Sommernews aus dem Bergdorf

Wir sind der Canicule, der Hitzewelle, entkommen und früher als sonst in die Berge gefahren. Hier ist es dann wider Erwarten aber auch heiß. So früh im Jahr ist das ungewöhnlich.

Es ist so ruhig hier! Ich bin jedes Mal aufs Neue entzückt von der Stille, die hier herrscht. In Cannes hatten wir vor dem Haus eine Baustelle und hinter dem Haus waren laute Bagger im Park am Werk. Hier ist es still. Nur unterhalb des Hauses bähen und bimmeln Schafe. Es klingt, als sei es nicht die kleine Herde der Schäfer aus dem Dorf, sondern eine größere Herde, die unterhalb des Dorfes Zwischenstation macht, bevor sie weiter in die Berge zieht. Über uns fliegen ein paar handzahme Spatzen, die sich auch von meiner Anwesenheit auf der Terrasse nicht stören lassen. Vögel zwitschern, und der Kuckuck ruft auch immer noch. Durch die Gorges de Daluis folgten wir zwei Transportern, die Schafe in die Berge brachten. Kaum ein Schäfer vollzieht die Transhumanz noch komplett zu Fuß. Die Schafe werden von der Winterweide unten im Var in die Berge transportiert und nur die letzten Kilometer gehen sie zu Fuß bergauf zur Sommerweide.

Als es nicht mehr ganz so heiß war, dachte ich, ich würde mir die Schafherde mal ansehen. Vielleicht könnte ich ein paar nette Fotos machen, vorausgesetzt, die Hütehunde würden nicht wild und aggressiv hinter dem leichten Zaun bellen, um mich als potenziellen Feind zu vertreiben. Doch dann kamen wir gerade noch rechtzeitig zum Abmarsch der Schafe ins Oberdorf. Was für ein Spektakel, und das gleich am ersten Abend! Wie wunderbar! Ich habe davon auch ein kleines Video aufgenommen. Über Stunden habe ich es mit dem schwächelnden Internet erst konvertiert und dann komprimiert, um es anschließend in ein blogkompatibles YouTube-Video umzuwandeln. Groß ist es aber immer noch. Uff!

Am Sonntagmorgen widmete ich mich dann gleich meiner niemals endenden Tätigkeit, dem (Un-)Kraut-Herausreißen. Es geht relativ leicht, weil es hier wohl immer mal wieder regnet, wie sie uns gestern gesagt haben und wie wir dann nachmittags erleben durften. Es schüttete und gewitterte, und am Ende gab es noch einen heftigen Blitz, der die Sicherungen herausfliegen ließ. Dass man in diesem Land keine Blitzableiter kennt, wundert mich bei jedem Gewitter aufs Neue. Eine Freundin war aber noch vor dem Regen gekommen. Wir quatschten, tauschten Neuigkeiten aus – es gibt viele, leider nicht nur gute – und sie blieb aufgrund des nimmer enden wollenden Regens noch zum Abendessen.

So versuchte ich heute Morgen erneut, dem grün sprießenden Kraut Einhalt zu gebieten. Man könnte eine schöne Biotopkartierung auf unserer Kieszufahrt erstellen: Löwenzahn, Breitwegerich, Spitzwegerich, Klee, Disteln, Schafgarbe, wilde Möhren, Königskerzen, Gräser und allerlei anderes, das ich zwar immer mal mit meiner App „Flora Inkognita” suche, aber dann wieder vergesse.

Heute Mittag waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und morgen schon wieder. Es ist wunderbar, wie sehr man hier sozial eingebunden ist. Das stresst mich allerdings auch gleich wieder, denn ich muss ja zeitnah zurückeinladen.

Seitdem gibt es hier jeden Nachmittag Gewitter. Die kühlen es hier oben zwar schön ab, allerdings fliegen dabei auch jeden Nachmittag die Sicherungen raus und das Internet- und Telefonnetz bricht (mal kürzer, mal länger) zusammen.

Sommergewitter. Südfrankreich: nur echt mit Stromleitung vor dem Fenster

Wir hatten jetzt fast zwei Tage lang kein Internet und kein Telefonnetz. Wir lasen und hörten mit einem kleinen Radio kratzige Musik. Heute Morgen lief ich dann ans andere Ende des Dorfes und siehe da, pling, pling, ich erhielt die ersten Nachrichten, denn hier wird das Dorf von einer anderen Antenne versorgt. Zuhause hatte ich erst kurz vor 12 Uhr wieder Netz. Der erste Anruf, der durchkam, war gleichmal eine Mahnung, weil ich vergessen hatte, etwas zu überweisen. Und schon ziehen wieder dunkle Wolken auf.

Gestern Morgen war ich im größeren Dorf, um Brot zu kaufen und mich mit einer Freundin zu treffen. Wir konnten uns kaum verstehen, so laut waren die ständig durchrasenden Motorräder. Dann gab es noch zwei Ferraris, die ihre Motoren röhren ließen, bevor sie sich entscheiden konnten, ob sie weiter hochfahren oder doch lieber wieder umkehren wollten. Herrje. Unter den Motorradfahrern waren auch viele Deutsche. Ich muss aufhören, mich für alle Deutschen verantwortlich zu fühlen, die hier einen Kaffee trinken wollen. Die Auswahl in der Bäckerei gefällt ihnen nicht. Das industriell gefertigte Brot und die diversen Backwaren im kleinen Lebensmittelladen wollen sie natürlich auch nicht und die einzige Kneipe (Bar Tabac), in der man einen Milchkaffee bekommen könnte, gefällt ihnen auch nicht. Ob es im nächsten Dorf nicht etwas Besseres gäbe, werde ich gefragt. Ich sage, das nächste Dorf mit Bäcker und ähnlicher Kneipe sei 45 Minuten entfernt. Oder sie fahren hoch in den Skiort Valberg, das ist nur etwa eine Viertelstunde entfernt. Dort gibt es immerhin drei Bäcker. Dass diese auch keinen Milchkaffee im Angebot haben und das Angebot an Backwaren gegen 10 Uhr schon begrenzt sein kann, sage ich nicht. Das wollen sie aber sowieso nicht, denn es liegt nicht direkt auf ihrem Weg „ans Mittelmeer“, wie sie mit leuchtenden Augen sagen. „Dann nicht“, zucke ich mit den Schultern. Sie lassen aber nicht locker. Sie haben unterwegs einmal so ein tolles Frühstück bekommen. Ob man so etwas nicht auch hier … ich lasse sie dann aber alleine mit ihrem Schicksal und gehe mit der Freundin Milchkaffee trinken in der, zugegeben nicht sehr charmanten, aber einzigen Bar Tabac im Ort. Der Milchkaffee dort ist ziemlich gut.

Heute ist das Gewitter schon früher durchgezogen und hat zumindest bis eben keine nennenswerten Schäden hinterlassen. Am Samstag findet das Mühlenfest statt. Es gibt eine Wanderung zur weit unten liegenden Mühle, ein Picknick, später einen Apéro und ein Barbecue auf dem Platz. Danach gibt es noch ein Open-Air-Konzert. Hoffentlich bleibt es wenigstens am Samstag trocken!

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Berlin Ost und West

Wir waren aufgrund der Flugverspätung mitten in der Nacht in Berlin angekommen.

Die angeheiratete Enkelin verbringt ein Erasmus-Semester in Berlin – Grund genug, sie dort zu besuchen. Ich war also mit der französischen Familie unterwegs – eigentlich sollten wir zu siebt sein, aber einer fiel wegen eines akuten Blinddarms aus, Monsieur hingegen wegen eines akuten „Das ist mir alles zu viel“. So teilten wir unsere zwei Vierbettzimmer im Jugendhotel in ein Zweier- und ein Dreier-Grüppchen auf und hatten mehr Platz. Das Hotel liegt am Rande des Prenzlauer Bergs, sodass ich erstmals in all den Jahren, in denen ich nach Berlin fahre, im Osten untergebracht bin. Noch nie bin ich so viel durch den Osten gefahren und gelaufen, noch nie habe ich so viele Plattenbauten bewusst wahrgenommen, noch nie war der Alexanderplatz mein täglicher Umsteigebahnhof und noch nie habe ich den Fernsehturm so intensiv wahrgenommen. Es ging mir mit ihm so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris – ich sehe ihn dieses Mal ständig.

Auch die Enkelin wohnt in einem Studentenwohnheim im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg, im Hans-und-Hilde-Coppi-Haus, und ist komplett ostorientiert. Sie würde keinesfalls in Charlottenburg schwimmen gehen, da kann das Schwimmbad noch so schön sein, es ist ihr einfach zu weit weg. Ich wusste vorher nicht, dass Hans und Hilde Coppi in etwa das ostdeutsche Pendant zu Hans und Sophie Scholl sind. Vielleicht wussten Sie das aber schon und/oder haben den letzten Film von Andreas Dresen gesehen und sind besser informiert als ich.

Aus unserer Gruppe sind manche zum ersten Mal, andere zum zweiten Mal in Berlin, wir machen also, zusammen mit der Enkelin, das klassische Touristenprogramm, und darunter sind überaschenderweise Orte, die sogar ich noch nie gesehen habe!

Das Stasimuseum zum Beispiel, im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit – meine Güte, was für ein riesiger Komplex! Und was für ein riesiges und informatives Museum! Es ist natürlich viel zu viel für unbedarfte Frenchies, und wir haben ja noch so viel anderes vor, also versuche ich sinnvoll abzukürzen und erkläre, soweit ich es vermag, und weise auf den Film “Das Leben der anderen” hin. Ich habe extra eine Fotoerlaubnis miterworben, aber ich mache dann kaum Fotos.

Teil des Stasi-Ministeriums (es gibt Büroräume zu mieten :D )

Danach brauchen wir erstmal eine Currywurst, eigentlich hatten wir Konnopke (im Osten) geplant, landeten dann aber aus Versehen bei Curry 61 in der Oranienburgerstraße, die Enkelin verzog abschätzig den Mund, sie ist jetzt schon Currywursterfahren, aber ich fand die Qualität gut (“mit Darm” übrigens, das ist man früher nicht gefragt worden, will mir scheinen) und die junge Frau, die uns bediente, schnitt die Wurst noch von Hand, die Pommes waren perfekt.

Wir tranken einen Kaffee und aßen deutschen Käsekuchen in einem Café in den Hackeschen Höfen. Die Kellnerin war Französin und wir plauderten vergnügt. Danach fuhren wir ins Hotel und brauchten alle ein Mittagsschläfchen. Als wir wieder fit waren, war es Zeit für den Apéro. Wir entdeckten in einer Nebenstraße des Hotels eine nette Kneipe mit freundlicher Bedienung. Wir setzten uns nach draußen, direkt neben eine Gruppe bereits sehr gut gelaunter Franzosen. Ganz Berlin ist voller Franzosen. Mein Hirn drehte durch und ich vergaß zwischenzeitlich, dass ich auch Deutsch sprechen kann. Aber ich kam gut mit Französisch durch. Haha. Wir überlegten, wo wir zum Essen hingehen könnten, und bekamen von den Franzosen, die alle in Berlin leben und arbeiten, verschiedene Restaurant-Tipps. Diese stellten sich jedoch als zu hochpreisig für unser Budget heraus, oder sie waren zu weit weg. Da es außerdem gerade heftig zu regnen begann, landeten wir schließlich bei einem französisch sprechenden Italiener in derselben Straße. Das mit dem Regen sollte sich in den nächsten Tagen fortsetzen.

Am nächsten Morgen fuhren wir zum Reichtag und bestiegen die Kuppel. Da war ich zwar vor etwa zwanzig Jahren schon einmal gewesen, aber ich war beeindruckt, als hätte ich sie noch nie vorher gesehen. Tolle Architektur!

Es fing wieder heftig an zu regnen, aber kurz darauf wurde der Himmel über Berlin wieder blau.

Auf dem Weg zum Mittagessen in der Markthalle 9 machen wir einen Abstecher zum Bahnhof Friedrichstraße und dem „Tränenpalast“. Auch dies ist ein Museumsort, den ich noch nie besucht habe. Ich habe jedoch einen persönlichen Erinnerungsmoment, als ich die komischen, engen Resopalboxen wiedersehe, in denen ich mich bei meinem ersten Ost-Berlin-Besuch zu Schulzeiten wiederfand. Oft habe ich davon erzählt, wie unangenehm dieser Moment allein mit dem Grenzbeamten in dieser Box war. Er blätterte in meinem Pass, verglich mich mit meinem Passbild und brauchte gefühlte Ewigkeiten, um den DDR-Ausreisestempel in den Pass hineinzudrücken. Dass ich diese Boxen noch einmal wiedersehen würde, hätte ich nicht gedacht.

Nach dem Mittagessen (Pulled Pork-Sandwich und anschließend Rhabarberkuchen) teilten wir uns auf – ich brauchte Ibuprofen für meine schmerzenden Knie und suchte mir eine Apotheke, die anderen liefen die Eastside-Gallery entlang.

Ich setzte mich in die Straßenbahn und dachte, ein bisschen allein durch den Prenzlauer Berg zu schlendern, aber den anderen war die East-Side-Gallery auch schnell zu langweilig und wir trafen uns alle in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Dort fing es mal wieder an zu schütten. Den Berlin-Erstbesuchern war es jetzt langsam zu viel mit der Mauer und dem Osten und dem Westen. Immer noch mehr Filme und Fotos … die mich jedoch, je älter ich werde, umso mehr anrühren.

Abends waren wir mit drei Berliner Freunden bei einem Vietnamesen verabredet – es ist ein Touri-Vietnamese, den wir ausgesucht haben, aber egal. Für mich ist es das erste vietnamesische Essen, das ich überhaupt bestelle (der Enkel hatte vor zwei Jahren ein Auslandssemester in Vietnam gemacht und seitdem isst die französische Familie gerne vietnamesisch), ich war komplett überfordert von der Karte, dachte, eine Suppe bestellt zu haben, bekam aber Nudeln mit Hühnchen. War trotzdem gut.

Am nächsten Morgen trennten wir uns, manche flogen in aller Herrgottsfrühe schon wieder zurück nach Toulouse, andere machten eine der Unterwelten-Touren, und ich besuchte die beste Freundin in der Hufeisensiedlung.

Aber erst mache ich noch ein paar Fotos vom Hotel (einfach, sauber und gut, auch hier übrigens wieder viele Franzosen) und dem Viertel, wo wir untergebracht waren.

Am Alexanderplatz dann mache ich noch schnell Fotos vom Allesandersplatz-Schriftzug am Haus der Statistik, den ich abends – stark leuchtend – leider verpasst hatte zu fotografieren (und auch erst gar nicht kapiert habe). Wenn ich die Berliner Freunde richtig verstanden habe, wird jetzt aber doch nicht alles anders, aber ich finde nur diesen nicht ganz negativen Text in der taz dazu.

Gleich nebenan steht das Haus des Lehrers und der Fries an der Fassade erinnerte mich an etwas, ich wusste nur nicht, woran, denn ich sah es meines Wissens zum ersten Mal.

Dann gings zur Hufeisensiedlung.

Bruno Taut
Im letzten Stock nisten Elstern

Zum Mittagessen muss es noch ein Lahmacun mit Dönerfleisch sein. Das habe ich schon bestimmt zwanzig Jahre lang nicht mehr gegessen. Früher habe ich mich davon ernährt. So lecker.

Döner macht schöner!

Und ab gings zum Flughafen. Das Flugzeug hat Verspätung, aber wir kamen gut wieder zuhause an.

Dort sehe ich dann, dass der Umschlag von Christoph Heins „Narrenschiff” mit dem Fries vom Haus des Lehrers gestaltet ist. Das ist vielleicht ein Zeichen, dass ich es jetzt endlich weiterlese. Es liegt schon monatelang auf meinem Nachttisch und ich bin nicht über die ersten fünfzig Seiten hinausgekommen.

Und hier noch ein Berlin-Ohrwurm von Hildegard Knef. Ich hatte es heute den ganzen Tag im Kopf.

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Durch italienisches Hinterland und radeln an der Küste

Zwischenzeitlich war ich eine Woche in Deutschland, bin auch schon wieder auf dem Sprung Richtung Berlin, möchte aber doch gerne noch über die zwei Tage in Italien berichten, die sich an unsere Zeit in La Brigue angeschlossen haben. Ich wollte der Journalistin nämlich noch etwas italienisches Hinterland zeigen, das dem französischen ähnlich, aber doch anders ist. Vor vielen Jahren hatte ich für einen Reiseanbieter eine Kulturwanderreise übersetzt und wollte die kleinen Dörfer, die darin so liebevoll beschrieben wurden, gerne mit eigenen Augen sehen. Ich fuhr also hin und machte eine Art Dörfer-Besichtigungs-Marathon: Dolceaqua, Pigna, Rocchetta Nervina, Isolabona und Apricale. Ich war so entzückt und wollte seit damals immer mal wieder dorthin fahren und mehr Zeit dort verbringen, aber geschafft habe ich es bis heute nicht. Jetzt also! Natürlich wollte ich nicht alle reizenden Dörfer anfahren. Ich wählte Apricale und Perinaldo aus, über die ich am meisten Material hatte. Die Geschichte dieser mittelalterlichen Dörfer ist so facettenreich, dass sie eigentlich nicht in wenigen Worten erzählt werden kann: Apricale zum Beispiel war zunächst autonom, wurde dann Spielball zwischen dem Adelsgeschlecht der Doria mit ihrem Sitz in Dolceaqua und den Grimaldis in Monaco, gehörte ein Jahrhundert lang zu Savoyen und mussten die Konflikte ertragen, die von der Außenpolitik Savoyens erzeugt wurden: Korsen, die im Dienste der Republik Genua standen, verwüsteten die Gegend, es folgten Pestepidemien und die Erbfolgekriege Österreichs vollendeten den Untergang Apricales. Apricale ist heute als Kunstort bekannt, es gibt jede Menge Kirchen, Fresken und eine Festung, in der das Museum von Apricale untergebracht ist. Es gäbe also viel zu sehen. Ich habe uns über winzige Sträßchen durch wunderschöne Landschaften voller Olivenbäume dorthin gekurvt.

Apricale (von der anderen Seite noch attraktiver)

Doch die Journalistin ist nicht halb so begeistert vom Anblick des Dorfes, das, nun ja, wie so viele andere Dörfer auch, zusammengedrängt am Berg klebt. Ich erinnerte mich an einen offenen und eleganten Platz mit geschwungenen Aufgängen, der mich nach den üblichen engen und dunklen Gassen seinerzeit begeistert hatte, und drängte ein bisschen, dass wir uns das Dorf wenigstens kurz ansehen. Dass wir sofort einen Parkplatz finden, macht die Sache einfacher.

Gasse mit Fresken
Typische Steinarkaden – carugi – in Apricale

Seit meinem letzten Besuch ist einige Zeit vergangen. Der in meiner Erinnerung weite und leere Platz ist nun voller Tische, Stühle und Sonnenschirme. Natürlich sind auch viele Menschen dort, die zu bester Mittagszeit essen.

Piazza Vittorio Emanuele II

Ich hatte etwas Ähnliches für uns angedacht, aber die Journalistin winkt nur ab. Sie will nach all dem Gekurve und all den Dörfern ans Meer. Möglichst früh, damit sie noch ausreichend davon profitieren kann. Verständlich, wenn man das Meer nicht täglich vor der Haustür hat, aber Perinaldo, das Dorf der Astronomen, das ich vor zehn Jahren nicht sah, weil ich damals den weniger kulturbeflissenen Gatten in einem Bistro abholen musste, sehe ich auch dieses Jahr nicht, bzw. nur beim Durchfahren. Es ist Pfingstsonntag und alle Italiener besuchen ihre Familien im Hinterland. Es gibt nirgends einen freien Parkplatz, nicht einmal einen winzigen im Halteverbot. Dann eben nicht.

Denkmal für den Astronomen Giovanni Domenico Cassini in Perinaldo

Wir fahren nun zügig, soweit es die kleinen ligurischen Straßen zulassen, Richtung Meer.

Ligurische Berge und Meer

Bei der Vorbereitung unserer kleinen Reise hatte ich keine Lust auf sehr touristische Orte wie San Remo, das mich an Cannes erinnert. Deshalb habe ich Arma di Taggia als unseren Standort ausgewählt. Das kleine Städtchen liegt an der ligurischen Riviera, auch Blumenriviera genannt, die ihrem Namen derzeit mit den üppig blühenden Bougainvilleen in Violett und Weinrot alle Ehre macht. Arma di Taggia ist dann zwar nicht besonders reizvoll, hat aber immerhin einen langen, feinen Sandstrand, der an diesem Küstenabschnitt eine Seltenheit ist. Außerdem verfügt die Stadt über eine nette, kleine Strandpromenade. Unser Hotel liegt genau dort, sodass man in einer Minute am Strand ist. Es liegt außerdem am vor ein paar Jahren neu geschaffenen Radweg, der von Ospedaletti bis nach Imperia führt. Der Radweg verläuft auf der ehemaligen Bahntrasse, die ein paar Kilometer weiter ins Hinterland verlegt und untertunnelt wurde. Das Projekt ist wohl noch nicht beendet, aber man kann heute immerhin 30 Kilometer einfache Strecke am Meer entlangradeln, und das auf einem sehr komfortablen Radweg. Das haben wir für den Folgetag geplant und dazu, auf Wunsch der Journalistin, E-Bikes bestellt.

Ich habe in Deutschland seinerzeit alles mit dem Rad erledigt, fahre aber im tendenziell fahrradunfreundlichen Südfrankreich schon seit Jahren kein Fahrrad mehr, weil es mir einfach zu gefährlich ist. Das Radfahren aber fehlt mir. Die Idee, mir ein E-Bike zuzulegen, mit dem ich wenigstens flüssig im hügeligen Cannes im Straßenverkehr mitfahren könnte, kommt mir immer mal wieder in den Sinn. Ich habe bisher keine Erfahrung mit E-Bikes und habe mich deshalb bei einer Freundin, die selbst ein (klassisches Holland-) E-Bike hat, kurz einweisen lassen. Ich bin entsprechend aufgeregt, als ich jetzt die sehr sportlichen Geschosse sehe, die uns zugedacht sind, mit einem Sattel, der vielleicht für einen Tour de France- oder den Giro d’Italia-Radler geeignet ist, aber meinem Hinterteil schnell Schmerzen bereitet. Die etwas jüngere und E-Bike-erfahrene Journalistin ist schon auf- und davongeschossen und ich fahre ihr nun hinterher – vormittags zunächst in die eine Richtung, vorbei an San Remo, bis ans Ende der Strecke in Ospedaletti und zurück, und nachmittags dann in die andere Richtung bis nach Imperia. Ich muss zugeben, dass ich acht Kilometer vor Imperia aufgegeben habe, weil ich einfach nicht mehr auf diesem Sattel sitzen konnte.

Blick von einer Terrasse in Ospedaletti

Bei Herrn Buddenbohm gab es gerade mehrere Beiträge, in dem E-Bikes und Tourismus kritisch beleuchtet wurden. Ich schreibe diesen Text auch deswegen, weil ich eine der „Ü60-Radlerinnen” bin (allerdings noch nicht mit Gerinnungshemmer-Medikament unterwegs, wie es in einem ebenso kritischen Kommentar heißt), die sich gerade auf ein E-Bike geschwungen hat. Für diese flache Strecke hätte ich es an einem windstillen Tag zwar nicht gebraucht, aber man saust beeindruckend schnell und leicht davon (und kommt glücklicherweise ebenso schnell durch die vielen langen und sehr kalten Tunnel).

Als wir kurz außerhalb der Fahrradpiste unterwegs waren, und ich eine Steigung schwungvoll hinaufradelte, schaltete die Ampel oben auf Rot, das Auto vor mir hielt an und ich versuchte, daran vorbeizufahren, um nicht am Berg anhalten zu müssen. Dummerweise kam mir auf der Gegenspur ein Polizeiauto entgegen. Also musste ich doch irgendwie anhalten und kippte beim versuchten Absteigen, aufgrund des Schwungs und der Schwere des Rades direkt vor dem Polizeiwagen einfach zur Seite. Glücklicherweise halfen mir Passanten auf, denn ich lag wieder mal so hilflos auf dem Boden und dieses Mal unter dem schweren E-Bike begraben. “Tutto a posto, Signora?” fragten die Polizisten, als sie mit abschätzigem Blick langsam an mir vorbeifuhren. Vielleicht fragen sie sich auch, ob diese Fahrradstrecke an ihrer Küste so ein guter Deal war und warum Menschen über 60 nun auch noch E-Bike fahren müssen.
Nun, ich hatte mir, Schutzengel sei Dank, kein Handgelenk gebrochen (ich kenne einen Fall von Ü60-Handgelenksbruch in einer vergleichbaren Situation mit E-Bike) und auch sonst nichts. Nur ein paar blaue Flecken, und das Rad war ein bisschen verbogen, aber das ließ sich wieder zurechtrücken. Einen Moment lang zitterten mir die Knie, aber dann stieg ich wieder auf und sauste der bereits weit entfernten Journalistin hinterher.

Sandstrand und flaches Meer in Arma di Taggia

Falls Sie dieser Ausflug reizen sollte, nur zur Info: Die Strecke Richtung San Remo ist ein bisschen touristischer (alles ist dort touristisch), man teilt sich die Piste auch mit den sogenannten Quadricycles, in denen vergnügte Familien sitzen, Eis essen und mehr oder weniger dynamisch in die Pedale treten. In Richtung Imperia war deutlich weniger los (vermutlich auch, weil derzeit eine Brücke hinter Arma di Taggia gesperrt ist und man ein Stück über die Nationalstraße fahren muss) und dort wurden wir hin und wieder von sportlichen Rennradgruppen überholt.

Übrigens: Nach meinem E-Bike-Umfall mein Fazit: ich werde mir kein E-Bike zulegen! Gerade, weil Cannes so hügelig ist und ich in komplexen Situationen (nicht nur) am Berg nicht mehr schnell genug vom (schweren) Rad springen kann. Immerhin eine Ü60erin, die vernünftig geworden ist.

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Kleine Wanderung im Hinterland

Wir entschieden uns, nicht wie ursprünglich geplant nach Casterino zu fahren, um von dort aus zu einem See zu wandern, sondern eine Wanderung vor Ort zu machen: die zur nur wenige Kilometer entfernten kleinen Kapelle Notre Dame de la Fontaine. Man kann auf verschiedenen Wegen dorthin gelangen.

Wir wählten die einfache sechs Kilometer lange Wanderung auf halber Höhe oberhalb der Straße mit nur etwa 250 Metern Höhenunterschied, insbesondere wegen meiner doch nicht ganz beweglichen Knie. Diese Wanderung hätte ich alleine sicherlich nicht gemacht. Wir brauchten auch nicht die im Wanderführer angegebenen eineinhalb Stunden, sondern (mit Fotostopps und Picknickpause) knapp vier Stunden. Das war aber nicht schlimm, denn die Kapelle ist in der Nebensaison nur nachmittags geöffnet und wir kamen somit gerade richtig.

Hier wachsen Orchideen
und Thymian und Bohnenkraut (Sariette)

Die Wanderung verläuft über einen schmalen Waldweg, sodass man die meiste Zeit im Schatten läuft – Gott sei Dank, denn es ist in den letzten Tagen überraschend heiß geworden. Man muss ausreichend Wasser mitnehmen, denn es gibt unterwegs keine Wasserstellen. Das plätschernde Bächlein am Ende sieht zwar verlockend klar aus, ist aber kein Trinkwasser, da oberhalb Schafe und Kühe weiden, die dort nicht nur trinken, sondern auch hineinpullern.

In Notre Dame de la Fontaine gibt es also leider keinen Brunnen, wie der Name verheißungsvoll ankündigt, aber jede Menge Fresken.

Die Kapelle wird auch „die Sixtinische Kapelle der Alpen” genannt, da sie vollständig mit Fresken ausgemalt ist. Diese zeigen Szenen aus dem Leben Marias und Christi sowie das Jüngste Gericht. Sie stammen von Giovanni Canavesio und wurden im 15. Jahrhundert geschaffen. Die in kräftigen Farben gehaltenen Darstellungen sind wirklich beeindruckend, geradezu modern und expressiv.

Hier in der Mitte das Ende von Judas, dem der Teufel die Seele (aus den Eingeweiden heraus) raubt. Sehr drastisch. Die Szenen des Jüngsten Gerichts sind auch sehr eindrücklich. Die habe ich aber nicht mehr fotografiert, weil ich überraschend mit dem kleinen Bus zurückfahren konnte, mit dem die sehr nette Dame des Office de Tourisme gerade eine Gruppe Touristen zur Kapelle gebracht hat. Die sechs Kilometer auf und ab haben mich an meine Knie-Grenze gebracht.

Ich bin trotzdem ziemlich stolz auf meine Leistung und gönne mir im schattigen alternativen Garten des Lädchens, wo wir gestern schon die Abendsonne genossen haben, ein Stück Heidelbeerkuchen. Die Journalistin geht tapfer zu Fuß zurück.

Am nächsten Tag fahren wir auf die italienische Seite.

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Vier Tage im Hinterland

Sospel

Wie Sie wissen, sieht die südfranzösische Welt nur knapp zwei Stunden entfernt von Cannes und der Côte d’Azur ganz anders aus. Die Rede ist vom Hinterland, dem Arrière-Pays, das ich sehr liebe und das ich der Journalistin nahebringen wollte. Wir ließen also die Goldene Palme den anderen und kurvten zunächst hinauf ins Roya-Tal, über Sospel, Saorge, La Brigue und Tende. Hier war ich das letzte Mal vor fünfzehn Jahren.

Eigentlich hatten wir den kleinen Wintersportort Casterino in der Nähe von Tende als Ziel gewählt, von dem aus man im Sommer zu diversen Wanderungen starten kann. Das gewählte Hotel (ein hübsches Chalet mit einem gewissen Standard), in dem ich schon im März versucht hatte, Zimmer zu reservieren, hatte sich allerdings weder auf meine Reservierung, meine Anrufe noch meine Mails gemeldet. Das Office de Tourisme vor Ort, das ich irgendwann zurate zog, entschuldigte sich, sagte, das Hotel öffne etwas später im Jahr, und versprach mir, dass es bestimmt noch klappen würde. Ich hinterließ immer wieder Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und vertraute auf die südfranzösische Spontanität. Aber eine Woche vor unserer Abreise war das Hotel immer noch geschlossen. Das Office de Tourisme sandte mir freundlicherweise eine Auswahl anderer Übernachtungsmöglichkeiten im Umkreis. Ich rief sie der Reihe nach an, nur um festzustellen, dass unser gewähltes Wochenende das Pfingstwochenende war und die Auberges und Hotels so gut wie ausgebucht waren. Dem Wirt der Auberge in La Brigue, der sagte, er habe noch zwei Zimmer frei, bin ich quasi durchs Telefon um den Hals gefallen.

La Brigue wird also unser Quartier. Zunächst besichtigen wir jedoch Saorge, ein langgezogenes Dorf, das am Berg klebt, und dessen parallel zum Berg verlaufende enge Gassen sich ineinander verflechten. Dazwischen führen Treppen nach oben und unten. Alles wird hier zu Fuß transportiert, die Autos bleiben außerhalb des Dorfes stehen.

In Saorge gibt es sogar eine Buchhandlung, in der man auch Brot bestellen kann – vermutlich, weil es keinen Bäcker gibt (ich habe zumindest keinen gesehen). Denn ja, der Mensch lebt nicht vom Buch allein. Eine der vielen Kirchen wird als Stadtbibliothek genutzt. Ein besonderer Arbeitsplatz, der aber nur im heißen Sommer wirklich angenehm ist. Die restliche Zeit sitzt die Bibliothekarin immer dicht an der Heizung, wie sie uns erzählt. Ich finde es rührend, dass die Kinderbücher vor dem Marienaltar angeordnet sind. Die Krimis und Erwachsenenliteratur befinden sich im hinteren Teil der Kirche und sind zusätzlich durch einen Vorhang getrennt.

In dem ehemaligen Franziskaner-Kloster am Ortsende (mit wunderschönem Garten) können Schriftsteller und Künstler für vier Wochen in Ruhe arbeiten.

Selbstverständlich muss man sich dafür bewerben und ist während des Aufenthalts dazu verpflichtet, dem Kloster und den Dorfbewohnern etwas von seiner Arbeit zu zeigen – entweder, indem man aus seinem Text vorliest, oder indem man ein Kunstwerk zeigt: In den Tiefen des Klosterkellers hat der Künstler Georges Rousse einen goldenen Kreis, eine Lux Aurea geschaffen.

Die (das?) „Lux Aurea“ besteht aus vergoldeten Kupferblättern, die an den Wänden, Böden und Gewölben des Raumes angebracht sind. Befindet sich der Betrachter an einem ganz bestimmten Blickpunkt, nimmt das Werk die Form eines goldenen Kreises an, der zugleich an den Heiligenschein des Heiligen Franziskus und an die Sonnenscheibe erinnert.

Wir essen eine Kleinigkeit im Bistro der Petite Épicerie und fahren dann weiter nach La Brigue. Tende, das eigentliche Highlight des Tages, zumindest halte ich es bislang dafür, sehen wir nur kurz von außen an. Es sind, das merke ich schon, zu viele Dörfer für die Journalistin.

Blick aus dem Rückspiegel auf Tende

La Brigue liegt abseits der kurvigen Bergstraße und ist ander als Saorge noch ein richtiges Auto-Dorf (zumindest im unteren flachen Teil, durch die engen Gassen kommt dann auch kein Auto mehr). Auf allen Plätzen des Dorfes parken Autos, wir stellen unseres dazu. Vor fünfzehn Jahren haben wir hier nur kurz gehalten, und ich habe noch italienische Inschriften an Hausfassaden entdeckt, die jetzt kaum noch vorhanden sind.

La Brigue und die anderen Dörfer des Royatals liegen nah an der italienischen Grenze. Sie waren während des letzten Kriegs umkämpft und von Italien besetzt. La Brigue blieb bis 1947 italienisch, danach wurde in einer Volksabstimmung entschieden, dass man wieder zu Frankreich gehören wolle.

Das sehr nette Paar, das die Auberge führt, ist auch binational, sie ist Italienerin, er Franzose, er kocht mit italienischem Einfluss und macht seine vielfältige Pasta selbst. Die Auberge liegt an einem der Plätze des Dorfes, man hat drei mittelalterliche Häuser zusammengefügt und zu den Zimmern geht der Weg durch enge Flure und Türen von einem Haus ins andere und steile Treppen hinauf. Die Zimmer sind einfach, aber groß, zumindest für französische Verhältnisse, haben je ein eigenes Bad, und die Betten haben guten Matratzen.

Blick aus dem Fenster vom Bett aus

In La Brigue, das im Reiseführer als ein Dorf voll bröckeliger Fassaden beschrieben wird, finden sich nicht nur überraschend viele Autos sondern auch Menschen, Einheimische und Touristen. Es ist eine sehr lebendige Stimmung in der Abendsonne auf dem Platz vor der Auberge und entlang des kleinen Flusses, wo ein alternatives Lädchen kleine Speisen und von Prosecco über Bio-Limonaden allerhand Überraschendes anbietet.

Und ja, es gibt graue und bröckelnde Fassaden, manches Haus gleicht einer Ruine, gleich daneben aber gibt es zu bunten Schmuckstücken herausgeputzte Häuser, und man ahnt etwas vom Reichtum und der großen Zeit dieses Dorfes, das an der Salzroute liegt und seinerzeit Geld mit den besonderen La Brigue-Schafen und ihrer Wolle erwirtschaftet hat. Im ganzen Dorf hängen Fotos von früher, und schon allein die Tatsache, dass es so viele Fotos vom Dorf, von Festen, der Arbeit und den Menschen gibt, zeigt, dass es ein reiches Dorf war.

Zum Vergleich: Von “meinem” Bergdorf gibt es ein einziges Foto von “früher” – ein paar Frauen stehen um den Brunnen – und niemand weiß, wer die Frauen sind, von wann das Bild stammt und wer es aufgenommen hat.

Oberhalb des Dorfes gibt es eine Burgruine und dahinter erstrecken sich die Gärten der Einwohner.

So viel für eben. Am nächsten Tag machten wir eine Wanderung.

Ich hoffe, dass ich davon morgen noch berichten kann, denn am Montag fliege ich wieder nach Deutschland – aber ich will versuchen, die kleine Reisebeschreibung fortzusetzen.

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Klatsch und Tratsch aus Cannes

Gestern Morgen drückte man mir an einer Straßenecke die “Gala-Croisette” in die Hand, die sie während des Festivals täglich herausbringen. Ein fettes und schweres Hochglanzmagazin mit großformatigen Schaupielerfotos, Infos über die an diesem Tag aktuellen Filme und viel Werbung für teure Autos, Schmuck, Parfüms und “places to be”.

Es wird auch jeden Tag die oder der stilvollste Star mit einer Sonderseite “La Palme du Glam” gekürt. Gestern war es Coco Rocha, die im Hotel Carlton residiert. Sie trägt ein Vampirhaftes schwarzes Samtoutfit von Gaurav Gupta, einem indischen Avant Garde Couturier.

Beide kann man vermutlich nur kennen, wenn man fest mit der Welt der Mode und des Luxus verwoben ist. Leider habe ich “Der Teufel trägt Prada Teil 2” gerade verpasst und bin daher nicht im Bilde. Im oben verlinkten Wikipedia Artikel zu Coco Rocha steht, dass sie zu den Zeugen Jehovas gehört – das verstehe, wer will.

Mir sind dieses Jahr weniger dramatische Outfits aufgefallen, vermutlich, weil ich zu viel anstand (und anstehe) um in die Quinzaine-Filme zu kommen und weniger darauf achte, was auf dem Roten Teppich so los ist. Mir entgehen auch die wichtigen Infos über Filme, Fjord, zum Beispiel. Ein Film des rumänischen Filmemachers Cristian Mungiu (der übrigens 2002 erstmals in der Quinzaine vertreten war und seit 2007 mehrfach mit Filmen im Offiziellem Wettbewerb um die Goldene Palme dabei ist), in dem eine konservative rumänische Einwandererfamilie in Norwegen in Konflikt mit den norwegischen Behörden gerät, die deren konservative Kindererziehung (tägliche Gebete, keine Smartphones) missbilligen.

Immerhin habe ich aus dem Augenwinkel Isabelle Huppert gesehen, die sich dieses Jahr in einem massiven schwarzen Lederkleid gekleidet plump wie ein Zombie bewegte. Viel eleganter Carla Bruni, die “weißen Tiger” wagte (laut Pure People). Ich finde, es sieht eher nach Zebra aus, aber was weiß ich schon.

Hier noch ein paar Eindrücke aus den Schaufenstern der Croisette.

Leider ist hier die Spiegelung zu dominant. Aber diese Outfits haben mich echt beeindruckt in ihrer urbanen Hässlichkeit und das neben all den Glitzerkleidchen in den Schaufenstern rechts und links.

Interessant fand ich den in der Gala veröffentlichten Briefwechsel von 1962 zwischen der Metro Goldwyn Mayer Filmgesellschaft und dem damaligen Präsidenten des Filmfestivals über die nicht bezahlten Rechnungen von Nathalie Wood und ihrem damaligen Geliebten Warren Beatty.

Beide logierten vier Nächte im Carlton in getrennten aber “kommunizierenden” Zimmern und waren abgereist, ohne die Rechung von umgerechnet etwa 4000€ zu bezahlen. Die M.G.M. lehnt es ab, die Summe zu übernehmen, da Nathalie Wood persönlich vom Palais des Festivals eingeladen worden war, und sie bislang keinen Film bei der M.G.M. gemacht habe. Von Warren Beatty, der sich uneingeladen mit im Reisegepäck von Nathalie Wood befunden habe, gäbe es nur einen Film bei der M.G.M. Die Gesellschaft fühle sich nicht zuständig für diese Kosten.

Die M.G.M. kann sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass sie auf dringende Bitten des Palais des Festivals interveniert habe, damit Nathalie Wood nicht schon nach drei Tagen, in denen sie ihr Zimmer nicht verlassen habe, wieder abreise, sondern verlängere, um unbedingt noch an einem Dinner mit dem Bürgermeister von Cannes teilzunehmen.

Anscheinend haben sich die Herren dann in einem persönlichen Gespräch geeinigt, die Kosten jeweils hälftig zu übernehmen. Nathalie Wood und Warren Beatty trennten sich nach drei Jahren “tumultöser” Beziehung. Wie ich dem Wikipedia Artikel entnehme, ist Nathalie Wood später unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Ihre Töchter verdächtigten den Ehemann und Vater, sie ermordet zu haben.

Kommen wir zurück in den Alltag der kleinen Stadt am Meer. Es werden immer noch Filme gezeigt und Einladungen gesucht

und die Eispreise dieses Jahr stehen bei schlappen 4,50€ pro Kugel.

So viel für heute!

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Harlem in Cannes

Gestern Abend habe ich mir den Film „Once Upon a Time in Harlem” angesehen, eine Dokumentation über die „Harlem Renaissance”, die erste intellektuelle Bewegung schwarzer KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und MusikerInnen in den 1920er und 1930er Jahren in New York, genauer gesagt in Harlem. William Greaves filmte 1972 eine Cocktailparty im Hause Duke Ellingtons und lässt all die inzwischen alten und sehr alten Damen und Herren aus ihrem Leben und ihrer großen Zeit erzählen. Man nannte sie auch die „New Negro-Bewegung“ – „Negro“ sagen die meisten noch vollkommen ungerührt, wenn sie von sich sprechen. „Negro“ war in den Siebzigern schon verpönt, man sagte jetzt „Black“ oder „Afro-American“, doch sie waren es nicht gewöhnt, anders von sich zu sprechen, und blieben bei diesem Ausdruck. Sie erzählen von sich und erinnern an andere, deren Gedichte oder Songs sie rezitieren. Oder sie geben Textpassagen wieder, die sie vor 40 Jahren für einen Film gelernt haben.

Wir tauchen dabei tief ein in die Zeit der Rassentrennung. Man habe ihnen bei Empfängen nicht die Hand gegeben, und um das beschämende Gefühl zu vermeiden, reichten sie einem weißen Gesprächspartner nie zuerst die Hand. Menschen seien aus dem Aufzug ausgestiegen, wenn sie hineinkamen. Und wenn sie in einem Restaurant essen wollten, musste ein weißer Freund den Tisch reservieren, ihn bereits besetzen und so wichtig sein, dass er im Lokal durchsetzen konnte, dass sie mit ihm dort essen durften. Ein Mann erzählt, sein Vater sei als erster Schwarzer in ein Verwaltungsamt gewählt worden, aber er konnte sein Amt nie ausüben, weil die Weißen es nicht zuließen. Er wurde vom Ku-Klux-Klan bedroht und trug vorsichtshalber immer zwei Waffen bei sich.

Fotos von ihrem jüngeren Ich werden eingeblendet. Sie sind stolz und dankbar, dass William Greaves sie filmt und so die Harlem Renaissance dokumentiert. Die Harlem Renaissance war eigentlich keine Renaissance (also keine „Wiedergeburt”), sondern eine Naissance (Geburt). Der Film erinnert mich von der Stimmung her ein wenig an „Buena Vista Social Club”, nur dass wir es hier in erster Linie mit SchriftstellerInnen, Produzenten, Verlegern, Buchhändlerinnen und bildenden KünstlerInnen zu tun haben und die gesamte Dokumentation sprachlastig ist. Es wird viel erzählt, und es gibt leider nur wenige und kurze Musikeinspielungen, was den Film etwas anstrengend macht. William Greaves hat den Film nie zu Ende bearbeitet; dies hat erst sein Sohn David Greaves jetzt getan. Dieser war mit seiner Familie anwesend. Den Film mit ihnen zusammen zu sehen, macht ihn noch einmal zu etwas Besonderem. Der Applaus war lang und kräftig. David Greaves war sichtlich gerührt, was wiederum das Publikum zu noch mehr Applaus stimulierte.

(c) Screenshot der Quinzaine

Bisschen Musik aus der Zeit. Vielleicht müsste man auch den Film Cotton Club noch einmal ansehen, aber vielleicht ist er auch ein wenig in die Jahre gekommen, dachte ich zumindest, als ich den Trailer gerade nochmal angesehen habe.

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Immer noch Filme in Cannes

Die Journalistin hat sich erneut sportlich für den Film „Heimsuchung” von Herrn Schlöndorff angestellt, ihn sich angesehen und Herrn Schlöndorff (der bereits 87 Jahre alt ist) interviewt. Bravo.

Die Kritiken (hier die von Katja Nicodemus in der ZEIT mit ein paar weiteren Eindrücken von Cannes) sind durchweg freundlich. Es sei eine solide Literaturverfilmung (nach dem Roman von Jenny Erpenbeck) und vermutlich der Film, den man eigentlich letztes Jahr schon erwartet hatte, als die Kritiker in Cannes Martha Schilinskis “In die Sonne schauen” gehypt haben, und den dann kaum jemand verstanden geschweige denn gemocht (mich eingeschlossen) hat. Es geht wieder um ein Haus, dieses Mal am See, das mit seinen wechselnden Bewohnern hundert Jahre deutsche Geschichte erlebt: Weimar, das Dritte Reich, Krieg, DDR und Mauerfall. Ich werde ihn mir bestimmt ansehen, wenn er in die französischen Kinos kommt.

Ich hingegen habe heute Morgen mit einer Freundin den Film „Shana“ gesehen, der als Comédie-Drama beworben wird. Im Trailer wirkt der Film witzig, obwohl er das gar nicht ist. Shana ist eine junge Frau, die Konflikte mit ihrer jüdischen Herkunftsfamilie hat und in einer ebenso konfliktuellen und gewalttätigen Beziehung mit einem Drogendealer lebt. Dieser sitzt allerdings gerade im Gefängnis und Shana führt seine Geschäfte mehr schlecht als recht. Als ihre Großmutter überraschend stirbt, hinterlässt sie Shana einen Ring, der ihr Glück bringen soll. Als Shana den Ring leichtfertig verkauft, häuft sich das Unglück.

Der Film war für mich nicht leicht auszuhalten. Die Geschichte, die kein Happy End hat, fand ich durchgängig trist, auch wenn mein deutlich jüngerer Sitznachbar hier und da herzlich lachte. Die ausschließlich vulgäre Sprache machte es nicht besser.

Ein paar Menschen verließen den Film vorzeitig und es gab sehr wenig Applaus.

Zum Essen trafen wir uns mit Monsieur im Caveau 30, einem klassischen französischen Restaurant mit ausgebildeten KellnerInnen und gestärkten Stoffservietten in der Rue Felix Faure, einer der Restaurant-Flaniermeilen. Um uns herum saß nur Festival-Publikum, die Menükarten waren auf Englisch, aber die Sonne schien und wir genossen den Trubel, das Zusammensein und das Essen.

Wir verbrachten einen dösigen Sonntagnachmittag und jetzt gibt es “Anatomie d’une chute” (Anatomie eines Falls) im Fernsehen. Der Film von Justine Triet mit Sandra Hüller, der 2023 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat.

So viel für heute. Bis morgen!

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Cannes kann sehr kalt sein – oder: Schlange stehen am Tag der Kalten Sophie

Gestern Morgen um 11 Uhr stand ich Schlange für den Film “Gabin”, eine französische Dokumentation, gefördert unter anderem vom SWR und Arte. Glücklicherweise war ich sehr früh da, so dass ich im Innenraum neben der Kinokasse stehen konnte. Von den Menschen, die draußen anstanden, kamen immer wieder welche, die fragten, ob man denn nicht schon rein dürfte, es sei so kalt und windig. Am 15. Mai ist der Namenstag von Sophia von Rom, eine der “Eisheiligen” (Sie wissen schon Servatius, Mamertus, Pankratius) und wird gemeinhin die “Kalte Sophie”genannt. Sie macht ihrem Namen heute alle Ehre. Etwas oberhalb von Grasse, knapp dreißig Kilometer Luftlinie von hier, in der kleinen Skistation Gréolières, hat es geschneit.

Aber nein, wir kamen nicht früher rein, hier ist alles so eng getaktet, im Saal lief noch der Film von 8.30 oder 9 Uhr, so genau weiß ich es nicht. Die Menschen werden (wir später auch) aus dem Notausgang aus dem Kino in die Fußgängezone geschleust, während von vorne dann die nächsten in den Saal hereinströmen. Punkt 11.30 Uhr geht es los, zwei Zuspätkommer werden noch ein paar Minuten bereits im Dunkeln auf die letzten leeren Plätze gelotst, dann ist die Stimmung im Saal ruhig und konzentriert. Die Jury ist mit ihm Saal und sitzt zwei Reihen hinter mir. “Gabin” ist ein sogenannter Coming-of-age-Film eines Jungen im landwirtschaftlichen Milieu, der zwischen der, vom Vater mit viel Druck geforderten, Übernahme der Metzgerei steht und seinem Wunsch, den Hof der Mutter, der alles andere als rentabel ist, zu übernehmen. Ich habe eine Schwäche für das landwirtschaftliche Milieu, das wissen Sie. Aber das echte Landleben ist, anders als es die vielen Hochglanzmagazine seit ein paar Jahren versprechen, alles andere als romantisch. Der Filmemacher hat den Jungen und seine Familie zehn Jahre lang begleitet und war nah dran an den Menschen und ihren Konflikten. Wie Gabin mit dem Druck der Eltern lebt und schließlich seinen eigenen Weg findet, hat mich sehr und stellenweise zu Tränen gerührt. Ich war beeindruckt und habe mich nicht eine Minute gelangweilt. Es gab viel Applaus.

Der Wind schüttelt den ganzen Tag die Bäume und wühlt das Meer auf. Ich hatte Zweifel, ob der Abendfilm am Strand im Programm Cinéma de la Plage überhaupt gezeigt werden kann; ich ziehe mich mehrschichtig warm an, nehme zusätzlich eine weitere Strickjacke und einen Wollschal mit und gehe um Viertel nach Acht los. Die Journalistin, die vor zwei Tagen noch ungläubig das Schlangestehen ansah und meinte, das würde sie nicht machen, steht bereits seit Acht Uhr in einer Last-Minute-Schlange, für die 22 Uhr Vorstellung von “Gentle Monsters”, den Film der Österreicherin Marie Kreutzer mit hochkarätigen Schauspielern (Léa Seydoux, Catherine Deneuve).

Mir hat übrigens eine Leserin aus Australien diesen Link aus der FR geschickt. Man muss sich (kostenlos) registrieren, um den Beitrag lesen zu können. Unter anderem mit einer (vernichtenden) Kritik zu “Gentle Monsters”.

Als ich an der Croisette ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen – die Schlange für den Film “Les Caprices de L’enfant Roi”, eine Kostümfilm-Komödie, ist bestimmt einen Kilometer lang, ich laufe sie erst in die eine Richtung, um zu ihrem Ende zu kommen und dann in die andere Richtung schrittweise wieder zurück. Der Einlass hat schon begonnen, so viel habe ich verstanden. Und sie haben deutlich mehr Liegestühle aufgestellt als sonst.

Ich habe daher die Hoffnung, dass wir noch hineinkommen und sie in letzter Minute noch weitere Liegestühle aufstellen oder uns einfach so aufs Gelände lassen. Irgendwann sehe ich zumindest das offizielle Eingangsschild, aber die Schlange stockt. Nur sehr zögerlich geht es voran.

Was ich nicht sehe und lange nicht verstehe, ist, dass der Einlass bereits geschlossen ist. Wenn es weitergeht, dann nur, weil Menschen aus der Schlange diese verlassen, um sich anderswo einen nicht offiziellen Platz zu suchen. Irgendwann, als es bereits dunkel ist und die Filmcrew vorgestellt wird, wird mir klar, dass wir definitiv nicht mehr hineinkommen und ich laufe auch hinter das Gelände und sitze dann sehr weit weg von der Leinwand und den Lautsprechern im Sand und im Wind, wegen dem ich mir eine Kapuze über den Kopf ziehe, aber dann höre ich noch schlechter und hole die Ohren unter der Kapuze hervor.

Sieht mich ja keiner im Dunkeln, alle wollen nur den Film sehen. Der zukünftige König Louis der VIX, ein rundlicher, verwöhnter Junge, soll wegen des Aufruhrs des Volkes für einige Zeit aus dem Schloss verschwinden und in Sicherheit gebracht werden. Er landet unter der Obhut von Cyrano de Bergerac in der Theatertruppe von Molière. Im Schloss sitzt derweil ein anderer Junge, der dem jungen König aufs Haar gleicht, aber der Sohn eines Metzgers ist. Das sorgt für Verwirrung, Intrigen und allerhand komische Szenen. Der Film ist leicht, um nicht zu sagen, sehr leicht, aber auch amüsant. Nach etwa der Hälfte aber bin ich komplett ausgefroren und gebe auf. Auf dem Weg zurück finde ich an einer Barriere einen guten und weitestgehend windgeschützten Platz und sehe mir den Rest des Films kurzentschlossen stehend an.

So etwas macht man auch nur während des Festivals, glaube ich. Gegen Mitternacht laufe ich zurück, der nächste Bus käme erst in einer halben Stunde, bis dahin bin ich auch zu Fuß zu Hause und wärme mich beim Gehen immerhin wieder etwas auf.

Die Eisheiligen sind heute vorbei, die Sonne scheint, der Wind hat nachgelassen. Er würde an den Strand gehen, sagt Monsieur, als er die Fensterläden auftößt. Ich gebe kurzentschlossen mein Ticket für die Vormittagsvorstellung zurück und gehe mit an den Strand. Die Wellen sind noch etwas aufgewühlt, aber wir schwimmen trotzdem einen Moment, dann genießen wir die wärmende Sonne.

Und wir sammeln wie immer ein bisschen Müll, heute besonders viele Glasscherben.

Die Journalistin bemüht sich heute um den Film “Heimsuchung” von Volker Schlöndorff und schickt mir zwischendurch ein Foto von Ulrich Matthes.

Was ist sonst noch los? Bei der Vogue las ich, dass Sandra Hüllers fedriges Outfit von Chanel stammt, und dass sie außerdem die neue Botschafterin (“Ambassador”) für Chanel geworden ist. John Travolta, der mit seiner Tochter in seinem eigenen Flugzeug angereist war und einen Film präsentiert, bekam überraschend die Goldene Ehrenpalme für sein Lebenswerk, die er sehr gerührt entgegennahm. Und im edlen Hotel Eden Roc am Cap d’Antibes wird die jährliche amFAR Benefiz-Gala für die Unterstützung der AIDS-Forschung mit Robbie Williams und zwei mir völlig unbekannten jungen Damen vorbereitet. Geena Davis “hosted” die Veranstaltung am 21. Mai. Sie können noch teilnehmen, das günstigste Ticket kostet 17.500€. Wenn Sie am Philantropen-Tisch sitzen wollen, müssen Sie allerdings schon 300.000€ hinblättern. Sie können dann zusätzlich ganz großartige Dinge ersteigern, Uhren, Schmuck oder Kunstwerke. Und mit Scarlett Johannson oder Heidi Klum ein Selfie machen. Die werden nämlich auch da sein. Nein? Dann vielleicht mit Pedro Almadovar und Pamela Anderson. Die sind doch sympathisch!

Bis morgen!

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Cannes – dies und das vom Filmfestival

Die Journalistin wäre am ersten Abend um ein Haar nicht in ihr Hotel gekommen, weil die Rezeption, entgegen der Zusage, dann doch nicht mehr besetzt war. Sie kam nur hinein, weil eine andere Hotelgästin, die spät zurückgekommen ist, sie vertrauensvoll mit hineingelassen hat. Dann gab es keinen Schlüssel zum Zimmer, aber glücklicherweise war ein freies Zimmer offen – es war zwar nicht das, was für sie reserviert war, aber das interessierte um Mitternacht weder die Journalistin und auch sonst niemanden mehr.

Nachmittags trafen wir uns zum Kaffee im Zentrum vor dem Kino Les Arcades, damit ich ihr fast leer gerödeltes Handy mit einer Powerbank auflud. Merke: Ladekabel immer ins kleine Handgepäck! Wir schauten Leute und genossen das Ambiente.

Nachdem schwarze Limousinen vorfuhren, Zeichen für eine der “Montée des Marches” wie man das nennt, wenn die Stars und Regisseure für die Erstausstrahlung ihres Films die rot ausgelegten Stufen des Palais hinaufsteigen, beschlossen wir, uns das näher anzusehen. Soweit man etwas sehen konnte. Eher nicht.

Aber dann klingelte das frisch aufgeladene Handy, die Koffer würden angeliefert, nur kam die Dame mit ihrem Wagen natürlich nicht durch zum Hotel. Sie bat uns, dass wir die Koffer bei ihr abholten, sie stehe auf einem Lieferparkplatz in der Rue d’Antibes und würde zehn Minuten auf uns warten. So hetzten wir durch die Menge, die Journalistin nahm erleichtert ihre Koffer in Empfang, die wir dann zum Hotel rollerten.

Zurück über die Croisette zur Montée des Marches, aber mir reichte es mit dem Gedrängel, ich verabschiedete mich, denn nur knapp zwei Stunden später würde ich schon wieder in die Stadt und zum Théatre Croisette laufen, um dort “Butterfly Jam” zu sehen, den Eröffnungsfilm der Quinzaine über eine tscherkessische Familie, die mehr schlecht als recht ein kleines Restaurant in einer amerikanischen Provinzstadt führt.

Dafür stehe ich kurz vor 21 Uhr an, Einlass ist ab 21.20 Uhr, aber wer zuerst kommt, bekommt die besseren Plätze.

Das schöne Titelbild mit tanzendem Bruder und Schwester trügt. Der Film ist brutaler als ich erwartet habe, ziemlich trist, aber es gibt auch sanfte Momente – eine erste zarte Liebe ensteht, ein Pelikan wird gerettet, ein Mädchen geboren und Monica Belluci sorgt mit ihrem kurzen Gastauftritt für einen Glücksmoment im Leben des sechzehnjährigen Sohnes.

Danach laufen wird durchs nächtliche Cannes, an der Croisette wummert aus allen Strandrestaurants Musik, auch hier muss man eingeladen sein und selbst dann stehen Menschen wieder hunderte von Metern an, um irgendwo hineinzukommen. Ich will nur noch nach Hause und bekomme glücklicherweise einen der letzten Busse um 0.45 Uhr und muss zumindest jetzt nicht mehr laufen. Meine Schritte-App ist trotzdem zufrieden mit meinem neuen täglichen Laufpensum.

Heute dann kein Film, zumindest nicht für mich. Die Journalistin ist spät, aber erfolgreich akkreditiert und steht nun in einer Last Minute Schlange für die Projektion eines der deutschen Filme an: “Vaterland” von Pawel Pawlikowski. Sandra Hüller und Hanns Zischler spielen Erika und Thomas Mann, die durch das Nachkriegsdeutschland reisen. Die Journalistin steht in helles Blau gekleidet zwischen jungen und sehr jungen Menschen, die überwiegend in Schwarz gekleidet sind: Smoking für die Herren, Kleidern und hochhackige Schuhen für die Damen. Das hellblaue Outfit geht durch, die Turnschuhe der Journalistin aber wurden gerügt – so könne man sie nicht hineinlassen. Glücklicherweise hatte sie ihre schicken Schuhe in einer Tasche dabei – die musste sie ultimativ anziehen, bevor sie aufs Gelände zugelassen wurde.

Letztes Jahr hat es deswegen schon einmal einen Skandal gegeben (eine Schauspielerin durfte mit flachen Schuhen nicht auf den roten Teppich) und ich dachte, in diesem Zuge, sei die High-Heels Verordnung sei gestrichen worden, aber anscheinend ist dies nicht der Fall.

Sandra Hüller trug vermutlich High Heels.

Sandra Hüller mit Ko-Star August Diehl und Regisseur Pawel Pawlikowski (r.) bei der Premiere des Films. © Millie Turner/Invision/AP/dpa | Millie Turner
Bild: Agata Grzybowska/Mubi/AP Photo/picture alliance

Ich hingegen war heute Nachmittag spazieren und sehe Cannes heute nur von oben.

In La Croix des Gardes war es wohltuend leer, nur ein paar Hundebesitzer drehten ihre Runden. Der Wind ist allerdings heftig, ich hoffe, bis morgen hat er sich gelegt, da würde ich gerne abends einen Film am Strand sehen.

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12 von 12 im Mai 2026

Heute ist der 12. Es gibt 12 Bilder vom Tag. Und da das Filmfestival heute Abend beginnt, geht es direkt und indirekt viel darum. Aber erstmal stehe ich auf und mache ein Foto mit dem Blick aus dem Fenster. Der Himmel ist knallblau, es ist sehr windig: Mistral!

Dann bekomme ich die Nachricht, dass die Journalistin, die ich heute früh am Flughafen abholen soll, ihren Flieger verpasst hat. Sie versucht, den nächsten Flieger zu bekommen, wird aber erst, das kann ich jetzt schon verraten, den Flieger heute Abend bekommen, alle anderen sind ausgebucht, alle wollen nach Cannes.

Ich frühstücke erst einmal, doch das Bild wird unscharf. Bilder von Kaffeetassen und Müslischalen sind allerdings auch nicht besonders interessant. Wir konferieren hin und her. Sie wird voraussichtlich gegen 18:15 Uhr ankommen. Die Übertragung der Eröffnungsgala beginnt um 19 Uhr im Kinokomplex Cinéum in Cannes la Bocca. Dafür habe ich uns Karten reserviert. Das alles bei bestem Berufsverkehr und zusätzlich Festivalstaus – wir werden es nicht schaffen. Ich brauche einen Moment, um mich davon zu erholen, dass ich es trotz aller vorausschauenden Organisation jetzt nicht oder zumindest nicht vollständig sehen werde. Aber es ist ja alles nicht lebenswichtig, das muss ich mir immer wieder sagen. Es ist nur ein bisschen gehyptes Trallala auf einem roten Teppich. Aber ich bin dieses Jahr so richtig im Festivalfieber und es bekommt eine ungeheure Wichtigkeit. Ausatmen. Einatmen.

Immerhin sitze ich so pünktlich um 10 Uhr zur Filmreservierung der Quinzaines für den Samstag vor dem PC und erhalte zwei Karten für den Film und die Uhrzeit meiner Wahl: „Le journal d’une femme de chambre”, ein Remake des mehrfach verfilmten Stoffes „Tagebuch einer Kammerzofe” – dieses Mal aus der Sicht einer rumänischen Dienstmädchens.

Dann mache ich mir die Fingernägel.

Währenddessen gibt es groben Baulärm vor dem Haus. Wir stellen fest, dass Handwerker dabei sind, die Mauer, die uns vom Nachbargrundstück trennt, einzureißen. Wir brüllen uns ein bisschen mit dem tätigen Handwerker an und verlangen die Baugenehmigung zu sehen. Die hat er natürlich nicht, aber er erklärt uns brüllend, was ihm dort zu tun aufgetragen ist. Ob wir das jetzt verstanden haben. Wir brüllen zurück, dass wir das sehr wohl verstanden haben, aber bitte dennoch die Baugenehmigung sehen wollen, ob er das verstanden habe. Er telefoniert herum und steigt erstmal von der Mauer herunter, wir hören ihn später etwas im Inneren des Gebäudes demolieren.

Schon ist es Zeit fürs Mittagessen. Es gibt (von gestern) selbst gemachte Petits farcis: mit Hackfleisch gefüllte frische runde Zucchini mit Reis und Tomatensoße. Salat, Käse und frische Ananas.

Später fahre ich Monsieur zum Bridge. Gestern war der übliche Weg über die Schnellstraße schon extrem verstopft, – während des Festivals sind so viele zusätzliche Menschen und Autos in der Stadt -, so dass wir es heute über kleine Nebenstraßen versuchen. Werden dort aber von Gerüstbauern und dem Transporter eines Müllcontainers ausgebremst.

Wieder zurück (von einem weit entfernten Parkplatz, den ich unter normalen Umständen verschmäht hätte, der jetzt aber das beste ist, was ich bekomme) laufe ich an intensiv duftenden Jasminhecken vorbei. Immer auch das Positive sehen, n’est-ce pas.

Zuhause fange ich schonmal an, hier zu schreiben, damit es heute Abend nicht so spät wird.

Um Viertel vor fünf gehe ich los, bis ich auf der Autobahn bin ist es Viertel nach fünf und dann zieht es sich mit zähflüssigem Verkehr bis zum Flughafen. Ich komme um Viertel nach Sechs gerade so an. Der Flieger ist zwar pünktlich gelandet, aber natürlich dauert es mit dem Gepäck. Ich warte mit vielen Herren (und einer Dame), die bei jedem Öffnen der Türen Kartons oder Tabletts hochhalten, auf denen man Namen wie “Mrs Kim” oder “Mr Smith” lesen kann.

Alle haben irgendwann ihren Gast in Empfang genommen, nur ich nicht. Ich lese das Internet leer und sehe mir an, was ich gerade verpasse.

Ich rechne, ob wir es wenigstens für die Vorpremiere des Eröffnungsfilms schaffen könnten, der beginnt etwa um 20 Uhr. Aber leider ist das Gepäck der Journalistin in Frankfurt geblieben, und sie muss natürlich vor Ort noch eine Suche veranlassen, all das dauert. Kurz nach Acht ist sie endlich da, ohne Gepäck und zu spät für was auch immer, wir fahren Richtung Cannes und essen dann in Golfe Juan bei einem Libanesen mit Blick auf den Jachthafen.

Trotz vieler Gäste ruhiges Ambiente, das Essen ist fait maison, gut und nicht zu teuer. Wir quatschen lange, es wird ein netter erster Abend, wenn auch anders als gedacht. Dann fahren wir weiter nach Cannes, aber natürlich ist die Straße zum Hotel gesperrt, die Croisette ebenfalls. In der Stadt ist es wuselig und laut, überall festlich gekeidete Festivaliers, wir verabreden uns für morgen Abend zum ersten Film der Quinzaine, dann springt sie aus dem Auto und läuft die letzten hundert Meter zum Hotel, aber ohne Gepäck läuft es sich ja sowieso leicht.

Ich fahre nach Hause und finde, dem Universum sei Dank, einen Parkplatz nicht allzuweit weg. So viel für heute. Danke fürs Lesen und Schauen und gute Nacht!

Hier noch eine Zugabe, weil die Abendstimmung am Meer so schön war.

Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer und dankenswerterweise bei Caro vom Blog “Draußen nur Kännchen”.

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Dies und das Anfang Mai

Turteltäubchen

Ich habe eine neue Freundin: eine kleine Turteltaube. Vermutlich ist sie von dem Turteltaubenpärchen, das jahrelang in unserem Vorgarten lebte – oder zumindest immer wieder dort zu Gast war. Jetzt ist die andere Taube nicht mehr da. Diese hier kommt jedes Mal angeflogen, wenn ich nachmittags die Balkontür öffne und meinen Kaffee halb drinnen, halb draußen genieße – meistens steht auf dem Balkon ein Wäscheständer. Dann sitzt sie auf dem Geländer, leistet mir Gesellschaft, blinzelt mir zu und trippelt von rechts nach links und wieder zurück. Lieb, oder?

Weniger lieb war die Seemöwe, die mir vor unserem Küchenfenster das Fleisch fürs Mittagessen geklaut hat. Ich hatte es zum Auftauen in der Sonne auf die Fensterbank gestellt. Man hat ja schon allerhand Videos gesehen, in denen Seemöwen Menschen die Sandwiches aus der Hand reißen, aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn es einem selbst passiert. Die Fensterbank, die mir oft als Platz zum Auftauen oder Abkühlen von Speisen diente, ist also fürderhin tabu, ebenso der Gartentisch. Wenn besagter Möwe der Ort jetzt bekannt ist, will ich sie und ihre Freundinnen schließlich nicht gleich wieder einladen.

Monsieurs Tochter erzählte, dass sie einmal den Tisch auf der Terrasse gedeckt und diverse Häppchen (Schinken, Melone etc.) für den Aperitif bereits nach draußen gestellt hatte. Als sie mit den Gästen auf die Terrasse kam, war alles verwüstet und das Essen war verschwunden. Seitdem wird das Essen erst auf der Terrasse serviert, wenn die Gäste bereits da sind. Außerdem wird Essen (Grillgut zum Beispiel) nicht mehr unbeaufsichtigt gelassen.

Promenade des Anglais, Nizza

Was ich alles noch erzählen wollte – Ausflüge, Lesung in Nizza, Bergdorf, Schwimmen – im Text verstreut ein paar Symbolbilder – kommt vielleicht ein anderes Mal, denn jetzt beginnt gleich das 79. Filmfestival und ich werde erstmals (fast) richtig involviert sein.

La Baie des Millionaires, Cap d’Antibes

Ich bin zwar nicht akkreditiert, habe mich aber für die Quinzaine des Cinéastes eingeschrieben. Das ist eine der Parallelveranstaltungen der Sélection Officielle. Es gibt noch andere parallele Filmveranstaltungen, aber nur die Quinzaine des Cinéastes (früher Quinzaine des Réalisateurs) sind für nicht akkreditiertes Publikum zugänglich. Das mache ich dieses Jahr, weil ich eine deutsche Journalistin begleite, die zum ersten Mal zum Festival kommt. Sie will unter anderem darüber schreiben, wie die Einwohnerinnen und Einwohner von Cannes am Festival teilnehmen oder teilnehmen können. Sie hat mich ein bisschen geschubst, damit ich mich auch um die Quinzaine bemühe. Und so habe ich mich dieses Jahr durch die unübersichtliche Homepage gekämpft, denn man muss sich natürlich erst einschreiben, ein Konto eröffnen und einen Ticketpass für 40 € für sechs Filme erwerben. Danach kann man die Filme, die man sehen möchte, reservieren. Die Filme werden tageweise und immer vier Tage vor der Ausstrahlung morgens zur Reservierung freigegeben. Sie laufen an unterschiedlichen Orten in Cannes von morgens neun bis abends elf Uhr. Man muss also erstens wissen, was man von den knapp dreißig Filmen (Spielfilme, Dokus, Animationsfilme, Kurzfilme) sehen will, über die es nur ein oder zwei kurze Sätze in der Broschüre zu lesen gibt. Und dann muss man superschnell sein, um den Film zu einer möglichst komfortablen Zeit an einem möglichst zentralen Ort sehen zu können. Wenn man es nicht geschafft hat, wird empfohlen, immer wieder und auch eine Stunde vorher noch einmal nachzuschauen, ob für einen ausgebuchten Film doch ein Platz frei geworden ist. Man kann nämlich Tickets reservieren und kurzfristig wieder zurückgeben. Das war mir in den letzten Jahren alles zu kompliziert und vor allem zu aufwändig.

Blick aus dem Fenster des CCFA, Nizza
Lesung Benedict Wells im CCFA, Nizza

Die Quinzaine des Cinéastes, die nach der 68er-Bewegung als Kontrastprogramm zum klassischen Festival von Cannes gegründet wurde und damals zumindest eine Art Gegenfestival mit unbekannten Filmemachern war (“Cinéma de liberté”), wirbt damit, eine feine Nase für besondere Filme zu haben, die für die offizielle Sélection zu ausgefallen sind. Jim Jarmusch wurde beispielsweise bei den Quinzaines entdeckt.

Ich habe mir jetzt also ein paar Filme ausgesucht, die mich interessieren und die nicht zu gewalttätig sind – ich werde ja immer sensibler und habe keine Lust, traumatisiert aus dem Kino zu kommen.

Apropos traumatisiert: Das diesjährige Plakat der Quinzaine zeigt einen dicken, nackten Mann in einem Busch. Ein Bezug zum Exhibitionismus ist natürlich nur meiner überbordenden Fantasie zu verdanken und bestimmt nicht gewollt. Schrecklich. Wer entscheidet so etwas?

Ich zeige es hier vorsichtshalber auch nur ganz klein, damit Sie sich nicht erschrecken. Und damit Sie das offizielle Plakat des Filmfestivals umso besser genießen können: Es zeigt Susan Sarandon und Geena Davis als Thelma & Louise, und ich finde es toll!

Ich werde berichten, so hoffe ich doch!

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Ganz unten –

Ganz oben – über Frankfurt

Nein, ich schreibe heute nicht über Günther Wallraff – oder doch, indirekt vielleicht. Ich schreibe heute darüber, dass ich in letzter Zeit schon mehrfach hingefallen bin und dass ich alleine nicht mehr aufstehen kann. Oder zumindest nicht mehr so leicht und schnell, wie ich es früher konnte. Das liegt natürlich an den Umständen. Vor allem an den unbeweglichen Knien, die mir das Hüpfen, Rennen und Ausführen anderer schneller Manöver unmöglich machen. So starre ich am Flughafen auf der Rolltreppe nach unten nur wie gelähmt auf den riesigen Koffer, der von oben angerumpelt kommt, und nehme die gestikulierenden und schreienden jungen Männer ganz oben am anderen Ende der Rolltreppe wie hinter einer Glasscheibe und unwirklich verlangsamt wahr. Ich kann nicht die letzten paar Stufen hinabhüpfen und mein kleines Köfferchen mitreißen. Ich kann auch ohne das Köfferchen nicht rennen oder hüpfen. Kurz hoffe ich, dass ich es noch auf klassische Art von der Rolltreppe schaffe, bevor der Koffer … Aber da ist er mir schon von hinten in die Knie geknallt, und ich liege dumm mit dem Rücken darauf. Mein verdrehter Arm hält immer noch mein Köfferchen fest, das jetzt irgendwo ganz unten liegt. Dann ist die Rolltreppe zu Ende, und ich blockiere sie auf diesem verdammten Koffer liegend. Ich komme nicht mehr hoch. Von oben kommen junge Männer angerannt, aber sie kommen nicht an mir vorbei, über mich hinweg oder wie auch immer. Sie schaffen es nicht, mich aufzurichten, und ich liege wie ein Käfer auf dem Rücken. Selten habe ich mich so dumm und würdelos gefühlt. Plötzlich ziehen mich zwei junge Männer mit kräftigen Armen in einem Ruck hoch und nach vorne und stellen mich auf die Beine. Ich weiß nicht mal, wo sie herkamen. Mein Köfferchen hängt an meinem rechten Arm, von dem ich noch nicht weiß, ob er noch funktioniert. Die beiden jungen Männer fragen kurz, ob alles in Ordnung ist, und sind kurze Zeit später schon auf der Rolltreppe nach oben. „Danke!”, rufe ich ihnen vollkommen verdattert nach. „Vielen Dank!“ „Schon okay“, winken sie ab und sind weg. Jetzt sind auch die jungen Männer da, denen der große Koffer gehört. Sie entschuldigen sich, bleiben neben mir stehen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Ich bewege meinen rechten Arm. Scheint zu funktionieren. Meine Knie zittern, aber sie scheinen sich zumindest nicht weniger zu bewegen als vor dem Hinfallen. „Ich habe kaputte Knie“, stammele ich und versuche, meine Unbeholfenheit auf der Rolltreppe zu erklären. Mein Herz pocht. Ich habe mich furchtbar erschrocken, aber es ist nichts Schlimmeres passiert. Uff! Die beiden jungen Männer, die mich innerhalb von Sekunden und ohne zu Zögern aus dieser misslichen Lage befreit haben, waren in etwa die, die Herrn Merz im deutschen Stadtbild stören: Schwarze Joggingklamotten, Kapuzenpulli, Migrationshintergrund. Diese Jungs haben mir geholfen. Danke!

Warten und lesen

Das erinnert mich daran, dass ich vor vielen Jahren, als ich noch in dem angesehenen Kölner Verlagshaus arbeitete, in dem seinerzeit Wallraffs Enthüllungen erschienen sind, an einem verregneten Tag kurzentschlossen nicht das Fahrrad zur Arbeit nahm – es regnete zu stark. Die Straßenbahn, ich weiß nicht mehr welche, war schon weg oder ich war zu spät dran. Ich lief also in Eile die Severinsstraße gen Süden, um am Chlodwigplatz alternativ einen Bus zu nehmen. Ich war für meine Verhältnisse schick angezogen, rutschte mit meinen glatten Lederschuhen aus und landete im nassen, dreckigen Rinnstein. Damals war ich noch mehr als zwanzig Jahre jünger, eines der Knie war zwar schon kaputt, aber es war doch noch in einem besseren und ich grundsätzlich in einem sportlicheren Zustand. Aber ich hatte mir die Hand aufgeschürft und lag da, und die anderen schicken Leute eilten im Regen an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Der einzige Mensch, der sich mir näherte, mir die Hand reichte und mir beim Aufstehen half, war ein schlecht gekleideter älterer Herr mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Er war unrasiert und sprach gebrochen Deutsch. Er fragte mich mehrfach, ob alles in Ordnung sei. Es hat mich sehr berührt und beschämt, denn Menschen wie ihn habe ich in meinem schicken Verlagsalltag sonst nicht im Stadtbild wahrgenommen. Das und ihn habe ich nie vergessen. Danke!

Zurück: Ganz unten die italienischen Alpen

All das hätte ich schon in einem Hirnwinkel abgelegt, wäre ich heute Morgen nicht schon wieder gefallen. Dieses Mal lag ich im Vorgarten auf dem Rücken und kam nicht mehr hoch. Das kam so:
Wir haben wieder einmal Baustellen und renovieren Wohnungen. Monsieur wollte unseren ehemaligen, sehr großen Badezimmerspiegel, der bei uns seit kurzem ausgedient hat, zu einer Miroiterie bringen. Der Spiegel hat zwar ein paar kleine abgesplitterte Stellen, ist aber ansonsten noch gut und vor allem von guter, schwerer Qualität. Dort sollen aus dem ungefähr drei Quadratmeter großen Spiegel zwei kleinere geschnitten werden, die fürderhin in den neu gemachten Badezimmern hängen sollen. Es ist eine Recycling-Variante, ob es kostengünstiger ist, als der Erwerb zweier neuer (weniger hochwertiger) Spiegel steht noch aus. Monsieur macht viel in seinem Kopf aus, ohne es vorab mit mir zu besprechen, und während ich mir gerade in der Küche die Haare föhne – wir haben zwar im Bad einen schönen neuen Spiegelschrank, aber aus Gründen derzeit keinen Strom (habe ich schon erwähnt, wie beglückend es ist, im Altbau zu wohnen?) – braucht er meine Hilfe. Und zwar jetzt sofort, denn er hat das Auto schon vor dem Haus geparkt. Wir wohnen an einer Durchgangsstraße. Es gibt offiziell keine Haltemöglichkeit. Man muss hier immer schnell sein, wenn man das Auto für eine Reise packt oder Einkäufe ausräumt. Ich lasse also den Föhn fallen, ziehe mir eilig Turnschuhe an und wir wuchten zu zweit die drei Quadratmeter große Spiegelwand durchs Treppenhaus. Ich gehe rückwärts, Treppenstufe für Treppenstufe, durch die Eingangshalle und den Vorgarten. Als ich einen weiteren Schritt mache, bringt mich ein weiches Hindernis aus dem Gleichgewicht. Ich falle rückwärts – immerhin ohne den Spiegel fallen zu lassen – in einen Pflanzenhaufen. Die Nachbarn von oben haben am Wochenende den Vorgarten genauso aufgeräumt wie ich unseren Innenhof. Vor allem haben sie zig der wuchernden, pieksenden Aloe-Vera-Pflanzen herausgerissen, aber auch vieles andere.

Mittelmeer und Himmel

Wir haben zwar einen Kompostbehälter, aber der ist momentan voll, die Pflanzen müssen noch einen Moment warten, bis sie dem Kompost zugeführt werden können und liegen so im Vorgarten herum. Weiß ich eigentlich, sieht man auch, zumindest wenn man vorwärts geht und nicht gleichzeitig einen riesigen Spiegel balanciert. Ich hab nicht dran gedacht, Monsieur hats nicht gesehen. Also liege ich mal wieder auf dem Rücken, dieses Mal in pieksenden Aloe Vera Pflanzen und halte tapfer den Spiegel fest, kann so aber nicht aufstehen.

Nein, niemand kommt dieses Mal, um mir aufzuhelfen, und Monsieur hält lieber den Spiegel fest. Ich muss es alleine machen, dazu stelle ich eine Spiegelecke vorsichtig in eine der ausgerissenen Aloe Vera Pflanzen, drehe mich zur Seite und bringe mich mühsam und gleichzeitig drehend zunächst vorsichtig auf die auf die Knie und von dort mit den Händen abstützend wieder in die aufrechte Lage (einem frühen Feldenkraiskurs sei Dank!). Funktioniert so ähnlich wie das Aufstehen von kleinen Kinder, sieht nur nicht so entzückend aus. Aber immerhin kann ich jetzt den Spiegel wieder aufnehmen und wir wuchten ihn gemeinsam ins Auto, während, wie so oft, der Bus hupend an uns vorbeirauscht und beinahe den Außenspiegel des Autos mitnimmt. Man lebt gefährlich in den engen kurvigen Straßen Südfrankreichs.

Blick auf die Küste ums Esterelgebirge

Voilà, so viel aus meinem Alltag. So kann ich immerhin meine Flugzeugaufnahmen vom letzten Flug nach Deutschland noch unterbringen.

Über Cannes
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12 von 12 im April 2026

12 Bilder am und vom 12. des Monats. Same same but different.

Der Blick aus dem Fenster. Das Wetter ist nicht besonders. April eben.

In der Küche steht noch das Geschirr, das Monsieur, wie jede Nacht, gespült hat. Nein, wir haben keinen Geschirrspüler. So lange Monsieur das Geschirr spült, brauche ich auch keinen. Da Geschirrspülen so ziemlich das einzige ist, was er verlässlich (und ohne Erinnerung) im Haushalt mittut, bin ich mit der Lösung zufrieden.

Frühstück. Heute mal Haferflocken mit Joghurt und Obst.

Ich nehme mich erneut dem Innenhof an, den ich seit gestern sauber mache. Ich habe gestern kein Vorher-Foto gemacht, ich hätte mich zu sehr geschämt. Der Innenhof ist nämlich auch Arbeitsatelier von Monsieur. Hier wird gesägt und gefräst und was weiß ich, und alle Reste bleiben einfach liegen. Wird schon irgendwann regnen und vielleicht wirds gnädig davongespült. Spoiler: wirds nicht. Ich mache also sauber und räume auf und werfe weg. Alte vertrocknete Pflanzen werden aussortiert, darunter eine große Ikeatüte voll verwurzeltem Farn, der mich schon jahrelang nervt, ich topfe tapfer die pieksende Kakteen in größere Töpfe um, werfe zig Plastiktöpfe weg und olle und/oder kaputte Übertöpfe. Es werden am Ende sechs Säcke mit Pflanzenresten!

Ich reiße den wilden Wein, der sich vom Park nebenan bis zu uns verwächst, von den Wänden. Er wächst leider nicht dort, wo er uns Sichtschutz gewähren würde. An den Wänden bleiben die kleinen Saugnapf-Wurzeln, sogenannte Haftwurzeln, kleben. Es ist fast unmöglich, sie zu entfernen. Man kann quasi gleich die Wände abreißen. Sie bleiben also dran und die Wände sehen aus, als seien sie mit großem Fliegendreck befleckt. Das scheint aber sowieso nur mich zu stören.

Dann schrubbe ich den Boden mehrfach, er wird nicht wie neu, aber doch wieder ziemlich hell. Nein, die Plastikmöbel sind noch nicht sauber, das ist etwas, was Monsieur auch noch ganz gern macht, also lasse ich das für ihn übrig. Und ja, ich weiß, diese Plastikmöbel … Sagen Sie nichts. Ich lebe seit fünfzehn Jahren damit und jedes Jahr will ich andere Möbel kaufen, aber es ist so ein gutes und langlebiges Plastik, das alle Jahreszeiten seit mehr als fünfzehn Jahren überdauert, ohne brüchig zu werden, worauf ich insgeheim hoffte, (ganz anders als die Plastikflaschen mit nicht mehr definierbarem Inhalt) so etwas findet man nicht wieder, hier sieht man die Notwendigkeit nicht ein. Praktisch geht hier ja sowieso vor Schön, aber das wissen Sie ja schon.

Dann trinke ich das erste Perrier Menthe der Saison, ein Zeichen für den Frühling! Schnelles Mittagessen, es gibt frische rohe Artischocken zum Entrée, ein Stück Onglet (langfaseriges Rindfleisch) und Nudeln, Camembert für Monsieur und frische Erdbeeren mit Sahne zum Dessert. Die ersten französischen Gariguette-Erdbeeren, sie sind reif und süß! Genial!

Nach der Sieste, schaut Monsieur das Tennisfinale in Monaco: Alcaraz gegen Sinner. Sinner gewinnt. Das wissen Sie schon, wenn Sie sich für Tennis interessieren.

Ich bleibe im Bett (draußen ist es stürmisch geworden) und lese. Hier alles, was ich seit Wochen angefangen habe.

Heute beende ich “Sie kam aus Mariupol” von Natascha Wodin – beeindruckend, aber was für eine Tristesse. Ich erinnere mich, dass hinter der Siedlung, in der ich als Kind mit meinen Eltern lebte, auch noch ärmliche Hütten existierten und wir die Menschen, die dort hausten, komisch fanden und immer schnell daran vorbeiliefen.

An Ostern habe ich auf einem Miniflohmarkt in Deutschland “Nirgendwo ist Poenichen” mitgenommen. Ich kenne die Bücher von Christine Brückner und die Verfilmung nicht – auch hier Krieg und Vertreibung, es ist weniger trist und trotzdem will ich jetzt etwas anderes lesen. Auch, weil ich dank der ZEIT, die die Mitgliederkartei der NSDAP aufbereitet und leicht zugänglich gemacht hat, wieder stark im Thema bin.

Ich beginne also mit Ildikó von Kürthys „Alt genug“, das ich mir in Deutschland extra gekauft habe, weil Frau von Kürthy die gehässige Kritik von Dennis Scheck, den ich wegen seiner Selbstgefälligkeit nicht ausstehen kann, nicht so stehen lassen wollte. Da wurde ich neugierig. Da ich ein großer Fan ihrer Kolumnen bin, erstand ich das Buch. Es ist jetzt nicht so lustig, wie ich hoffte. Und es fesselt mich auch nicht besonders. Das liegt vielleicht daran, dass ich schon älter bin als sie und mein Buch über meine Wunden, Glück und Älterwerden schon geschrieben habe. Elke Heidenreichs Buch übers Alter konnte ich seinerzeit auch nicht zu Ende lesen, obwohl es sehr dünn ist. Am meisten stört mich an Ildikó von Kürthys Buch die schlechte Papierqualität. Steht es so schlecht um den Papiermarkt? Das Papier ist grau, rau, dünn und fühlt sich nicht gut an. (Ich will jetzt nicht den hässlichen Satz von Dennis Scheck zitieren, nur um eine Pointe zu haben, aber das Papier ist wirklich minderwertig!) Als ich den „Bestsellerautorin“-Aufkleber abgeknubbelt habe, schlägt der Schutzumschlag an der Stelle Blasen. Herrje. Und nein, für dieses Papier kann Frau Kürthy natürlich nichts, aber ich finde es nicht sehr wertschätzend von ihrem Verlag, für den sie doch immerhin Bestsellerautorin ist!

Texte und Poesie von Hans Schiebelhuth habe ich im Zuge einer Seminararbeit an der Universität kennengelernt. Er stammte aus Darmstadt, und es war Liebe auf das erste Gedicht. Ich dachte, ich könnte seine beiden Bände aussortieren, denn seit über zwanzig Jahren habe ich nicht mehr in die leicht stockfleckigen Bände hineingeschaut. Aber dann habe ich mich wieder darin festgelesen und werde sie nun doch noch ein bisschen behalten.

Um 17 Uhr mache ich uns Tee. Da es so stürmisch und grau ist, bereite ich mir einen dieser herbstlichen Pumkin-Spice-Tees zu, während Monsieut einen grünen Tee mit einem dieser schönen Mousselin-Säckchen von Frère Mariages bekommt. Ein kleiner Tipp, vielleicht wussten Sie das noch nicht: Wenn man die etwas trockenen Madeleines ein paar Sekunden in der Mikrowelle aufwärmt, werden sie nicht nur warm, sondern auch weich und buttrig. Dann sind sie ein richtiger Genuss.

Zum Abendessen mache ich einen großen Topf Milchreis (mit Vanille und Zitronenschale), auch das so ein schönes tröstlich-wärmendes Abendessen bei diesem Wetter.

Im Fernsehen kommt Alliés, ein Spionagefilm mit Brad Pitt und Marion Cotillard, den wir noch nicht kennen. Auch hier sind wir wieder im Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte ist gut, finde ich. Die Umsetzung gefällt mir allerdings nicht so gut. Ich finde, man merkt, dass vieles in Kulissen gedreht wurde. Was mich auch immer ärgert, ist, dass die Personen, die deutsche Soldaten oder Spione spielen, oft nur einen einzigen Satz zu sagen haben – und den sagen sie in miserablem Deutsch. Kann man bei dieser bestimmt teuren Produktion nicht wenigstens einen deutschen Schauspieler dafür engagieren? Oder wenigstens einen Deutschlehrer, der der Person diesen einen Satz richtig beibringt?

Das wars für heute. Danke fürs Schauen und Lesen. Jetzt ist es schon der 13. aber ich reihe mich trotzdem noch ein in die 12 von 12er bei Caro von “Draußen nur Kännchen”.

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Licht und Schatten

Heute findet fand in Frankreich der zweite Durchgang der Kommunalwahlen statt, der für manche Städte spannend wird wurde. Nizza zum Beispiel. Dort halten momentan viele den Atem an. Kann der seit 2008 amtierende, Macron-nahe Bürgermeister Christian Estrosi die Wahl noch einmal für sich entscheiden, obwohl er im ersten Durchgang klar hinter dem Herausforderer Eric Ciotti lag, der sich vor kurzem mit seiner eigenene Partei “Le meilleur est à venir” (dt: Das Beste kommt noch) der rechtsextremen Partei RN angenähert hat?

So. Ich habe heute so lange und mit vielen Unterbrechungen an diesem Text geschrieben, dass ich jetzt die Ergebnisse schon einbauen kann. Nein, Estrosi hat es nicht geschafft. Nizza hat einen rechtsextremen Bürgermeister. Eric Ciotti. Sie sehen mich erschüttert.

Nun, zwischen Estrosi und Ciotti gibt es schon immer eine Rivalität in dieser Ecke Südostfrankreichs. Beide gehörten zunächst der gleichen konservativen Partei an, die heute LR Les Républicains heißt und fast unsichtbar geworden ist. Estrosi ist vor ein paar Jahren ins eine Zeitlang aufstrebende Macron-Lager gewechselt. Vor kurzem hat Ciotti seinerseits gewechselt, und zwar ins extrem rechte Lager. Eigentlich hat Estrosi in den vergangenen Jahren nichts falsch gemacht: Er hat ein gut genutztes Straßenbahnnetz geschaffen, mit dem man sogar bis zum Flughafen fahren kann, und eine wunderschöne und großzügige Grünanlage namens „Coulée verte”, die sehr gut angenommen wurde. Warum also wurde es trotzdem Ciotti?

Weil Nizza, wie so viele andere Städte hier im Süden, einfach sehr konservativ ist. Macrons Politik, insbesondere die Innenpolitik, ist hier nicht genehm. Estrosi hatte aufs falsche Pferd gesetzt.

Im CCFA Centre Culturel Franco-Allemand fragt man sich, wie man als kulturelle Institution zukünftig mit einem rechtsextremen Bürgermeister zusammenarbeiten will. Ich muss dabei an den gerade angelaufenen Film „Les Rayons et les Ombres” (der Titel verweist auf ein Buch von Victor Hugo, das im Film Erwähnung findet) denken. Wir haben ihn vor einer Woche in einer Vorpremiere gesehen, aber er ist jetzt offiziell angelaufen. Er zeigt am Beispiel des Journalisten Jean Luchaire (gespielt von Jean Dujardin) und seiner Tochter Corinne, einer jungen Schauspielerin (Nastya Golubeva), die Kollaboration der Franzosen mit den Nationalsozialisten.

Luchaire war nach dem Ersten Weltkrieg Pazifist und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Sein deutscher Gegenpart und bester Freund ist Otto Abetz (gespielt von August Diehl). Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht und bedienen sich ihrer, um eine Zusammenarbeit (collaboration) der Franzosen mit den Deutschen zu propagieren. Es beginnt scheinbar harmlos, und vor allem Luchaire glaubt lange, intelligenter zu sein und nur so ein bisschen mitzuspielen, ohne wirklich mitzuspielen, gerade so viel, wie es eben sein muss, um seinerseits vom System zu profitieren. Luchaire ist ein sympathischer Mensch, der allerdings stets über seine Verhältnisse lebt und Geld benötigt, um seine Zeitung zu finanzieren, seine Angestellten zu bezahlen und sich und seiner Tochter ein schönes Leben zu ermöglichen. Dafür macht er mehr und mehr Zugeständnisse und rutscht so immer weiter in den Sumpf der Kollaboration hinein.

Der Film dauert drei Stunden und ist ein historisches Zeitgemälde, das von der Zwischenkriegszeit bis 1948 reicht. Am Ende des Films ist die Stimmung im Publikum gedrückt. In ihrem historischen Gedächtnis waren die Franzosen stets alle in der Résistance. Die Kollaborateure, das waren immer die anderen, natürlich irgendwelche Drecksäcke, denen man am Ende der Besatzungszeit zu Recht einen kurzen Prozess gemacht hat. Luchaire und seine Tochter entsprechen jedoch nicht diesem Bild.

„Wir haben das alles nicht gewusst“ ist auch ein in Frankreich häufig geäußerter Satz, wenn es um das Schicksal der Juden in dieser Zeit geht. Das sagt auch die junge Corinne Luchaire, als sie ihren ersten Regisseur nach dem Krieg wiedersieht. Der ist ein ukrainischer Jude, der seine Familie im KZ verloren hat. „Hast du versucht, es wissen zu wollen?”, fragt der Regisseur zurück.

Beim Rausgehen spricht niemand, ich auch nicht, denn ich möchte gerade mal wieder nicht als Deutsche erkannt werden.

Ein absolut sehenswerter Film!

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Im März am Meer

meine Spuren im Sand …

Oder auch im März IM Meer, ich war nämlich drin! Davon gibt es leider kein Foto, anders als bei Herrn Boning (@wigaldboning), der seit über drei Jahren täglich und wo immer er ist, ins Wasser geht, meistens um zu Schwimmen. Im eisigen Winter taucht er hin und wieder aber auch nur mal in ein Loch in extra dafür aufgehackte Seen, und alles ist, anders als bei mir heute, dokumentiert. Aber es war bei mir auch weder besonders spektakulär noch ein richtiges Anschwimmen, eher ein kurzer Schwumm, eine erste Kontaktaufnahme mit dem Mittelmeer im Jahr 2026, könnte man sagen. Wassertemperatur 15 Grad. Das habe ich einer besonders übersichtlichen Metéoseite entnommen, die ich jetzt, wo ich sie verlinken möchte, nicht mehr finde, da kann man auch sehen, wie stark der Wind bläst (heute bis 32km/h, das entspricht einer “frischen Brise”) und wie hoch die Wellen sind. Die Wetterseite empfiehlt das Baden daher heute nicht. Wind und Wellen kamen aber erst, als wir schon im Windschatten eines Kiosk saßen und wir unser erstes einfaches Mittagessen draußen genossen haben. Zurück zum Auto dann im böigen Gegenwind.

Liebe für die Welt
Muscheln und Plastik
Strand aufräumen
Monsieur als Strandläufer
Monsieur et Madame
Petite fritture im Windschatten
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Des Élections municipales – Kommunalwahl 2026

Heute findet in Frankreich der erste Wahldurchgang der Kommunalwahlen statt. In dem Bergdorf, in dem wir traditionell wählen, wird es nur einen Wahldurchgang geben, denn es gibt nur eine Liste: Die Bürgermeisterin stellt sich zu ihrer dritten Amtszeit mit einem teilweise neuen und verjüngten Gemeinderat zur Wahl. Man kann keine Personen von der Liste streichen, wenn man eine Person nicht möchte, sondern muss entweder die gesamte Liste wählen oder gar nicht. Die Bürgermeisterin wird also sehr wahrscheinlich wiedergewählt werden. Sie benötigt lediglich 25 % der 88 Wahlberechtigten. Das wird sie mit Sicherheit erreichen, auch wenn heute überraschend nur sehr wenige Wählerinnen zur Urne gegangen sind. 56 nämlich, wie ich gerade um eine Minute nach 18 Uhr von einer Freundin in einer Art Liveschaltung erfahren habe. In kleinen Orten wird das Wahlbüro um 18 Uhr geschlossen, in größeren Städten erst um 20 Uhr.

Zwei Mitglieder des zukünftigen Gemeinderats sitzen schonmal irgendwo im Nahen Osten fest, in Dubai, Doha oder wo auch immer. Sie waren in Australien, um ausgewanderte Freunde zu besuchen, und können aufgrund des Krieges bzw. fehlender Flugverbindungen derzeit nicht mehr zurückkommen. Aus unserer Familie fehlten auch vier Personen: Die Tochter Monsieurs wurde ja gerade operiert und darf keine langen Reisen unternehmen. Monsieur war auch erschöpft. Nur ich hatte fest vor, gestern hochzufahren. Aber dann hat mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht: Alerte Orange, sintflutartige Regenfälle in Cannes und Nizza, überschwemmte Autobahnen und die dringende Empfehlung, nicht unterwegs zu sein. In den Bergen gab es zehn Zentimeter Neuschnee. Außerdem fanden wohl die letzten zwei Etappen des Fahrradrennens Paris–Nizza statt, das auf Bergstraßen ausgetragen wurde. Ich blieb also zu Hause, mit einem komischen Gefühl, so etwas wie ein schlechtes Gewissen.

In Cannes wird es auch nur einen Wahldurchgang geben, denn es gibt quasi auch nur eine Wählerliste, niemand hat wirklich Gewicht gegen den amtierenden, sehr beliebten Bürgermeister der konservativen Partei Les Républicains. „Cannes gagne” ist sein Slogan unter seinem bereits zufrieden aussehenden Konterfei. Das meint natürlich: David Lisnard gagne. Vielleicht schaffen es eine Person des RN (Rassemblement National, extrem rechts) und ein oder zwei Personen der „Liste de la gauche solidaire écologiste et citoyenne”, einem Zusammenschluss aller Linken und Grünen, in den Gemeinderat. Dort können sie aber natürlich so gut wie nichts ausrichten. Aber wer weiß, vielleicht habe ich nach 20 Uhr noch etwas Interessantes zu ergänzen …

Nachtrag: David Lisnard ist mit 80% der Stimmen im ersten Wahldurchgang, wie erwartet, gewählt worden.

In Nizza sieht sich der seit vielen Jahren amtierende Bürgermeister Christian Estrosi dem Herausforderer Eric Ciotti, der sich vor Kurzem dem extrem rechten Rassemblement National angeschlossen hat, gegenüber. Dass am Samstag ein Viertel der Wahlzettel abgesoffen war, die in schlecht verpackten Paketen im Regen von den Wahlbüros abgelegt worden waren, ist hoffentlich kein schlechtes Omen. Es wurden natürlich in aller Eile Wahlzettel nachgedruckt, heißt es.

In meinem Bergdorf wurden die wenigen Stimmen bereits ausgezählt und die Bürgermeisterin ist mit 54 Stimmen gewählt worden. Es gab eine Stimmenthaltung durch eine „Blanc“-Stimme (man hat ein leeres, weißes Blatt anstelle des Wahlzettels in den Umschlag gesteckt) und eine andere Person hat die Bürgermeisterin auf dem Wahlzettel durchgestrichen, was als ungültige Stimme zählt. Nun, 54 von 56 Stimmen ist, auch bei geringerer Wahlbeteiligung, doch ein ziemlich gutes Ergebnis.

Ich bin von der Situation ohne Konkurrenz im Bergdorf und von der komfortablen Position David Lisnards in Cannes so sehr eingelullt, dass mir die Brisanz in den anderen Städten dieses Mal völlig entgangen ist.

Wie bei allen Wahlen in Frankreich gibt es natürlich auch einen zweiten Wahldurchgang, wenn es im heutigen ersten Durchgang keine(n) absolute(n) SiegerIn gibt, d. h., wenn er/sie nicht über 50 % der Stimmen erhält. In Nizza beispielsweise sieht es momentan so aus, dass Estrosi etwa 36 % 30% und Ciotti etwa 40 % 43% (letzter Stand 23 Uhr) der Stimmen haben. Es gibt jedoch auch andere Parteien, die sich für den zweiten Wahlgang erfahrungsgemäß zurückziehen werden, damit nur die beiden stärksten Kandidaten übrig bleiben, und eine(r) von ihnen mehr als 50% der Stimmen bekommen kann. Manche der zurückgezogenen Parteien geben Wahlempfehlungen ab, die für die Wähler jedoch nicht verpflichtend sind. In Nizza (ebenso in Paris und in vielen anderen Städten) bleibt es also noch spannend!

Heute ist es zwar überall noch sehr nass, in den Bergen liegt noch ein wenig matschiger Schnee, aber als ich eben vom Brot kaufen kam, sah es so mild und lieblich aus, dass man das katastrophale Wetter von gestern kaum noch glauben kann.

Wir waren erstmals nicht wählen, dafür aber zweimal im Kino, das wird aber ein anderer Eintrag. Stay tuned ;-)

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12 von 12 im März 2026

Und schon ist wieder der 12. des Monats und es gibt 12 Bilder vom Tag!

Derzeit falle ich direkt vom Bett auf den Heimtrainer und strampele eine halbe Stunde (Tendenz aufsteigend). Dabei lese ich das Internet leer. Heute sehr schöne Fotos (schon seit ein paar Tagen, um ehrlich zu sein) vom platten Land, Nebel und neugeborenen Schafen beim täglich bloggenden Herrn B. Haben Sie vermutlich schon selbst gesehen.

Frühstück mit Magnesium und Blutdrucktablette.

Erst dann denke ich an den Blick aus dem Fenster. Heute ist das Wetter die meiste Zeit unentschieden: Sonne und dunkle Wolken, manchmal ist es vorne hell und hinten gewittrig dunkel. Regnet aber den ganzen Tag nicht.

Wir holen am Vormittag Monsieurs Tochter aus dem Krankenhaus ab. Klinik vielmehr, ich bin nicht sicher, ob die Einteilung in Deutschland dieselbe ist. Kliniken sind private Krankenhäuser, in denen man den Arzt/Ärztin und den Eingriff zahlt. Krankenhäuser sind staatlich und und hier zahlt das französische Gesundheitssystem. Die Klinik Arnaud Tzanck in St Laurent du Var hat einen guten Ruf, den Spezialisten, den die Tochter braucht, gibt es auch nur hier. Es ist dennoch ein abgewirtschafteter hässlicher Gebäudekomplex, es finden umfassende Bauarbeiten bei laufendem Betrieb statt.

Die Tochter will nicht unterwegs Mittagessen, sondern so schnell wie möglich nach Hause und dort wieder ins Bett, wir kaufen unterwegs frische Ravioli und es gibt ein schnelles Mittagessen mit frischen Artischocken (es wird Frühling!), Ravioli mit Rindfleischfüllung (“Daube”, sehr lecker) nur mit etwas zerlassener Butter und Reibekäse. Danach Käse und die Reste einer Apfeltarte, die ich, weil es im Kühlschrank keinen Platz mehr gab, auf der Terrasse gelagert hatte. Im Karton haben sich schon die erste Ameisen, noch winzig klein, eingefunden. Auch das ein Zeichen des Frühlings!

Sieste. Muss.

Danach arbeite ich ein bisschen an etwas, das ich heute auch fertig bekomme, hurrah!

Um 16 Uhr bin ich mit einer Freundin zum Spazierengehen in der Croix des Gardes verabredet. Wir laufen anderthalb Stunden kreuz und quer, es ist sehr grün (der frühe Frühling ist hier sehr regenreich dieses Jahr!) die Wege sind manchmal matschig, aber die Sonne scheint jetzt wunderbar!

Die Mimosenblüte ist endgültig vorüber, aber es wachsen wilde Fresien hier, das Eselpaar, das den Naturpark peu à peu abgrast, hat ein junges struppiges Eselchen bekommen, aber sie sind alle drei fotoscheu und laufen ans Ende des umzäunten Geländes, und sie sind im Schatten nicht mehr zu sehen. Dafür stolpern wir zufällig in die Fütterung der frei lebenden Katzen (alle üppig und mit unglaublich gepflegtem Fell), es gibt einen Verein, der sich um die Katzen hier kümmert, erfahren wir.

Später schreibe ich eine wichtige Mail, telefoniere mit einer anderen Freundin und dann mache ich schon Abendessen: es gibt Reste von mittags, ohne Foto. Ich würde gerne die Serie “Quelq’un devrait interdire les dimanches après-midi”, sehen, aber der Gatte will lieber in den Schlechtigkeiten der Welt versinken und schaut Nachrichten.

Das wars schon. Danke fürs Lesen und Schauen! Die anderen 12 von 12er wie immer und dankenswerterweise bei Caro!

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Müde Augen, junge Frauen und alte Meister

Drei Farben Blau: Schnee über der Cote d’Azur

Auf dem Rückweg aus Deutschland kaufe ich mir in der Regel im Duty-Free-Shop am Flughafen eine große Tüte Gummizeugs oder eine teure Sorte Schokolade, die es hier nicht gibt und für die ich in meinem französischen Alltag auch keinesfalls so viel Geld ausgeben würde. Es ist der alte „Belohn-Reflex“ aus meiner essgestörten Zeit, der noch immer in meiner DNA eingegraben ist und leider in stressigen Zeiten auch wieder für vermehrten Zuckerkonsum sorgt. Dieses Mal habe ich erstaunlicherweise kein Bedürfnis nach Schokolade, ich bin anders erschöpft und kaufe erstmals Feuchtigkeitspads, beeinflusst von den vielen jungen Frauen auf Instagram, die sich Feuchtigkeitspads unter die Augen kleben und davon berichten. Ich kann es kaum erwarten, sie unter meine müden Augen zu kleben.

Kein Lippenstift für Boomer

Ich gehöre zur Frauen-Boomer-Generation und nehme die Verschönerungsaktionen junger Frauen aus der Generation X, Y oder Z (oder noch jünger), die ihre eigentlich noch makellose, glatte Haut mit Pads, Masken oder Serum verwöhnen, mit Erstaunen zur Kenntnis. In meinen jungen Jahren wäre mir das nicht eingefallen, so etwas war höchstens für ältere Damen (etwa meines jetzigen Alters 😅) vorgesehen; gleichzeitig aber galt (und gilt) weniger ist mehr. Sich schminken, roter Lippenstift und rote Fingernägel waren verpönt – zumindest in meinem akademischen Umfeld. Und all das „Aufgetakelte“ war, nicht nur meiner Meinung nach, Frauen vorbehalten, deren Interessen sich auschließlich um Äußerlichkeiten drehten. Haare, Mode, Klatsch und Tratsch …

Junge Frauen …

Doch plötzlich gibt es eine Frauengeneration, die sich schminkt, falsche Fingernägel aufklebt, pinken Lippenstift trägt und Zunge-Rausstreck-Selfies macht und trotzdem etwas im Kopf hat.

Und in der Tat sehe ich voller Bewunderung wie viele junge Frauen heute schon so viel Durchblick haben. Sei es, dass sie toxische Beziehungsmuster mit Eltern oder Partner:innen früh erkennen (ich denke hier etwa an @svenjafuxs), oder dass sie sich für Politik interessieren und ausgezeichneten Journalismus machen (wie etwa Natalie Amiri, deren Buch über den Nahen Osten ich gerade lese). Obwohl ich mich seit jeher mit großer Ernsthaftigkeit für vieles interessiere, viel lese und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen, irrte ich doch sehr lange verständnislos durch mein Leben und unwissend durch die Welt.

Alte Strukturen

Gleichzeitig bin ich auch erschüttert, wie wenig weit wir andererseits gekommen sind. Ich dachte wirklich, meine Generation sei die Letzte, in der Männer noch die “klassische” Männerrolle in Partnerschaften einnehmen würden, klassisch in dem Sinn, dass sie weder die Alltags- und Haushaltsdinge mitdenken, geschweige denn mittun, und etwa bei der Kindererziehung wenig bis keine Verantwortung übernehmen sondern sich häufig als quasi zusätzliches Kind von ihrer Frau mitversorgen lassen.

Das sehe ich beispielsweise, wenn ich die Einsenderunden auf Mirjas Instagram-Seite @seiten.verkehrt lese. Sie fragt ihre Leserinnen regelmäßig, wie sie ihren Alltag mit Kindern in Familie oder im Beruf leben. Themen sind etwa der unterschiedliche Umgang von Mann und Frau mit Schlaf, Krankheit, Weihnachten (Adventskalender, Geschenke, Essen) oder die Urlaubsplanung inklusive Packen. Es macht mich fassungslos und wütend, wie hilflos und planlos Männer sein können. Gleichzeitig ruhen sie sich mit Arroganz und Überheblichkeit („Ich bin der Hauptverdiener”) auf dem Rücken ihrer Frau aus.

Zum Weltfrauentag gibt es hier zwei Screenshots von @seiten.verkehrt

Am Ende dreht Mirja all die sexistischen Muster einfach um. Satire! Hallo! Erstaunlich, dass dies immer noch zu Aggressionen bei den Lesern führt – und ich muss hier gar nicht gendern.

Feministischer Klassiker: Die Töchter Egalias

In diesem Zusammenhang wollte ich schon lange auf „Die Töchter Egalias” der Norwegerin Gerd Brantenberg (übersetzt von Elke Radicke unter Mitarbeit von Wilfried Sczepan) hinweisen. Der „Roman über den Kampf der Geschlechter“ ist schon in den Siebzigern erschienen, vielleicht sind unter meinen Boomer-LeserInnen welche, die es kennen? Für die anderen hier eine kurze Erklärung: In Egalia, einem fiktiven Staat, ist alles konsequent umgedreht, sogar die Sprache: Schon der erste Satz macht es klar, hier bekommen Männer die Kinder und Frauen verlieren die „Befrauschung“, wenn etwa der Sohn “Seefrau” werden will. Anders als die auf der Rückseite abgedruckten Kritiken hat es mich nicht „zum herzlichen Lachen” (Emma) gebracht. Ich habe es seinerzeit nicht zu Ende lesen können. Aber auch nach nur zwei Drittel des Buches war die feministische Botschaft absolut augen- und hirnöffnend. Dr. Luise F. Pusch sagt etwa, es sei ein „Meilenstein des Feminismus” und stellt es gleichwertig neben „Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir.

Es ist übrigens ein Buch, das ich mir antiquarisch erneut bestellt habe. Ich dachte, ich würde es heute leichter lesen, aber nein, es nervt mich nur noch viel schneller. Und ich fürchte, dass „Egalia” nur „eine reiche Quelle für Seminar-, Magister- und Doktorarbeiten” wurde (Dr. Luise F. Pusch), aber leider keinerlei Veränderung im echten Leben bewirkt hat. Vielleicht müsste man es neu übersetzen und den Schutzumschlag ändern. Heute würde frau in der feministischen Bildgestaltung keinen Penis mehr neben einen Frauenkopf abbilden, so hoffe ich doch. Vielleicht ist jetzt die Zeit, es wieder auf den Markt zu bringen, mit den vielen jungen pfiffigen und kämpferischen Frauen kann sich ja noch etwas ändern. Nie die Hoffnung verlieren.

Alte Meister: Die Odesa-Ausstellung

Kleiner Themenwechsel. Ich wollte doch noch ewas zur Odessa-Ausstellung (ukrainisch heute Odesa), sagen, die ich in Heidelberg tatsächlich angesehen habe. Es wurden dort vorsorglich evakuierte Bilder aus der Sammlung des Museums für Westliche und Östliche Kunst in Odesa gezeigt. Ehrlich gesagt, war ich erst ein bisschen enttäuscht, hatte mir anderes, mehr Fremdes vorgestellt, aber

Bei den Bildern aus Odesa handelt es sich um eine durch und durch europäische Sammlung: Madonnenbilder aus der italienischen Renaissance und Stillleben aus dem niederländischen Barock, Porträts von Adligen und Bürgern im romantisch-realistischen Stil und beinah impressionistische Szenerien aus dem Mittelmeerraum. Worum es bei der Präsentation dieser Bilder ganz wesentlich geht, ist, zu zeigen, dass Odesa und Heidelberg – die Ukraine und Deutschland – durch eine gemeinsame kulturelle Basis verbunden sind.

Martina Senghaas, SWR

Um diese kulturelle Nähe zu verdeutlichen, wurden einige Bilder aus der ukrainischen Sammlung neben Bildern aus der Sammlung des Kurpfälzischen Museums aufgehängt (ohne Beispiel). Ich hatte keinen Kopfhörer-Guide erworben, aber die zweisprachigen Texte neben den Bildern waren gut verständlich.

Das Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa
Domenico Morelli: Porträt der Gräfin Olena Tolstoi 1875

Besonders beeindruckend und berührend ist der kleine Film, der in einem Nebenraum gezeigt wird. Er veranschaulicht, wie lebendig die kulturelle Vielfalt im Museum war. Neben klassischen Museumsführungen für Erwachsene und Kinder dienten die Räumlichkeiten für Empfänge, Konzerte und sogar Tanzveranstaltungen, die dem Wiener Opernball nachempfunden waren. Zu sehen ist auch, wie die Evakuierung der Bilder und anderer Kunstwerke vonstattenging: Wie Museumsmitarbeiter die Bilder nach und nach aus den Rahmen schneiden und verpacken – die so versandten Bilder wurden in Berlin in einfache braune Holzrahmen gerahmt –, wie das Museum immer leerer wird und wie eilig Sandsäcke vor die Türen gestapelt und die Fenster zumauert werden, um größere Zerstörungen zu verhindern.

Ein wandgroßes Foto zeigt die (erneute) Zerstörung der Verklärungskathedrale in Odesa. Sie wurde 1936 zunächst von Stalin zerstört, 1999 originalgetreu wieder aufgebaut und ist nun erneut teilweise zerstört.

Verklärungskathedrale Odesa heute

Als ich am Eingang die Aufsicht führende Dame frage, was in der Zwischenzeit aus dem Museum für Westliche und Östliche Kunst geworden sei, antwortet sie mir mit starkem slawischem Akzent: „Also, da fragen Sie die Falsche. Keine Ahnung.“ Sie zuckt gleichgültig mit den Achseln. Da ich anscheinend etwas irritiert schaue, schlägt sie mir vor: „Schauen Sie im Internet nach“, Odesa sei ja ihres Wissens nach nicht stark bombardiert worden, fügt sie noch hinzu. Das macht mich kurz sprachlos, aber ich verstehe, dass Odesa dieser Dame, sehr wahrscheinlich russischer Herkunft, ziemlich egal ist, zumindest solange die Stadt zur Ukraine gehört. Ich widerspreche nicht, aber ins Internet schaue ich später. Die historische Altstadt Odesas, die 2023 gerade noch auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, wurde im Juli 2023 stark bombardiert. Dabei wurden die oben gezeigte Verklärungskathedrale, einige Museen und viele Wohnhäuser zerstört. Das Museum für Westliche und Östliche Kunst steht wohl noch, wird aber zumindest in dieser Liste – ja, ich weiß, es ist nur Wikipedia – als „mehrfach durch russische Angriffe beschädigt“ geführt.

Jules-Alexis Muenier: Mord an der Riviera (späterer Titel Streit der Kutscher) 1893

Emile Claus: Sonniger Tag 1895

Ok. So viel für heute! Schönen restlichen Weltfrauentag. In Paris wurde feministisch demonstriert, sah ich gerade. Und es waren auch Männer dabei. Vielleicht wirds besser in der nächsten Generation!

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Nicht müde werden

Die Mimosen haben mir ein unglaubliches Besucherhoch auf dem Blog beschert, was auch durch diverse Links auf anderen Blogs unterstützt wurde. Herzlichen Dank dafür! Gleichzeitig haben sie aber auch Tausende russischer und chinesischer Bots angelockt, denen die Mimosen vermutlich egal sind, der Hinweis auf die Ukraine aber nicht. Es macht mich ein bisschen nervös, zu sehen, wer und was sich alles durch meinen Blog wühlt. Vielleicht sollte man sich das gar nicht ansehen, sondern einfach weiterbloggen, as nobody’s watching. Die Besucherzahlen nehmen sowieso wieder ab. Die Bots hoffentlich auch.

Ich bin schon mit einem Fuß unterwegs: Der monatliche Besuch im Pflegeheim steht an, ein Geburtstag wird gefeiert werden und das Wetter ist allenthalben frühlingshaft geworden, sodass man einen kleinen Ausflug machen kann! Ich möchte auch gerne eine Ausstellung sehen. Vorsorglich evakuierte ukrainische Kunstwerke aus Odessa tingeln durch die Welt und sind noch bis Ende März in Heidelberg zu sehen.

Es gibt derzeit noch eine andere Ausstellung in Heidelberg, die sich zu besuchen lohnt: Anlässlich des 20. Todestags der Dichterin Hilde Domin ehrt das Kulturamt der Stadt Heidelberg die Dichterin mit der Ausstellung „Nicht müde werden”.

Kuratiert wurde sie von Stefan Kaumkötter und Marion Tauschwitz, letztere Autorin, Freundin und Wegbegleiterin Domins. Leider werde ich es nicht schaffen, beide Ausstellungen zu sehen, aber wenn Sie in der Nähe sind, Zeit haben und Hilde Domin schätzen, kann ich Ihnen nur empfehlen, sich die Ausstellung anzusehen. Ich kenne Marion Tauschwitz persönlich und glaube sagen zu können, dass noch keine Ausstellung profunder und liebevoller gemacht wurde.

beau vent froid – Blick aus dem Bonnard Museum mit aperçu mer

Ich war vor kurzem im kleinen Bonnard-Museum in Le Cannet, zur Zeit als es fast ununterbrochen regnete und ich nicht glaubte, dass ich draußen noch Mimosen sehen würde. Die Mimosenbilder von Bonnard wurden vom Musée d’Orsay (mit dem das Bonnard-Museum fest zusammenarbeitet) und dem Centre Pompidou nach Le Cannet ausgeliehen und waren der Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung, mit der auch geworben wurde.

Letzten Endes sind es nur zwei Mimosenbilder, was ein bisschen enttäuschend ist, auch wenn es noch ein paar andere neue Bilder gibt und sich die Thematik und die Hängung in den anderen Räumen stets ändern.

Blick aus dem Atelier mit Mimosen
Blick über le Cannet zur Zeit der Mimosenblüte

Eine (nicht ganz neue) Neuerwerbung ist das Porträt eines kleinen Mädchens mit Hund, das uns letztes Jahr auf einer Karte der Stadt Le Cannet als Neujahrsgruß entgegenlachte und letztes Jahr zu meinem Symbolbild für das Wort des Jahres „Freude” wurde. Bislang konnte ich mich dieses Jahr noch nicht so richtig für die Freude entscheiden, denn die Welt scheint mir zu düster: Ich sage nur Iran, Ukraine, Epstein, all der Hass und all der Antisemitismus. Darf man bei all dem Leid freudig sein? Ja, ja, ja! Was ich brauche, ist genau das – Freude (und Liebe) –, um diesem Leid etwas entgegenzusetzen. Das bedeutet nicht, dass ich das Elend nicht sehe oder nicht sehen will. Aber ich will mich davon nicht auffressen lassen, wozu ich tendenziell neige. Gut also, dass ich im Museum überraschend auf das kleine lachende Mädchen gestoßen bin, das mich daran erinnert.

Petite fille au chien

Beim Kofferpacken habe ich vorhin außerdem mein verloren geglaubtes „Freude”-Armbändchen in einer Seitentasche wiedergefunden. Wenn das kein Zeichen ist! Die Perlen sind schon ein bisschen blass und das Fädchen eher grau als rosa. Es hat im vergangenen Jahr viel gearbeitet und ich trage es jetzt bewusst wieder!

Gestern stieß ich bei einem Instagram-Filmchen in den automatisch erstellten Untertiteln auf das schöne Wort „Fötonist”. Ich habe es erst gar nicht verstanden. Da hat die KI noch einiges zu lernen, bevor sie „Feuilletonist” in einem deutschen Gespräch richtig versteht. Haha. In diesem Zusammenhang sehe ich mir super gerne die sprachlichen Spitzfindigkeiten von Loic Suberville an und muss oft genug lachen. Hier ist mein Beitrag zur Freude heute. Vielleicht amüsiert es Sie auch ein bisschen.

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