Freud und Leid des Berglebens

Diese Woche sind wir im Bergdorf, das eine Woche vor den Ferien wie ausgestorben ist. Nur der entretien espace vert, das ist der “Dorfgärtner”, der aber im Winter auch den Schnee räumt, der läuft mit seiner débroussailleuse, einer Motorsense, durchs Dorf und macht knatternden Lärm. Nein natürlich macht er sauber, je fais propre, sagt er, ob man das nicht sieht? Natürlich sieht man das, versichere ich ihm. Er mäht die dorfeigenen Wiesenstücke, das hohe Gras rund um die Parkplätze, ein Stück des zugewucherten Wanderwegs und die Straßenränder, damit es hier nicht wild aussieht, sondern eben sauber, zivilisiert. Vor langer Zeit war das mal mein Job hier in der Mairie, ich erinnere mich noch wie schwer die débroussailleuse war und wie ich sie einmal bis zur Mühle unten am Fluss tragen musste, um die Wiese für das Mühlenfest abzumähen. Abends kam ich kaum noch den Berg hinauf, irgendjemand kam mir mit einem Geländewagen entgegen und nahm mir das schwere Ding freundlicherweise ab, vielleicht durfte ich auch mitfahren, ich weiß es nicht mehr. Was ich alles gemacht habe vor noch fünfzehn Jahren, unfassbar. Heute hab ich Knie und Rücken. Vielleicht ist das auch kein Wunder. Egal, das wollte ich gar nicht erzählen, sondern vielmehr, dass wir bei schönstem Frühlingswetter in die Berge gefahren sind, unterwegs zum ersten Mal Halt in einem anderen Dorf gemacht haben, das sehr malerisch auf einem Berg liegt, und insbesondere die Schule ist dort sehr exponiert. Damals habe ich manchmal das kleine Mädchen vom Hof dorthin zur Schule gefahren, morgens und abends eine Dreiviertelstunde. Einige Familien im Tal wollten, dass diese kleine Schule erhalten bleibt, und dafür brauchte es, glaube ich, mindestens acht Kinder für die Einklassenschule, so dass manche Eltern eben den Weg dorthin in Kauf genommen haben. Wir hatten ja neulich diesen Schulfilm gesehen, Louise Violet, Sie erinnern sich, und Monsieurs Großmutter war später, nachdem die Schule in Les Tourres geschlossen wurde, als Lehrerin in diesem Dorf angestellt. Monsieur wollte die Schule und das Dorf sehen, er war noch nie dort gewesen, also fuhren wir diesmal nicht daran vorbei, sondern hinauf. In der Schule war aber noch Unterricht und das Tor verschlossen. Aber den Blick von da oben hatten wir trotzdem. Der Rosmarin blüht und der wilde Thymian wächst und blüht wie verrückt an den kahlen Felsen. Und es summte und brummte von Bienchen und der Kuckuck kuckuckte.

Es blüht überhaupt so lieblich unterwegs, ich freue mich so über die Apfel- und die Quittenblüte, über den Flieder, die Schlüsselblumen und die Traubenhyazinthen als ob es in Cannes nicht das ganze Jahr exotisch blühen würde.

Bei uns oben angekommen, öffne ich vergnügt Fenster und Türen, gehe in den Keller, um die Gasflasche aufzudrehen und mich trifft der Schlag, denn alles ist nass. Klitschnass. Als hätten wir ein Natursteinschwimmbad, na gut, es ist ein bisschen übertrieben, aber eine Wand ist nass, der gesamte Boden ist klitschnass, die unteren Stufen sind nass. Alles, was auf dem Boden stand und nicht in Plastik eingepackt war, ist entweder nass und verschimmelt, oder verrostet – konkret ist das Brennholz nass, dass wir extra zum trocknen reingeholt haben, die alten Gartenwerkzeuge sind verrostet. Es tropft leise und beständig aus einem Rohr-Verbindungsstück, was weiß ich wie das heißt, es hängt mit dem Cumulus zusammen, dem Warmwasserspeicher. Ich suche als erstes einen Eimer und drehe einen Lappen um das Rohr, von wo es plitscht und platscht, so dass es nicht mehr als erstes in die Wand fließt, sondern in den Eimer. Schöne Sache, nach knapp drei Stunden ist der Eimer voll. Ich rufe den Plombier an, hinterlasse, wie könnte es anders sein, eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, mache ein Video, dass ich dann dank des schwachen Internets nicht verschicken kann und schicke stattdessen eine Handvoll Fotos. Er meldet sich nicht. Es war zu erwarten, ich kenne ihn ja. Anderntags rufe ich erneut an, ich bin ein bisschen dringlicher auf dem Anrufbeantworter, denn in der Nacht war der Eimer übergelaufen, obwohl ich extra den größten, eigentlich ein dekorativer Kaminzubehör-Aufbewahrungseimer genommen habe, der dann so voll und schwer ist, dass ich ihn nicht mehr bewegen kann und das Wasser in die kleineren Eimer umfüllen musste, um es dann draußen auszuschütten. In der nächsten Nacht stelle ich den Eimer in den Wäschekorb, den ich mit einer Plastikfolie zusätzlich abdichte. Das klappte ganz gut, nur beim Ausleeren verschütte ich das Wasser wieder im Keller. Egal, es ist sowieso schon überall nass. Jeden Tag rufe ich den Plombier an, schicke erneut Fotos, beteure, dass ich nicht übertreibe, und er meldet sich nicht. Heute, am Donnerstag rufe ich rechtzeitig zum Arbeitsbeginn um zwei Minuten vor Acht an : Anrufbeantworter. Ich rufe zum Beginn der Mittagspause um zwei Minuten nach zwölf an: Anrufbeantworter. Ich versuche weiterhin freundlich aber dringlich rüberzukommen. Würde ich meinem Ärger mit deutscher Direktheit Luft machen, käme er gar nicht erst.

Gestern habe ich mich auf Instagram mit einer Deutschen, die vor drei Jahren nach Kanada ausgewandert ist, genau darüber ausgetauscht. Sie vermisst neben deutschen Freundinnen und ihrer Familie, vor allem die deutsche Direktheit. Man muss doch mal was ansprechen können, nur mit Höflichkeit und Komplimenten kommt man doch nicht weiter, ist ihre Ansicht. Nach fast zwanzig Jahren weiß ich, dass man mit deutscher Direktheit, zumindest in Frankreich, nirgendwohin kommt. Der deutsche Kasernenton der ehemaligen Besatzer ist nach wie vor verpönt. Ich vergewissere mich bei solchen Reklamationsfällen immer bei Monsieur, was ich sagen soll, wenn ich es ihm nicht gleich selbst überlasse. Der Gatte findet diesmal, ich müsse lernen, solche Dinge selbst zu regeln, für alle Fälle, nicht wahr. “Was soll ich denn noch machen?” frage ich heute vormittag dann verzweifelt. “Versuche P. anzurufen”, schlägt Monsieur vor, “vielleicht ist er noch da.” P., ein junger Mann aus dem Nachbardorf, für den ich neulich etwas für die deutsche Handwerkskammer übersetzt habe, weil er sich nämlich in Deutschland als Plombier und Elektriker selbständig machen will. P. ist nett und antwortet auch sofort, was für ein Glück, aber er ist bereits in Deutschland, und kann nicht mal eben vorbeikommen. Er schickt mir aber die Nummer eines Freundes, der vielleicht helfen kann. “Soll ich das machen?” frage ich Monsieur. Die französische Handwerker-Etikette ist ja so heikel. “Warte noch”, empfiehlt Monsieur mit seiner langjährigen Handwerkererfahrung. “Vielleicht morgen, wenn J. sich bis dahin nicht gemeldet hat.” “Aber morgen ist schon Freitag”, mache ich mir Sorgen, “dann ist Wochenende, dann kommt niemand mehr!” Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder, um halb zwei schickt der Plombier J. eine SMS, dass er in einer Stunde da sei. Hurrah! Er ist dann auch wirklich da, ich bin überglücklich und erleichtert und sage auch, “wie toll, dass Sie da sind!” und nicht etwa, “Wurde aber auch Zeit!” oder “Rufen Sie doch mal zurück, Herrgott noch mal”. Er besieht sich den Schaden. Ich lasse ihn in Ruhe schrauben und machen und dies und das. Es ist wohl wirklich nur dieser kleine Dichtungsring gewesen, der nicht mehr dicht halten wollte. Uff!

Gestern war es hier noch wunderbar sonnig, wenn auch deutlich kühler als an der Küste, heute bewölkt und neun Grad. Schnee ist angesagt, man mag es nicht glauben, aber der Berg gegenüber ist auch schon nicht mehr zu sehen. Wenn es jetzt auf die Quitten- und Apfelblüte schneit, dann haben wir später im Jahr keine Quitten oder Äpfel, oder nur sehr wenige. Diesen Zusammenhang habe ich auf dem Hof zum ersten Mal so richtig verstanden, früher war das für mich sehr abstrakt mit dem Obst und dem Gemüse und auch mit dem, was wann Saison hat. Ich habe auch nicht gewusst, dass es mehrere Sorten Kartoffeln gibt, oder sagen wir, irgendwie wusste ich das schon, aber dass es so viele Sorten gibt! Und was die einzelnen Sorten, jenseits von fest- und mehligkochend ausmacht, das war mir zu hoch. Aber welch schöne Namen sie alle haben! Ich habe damals, als ich noch in der Cooperative gearbeitet habe und wir Saatkartoffeln bekommen haben, das Schaufenster bunt mit all den Frauennamen der Kartoffelsorten bemalt und schrieb: “Welche Freude, Amandine, Annabelle, Mona Lisa, Agate, Rosabelle und Charlotte sind da!” Ich fand das so charmant, aber im Dorf verstand man meine Kartoffelpoesie nicht. “Saatkartoffeln sind da” hätte genügt.

Gegen 19 Uhr schneit es tatsächlich. Der Wind wirbelt ein paar Flöckchen hin und her, sie werden dicker und dichter vor den noch zarten und hellgrünen Blättchen der Laubbäume, während ich nach draußen schaue, mal sehen, was daraus wird, und ob der Schnee liegenbleibt. Ob der Kuckuck auch bei Schnee kuckuckt? Monsieur hat das Auto nach unten an die Straße gefahren, damit wir im Zweifelsfall nicht blockiert sind. Ich mache Feuer im Kaminofen an, koche uns Tee, im Brotkasten habe ich noch einen kleinen Dresdner Christstollen gefunden, er schmeckt wie am ersten Tag und passt hervorragend zum Tee und zum Wetter. Der Wind bewegt die Bäume und lärmt, ein dunkles Brummen. Ansonsten ist es draußen jetzt still. Die debroussailleuse schweigt bei diesem Wetter, wir haben hier oben weder Radio noch Fernseher, Monsieur heimwerkt gerade mal nicht, sondern liest, und nur in meinem Kopf ist es noch laut, aber ich spüre, dass die äußere Stille auch dieses ewige Geratter im Kopf beruhigt. Heute habe ich eine Meditation gehört, die hieß “Die Stille des Berges”. Sie hat mir so gut getan, dass ich dabei eingeschlafen bin.

Jetzt ist es 22 Uhr, es stürmt wie verrückt, eben gerade Stromausfall und kein Internet. Der PC blieb hängen und nach dem Neustart sieht hier alles irgendwie anders aus. Upsi.

Im Zusammenhang mit der Dorfschule ist mir der Film “Etre et Avoir” wieder eingefallen, ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen? Ich habe ihn komplett aber (nur) mit englischen Untertiteln gefunden, ich weiß nicht, ob er in Ihrem Land zugelassen ist? So ähnlich ist das hier bei uns, das Ländliche und die Schule, nur dass es keinen Schulbus gibt, und alle Eltern ihre Kinder (manchmal mit Fahrgemeinschaften) zur Schule fahren.

So viel für heute. Jetzt gehe ich ins Bett. Mal schauen wie es hier morgen früh aussieht. Bonne nuit!

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Frida Kahlo in Baden Baden

Ich hatte gesehen, dass es in Baden Baden, das auf unserem Weg lag, eine Frida Kahlo-Ausstellung gab. Das Navi führte uns in ein abgelegenes Industriegebiet, hier sollte das Kunstmuseum Gehrke-Remund sein. Immerhin gab es einen Parkplatz für “Frida Kahlo” und an einer Tür des alten Industriegebäudes hing ein Plakat, sonst hätte ich geglaubt, wir hätten uns verirrt.

Im ersten Stock lief in einem improvisierten Kino ein sehr schöner und informativer etwa einstündiger Film über das Leben und die Kunst von Frida Kahlo, dank dem ich zum ersten Mal auch die für mich weniger zugänglichen Selbstporträts verstand. So eingestimmt, öffneten wir die Tür zur Ausstellung und fanden uns plötzlich in Mexiko wieder.

Wir entdeckten Fridas bunte und lebendige Welt – in einer Fabriketage ist das Innere ihres mexikanischen blauen Hauses nachempfunden. Ihre Zimmer, ihr Bett, der Garten, die Staffelei – dazwischen Kleider, Schmuck, Geschirr, Bücher … man wandelt durch ihre Haus, sieht, hört, staunt: Die Wände sind bedeckt mit Fotografien und mit ihren Bildern, etwa 130 sind es, es dauerte einen Moment, bis ich es verstand, ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man die Originale von Frida Kahlo hier sehen kann, so ungesichert in diesem etwas alternativen Rahmen, aber natürlich sind alles Kopien, “Repliken” werden sie hier genannt (falls Sie sich für den Unterschied von Kopien, Repliken oder Faksimilie interessieren, dann finden Sie das hier, bitte gerne): mit den gleichen Materialen auf dem gleichen Untergrund und in der Originalgröße gemalt von ausgewählten chinesischen Künstlern.

Aus Frida Kahlos Votivbilder-Sammlung

Hätten wir vor dem Film oder zumindest zwischen Film und Ausstellung gemütlich einen Kaffee und vielleicht auch ein Stück Kuchen zu uns nehmen können (ich hatte mir ein “klassisches” Museum mit angeschlossenem Museumscafé vorgestellt), hätten wir sicher mehr Zeit dort verbracht. So liefen wir etwas müde (von der Fahrt und vom Film) und auch hungrig durch die mexikanisch angehauchte Welt und entdeckten in gewisser Weise, was wir gerade im Film gesehen hatten. (Am Ende des Rundgangs hätte man eine Tasse Kaffee und einen Schokoriegel bekommen können, aber es war nicht so richtig das, was wir uns vorgestellt haben.)

Das ist nicht der Film, den wir gesehen haben, den habe ich leider nicht gefunden, aber er ist (auch) eine gute Einführung.

Kaffee und Kuchen nahmen wir dann später in einem Café am Kurpark von Baden Baden zu uns. Und mit uns gefühlt Tausende, die wie wir in die warme Nachmittagssonne blinzelten.

Damit ging der kleine Wochenendausflug zu Ende. Schön wars!

PS: Ich habe im letzten Zeit Magazin die Kolumne von Martenstein zum Semikolon gelesen, dort geht es auch um seine persönliche Doppelpunktphase – ich die ich jetzt, wie Sie vielleicht gemerkt haben, auch gerutscht bin. Wie konnte ich all die Jahre Texte ganz ohne Doppelpunkt schreiben?

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Ein Wochenende in Straßburg

Der kleine Wochenendausflug nach Straßburg (ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter) ist zwar schon ein paar Wochen her, soll hier aber dennoch erwähnt werden, zur Erinnerung und auch, weil mir Straßburg so gut gefallen hat. Eigentlich kann ich es nicht glauben, dass ich selbst noch nie in Straßburg gewesen sein sollte, aber ich hatte keinerlei Erinnerungen an irgendwelche Besuche, und auch als wir dort waren, gab es keine “Flashbacks”, kein “ach doch!” oder “jetzt, ja!”. Straßburg wurde also komplett neu entdeckt. Zumindest von mir. Und um es vorweg zu nehmen, ich war sehr begeistert: eine junge Stadt, nette alternative Läden, sehr freundliche Menschen, nicht nur im Hotel, sondern auch unterwegs, die einem sogar ihr Lieblingsrestaurant nennen (naja, vielleicht muss man Französisch sprechen können) – gerne wieder!

Wir fuhren mit dem Auto, ich hatte einen niedlichen Fiat 500 gemietet und auch bekommen, das war gut so, denn damit war ich im fremden Stadt- und Straßenverkehr nicht überfordert. Die Altstadt von Straßburg ist zwar weitestgehend verkehrsberuhigt, aber zum kleinen Hotel durften wir vorfahren, wir kreisten allerdings, trotz Navi, mehrfach herum bis wir es fanden. Dabei liegt es gleich hinter der Kathedrale, absolut zentral und dennoch (fast) ruhig.

Ein kleines altes Haus mit Aufzug (ein paar Stufen gibt es aber dennoch zu überwinden), die Zimmer und Bäder sind für deutsche Verhältnisse winzig, für französische normal, das Frühstück im angeschlossenen Café ist hervorragend, es gab täglich einen fantastischen Gugelhupf, un kouglof in bestem Elsässisch, von einem besonderen Bäcker und Patissier, den ich dann auch mehrfach als Mitbringsel in den Süden Frankreichs importierte, nein, nicht den Bäcker, den kouglof natürlich. Am besten aber war der charmante und liebenswerte Service. Und das in einer touristischen Stadt, in der man nicht nur gefühlt den Touristen täglich alles zigfach erklären muss: die besten Restaurants (und hier bekommen Sie wirklich gute Tipps!), den Weg zum Parkhaus, und dies und das. Den Weg zum Straßburger Münster, das in Frankreich nur la cathédrale genannt wird, muss man nicht erklären, man sieht es bzw. sie von den Zimmern aus, es ist nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt.

Vor und um die Kathedrale ist natürlich alles los: dünn bekleidete Mädchen tanzen vor einer Kamera eine Formation vermutlich für TikTok, Menschen stehen Schlange am Eingang zur Kathedrale, andere für den Aufstieg auf den Turm (Turmbesteigungen mit über hundert Stufen sind für mich leider nicht mehr drin), eine Blaskapelle spielte dort, und während des Wochenendes immer wieder, es dröhnte bis in unsere Zimmer, und ich war froh, dass ich mich nicht für das Hotel direkt gegenüber der Kathedrale entschieden habe.

Junggesellinenabschiedsgrüppchen sind unterwegs, ein paar Bettler hängen und liegen und das Touristenzüglein kurvt herum, und immer wieder marschiert eine Militärformation vorbei, junge Menschen mit unbewegtem, strengem Blick und Gewehr im Anschlag. Und alle anderen machen Fotos von der eintürmigen Kathedrale oder versuchen sich in Selfies davor.

Besonders schön waren die Seifenblasen, die ein Mann an der Seite der Kathedrale in den Wind blies.

Wir waren natürlich auch in der Kathedrale und haben uns auch die Astronomische Uhr angeschaut.

Am nächsten Tag schlenderten wir durch die schöne Altstadt, guckten Schaufenster, entdeckten einen Flohmarkt …

… und tranken Kaffee im Café Kammerzell, dem ältesten Haus am Platz, wo wir uns unter die Prominenten mischten (die Wände sind voll mit Fotos und Autogrammen von SchauspielerInnen, PolitikerInnen und anderen VIPs), die wahrscheinlich im Restaurant darüber die berühmte Choucroute aux Poissons (Sauerkraut mit Fisch!) gegessen haben.

Nachmittags besuchten wir das Palais Rohan, das heute drei Museen beherbergt, besichtigten das Kunstgewerbemuseum und die Räume, in denen einst der Fürstbischof von Straßburg residierte, und ließen uns in die Zeit der Monarchie zurückversetzen.

Abends waren wir doch ein bisschen müde gelaufen, aber das Licht war ganz wunderbar und es war gar nicht kalt, so dass wir vor dem Restaurant noch bis zur Ill gelaufen sind! Wie schön war es da! Und wurde mit jeder Minute schöner!

Überhaupt hatten wir Glück mit dem Wetter. Anfang März gab es einen Kälteeinbruch und Regen im Süden Frankreichs, aber in Straßburg war es sehr frühlingshaft!

Und schon ging es wieder zurück, aber unterwegs machten wir noch einen Halt in Baden-Baden, das wird aber ein eigener Artikel!

… wird fortgesetzt!

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Anschwimmen!

Gestern war es endlich soweit! Wir waren zum ersten Mal in diesem Jahr im Meer schwimmen! Wir sind mit Pullover und Jacke, aber auch mit Badeanzug und Sonnencreme an den Strand gegangen. Pullover und Jacke waren sofort viel zu warm, und nach einer Viertelstunde in der Sonne war ich schon bereit, ins Meer zu springen. Immer wieder werde ich gefragt, ab wann das Meer Badetemperatur hat – ich antworte dann: “Kommt drauf an”. Theoretisch finde ich 15 Grad kühles Meerwasser auch nicht so verlockend, aber es fühlt sich schon ganz anders an, wenn man von der Sonne schon ziemlich durchgebraten ist und eine Abkühlung dringend nötig hat. Ich wusste vorher auch nicht, wie weit ich reingehen würde und ja, es ist schon kühl, wenn man reinkommt, aber einmal drin, war es wunderbar und ich schwamm lange und munter wie ein Fisch.

Anschließend erstes Essen in einem Strandrestaurant. Das Essen war eher durchschnittlich gut, dafür aber überdurchschnittlich teuer, wurde aber durch das Ambiente, das man eben mitbezahlt, aufgewertet. Es ist einfach schön, auf einer sonnigen (oder schattigen) Terrasse am Strand zu essen, mit Blick auf das Meer und die Segelboote.

Den Rest des Tages hatte ich aber Muskelkater und abends leichte Halsschmerzen, so dass ich noch ein heißes Bad genommen habe, danach ging es mir wieder gut. Muskelkater weg, Halsschmerzen weg.

Gestern haben wir auch den Innenhof saubergemacht und heute früh das Sonnensegel dort angebracht, es hängt noch etwas dilettantisch und provisorisch und wirft den Schatten nicht unbedingt dahin, wo wir ihn haben wollen, aber das Balancieren auf Mäuerchen und zu kurzen Leitern hat uns irgendwann gereicht; in den letzten Jahren hat uns der akrobatisch veranlagte Enkel geholfen, aber der ist auf absehbare Zeit nicht greifbar, also helfen sich die Senioren eben selbst. Und so haben wir einfach den Tisch in den Schatten geschoben. Das tat dem Mittagessen im Freien keinen Abbruch, auch das eine Premiere in diesem Jahr. Die Sommersaison ist eröffnet!

Ich höre derzeit Bel Ami von Guy de Maupassant, gelesen von Christoph Bantzer. Er liest aus einer vermutlich österreichischen Übersetzung, von wem ist nicht bekannt, aber es ist von Fiakern, Jausen und “a Hetz” (also “Spaß”) die Rede. Es passt schon. Ich höre ihm gerne zu und auch das Französische liest er sehr schön, nur einmal macht er aus dem französischen Menton (sprich in etwa “Moohnton”) ein italienischen Mentone (gesprochen “Mentohne”), aber es liegt ja auch an der italienischen Grenze, das kann schon passieren. Ansonsten mag ich es. Auch wenn ich den schönen Georges Duroy, genannt Bel Ami nervig finde; es ist übrigens unverkennbar, dass Thomas Mann sich für Felix Krull von ihm hat inspirieren lassen. Ich fühle mich auch nicht allzuweit entfernt vom Radetzkymarsch, den ich mir gerade von Michael Heltau habe vorlesen lassen: großartig! Natürlich kann das nur ein Österreicher richtig vorlesen. Ich habe mich nicht eine Sekunde gelangweilt in der doch sehr episch und langsam erzählten Familiengeschichte der von Trottas, und des tristen Schicksals Carl Josephs, dem “Enkel des Helden von Solferino”. Aber was für ein melancholisches und endzeitliches Buch. Wie heiter und und ausschweifend geht es hingegen bei Maupassant in Paris zu.

So viel für heute. Ich bleibe weiterhin in der Zeit: Im Fernsehen kommt heute Abend “Eiffel”. Bonne soirée!

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12 von 12 im April 2024

Heute ist der 12. des Monats und ich mache 12 Fotos von meinem Tag. Das ist eine andere Tagebuch-Blogger-Aktion, dieses Mal betreut von Caro vom Blog Draußen nur Kännchen. Wissen Sie natürlich alles schon.

Ich habe heute erstaunlich viele Fotos gemacht, ich beschränke mich aber auf 12!

Daher bekommen Sie heute kein Foto aus dem Schlafzimmerfenster und keines vom Fahrradfahren auf der Stelle, bei dem ich jetzt Guy de Maupassant höre, sondern meinen Frühstückskaffee, den ich am Esstisch eingenommen habe und den Blick von dort aus dem Fenster. Ich sah befremdet, wie die große Yucca-Palme im Nachbargarten sich stark bewegte, war es so windig? Aber dann fielen Teile der Palme zu Boden und ich entdeckte den Gärtner darin, der sie stutzte. Heute Abend sind von den zwei Yucca-Palmen nur noch zwei stark zurückgeschnittene Stümpfe übrig geblieben. Aber die wachsen hier wie Unkraut, spätestens nächstes Jahr sind sie wieder genauso üppig da.

Suchbild mit Gärtner

Dann hat mich Monsieur zu seiner Sekretärin auserkoren, wir erledigen Dinge fürs Finanzamt und noch dies und das: alles geht nur noch übers Internet, dafür hat er keinen Nerv mehr, also machen wir es zusammen. Symbolbild: die französischer AZERTY-Tastatur. Danach große Befriedigung drei schwierige und lange vor uns hergschobene Dinge vollbracht zu haben!

Monsieur geht Brot, Käse und Nachtisch kaufen, ich bereite ein Pesto aus Kapern zu. Ich hatte in Salz eingelegte Kapern vom Urlaub aus Lipari mitgebracht, erst vor kurzem habe ich gewagt, sie zu öffnen; man muss sie vor dem Zubereiten entsalzen, und sie haben dann einen ganz anderen Geschmack, als den, den man hier gemeinhin von eingelegten Kapern kennt! Seither werfe ich immer mal eine kleine Menge davon ans Essen, und ich habe bereits einmal ein Pesto daraus gemacht: Es ist super einfach (vorausgesetzt man hat einen Mixer, der tut, was sein Name verspricht, ich habe heute zum Schluss alles mit einem Wiegemesser gehackt, weil der Mixer unfähig ist und daher vermutlich bald das Haus verlässt) und sehr lecker. Man mixt entsalzene Kapern mit etwas gemahlenen Mandeln, gerebeltem Oregano, einer gepressten Knoblauchzehe und bestem Olivenöl zusammen, und das wars. Mit der Salzzugabe sehr vorsichtig sein, je nachdem wie viel oder wenig die Kapern entsalzen sind, ist es auch ohne weitere Zugabe von Salz würzig genug. Voilà, man gibt es zu den Nudeln (in unserem Fall Spaghetti) wie jedes andere Pesto auch.

Beinahe habe ich vergessen, ein Foto vom Mittagessen (zusammen mit H.) zu machen, es gab: Pâté und/oder rohe Artischocke als Vorspeise, Spaghetti mit Kapernpesto und geriebenem Parmesan, danach eine kleine Käseauswahl, und zum Nachtisch frische Erdbeeren, diesmal hat sie der Gatte gekauft, und siehe da, sie waren gut!

Kurze Sieste.

Danach geht der Gatte zum Bridge und ich habe einen Termin beim Podologen, der sich, wie schon letzte Woche, um meinen wehen kleinen Fußzeh kümmert. Nachdem ich mir neulich beim Nägelschneiden so sehr den kleinen Zeh massakriert habe (die Zehennägel sind so weit weg für meine kurzsichtigen Augen, dass ich da so auf gut Glück herumknipse), gehe ich jetzt wohl auch zukünftig regelmäßig zur Fußpflege. Fußpflege! Himmel! Das war für mich ja so ein alte-Damen-Ding. Die beiden Fräuleins meiner Ausbildungsbuchhandlung hatten immer Termine bei der Fußpflege. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was man dort macht oder gemacht bekommt. Die Fräuleins waren damals etwa so alt wie ich heute. Irgendwann ist es soweit, unbemerkt ist man alte Dame geworden und geht zur Fußpflege. Der junge Mann, der sich meinen Füßen annimmt, ist super nett, sanft und schnell. So fix geht alles, dass ich nichtmal ein Wartezimmerfoto machen kann. Also bekommen Sie den kleinen Fußzeh mit dem Nachmittagskaffee auf dem Balkon. Heute war es hier erstmals so warm und sonnig wie man sich das für Südfrankreich im Frühling gemeinhin vorstellt. Aber nach einer Viertelstunde Sonne auf dem Balkon, war es mir schon zu viel.

Derzeit bin ich beglückt, wie sehr es in unserem Vorgärtchen duftet und blüht! Allein, es will keine Biene kommen. Immerhin hat der Nachbar welche an seinem arbre de judée.

Ich habe vergessen, auf dem Rückweg vom Podologen ein Paket in einem sogenannten Point Relais abzuholen. DPD und UPS sind so Spezialisten, die einem die Lieferung eines Pakets ankündigen, am Tag der Lieferung, an dem ich bewusst zuhause bleibe, dann aber kurzfristig melden, dass es ihnen schrecklich leid täte, aber das Paket käme doch erst am nächsten Tag. Am nächsten Tag dann erneute Nachricht, dass das Paket zwischen 9 Und 12 kommen wird, und gegen 12 erhalte ich die Nachricht, dass das Paket in einem Point Relais angekommen sei. Super. Gut, dass ich mich schon kaum noch aufrege. Der Point Relais X ist dann auch nie der, den ich freiwillig gewählt hätte, weil weit weg, besch*** Öffnungszeiten und parken kann man auch nirgends. Jetzt will ich nicht nochmal aus dem Haus, weil ich gerade so einen schönen und nahe gelegenen Parkplatz gefunden habe, den ich freitagsnachmittags ungern noch einmal aufgebe. Außerdem will ein Mieter vorbeikommen, um etwas abzuholen.

Gestern habe ich neue leichte Vorhänge fürs Schlafzimmer gekauft, die alten, die wir immerhin zehn Jahre lang ertragen haben, waren von Anfang an nicht lang genug (wir haben hohe Altbaudecken), ich fand sie aber seinerzeit so toll, dass ich sie trotzdem gekauft hatte, und dachte, wird schon gehen. Naja. Irgendwie gings natürlich. Man gewöhnt sich an alles. Aber jetzt waren sie an zwei Stellen schon eingerissen und sogar Monsieur wollte neue Vorhänge haben. Ich trödelte ein bisschen herum, vermutlich kommt der Mieter gerade dann, wenn ich auf der alten hölzernen Bibliotheksleiter stehe, dachte ich, aber irgendwann hänge ich die alten Vorhänge entschlossen ab und die neuen auf (sieht weniger schick aus, als im Laden, in dem sie dekoriert waren, aber vermutlich liegt es an unserem Schlafzimmer, das eben nicht kühl, minimalistisch und schick ist, sondern altmodisch und vollgestopft). Ich werfe dabei einen Blick auf den Schrank und mich trifft der Schlag. Da liegt eine bestimmt ein Zentimeter hohe geschlossene Staubdecke. Ich entstaube hustend, dann mache ich auch die dahinterliegenden Heizungsrohre sauber, letzten Endes mache ich so weiter mit dem Rest der unter Decke befindlichen Rohre und mit den Tür- und Bilderrahmen und was man alles so entdeckt, wenn man mal auf der Leiter steht. Der Mieter ist dann auch nicht gekommen.

Anschließend lege ich Wäsche zusammen.

Dann beantworte ich eine Mail und telefoniere ein bisschen mit meiner Mutter. Schließlich fange ich an hier zu tippen, als ich schon wieder das laute Gekrächze eines Frosches höre. Das gab es hier kürzlich schon einmal, und ich hielt das laute und tiefe Krächzen zunächst für eine Krähe auf der Mauer, aber es war ein kleines grünes Fröschlein, das sich aus dem Park nebenan hierher verhüpft hatte und alleine nicht mehr über die Mauer kam. Und heute schon wieder. Ich konnte ihn aber retten und in den Park zu seinen dort gerade ohrenbetäubend herumquakenden Freunden umsiedeln.

Es gab dann noch Abendessen (Reste vom Mittag) und ich habe “Wir sind dann wohl die Angehörigen” auf arte gesehen. So viel für heute. Danke fürs Lesen und Anschauen. Die anderen 12 von 12er (viele! ich bin die 111te) finden Sie wie immer bei Caro Kännchen!

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Cannes Series 2024

Anders als das zunehmend unzugängliche Filmfestival, das in jedem Mai in Cannes stattfindet: es wurden dieses Jahr erneut 5000 Akkreditionen für das “cinéphile” Publikum, also vor allem Menschen aus Cannes, die das Trallala, das vor ihrer Haustür stattfindet, auch gerne miterleben möchten, aber nicht im Filmbusiness tätig sind, gestrichen (ich hoffe, Sie können mir folgen, ich habe zunehmend Schwierigkeiten das Verb im Satz nach hinten zu stellen) -, also anders als diese zunehmend geschlossene Veranstaltung, ist das relativ neue Cannes Series-Festival noch offen für “uns”. Dank der AFA, dem deutsch-französischen Verein im südlichen Osten Frankreichs, kam ich dieses Jahr wieder unkompliziert an eine Karte, um eine neue deutsche Serie anzusehen, von der uns zwei erste Episoden gezeigt wurden.

Pinker Lippenstift und verwaschenes Blau. Das Outfit farblich abgestimmt dieses Jahr!

The Zweiflers. Eine jüdische Familiengeschichte rund um einen Feinkostladen im Frankfurter Bahnhofsviertel, den der alt gewordene und herzkranke Patriarch verkaufen möchte – oder nicht. Es geht um die Frage und den Konflikt, ob man Traditionen weiterführen muss, damit die Familie, die so viel Leid erlebt und überlebt hat, nicht auseinanderfällt, oder ob die Enkelgeneration davon losgelöst ein anderes Leben führen darf und kann.

Das jüdische Thema ist ja meines, und Frankfurt ist in gewisser Weise meine hometown, da war ich auf der Buchhändlerschule und dort, in zwei mal drei Monaten Berufsschulinternat, sind mir meine ersten Freiheitsflügel gewachsen. Danach bin ich von zuhause ausgezogen und das Erwachsenenleben, das damals noch so verheißungsvoll aussah, begann. Ich hänge mit einer großen Nostalgie an dieser Stadt, auch wenn ich selten dort bin, noch seltener als in Darmstadt, und auch wenn das Bahnhofsviertel damals schon dreckig und kriminell war. Diese Serie ist also für mich, dachte ich, aber in der ersten Episode bin ich fast ausgestiegen, dieses nuschelige neu-Deutsch der Szene, ultracoole junge Menschen die sich nachts durch schlecht beleuchtete Hinterhöfe und Treppenhäuser (hier zunächst Berlin, sieht aber später in Frankfurt genauso aus) zu angesagten Geheimtipp-Locations durchschlagen, verstehe ich nicht mehr, und es hat nicht nur damit zu tun, dass sich dabei alle ständig Essen in den Mund stopfen. Es geht auch ums (gute) Essen in dieser Serie, allerdings bis hin zur Unerträglichkeit möchte ich sagen, Fische werden getötet, Fleisch wird durch den Fleischwolf gedreht, und im Vorspann werden rohe Zutaten geschnitten, vermischt, gerührt und gekocht, die Kamera geht fast rein in den blubbernden Brei, der vermutlich zur Rindswurst wird, und es sieht nicht besonders appetitlich aus.

Aber in der zweiten Episode landen wir dann im Feinkostladen mit angeschlossenem Restaurant und bei den jüdischen Großeltern und Eltern. Hier wird viel Jiddisch ins Deutsche gemischt, und auch wenn das Leben gesetzter und mir daher vertrauter ist, verstehe ich die Dialoge weiterhin nur dank der französischen Untertitel.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich so viele französische Krimis angesehen habe, die deutlich brutaler und politisch unkorrekter sind als deutsche, aber wenn ich heute deutsche Krimis sehe, finde ich die “Bösen” meist lächerlich zahm und unglaubwürdig. So geht es mir hier auch mit dem “Juden-Siggi”, ein übler Kerl aus dem Frankfurter Rotlichtmilieu, der den Großvater und dessen Bruder seinerzeit gerettet (oder versteckt) hat, so genau erfährt man das noch nicht, und der jetzt, frisch raus aus dem Knast, den Großvater erpresst mit der Verpflichtung auf ewige Dankbarkeit, aber auch für irgendetwas, was Symcha Zweifler in den Nachkriegswirren Unrechtes getan haben mag. Martin Wuttke kann das sonst besser finde ich, aber vielleicht liegt es auch nur an mir.

Die zwei Episoden der Serie, die wir sehen konnten, sind schräg, manchmal komisch, manchmal rührend und immer auch bitter, zumindest finde ich das. Ich selbst kenne keine jüdische Familie “von innen”, aber ich habe eine zeitlang gern Lily Brett gelesen, die Geschichten der und über die Großeltern und Eltern ähneln sich, insofern mag diese in der Serie dargestellte Familie doch keine Karikatur sein, sondern einfach der normale neurotische Wahnsinn der knapp dem Holocaust entronnenen jüdischen Menschen, die mit all dem Grauen und den Gespenstern der Toten weiterleben, gerade deswegen eine Familie gründen, stets und ständig zusammenglucken und auf Traditionen pochen, und die Enkelgeneration hängt immer noch mit drin.

Es gab viel und langen Applaus. Die Serie ist gut angekommen, und natürlich will ich sie auch zu Ende sehen und warte nun sehnlichst darauf, dass sie irgendwo ausgestrahlt wird.

Und schon wird der Teppich für die nächste Serie vorbereitet. Nach der Serie ist vor der Serie …

The show goes on
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WmdedgT April 2024

Gestern habe ich es nicht mehr geschafft, zu Ende zu schreiben, und heute auch gleich nicht mehr. Wie machen das die Damen und Herren, die jeden Tag schreiben? Was für geordnete Verhältnisse herrschen da? Oder ist es nur Disziplin?

Was habe ich also gestern den ganzen Tag gemacht, fragte Frau Brüllen, wie jeden 5. des Monats. Sie kennen das schon. Ich weiß gar nicht, ob ich mich da einen Tag später noch dazulinken darf.

Ich schlief lange, beeile mich dann mit dem Kaffee trinken und dem Duschen, denn wir warten auf den Installateur, le plombier, der sich für heute Vormittag angesagt hat, denn die Waschmaschine zickt ein bisschen herum. WANN er jedoch kommt, das hat er nicht gesagt, der Vormittag ist lang. Monsieur, der untätiges Herumwarten nicht ertragen kann, und der, das muss man bei allem immer dazu sagen, bis vor nicht allzu langer Zeit solche Reparaturen selbst ausgeführt hat, nur jetzt ist es ihm zu mühsam geworden, sich an wenig zugänglichen Orten zu verrenken oder sich gar auf den Boden zu legen und über Kopf etwas zu schrauben, Monsieur ist quasi diplomierter Heimwerker, und da er das Warten hasst, wer weiß, vielleicht kommt der plombier auch gar nicht, das ist ja hier nie so sicher, greift er jetzt also beherzt selbst zum alten Wasserhahn. Er dreht daran herum. “Der geht doch noch”, herrscht er mich an. “Ich habe nie gesagt, dass der Wasserhahn nicht gehe”, sage ich zu meiner Verteidigung, “ich habe immer nur gesagt, es kommt kein Wasser mehr in der Waschmaschine an!” Die Schlussfolgerung, dass es der Wasserhahn sei, kam von ihm. Das mit ohne Wasser in der Waschmaschine will der Gatte jetzt sehen. Ich werfe also zwei Badezimmerteppiche in die Trommel und stelle das kürzestmögliche Programm an. In der Tat, die Maschine brummt, aber es läuft so gut wie kein Wasser zu. Wir ziehen die Waschmaschine so weit vor wie es geht und werfen einen Blick dahinter. “Vielleicht ist es der Schlauch”, meint Monsieur jetzt, denn der ist abgeknickt, alt ist er auch. Er will sofort losfahren, einen neuen Schlauch kaufen, sucht aber erst noch im Keller. Dort haben wir alles gehortet, was Sie sich auch nur im Entferntesten vorstellen können, wir sind für alle Eventualitäten gerüstet (falls Sie meine letzte Kolumne im Frankreichmagazin gelesen haben, dann wissen Sie das schon), und bestimmt haben wir auch irgendwo einen alten Schlauch, der aber dennoch besser ist als der hier.

Während er noch im Keller wühlt, ruft der plombier an, er käme jetzt gleich. Na gut. Ich stoppe die Waschmaschine und lasse das ohnehin nur wenige Wasser ab. Fünf Minuten später ist er da: ein junger Mann mit tätowierten Waden, in der Hand hält er nur einen kleinen Wasserhahn und eine Rohrzange. Er klettert als erstes auf den Stuhl und dann auf die Arbeitsplatte, denn der Haupthahn ist bizarrerweise weit oben, kurz unter der Decke, aber er ist alt und gebrechlich, man muss ihn vorsichtig bewegen, der Gatte sieht mit Misstrauen die rohe Kraft des jungen Mannes, der daran rüttelt, um ihn zu bewegen. Der Wasserhahn in der Wand ist auch alt, der junge Mann bemerkt es abfällig, vor allem aber gibt er keinen Millimeter nach. Er müsse eine größere Zange holen, murmelt er, und verschwindet. Monsieur schüttelt den Kopf. Der Kerl scheint keine Leuchte zu sein und kommt ganz ohne Werkzeug, so was! Er macht sich vor allem Sorgen, dass der junge Mann die alten Rohre in der Wand beschädigt und dann haben wir den Salat. In der Zwischenzeit bauen wir ein Regal ab, räumen es teilweise aus und ziehen die Waschmaschine aus ihrer Ecke, so dass der Zugang zum Hahn leichter ist, weniger Akrobatik verlangt und vielleicht mehr Gefühl zulässt. Ich mache hinter der Waschmaschine sauber, man fragt sich, wie der ganze Dreck dahinkommt, und reinige auch die Regalbretter und das, was drauf stand.

Mit der größeren Zange bewegt sich der alte Hahn und irgendwann kriegt der junge Mann ihn los. Er macht ihn sauber und zieht ein paar nasse Hanffäden aus der Wand, die man seinerzeit zum Abdichten verwendet hat. So was nimmt er heute nicht mehr, sagt er angewidert, er hat einen Kleber! Den er jetzt auch einsetzt. Monsieur betrachtet es mit Misstrauen. Der Kleber aber will nicht aus der Flasche kommen. Er habe auch Teflonband, schlägt Monsieur vor, aber nein, das Dichtungsmittel des modernen Plombier ist der Kleber. Irgendwann tropft er auch aus der Flasche und wird auf das Gewinde gegeben. Das Gewinde des neuen Wasserhahns aber ist nicht mehr ganz so lang, der junge Mann dreht und dreht, der Hahn verschwindet fast in der Wand. “STOPP! STOPP! Hören Sie auf, Sie werden mir das Rohr in der Wand beschädigen”, ruft verzweifelt Monsieur, “das ist ein altes Haus!” Es ist vor allem sein Haus und er kennt alle Schwächen der bestehenden Installation. “Monsieur!” sagt streng der junge Mann, “lassen Sie mich meine Arbeit machen. Ich weiß, was ich tue”, und er dreht noch einmal mit Gewalt den Wasserhahn eine halbe Drehung in die Wand. Monsieur schluckt. Jetzt aber ist es gut. Oder nein, doch nicht, der Wasserhahn leckt, noch mal eine Vierteldrehung, und noch eine. Monsieur ist dem Herzinfarkt nahe. Er könne die Kachel um den Hahn herum abschlagen, damit man zukünftig besser daran käme, schlägt er vor. Monsieur lehnt entschieden ab. Hier wird nichts abgeschlagen. Jetzt müssen wir nur noch eine halbe Stunde warten, bis der Kleber fest ist, bevor wir den Haupthahn wieder öffnen und bevor wir die Maschine wieder anwerfen können. Ob er nicht auch den Schlauch austauschen könne, frage ich naiv dazwischen, Monsieur wirft mir finsterste Blicke zu, er will den jungen Mann so schnell wie möglich loswerden. Keine Sekunde länger darf der hier werkeln. Glücklicherweise lehnt der auch ab, denn nein, Schlauch hätte er keinen bestellt, den könne er nicht austauschen. Er wirft einen Blick auf den Schlauch, der jetzt auf jeden Fall nicht mehr abgeknickt ist. Wenn das Problem weiterhin bestehe, sollte ich vielleicht mal die Waschmaschine entkalken, schlägt er vor. Oder, ich kann ihn hier durchschneiden und dann da wieder ankleben, schlägt er plötzlich vor. Aber Monsieur nötigt ihn jetzt zum Gehen. Wasserschlauch kleben, soweit kommts noch.

Wir bauen das Regal wieder zusammen, ich räume es ein und putze einmal schnell den Boden.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, zum Einkaufen komme ich jetzt nicht mehr, ich schicke den Gatten zum Brot, Salat und Nachtisch kaufen und mache derweil einen Karotten-Apfel-Rohkostsalat, das Wasser haben wir wieder angestellt, ich kann immerhin Nudeln kochen und ich bereite noch Hühnerbrust in Senfsauce vor. H., die derzeit bei uns im Haus mitwohnt und mittags bei uns isst, kommt.

Wir essen und H. ist froh, ein bisschen Ansprache zu haben (und ein Mittagessen zu bekommen), wir essen mit ihr viel länger als sonst, und H. würde auch deutlich noch länger bleiben, sie ist so ungern allein, wenn ich sie dazu aufforderte, aber das tue ich nicht, ich will auch noch eine kurze Sieste machen und danach Einkaufen und eigentlich wollte ich auch mal wieder Schwimmen gehen.

Ich werfe einen Blick in den Computer und gebe die zukünftige Kolumne für das Frankreichmagazin frei.

Dann wasche ich die Wäsche von heute Vormittag erneut. Das Wasser läuft nur minimal besser, ich gebe Wasser von außen dazu.

Sieste.

Nach der Sieste koche ich mir einen Kaffee, hänge die Wäsche auf und schreibe einen Einkaufszettel.

Dann löse ich Zitronensäure in einem halben Liter Wasser auf, und lasse damit die Waschmaschine ohne Wäsche durchlaufen, während ich einkaufen gehe. Vielleicht ist ja einfach nur der Kalk das Problem. Wenn nicht, dann werden wir den Schlauch noch austauschen, das kann aber in der Tat auch Monsieur machen.

Heute fahre ich mal wieder in den Supermarkt, sie ködern mich mit 1000 Treuepunkten, das bedeutet ich bekomme einen Einkaufsgutschein für 7,50€. Es ist entsprechend voll, alle wollen am Freitagnachmittag davon profitieren. Es dauert alles ewig heute. Ich bekomme dennoch nicht alles, was ich gerne hätte. So fahre ich anschließend, auf der Suche nach einer bestimmten Zahnpasta, noch zu einer “Parapharmacie”, die mir von allen Seiten wegen ihrer Größe und ihrer Preise empfohlen wurde. Ich war noch nie da, sie liegt irgendwo in einem Hochhausviertel, eindeutig nicht auf meinen täglichen Wegen. Ich verfahre mich ein wenig zwischen zig Kreisverkehren, die für mich alle gleich aussehen. Schließlich finde sie und bin geflasht vom Angebot. Drogeriemärkte wie Rossmann oder dm gibt es in Frankreich nicht. Es gibt nur sogenannte Parapharmacien, die deutlich teurer als deutsche Drogeriemärkte und meistens an Apotheken angeschlossen sind; dort findet man in der Regel ein Drogerieangebot mit Pflaster, Zahnpasta, Nahrungsergänzungsmittel, und vor allem Cremes, Lotions, Deos, Duschgels, Shampoos von französischen Firmen wie etwa Vichy, La Roche Posay, Ducray, Klorane, Nuxe etc. Was es nicht gibt ist Kosmetik, keine Lippenstifte oder Nagellack, auch kein Toilettenpapier, kein Putzmittel und schon gar nichts Essbares, wie in deutschen Drogerien heutzutage üblich. Diese Parapharmacie scheint alles von allen Marken zu haben, so viel Auswahl habe ich noch nirgends gesehen. Auch an Weleda-Produkten übrigens, unschlagbar großes Angebot, zumindest gemessen an französischen Verhältnissen. Ich laufe staunend zwischen den Regalen herum und nehme allerhand mit. Auch hier dauert es an der Kasse ewig. So bin ich erst um halb sieben wieder zuhause. Ich lade das Auto vor dem Haus aus, freundlicherweise tragen Monsieur und ein Nachbar die Einkäufe nach oben, während ich einen Parkplatz suche. Ich muss nur noch die Taschen aus- und alles wegräumen.

Zum Abendessen gibt es Reste von mittags mit anderen Nudeln, und zum Nachtisch die ersten französischen Gariguette Erdbeeren, die gut aussahen und aromatisch rochen, aber natürlich dennoch nicht wirklich gut schmecken. Hätte Monsieur sie gekauft, hätte ich gemeckert.

Ich fange an hier zu schreiben, aber dann kommt “Pierrot le Fou” im Fernsehen, ein Godard-Film aus den sechziger Jahren mit Belmondo, den ich noch nie gesehen habe, ich denke, ich werde danach weiterschreiben, aber dann sehe ich nichtmal den Film zu Ende; so sehr ich “Außer Atem” mag, so sehr langweilt mich dieses aufgesetzt intellektuelle sechziger Jahre-Kino bei “Pierrot le Fou”. Dabei mochte ich den Trailer. Ich gehe einfach ins Bett.

So war der Tag. Danke fürs Lesen! Und die anderen Tagebuchblogger haben Sie vermutlich schon hier gefunden!

Heute, am 6., habe ich unter anderem aufgeräumt und probehalber nochmal Wäsche gewaschen, und siehe da, das Entkalken hat geholfen! Das Wasser läuft wieder ganz normal! Hurrah! Den Schlauch tauschen wir bei Gelegenheit aber dennoch aus. Wir hatte übrigens doch keinen im Keller!

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Über das Wetter, Ostern und anderes

Frohe Ostern gehabt zu haben, wünsche ich Ihnen. Hier war es zunächst nicht so österlich, denn am Karfreitag, der hier kein Feiertag ist, hatte Monsieur noch einen kleinen Eingriff hinter sich zu bringen. Auch wenn mir viele sagten, “ach, das ist doch nichts, das hatte ich auch schon”, konnte mich das nicht wirklich beruhigen. Wir hatten im Vorfeld eine Nacht in der Notaufnahme verbracht und waren seither etwas nervös. Nicht nur die Tatsache, dass, sondern auch die bange Frage, was man bei dem Eingriff finden würde, sorgten mich. Nun, es ist gut gegangen, wir konnten aufatmen. Der Arzt konnte alles entfernen und das, was gefunden wurde, ist sehr wahrscheinlich nichts Böses; Monsieur wird also nicht, wie zunächst angedacht, erneut operiert werden müssen.

Deshalb und auch aufgrund vieler anderer schwer wiegender Themen, die hier gerade präsent sind, war es also nicht sehr Osterfroh, und wir waren äußerst dankbar, dass eine andere Verwandte dieses Jahr das Ostermenü ausgerichtet hat. Ich habe nur auf den letzten Drücker ein paar Ostereier gefärbt und ein paar Biskuitlämmchen vom Bäcker erstanden, die ich dieses Jahr verschenkt habe.

Das gestrige Mittagessen war nicht nur nett und heiter (!), sondern vor allem extrem lecker, was mich natürlich wieder in Zugzwang bringt und unter Druck setzt. Sie wissen, schon, eine Einladung muss erwidert werden. Aber erstmal hat es gut getan, und daran, dass wir essend und plaudernd von 12 Uhr mittags bis 19 Uhr abends am Tisch gesessen haben, habe ich mich in der Zwischenzeit gewöhnt. Die Einladenden waren zu einer Zeit Metzger in ihrem Dorf gewesen, wir hatten also bestes und zartestes Rinderfilet auf dem Tisch, das ich sogar in seinem halbrohen Zustand, seignant, blutig, wie es hier gerne gegessen wird, mit Genuss verspeisen konnte.

Die charmant und französisch-klassische (rot-weiß gekachelt), man könnte sagen filmreif aussehende Metzgerei wurde aber von keinem Metzger mehr übernommen, es findet sich jetzt eine Art Antikladen darin. Einen klassischen Metzger gibt es nicht mehr in M., nur noch einen Metzger in einem der großen Supermärkte ein paar Kilometer weiter. J. erzählte, wie er nun die Tour durch verschiedene Metzgereien der Gegend macht, bis er ein Stück Fleisch findet, das ihm zusagt.

Der ehemalige Metzger meines Vertrauens in Cannes ist vor Jahren nach einem Bandscheibenvorfall verschollen, und hatte ich bislang immer noch Hoffnung, dass er eines Tages wieder auftauchen würde, so ist diese nun zunichte gemacht. Es gab zwischenzeitlich Arbeiten in den Räumen. Seit kurzem hängt ein Schild im Fenster: “Hier wird in Kürze ein Nagelstudio eröffnet”. Nichts gegen die Nagelbranche, ich klebe mir auch seit einiger Zeit welche auf, aber das ist nicht wirklich das, was man hier im Viertel zwischen Bäcker und Gemüsehändler gebraucht hätte. Metzger, zumindest der klassische Metzger französischer Art, scheint ein aussterbender Beruf zu sein.

Zum Wetter: Früher bin ich an Ostern gern in den Süden gefahren bin, einfach drauf los, so lange, bis irgendwo die Sonne schien. Da hätte ich dieses Jahr weit fahren müssen, denn sogar an der sonnenverwöhnten Côte d’Azur war es nass und kalt.

Die letzten Tage regnete es, und nicht zu knapp, manchmal auch waagrecht gegen die frisch geputzten Fenster, und der tagelang komisch gelbe Himmel entpuppte sich als eine mit Saharasand gefüllte Wolkendecke, und so regnete es irgendwann Schlamm. In den Bergen hingegen hats geschneit. Der Saharasand kam nicht bis dorthin, blütenweiß sah der Schnee aus.

(c) Foto von Florence L.

Heute schien hier zwar die Sonne, aber der Wind heulte ums Haus. Wir haben Ostern und außerdem den 1. April, aber das Wetter ist kein Aprilscherz.

Wie eigenartig die eigenen Osterbräuche sind, wird einem erst bewusst, wenn man in einem Land ist, wo nicht der Osterhase die Eier bringt, sondern die Kirchenglocken, die von Rom zurückkommen. Hier sieht man die Glocken, die noch auf dem Weg nach Rom sind :D Ich liebe @clementinelatron, eine französische Zeichnerin, die in Amsterdam lebt

Außerdem schenkt man sich hier nicht nur Eier aus Schokolade, sondern auch la friture, kleine Schokoladen oder Pralinen in Fisch- und Muschelform. Dieser Brauch hat, laut mehrerer Internetquellen, mit dem im Neuen Testament erzählten wundersamen Fischfang der Jünger nach der Auferstehung Jesu zu tun.

Am ersten April stößt man wiederum auf den Fisch, den poisson avril, den Aprilfisch nämlich, den man hier in Papierform jemanden auf den Rücken heftet, und ihn somit in den April geschickt hat. Es sind zwei unterschiedliche Fischbräuche – la friture de chocolat von Ostern hat mit dem poisson d’avril nichts zu tun, beide Fischbräuche fallen dieses Jahr nur auf denselben Tag. Ich hatte aber gerade genug Scherze anderer Art, mein Smartphone wurde gekapert, piraté sagt man hier, und ich hatte Mühe, mich der Viren zu entledigen, freundlicherweise hat mein neuer Internetanbieter die Kosten für millionenfach kostenpflichtig verschickte SMSen erstattet), ich habe daher niemanden in den April schicken wollen, und bin bislang auch keinem Scherz auf den Leim gegangen.

Was gibts noch Neues? Ich habe mich entschlossen, endlich ein französisches Ausweisdokument zu beantragen, denn nein, das gab es mit der Staatsbürgerschaft nicht kostenlos dazu, das muss man extra beantragen. Ich hatte damals aber ehrlich gesagt die Nase voll von Papierkram und wollte nicht schon wieder eine beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde meines vor über dreißig Jahren verstorbenen Vaters beantragen, weiterhin die Geburts- und Scheidungsurkunde des Gatten und allerhand Bürokratie-Scherze dieser Art mehr. Jetzt aber dachte ich, ich gehe es an und habe zunächst Kopien von den mir vorliegenden Originalen (Familienstammbuch) und Kopien (sämtliche Geburtsurkunden, Scheidungsurkunde etc) gemacht. Zusätzlich bewaffnete ich mich mit meinem Kopfhörer und ein paar Stunden Zeit, vermutete, ich würde den Radetzkymarsch endlich zu Ende hören können (gelesen von Michael Heltau; es fehlen nur noch knapp drei Stunden bis zum Untergang der KuK Monarchie, dazu mehr, wenn ich durch bin!). Ich glaubte ehrlich gesagt nicht, dass ich auf dem Standesamt wirklich weit käme (außer mit dem Hörbuch), aber siehe da, ich wartete, oh Wunder, nichtmal eine Minute und hatte noch nichtmal den Kopfhörer aus der Tasche gezogen, und das allermeiste kopierte Papier brauchte ich auch nicht (nur den obligatorischen Wohnsitznachweis in Form einer aktuellen Telefonrechnung, denn nein, es gibt keine Einwohnermeldeämter in Frankreich, insofern schleppen Sie für alles Amtliche immer Strom- oder Telefonrechnungen mit), denn von mir gibt es dank der offiziellen Einbürgerung eine Akte beim Innenministerium! Die Dame beim Standesamt war ehrfürchtig und auf eine gewisse Art beinahe freundlich, ich füllte unter ihren strengen Augen nur ein paar Bogen Papier aus, bei denen Sie mir aber keinesfalls helfen konnte, sind Sie Französin oder nicht, schien sie zu denken, drückte anschließend meine Finger auf ein elektronisches Pad, unterzeichnete, und das wars. In vier Wochen, rechtzeitig zur Europa-Wahl, werde ich meine erste Carte d’identité besitzen!

Und: Ich habe eine neue Brille. Jetzt kann ich Sie ihnen auch zeigen. Brauchte dieses Mal nämlich lange, um mich daran zu gewöhnen, obwohl sie bei der Optikerin eigentlich ein coup de coeur war. Ich habe auch einen neuen Lippenstift, irgendwie schien mir, dass es mehr Farbe bräuchte, in dem nun sehr hellen Gesicht. Damit lasse ich Sie, je vous laisse, ich mag diesen Ausdruck.

Doch noch ein PS: Ich habe ein paar Newsletter abonniert, vermutlich haben sich alle SchreiberInnen gedacht, der Sonntag sei der bester Tag, ihn an ihre LeserInnen zu schicken, da haben alle frei und man könnte den Newsletter in aller Ruhe lesen. Nun, ich lese derzeit besonders gerne Nils Minkmar, womit Axel Hacke und Petra Reski ein bisschen ins Hintertreffen geraten sind. So habe ich Axel Hackes letzten Newsletter “aus dem Büro” gerade eben erst gelesen, und weil es am Ende darin so viel um Heiterkeit geht (ich erinnere mich, dass ich das darin erwähnte Buch “Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten” bei meinem letzten Deutschlandbesuch erwerben wollte, und es dann vor Ort wieder vergessen habe), füge ich den Text noch hier ein. Achtung, er ist lang! Um die Heiterkeit geht es explizit erst am Ende des Newsletters, nach den Leseterminen und dem Buchtipp, aber der Text vorher, wie eine Kolumne entsteht, ist auch durchaus heiter zu lesen.

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Dies und das am Sonntag

Glücklicherweise habe ich mir das Wort “Heiterkeit” als Wort des Jahres gewählt, sonst würde mich die Schwere dieses noch jungen Jahres schon in den Abgrund gezogen haben. Vieles von dem, was passiert und passiert ist, kann ich Ihnen hier nicht erzählen.

Erzählen kann ich Ihnen, dass Serge schöne und berührende Abschiedszeremonien hatte: unzählige Menschen hatten sich zunächst in einer katholischen Kirche im Stadtzentrum nahe des Palais des Festivals, versammelt, auch zur Zeremonie im Krematorium am anderen Ende von Cannes, waren erneut sehr viele Menschen erschienen. An beiden Orten ergriffen Menschen das Wort: Freunde, Weggefährten, der Bürgermeister, und sehr persönlich und liebevoll sein Sohn. Im Krematorium wurde Musik gespielt, die Serge geliebt hatte (Fleetwood Mac, Supertramp) und eine Diashow an die Wand projiziert: man entdeckte seine Eltern, die Großeltern, Serge als Kleinkind, als junger Mann, mit seiner ersten Frau, mit den Kindern, mit seiner heutigen und langjährigen Lebensgefährtin, auf Reisen, mit den Enkelkindern und immer wieder im Kino, vor einer Leinwand stehend, lachend, blitzende Augen, das Haar zerzaust, das Hemd leicht offen.

Anschließend gingen wir mit einem Teil der Familie in die Brasserie des neuen Kinokomplexes Cinéum zum Essen, und siehe da, die Mitglieder der erste Stunde von Cinécroisette hatten, unabgesprochen, ebenfalls einen Tisch dort reserviert. Man umarmte sich, weinte erneut ein bisschen, und wir tranken auf Serge. Ach.

Letzten Sonntagnachmittag blätterte ich durchs Kinoprogramm. Um 16.50 Uhr sollte es den zweiten Teil von Dune in einem Innenstadtkino geben. Ich schlug es Monsieur vor, er war nicht abgeneigt, kurzer Blick auf die Uhr: 16.30 Uhr. Könnten wir noch schaffen. Und los. Was ich nicht bedacht hatte, war die lange Schlange am Eingang, herrjeh, diese Kinobegeisterten Menschen in Cannes. Aber siehe da, sie stehen alle am Eingang für Besucher, die ihre Karte im Internet reserviert haben, an der normalen Kasse ist nichts los, wir bekommen unsere Tickets, jemand reißt sie ab und schickt uns zum Kino 4, ganz hinten, Treppe hinauf und oben links. Jetzt öffnet sich die Tür für die anstehenden Menschen, die hereinströmen, wir werden überspült und mitgeschwemmt, wir haben alle denselben Weg und eilen die Treppe hinauf und oben in den linken Saal. Wir finden gute Plätze und sehen zu, wie sich der Saal füllt. Alle scheinen sich zu kennen, es wird gegrüßt, gewinkt und gerufen. Rechts und links von der Leinwand stehen Plakate vom Rotary-Club. Ach je, ich seufze, wir sind in eine Veranstaltung vom Rotary Club Cannes geraten. Wir wollten nur einen Film sehen und keiner Wohltätigkeitsveranstaltung beiwohnen, aber nun ja, da müssen wir jetzt durch. Die Damen und Herren der verschiedenen Unterabteilungen des Rotary Club Cannes stellen sich vor und freuen sich, dass so viele Mitglieder gekommen sind, ein Teil der Einnahmen für diesen Film gehe an die Hirnforschung, erfahren wir. Es folgt ein Trailer für einen Spielfilm, in dem es um die Einführung des “obligatorischen, kostenlosen und laizistischen” Schulunterricht geht; die Schauspielerin Alexandra Lamy, lange Zeit im komödiantischen Bereich tätig, spielt die Lehrerin, die für diese Aufgabe in ein abgelegenes Bergdorf geschickt wird. Es folgt ein kurzen Film über den Rotary Club und das Zentrum für Hirnforschung, und erneut ein kurzer Film mit Alexandra Lamy, die dem Rotary Club dankt, ihren Film ausgewählt zu haben, und schon geht er los. Jetzt erst verstehen wir es: Wir sind im falschen Film! Ich stöhne genervt auf, und im Dunkeln des Kinosaals sehen wir uns fassungslos an. Was tun? Es ist zehn nach fünf, Dune läuft vermutlich seit zwanzig Minuten in einem anderen Saal. Wir bleiben also sitzen und schauen uns resigniert den Schulfilm an. Er heißt “Louise Violet”. Ich würde Ihnen gerne einen Trailer hier reinsetzen, aber siehe da, es gibt noch keinen, wir haben, dank des Rotary Clubs, eine echte Vorpremiere gesehen, der Film wird erst Ende des Jahres offiziell in den französischen Kinos zu sehen sein.

Möglicherweise wiederhole ich mich, das mögen Sie mir verzeihen, aber für den Kontext des Films ist es nicht unwichtig zu erwähnen, dass Monsieurs Großmutter, Josephine G., als sehr junge Frau zu Beginn des letzte Jahrhunderts ihren ersten Posten als Lehrerin in “unserem” Bergdorf angetreten hat, und zwar im oberen Bergdorf, das, damals wie heute, noch einmal sieben Kilometer vom unteren Dorf entfernt liegt. Für sie war es der erste Posten als Lehrerin, und gleichzeitig war sie die letzte Lehrerin des oberen Bergdorfes. Nach dem ersten Weltkrieg kam so gut wie kein Mann aus dem Krieg zurück, das Dorf wurde aufgegeben, die Frauen mit ihren Kindern wanderten ins untere Dorf ab, manche auch in andere Dörfer weiter unten, oder sie zogen ganz an die Küste.

Wir haben also beide ein sehr konkretes Bergdorf und seine schrulligen Bewohner im Sinn, während wir in die Geschichte eintauchen, und Monsieur kommt seiner Großmutter sehr nah, deren Leben sich von dem der Lehrerin im Film wahrscheinlich nur in Nuancen unterschied.

Zum Film: Die Lehrerin, Louise Violet mit Namen, wird im Dorf nicht freudig empfangen, niemand grüßt oder spricht mit der Fremden, und der Bürgermeister quartiert sie im Stall neben einer Kuh ein. Da kann sie wohnen und ihre Schule einrichten. Mal sehen, wie lange sie durchhält. Die Einführung der Schulplicht stößt in dem abgelegenen Dorf auf Widerstand. Selbst wenn der Unterricht kostenlos ist, die Kinder sind zum Arbeiten da, und nicht zum Faulenzen. Lesen und Schreiben kann in dem Dorf nur der Postbote, der dem Bürgermeister die Zeitung vorliest. Kein Kind kommt zur improvisierten Schule im Stall. Nach Monaten, im tiefsten Winter, erbarmt sich der Bürgermeister und macht mit ihr eine Tour zu den abgelegenen Höfen, damit sie bei den Bewohnern für ihre Schule werben kann. Aber die Bauern lehnen die Schule ab, wenn die Kinder erst mehr wissen als die Eltern, dann werden sie diesen nicht mehr gehorchen. Außerdem werden sie dann nicht mehr das bäuerliche Leben fortführen wollen, und was soll dann aus dem Dorf werden? Nur die Tatsache, dass sie bei dieser Tour zufällig bei der Geburt eines Kindes hilft, da der Arzt wegen des Schnees nicht kommen kann, bewirkt, dass man sie fürderhin im Dorf grüßt, und dass die ersten zwei Kinder in den Unterricht kommen dürfen. Beargwöhnt wird sie aber weiterhin, es wird getuschelt und getratscht, sie hat sich bestimmt etwas zu Schulden kommen lassen, sonst hätte man sie nicht in dieses abgelegene Dorf geschickt. Dass der Postbote ihre Briefe liest und den Dorfbewohnern daraus erzählt, tut ein übriges. Auch der Pfarrer mischt sich ein und rät ihr, sich einen Mann zu nehmen, damit man sie respektieren würde. Der Bürgermeister sei ihr doch durchaus zugetan … und tatsächlich lässt der ihr eine Schule bauen. Da sie aber sein Bett verschmäht, bleibt die Schule ohne Dach. Bis sie eines Nachts abbrennt …

Der Film hat uns beide sehr gerührt. Mir liefen immer mal wieder die Tränen runter. Einfach so, ganz leise. Meine Hof- und Dorflebenerfahrungen vermischen sich mit den Bildern des Films. Was für ein hartes und karges Leben in diesen Dörfern herrschte. In meinem Jahr auf dem Hof, und im Sommerhaus in den Bergen, der ehemaligen Schule, die, anders als die schick und mit viel Komfort um- oder ausgebauten Höfe der Zweitwohnsitzenden, in ihrer Einfachheit erhalten blieb, spürte ich noch etwas davon nach, aber auf Zeit und vor allem im Sommer ist das Leben zwar beschwerlich(er), aber immer auch irgendwie wohltuend einfach, still und in gewissem Sinn romantisch. Ich denke an das junge Mädchen, dass Monsieurs Großmutter damals gewesen ist. Sie kam aus Cannes, was für ein Schock musste das Dorfleben für sie gewesen sein. Ein Plumpsklo im Schulhof. Wie mühselig das Waschen der Wäsche am Lavoir. Wie kalt und unwirtlich war es dort im Winter. Die Kinder mussten damals jeweils einen Scheit Holz zum Unterricht mitbringen, um den Klassenraum zu heizen. Waren die Bewohner damals auch so abweisend zu ihr, dem jungen Mädchen aus der Stadt? Vielleicht war sie in den Großvater auch nicht wirklich verliebt gewesen, denke ich jetzt, sondern hat ihn aus Vernunftsgründen genommen, weil er ihr zugetan war, und damit man sie respektierte. Das würde ihr “sachliches” und wenig inniges Eheleben erklären; sie hätten sich erst am Ende ihres Lebens friedlich zusammengefunden, erzählt Monsieur immer. Wer hat damals schon aus Liebe geheiratet? Monsieur zuckt die Schultern. Auch er verliert sich in Erinnerungen an die Großeltern und an das Bergdorf zu seiner Kindheit.

Ein sehr gelungener Film, den ich Ihnen empfehle, falls er je in deutschen Kinos oder auf arte laufen sollte (wie gesagt, er kommt in Frankreich erst im November in die Kinos). Glücklicherweise hatten wir uns im Saal geirrt (Dune lief in einem kleinen Saal direkt nebenan, haben wir beim Rauskommem gesehen), denn vermutlich hätten wir uns den Film nicht aus freien Stücken angeschaut.

Noch etwas anderes: Ich mache immer noch mit beim Aufräumen der diesjährigen Fastenchallenge, wenn ich da auch aus Gründen ein bisschen hinterherhinke. Aber “etwas ist besser als nichts” wie Alexandra immer sagt, sodass ich heute die CDs geordnet habe, die seit ewigen Zeiten chaotisch herumliegen, oder teilweise ohne oder in falschen Hüllen stecken. Das habe ich letztes Jahr (!) bereits in Angriff nehmen wollen und damals nicht geschafft.

Ich höre ja kaum noch Musik, es ist mir meistens zu viel Geräusch, und in meinem Kopf ist genug los. Ich suche eher Stille. Das herumliegende Chaos hat also der Gatte im Lauf der Zeit produziert, aber das Aufräumen ist nicht so seine Sache. Heute also mache ich es und ganz ohne Grummeln, einfach so. Ich höre dazu eine CD von Dota Kehr mit der Vertonung von Gedichten Mascha Kalekos, die ich zum Geburtstag bekommen und bislang noch nicht gehört habe. Sie gefällt mir überraschend gut und nach anderthalb CDs war ich fertig mit Räumen! Der Kabelsalat ist zwar noch da, aber sonst haben 95% der CDs ihre richtige Hülle gefunden, entstaubt und geordnet ist es auch.

Dann nahm ich mich noch den herumliegenden Landkarten an (der Gatte suchte kürzlich eine, räumte sie dann aber nicht mehr weg), die haben teilweise schon historischen Wert, gehören auch nicht mir, ich habe also nur wirklich Überflüssiges entsorgt und dabei 5 Euro gefunden 😁, verdient würde ich sagen!

Gefunden habe ich dabei auch wieder eine CD von Stacey Kent, sie singt mit einem sehr charmanten, kaum hörbaren amerikanischen Akzent jazzige französische Kompositionen. Les Eaux de Mars, (kennen Sie vielleicht von Georges Moustaki) gefällt mir wegen seiner Federleichtigkeit gerade am besten.

So viel für heute. Passen Sie auf sich auf, bleiben Sie so gesund wie möglich, und Carpe diem!

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12 von 12 im März 2024

Zwölf Fotos vom zwölften Tag des Monats zu veröffentlichen – dazu fordert uns seit vielen Jahren Caro vom Blog Draußen nur Kännchen auf. Auch diesen Monat bin ich dabei!

Wir beginnen, wie fast immer, mit dem Blick aus dem Fenster. Es regnet nicht mehr! Heute also wieder blassblauer Himmel, schlierig-verwischte Wolken, eine zögerliche Sonne.

Gestern hatte ich plötzlich wieder einen sehr fiesen stechenden Schmerz im rechten Knie, ich konnte von eben auf jetzt kaum laufen. Dieser Schmerz macht mich automatisch sehr wach und sehr nüchtern. Ich habe es wieder ziemlich schleifen lassen mit dem Muskeltraining, ging weniger und unregelmäßiger schwimmen, aufs Heimfahrrad ging ich gar nicht mehr, weil ich es so langweilig finde und: ich habe wieder zugenommen, zu viel Beruhigungs-Schokolade, aus Gründen. Der Schmerz macht mir klar, dass ich mich nicht hängen lassen kann. Also Disziplin beim Essen und beim Sport: heute morgen noch vor dem Kaffee rauf aufs Heimfahrrad. Nur kurz, weil ich gleich eine Anruf von einem Internet-Techniker bekommen soll, aber immerhin. Zwanzig Minuten sind besser als nichts.

Mit dem Techniker telefoniere ich danach. Ich habe vor kurzem das Angebot eines anderen Internetanbieters angenommen; Tatsache ist, dass ich jetzt kein Internet mehr vom vorherigen und noch keines von meinem zukünftigen Anbieter habe. Ich will von ihm wissen, bis wann das neue Internet defintiv da sein wird. In zehn Tagen! Ich schnaufe, aber ich weiß, es wird nicht besser, es kann nämlich auch bis zu drei Wochen dauern, wie mir gestern der Kundendienst ankündigte. Drei Wochen ohne Fernsehen, Festnetztelefon und ohne Internet. Ich schrie ein bisschen herum, als mir das klar wurde. Wir sind im 21. Jahrhundert und sie kriegen keinen flüssigen Übergang hin? Nun, der Kundenservice laberte ein bisschen beruhigend herum, schickt mir postwendend einen Clé 4G zur kostenlosen Nutzung, außerdem ebenso kostenlos 200 GB Internetguthaben aufs Mobiltelefon. Der Vorteil des neuen Anbieters ist, dass alle außerordentlich freundlich und hilfsbereit sind. Aber dennoch schickt mich einer zum anderen. Der Kundendienst vermittelte mich gestern zum Techniker und der heute wieder zurück zum Kundendienst. Zehn Tage! Drunter schaffen Sie es nicht. Ich lasse es gut sein. Fernsehen wird auf dem PC geschaut, oder wir lesen oder ich höre mein Hörbuch. Ich habe mir nämlich den “Radetzkymarsch” runtergeladen. Danke für alle ermutigenden Roth-Leseempfehlungen.

Symbolbild: Kabelsalat

Jetzt Frühstück. Ich schnippele uns etwas Obst klein

und werfe die Schalen in den kleinen Komposteimer; denn wir haben bereits, als Ergebnis eines Bildungsurlaubs des Schwiegersohns, in wissender Voraussicht seit ein paar Jahren einen eigenen Kompostbehälter im Vorgarten stehen. Seit Beginn diesen Jahres ist das Kompostieren bzw. Sammeln der Küchenabfälle in Frankreich verpflichtend geworden, sogar in der Stadt! Auch bei uns soll es zukünftig an mehreren Stellen öffentliche Kompostbehälter geben, haben wir gestern erfahren! Für die Menschen, die keinen Garten haben und sich keinen eigenen Kompostbehälter aufstellen können. Nun, in den Bergen mache ich das: dort trage ich die Küchenabfälle einmal quer durchs Dorf zu den Hühnern, ich kann mir aber weniger vorstellen, dass die EinwohnerInnen von Cannes wirklich gerne mit ihrem Mülleimerchen voller Apfel- und Kartoffelschalen durchs Viertel spazieren, um den Kompost zu füttern. Leider vergessen unseren Kompostbehälter im Garten aufzunehmen.

Ich sitze am PC, es ist aber mühsam, der Clé 4G will im hinteren Teil der Wohnung, wo ich für gewöhnlich arbeite, nicht so richtig funktionieren.

Wir überlegen, als bleibende Erinnerung für Serge, ein bis drei Bäume pflanzen zu lassen, anstatt ein großes Blumengesteck zu kaufen. Leider kann man die Bäume später nicht “besuchen”, sie werden einfach “anonym” irgendwo in der Auvergne (oder anderswo) gepflanzt.

Um elf Uhr gehe ich in die Küche. Ich koche derzeit immer mal wieder Mittagessen für die, aufgrund der Situation, vorübergehend hier im Haus mitwohnenden Familienmitglieder, weil ich in dieser traurigen Situation sonst nicht viel Helfendes tun kann. Heute waren wir fünf. Foto von danach.

Späte Sieste ohne Foto. Wir fahren nach Nizza, ich brauche eine neue Brille, bzw. neue Gläser, es hört nicht auf mit der Kurzsichtigkeit, und bei der Gelegenheit eben auch eine neue Brille. Ich bin vermutlich der einzige Mensch, der sehnsüchtig auf den Grauen Star wartet, die OP desselben würde mir endlich bessere Augen bescheren. Noch ist es leider nicht soweit, wie mir der Augenarzt freundlich bestätigte. Es wäre so schön, jetzt schon gut zu sehen und nicht erst mit Mitte achtzig.

Ich mache ganz tolle Fotos, von den Brillen, die nicht infrage kommen, aber keines von der Brille, die es letzten Endes wird.

Zurück fahren wir im stop and go im schönsten Berufsverkehrstau. Das Wetter ist ganz nett geworden.

Zuhause mache ich ein Fußbad im Bidet und verarzte meinen kleinen Fußzeh, der mir immer mehr Qualen bereitet. Dass ich ihn mir heute zusätzlich angeschlagen habe, macht es nicht besser.

Abendessen. Die Reste vom Mittag. Ohne Foto. Ich wollte so gerne einen alten Krimi mit Jean Gabin und Alain Delon sehen, der in Cannes spielt (Mélodie en sous-sol), aber den Sender gibts nicht in direkt auf dem PC. Also suche ich in Netflix herum und entscheide mich für eine Komödie: Family Business. Ok, zwei Folgen sehe ich. Ganz witzig.

So viel von hier und heute. Es ist schon morgen, stelle ich fest. Danke fürs Anschauen und Lesen. Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer bei Caro Kännchen.

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Il pleut. On pleure.

Es regnet. Wir weinen.

(version française suit)

Die Konjugation der Verben pleuvoir (regnen) und pleurer (weinen) ist im Französischen sehr ähnlich. Ein häufiger Anfängerfehler ist il pleure zu sagen anstelle von il pleut. “Es weint”, anstatt “es regnet”. Der Himmel weint, kann man sich immer in die poetische, wenn auch leicht abgegriffene Wendung retten. Derzeit scheint der Himmel alle seine Tränen weinen zu wollen, seit Tagen regnet es ohne Unterlass. Il pleut, und on pleure. Wir beweinen Serge Basilewsky.

Ende Januar hat Serge, ein enger Freund und Teil unserer französischen Patchwork-Familie, eine Serie von schweren Schlaganfällen erlitten. Seitdem hing er zwischen Leben und Tod. Sein “Leben” aber wäre keines mehr gewesen, das sagten die Ärzte bereits in der ersten Nacht. Sie erwarteten und hofften auch, dass er bald gehen würde. Es wäre besser für ihn. Man könne nichts für ihn tun, ließen sie uns wissen. Zu schwer die Schäden durch die Schlaganfälle, zu viele Komplikationen, die Nieren, die Lunge … Serge wurde jeden Tag schwächer, aber er war immer noch da. Für kommenden Montag war ein Platz in einem Pflegeheim gefunden worden. Vergangenen Mittwoch Abend ist er nun friedlich eingeschlafen. Für ihn ist es besser so. Uns allen aber, und besonders seiner Lebensgefährtin, wird er so fehlen.

Er wäre gern unsterblich, sagte er manchmal, so sehr hatte er Lust auf das Leben. Er hatte die Neugier eines Kindes, interessierte sich für alles, lernte immer noch dazu, hat mit Mitte siebzig erstmals noch einen anstrengenden Segeltörn unternommen, einfach weil es ihn reizte, und man ihn gefragt hatte. Seine große Leidenschaft aber war das Kino. Serge war le Président, wie man hier sagt, der Gründer und Vereinsvorsitzende unseres Kinoclubs Cinécroisette. Er war einer der begeisterungsfähigsten Menschen, den ich kannte, und er liebte es, seinen Enthusiasmus für das Kino mit den mehreren hundert Mitgliedern seines Vereins zu teilen. Jeden Tag sah er einen oder mehrere Filme, und Monat für Monat wählte er zehn bis zwölf neue und sehenswerte Filme für den Verein aus, darunter Vorpremieren, Aktuelles und Klassiker, oder er grub alte, restaurierte Schätzchen für uns aus.

Er liebte es, kleine Filmfestivals zu veranstalten: Anfang März lief in Zusammenarbeit mit Kinotayo das 7. Festival des Japanischen Gegenwartsfilms. Wir planten im Herbst unser 5. Deutsches Filmfestival. Serge verstand sich als Kultur- und Wissens-Ver-Mittler, er wollte Neues und Besonderes zeigen und wünschte sich, dass wir die Filme aufmerksam und bewusst sahen und nicht nur konsumierten. Er sprach über die Filme, die er ausgewählt hatte und vorführen ließ, stets auf eine verständliche, angenehme, nie überhebliche Art, nie ging es darum, zu zeigen, was er alles wusste, er wollte uns nur so viel wie möglich mitgeben.

Manchmal war es anstrengend, seiner unermüdlichen Energie und seinem ungebremsten Enthusiasmus zu folgen. Er plante und eilte von Projekt zu Projekt, ein Festival und noch eines und ein noch größeres, voller Hingabe für die Sache und ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Er war nicht unsterblich, und in gewisser Weise ist er es doch, denn wir werden ihn nie vergessen! Bei jedem Film, den wir sehen werden, bei jedem Kinobesuch wird er mit uns sein.

Adieu Serge.


Il pleut. On pleure.

La conjugaison des verbes pleuvoir et pleurer est très similaire en français. Une erreur de débutant fréquente commise par les étrangers est de dire “il pleure” au lieu de “il pleut”. Le ciel pleure, on peut toujours se sauver dans la tournure poétique, bien que légèrement usée. En ce moment, le ciel semble vouloir pleurer toutes ses larmes, cela fait des jours qu’il pleut sans relâche. Il pleut, et nous, on pleure. Nous pleurons Serge Basilewsky.

Fin janvier, Serge, un ami proche qui fait partie de notre famille recomposée, a été victime d’une série de graves attaques cérébrales. Depuis, il était suspendu entre la vie et la mort. Mais sa “vie” n’en aurait plus été une, c’est ce que les médecins ont dit dès la première nuit. Ils s’attendaient et espéraient aussi qu’il partirait bientôt. Ce serait mieux pour lui. Ils ne pouvaient rien faire pour lui, nous ont-ils fait savoir. Trop de dégâts causés par les attaques, trop de complications, les reins, les poumons … Serge s’affaiblissait de jour en jour, mais il était toujours là. Une place dans un Ehpad avait été trouvée pour lundi prochain. Mercredi soir dernier, il s’est endormi paisiblement. C’est mieux pour lui. Mais il va tellement nous manquer à tous, et surtout à sa compagne.

Il aurait aimé être immortel, disait-il parfois, tant il avait envie de vivre. Il avait la curiosité d’un enfant, s’intéressait à tout, continuait d’apprendre, a entrepris à mi-soixante-dix ans un premier voyage en bateau épuisant, simplement parce que cela l’attirait et qu’on le lui avait demandé. Mais sa grande passion était le cinéma. Serge était le fondateur et le président de l’association de notre ciné-club Cinécroisette. C’était l’une des personnes les plus enthousiastes que je connaisse et il aimait partager son amour pour le cinéma avec ses plusieurs centaines de membres de son association. Chaque jour, il voyait un ou plusieurs films et, mois après mois, il sélectionnait pour l’association dix à douze films nouveaux et dignes d’être vus, parmi lesquels des avant-premières, des films d’actualité et des classiques, ou bien il nous ressortait de vieux trésors restaurés.

Il aimait organiser de petits festivals de cinéma : Début mars, le 7e Festival du film japonais contemporain a eu lieu en collaboration avec Kinotayo. Nous avions prévu notre 5e festival du film allemand à l’automne. Serge se considérait comme un passeur de culture et de connaissances, il voulait montrer des choses nouvelles et particulières et souhaitait que nous regardions les films avec attention et conscience et que nous ne nous contentions pas de les consommer. Il parlait des films qu’il avait choisis et qu’il faisait projeter, toujours d’une manière compréhensible, agréable, jamais prétentieuse, il ne s’agissait jamais de montrer tout ce qu’il savait, il voulait juste nous en donner le plus possible.

Parfois, c’était épuisant de suivre son énergie infatigable et son enthousiasme débordant. Il planifiait et se précipitait d’un projet à l’autre, un festival, puis un autre, puis un autre encore plus grand, plein de dévouement pour la cause et sans se soucier de sa santé. Il n’était pas immortel, et d’une certaine manière, il l’est, car nous ne l’oublierons jamais ! À chaque film que nous verrons, à chaque séance de cinéma, il sera avec nous.

Adieu Serge.

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Zwei Jahre

Ich bin nicht ganz pünktlich, aber Sie wissen es natürlich, vor zwei Jahren hat der aggressive Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine begonnen. Ich kann nicht nicht darüber schreiben, ich verliere diesen Krieg und die Ukraine nicht mehr aus den Augen, seitdem wir die kleine ukrainische Familie beherbergt haben. Ja, wir haben immer noch einen sehr lieben Kontakt, folgen uns gegenseitig auf und sehen uns über Instagram, es wurden an Weihnachten Pakete hin und hergeschickt und Briefe mit google translator verfasst. Der kleine M ist ein richtiges Schulkind geworden und der große M beinahe ein Teenager. Auf jeden Fall mag er nicht mehr fotografiert werden, und ich erhasche nur noch hin und wieder einen Blick auf ihn, wenn sein Vater ihn beim Fußballspielen von weitem filmt. Es geht der Familie soweit gut, sie sind zusammen und gesund, aber natürlich ist Krieg. Immer noch. Seit zwei Jahren.

Von meiner Buchhändlerfreundin Wiebke bekam ich schon vor längerer Zeit dieses Büchlein geschenkt. Czernowitz. Der Autor, Helmut Böttiger, der sich als junger Mann in die Gedichte von Paul Celan “schockverliebt” hat, wie man heute sagen würde, hat Czernowitz in den letzten dreißig Jahren dreimal bereist, kurz nach der sowjetischen Zeit, zur Zeit der Orangenen Revolution 2014 und noch einmal 2022 zu Beginn des aktuellen Krieges. Zunächst war er auf der Suche nach Spuren von Paul Celan und dem jüdischen Leben, das lange fast völlig ausgelöscht war, und nun langsam wiedererwacht ist, aber auch auf der Spur der alten und neuen Literatur.

Neugierig geworden auf diese Stadt suche ich nun Bilder vom aktuellen Czernowitz und finde immer nur Bilder, die das alte, das habsburgische Czernowitz zeigen. Und dann entdecke ich diesen Film, oder sagen wir diesen Trailer. Und siehe da, nicht nur Paul Celan, Rose Ausländer oder Selma Merbaum (häufiger, wenn auch fälschlicherweise Selma Meerbaum-Eisinger) stammen aus Czernowitz, nein auch Harvey Keitel, oder zumindest dessen Vater. Die DVD von “Dieses Jahr in Czernowitz” habe ich bestellt.

Von Volker Koepp gibt es auch noch diesen Film über die melancholischen und in deutscher Sprache geführten Gespräche von Herrn Zwilling und Frau Zuckermann.

Wie es so ist, wenn man auf etwas besonders achtet, vielleicht auch dank der Cookies, die meine Suche im Internet verfolgen, stolpere ich in Instagram über einen Account, der @forgottengalicia heißt und den dazugehörigen englischsprachigen Blog gleichen Namens, beides wird von Areta, einer ukrainischstämmigen Amerikanerin, die 2011 von Chicago “zurück” in die Stadt ihrer Großeltern, nämlich nach Lviv gezogen ist, geführt. Hier stellt sie sich und die Geschichte ihrer Familie vor (englischer Text). Sie zeigt auf Instagram überwiegend Bilder aus Lviv, ehemals Lemberg, heute übrigens mit Cannes verschwistert. Ich bin gerührt diese alten Häuser und Villen, die Kopfsteinpflasterstraßen, die schön gemusterten Fußbodenkacheln, dekorative schmiedeeisernen Tore und Zäune zu sehen. Die Ukraine, dieses fremde Land, zweitausend Kilometer entfernt, sieht zumindest in seinem Westen auch heute noch aus wie vertraut-verschlafenes Habsburg-Österreich.

Hier übrigens ein anscheinend nur in Lviv vorkommendes gleichzeitig dekoratives und nützliches “Alltags-Ding” – es diente (vielleicht) zum Blumen aufhängen und/oder (heutzutage) zum Kleider-Lüften. Hier der (englischsprachige) Blogartikel dazu. Ich liebe so etwas!

Der Westen der Ukraine gilt gemeinhin als “sicher” in diesem Krieg. Aber auch hier im schönen Lviv und im davon 120 Kilometer entfernten Ternopil, der Stadt, in der die kleine ukrainische Familie lebt, gibt es Sirenenalarm, Luftangriffe, werden Wohnhäuser und zivile Einrichtungen wie Schulen zerstört, immer wieder, das letzte Mal am 15. Februar diesen Jahres.

Jurko Prochasko, Germanist, Autor, Übersetzer und Psychoanalytiker, der in Lviv lebt und arbeitet, und zu einem Literaturfestival nach Czernowitz angereist ist, sagt in einem Gespräch mit Helmut Böttiger: “Keinen Augenblick verlässt mich das Bewusstsein dieses Krieges”. Der Krieg greift in seinen konkreten Alltag ein, okkupiert Gefühle und Gedanken. Seine Arbeit als Psychoanalytiker ist davon betroffen: Der Krieg […] macht die Möglichkeit zunichte, dass sich die Menschen in der Analysestunde “wertgeschätzt und geschützt” vorkommen können. Auch die Möglichkeit des “freien Einfalls”, das Herzstück seiner Therapieform, wurde durch den russischen Einfall in die Ukraine zunichtegemacht.

Prochasko arbeitete schon einige Zeit an einer Übersetzung von Hölderlins Hyperion. In den Tagen nach dem russischen Überfall habe er sich gesagt, das wolle er sich von diesem Krieg nicht nehmen lassen, er wollte die Hölderlin-Übersetzung als ein Aufrechterhalten von Strukturen weiterführen, aber, sagt er “dann konnte ich einfach nicht mehr”. Der Antrieb dazu fehlte, dringend notwendig wurden dagegen eine Unmenge von Tätigkeiten, um den Alltag im Krieg zu bewältigen.

(zitiert aus Helmut Böttiger: Czernowitz. Stadt der Zeitenwenden, Berenberg Verlag, Berlin 2023)

Ich lese nun hier und da und erneut über Paul Celan und Rose Ausländer, und denke irgendwann, dass ich jetzt wohl endlich reif bin für Josef Roth. Ich habe immer nur über ihn gelesen, aber nie eines seiner Bücher. Ich erwerbe dann aber doch nicht den Radetzkymarsch, obwohl ich einen begeisterten Text über seine Lektüre gelesen habe, aber ich fürchte, ich bräuchte auch ein gebrochenes Bein und viel Zeit, um mich lesend in andere Welten zu versenken, beides habe ich nicht, sodass ich den Radetzkymarsch aufgebe und stattdessen antiquarisch ein hübsch gemachtes Buch (die Neuauflage der “Anderen Bibliothek”) erwerbe, darin ein paar Texte über die Städte Südfrankreichs – ich hoffe, darin etwas zu finden, was mich ihm, der hier im Süden exiliert war, trank und schrieb, nahebringt. Aber so richtig finden wir nicht zueinander. Vielleicht muss es doch der Radetzkymarsch werden.

Und noch etwas Musik, nicht super aktuell, kennen Sie vielleicht schon, wenn Sie musikalisch weltoffen unterwegs sind. Borsh Divison. Future Sound of Ukraine. Compiled by Yuriy Gurzhy. Hier habe ich aktuell darüber gelesen.

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Marilyn, Maupassant und Mimosen …

… gibt es heute und zwar in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Heute morgen Hilferuf eines Freundes aus dem Var, der in einem wegen Oberleitungsschaden extrem verlangsamten Zug festsaß und fürchtete, sein Flugzeug zu verpassen. Wir holten ihn am Bahnhof in Cannes ab und sausten so schnell es ging über die Autobahn nach Nizza (ich schätze Monsieurs dynamische Fahrweise nicht immer, aber heute war ich stolz) und wir schafften es rechtzeitig zum Flughafen-Terminal 2 und er zum Flieger, hurrah! Während wir am Bahnhof in Cannes auf ihn an der arrêt minute, einer Kurzparkzone, warteten, machte ich dieses Foto von Marilyn, selten habe ich sie so nah vor mir! Man läuft einfach nicht über die vielbefahrene Schnellstraße.

Cannes hat viele dieser Wandfresken, nicht immer sind sie gelungen, in einer Unterführung an der Croisette hat man die sehr mumpsig aussehenden Schauspieler aus The Piano dargestellt. Ein echtes Grauen. Ich konnte es auch nicht fotografieren, so schrecklich finde ich es. Eine aber recht peppig gewordenen nagelneue Wandfreske hängt ganz in unserer Nähe. Guy de Maupassant (von dem ich, shame over me, noch nichts gelesen habe) hat seinerzeit im kleinen Châlet de l’Isère gewohnt; das ist heute ein nettes Hotelchen, das es übrigens auch in meinen ersten Krimi geschafft hat. Und vom Hotel aus hat man jetzt passenderweise den Blick auf Herrn Maupassant. Ja, gut, er hat ein Loch im Kopf, aber man kann es ganz gut abstrahieren.

Guy de Maupassant-Freske
Le Châlet de l’Isère

Heute war zwar Bewölkung und erneuter Wintereinbruch vorhergesagt, aber es war warm (17°C) und strahlender Sonnenschein. Wir haben (undokumentiert) in einem kleinen Restaurant auf einer sonnigen Terrasse zu Mittag gegessen, nach der Sieste fuhr ich den Gatten zum Bridge und selbst kurzerhand zum Naturpark La Croix des Gardes. Noch einmal einen Blick auf die Mimosenlage werfen. Es gab einen neuen kleinen Weg, oder vielleicht habe ich ihn auch nur noch nie bemerkt, auf jeden Fall lief ich anderswo als sonst (insgesamt mehr als 5000 Schritte, nicht, dass ich mir das vorgenommen hätte, aber als Alternative zum Schwimmen ganz ok) und entdeckte sogar einen kleinen Weiher.

Mimosen und Mond
Mimose nah
Mimosenwiese

Mit der kleinen Kamera machte ich mal wieder einen Haufen Blindfotos (zu viel Sonne!), leider sind vor allem die Makroaufnahmen nichts geworden, dabei mag ich doch so gerne die flimmerigen Puschelchen zeigen. Jetzt weiß ich auch, warum die Kamera und der PC sich nicht mögen, die Kamera hat einen Wackelkontakt beim USB-Port. Praktisch ist, dass die neuen Fotos mein zu mehr als 80% volles Google-Photo-Konto nicht belasten, unpraktisch hingegen, dass ich die Fotos nicht auf dem Handy habe, um einen Insta-Eintrag zu machen. Ich bin nicht sicher, ob wir dauerhaft gute Freunde werden, oder ob ich nicht einfach irgendwann ein neues Handy mit einer besseren Kamera kaufe.

Im Hinterhof krächzt ein Frosch. Ich dachte lange, es sei eine Krähe, aber nein, es ist ein Frosch! Unglaublich, dieses laute Gekrächze! Ich würde ihn gern auf die Mauer setzen, damit er in den Park zurückfindet und dort mit seinem lieblichen Krächzen ein Froschliebchen anlockt und vielleicht mit ihr eine kleine Froschfamilie gründet, was man eben so macht als Froschmann im Frühling, aber jedes Mal, wenn ich die Tür öffne, ist der laut krächzende Frosch mucksmäuschenstill und ich finde ihn einfach nicht zwischen all den Kakteen. In der Gieskanne sitzt er immerhin nicht, das habe ich überprüft.

So, jetzt noch schnell die Aufräum-Challenge für heute: Die Besteckschublade! Schönen Abend! Bonne soirée!

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Don’t give up

Das antwortete Alexey Nawalny, als man ihn fragte, was er seinen Anhängern als Botschaft geben würde, wenn man ihn getötet habe. Don’t give up! Wir haben gestern die Dokumentation auf arte über Alexey Nawalny gesehen. Wieviel Mut hatte er!

In Antibes wurde kurzerhand ein Denkmal für ihn umfunktioniert.

La colonne de la Place Nationale à Antibes, lieu d’hommage à l’opposant russe Alexeï Navalny, mort en prison. • © Laurent Verdi FTV

Im Anschluss an diese Sendung lieferte uns arte ungefragt noch diesen Film, der dritte Teil der Dokumentation “Putins Gift”. Man sieht dort auch Gerhard Schröder lachend und Schulterklopfend mit seinem Kumpel Putin, beide ganz dick im Gasgeschäft. Ich habe hier ganz viel geschrieben und wieder gelöscht – ich bin keine Politikerin, keine politische Journalistin und ich schreibe keinen politischen Blog. Ich will hier auch nicht diskutieren, aber schauen Sie sich das an, wenn Sie können.

Wie kann man und darf man danach überhaupt zu etwas Heiterem übergehen? Irgendwie fühlt es sich falsch an, blauen Himmel und blaues Meer zu zeigen. Das Meer war aber auch schmutzig heute, passend zur politischen Lage, schafft es auch die Kläranlage nicht mehr, den ganzen Dreck zu reinigen, so dass dann hier und da ein Spülwasserschaum auf dem Meer schwamm.

Aber hallo, wir lassen uns auch nicht entmutigen und waren trotzdem mit den Füßen im Wasser, ich habe die kleine Kamera ausgeführt und weiß jetzt auch wieder, warum sie schon so lange ungenutzt in der Schublade liegt. Auf dem (zu schnell verkratzten und abgeschabten) Display sieht man bei Sonne nix, es ist außerdem (verglichen mit dem Handy) ungewohnt klein, der Sucher, den diese Kamera zwar hat, ist absolut ungeeignet für kurzsichtige Brillenträgerinnen, ich mache also quasi ständig Blindfotos – von denen ich dann später am PC 90 Prozent wegwerfe, nachdem ich zunächst auch hier gekämpft habe, denn PC und Kamera wollten ums Verrecken nicht miteinander kommunizieren. Nichts ist so alt wie Technik von gestern. Es nervt. Ich bekomme jetzt allerdings ständig Kamerawerbung zugespielt, für nette kleine Kameras, die ein Viertel meines Jahresverdiensts kosten. Gehts noch? Dann machen wir eben wieder unscharfe Handyfotos.

Ein Musiktipp, Zaho de Sagazan! Ich verdanke ihn Estelle vom Blog Mainzalors . Falls Sie des Französischen mächtig sind, kann ich Ihnen den sprachlich und stimmungsmäßig feinen Blog der sensiblen Französin, die mit ihrer Familie vier Jahre in Mainz gelebt hat und jetzt nach Lyon zurückgekehrt ist, nur empfehlen.

Ich höre ja kaum noch Musik, es ist schon zu viel los in meinem Kopf, ich suche, wie Sie wissen, bevorzugt Stille. Aber Zaho de Sagazan, auch eine Hochsensible, was man ihr so nicht anmerkt, berührt mich mit ihrer Stimme und ihren Texten. La symphonie des éclairs hat diese Hochsensibiliät zum Thema.

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Valentinstag

flowers

Die Rosen gabs schon gestern – “ich stelle mich doch nicht am Valentinstag stundenlang an”, sagte er Gatte, als er sie mir gestern überreichte. Die Herzchen vom Bäcker gabs auch schon gestern. Ich kann mich auch an zwei Tagen freuen, ich freue mich überhaupt über die Geste, und dass er von alleine daran gedacht hat. Dochdoch, ich freue mich über die Rosen, auch wenn wir am Mittagstisch darüber diskutieren, dass sie vermutlich aus Kenia kommen. Ich will sein Geschenk aber nicht madig machen.

Und wir waren bei strahlendem Sonnenschein erneut am Strand. Ich freue mich darauf, wenn ich meine kleine Kamera nutzen kann, um endlich nicht mehr so unscharfe Fotos von “weit weg-Motiven” in diesem Fall den Möwen, zu machen.

no flowers

Und noch eine Möwe und eine Mandelblüte.

flowers

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Haben Sie es gut, allein, zu zweit oder mit FreundInnen!

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12 von 12 im Februar 2024

Zwölf Fotos vom zwölften Tag des Monats zu veröffentlichen – dazu fordert uns seit vielen Jahren Caro vom Blog Draußen nur Kännchen auf. Dann wollen wir mal.

Heute ist in Deutschland Rosenmontag – kennt man hier nicht, und von Karneval, Fastnacht oder Fasching ist hier nichts zu spüren. Ich biete Mimosen und Meer. Hier der Blick aus dem Fenster mit der von Regen und Sturm nun schon etwas gebeutelten Mimose.

Wir frühstücken – das ist hier immer sehr unspektakulär, stehend in der Küche. Heute gibts Orangenkonfitüre-Verkostung, ich habe gestern Abend noch einmal eine weitere Fuhre Marmelade gekocht. Es ist immer dasselbe Rezept, trotzdem findet Monsieur die zweite Marmeladenversion (noch) besser als die erste.

Wir gehen an den Strand, mettre les pieds dans l’eau, erstmals in diesem Jahr tauchen wir die Füße ins Meerwasser. Ich ziehe meinen Badeanzug an, man weiß nie, vielleicht tauche ich den ganzen Körper ein. Auf dem Weg zum Auto, steht eines der zig kleinen “Playmobil-Autos” wie ich sie nenne. Ein Citroen Ami – ein Elektrozweisitzer, der ohne Führerschein gefahren werden kann, es ist DAS Auto der Gymnasiasten der upper-class. Vor jedem Lycée stehen zig dieser Kistchen, manchmal quer zur Straße in einem schmalen Platz, viel häufiger aber findet man die winzigen Autos mitten in einer großen Parklücke. Ohne Führerschein meint auch, ohne Erfahrung im Parken.

Am Strand gehe ich dann nicht richtig ins Wasser, es sind zu viele Wellen. Aber es ist sooo toll und wir laufen am Strand entlang. Ich konnte mich nicht entscheiden, welches das schönste Foto ist, deshalb bekommen Sie mehrere.

Natürlich sammeln wir auch wieder Müll. Nach zwei Regen- und Sturmtagen gibt es viel davon am Strand. Dieses Foto gibt es, weil der Müll farblich so schön passt, haha.

Wieder zuhause mache ich Mittagessen. Radieschen zum Entrée, danach gibts Thunfisch und Nudeln (Trofie) in Tomatensoße, Käse und ein Fertigdessert.

Sieste, heute ohne Bild. Ich schlafe wirklich ein – das Laufen am Meer und gegen den Wind hat mich müde und muskelkaterig gemacht. Man wird ja bekanntlich nicht jünger, seufz.

Monsieur begleitet ein Familienmitglied zu einem Krankenbesuch ins Krankenhaus nach Nizza. Ich verbringe den Nachmittag vor und am PC, denke nach, schreibe und beantworte Mails. Melde mich nebenbei noch schnell zur diesjährigen Fastenchallenge an. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr mich dieses gemeinsame Ausmisten motiviert. Ich weiß, dass ich nicht jeden Tag dabei sein werde, aber etwas geht immer!

Teatime. Heute mal die romantische Version und mit selbstgebackenem Quatre-quart, ein Rührkuchen.

Gestern habe ich spontan meine kleine Kamera aus der Versenkung geholt und eben gerade habe ich mir ein Handbuch bestellt, sie hat mich nämlich von Anfang an überfordert und ich will jetzt lernen, mit ihr korrekt umzugehen. Auch wenn die Handy-Bilder-Qualität natürlich für Social Media und auch für hier vollkommen ausreicht, so habe ich die breiig-unscharfen Bilder des Handy manchmal satt, insbesondere Zoomen geht gar nicht.

Monsieur ist zurück. Keine guten Nachrichten. Das Leben ist manchmal unerträglich.

Zum Abendessen gibt es die Reste von heute Mittag: Trofie mit Tomatensoße, Käse und Vanillejoghurt, aber ich habe vergessen, es zu dokumentieren.

Es fehlt ein zwölftes Bild. Sie bekommen Leonard Cohen.

Danke, wenn Sie meinen Tag angesehen haben. Die anderen 12 von 12er finden Sie verlässlich bei Caro Kännchen. Huch, da sind schon über hundert!

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Der Süden ist blau: im Februar am Meer

unbekannter Hund

Nach vierundzwanzig Stunden Wind und horizontal an unsere Fenster gepeitschtem Regen, nachdem es bei uns durch die Decke regnete, die Äste und Blüten der Mimose so nass und schwer nach unten hingen, als sei sie eine Trauerweide und sich Monsieurs Bridgepartnerin abmeldete “bei diesem Wetter ginge sie nicht aus dem Haus”, etwas worüber ich mich früher lustig gemacht habe, für das ich jetzt aber durchaus Verständnis habe, denn ja, warum soll man bei so einem Wetter rausgehen (wenn man nicht unbedingt muss, wohlgemerkt), wenn es nur einen Tag später wieder sonnig, mild und blauhimmelig ist? So wie heute.

Ich freue mich ja immer, wenn ich Ihnen das tägliche Meer etwas anders zeigen kann. Heute also lag meterhoch die Posidonie am Strand in Moure Rouge, dem östlichen Stadtteil von Cannes. Die Posidonie ist keine Alge, sondern ein Meergras, das gaanz langsam wächst und quasi die Lunge des Mittelmeers ist. Seitdem ich weiß, wie wichtig dieses Pflänzchen für das Ökosystem ist und dass es auch im trockenen struppigen Zustand am Strand liegend noch hilft, diesen vor dem Weggeschwemmt werden zu bewahren und deswegen zumindest in der Wintersaison da liegen bleiben darf, mag ich die buschigen Schwänzchen, die stacheligen Bällchen und die trockenen Gräser richtig gern. Ich finde auch nicht, dass sie schlecht riecht, aber die neuen Anwohner in den zunehmend schickeren Häusern des alten Stadtteils (ein ehemaliges Fischerdorf, hier gibt es auch einen kleinen Hafen) mögen sie nicht. Die haben häufig wenig Sinn für Ökologie und Natur, die wollen nicht über den elastischen Meergrasboden laufen und staunen, sondern sich ganzjährig an einem “sauberen” Strand sonnen. Nun, im Moment liegt sie noch da, die Posidonie und ist an manchen Stellen hoch aufgetürmt und sieht ein bisschen aus wie (kleine) Steilküste. Ich mag das.

Es war ein klein bisschen windig, ein paar Segler waren unterwegs, aber der Kiter hat es bald aufgegeben und landete am Strand: Flaute.

Schön oder?

à bientôt

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WmdedgT Februar 2024

WmdedgT steht für “Was machst du eigentlich den ganzen Tag” und das will Frau Brüllen an jedem Monatsfünften von uns wissen. Tagebuchbloggen nennt man das auch. Langjährige LeserInnen wissen das natürlich alles schon.

Um acht Uhr wache ich auf. Ich konnte gestern Abend lange nicht einschlafen, dachte immer noch an “Zone of Interest”, um ein Uhr morgens nahm ich etwas ein. Freundlicherweise hat Monsieur mich dann nicht früh geweckt.

Ich mache ein paar Dehnübungen im Bett, dann stehe ich auf, koche mir Kaffee und bereite uns beiden Marmeladenbrote mit der bitteren Orangenmarmelade zu. Monsieur hält mir schon einen Brief entgegen, an dem er lange gesessen hat und den ich gegenlesen soll. Das mache ich, wir diskutieren darüber.

Dann koche ich mir eine Ladung heißes Wasser und gehe damit ins Bad. Nein, wir haben immer noch kein warmes Wasser im Bad, wir hoffen, dass der plombier heute das bestellte Teil bekommen wird und dann, wie versprochen, zu uns kommt, ansonsten gehe ich heute Mittag wieder ins Schwimmbad, denke ich; ich war gestern nicht schwimmen wegen Kino.

Ich setze mich an den PC, habe eine Mail bekommen, deren Beantwortung mich den restlichen Vormittag beschäftigt. Schon ist es Mittag, ich mache ein schnelles und pragmatisches Mittagessen: Rest der Mangoldtarte zum Entrée, Schweinekotelett und Tagliatelle, Ziegenkäse und eine Eiercreme (Fertigdessert).

Der plombier hat sich nicht gemeldet. Vielleicht morgen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich erfahre, dass Monsieur heute nachmittag Bridge spielen wird und dass ich ihn bitte dorthin fahren möge. Sein Bridgeclub liegt auf dem Weg zum Schwimmbad, kein Problem.

Kurze Sieste. Danach sehe ich alarmiert eine neue Mail aufploppen, die mich daran erninnert, dass ich den Abgabetermin für die Kolumne des Frankreichmagazins leicht überschritten habe. Ob der Text heute käme? wird immerhin noch ganz freundlich gefragt. Ups.

14.30 Uhr Kleiner Kaffee, danach fahre ich Monsieur zum Bridge; die Mimose steht nun in voller Blüte und nimmt mir den Atem, als ich aus der Haustür trete. Wie riecht die Mimose? Süßstaubig denke ich jedes Mal. Kann etwas staubig riechen?

Ich komme sofort wieder zurück, Schwimmbad ist nicht, ich muss den Text schreiben. Ich suche meine Notizen zusammen und beginne. Ich werfe alle Ideen zusammen, der Text ist dann wie immer doppelt so lang wie er sein soll (4500 Zeichen inkl Leerzeichen).

17 Uhr mache ich mir einen Tee und esse drei Haferkekse. Ich kürze herum, verwerfe ganze Absätze, schreibe neue Absätze, kürze erneut.

Schwupps ist es 19 Uhr und Monsieur ist schon zurück und setzt sich vor den Fernseher. Ich arbeite immer noch am Text, andere Mails gehen ein, die ich nebenbei beantworte. Um halb neun bekomme ich Hunger und schäle schnell ein Stück Kürbis, aus dem ich uns ein Süppchen koche. Um 21 Uhr essen wir. Monsieur geht zurück ins Wohnzimmer vor den Fernseher, ich vor den PC.

Jetzt (22 Uhr) lasse ich den Text mal abhängen bis morgen früh, und schreibe ich schnell hier an WmdedgT, danke fürs Lesen über diesen heute sehr ereignislosen Tag, die anderen Tagebuchblogger finden Sie wie immer bei Frau Brüllen.

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Gesehen und gelesen

Heute morgen haben wir den Film “Zone of Interest” gesehen, er hatte letztes Jahr während des Filmfestivals in Cannes von sich reden gemacht und den “Großen Preis der Jury” gewonnen, Sandra Hüller spielt die weibliche Hauptrolle als Hedwig Höss, die Frau des Auschwitz-Lagerkommandanten Rudolf Höss, die in unmittelbarer Nähe des KZ Auschwitz, ein gemütliches und gastfreundliches Haus führt und einen wundervollen Garten angelegt hat, der von der Lagermauer begrenzt wird. Man würde die Mauer aber noch begrünen, “damit man sie weniger sieht”, erzählt sie ihrer Mutter, die sie dort besucht und “das Paradies” lobt, das ihre Tochter geschaffen hat. Die Mutter reist dann aber doch überraschend ab, weil sie nicht ausblenden kann, was der Rest der Familie weder hört noch sieht; auch wir Zuschauer sehen es nicht, wir hören es aber: das Brüllen, das Hundegebell, Schreie und ein stetes düsteres Tönen.

Ich konnte mir, die ich den Film während des Festivals 2023 nicht gesehen, sondern nur die Kritiken gelesen habe, lange nicht vorstellen, was das Besondere dieses Films sein sollte, kann man über Hedwig Höss’ Blumen- und Gemüsegarten wirklich einen beeindruckenden Film machen? Bis vor kurzem gab es auch keinen Trailer, nur ein Foto eines sommerlichen Picknicks am Fluss. Es blieb mir ein Rätsel. Nun, man kann, oder sagen wir Jonathan Glazer kann es. Mit einer Filmmusik einem Soundtrack von Mica Levi (ich habe extra auf den Abspann gewartet, um den Namen zu finden!). Ich bin, das wissen Sie, wenn Sie hier viel mitlesen, hochsensibel, mir gehen (Film-)Bilder nah, Gerüche ekeln mich schnell und mein Alltag ist anstrengend, weil ich alles, und alles gleichzeitig, höre. Die Musik Der Soundtrack des Filmes geht mir von der ersten Sekunde an in den Körper, vibriert und tönt in mir, wie auch die ganze Geräuschkulisse dessen, was hinter der noch ungenügend begrünten Gartenmauer geschieht, was aber bis auf den Feuerschein in der Nacht und ein paar dunkle Wolken, nicht gezeigt wird. Mir gehen die Töne buchstäblich “dans les tripes”, wörtlich “in die Eingeweide”, durch und durch, am Ende ist mir schlecht und ich könnte mich zeitgleich mit Rudolf Höss, der unablässig damit beschäftigt ist, wie man die “Lieferungen” effizient vergasen und dann verbrennen kann, im Treppenhaus übergeben.

Es ist ein wichtiger Film. Hier die deutsche Version einer französischen Kritik aus “Sortir à Paris”. Wir waren froh zu sehen, dass in dem zu einem Drittel gefüllten Kinosaal auch viele jüngere Menschen saßen.

Wir bleiben im Thema, in gewisser Weise zumindest. Denn ebenso frisch erschienen ist die Graphic Novel “Lebensborn” von Isabel Maroger, die sich mit der norwegischen Herkunft ihrer Mutter, die als kleines Mädchen von einem französischen Paar adoptiert wurde, beschäftigt. Ihre Mutter wurde 1944 in einem privaten norwegischen Entbindungsheim geboren, es war eines der Lebensborn-Heime, in denen von deutschen Soldaten geschwängerte junge Frauen anonym entbinden konnten; was sich im ersten Moment wie Mütterfürsorge anhört, war jedoch Plan einer nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik; “arisch” aussehende Kinder sollten später von SS-Familien adoptiert werden und mit zum Aufbau einer deutschen “Elite” beitragen.

Isabel Maroger erzählt die Spurensuche aus ihrer Sicht, ihre Mutter hatte bereits 2008 ihre Geschichte veröffentlicht: Les racines du silence.

Die Geschichte ist erschütternd, wird aber durch die charmante Darstellung aller Personen, die sämtlich auffallend große Augen haben, abgemildert und erträglich. Dass in der norwegischen Ursprungsfamilie so viel Liebe für die “verlorene” Tochter existiert, die sie und ihre Familie warmherzig in die Arme schließt, ist tröstlich. Ich habe die Graphic Novel in einem Rutsch durchgelesen, ich konnte einfach nicht aufhören, und ging in einer berührten aber heiteren Grundstimmung aus dem Buch. Wie gut, wenn alte und generationsübergreifend wichtige Geschichten aufgearbeitet werden können und in gewisser Weise “gut ausgehen”.

Ich hatte im vergangenen Sommer “Der Silberfuchs meiner Mutter” von Alois Hotschnig gelesen. Es ist eine ähnliche, gleichwohl viel düsterere und tragische Geschichte: eine schwangere norwegische junge Frau kommt im Heimatdorf und in der Familie des deutschen, in dem Fall österreichischen (Soldaten-) Freundes an, wird dort aber keinesfalls mit offenen Armen aufgenommen. Zurück kann sie auch nicht, ihre eigene Familie hat sie verstoßen, in Norwegen ist sie nun eine Kollaborateurin und die “Deutschen-Hure”. Die Spurensuche, hier die des Sohnes, der versucht aus den mageren Worten seiner schweigsamen Mutter, ihr und damit sein Leben zu rekonstruiren, konnte ich nur in kleinen Häppchen verkraften.

Und last, but not least, habe ich auch “Stay away from Gretchen” von Susanne Abel gelesen – erst hatte ich keine Lust, ich weiß vielleicht zu viel über das Leben während und nach dem Zweiten Weltkrieg, dachte ich zumindest, und wollte keinen seichten Roman darüber lesen. Wenn Romane oder Filme schnell zu viel Erfolg haben, werde ich ja auch eigenartig widerstrebend-widerständig und finde erst Jahre später zu ihnen oder auch überhaupt nicht. Ich folge auf Instagram aber ein paar literarisch engagierten Französinnen, die in Deutschland leben, und der Hinweis sowohl auf “Stay away from Gretchen” als auch “Lebensborn” verdanke ich der Besprechung von @cecilemrnt. Merci an dieser Stelle! Da “Stay away from Gretchen” in großen Teilen in Heidelberg und Köln spielt und zudem noch andere Themen enthält, die mich gerade stark beschäftigen, kam mir das Buch sehr nah und ich habe es auch fast in einem Rutsch gelesen.

Noch eine Mandelblüte für etwas douceur …

… wird fortgesetzt

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Chandeleur oder heut’ gibts Crêpes!

Meine Instragram-Timeline ist schon am frühen Morgen voller Crêpes-Rezepte, denn heute ist Chandeleur, Mariä Lichtmess, da werden in Frankreich traditionell Crêpes gegessen. Alle Frenchies weltweit teilen ihr Crêpes-Rezept. Traditionen wollen hier eingehalten werden, so mache ich also auch Crêpes, das Rezept nehme ich von typischfranzösisch, es ist weniger gourmand als (Achtung, hier kommen Sie zu Youtube –>) die Variante meines Koch-Helden Philippe Etchebest, von dem man immer denkt, da hat sich ein Rugbyman in die Küche verirrt, und dessen Rezepte seines Anfängerkochbuchs ich peu à peu nachkoche, und mit dem ich sogar, Achtung, das mögen Sie vielleicht nicht hören oder lesen, an Weihnachten eine terrine de Foie Gras mit Erfolg gemacht habe. Ich war ganz unsicher, ob es meiner verwöhnten französischen Familie schmecken würde und fragte dreimal nach “schmeckt es euch wirklich?”, und “ist es wirklich gut und so wie es sein soll?”, aber sie bestätigten mir mit vollem Mund, dass es köstlich sei und es blieb auch kein fettiges Entenleberstückchen übrig. Merci Monsieur Etchebest, mein Held, allerdings halbiere ich immer seine normannische Üppigkeit bei Sahne und Butter, und heute also mache ich Crêpes nicht nach seinem Rezept.

Mein größtes Problem ist nicht etwa der Teig, sondern die Form der auszubackenden Crêpes – wir besitzen drei verschiedene Crêpe-Pfannen, zwei aus Monsieurs Uralt-Beständen, die dritte habe ich mir selbst gekauft, aber irgendwie komme ich mit keiner zurecht. Nein, ich rede nichtmal davon, die Crêpe in die Luft zu werfen, die sich dabei drehen und wieder in der Pfanne landen soll, ich rede auch nicht davon, zusätzlich ein Geldstück in der Hand zu halten, was man tun soll, damit einem das Geld nicht ausgeht, ich rede nur davon, eine runde und gleichmäßig dünne Crêpe hinzukriegen. Bislang sahen meine Crêpes immer ein bisschen aus wie Kunstobjekte oder erinnerten an Quallen. Geschmeckt haben sie natürlich trotzdem. Aber ich habe nie, so wie in der Familie üblich, mal eben schnell fünfzig Crêpes gebacken und dazu eingeladen – hier isst man nämlich nicht eine Crêpe zum Nachtisch, sondern mindestens drei, man muss ja schon allein, um mehrere Geschmacksrichtungen zu probieren (Salzkaramell, Maronencreme, Zucker mit Zitronensaft, Orangenkonfitüre …) mehrere Crêpes essen; Monsieur, der Schwiegersohn und die Enkel schaffen locker fünf. Wenn wir zehn am Tisch sind, das ist man hier schnell, braucht es also mindestens fünfzig Crêpes. Ich bin froh und ausreichend erhitzt, wenn ich zehn irgendwie ausgebacken habe.

Aber auch hier gilt, Übung macht die Meisterin, und nach knapp zwanzig Jahren, habe ich heute halbwegs den Dreh raus und kann ich plötzlich auch runde Crêpes, hurrah!

Nicht unbedingt gleichmäßig dünn, das kleine Stöckchen, um den Crêpeteig schön zu verteilen, das es hier im Haushalt schon einmal gab, habe ich immer noch nicht wiedergefunden und auch nicht daran gedacht, es erneut zu kaufen, Chandeleur ist wie Weihnachten, es kommt immer ganz plötzlich.

Ich mag übrigens @clementinelatron, ein Frenchy in Amsterdam (auf Instagram) sehr gerne. Die Serie zu Crêpes ist sehr witzig!

Voilà, und wir essen jetzt! Bon appetit!

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