1. Deutsches Filmfestival, ein Nachtrag

Hier noch ein kurzer Nachtrag, und damit Sie ihn auch finden, bekommt er einen eigenen Eintrag: Wie war es denn das Filmfestival?, wurde ich hinter den Kulissen mehrfach gefragt. Ich war ja selbst nicht anwesend, ich war unterwegs und kaum war ich zurück, hatte ich viel, sehr viel um die Ohren und ich murmelte und murmele auch weiterhin ständig „ease“ vor mich hin und sage mantramäßig „alles wird gut“, vielleicht schaffe ich es auch, Ihnen von all dem irgendwann zu erzählen, derzeit habe ich auf jeden Fall das Gefühl, ständig außer Atem zu sein, und genau wie dieser Satz komme ich im real life zu allem und nichts. Können Sie mir folgen? Ich musste also erst Zeit finden, den Organisator des Filmfestivals zu befragen. Eine Freundin hatte mir zwischenzeitlich schon ein vernichtendes „bof“ aufs Handy geschickt. Bof, mit heruntergezogenen Mundwinkeln eher bff ausgesprochen, heißt allerhöchstens „naja“. Ihr hat schon Barbara nicht gefallen. Zu langsam. Uninteressant. Bof eben. Und „Alles ist gut“, den fand sie doppelt „bof“. Keine Musik, keine Dialoge. Kein Film in ihren Augen. C’est pas un film, sagte sie tatsächlich. Hm. Ich mochte „Alles ist gut“ auch nicht so richtig, aber eher, weil mich die Hauptdarstellerin in ihrer Rolle nervte. „Sag was!“, hätte ich sie anschreien wollen und schütteln, „sag was verdammt nochmal!“ Sie regte mich auch deshalb so auf, weil ich lange Jahre so ähnlich war. Nichts sagen, lächeln, runterschlucken. Alles ist gut. Kann ich heute nicht mehr aushalten. Ich war auch nicht sicher, ob es ein guter Film für ein erstes deutsches Filmfestival in Cannes sei, aber immerhin ist es der Film einer jungen Regisseurin, es ist ein Film, der im Heute spielt und das Thema ist aktuell und lädt absolut zur Auseinandersetzung über allerhand Themen ein. Das Urteil der Freundin „das ist doch kein Film“ traf mich dann schon. Es ist eben ein deutscher Film. So sind wir. Wir reden viel. Machen weniger Klamauk. Ich rede mit Deutschen ganz anders als mit Franzosen. Wir sind uns kulturell vermutlich ferner als wir immer glauben wollen.

Die Reaktion des Organisators aber war eine ganz andere: „Es war ein toller Erfolg“, rief er mir begeistert durchs Telefon zu, als ich ihn endlich befragte. „Drei ausverkaufte Abende, wir mussten Leute abweisen, weil man uns den allerkleinsten Saal mit nur 70 Sitzplätzen zugewiesen hatte!“ Und die Zuschauer, mit Abstimmzetteln befragt, hatten die Filme im Schnitt mit Acht (von Zehn) Punkten bewertet. Am besten hatte der Thriller „Die Vierhändige“ gefallen. Das finde ich zwar persönlich befremdlich, aber bitte, warum nicht. Ich habe über „Die Vierhändige“ gelesen und nur Gutes gefunden und „unsere“ Zuschauer mochten ihn auch. Super! Alles richtig gemacht, könnte man sagen. Und wir machen daher weiter. Wir wissen, dass es mindestens 70 Personen gibt, die sich für den deutschen Film interessieren, das ist mehr, als bei so manch anderem Festival, wo man manches Mal zu fünft, einschließlich des eingeflogenen Filmemachers, in einem Saal sitzt. (Und auch der neue Film mit Sandrine Kiberlain „Mon Bébé“ lockte hier nur 15 Personen in den 300 Zuschauer fassenden Saal.) Die Kinobetreiber fanden es auch gut und haben uns für die nächsten Séancen größere Säle versprochen. Hurra! Wir wollen, sobald die Filme mit Untertiteln versehen und auf den französischen Markt geschickt werden, Vorpremieren anbieten und zwar sehr wahrscheinlich von „Ballon“, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Werk ohne Autor“. Und vielleicht bekommen wir auch noch „Bella Martha“ zu sehen. Irgendein Verleih hat dann doch noch eine Kopie mit Untertiteln im Keller gefunden. Und ich arbeite persönlich daran, dass wir eines Tages auch einen Film von Fatih Akin zeigen!

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1. Deutsches Filmfestival Cannes

Hoho! Der Titel klingt wahrlich reißerisch! Schrauben Sie Ihre Erwartungen runter, alles wird ganz klein, es ist aber dennoch das erste Mal, dass hier mehrere aktuelle deutsche Filme gezeigt werden, und das immerhin feiern wir!

Zwischendurch war ich ein bisschen unglücklich, Sie haben sich alle so engagiert, mir hier und da und dort noch Filmvorschläge geschickt, vielen Dank! Ich habe wahnsinnig viele Filme gesehen und gab Besprechungen und Eindrücke weiter. „Wie weit seid ihr denn?“, wurde ich schon von Ihnen gefragt. „Wie läuft es denn ab?“ „Weiß ich auch nicht“, musste ich antworten. Denn, wie so oft in Frankreich, passierte nichts. Also scheinbar passierte nichts, sagen wir so. Und ich fühlte mich mal wieder so zwischen allen Stühlen. Wollte Ihnen dieses Filmfestival und das Interesse der Franzosen für Deutschland und deutsche Filme so gerne in schillernden Farben darstellen, Diskussionen und Themen wiedergeben und ich bedrängte den Präsidenten des Vereins mit Fragen und bat um Informationen, aber er antwortete mir einfach nicht. So ist das hier. Ich dachte, ich werde einmal mehr einen Text zu Organisation, Spontanität und dem französischen Verständnis von Freiheit schreiben. Liberté! rief  Jakob aus Schabbach in „Die andere Heimat!“, die ich so gerne hier vorgeführt gesehen hätte. Lange der (nicht nur von mir) favorisierte Film. Zwei Filme eigentlich, was die Vorführung erschwerte.

Gestern also bekam ich Nachricht. Pas trop tôt, wie man hier ironisch sagt, „nicht zu früh“, gemeint ist, „bisschen spät“. Denn das Filmfestival findet am kommenden Wochenende statt. Das ist Ihnen zu kurzfristig? Da haben Sie jetzt schon was anderes vor? Tant pis. Pech. Für Sie natürlich. Hier müssen Sie viel spontaner sein. Wenn Sie sich das Wochenende freigehalten hätten, hätte es auch genauso gut gar nicht stattfinden können. Mehr als ein Achselzucken als Entschuldigung hätten Sie nicht bekommen. Da hilft kein Aufregen. So ist das hier. Lange Rede, ich war nicht bei der Entscheidung beteiligt und es werden drei Filme gezeigt. Drei? Ja, nur drei! Die Kinos, mit denen wir zusammenarbeiten, hatten keine freien Säle. Aber das hatten Sie uns doch versprochen?! Eh beh, ja, aber jetzt ist es so. Es sind ja offizielle Kinovorführungen, die Kinochefs sind nett, aber sie sind nicht die Heilsarmee. Geld verdienen wollen Sie schon. Also, jetzt drei Filme, später im März kriegen wir vielleicht noch einen oder zwei andere Filme unter. Das 1. Deutsche Filmfestival in Cannes bekommt also einen eher zögerlichen Auftakt. Schade, oder auch nicht. Denn ich bin gar nicht da am Wochenende und komme so hoffentlich wenigstens in den Genuss der zwei später gezeigten Filme.

Tatatataaaa … Trommelwirbel – Cinécroisette proudly presents:

Das isses? Ja. Das isses. Ach.

Ich gebe zu, ich war zunächst super enttäuscht. Ein Thriller! Und kein Fatih Akin. Nicht Doris Dörrie. Nicht Heimat. Nicht Bella Martha. Nicht Sophie Scholl. Gut, nachdem ich die Enttäuschung etwas verdaut habe, kann ich den Erklärungen zustimmen:

„Wir wollen“, sagt Serge Basilewski, seines Zeichens Président de l’association, der Vereinsvorsitzende zu deutsch, „etwas Neues zeigen, also einen oder zwei in Frankreich komplett unveröffentlichte Filme oder eine Vorpremiere; wir wollen einmal nicht das ewig durchgekaute Zweite-Weltkriegsszenario, hingegen Filme, die den Osten (bzw. Deutschland in den 80er Jahren) zeigen, und drei unterschiedliche Genres sollten es sein. Einen Film von Petzold wollen wir dabeihaben“ und, füge ich hinzu, ein Film einer Filmemacherin sollte es auch sein. Das alles waren die Auswahlkriterien für zunächst drei Filme. Das haben wir hingekriegt. Immerhin. Und immerhin ist Barbara von Christian Petzold dabei. Für den habe ich mich sehr stark gemacht.

Später im Monat würden wir gerne noch Ballon zeigen und Werk ohne Autor, sobald die Versionen mit französischen Untertiteln verfügbar sind. Insbesondere Werk ohne Autor (ja, ich habe die Diskussion mit Gerhard Richter mitverfolgt) interessiert hier die Kinochefs. Dafür kriegen wir also bestimmt einen Saal. So siehts aus.

Kommen Sie zahlreich, möchte ich Ihnen zurufen, vom Interesse des Publikums und der Anzahl der verkauften Plätze hängt die Zukunft für weitere „deutsche Festivals“ ab! Für Mitglieder der Association sind die Vorführungen gratis, für alle anderen beträgt der Eintrittspreis 6.50€. Die Filme laufen in der VOST, version originale soustitré, deutsch mit französischen Untertiteln. Und leider bin ich selbst nicht dabei, es wird also kein inoffizielles Treffen mit der Autorin. Ein andermal.

Hier noch der offizielle Link zum Verein CinéCroisette.

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Ausflug nach Monaco

Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen hatten, aber die Autorin hatte einen Leseabend in Monaco. Wo bitte? Sie haben richtig gelesen, in MONACO! Eingeladen hatte der Deutsche Internationale Club des Fürstentums Monaco, dessen Ehrenvorsitzender, Sie denken es sich, Seine Durchlaucht Prinz Albert II von Monaco ist. Ort der Lesung war der Yachtclub von Monaco, ein noch ziemlich neues Gebäude am Hafen, das an ein Kreuzfahrtschiff erinnert, und dort in der Sunrise Bar im 5. Stock, quasi auf dem Oberdeck.

Die großzügige Einladung beinhaltete vor der Lesung eine private Tour durch Monaco (nein, nicht mit Prinz Albert) und ein Abendessen danach, im Restaurant des Yachtclubs. Monsieur war freundlicherweise miteingeladen. Ich wusste, dass mein Wagen am Yachtclub, wo wir auch den Treffpunkt für die Monaco-Tour hatten, von einem voiturier geparkt würde. Es ließ mich im Vorfeld lachen, unser kleines, verbeultes Autochen in Monaco zwischen all den Luxusautos – so etwas hatte der voiturier sicher noch nie geparkt. Ich zwang Monsieur, es wenigstens durch die Waschanlage zu fahren und auch von Innen etwas zu entmüllen. Wir kleideten uns so gut wir konnten und fuhren los. Ich hatte mir angesehen, wo der Yachtclub lag und ließ mir zusätzlich den Weg von Google Maps auf dem Handy anweisen. Monaco ist klein, aber für Unkundige doch etwas verwirrend.

Nun, vielleicht wissen Sie es, Monaco ist fast vollständig untertunnelt, und mein GPS verlor sich in den Tunneln, und bis es sich wieder gesammelt hatte, musste ich schon selbstständig entscheiden, wohin ich abbiegen wollte. Nirgends war der Hafen oder der Yachtclub angeschrieben, „links oder rechts?“, frage ich Monsieur, der zuckt mit den Schultern, und ich fahre nach links. Nach 50 Metern kommen wir zu dem berühmten Platz vor dem Casino, vor dem Café de Paris und vor dem edlen Hotel de Paris und ich wurde panisch. Es ist DIE m’as-tu-vu Strecke, ich kenne sie aus dem Fernsehen, immer, wenn man Monaco zeigt, zeigt man diesen Ort: an der Terrasse des Café de Paris fährt man vorbei, wenn man von der Welt gesehen werden will. Ich will ganz bestimmt nicht gesehen werden mit dem kleinen verbeulten Toyota, von gar niemandem, aber es gibt kein Entrinnen, ich kann mich nur einreihen zwischen Porsche und Rolls Royce und Maserati und einem röhrenden Ford Mustang und einmal den kleinen Platz umrunden. Ich werde rot vor Scham  und Aufregung.

Und wohin jetzt? Ich bin etwas nervös, wir sind schon leicht zu spät für das Rendezvous am Yachtclub, ich sehe eine Polizistin, die kurz hinter dem Platz steht, fahre auf sie zu, lasse die Scheibe runter und frage nach dem Yacht Club. „Yacht Club?“ (Joht Klöbb spricht man das hier aus, falls Sie je in die Verlegenheit kommen sollten) wiederholte sie ungläubig. Ich nicke. Sie zeigt geradeaus und sagt etwas, was ich nicht verstehe, weil Monsieur gleichzeitig spricht. „Du stehst ungeschickt, recule!„, fordert er mich auf. Fahr ein Stück zurück, meint er. Ich werfe einen Blick zu ihm und vor dem Rückwärtsfahren glücklicherweise in den Rückspiegel und sehe einen Bus, der mich fast von der Straße schubst. „Recule!“ sagt Monsieur ungeduldig. „Ich kann nicht, da ist ein Bus“, entgegne ich gereizt. „HÖREN SIE MIR EIGENTLICH ZU?“, ruft die Polizistin laut und sieht mich streng an. „Ja, ja, natürlich.“ Ich werde noch röter und wiederhole dumm jedes Wort, das sie sagt, „geradeaus, links, Tunnel …“  bedanke mich und fahre los. „Nach fünfzig Metern rechts“, mischt sich überraschend wieder das GPS ein. Was denn jetzt? Rechts oder links? Ich vertraue, warum auch immer, dem GPS und nach zwei weiteren Kurven fahre ich am Yachtclub vorbei, allerdings auf der falschen Seite und ich mache entschlossen einen U-turn. Dann komme ich weder vor noch zurück, wir stehen direkt hinter einem geparkten silbernen extravaganten Porsche, der gerade von ein paar jungen Männern fotografiert wird, daneben geht es auf die höher liegende Zufahrt zum Yachtclub. Sie ist mit dickem Teppich ausgelegt. „Fahr hoch“, sagt Monsieur. „Auf den Teppich?“, frage ich fassungslos, traue mich nicht und würde gern jetzt hier diskret rückwärtsfahren. Hinter mir steht aber bereits ein großer Geländewagen, der seinerseits gerne dort hochfahren würde. Ein livrierter Mann eilt auf uns zu. „Was machen Sie denn hier?“ fragt er. „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber wir haben hier eine Verabredung“, sage ich entschuldigend. „Was soll das heißen, es sieht nicht so aus?!“, mischt sich Monsieur verärgert ein, „wir SIND hier verabredet!“ „Dann fahren Sie hoch, Sie blockieren hier alles!“ winkt er mich durch. Oben reißt ein anderer livrierter Herr uns augenblicklich die Autotüren auf. Aus dem Geländewagen hinter uns steigt bereits die Dame, mit der wir verabredet sind. „Ich dachte mir schon, dass Sie das sind“, lacht sie. Unser Toyota ist schon verschwunden, wir steigen in den Geländewagen und bekommen eine Stunde lang eine exklusive Monaco-Führung. Jede Straße (es gibt nicht so viele) wird abgefahren und wir erfahren zu jedem Stadtviertel und fast zu jedem Gebäude etwas. Eine 100 Quadratmeterwohnung im neuen Turm Odéon kostet etwa 56.000 Euro Miete pro Monat. In jedem neuen Gebäude müssen, das ist eine Regel, immer Wohnungen zu einem normal erschwinglichen Preis für die Monegassen mit eingeplant werden. Aber sicher nicht die Penthousewohnung, die zurzeit als teuerste Wohnung der Welt gehandelt wird. Wir fahren durch das Monaco der Monegassen, wo man in ganz normalen Läden und Supermärkten zu einem ganz normalen Preis einkaufen kann und später hinauf auf den Hügel mit der Altstadt und dem Palast der Grimaldis.

Man will es gar nicht glauben, aber in meinem Leben war ich tatsächlich erst dreimal in Monaco. Das erste Mal mit einer Jugendgruppe, ich war dreizehn und fühlte mich großartig, weil man uns erstmals Geld in die Hand gedrückt hatte, damit wir unsere Mittagsverpflegung, einen Sandwich, selbst kaufen konnten. Ich erinnere mich vage an die großen bunten Geldscheine; es schien mir so viel Geld zu sein und ich hätte gerne noch ein Eis und eine Cola und eine Ansichtskarte oder was auch immer, aber dann blieb nach dem Kauf des Sandwichs doch gar nichts davon übrig. Das Sandwich war so üppig belegt, wie ich das aus Deutschland nicht kannte und sogar mit dicken schwarzen Trauben, in die ich herzhaft biss, um sie dann sofort angeekelt auszuspucken. Igitt! Was war das denn?! Die „Trauben“ entpuppten sich als Oliven und es war meine erste Begegnung mit ihnen. Lustig, es fiel mir gestern, als wir vor dem Palais vorbeifuhren, wieder ein. Das zweite Mal begleitete ich Monsieur zu einer Untersuchung in der Herzklinik kurz vor seiner Herz-OP und hatte wenig Sinn für Tourismus, und das dritte Mal brauchte ich ein bisschen Monaco-Flair für den zweiten Duval-Krimi, kam aber nicht so weit rum, wie jetzt bei der Führung.

Monaco hat sogar ein Gefängnis erfahren wir und sehen Stacheldraht und Gitter zwischen Palmen hervorblitzen, die Zellen haben Meerblick und angeblich kommt das Essen vom Hotel de Paris. Rein ins Gefängnis kommt man wohl schnell, es reicht schon, unfreundlich zu einem Polizisten zu sein. Ob das alles stimmt?! Ich wollte es nicht testen. Und zum Abschluss fahren wir noch einmal um den Platz vor dem Casino und am Café de Paris vorbei. Jetzt aber in einem standesgemäßen Auto. Wir halten vor dem Hotel de Paris, man reißt uns die Türen auf, erst die des Autos, dann die des Hotels und wir sehen die schöne Halle und den Innenhof des frisch renovierten 5 Sterne Hotels. Alles ist neu und hell und edel und sehr geschmackvoll. Von dort geht es zum Casino mit öffentlichen und privaten Spielsälen, der Eingang der Oper liegt ebenfalls hier (der Prinz hat übrigens einen eigenen Eingang!) und zum Abschluss laufen wir ein paar Schritte durch ein am Vortag wiedereröffnetes „nagelneues“ Stadtviertel (das Ursprüngliche wurde abgerissen), edle Boutiquen (Prada, Akris) in geschwungenen Kurven aus Glas. Akris ist übrigens die Lieblingsmodemarke von Charlène, erfahre ich. Nach Charlène wurde dort auch eine neue Straße benannt.

Dann fahren wir zum Yachtclub, auch hier bekommen wir alles gezeigt – ein edler Club, beinahe ein Museum, das Erdgeschoss voller Schiffsmodelle, großformatiger Fotografien und Plakate und einer Sammlung von „demi-coques“, den deutschen Begriff dafür kenne ich leider nicht. Ein Restaurant und unterschiedliche Säle und im 5. Stock die Cocktailbar, in der ich schnell noch Bücher ausbreite und mich an einem Tischchen installiere. Die Gäste kommen schon. Man stellt sich und uns vor und ich werde mehrfach behandkusst. Es gibt Häppchen und Getränke. Ich bin unsicher, ob ausgerechnet der 5. Krimi, der im rauen Hinterland von Nizza spielt, eine Geschichte von Wölfen und Schafen, hier gut ankommen wird, aber man hört mir aufmerksam zu, niemand starrt auf sein Smartphone und niemand geht. In der Pause wird lebhaft diskutiert und gefragt und wir müssen die Diskussion abbrechen, weil ich noch ein kleines Stück aus dem noch unveröffentlichten Krimi lesen soll und wir danach pünktlich im Restaurant sein wollen. Natürlich kommen wir zu spät, weil noch Bücher gekauft und signiert und Fotos gemacht werden. Im Restaurant bekomme ich wieder Handküsse zur Begrüßung, Monsieur hingegen muss sich eine Kravatte leihen, und er steht als deutscher Herr Dreher auf der Einladungsliste. Monsieur ist hier „der Mann von“ :-)

Mittags hatte ich für uns extra „nur etwas Leichtes“ gekocht, nämlich Lachs mit Gemüse, damit wir abends noch ein Menü essen können, und was hat uns der neue Chefkoch des Yachtclubs zugedacht? Lachs mit Gemüse. Aber alles ist bio und das Gemüse aus dem Wok, und angerichtet ist alles wie ein Kunstwerk, und vorher gab es noch lauwarmen Wachtelsalat und danach ein köstliches Mandarinensoufflé. Sublime! Und nein, ich habe mich in diesem Rahmen nicht getraut, irgendetwas mit dem Handy zu fotografieren. Nirgends übrigens. Nur den Blick aus dem 5. Stock habe ich gewagt, aber er gibt nicht wieder, wie edel der Rahmen war. Spät abends fahren wir zurück, drücken dem voiturier, der uns den Toyota vorfährt, und dem Rezeptionisten, der meinen Bücherkarton in den Kofferraum verstaut, diskret je einen Schein in die Hand und fahren zurück nach Cannes, das mir angesichts der hochflorigen Teppiche, des edlen Glitzer und der Dichte der Porsches, Bentleys und Rolls Royces in Monaco nun beinahe ärmlich vorkommt.


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Erste Filmauswahl

Jetzt aber ganz schnell mal was geschrieben, ich komme zu gar nichts mehr, vor lauter Filme gucken. Danke! Danke! Danke! für alle Ihre Vorschläge! Toll, echt! Wie ich in dem einen oder anderen Kommentar schon schrieb, toller Nebeneffekt ist, dass ich auch jenseits dessen, was wir vermutlich zeigen werden, so viel Neues zu sehen kriege. Also neu für mich. Sehr schön finde ich das, und egal, ob das jetzt Sauerkrautkoma ist oder der Sommer in Orange, Aenne Burda oder Weit. Ich schau alles an! Auf jeden Fall den Trailer, das eine oder andere gibts in der Mediathek, anderes kommt auf eine „Will-ich-sehen-Liste“ und wenn es mal „Zehn Filme für den Preis von Einem“ gibt, dann bestelle ich mal eine Ladung für die langen Winterabende.

Hier jetzt ein kleiner Zwischenbericht und Einblick in das Prozedere:

Es wird das erste deutsche Filmfestival in diesem Filmclub, Cinécroisette heißt er, der so gut wie keine finanzielle Unterstützung der Stadt bekommt (also gerade so viel, dass man die Stadt immer auch als Unterstützer nennen muss) und sich insofern selbst trägt und vor allem vom Engagement seines Vereinspräsidenten, wie man den Vorsitzenden hier nennt, und seiner Lebensgefährtin lebt. Sprich, wir haben ein kleines Budget. Neue („große“) Filme (von bekannten Filmemachern) mit noch hoher Leihgebühr können wir uns nicht leisten. Dennoch werden die Filme nicht flimmerig auf einem weißen Leintuch im Keller eines Mitglieds gezeigt, sondern wir arbeiten ganz klassisch mit drei oder vier Kinos in Cannes und in Le Cannet zusammen, d.h. wir brauchen Filme, die so aufbearbeitet sind, dass sie mit der aktuellen Filmtechnik zu zeigen sind, und es kostet Eintritt. Die Filme müssen also zugkräftig sein, schon um die Kinos zu überzeugen, die uns dafür einen Saal zur Verfügung stellen, und sie sollten dort nicht schon gezeigt worden sein, denn dann hat das am deutschen Film interessierte Publikum sie schon gesehen und kommt nicht nochmal. Die Filme müssen über den offiziellen französischen Filmverleih zu bekommen sein, so haben sie Untertitel, ohne die sie hier nicht funktionieren. Dem fielen zum Beispiel „Der Junge muss an die frische Luft“ zum Opfer oder „25 km“: nix französischer Filmverleih, nix Untertitel, nix guckstu. Kann ja noch kommen, beide Filme sind relativ neu und wir laufen uns ja auch erst warm. Nächstes Jahr vielleicht.

Alles in allem werden an vier Tagen etwa sechs Filme gezeigt (Freitag Abend, Samstag früh und Abend, Sonntag früh und Abend und Montag Abend). Wir versuchen also einem französischen Publikum in sechs Filmen das aktuelle (in etwa die letzen 15 Jahre) deutsche Kino, deutsche FilmemacherInnen und deutsche Themen anzubieten. Es sollte nicht zu abseitig sein, nicht zu bizarr, nicht zu fremd. Wir wollen das Publikum ja nicht erschrecken, sondern anlocken. Franzosen sind anders, sie lachen zum Beispiel kein bisschen über Dinner for One, und Der Tatortreiniger wird hier auch nicht verstanden. 

Bekannt sind hier bereits: Das Leben der anderen, Godbye Lenin, Toni Erdmann, die Filme von Michael Haneke, Liebe und Das weiße Band (die bekamen je eine Palme), Drei Tage in Quiberon; die werden wir also nicht noch einmal zeigen. In unserer engeren ersten Auswahl waren (in willkürlicher Ordnung):

Andreas Dresen: Gundermann

Eva Trobisch: Alles ist gut.

Doris Dörrie: Kirschblüten – Hanami

Christian Petzold: Barbara. Phoenix. Transit

Fatih Akin: Soul Kitchen. Auf der anderen Seite. Tschick. The Cut.

Sönke Wortmann: Diplomatie.

Hans Weingartner: 303

Oliver Kühnle: Die Vierhändige.

Edgar Reitz: Die andere Heimat (2 Teile)

Robert Schwentke: Der Hauptmann

Lars Kraume: Das schweigende Klassenzimmer

Jan-Ole Gerster: Oh Boy

Sandra Nettelbeck: Bella Martha.

Marc Rothemund: Die letzten Tage der Sophie Scholl

Die sehe ich jetzt alle an. Manche kenne ich auch schon, sehe ich mir aber nochmal an. Mit der Frage im Kopf, ob es den Franzosen gefallen könnte, ob es ein aussagekräftiger Film für Deutschland ist undsoweiter. Sechs Filme sollen übrig bleiben, die Deutschland umfassend zeigen. Können Sie ja mal mitüberlegen, wenn Sie wollen. Wir haben schon eine Menge Filme aussortiert. Warum und was übrig bleiben wird, erzähle ich Ihnen das nächste Mal.

Schönen Abend wünsche ich! Bon cinéma!


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Kleine Bitte: (neue) deutsche Filme gesucht

Seit ein paar Tagen oder besser Nächten schlage ich mir diese um die Ohren, weil mich ein Freund, der hier in Cannes einen Filmclub leitet, und der Anfang März zum ersten Mal ein kleines deutsches Filmfestival organisieren wird, um Mithilfe gebeten hat. Ich schaue mir also (relativ) neue deutsche Filme oder wenigstens ihre Vorfilme an und lese Kritiken. So richtig glücklich bin ich nicht, mit dem, was ich finde. Kann es sein, dass wir in Deutschland immer noch oder nur Filme zum Zweiten Weltkrieg inklusive Nachkriegsdeutschland drehen?! Ich krieg ja nicht mehr so viel mit von der deutschen Kultur, die leiseren Töne schwappen selten über die Grenze und bis hier unten in die südliche Provinz. Wer macht denn bitte den deutschen Gegenwartsfilm, der (erwachsene!) Deutsche und Deutschland von heute zeigt? Gerne auch amüsant und leicht (können wir das?) aber weder Kinderfilm noch Klamotte bitte. Das Publikum, das hier bespielt werden soll, ist eher ähm sagen wir mittelalt, konservativ aber filmerprobt. Da wir als Deutsche hier sowieso immer auf die Rolle des Besatzers und Nazis festgelegt werden, würde ich nur einen (maximal zwei) Film(e) wählen wollen, der/die damit zu tun hat(ben). Dann wünsche ich mir, dass wir das Publikum überraschen und andere Facetten des Lebens und der Geschichte der Deutschen und Deutschlands zeigen können. Ich nenne erstmal nicht unsere bzw. meine erste Auswahl, damit Sie nicht voreingenommen sind. Gibt es einen Film oder zwei oder drei (aus technischen Gründen der letzten 10-15 Jahre), die Sie als aussagekräftig für das Deutschland von heute halten und Franzosen gerne zeigen würden?! Die Antworten dürfen ganz kurz sein – mit oder ohne Begründung! Danke!!!

Mehrfachnennungen sind ok und zeigen nur einen Konsens, durchaus hilfreich! :-)

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Herbst in Peking

Monsieur hat am Montag auf dem Flohmarkt diese noch unaufgeschnittene Ausgabe von Boris Vians L’Automne à Pékin gefunden.

Buch mit Dessertmesser

Gedruckte Bücher, das wissen Sie vielleicht, werden seit je in einem eigenartig, dem Laien wirr erscheinenden Seiten-Schema (dem Ausschießschema) auf Papierbögen gedruckt, diese werden dann gefalzt und alle gefalzten Bögen aufeinandergelegt (die Seiten sind dann wundersamerweise in der richtigen Reihenfolge!) und der so entstandene Buchblock wird in der Regel an drei Seiten beschnitten. An der hinteren Seite wurden diese gefalzten Bögen früher mit Fäden zusammengebunden und in einen Einband verwebt. Heute wird diese Seite in der Regel auch aufgeschnitten und zackzack in den Einband geklebt. Das nur als minimale Information – für den Fall, dass Sie nur noch Videos schauen. Neulich fragte tatsächlich eine Instagrammerin, ob eigentlich noch irgendjemand ihre „langen Texte auf Insta“ läse oder ob sie nicht zukünftig nur noch Videos anbieten solle. Die jungen Leute sind ja alle kleine Entertainer heute. Willste Video? Mach isch dir! Zurück zum Buch. Wir sind ja altmodisch hier.

Früher, mes chers lecteurs, hat man (nicht nur) in Frankreich seine Bücher unbeschnitten erworben. Die aufeinandergelegten Bögen waren gebunden oder in einen Einband geklebt und das wars. Je nach Falzung waren die Seiten dann oben, an der Seite und unten verschlossen. Die Seiten vorsichtig mit einem Papiermesser (bei uns ist es ein schlichtes Dessertmesser) dann selbst aufzuschneiden und sich der Lektüre langsam zu nähern, galt (und gilt dem Gatten beispielsweise noch immer) als Vergnügen. Später brachte man das gelesene Werk vielleicht zu seinem Buchbinder, damit er es schön in Leder, Leinen oder Halbleinen binden möge. So geschützt stellte man das schöne Buch in seine private Bibliothek und es überdauerte die Jahrzehnte, ein Leben, manchmal auch länger. Natürlich machte man das nur mit den Werken, die man literarisch, wissenschaftlich oder aus anderen Gründen besonders schätzte. Und natürlich machten es nur bibliophile Menschen, die zusätzlich über die finanziellen Mittel verfügten.

Vielleicht kommt die  französische „hohe“ Literatur auch deshalb bis heute in schlichten und blassen Pappbänden in die Buchhandlungen (während die Unterhaltungsliteratur bunte Einbände bekommt), eine Reminiszens an die Zeit, in der man die hochgeschätzte Literatur noch selbst binden ließ. Heute allerdings sind auch die literarischen Pappbände beschnitten, klar, die Technik schreitet fort, und wer hat heute noch Zeit und Lust, vor dem Lesen umständlich Seiten aufzuschneiden?! Und vermutlich lässt auch niemand mehr seinen Camus oder seinen Houellebecq binden.

Der gefundene Roman von Boris Vian war also noch unaufgeschnitten und das seit den frühen sechziger Jahren. Es gab übrigens auch zehn nummerierte Exemplare, Buchschätzchen für Sammler, und fünf weitere Bücher HC hors commerce, die den Mitarbeitern (Drucker, Lektor, Verleger) vorbehalten waren. Gedruckt wurde es am 22. November 1963 vom Maître Imprimeur Joseph Floch in Mayenne. Das steht alles auf der letzten Seite, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Ich habe noch nie etwas von Boris Vian gelesen, auch nicht L’Écume des jours (dt. Der Schaum der Tage) oder den Skandalroman J’irai cracher sur vos tombes (dt. Ich werde auf eure Gräber spucken). Raymond Queneau, der Autor von Zazie dans le métro, findet, so steht es auf dem Klappentext, L’Automne à Pékin sei „un livre beau et étrange“. Aha. Ich wollte donc nur mal schnell wissen, um was es in L’Automne à Pékin so geht, und da bei mir das Lesen auf Deutsch immer noch schneller geht als auf Französisch, gab ich dazu den deutschen Titel bei google ein: Herbst in Peking. Und siehe da, Boris Vian fand ich nicht, stattdessen die Musik einer (ex-DDR)-Band (darf man noch DDR sagen?!) Völlig unbekannt für mich. Finde ich gerade spannender als Boris Vians Roman, in dem es übrigens laut Klappentext weder um den Herbst noch um Peking geht.

Ob mich dieser Beitrag für eine zukünftige Einreise nach China diskreditieren wird, steht noch dahin, die chinesischen Suchmaschinen, die mich neuerdings massenhaft beehren,  kriegen auf jeden Fall was zu tun.

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Cannes zu Fuß – Le Boulevard Montfleury

Exakt vor einer Woche bin ich in diese Ecke Cannes‘ gefahren – vor allem, weil ich dieses Haus fotografieren wollte, ohne zu wissen, dass es „Chalet Montfleury“ heißt und zunächst, ohne zu realisieren, dass ich mich auf dem Boulevard Montfleury befinde.

Chalet Montfleury

Montfleury. Da klingelte etwas. Vielleicht erinnern Sie sich. Ich habe schon einmal davon gesprochen. Hier befindet sich eine Stele, ein Gedenkstein für die am 15. August 1944 erschossenen Gefangenen der Gestapo, die irgendwo hier, Hausnummer 42, seinerzeit in der Villa Montfleury ihren Cannoiser Sitz hatte. Das weiß ich, seit letztes Jahr die Ausstellung „Cannes sous l’occupation“ (Das besetzte Cannes) im Stadtarchiv zu sehen war. Gesehen hatte ich diese Stele in echt noch nie, und das obwohl ich schon oft über diese Straße gefahren bin. Hier im Quartier Montfleury befindet sich nämlich auch das Hallenbad, in dem ich eine Zeitlang regelmäßig schwimmen gegangen bin. Das Hallenbad (mit dem unfreundlichsten Personal ever, das außerdem, obwohl noch recht neu, schon ziemlich heruntergekommen ist) heißt auch Montfleury, Piscine Montfleury und es liegt im Parc Montfleury, einer neu angelegten Parkanlage mit Tennisplätzen.  Alles heißt hier Montfleury stelle ich fest, obwohl Schwimmbad und Parkanlage an der Avenue Beauséjour liegen, die hier ganz unspektakulär in einer Kurve beginnt, weshalb ich mir nie bewusst war, dass ich über den Boulevard Montfleury hierher kam. Hier war also die Villa Montfleury mit dem traurigen Schicksal und hier muss also diese Stele sein.

Villa Montfleury (credits: Archives municipales de la ville de Cannes)

Nun, von der Villa ist nichts mehr übrig, sie wurde irgendwann abgerissen, um ein großes Appartmenthaus auf dem weitläufigen Gelände zu bauen.

Palais Montfleury
Boulevard Montfleury auf der Höhe der Stele; Slamlomlaufen zwischen Palmen, Olivenbäumen und Strommasten auf dem Trottoir

Nur die sehr diskrete Stele erinnert noch an Villa, an die Gestapo und die Gefangenen, die man am Tag des Débarquements der Alliierten erschossen hatte. Zwei haben (hinter und unter den Körpern ihrer Mitgefangenen) überlebt und konnten so erzählen, wie es sich zugetragen hat.

Gedenkstein für die Opfer der Gestapo

Ich wüsste gerne etwas mehr zu der Villa. von der es lapidar immer nur heißt „Die Gestapo hatte dort ihren Sitz in Cannes“. Wem hat sie vorher gehört? Oder stand sie leer? Was ist danach passiert? Ich finde aber nichts, vielleicht müsste ich mal selbst im Stadtarchiv nachforschen, aber wann, herrjeh, man kommt ja zu nichts. Mehr zufällig laufe ich die kleine Avenue des Palmiers hinein, die auf dieser Höhe vom Boulevard abzweigt, wundere mich über den schlechten Straßenzustand der Sackgasse und stehe plötzlich vor Monsieurs Elternhaus, das jetzt anderen Menschen gehört.

Avenue des Palmiers
holprige Straße

Ich bin perplex. Hier, in unmittelbarer Nähe der Villa Montfleury ist Monsieur groß geworden. Er ist erst kurz nach dem Krieg geboren, aber vielleicht hat er Erinnerungen an die Villa? Weiß er, wem sie gehörte? Hat man sich etwas darüber erzählt? Hat er als Kind heimlich auf dem Gelände der vielleicht aufgegebenen Villa gespielt? So wie ich als Kind in aufgegebenen Kleingärten in der Nachbarschaft herumgelungert habe, auf Bäume kletterte, mir beim Herunterfallen einen abgebrochenen Ast ins Knie rammte und davon immer noch eine gewaltige Narbe habe, Rhabarber und Erdbeeren futterte und immer auch so ein bisschen Angst hatte, von der alten Frau Schwarz erwischt zu werden, der einer der Gärten noch gehörte. Der Name „Frau Schwarz“ ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Das Gedächtnis ist schon eigenartig, nicht wahr?! Ich befrage also Monsieur, als ich nach Hause komme. Erinnert er sich an etwas? Rien. Nix. Gar nix. „Hat man die Villa vielleicht abgerissen, wegen ihrer dunklen Geschichte?“ Er zuckt die Schultern. Ich meckere ein bisschen über das permanente Ignorieren der Franzosen von Geschichte (aus dieser Zeit) und Monsieur jault auf. „Wenn man alle Häuser, in denen die Polizei ein Verbrechen begangen hat, abreißen wollte, da hätte man viel zu tun“, sagt er. Ich lasse das mal so stehen. Vermutlich hat man die Villa abgerissen, weil man einen guten Immobiliendeal machen konnte und auf dem weitläufigen Grundstück diese riesige Appartementanlage gebaut hat.

Ich laufe jetzt bewusst zum Anfang des Boulevards Montfleury, der ziemlich weit weg, im eher ärmlichen Viertel rund um dem Boulevard de la République beginnt. Kleine Häuser mit Handwerksbetrieben wechseln sich mit riesigen, schon in die Jahre gekommenen Appartementanlagen ab.

Boulevard Montfleury Anfang
École primaire Hélène Vagliano

Das langgezogene Gebäude, das ein bisschen aussieht wie ein Gefängnis, ist die Grundschule Hélène Vagliano  (Wa-gli-a-no spricht der Franzose das aus). eine junge Frau, die in der Résistance war, gefoltert und erschossen wurde. Für sie wurde diese Gedenktafel an der Schule angebracht, die, wie so oft bei dieser Art Gedenktafeln, länger dem Bürgermeister dankt und gedenkt, der die Tafel angebracht hat, als der jungen Frau, der diese Tafel eigentlich gedenken soll.

Gedenktafel für Hélène Vagliano (Heroine de la Resistance) und Michel Mouillot (Ex-ex-ex-Bürgermeister)

Boulevard Montfleury rechte Straßenseite
linke Straßenseite
Club net – eine Reinigung

Und nur zwei Schritte weiter wird es überraschend edel: links, etwas zurückgesetzt, das pompöse Bauwerk des ehemaligen Grandhotels, das in eine Wohnanlage umgebaut wurde: Le Gallia.

Le Gallia heute
und früher
Le Gallia Seitenansicht

Nun folgen moderne Appartmentanlagen, eine größer als die andere. Sie wechseln sich mit mittleren und größeren alten (versteckten) Villen ab.

Residence Montfleury Eingang
exzentrische Architektur
Zypressen!
Privatstraße zu Schlössern und Villen
Nostalgie-Briefkasten (noch wird er geleert)

Und schon sind wir wieder auf der Höhe des verlassenen Chalet Montfleury und der Boulevard schlängelt sich daneben klein und sehr kurvig nach oben.

Chalet Montfleury

Dahinter sieht es ein bisschen verfallen aus und während ich dort herumstiefele kommt mal wieder die Police Municipale angefahren und inspiziert mich. Dieses neugierige Herumlaufen, Schauen und Fotografieren hat man in Cannes nicht so gern (Ich wartete eigentlich auf die Frage: Warum laufen Sie hier herum? Haben Sie kein Auto? — Gestern sah ich einen uralten Western, da wurde ein Mann angeherrscht „Warum haben Sie keine Waffe?!“ Das nur am Rande.) Sicherheit undsoweiter. Ich kann es verstehen, aber es ist ein Aspekt, der mir diese Cannes-Spaziergänge etwas verleidet.

Rückseite des Chalet Montfleury
seriöse Kurven
Für Fußgänger gibts Treppen
Pflanzenkunstwerk an Lampen und Stromkabel

Und siehe da, in einer Kurve entdecke ich einen inoffiziellen Zugang zur Trasse der ehemaligen Bergbahn, der Boulevard schlängelt sich parallel zur Trasse nach oben. Über die Bergbahn habe ich hier schon einmal berichtet.

die Trasse der ehemaligen Bergbahn

Viel weiter laufe ich nicht nach oben. Er ist ganz schön lang der Boulevard Montfleury, von hier steigt er jetzt ziemlich an und ich gebe auf. Zu Hause auf der Karte habe ich gesehen, dass nicht viel gefehlt hat – den Rest mache ich vielleicht nachher, on verra.  

Blick von halber Höhe des Boulevards über Cannes

Dieser Text darf als Beitrag zum heutigen Gedenktag der Opfer des Nationalssozialismus verstanden werden.


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Ease [iiiehs]

Das mit den Vorsätzen im neuen Jahr, das wissen wir schon, das wird nix. Es hat viel damit zu tun, sagen uns die Psychologen, dass man bei den Vorsätzen etwas „tun“ will: dreimal in der Woche ins Fitnessstudio gehen, zehn Kilo abnehmen, gesünder essen, früher Schlafen, weniger Alkohol, disziplinierter Arbeiten was auch immer. Beginnt man das Jahr mit einer Grippe und geht daher schon gleich mal nicht schwungvoll ins Fitnesstudio, ist man quasi schon in der ersten Woche gescheitert mit seinen Vorsätzen. In den letzten Jahren hat sich in gewissen Kreisen eine andere Art von Vorsatz für das neue Jahr entwickelt, das weniger das „Tun“ als das „Sein“ in den Vordergrund stellt: The Word of the Year. Ein Wort, das man sich als Jahresmotto wählt, eine Eigenschaft, die man in seinem Sein braucht oder mehr davon haben will und es daher „in sein Leben einlädt“ (um mal in der typischen Sprache zu bleiben). Das kann (Selbst-)Liebe sein, wenn es einem daran mangelt, oder Vertrauen (statt wildem Aktionismus), dass sich die Dinge schon fügen wollen, oder Spielen, wenn man sein ernstes Dasein spielerischer angehen will oder ganz konkret mit (seinen) Kindern (oder Enkeln) mehr unternehmen will. Mein diesjähriges Wort ist das englische EASE. Leichtigkeit oder Légèreté sind die deutsche oder französische Entsprechung. EASE. Ich brauche EASE. Ich bin so dermaßen nicht EASE. Nichts ist easy für mich. Alles ist schwer, kompliziert und voller nervöser Gedanken. Was wäre wenn … wenn all die Leute, die uns zum neuen Jahr geschrieben oder angerufen haben und sagten „und in diesem Jahr sehen wir uns aber mal wieder“, was natürlich meint, „wir kommen Euch an der schönen Côte d’Azur mal besuchen“, wenn die nun alle wirklich kämen, zum Beispiel. Wo und wann soll und werde ich arbeiten, wenn alle diese lockeren Franzosen wirklich kämen und blieben? Allein die Vorstellung macht mich nervös und unruhig in der allersten noch ganz frischen Januarwoche dieses fast noch nagelneuen Jahres. Ich mache mir jetzt schon Sorgen, statt mich einfach hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Den Rest sehen wir dann. Ganz ruhig. Ausatmen. EASE.

Ich habe mich für das englische EASE entschieden, weil es sich so schön weich aussprechen und denken lässt und (zumindest für mich) keine sexuellen Assoziationen weckt, wie sie das französische Légèreté für mich hat. Légèreté. Huuuh, das klingt nach koketter Lingerie, nach leichten Mädchen und anderen Frivolitäten. Ein bisschen „Je m’en fous“ und „tant pis“ ist auch dabei, also ein lässiges „ph, mir doch egal“ oder „na und“ und wissen Sie was, während ich das schreibe, denke ich, hallo, davon brauche ich auch was. Légèreté. Nur das deutsche Leichtigkeit kommt irgendwie plump und schwer daher. LEICHTIGKEIT. Hmpf.

Ich brauche EASE und LÉGÈRETÉ. Das hat mich doch mal so angezogen, dieser leichte Lebensstil hier in Frankreich, oder? Ich, die ich so gar nicht leichtlebig bin, (und nein, ein leichtes Mädchen bin ich sicher nicht, nur für den Fall, dass Sie da Zweifel haben sollten), die ich ernsthaft, verantwortungsvoll und perfektionistisch bin. Ich bin das Gegenteil von EASE und LÉGÈRETÉ. Ich bin immer auf der schweren Seite, nachdenklich, schwerwiegend. Auch mein Körper wiegt schwer. Ich bin sicher: Ich brauche mehr EASE, mehr Leichtigkeit, in meinem Leben!

Ich brauche EASE, um alle Projekte, vor allem das Schreiben, anders zu bewältigen. Das Drama, das ich vor zwei Jahren erlebte, das mich an den Rand vielleicht nicht eines Selbstmords aber erneut an den eines Burnouts brachte, will ich nicht noch einmal erleben. Irgendwie hatte sich mein Krimi in eine andere Richtung entwickelt und das eigentlich vorgesehene Ende passte nicht mehr. Und ich sah weit und breit nicht, wie es ausgehen könnte und starrte uninspiriert und verkrampft auf die Tastatur. „Bist du fertig?“, fragte Monsieur jeden Tag am Telefon. „NE-IN!“, schrie ich. „NEIN ich bin nicht fertig!“ Fix und fertig allerdings war ich. Klar. Die Zeit verstrich und ich musste das Manuskript abgeben. Ich bin selbstverständlich jemand, der vorgegebene Termine einhält, das denken Sie sich vielleicht. Aber selbst ein Aufschub hätte es nicht getan, weil ich nicht mehr konnte. Fix und fertig, wie gesagt. Ich zitterte innerlich, ich schlief nur noch mit Medikamenten, ich ertrug nichts und niemanden mehr, schon gar nicht meine französische Familie, die nun im August wie ein fröhlicher Bienenschwarm in das ruhige Haus in den Bergen einfiel und Apéro hier, Apéro da, ihre unbeschwerte Urlaubsbslaune herausließen. „Oh Christjann, allez, einen Apéro wirst du doch mit uns trinken, entspann dich, hast du nicht genug gearbeitet für heute?“

Am nächsten Tag brüllte ich erstmals in acht Jahren meine Schwiegermutter an, knallte die Türen und verließ das heitere Haus. Lieber ertrug ich die brütende Sommerhitze an der Küste als diese unbeschwerte Familie im Urlaubsmodus. Hallo! ICH.MUSS.ARBEITEN. So lange ich nicht fertig bin gibts nix Apéro, nix Leichtes, nix Leben.

Letztes Jahr wollte ich das so nicht mehr erleben und entschied, dass der Sommer und das Schreiben anders ablaufen sollten. Ohne Drama. Und selbst, wenn es letztes Jahr noch schwieriger war, weil ich monatelang kein eigenes Büro, das heißt keinen abgeschiedenen Raum zum Schreiben hatte und (aus Gründen) auch nicht in das Berghaus fahren konnte, und ich eigentlich täglich dachte, wie soll ich bitte schreiben? So wurde das Buch doch fertig und der Sommer war der undramatischste in all den Jahren. Jetzt also will ich noch mehr davon. Noch mehr EASE. ich will nicht aufhören zu leben, während ich schreibe, mich von allem abschneiden, was mir Vergnügen und Freude macht. Ich will flexibel und spontan sein, Einladungen annehmen und auch aussprechen können, ich will morgens schwimmen gehen, ohne panisch zu denken, mir läuft die Zeit davon. Ich will all das tun und trotzdem Schreiben: EASE.

Ausatmen. EASE.BREATHE.LÉGÈRETÉ, sage ich zu mir wie ein Mantra.

Gestern am späten Abend erfahre ich, dass ich heute mittag die Enkelkinder zum Essen habe. Sofort bin ich eher un-ease und mache mir Gedanken, was ich ihnen kochen  könnte. Der Kühlschrank ist relativ leer. Jedes Mal, wenn ich die Kids habe, läuft es auf Hacksteaks und Nudeln raus und als Vorspeise gibts Karottensalat oder Karottensalat mit Äpfeln. Jedes Mal. Weil es etwas ist, was komischerweise immer da ist. Gerne essen tun sie es auch. Trotzdem denke ich, dieses Mal will ich etwas anderes machen. Damit sie ihrer Mutter nicht wieder sagen, es gab „steak haché et pâtes“ bei Christiane. Ich wühle im Tiefkühlfach und finde einen halben (ungebratenen) Schweinebraten. Der wird es, denke ich mir und lege ihn zum Auftauen in den Kühlschrank. Ich überlege, was ich zum Dessert machen könnte. Französische Großmütter zeichnen sich durch selbstgemachte Desserts aus. Ein bisschen will ich schon konkurrieren mit Mamie Martine und Mamie Hélène (Die Omis heißen hier beide Mamie, die Mama heißt Maman!) Ich mag das Süße auch, wühle im Schrank herum, viel habe ich nicht, und koche zu später Stunde noch einen Reisbrei. Uff. Irgendwie lässt mich der zu bratende Schweinebraten nicht los. Er ist ziemlich groß, wie lange muss der in den Ofen? Ich suche das vor dem Einschlafen noch im Internet. Bei dem Gewicht mindestens drei Stunden bei Niedrigtemperatur und eine halbe Stunde anbraten. Die Kinder kommen um 12 Uhr. Wann muss ich denn dann anfangen? Herrjeh. Und was gibts dazu? Püree? Bratkartoffeln? Wir haben weder Kartoffeln noch Gemüse. Ich habe Lust auf Rosenkohl, den ich gern mit Datteln und Nüssen im Ofen mache. Essen die Kids überhaupt Rosenkohl? Aber wenn der Schweinebraten im Ofen ist, dann kann ich den Rosenkohl nicht auch noch … Ich könnte früh auf den Markt gehen, vielleicht finde ich etwas anderes. Aber Freitags früh ist auch Nathalie da und hilft mir, die Wohnung sauberzumachen. Irgendwie überfordert mich das alles. EASE sage ich mir. EASE, BREATHE. Ich schlafe zwar ein, wache aber heute Morgen nicht früh genug auf, um alles (Markt, Schweinebraten, Nathalie) zeitlich zu bewältigen. Zusätzlich habe ich eine SMS auf dem Handy. Die Enkelin will nach Monaten mal wieder zum Deutsch lernen kommen. Um 11 Uhr. Aha. „Was soll ich den Kids zum Essen machen?“ jammere ich Nathalie und Monsieur vor. „Was regst du dich auf“, sagt Monsieur, „mach‘ Steak haché und pâtes. Das ist easy und sie mögen es.“ Gut, Monsieur sagt nicht easy, er sagt, facile, aber es ist dasselbe. Ich bin weit weg von EASE und sage „aber das mache ich immer, ich wollte EINMAL etwas anderes machen!“ Monsieur rollt die Augen. „Und was mache ich als Entrée?“, frage ich weiter. „Karottensalat“, schlägt Monsieur vor. „Ich mache IMMER Karottensalat. Ich werde eingehen in die Geschichte als die Deutsche, die nur ein Essen machen kann“, jaule ich. „Spaghetti Bolognese“, schlägt Nathalie zur Güte vor, aber das ist mein zweiter Klassiker. „Dann kannst du immerhin schon zwei Essen“, meint sie trocken. Zum Entrée schlägt sie jedoch eine Tarte vor. Tarte geht einfach und Zeit dafür ist auch noch. Ich habe sogar eine Rolle Blätterteig im Kühlschrank, ich habe nur keine Eier mehr. Monsieur geht für seine Mutter einkaufen und ein bisschen auch für uns. Ich schreibe ihm Käse, Äpfel und Karotten auf den Zettel. Für alle Fälle, Karottensalat geht schnell und immer. Ich beziehe mit Nathalie das riesige Deckbett und wir denken noch über ein paar einfache Hauptgerichte nach. Das meiste scheitert daran, dass ich es gerade nicht vorrätig habe. Letzten Endes lasse ich mir von der Enkelin, als sie zum Deutsch lernen kommt, zwei Eier mitbringen und zaubere eine schnelle Variation einer Quiche Lorraine. Während ich Deutsch-Vokabeln abfrage, taue ich etwas tiefgekühlte Ratatouille auf und mache damit eine verlängerte Tomatensoße und dazu gibt es steak haché und eine riesen Menge pâtes. EASE. Danach Käse und Milchreis. Das kleine französische Mittagessen an einem normalen Freitag. Es bleibt kein Krümelchen übrig. „Danke“ sagen die gefräßigen Kids. „War lecker. Wir freuen uns immer schon. Steak haché und pâtes gibts immer nur bei dir!“ „Ach“, sage ich. „Wie schön!“

Ich sags ja: mehr EASE brauche ich! In einem Jahr sprechen wir uns wieder!


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Drama Baby Drama

Nach fünf grippigen Tagen und Nächten habe ich heute erstmals wieder die Nase vor die Tür gesteckt. Bisschen Luft schnappen und Sonnenuntergang gucken wollten wir. Haben wir auch. Wir liefen an der Pointe Croisette über meterhohe trockene Posidonie und umrundeten das ehemalige Palm Beach Casino. Von vorne sieht es noch halbwegs nach Casino aus, von hinten ist es schon ziemlich verfallen, die Hälfte des P von dem immer noch blau leuchtendem Schriftzug Palm Beach fehlt, gläserne Notausgangstüren stehen mitten im Nichts.

Ich habe für den zweiten Krimi dort noch recherchiert und tatsächlich auch um (wenig) Geld gespielt. Man muss ja wissen, von was man schreibt, nicht wahr. Ich habe sechzehn Euro gewonnen und schon ist das Casino pleite. Nein, natürlich ist es nur umgezogen. Trotzdem geht damit eine Epoche zu Ende. Und was aus dem ehemaligen Casino jetzt wird, Hotelkomplex A oder Hotelkomplex B, Abriss oder Renovation und Erweiterung, das steht alles noch nicht fest. In der Zwischenzeit wird es ein bisschen zu einem „lost place“, zu einem verlassenen Ort, der von Urbex-Fotografen (urbex = urban exploration) entdeckt werden könnte. Ich folge auf Instagram einigen Urbexern, die verlassene Orte dokumentieren und finde das absolut spannend und begeisternd. Ach, wäre ich jünger und mutiger, dann  … aber so begnüge ich mich mit legalen Außenaufnahmen.

Alleine waren wir nicht, windgeschützt hinter der Mauer des Cannes‘ Yacht Clubs picknickten mehrere Gruppen von Menschen, ein Wohnsitzloser schob ein mit Plastiktaschen vollgehängtes Fahrrad in eine Ecke und genoss ebenfalls die untergehende Sonne; vielleicht war er auch an seinem Schlafplatz angekommen, was weiß man schon. Zwei Jungs waren auf Schatzsuche und liefen mit einem Metalldetektor am Strand entlang und gruben hier und da eine Münzen aus. Wir saßen auf zwei verlassenen Gartenstühlen und ich habe quasi alle paar Sekunden ein Foto gemacht, weil es immer noch schöner wurde oder weil gerade ein Fischerboot durchs Bild fuhr und noch eins und noch eins.

Je schöner es wurde, desto mehr Menschen liefen dort herum, stellten sich vor uns, sprachen laut in ihr Handy oder hörten damit quäkige Elektro-Chill-out-Musik. Jeder hat andere Vorstellungen von seinem Sonnenuntergangserlebnis.

Dann war die Sonne weg, es wurde kalt, Monsieur drängte zum Aufbruch (schöner wirds nicht, sagte er) ich aber war entzückt vom rosafarbenen Himmel im Osten und machte Fotos, als ich mich dann wieder umdrehte war der Himmel im Westen dramatisch orange, „warte“ schrie ich Monsieur hinterher, aber er hörte mich nicht mehr.

Noch mehr Autos drängten sich auf den Parkplatz, alle wollten den letzten Rest des Sonnenuntergangs sehen, nur Monsieur hatte genug und bereits den Motor angelassen. Nun gut, der Akku meines Handys war auch so gut wie leer, ich stieg ein. Der Himmel wurde sogar noch dramatisch dunkelrot. Aber davon gibts keine Aufnahme mehr.

Voilà, dramatisch-romantische Abendstimmung zum Jahresausklang. Kommen Sie gut rüber!

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Vom Finden und Verlieren und Wiederfinden des Glücks

(Eigen-Werbung) Falls Sie den Film verpasst haben – hier –> Christine Cazon. Merci!

Dreharbeiten (Foto: ZDF)


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Zwischen Nieselregen und Lichterglanz

Frohe und geruhsame Weihnachtstage wünsche ich Ihnen! Geruhsam! Das hatte mir neulich schon jemand gewünscht, da habe ich nur hysterisch aufgelacht.  Es gab noch so viel zu tun, alles überschlug sich vor meinem Abflug nach Deutschland. Geruhsam! Von wegen.

Jetzt, am vierten Advent, kurz vor Heiligabend, am Schreibtisch in meinem deutschen Dachstübchen-Domizil, mit Blick auf den grauen Himmel und steten Nieselregen, umgeben vom Geläut der nahen Kirchenglocken, jetzt, wo das Gerenne vorbei ist, man wirklich nichts mehr kaufen muss und auch alle dringend benötigten Käsekuchen, alle Laugenbrezeln und Bratwürste schon konsumiert worden sind, jetzt spüre ich, dass es ruhiger wird. „Wenn die Stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger“ hat Karl Valentin gesagt. Es ist wohl so.

Falls Sie sich am ersten Weihnachtstag am frühen Abend aus dem grauen Nieselregen davonträumen wollen an die sonnige Cote d’Azur (Achtung Werbung!), dann empfehle ich Ihnen diese Sendung mit Horst Lichter und Hardy Krüger jr. : Horst Lichter sucht das Glück. Die beiden Männer fuhren an der Côte d’Azur entlang und philosophierten über das Leben, die Liebe und das Glück und sie trafen sich mit Deutschen, die dort leben. Die Sonne war übrigens auch an der Côte d’Azur nicht immer präsent während der Drehtage im Mai. Sie merken schon, Christine Cazon war auch dabei! Im kleinen  –> (klick) Trailer sehen Sie die Dame im fuchsiafarbenen Kleid, die kurz verschwommen auf einem Balkon erscheint. Das ist sie. Die Autorin. Ich bin auch schon ganz aufgeregt. Also 25.12., erster Weihnachtstag, 19.15 Uhr, direkt nach der Ansprache des Bundespräsidenten (prominenter gehts kaum!). Schalten Sie ein!

Und jetzt nochmal: Frohe und geruhsame Weihnachtstage! Sie bekommen als weihnachtliche Zugabe von mir heute dieses ewas ruckelige Filmchen der „bewegten“ Krippenlandschaft in der Kirche Notre Dame d’Ésperance im Suquet, der Altstadt von Cannes. Sie stammt aus dem Jahr 1920 und wurde vor ein paar Jahren aufwändig restauriert. Sie ist so detailreich, dass es selbst für mich immer (wieder) ein Erlebnis ist, sie anzusehen.

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Pierre et Jean

Zuerst kamen Pierre und Jean.

der Weg war weit
endlich angekommen


Dann kamen noch drei und dann noch noch einer. Alles Franzosen. Ich hätte so gerne auch einen deutschen Wollsoldaten aufgenommen, das ich bekam nur Franzosen. Pierre und Jean werden hier bleiben. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Die anderen sind, nach einer kleinen Ruhepause, schon weiter gereist an ihr endgültiges Ziel.

Pierre und Jean heißen die vier Kameraden Willkommen.


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Frankreich im Herbst oder Zwischen Gilets jaunes und Adventszauber

stellenweise ist es Winter in Südfrankreich

In Frankreich wird im Herbst ja traditionell gestreikt. Dieses Jahr sind es nicht die Gewerkschaften, die dazu aufgerufen haben, nein le peuple, wie man hier sagt, das Volk, der sogenannte kleine Mann (und die kleine Frau) gehen auf die Barrikaden, weil Macron eine Ökosteuer einführen will und als Erstes das Benzin teurer würde. „Die trauen sich was!“ hieß es vor etwa vier Wochen noch ehrfurchtsvoll in dem einen oder anderen deutschen Forum derer, die Frankreich so lieben. „Die machen das einfach! Toll!“ In der Zwischenzeit hat sich der Ton geändert, nachdem man schon wochenlang Autobahnmautstationen, Kreisverkehre, Supermärkte und Zulieferer blockiert und drei Samstage lang (nicht nur) Paris in Schutt und Asche gelegt hat. „Eine Schande, dass sich das so entwickelt hat!“ heißt es jetzt vorwurfsvoll an der gleichen Stelle. „Und dann auch noch im Advent! Da wollten wir doch nach Paris!“ Aber das ist dem Franzosen egal. Touristen hin oder her, er hat die Nase voll, er fühlt sich nicht gehört von der Politikerkaste und seinen Unmut muss er nun zeigen. Ich sage häufig, man spürt bei den Franzosen noch immer die revolutionäre Vergangenheit. Wir haben 1789 schonmal eine Revolution gemacht. Wir können das auch heute noch! Ich als dauerhaft in Frankreich lebende Deutsche nehme das in der Zwischenzeit so hin und arrangiere mich damit, dass manchmal wochenlang keine Post kommt oder kein Zug fährt und dass man derzeit in Supermärkten vor halb leeren Regalen steht und insbesondere samstags besser nirgends hinfahren sollte, weil man blockiert wird, und wenn man seine gelbe Warnweste nicht solidarisch hinter der Windschutzscheibe zeigt und auch noch ordentlich hupt, steht man als „Streikbrecher“ mindestens doppelt so lang irgendwo herum. Und doch heule ich jeden Abend ein bisschen erschrocken über all die Gewalt und Aggression, die via TV in mein Wohnzimmer schwappt. Viele gewaltbereite Gruppen nutzen die Demonstrationen der Gilets Jaunes, um Autos anzuzünden, Schaufenster zu zerschlagen und Läden zu plündern. Weihnachtseinkäufe der anderen Art.

Was will das Volk? Mehr Geld. Oder zumindest keine neuen Steuern. Keine Reformen. Sie wissen jetzt schon nicht wie sie am Monatsende über die Runden kommen sollen, wie soll es werden, wenn alles noch teurer wird? Heute Abend (im Prinzip gestern, ich hatte gestern schon einen Teil veröffentlicht) hat Macron sich geäußert und einen Teil der Reformen zurückgenommen, verspricht ein steuerfreies 13. Monatsgehalt (dort, wo es das gibt) der Mindestlohn soll um 100 Euro angehoben werden und noch ein paar Kleinigkeiten und vor allem soll der Benzinpreis, um den es ursprünglich mal ging, nicht erhöht werden. Aber den Gilets jaunes reicht es jetzt nicht mehr, sie haben sich gerade schön warmgekämpft. Wenn man in vier Wochen Randale Macron weichkriegen kann, dann machen wir weiter. So unglaublich begeisternd wie Macron im Wahlkampf zu den Menschen sprechen konnte, so wenig kann er es jetzt.  „Macron -Démission!“ wird neuerdings auch skandiert. Obwohl das nichts ändern würde, träte er zurück. Weder die Rechte noch die Linke haben etwas anzubieten, geschweige denn das Vertrauen des Volkes, das Heil wird auch von ganz Rechts oder ganz Links nicht kommen, aber gerade die schütten gerne Öl ins Feuer. Mélenchon hat schon dazu aufgerufen, am Samstag wieder zu demonstrieren.

Mit Vernunft kann man hier gerade nicht viel erreichen. Umdenken, weniger Auto fahren oder Fahrgemeinschaften gründen, ach was. Wir wollen, dass alles so bleibt. Dass man die Probleme (und die Staatsverschuldung) so den kommenden Generationen aufhalst, will keiner hören. Viel Unsachliches wird auch von ansonsten Vernünftigen geäußert. Was die Röcke von Brigitte Macron kosten zum Beispiel. Dass der Elysee mit seinem royalen Gehabe sich verschlanken könne und durchaus ein paar tausend Beamte weniger vertragen könnte, mag zwar sein, aber kein Beamter will davon betroffen sein.

Nun gut, sprechen wir von etwas anderem. Es war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Schon letzte Woche bin ich für zwei Tage dorthin gefahren (natürlich nicht am Samstag!), um der Freundin, die sich dieses Jahr mit der Organisation noch mehr allein gelassen fühlte als sonst, und unter der Last der Planung zusammenzubrechen drohte, zu helfen.

auf dem Weg in die Berge
unterwegs: Touette sur Var
ein Plaqueminier, die Früchte heißen Kakis

Am Telefon hatte sie geklagt, dass alle versprochen hätten zu helfen, aber keiner bislang etwas täte, es sei noch so viel zu tun und nichts passiert. „Wir haben noch keine Bäume geschlagen und jetzt wird es gleich zu kalt dafür sein. Vielleicht wird es sogar schneien!“, jammert sie. „Es reicht ja nicht, die Bäume zu schlagen, wir müssen sie auch aufstellen und schmücken! Die Lichterketten müssen im Dorf aufgehängt werden! Der Gemeindesaal muss geputzt und dekoriert werden, die Tische müssen gestellt und und gedeckt werden. Das Kellergewölbe, in dem alljährlich Glühwein ausgeschenkt wird, steht noch voller Gerümpel. Wer wird in der Auberge sein, um dort den Kartenspielern bei dem nachmittäglichen Bélote-Wettbewerb Kaffee und Tee anzubieten? (denn auch der letzte Aubergist ist nach zwei Jahren, Ende Oktober, wieder gegangen) Und ich habe noch kein einziges Plätzchen gebacken!“ Sie hat viele Sorgen, aber ich muss dennoch lachen. „C’est la France!“, sage ich.So ist es doch immer, am Ende werden sie doch alle etwas tun und es wird fertig, glaub mir!“ Ich fahre aber dennoch hoch, und wir sehen zusammen den Gemeindesaal an, der immerhin schon ansatzweise geschmückt ist, entrümpeln das Gewölbe und verstecken alles andere hinter Stoffbahnen und Vorhängen. Wir überlegen, planen und dekorieren das Gewölbe und den Saal, und wir schmücken auch noch den großen Weihnachtsbaum am Brunnen und erstaunlicherweise macht es mir nach acht Jahren, oder sind es schon neun? auch wieder richtig Spaß, das zu tun. Abends lese ich ihr den Text vor, den ich anlässlich unseres ersten Weihnachtsmarkts geschrieben hatte. „Ach“, sagte sie, „so war das?“ „Ja“, sage ich. „Es ist jedes Jahr so, du bist nur dieses Jahr etwas empfindlicher, deswegen spürst du es so sehr.“

Le village

Ich verspreche, mich in der folgenden Woche um den Gemeindesaal zu kümmern, damit sie diese Sorge komplett los ist, und werde auch am Weihnachtsmarkttag in der Auberge sein. Außerdem will ich überall präsent sein, wo Not am Mann bzw. an der Frau sein könnte. Wir bleiben in den folgenden Tagen in engem Kontakt, ich segne von Weitem Dinge ab und gebe Ermutigungen. In Cannes erwerbe ich noch etwas Deko für den Eingang der verlassenen Auberge und backe Christstollen und Springerle und Gewürzsterne. Am Donnerstag reise ich mit Mann und dem vorbereiteten Essen für drei Tage wieder an. Ich will der Freundin nicht noch zumuten, für uns mittags und abends zu kochen.

Auberge Deko

Und dann gehts los. Waren wir in der Vorwoche noch allein, so sind jetzt doch schon ein paar Menschen im Dorf. Die Pinguine am Brunnen wurden zwischenzeitlich von einer Omi mit Schals bestrickt.

bloß kein Halsweh bekommen!
Der Wolf bekam auch einen Schal
eine Brieftaube?

Jemand hat die 120 Teller und das Besteck im Gemeindesaal schon gespült. Jetzt treffen wir uns, um  Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie es hier ist. Nicht nur, dass es ein logistisches Tische-Stühle-Platzproblem zu bewältigen gilt, nein, jeder Neuankommende findet die bestehende Tisch- und Stuhlanordnung aus diesem und jenem Grund nicht gelungen. Il faut pas faire comme ça! So gehts nicht, warum auch immer und wir schieben und rücken, wechseln runde Tische gegen rechteckige aus und schon wieder kommt jemand dazu und hat noch eine andere Idee: „Mais pourquoi vous le faites comme ça? Warum macht ihr es so? So wird es nie was!“ So ist es übrigens bei allem, bei ALLEM, was es zu tun gibt, immer wird man ruppig gefragt, warum man es ausgerechnet so mache, oder die andere weniger aggressive Variante, mit dem erstaunten Ausdruck „ach, so machst du das?“

Kellertür
noch eine Kellertür

Und nein, man antwortet darauf nie, wirklich nie „Ich mache es so, weil ich es so mache und basta!“ oder etwas vergleichbares. Das gehört sich nicht. Immer hört man den Vorschlag des anderen an, diskutiert seine Idee respektvoll und versucht, sie umzusetzen, schon um zu zeigen, dass es so dann doch nicht geht. Hab‘ ich dir gleich gesagt, dass es so nicht geht. So ist es hier. In meinen ersten Jahren war ich fassungslos, wieviel Zeit man damit verplempern kann, Tische zu stellen oder ein Zelt aufzubauen und wieviel dabei geredet werden muss. Das weiß man doch nach ein paar Jahren wie es geht, oder? Das haben wir doch letztes Jahr auch so gemacht. Was muss denn da immer wieder aufs Neue diskutiert werden? Mich ermüdete das. Dann ging ich fort aus diesem Dorf und vergaß all das. In Cannes trat ich zwar auch in den einen oder anderen Verein ein, denn so macht man das hier, aber nirgends bin ich wirklich so drin wie in meinem Dorf bei den Écureuils en marche (den „marschierenden Eichhörnchen“, so heißt der Verein, den wir gegründet haben) und ich engagiere mich auch nirgends so wirklich. Jetzt bin ich also wieder da und erinnere mich. Stimmt, so war das hier. Und es ist immer noch so.  Noch finde ich es amüsant.

Réunion d‘ Écureuils

Als ich beginne, die Tische festlich zu decken, kommt die Weihnachtsmarktorganisationsfreundin hinzu. „Ach so machst du das?“, sagt sie schockiert, als ich zwei große Bahnen Papier für einen Tisch zurechtschneide. Aha. Sie auch. „Wie soll ich es denn deiner Ansicht nach machen?“, frage ich, wie ich es gelernt habe, zurück. „Na, ich dachte so …“, sie erklärt mir ihre etwas mühsame, aber papiersparende Technik, denn wir haben vielleicht nicht genug rotes Papier. Ich will nicht dominant sein und sage, na gut, dann machen wir es so. Richtig schön wird es nicht, es ist ein ziemliches Gewurschtel. Ich muss dann übrigens, Sparsamkeit hin oder her, auch eine banale weiße Rolle Papier für drei Tische anbrechen. Tischläufer haben wir überraschenderweise auch nur für drei Tische. Drei. Wir haben sieben Tische. Wir müssen sehr viel diskutieren. Nachmittags bin ich wieder im Saal, dieses Mal kommt eine andere Dame hinzu, die nicht nur gekränkt ist, weil Monsieur morgens schon die Fenster des Saals geputzt hat, denn das wollte sie doch machen, ich entschuldige mich mehrfach für Monsieurs Übereifer, sie nimmt es gnädig an, muss aber ihre Unzufriedenheit mit der klassischen Frage „Aber warum hast du die Tischdecken so hingeklebt?“ zeigen. „Wäre es nicht besser, zwei Bahnen zurechtzuschneiden, als dieses komische Gewurschtel, das sieht doch nichts aus!“ Langsam finde ich es nicht mehr ganz so amüsant und werde, zugegeben, etwas mürrisch. Ich sage, dass man es mir so aufgetragen habe. „Nein, nein“, entscheidet sie und zerrt ein bisschen an der Tischdecke, bis sie einreißt. „Siehst du, das geht so nicht!“ Ich reiße entnervt die gestückelte und nun auch noch zerrissene weiße Papiertischdecke wieder vom Tisch, während sie ohne Punkt und Komma weiterredet: „Wieso überhaupt dieses weiße Papier? Es sieht so unfestlich aus. Und wieso ein weiß-roter Tischläufer auf den weißen Tischen? Die Bürgermeisterin mit ihren Gästen muss an einem der roten Tische sitzen, die weißen Tische sind ja überhaupt nicht schön, das Rot ist schön, zwei Farben habe ich gesagt, zwei Farben, damit es eine Harmonie gibt, drei Farben sind Karneval.“ „Aber wir haben doch zwei Farben“, erwidere ich, „Rot und Weiß.“ Aber es ist nicht richtig angelegt, ihrer Ansicht nach, der weiße Tischläufer muss auf jeden Fall auf die roten Tische. Sie schüttelt sorgenvoll den Kopf. Der Saal wird nach nichts aussehen. Nun stellt sie Berechnungen an, wie man im nächsten Jahr Papierrollen kaufen könnte, die größenmäßig besser an die Tische angepasst sind, ohne dass es zu so viel Verschnitt kommt. Sie verschwindet und kommt mit einem Metermaß wieder und misst die Tische aus und die Papierrollen und rechnet, und sie schreibt alles auf einen Zettel, den sie im nächsten Jahr um diese Zeit sicher nicht mehr findet. In der Zwischenzeit fange ich an, Teller, Besteck und Gläser zu decken. Wir diskutieren noch einmal über die Lage der Gabel. Mit den Zinken nach unten oder nach oben? Wie sollen wir die Servietten falten? Und noch einmal diskutieren wir die Farbfrage. Weiße Servietten auf die roten Tische? Glücklicherweise muss ich jetzt helfen die Zelte auf dem Dorfplatz aufzustellen und kann sie einen Moment alleine lassen.

Blick aus dem Fenster


Auf dem Dorfplatz ist es nicht besser. Warum denn jetzt fünf Zelte auf dem Dorfplatz aufgestellt werden sollen? Waren es nicht immer nur vier? Jemand zieht mich zur Seite und sagt in vertraulichem Ton: „Es sieht nichts aus, wenn da fünf Zelte stehen und niemand stellt etwas aus. Wer kommt denn überhaupt alles? Der Fromager kommt nicht, heißt es. Und die Töpferin auch nicht. Stimmt das? Das wird eine jämmerliche Angelegenheit dieses Jahr, euer Weihnachtsmarkt, pôpôpôh“ macht er mit heruntergezogenen Mundwinkeln, „und in Guillaumes ist zusätzlich Foire, da kommt sowieso keiner hier hoch, glaub‘ mir, ihr hättet es besser ausfallen lassen sollen …“ Glücklicherweise weiß ich in der Zwischenzeit, was ich von diesem Miesmacher zu halten habe, vor acht (oder neun) Jahren hat er mich schrecklich destabilisert, aber jetzt zucke ich nur mit den Schultern. „On verra“, sage ich. „Das sehen wir noch“ „Das wird nix“, schüttelt er wieder den Kopf, und läuft gebeugt und miesepetrig davon.

Später hilft mir Monsieur im Gemeindesaal beim Servietten falten und ich werfe, mit hysterisch ausgestoßenen „Dior!“-Rufen, wahllos etwas Deko auf die Tische. Das wird zumindest von der Organisationsfreundin halb kritisch, halb bewundernd so behauptet. Sie hatte allerhand Tischläuferreste von den letzten Jahr zusammengesucht und die Tische sehen insgesamt etwas heterogen, aber durchaus kunstvoll aus. Also immer im Rahmen dessen, was möglich ist, nicht wahr. Um den Ereignissen vorzugreifen, die Bürgermeisterin sitzt dann abends doch an einem der weiß gedeckten Tische, weil sie ihn so edel findet :-)

Kürzen wir etwas ab. Alles wird gut. Es ist kalt, aber die Sonne scheint und der Sturm, der nachts beinahe die Zelte weggeweht hatte, hat nachgelassen. Nein, der Fromager kommt wirklich nicht, er hat einfach keinen Käse mehr zu verkaufen, die Töpferin kommt, wie erwartet, auch nicht, die ist in der Weihnachtsmarktkategorie aufgestiegen und stellt jetzt in Nizza aus, aber wir haben dennoch genug Aussteller, die Bastelarbeiten der zwei Grundschulen im Tal bekommen einfach etwas mehr Raum und auch die Frau, die die Kinder schminkt.

Wir haben auch Musik, denn die Musikbeauftragte kam am Freitag schon aus Toulon, um der Samstagsblockade zu entgehen (Toulon und Marseille sind zwei „harte“ Streikzentren). Dass ich am Vortag noch für den Fall des Falles stundenlang Weihnachtsmusik auf einen USB-Clé gezogen habe, tant pis. Wir haben Süßes und Salziges im Angebot, dazu handgearbeitete Türkränze, Duftkerzen, Geschnitztes aus Holz, es gibt eine Tombola, man kann eine Reise oder ein Essen gewinnen.

Ein Dorfbewohner röstet Maronen, ein anderer macht, obwohl er noch nicht lange wieder aus dem Krankenhaus zurück ist und noch an Krücken geht, die traditionellen Créspés (frittierter Brotteig), es gibt heiße Schokolade, Kinderpunsch und Glühwein.

Glühwein und Kinderpunsch
Das Lebkuchenhaus

Und eine Dorfbewohnerin hat, wie jedes Jahr, ein Lebkuchenhaus gebacken, das am späten Nachmittag mit den Kindern aufgegessen werden wird. Und der Nikolaus kommt mit seinem Esel, und nicht zu spät, wie befürchtet (die Krepppapierblumen an seinen Körben, wurden auch im Dorf handgearbeitet!) und wie durch ein Wunder wuseln plötzlich jede Menge Kinder durch das Dorf , die von ihm Mandarinen und Schokolade bekommen und den Esel streicheln dürfen, und die Kleinen dürfen auch auf dem Esel sitzen und durch das Dorf reiten.

St. Nicolas und sein Esel

Tatsächlich sind doch viele Menschen von Guillaumes und anderswo gekommen, der Nikolaus mit seinem Esel ist eine tolle Attraktion. Mittags schenken wir die Gemüsesuppe kostenlos aus, damit die Menschen auf dem Platz bleiben und nicht alle stundenlang zum Essen verschwinden und nicht mehr wieder kommen. Ich rede mit allen, vor allen mit denen, die ich nicht kenne und kaufe jedem etwas ab, so gehört sich das, sonst kommt nächstes Jahr gleich keiner mehr. Ich habe am Ende jede Menge Weihnachtsgebäck, einen von Grundschulkindern reizenden selbstgebastelten Mini-Weihnachtsbaum und andere Kleinigkeiten, ein Armband, einen hölzernen Kochlöffel und hausgemachten Essig und Kräuter, die ein langes Leben versprechen. 

Um halb drei beginnt ein Kartenspielwettbewerb in der Auberge und ich stehe nun hinter der Theke und serviere Tee und Kaffee und Limonade. Ich mache das so selbstverständlich, dass mich alle behandeln, als sei ich immer noch hauptamtliche Aubergistin. „Was trinkt denn Charlotte normalerweise?“, fragt mich ein Herr, der seiner Kartenspielpartnerin ein Getränk ausgeben will. Ich weiß es aber tatsächlich nicht, Charlotte war zu meiner Zeit nie in der Auberge, aber das sage ich nicht, empfehle hingegen ein Mineralwasser und liege nicht falsch. Ob ich nicht ein Schnäpschen in den Kaffee gießen könnte, werde ich von einem anderen Herrn gefragt, das kann ich leider nicht, mein Angebot ist auf einen plauschigen alkoholfreien Nachmittag beschränkt. Und ich habe auch keine leeren Plastikflaschen abzugeben, wie eine ältere Dorfbewohnerin, hofft. Sogar die Bürgermeisterin schlägt mir vor, die Auberge wieder zu übernehmen – das wärs doch, meint sie, und im Winter hätte ich sogar noch genug Zeit zum Schreiben.

Dann muss ich den Dienst in der Auberge aber doch kurzzeitig jemand anderem übertragen, denn in der Kirche müssen zwei Lieder geprobt werden und meine Stimme wird benötigt.

Wir bereiten ein Chanson von Aznavour vor und eines von Patrick Fiori (Les gens qu’on aime:  sagen wir den Menschen, dass wir sie lieben, so lange wir sie noch haben), und während wir noch üben, kommt schon le diacre, der Diakon, denn auch der junge Pfarrer hat seine Soutane (vorübergehend) an den Nagel gehängt und befragt sich irgendwo an einem Rückzugsort, ob er wirklich für das Priesteramt gemacht ist. Der Diacre ist gleichzeitig der Landarzt des Tals, so ist das hier. Er findet es schön, dass wir singen wollen und ist auch einverstanden, dass wir nach der Andacht in der Kirche noch den Apéro nehmen. „Das Haus Gottes ist für die Menschen gemacht“, sagt er.

Die Andacht ist so gut besucht wie selten (das liegt sicher auch am versprochenen Champagner-Apéro), es ist stimmungsvoll und nur mit Kerzen erleuchtet, wir singen die vorbereiteten Lieder und manch einer wischt sich ein Tränchen aus dem Auge. Nach dem Apéro ziehen wir in den Gemeindesaal. Das Essen wird dieses Jahr, mangels Aubergist, vom jungen Metzger des Nachbarorts ausgerichtet. Ich weiß, wie schwierig die Verhältnisse für den Service in diesem Saal sind und bin voller Bewunderung. Sie sind nur zu zweit und machen das perfekt, lecker ist es auch.

ohne Foie gras geht hier nichts

Danach wird spontan getanzt, die ersten klappen schon die Tische zusammen und zackzack werden die so mühevoll angeklebten Tischdecken abgerissen, zusammengeknüllt und die eben noch bewunderte Tischdeko weggeworfen und während andere noch den Kaffee trinken, wird in einer Ecke schon gehoppst. Sogar die Organisationsfreundin kann jetzt, wo alles gut gelaufen und fast vorbei ist, erleichtert lachen und ein bisschen tanzen, zum ersten Mal seit langer Zeit, sehe ich sie wieder so fröhlich. Wie wunderschön. Alle sind froh und zufrieden. Der Weihnachtsmarkt war ein Erfolg. Na klar. Und nächstes Jahr machen wir es wieder. Und ich bin dabei. Logisch.






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Le Viaduc de la Siagne

Und noch ein Verlust, wir sind im November, da ist das so. Eine alte Eisenbahnbrücke wurde abgebaut.

Le viaduc de la Siagne (credit: SNCF)

Niemand möchte so ein Brückendrama erleben, wie es im August in Genua stattgefunden hat, natürlich nicht. Die Eisenbahnbrücke über die Siagne zwischen der Gemarkung von Cannes La Bocca und Mandelieu, gebaut im 19. Jahrhundert, war für den heutigen Eisenbahnverkehr schon lange nicht mehr ausreichend. Die TGV’s und Güterzüge krochen seit Jahren nur noch vorsichtig und im Schritttempo über die alte Eisenkonstruktion, die ein bisschen aussieht wie die noch nicht ausgewachsene Hohenzollernbrücke in Köln.

Hohenzollernbrücke Köln (credit: wikipedia)

Ich mochte die alte Brücke in Eisenkonstruktion, le Viaduc de la Siagne, gern und hätte mir gewünscht, dass man sie nur stabilisierte und verstärkte, aber es war wohl nicht möglich. Auch hätte ich die Bauarbeiten gerne selbst dokumentiert, aber sie dauerten fast zwei Jahre und merklich veränderte sich lange Zeit kaum etwas.

Und dann ging es plötzlich sehr schnell. Ende Oktober wurde der Eisenbahnverkehr für ein paar Tage eingestellt und jetzt ist sie weg, die Brücke mit den vier Bogen. Ersetzt wurde sie durch eine dem modernen Zugverkehr angepasste, sagen wir, schlichte Variante.

Hier ein kleiner Film, der die Geschichte des Viaduc de la Siagne liebevoll dokumentiert. Adieu petit pont!

Dank geht an Michael Chevalier, der mir diesen kleinen Film via SMS schickte. Ich sah ihn frühmorgens in meinem Telefon und hatte Tränen in den Augen. Jetzt habe ich diesen Film endlich auf Youtube entdeckt und lasse Sie daran teilhaben.

Hier etwas weniger gefühlvolle, aber durchaus interessante Filme zu dieser für unsere Verhältnisse sehr großen und spektakulären Baustelle.

Und noch ein Zeitraffer-Film, der den Einsatz des gigantischen Krans zeigt; in dieser Größe gibt es wohl nur zwei oder drei in Europa. (Achtung, Werbung wegen Namensnennung)


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Das Ende der Platanen

Der Himmel über den kranken Platanen ist dennoch blau

Frankreichweit sind die Platanen krank. Ein Pilz, der nicht behandelt werden kann, frisst sich gnadenlos durch ihre Wurzeln. Der Canal du Midi, Unesco Weltkulturerbe immerhin, bekannt für seine 240-kilometerlange Platanenallee, sieht traurig aus, tausende Platanen wurden bereits gefällt. „Besuch lohnt nicht mehr“ schreiben Touristen auf dem Urlaubs-Schnäppchen-Führer tripadvisor kalt. Eingeschleppt wurde der Pilz, der den Platanen hier zum Verhängnis wurde, man kann es kaum glauben, von amerikanischen GI’s , die Munitionskisten aus befallenem Platanenholz über Marseille ins Land brachten. Die amerikanischen Platanen sind resistent gegen diesen Pilz, nicht so die französischen. Kein Dorfplatz in Frankreich ohne Platane, keine Allee, kein Bouleplatz ohne diese schattenspendenden Bäume, deren Laub seit Jahren und selbst im Frühjahr nicht mehr grün, sondern nur noch gelblich fahl wird. Noch werfen die boulistes unter ihrem Schatten die metallisch klackernden Kugeln. Wie lange noch? In Cannes fallen viele kranke Platanen auf den Allées de la Liberté nun einem Stadtverschönerungsprojekt zum Opfer.

Platane mit Weihnachtsgirlande
Les Allées de la liberté
les boulistes im Schatten der Platanen
Platane als Garderobenständer

Platane gefällt
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Der Krieg ist aus

Wool War I : l’armée de laine

Heute vor hundert Jahren ging der Erste Weltkrieg mit einem Waffenstillstandsabkommen, der sogenannten Armistice, zu Ende. Ich weiß, dass Sie das in Deutschland recht unbeeindruckt lässt, aber in Frankreich kommt man da nicht drumherum. Ich schreibe seit Jahren am 11. November darüber und dieses Jahr natürlich auch. Wird die Erinnerungsarbeit jedes Jahr am 11. November schon großgeschrieben, so ist sie dieses Jahr, dem hundertjährigen Gedächtnis der Armistice, noch potenziert. Im Fernsehen, in der Presse, in allen Schulen und quasi überall geht es nur noch darum. Hier ein Sonderbeitrag von Karambolage. Auch Deutsche kommen in Gesprächsrunden im Fernsehen zu Wort, und dass die Erinnerung des Ersten Weltkriegs in Deutschland nicht ebenso zelebriert wird, stößt hier jedes Jahr aufs Neue auf Befremden. Seit einer Woche tingelt unser Präsident schon an der ehemaligen Frontlinie entlang. Von Straßburg aus ging es nach Morhange (Moselle), Verdun (Meuse), Péronne (Somme) und zur Nekropole de Notre-Dame-de-Lorette à Ablain-Saint-Nazaire (Pas-de-Calais). Bei der letzten Station habe ich gehofft, es würde vielleicht ein Foto geben, der Präsident auf Knien vor der kleinen Wollarmee, an der ich seinerzeit mitgestrickt habe, Sie erinnern sich. Denn dort ist sie nämlich jetzt, die Ausstellung. Schon seit September und sie geht heute, am 11. November zu Ende. Aber nein, leider, kein Foto von Macron und den Wollsoldaten.  Wir wissen nicht, ob Macron die Installation überhaupt gesehen hat.

die Deutschen mit ihrer Pickelhaube

Die Frage, was nach den vier Jahren (in denen die Installation durch die ganze Welt reiste) mit den 781 Stricksoldaten passieren sollte, stellte sich. Fast alle, die mitgestrickt haben und die sich immer noch in einer FB-Gruppe austauschen, waren bereit einen kleinen Soldaten oder auch zwei zu adoptieren. Anna, der Künstlerin hinter dem Wool War I aber war das zu wenig. Sie beschloss, dass die kleinen Wollsoldaten verkauft werden und das damit eingenommene Geld dem Verein Médecins sans frontières zukommen solle. Als Preis wurden 30 Euro pro Soldat festgesetzt. Anna hatte Sorge, dass zwar alle die Soldaten niedlich finden, aber letztlich niemand sie kaufen würde. Aber klar, in nicht mal zwei zweiten Tagen waren alle Wollsoldaten weg! Ausverkauft! In zwei Tagen kamen so 23.430 Euro kamen zusammen! Ist das nicht ganz großartig? Anna wollte es nicht glauben und auch die Dame von Médecins sans frontières, die vorsichtig bei Anna anfragte, ob der Verkauf sich denn konkretisiere, war sprachlos, als Anna ihr die Summe nannte. Selbst so ein großer Verein bekommt nicht jeden Tag so eine Zuwendung. Tolles Ende dieses einzigartigen Kunstwerks, oder?!

da gehen sie hin …

Hier unveröffentlichtes Bildmaterial, das ich seinerzeit zurückziehen musste, weil der „Strickbausatz“ geheim war.

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Von Wölfen und Lämmern

Sonnenuntergang über dem Rougnous

Wie war sie denn nun diese Lesung?, wurde ich gefragt. Na, was für eine Frage: großartig natürlich! :D Auch wenn ich am Tag selbst die Befürchtung hatte, dass wir auf normalem Weg niemals nach Nizza kommen würden, und vermutlich auch keine(r) der  ZuhörerInnen, denn es schüttete und stürmte wie verrückt. Südfranzosen gehen bei so einem Wetter nicht raus, die würden schicksalsergeben mit den Schultern zucken und sagen, ich wäre gern gekommen, wirklich, aber bei dem Wetter, es ging nicht, was willst du machen …  insofern rechne ich es den anwesenden Damen und Herren hoch an, dass sie sich durchs Wetter gekämpft haben und nein, es waren nicht nur Deutsche, wie Sie vielleicht meinen würden und auch Deutsche sind nach mehreren Jahren Südfrankreich durchaus wetteranfällig. Danke also an dieser Stelle allen, die da waren! Dank auch an das CCFA, die mich in ihre schönen Räume mit Blick auf die Promenade des Anglais eingeladen haben und Dank an Jördis Kimpfler für Ihre Hilfe bei der Technik. Es gab nämlich ein paar Fotos vom Mercantour im Hintergrund und etwas Musik.

die Autorin bei der transhumance

Dann habe ich ein bisschen gelesen, wie man das so macht bei Lesungen und danach beantwortete ich Fragen, signierte Bücher und wir kamen noch angeregt ins Plaudern. Ich hatte mich zwar extra nochmal auf den aktuellen Stand in der Wolfsfrage gebracht und Bücher und Recherchematerial gesichtet und mitgebracht, aber es wurde viel weniger und auch viel weniger heftig als ich erwartet habe über den Wolf diskutiert, als über das Leben in den Bergen und in Südfrankreich generell.

die Autorin und das Lamm

Es war ein richtig schöner, harmonischer und runder Abend und ich bin immer noch ganz beglückt! Merci!

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Lesen und Lesen lassen

Vor kurzem war ich bei einem Vortrag im CCFA, dem Centre Culturel Franco-Allemand in Nizza – um korrekt zu sein, war ich in dieser Saison schon mehrfach bei Vorträgen im CCFA, einfach weil sie gerade super interessante Abendveranstaltungen anbieten – Jana Hensel war da und die Chefredakteurin von Arte Karambolage; es sind in gewisser Weise alles Vorträge zur deutsch-französischen oder auch zur europäischen Geschichte, genau wie der, von dem ich erzählen will, über Françoise Frenkel. Kennen Sie vielleicht auch schon, ist genau wie Vivian Maier, von der ich neulich sprach, gar nicht so unbekannt, wie ich in der Zwischenzeit festgestellt habe, nur ich kannte sie mal wieder nicht. Und mit mir vielleicht die etwa hundert Besucher im CCFA.

Voller Leidenschaft für die (französische) Literatur eröffnet die junge polnische Jüdin Françoise Frenkel (eigentlich
Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel) nach dem Studium in Paris 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin. Nach dem Ersten Weltkrieg! Das muss man sich vorstellen! Eine frühe Europäerin, zu einer Zeit, in der der überall der Nationalismus blühte (beinahe wie heute, könnte man sagen). 1939 flieht sie vor dem Nationalsozialismus, über Paris quer durch Frankreich bis in den „freien“ Süden nach Nizza. Als es 1942 auch hier zu Razzien kommt, findet sie Schutz bei dem Friseur-Ehepaar Marius, mit dessen Hilfe ihr 1943 die Flucht in die Schweiz gelingt.

Rien où poser sa tête heißt das Buch, das sie unmittelbar nach dem Krieg über ihre letzten Jahre in Berlin und die Zeit der Flucht und des Versteckens schrieb. Nichts, um sein Haupt zu betten heißt es auf Deutsch und es ist tatsächlich schon vor zwei Jahren bei Hanser erschienen.

Françoise Frenkel lebte nach dem Krieg verarmt und vergessen bis zu ihrem Tod 1975 in Nizza. Das Buch, von dem sie sich ein kleines Einkommen erhoffte, wurde kein Erfolg. Niemand wollte nach dem Krieg etwas von dem Elend der Verfolgten wissen. Das war in Deutschland so und in Frankreich nicht anders. Vor ein paar Jahren wurde in Nizza ein Exemplar ihres Buches auf einem Flohmarkt entdeckt und wieder aufgelegt. Patrick Modiano, der 2014 Literaturnobelpreis erhalten hat, hat das liebevolle Vorwort verfasst.

Ich habe die französische Version gelesen. Es ist eine sehr berührende Lektüre. Die Unmittelbarkeit der Entstehung (sie begann schon während ihrer Flucht darüber zu schreiben) macht, dass der Text detailreich und intensiv ist, fast als läse man einen (aktuellen) Tagebuchblog. Eine sehr ausführliche und fundierte Besprechung könnten Sie hier nachlesen, wenn Sie nicht sofort das Buch selbst zur Hand nehmen wollen.

Dass ich heute so dringend darüber schreiben wollte, hat damit zu tun, dass ich just heute gestern (ich habe den Text gestern schon begonnen) von einer deutschen Freundin handgeschriebene !!! Post bekam: Nicht nur, dass es jedes Mal eine Freude ist, von ihr und ihrer Familie zu lesen, auch die Art, wie es geschieht ist immer einzigartig und überbordend vor Phantasie. Innen und außen – denn schon der Umschlag ist ein Kunstwerk! Dieses Mal war dem Brief noch ein Zeitungsartikel (hier bedauerlicherweise hinter einer Paywall) beigefügt, über die seit 15 Jahren in Berlin existierende französische Buchhandlung Zadig in der Linienstraße (Zadig habe ich dabei erfahren, ist eine Romangestalt bei Voltaire und ich wüsste zu gern, wer bei der Modemarke Zadig & Voltaire so literarisch inspiriert war ;-) ). Patrick Suel, der Betreiber der französischen Buchhandlung könnte als Nachfolger von Françoise Frenkel gelten. Beide arbeite(te)n aus Leidenschaft für die französische Literatur, für die Kultur und für Europa. Reich wird man nämlich nicht mit dem Verkauf französischer Bücher in Berlin. Reich wird auch die Besitzerin der letzten deutschen Buchhandlung in Paris nicht, die bereits einmal geschlossen, immerhin an einem anderen Ort weitermachen konnte, andere haben endgültig den Schlüssel unter die Fußmatte gelegt. Reich wird aber sowieso kaum noch ein unabhängiger Buchhändler in diesen Zeiten. Weshalb es schön ist, dass es seit vier Jahren den Deutschen Buchhandlungspreis gibt, der das Engagement unabhäniger Buchhandlungen auszeichnet. Die Freundin arbeitet übrigens in einer der in diesem Jahr ausgezeichneten Buchhandlungen , der Büchergilde in Wiesbaden und wir gratulieren sehr herzlich! Ich bin leider ein kleines bisschen zu spät mit der Ankündigung für die kleine Feier, die gestern dort anlässlich dieser Auszeichnung stattgefunden hat. Wir gratulieren selbstverständlich auch allen anderen ausgezeichneten Buchhandlungen! Darunter auch der Buchladen Neusser Straße in Nippes, der den #lesemittwoch ins Leben gerufen hat! Ich finde das eine sehr nette Idee, sich mittwochs und halb Neun mit sich selbst (und virtuell mit vielen anderen) zum Lesen zu verabreden. Ein paar Mal habe ich schon mitgemacht!

Falls Sie nicht immer selbst lesen wollen, dann lassen Sie sich vorlesen! Von mir zum Beispiel. Jetzt folgt noch ein bisschen Eigenwerbung – überhaupt scheint man das nun stets dazuschreiben zu müssen, bei jeder Verlinkung, die irgendwohin führt – ich verstehe meinen Text und meine Links generell nicht als Werbung, ich wurde nicht beauftragt und auf jeden Fall für nichts bezahlt. Meine Links führen in der Regel nicht zu dem großen Internetriesen A. und auch nicht in die Irre (hoffe ich zumindest). Jetzt aber mache ich Werbung für mich: Denn Christine Cazon wird, wie kürzlich schon angekündigt, am kommenden Dienstag, 6. November um 19.30 Uhr im oben erwähnten CCFA aus „Wölfe an der Côte d’Azur“ lesen. Die Lesung ist auf Deutsch. Der Eintritt ist frei. Kommen Sie?!

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Ein Herbst und vier Beerdigungen

„Sehr gerne“ sollte eigentlich die Überschrift des letzten Textes über Berlin werden. „Sehr gerne“ sagen einem dort die Servicekräfte der Cafés und Restaurant, kaum hat man seinen Wunsch geäußert. „Einen Cappuccino bitte!“ „Sehr gerne.“ Ich habe das noch nirgends sonst gehört. „Sehr gerne.“ Es ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Als ich den Berlin-Text schrieb, grübelte ich lange wegen der Überschrift, weil ich kurz vorher einen Beitrag gelesen hatte, dass man dem Leser (der Leserin) Überschriften bieten solle, die ihn (sie) anziehen und ihm (ihr) etwas versprechen. Da mir nicht wirklich etwas Originelles eingefallen ist, wurde es „Cannes – Berlin“ klingt verheißungsvoll genug. Besser als „Sehr gerne“ vermutlich, obwohl mir „Sehr gerne“ besser gefallen hätte, wäre es mir nur rechtzeitig wieder eingefallen.

Cafè crème und Croissant – ich weiß nicht mehr, was der Kellner antwortete

Für den heutigen Text passt „sehr gerne“ weniger. Wir kommen gerade viel rum, weil hier gerade viel gestorben wird. Beerdigungstourismus könnte man das nennen, um dem Anwärter auf das Unwort des Jahres ein anderes hinzuzufügen. Es ist  übrigens schon älter das neue Unwort.  Das aber nur am Rande. Wir waren unter anderem drei Tage in Paris, aber nein, „drei Tage in Paris“ wird nicht die verheißungsvolle Überschrift, obwohl da bestimmt viel geklickt würde, in der Hoffnung, dass ich ihnen nagelneue Geheimtipps verspreche für einen Kurzbesuch in Paris.  Nun, wir waren zwar drei (eigentlich nur zwei) Tage in Paris, aber eine Beerdigung bietet nicht so richtig viele prickelnde Geheimtipps. Und nein, es wird auch kein Beitrag über die schönsten Friedhöfe in Paris, aber ich bin ja serviceorientiert und liefere Ihnen gern diese oder andere Informationen. 

Auch wenn zumindest Monsieurs Herz schwer war und ihm der Sinn nicht nach allzviel Zerstreuung stand, hatten wir am Tag unserer Ankunft tatsächlich etwas Zeit, um durch Paris zu laufen. Ich mag das angesagte jüdische Viertel Le Marais (da war ich auch letztes Mal schon unterwegs) und wir spazierten bei wunderschönem sonnigen Herbstwetter durch die engen Sträßchen im 3. und 4. Arrondissement.

Graffiti an Hauswand im Marais
L’amour court les rues
Ein Tiger in der Rue des Rosiers

In der Rue des Rosiers stießen wir auf einen versteckten Garten Le Jardin des Rosiers, der Joseph Migneret gewidmet ist, einem Schuldirektor, der zu einer Zeit jüdische Kinder rettete.

Neben Parkbänken in idyllisch-versteckten Ecken und einem Gedenkstein für (nicht gerettete) deportierte jüdische Kinder gibt es auch einen kleinen Kräuter- und Gemüsegarten. Und in diesem kleinen Paradies liegt dann überall Müll. Und das manchmal nur zwei Meter von der großen Mülltonne entfernt. Nun, Sie denken es sich, wir haben auch dort, wie es so unsere Art ist, den Müll aufgehoben und ordentlich entsorgt.

Müll aufsammeln mal nicht am Strand

Ich wollte dieses Mal etwas mehr wissen vom Viertel, in dem Schwule ausgehen (die erste Schwulenbuchhandlung in Paris gab und gibt es hier im Viertel) orthodoxe und weniger orthodoxe Juden leben, in dem es schicke Modeboutiquen en masse gibt und trotzdem auch viele kleine alternative …

erste Schwulenbuchhandlung Paris‘

… Läden, SecondHand-Boutiquen, Cafés, Bars und in dem die Leute bei einem Falaffelverkäufer eine halbe Stunde Schlange stehen.

Anstehen für Falaffel

Ich habe diesen Film gefunden – er ist natürlich in Französisch und dauert über eine Stunde – aber er zeigt Le Marais wie es ist. Jung, lebendig und quirlig, aber auch problematisch, wie so oft, wenn ein einfaches Arbeiterviertel schick wird: Stichwort Gentrifizierung. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man gar nichts versteht, aber vielleicht mögen Sie einfach die Bilder ansehen?! Und keine Angst, es geht nicht die ganze Zeit um schwule Subkultur.

Am nächsten Tag fand in Paris noch frühmorgens in einem Beerdigungsinstitut am Friedhof Père Lachaise
la levée du corps statt, und danach fuhren wir in die Normandie. Nachdem wir die Autobahn verlassen und dutzende von tristen Straßendörfern durchfahren hatten, landeten wir im überraschend niedlichen Kurststädtchen Bagnols de L’Orne. Nach einer sehr klassisch-katholischen Zeremonie ging es zum grausteinigen Friedhof und wir schwitzten sehr in unserer für den vermeintlich kalten „Nooorden“ gewählten warmen, schwarzen Kleidung, denn es war beinahe so warm wie an der Côte d’Azur.

Und trotz des amüsanten Filmausschnitts (ein alter Onkel erklärt dem in den Norden versetzten „petit“ wie es im Norden ist: miserabel und kalt!) weinten wir dort viel. Abends fuhren wir wieder zurück nach Paris. Am nächsten Vormittag besuchten wir betagte Freunde von Monsieur, denn wer weiß, wie oft man noch die Gelegenheit hat, sich (bei guter Gesundheit) zu sehen, n’est-ce pas. Wir aßen zusammen in einem kleinen Restaurant im Viertel, es war warm genug, um draußen zu essen, das war gut, denn Madame A. sitzt im Rollstuhl und wer französische Restaurants kennt weiß, wie beengt es dort ist. Monsieur und Madame A. sind beide an die Neunzig, aber selten habe ich eine lebendigere, wachere und interessiertere Dame getroffen, die außerdem mit ihrem Rollstuhl so schnell und unerschrocken durch die Straßen von Paris sauste, dass ich kaum nachkam. „Ist Ihnen dabei noch nichts passiert?“, fragte ich atemlos als wir an einer Ampel stehen blieben und ich die unregelmäßig abgeschrägten Bordsteine sehe und das holperige Kopfsteinpflaster über das sie so schwungvoll rumpelte. Doch, sie sei schon mehrfach mit dem Rollsuhl umgefallen, erzählte sie mir, sie sei auch schon bestohlen worden und einmal, als die Busfahrer plözlich wegen eines Streiks nicht mehr weiterfuhren, hat sie Paris im Regen fast komplett im Rollstuhl durchquert. Seitdem trägt sie einen kleinen selbst gehäkelten Daumenschutz, denn damals hat sie sich beim pausenlosen Drücken der Tasten für den elektrischen Rollstuhl den Daumen wundgescheuert. Madame A. hatte mir vorgeschlagen, während Monsieur sich bei den Bouquinisten am Seine-Ufer umsehen wollte, mich „schnell“ zum Musée d’Orsay mitzunehmen. In all den Jahren war ich noch nie im Musée d’Orsay gewesen, weil mich das lange Anstehen immer abschreckte. „So viel Zeit haben wir gar nicht“, wehrte ich ab, denn „schnell zum Musée d’Orsay“ konnte ich mir nicht so richtig vorstellen. „Mit mir stehen Sie nicht an“, sagte sie verschmitzt und fragte mit Blick auf meine Schuhe „Sie sind doch gut zu Fuß?“ Ich wechselte vorsichtshalber in flache Sneakers und schon sausten wir zu Fuß, per Rolli und mit Bussen durch halb Paris, und ich kam nicht nur ohne Anstehen hinein, ich zahlte als offizielle Begleitperson von Madame A. nicht mal Eintritt! Was für ein Luxus!

Im Vorübereilen einen Manet gesehen: Olympia

Die Zeit reichte natürlich nicht für das gesamte Museum, aber wir sahen doch „schnell“ die aktuelle Ausstellung Picasso Bleu et Rose!

Picasso Skizzen Selbstporträt
Les Pierreuses
Ein Mädchen entdeckt Picasso
Mit Madame A. vor einem blauen Picasso
Von Blau zu Rosa
Artisten in Blau und Rosa
Ist der Busen nicht zu tief angesetzt? fragte mich Madame A.

Später fuhren Monsieur und ich vom Gare de Lyon wieder in den Süden.

Gestern dann waren wir für eine weitere Beerdigung (dazwischen gab es zwei in Cannes) in dem (zumindest zu dieser Jahreszeit) etwas verschlafenen provenzalischen Städtchen Montélimar. Montélimar hat bestimmt sehr nette Ecken, aber in Erinnerung geblieben waren mir vom letzen Besuch nur zu viele Autos in zu kleinen Kreisverkehren, daran hat sich nichts geändert, nur, dass es jetzt zusätzlich eigenartige Kunstwerke auf den Kreisverkehrsinseln gab. Irgendjemand im Kulturbereich hat dort ein Faible für übergroße Plastiktiere. (Die ich leider nicht selbst fotografieren konnte, da ich die ganze Zeit fuhr)

Die Kunst in Montélimar ist eigenartig

Traditionell ist Montélimar aber für seinen Nougat bekannt. Die Dame, die beerdigt wurde, gehörte ebenso zu einer der alten Familien, die dort (im großen Stil und nicht so handwerklich wie im folgenden Link zu sehen)  Nougat herstell(t)en. Und es war kalt. Doch doch, der Süden kann sehr kalt sein. Ich trug zum ersten Mal Stiefel. (Seit dem letzten Wochenende heizen wir übrigens und haben wir wieder das Winterdeckbett aufgelegt) Immerhin hat es gestern nicht geregnet, obwohl es seit Tagen schüttet und stürmt – der gemütliche Landregen hat sich dann doch wieder in das klassische Unwetter-Szenario verwandelt, und es kommt näher … das Nachbardepartement Var ist schon wieder überschwemmt!). Auf dem Rückweg hatte der Fabrikverkauf der Nougatfabrik schon geschlossen, so dass ich meinen obligatorischen Nougat an der Raststätte kaufen musste (immerhin gab es die richtige Marke!). Wollen Sie selbst Nougat herstellen? Aurélie, die süße Französin, hat hier ein Rezept!

**Bizarrerweise konnte ich heute keine Bilder hochladen, ein paar Links zum Anschauen haben Sie immerhin. Ich versuche es morgen noch einmal. Jetzt gehts! Und wissen Sie warum? Weil ich gestern die ganze Zeit zwei Dokumente geöffnet hatte und  ich habe ins Falsche gearbeitet, geschrieben und vergeblich versucht Fotos hochzuladen. Erst beim Veröffentlichen habe ich gemerkt, dass ich den falschen und unfertigen Text abgespeichert habe. Hat aber in der Nacht außer ein paar chinesischen Suchmaschinen, die sich immer sofort auf meine Veröffentlichungen stürzen, vermutlich keiner gemerkt.

***Ich habe dieses Mal wahnsinnig lange nachgedacht – und finde die gewählte Überschrift zwar nicht super verheißungsvoll, aber doch passend, vor allem zum heutigen Feiertag.

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Cannes und Berlin

Es regnet! Endlich! Dieses Jahr können Sie die unendlich langen heißen und regenlosen Sommer, die wir hier haben, ja auch in Deutschland nachvollziehen. Der Rheinpegel ist so niedrig, dass allerorten der Fährverkehr eingestellt wurde und zum Binger Mäuseturm kann man derzeit zu Fuß laufen! Nein, bei uns ist das Mittelmeer immer noch da und wir laufen auch nicht zu Fuß zu den Iles des Lérins, aber der Regen wurde hier auch lechzend ersehnt. Jetzt ist er da, und glücklicherweise ist es ein mehrtägiger aber gemütlicher Landregen und sind es nicht diese sintflutartigen Wassermassen, wie wir sie vor drei Jahren hatten und wie sie dieses Jahr den Südwesten Frankreichs heimgesucht haben.

Regen! Endlich! Endlich ist dieses Draußen-Rumgerenne vorbei, dieses ewige Sonne-Ausnutzen, endlich darf man drin bleiben, sich ins Sofa kuscheln und lesen und schreiben! Uff. Ausatmen. Endlich komme ich dazu, Ihnen meinen Sommer zu erzählen.  Wo anfangen? Soll ich Ihnen Ende Oktober noch erzählen, dass ich Ende August für drei Tage in Berlin war? Ja? Nein? Doch! Klar, Berlin ist so klasse, vor allem wenn man aus einer südlichen Provinzstadt kommt. Kultur satt! Anlass für den Berlinbesuch war das Sommerfest von Kiepenheuer & Witsch in der Villa und auf dem Gelände des Literarischen Colloquiums. Toller Rahmen, tolles Fest! Ganz großartig war es!

Kiwi Sommerfest am Wannsee
die Wolken hängen tief
Kiwi und Galiani in der Villa des LCB
S-Bahn Wannsee

Berlin! Ich habe ebenso ganz großartig direkt an der Hufeisensiedlung gewohnt, und dort unterm Apfelbaum gesessen, der von der Hitze erschöpft schon alle seine Äpfelchen abwarf.

Blick auf die Hufeisensiedlung
Berliner Fußabkratzer

Die Großstadtfreundin nahm mich Landpomeranze zur Uraufführung eines Tanztheater-Spektakels mit: Exodos. Ich war schon so begeistert vom Ort und all diesen unterschiedlichen Menschen, jung, alt, und es gibt keinen Dresscode, oder wenn, dann ist er irgendwie hip und es ist nicht dieser bourgeoise Luxusmarkenschick, das ist so erholsam! Der erste Teil des Spektakels war außerordentlich – beklemmend und eindrucksvoll. Ich habe so etwas noch nie erlebt! Den zweiten Teil fand zumindest ich dann aber ziemlich lang und unverständlich, vielleicht war ich auch nur zu müde von der schlechten Luft, der Hitze, der superlauten Musik und der vielen Großstadtkultur. Aber die körperliche Leistung der Tänzer*Innen in diesem Spektakel verdient Hochachtung! Ich verlinke Ihnen mal diese Kritik, nur so, falls es Sie interessiert.

Die Spree am Radialsystem
die Tänzer’Innen und Sasha Waltz
Nachbereitung bei Cappuccino, Apfelsaft und Käsekuchen

Erstmals lief ich auch durch die (an mancher Stelle schon leicht abbröckelnden) grauen Steine des Holocaust-Memorials und war beeindruckt und verstört. Darf man wirklich picknicken auf den Gedenksteinen, wie es so viele tun? Darf man durch die langen dunklen Wege rennen und Fangen spielen? Darf man von Stein zu Stein springen, als sei es ein Parcours? Darf man das heute? Freizeitpark Holocaust Memorial? Spielerischer Umgang mit Geschichte? Sollte da nicht mehr Respekt sein? Bin nur ich mit meiner deutschen Ernsthaftigkeit so streng? Bin ich gar zu alt? (Nur am Rande, ich ertrage die Remix-Version des italienischen Partisanenliedes Bella Ciao, das ich früher inbrünstig und natürlich mit dem richtigen Bewusstsein an jedem Lagerfeuer zur Gitarre sang, auch nicht. Maître Gims, ein kongolesisch-französischer Rapper, gewandet in rote Ballonseide, blutrot vielleicht oder partisanenrot, was weiß denn ich, sang es in diesem Sommer beim Festival de la Musique oder war es anlässlich des Nationalfeiertags? Egal, es war in Nizza und tausende junge Menschen sangen auf der Place Massena begeistert mit: oh oh oh oh oh bella ciao … Darf man aus Partisanenliedern kommerzielles Geplärre machen? In meiner FB-Blase waren alle begeistert: So viele junge Menschen singen Bella Ciao! Aber wissen sie, was sie singen?!, frage ich mich. Oder ist das egal? Oder arrogant? Und morgen machen wir einen Remix aus den Moorsoldaten? Ich sei haha vermutlich zu alt, um die Jugendkultur zu verstehen wurde mir freundlich zugerufen. So siehts aus. Mit Mitte 50 schon reaktionär und verknöchert. Oh partigiano, portami via … )

Lichtstrahl
Freizeitpark Holocaust Memorial

Ganz kurz war ich auch in Potsdam, um die Gerhard Richter Ausstellung im Museum Barberini anzusehen. Wenn schon, denn schon! Ich liebe Gerhard Richter. Ich liebe genau diese abstrakte Kunst von ihm und auch auf die Gefahr, das Wort etwas zu exzessiv zu verwenden, ich fand alles großartig!

Karos
Fenster – Spiegelungen
Pink und Rot
erinnert mich an den Garten von Monet in Giverny

Zuguterletzt, das wissen Sie vielleicht alles schon, dann verzeihen Sie es mir, ich bin ja so weit weg (nicht nur) vom (deutschen) Kulturgeschehen, habe ich in diesen Sommer einen (setzen Sie ruhig das g-Wort ein, wenn Sie wollen) Film über die rätselhafte Vivian Maier gesehen: eine einsame, schrullige Frau, die ihren Lebensunterhalt als (nicht wirklich liebevolles) Kindermädchen verdiente, vor allem aber eine manische (und hier schon wieder das g-Wort!) Fotografin war. Zu Lebzeiten hat sie nicht eines ihrer über 150.000 Fotos veröffentlicht! Über ihr merkwürdiges Leben und ihre Fotografien gibt derzeit auch eine Ausstellung in Berlin!

Und wie ich gerade begriffen habe, ist es schon die zweite Ausstellung in Berlin über Vivian Maier. Ich erzähle Ihnen also vermutlich wirklich nichts Neues. So ist es, wenn man in der südfranzösischen Provinz zu Hause ist. „Wie ist das Wasser?“, fragt man hier mit Blick auf das Meer, und „Was gibts zu essen?“ und „Kann ich noch einen Apéro?“ Und danach macht man erstmal eine Sieste.

Zurück von der kleinen Kulturauszeit in Berlin habe ich noch ein paar Tage fleißig geschrieben, kaum war das Manuskript (wir berichteten) abgegeben, verbrachte ich eine Woche in Heidelberg. Davon (und von Paris, um die Kurve zu Frankreich zu kriegen) demnächst. Stay tuned.

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