren Zeitpunkt etwas unaufgeregter klären.
Am Sonntag reisen wir ab, aber wir nehmen die letzten Veranstaltung nachmittags noch mit: Magali alias Clownin Bidouille, die ihre vierzigjährige Krankenhaus-Clown-Karriere beendet, gibt ihre letzte Veranstaltung in ihrem Heimatdorf. Dies ist jetzt eine richtige Kinderveranstaltung, aber trotzdem sehr spaßig und endet mit dem Öffnen eines riesigen Schirms, aus dem es zur Freude der Kinder Bonbons regnet.



So viel für heute und à bientôt!











