Morgens Fango abends Tango

Gerade habe ich meinem Nachmittagskaffee beinahe komplett auf die gelbe Markise des unter mir liegenden Hotel-Restaurants geschüttet. Der Rest schwimmt auf dem Tischchen und dem Fußboden des kleinen Balkons. Nur schwer kann ich mich aufraffen, um zumindest die braune Brühe auf dem Balkon mit Kleenextüchern aufzuwischen. Das Gefühl der Peinlichkeit wegen des braunen Flecks auf der Markise unter mir stellt sich auch kaum ein. Ich fühle mich schwer und bin etwas müde. Ich mache meine erste Kur. Der Rücken und die Knie. Eigentlich wollte ich nur Monsieur zu seiner Mini-Kur (Rheuma) begleiten, entschied mich dann kurzerhand für diese Mini-Kur für Rückenschmerzen. Sie heißt wirklich so. Mini-Cure Mal de dos. Deswegen habe ich wohl noch stärkere Rückenschmerzen als vorher. Das wird sicher noch besser, es ist ja erst der zweite Tag. Gestern morgen um 7 Uhr haben wir in Windeseile die Formalitäten erledigt, Arztbesuch, Kureinschreibung, Anwendungsplan und um Viertel nach Neun gings schon los. Da sage noch einer die Franzosen seien nicht effizient. Effizienter und freundlicher habe ich es in Frankreich noch nirgends erlebt. Und sauber. Das muss ich wirklich erwähnen. Denn auch wenn ich es ungerne sage, so hat das städtische Schwimmbad Montfleury in Cannes damit so seine Schwierigkeiten: schon im ersten Jahr schwarze Schimmelflecken in den Fugen und die waren auch nach der Generalreinigung, für die das Schwimmbad drei Tage geschlossen war, nicht verschwunden. Die Türen der meisten Umkleidekabinen schließen nicht und viele Spinde sind schon seit der ersten Saison kaputt. Eine Saison lang machte ich Wassergymnastik im Fünf-Sterne-Etablissement Les Thermes, man hopst dort mit atemberaubenden Blick im Meerwasserschwimmbad herum, darf danach noch den Sonnenuntergang im Jacuzzi auf der Terrasse genießen oder in der Sauna und dem Haman schwitzen, das alles zu einem etwas überteuerten Preis (Cannes, der Blick und weil wir es uns wert sind), und auch dort wackelt nach der dreitägigen Schließung noch immer die erste Stufe, so dass man beinahe ins Becken stolpert, und es rostet hier und schimmelt da. Das ist natürlich der deutsche Blick. Den versuche ich tapfer abzulegen, aber es ist nicht immer einfach. Im städtischen Schwimmbad ist der Service zusätzlich unterirdisch schlecht. Unfreundlich und lustlos. Unverschämt lustlos, ich habe keine Lust auf Details, aber ich ließ meine Zehnerkarte verfallen. In den Thermen ist es zumindest freundlich, Sie wissen schon, diese aufgesetzte Freundlichkeit, Madame hinten und vorne. Nervig, ein bisschen. Hier jetzt ist es superfreundlich, alle, die Damen und Herren am Empfang, der Herr, der die Bademäntel ausgibt, der der die feuchten Handtücher einsammelt, die Bademeisterinnen, die Hilfskräfte  – ich fasse es nicht, wie freundlich sie sind und wie hilfsbereit sie auch dem zigtausendsten Rentner, der im feuchten Bademantel und mit lustigem Duschhäubchen herumirrt, den Weg zum Thermalbad mit dem reizenden Namen Verveine oder dem Anwendungsraum Laurier weisen.

Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr vormittags werden im fünfminütigen Abstand jeweils 24 Personen eingelassen. Die haben dann einen durchgetakteten Parcours zu erledigen. Das ganze erfordert eine gewisse geistige Beweglichkeit und körperliche Dynamik. Trotz Rheuma und alledem. Man wundert sich, dass alles so gut klappt, denn man muss sich An- und Ausziehen, die Klamotten abgeben, Bademantel und Handtücher abholen, man darf sein Heftchen nicht vergessen, in dem abgehakt wird wo man war, sein Duschhäubchen nicht vergessen, sonst darf man nicht ins Wasser undsoweiter. Während die ersten Wassergymnasten hinten aus dem Thermalbecken gehen, kommen von vorne schon wieder die nächsten rein. Danach geht es zu den Anwendungen, dem Schlammbad oder was auch immer. Alles ist gut ausgeschildert und doch verirre auch ich mich immer wieder. Aber an jeder strategischen Ecke steht jemand und schickt einen nach rechts oder links oder geradeaus und am Ende zweimal links. Ich verirre mich, weil ich vor und zwischen jedem Termin „muss“. Sie verstehen schon. Nicht nur, weil ich sowieso im halbstündigen Rhythmus und kaum habe ich einen Fuß im Wasser, „muss“, sondern weil der Kurarzt befand, ich müsse zusätzlich etwas entwässern. Ich schütte jetzt also eine Mischung aus Löwenzahn und ichweißnichtwas in mein Mineralwasser und nun „muss“ ich noch öfter. Ich weiß schon warum ich nicht ausreichend trinke. wenn ich so viel tränke, wie sie einem alle immer einreden wollen, dann verbrächte ich meine Tage ausschließlich auf dem Klo. Online-Pipi. So sause ich also vor dem Thermalbad und danach und zwischen den Schlammumschlägen im Anwendungsbereich Laurier und dem Bain générale de Boue , dem Schlammbad, immer nochmal irgendwo aufs Klo und schon weiß ich nicht mehr wo ich bin. Alles sieht gleich aus, hellgekachelte Gänge, Säulen, schicke Plexiglasstühle und unendlich viele Menschen in hellen Bademänteln und Duschhäubchen.

So weit war ich gestern. Heute am dritten Tag bin ich immer noch genauso erschöpft und tut mir immer noch alles weh. Ich habe solche Rückenschmerzen, dass ich nachts davon träume. Ich weiß nicht, ob das so soll? Ich vermute der Effekt einer Kur ist, dass man froh ist, wenn sie vorbei ist und man den gewohnten Alltagsschmerz wiederfindet, mit dem man sich dann arrangiert. Ich mache eigentlich nichts besonderes. Ein bisschen Wassergymnastik im warmen Thermalwasser (20 Minuten), ein paar Massagedüsen (zehn Minuten), heiße Umschläge mit Thermalwasser und Schlamm (zehn Minuten) und herumfläzen im Schlammbad (zehn Minuten). Das Schlammbad ist nicht etwa ekliger dicker schwarzer Schlick, sondern eine appetitliche milchkaffeefarbige Creme, in der man aus physikalischen Gründen, die wir nicht verstehen, eine eigenartige Leichtigkeit hat und herumflutscht wie ein Korken. Dort hängt man mit bis zu zwölf anderen herum und versucht, nicht zu viel zu zappeln und nicht zu ertrinken und sagt außerdem höflich bonjour, wenn man eintaucht und au revoir, wenn man die Kaffeecreme wieder verlässt. Frankreich eben. Danach dusche ich den hellen Schlamm ab und ist es halb elf und ich bin erledigt. Für den klassischen Curiste ist damit das Tagwerk erledigt. Er geht essen, ruht sich aus, schläft, gönnt sich nachmittags vielleicht ein fettes Eis (es gibt überdurchschnittlich viele Eisdielen in dem kleinen Ort!), geht, wenn er gehen kann, am Ufer des Verdon spazieren oder spielt irgendwo Boule. Da ich aber vom Kurarzt als dynamischer als der Durchschnitt eingeschätzt wurde (ich senke das Durchschnittsalter, der Altersdurchschnitt der Kuristen liegt nach meiner Schätzung bei 70 Jahren) darf ich auch nachmittags noch etwas tun. Nochmal Wassergymnastik, halbe Stunde jetzt und sehr dynamisch und nochmal Massagedüsen. An anderen Tagen Pilates oder Rückengymnastik oder Massagen. Danach will ich nicht mal mehr fernsehen. Geschweige denn an einen Tanzabend teilnehmen. Denn das gibt es natürlich auch. Ball der einsamen Herzen. Hier kuren erstaunlich viele Paare zusammen, aber viele Herren und Damen sind auch solo. Nachmittags alleine in den Thermen, wurde ich schon angesprochen. Der Franzose ist auch angealtert und im rheumatischen Zustand noch ein Anmacher. Monsieur hätte ursprünglich gern nachmittags irgendwo Bridge gespielt, gibts aber in der Nachsaison nicht mehr. Ich glaube, er ist jetzt tatsächlich ganz froh, dass er so nichts mehr machen muss. Nicht mal Bridge spielen. Monsieur schläft, ruht und liest, erzählt mir hin und wieder was es Neues gibt (den Saudi-Arabien-Konflikt) und wartet ansonsten auf das nächste Essen. Ich hingegen raffe mich nachmittags nochmal auf zur Wassergymnastik.

So komme ich natürlich nirgendwo hin. Was habe ich mir vorher alles für Ausflugsziele angesehen! Jetzt lese ich stattdessen in Manfred Hammes Reiseverführer, erfahre bei ihm geradezu erleichtert, dass Manosque nur bedingt sehenswert ist, und seine Informationen über Jean Giono sind fundiert und reichen mir. Manosque wird also nicht besucht. Auch nach Valensole muss ich nicht. Die Hochebene von Valensole ist bekannt für die Lavendelblüte, diese riesigen violetten Felder, die auf jeder Provencepostkarte zu sehen sind und die ich in vierzehn Jahren Südfrankreich noch nie live gesehen habe. Jetzt sehe ich sie auch nicht. Die Blütezeit des Lavendel ist für dieses Jahr vorbei. Bleiben wir also in Gréoux-les-Bains. Da sind wir nämlich. Gréoux-les-Bains ist ein winziges Städtchen mit Heilquellen und lebt überwiegend vom Kurbetrieb. Gréoux ist so klein, dass man eigentlich alles zu Fuß machen kann. In einer Stunde haben Sie sicher alles gesehen, einschließlich des Verdon und der Thermen. Wenn man gut zu Fuß ist, zumindest. Die meisten Curistes kommen aber wegen Rheumaleiden und sind zu Fuß weniger fit. Das Städtchen hat daher überall riesige kostenfreie Parkplätze und jedes Hotel hat zusäzlich kleine Shuttle-Busse, um die Gäste zu und von den Thermen zu transportieren. Egal wie fit sie sind, nach der vormittäglichen Kur wuseln die älteren Damen und Herren aufgeregt durch die Straßen, sie sind sich ihrer Wichtigkeit für den Ort durchaus bewusst, es ist beinahe wie in Lourdes, wo die Pilger absolute Priorität haben und sich, gewiss, dass Gott und Bernadette ganz nah sind, achtlos in den Straßenverkehr werfen. Gott und Bernadette werdens schon richten.

Gréoux ist nicht besonders reizvoll, es gibt einen schönen Kurpark, ein kleines Casino und die zusammengedrängte Altstadt wird von einer Templerburg überragt, zu der man über viele Treppchen hinaufsteigen kann. Reizvoll hingegen sind die alten Aufnahmen, die überall im Städtchen hängen und den Ort zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen. Viel mondäner ging es aber auch damals nicht zu. Das seinerzeit vermutlich legendäre Hotel Le Grand Jardin liegt heute traurig und geschlossen am Ende des Kurparks.

So, ich schicke Ihnen schon mal meinen Kurbericht der ersten Hälfte. Drei Tage habe ich noch. Da schaffe ich vielleicht auch die Fotos noch einzustellen. Bleiben Sie dran!


Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Plastik-Fisch und Liebeslied

Die erste Begnung mit diesem pädagogischen Kunstwerk (auf das man nicht klettern darf!) hatte ich vor ein paar Tagen schon, aber da hatte ich, gebranntes Kind, kein Telefon dabei. Dann hatte ich eine knappe Woche lang die ersten Migräneanfälle meines Lebens, da war mir auch nicht nach Strand, aber jetzt geht es wieder, wir haben die versprochenen angenehmen 25 Grad und ich genieße den Strand und das Meer. Ein bisschen zumindest. Wir haben Boatshow in Cannes, vielleicht ist der Strand deswegen so sauber, vielleicht nützt das pädagogische Kunstwerk etwas, vielleicht liegt es auch daran, dass die Saison rum ist. Wer weiß das schon. Ich habe heute früh auf jeden Fall nicht viel gefunden.

Gestern Abend waren wir im Kino. Es gab den neuen Film von Cédric Klapisch, nichts Weltbewegendes, aber eine nette Komödie. Mir hats gefallen. Monsieur fands „zu lang“, aber immerhin ist er nicht eingeschlafen. Cédric Klapisch wurde vor allem und außerhalb Frankreichs bekannt mit dem Film „Auberge Espanol“, netter Film über die Generation Erasmus, Erasmus, dieses Austauschprogramm für Studenten, gabs ja zu meiner Zeit noch nicht, meine zwei Monate Sprachkurs in Italien musste ich mir ganz alleine organisieren. Hatte aber gar nichts mit dem Studium zu tun, weshalb es noch ein bisschen schwieriger war, zu erklären, warum ich so unbedingt und gegen alle Vernunft nach Italien wollte. Und es war, abgesehen von Frankreich, das beste, was ich je gemacht habe! Der neue Film „Deux moi“ ist eine „Boy-meets-girl-Geschichte“ und man weiß von Anfang an, dass die zwei, die da einsam durch das 18. Arrondissement in Paris mäandern, sich kriegen werden, vermutlich am Ende des Films, bleibt also nur die Frage wie.

Ich mochte die Geschichte, auch wenn die Botschaften eher leicht sind, aber der Film ist defintiv für jüngeres Publikum gemacht. (Wir waren die Senioren im Saal). Trotzdem bin ich, anders als die jungen Zuschauer, geblieben und habe den Abspann bis zum Ende gesehen, weil ich wissen wollte, wer dieses schmelzende Liebeslied gesungen hat. Gloria Lasso. Nie gehört. Dabei hatte sie hunderte von Erfolgen, aber zu einer anderen Zeit. Eine jüngere Version von Dalida. Hach.


Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , | 1 Kommentar

Montagne Montagne

Das Sommergetränk: Perrier menthe

Gestern also kam es, das seit drei Monaten erwartete Gewitter über der Côte d’Azur. Drei Monate lang war es hier schwülheiß und trocken. Ich muss es Ihnen nicht ausmalen, Sie hatten es auch ziemlich lange warm dieses Jahr. Ich kann diese klebrige Wand aus feuchter Hitze, die einen hier im Sommer stets umgibt, nicht lang ertragen und bin, schon gleich nach der Beerdigung meiner Schwiegermutter, in die Berge geflüchtet. Hin und wieder unterbrochen von Kurzaufenthalten an der Küste, nur um sich dort am Strand beklauen zu lassen, wir berichteten. Gestern also kamen wir, für den Sommer zumindest, endgültig aus den Bergen zurück, und es hatte überall wo wir durchfuhren gerade geregnet, die Straßen waren nass. Es hat aber wohl furchtbare Gewitter gegeben, das hörten wir zumindest im Radio, als der Sender kurz vor Nizza endlich störfrei reinkam. Es klang nach Katastrophenmeldung. Zwölf Kilometer Stau in die eine und acht Kilomter Stau in die andere Richtung, Nizza komplett verstopft, meiden Sie die Autobahn, aber auch alle anderen Straßen. Die Stimme des Moderators überschlug sich bei der Aufzählung der Verkehrsprobleme, zusätzlich wurden private Staumelder eingeschaltet, die noch aufgeregt von komplett zum Erliegen gekommenden Verkehr in Valbonne oder Nizza Nord berichteten. Die Ampeln funktionierten nicht mehr und es war ganz schlimm, katastrophal schlimm … Wir fuhren gerade durch ein hoch spritzendes Aquaplaning auf einer Departementsstraße und entschieden uns gegen den Autobahnstau. Da wir aber irgendwo über den vermutlich tosenden Var mussten und es nur eine Brücke gibt, reihten wir uns also zähneknirschend ein in den Stau entlang des Meeres und lauschten bang den Katastrophenmeldungen im Radio. Wir sahen Blitze von weitem und irgendwo weiter vorn oder weiter hinten regnete es wohl auch, wir aber hatten Wasser nur von unten, es spritzte, zugegeben recht ordentlich, wenn wir durch Schlaglöcher und über andere Bodenunebenheiten fuhren. Wir fuhren dem Gewitter hinterher und irgendwann schaltete ich den Katastrophenalarm im Radio aus. Gut wir brauchten eine Stunde statt der üblichen dreißig Minuten von Nizza bis Cannes, aber es hatte wirklich nur ordentlich geregnet. Nach drei Monaten darf es das mal, muss es das sogar, alle sind sich einig, aber trotzdem haben in der Zwischenzeit die Südfranzosen das Fahren bei Regen verlernt. Gleichzeitig wurde es frisch. Wir waren bei 14 Grad aus den Bergen weggefahren und das Thermometer zeigte, auch nachdem wir aus den Schluchten raus waren, permanent nur 16,5 Grad an. „Das Ding ist kaputt“, meinte Monsieur und nieste. Zeichen dafür, dass das Ding nicht kaputt war, sondern die Temperaturen tatsächlich schlagartig zwanzig Grad gesunken sind. Damit sich jetzt nicht alle verzweifelt über die Klippe ins Meer stürzen, weil es an der Côte d’Azur REGNET!, beeilte sich der Moderator nach den zweihundert runtergeratterten Staumeldungen, schnell zur Wettervorhersage zu wechseln. War seine Stimme eben noch aufgeregt und dem Katastrophenalarm würdig, wurde sie nun überraschend heiter und beruhigend: Es wird die nächsten Tage weiterhin warm und sonnig, bleiben Sie da!, beschwört er die ängstlichen Spätsommertouristen. Morgen haben wir bestimmt wieder 25 Grad, angenehme 25 Grad, betont er. Alles wird gut!

Nun, es hat an der Küste geregnet und ich habe mein Manuskript abgegeben! Hurrah! Ich habe jetzt auch ein paar Tage frei! Und darf bei angenehmen Temperaturen am Strand faulenzen. Wobei ich allerdings nach dem doofen Klau unserer Sachen ein bisschen weniger in Strandlaune bin.

Zwei Monate war ich in den Bergen, ohne Internet, ohne Fernsehen, meistens sogar ohne Radio. Medien-Detox. Das war wirklich erholsam. Ich finde, muss ich ehrlich sagen, auch nur schwer den Weg zurück zu Facebook und Instagram. Warum machte man das nochmal? Was war der Sinn? Ich muss darüber noch etwas nachdenken.

Geregnet hat es in den Bergen ziemlich viel. Da oben verlernt man daher auch nicht, bei Regen zu fahren, da oben macht man sich dann über den Pfarrer lustig, der bei dem Gewitter die Geröllpiste scheut, weswegen das Patronatsfest mal wieder ausfiel, beziehungsweise nicht im abgelegenen Weiler (auf 1700 Metern) gefeiert wurde, sondern unten im Dorf (auf 1300 Metern). Dort hat es zwar auch geregnet, aber man ist den Elementen weniger stark ausgeliefert. Aber fangen wir von vorne an.

Wir waren vorbereitet auf Ste. Anne. Am Vortag haben wir schon die Kirche gesäubert, mit frischen Blumen versehen und das Dorf „aufgeräumt“, in der alten Schule haben wir die Fenster geputzt, gestaubsaugt und die kleinen Regale im Eingang von ihrem hundertjährigen Staub befreit. Ganz so wie es Poupette autorität eingefordert hätte: „Es muss sauber sein und ich will, das hier nichts mehr herumliegt!“, schimpfte sie jedes Jahr. Die Kinder bekamen auf ihr genervtes „Warum?“ keine Antwort. Weil das Haus vorzeigbar sein sollte, für den Fall, dass überraschend Menschen hereinschauten, denn anlässlich der Messe kommen Leute aus Nah und Fern über die beschwerliche Piste angereist. Und genau so mache ich es jetzt auch. Ich räume auf und weg. Monsieur putzt den Holzofen und stapelt das Brennholz schön auf. Ich pflücke einen Strauß Wiesenblumen und stelle ihn auf die Kommode.

Falls jemand „Coucou“ sagen will, wir sind bereit. Und dann kam niemand. Es wird hin und hertelefoniert, „hier oben regnet es nicht!“, beteuern wir, aber „unten“ regnet es und der Pfarrer will die Strecke nicht fahren und die Bürgermeisterin kann die Verantwortung nicht übernehmen (Bei Regen und Schnee ist die „gefährliche“ Piste offiziell gesperrt, wer trotzdem fährt tut dies auf eigene Verantwortung!). „Unser“ Patronatsfest Ste. Anne wird unten im Dorf gefeiert, das eigentlich St. Nicolas als Dorfheiligen hat, weswegen es dort ja im Winter immer das Nikolausfest und den Weihnachtsmarkt gibt. Für uns fällt Ste. Anne (mit Messe und Prozession und Umtrunk) also aus. Oder doch nicht? Kurzerhand wird das wenig zahlreiche Grüppchen der Dorf-Banlieue-Bewohner bei uns im alten Schulhaus versammelt. Im ehemaligen Schulsaal ist genug Platz am langen Tisch, wo wir mit 17 Personen gemeinsam essen können. Tatsächlich regnet es jetzt doch, gewittert sogar, wir müssen das Telefon ausstöpseln. Ein paar kleine Kinder sind auch anwesend. Ich muss ihnen beim Händewaschen helfen, Seife am Stück kennen sie nicht, iih, ist das glitschig, finden sie. bei ihnen zuhause gibt es nur so ein „pscht“ zum Händewaschen, sie machen das Geräusch und die Geste des Seifenspenders nach.

Wir aus dem abgelegenen Dorf-Banlieue fahren später über die gefährliche Piste runter ins Dorf zum Fest, schon um zu zeigen, dass es geht, aber da wird nur abgewunken, wir sind die Harten, von uns wird nichts anderes erwartet. Es regnet leider wirklich sehr stark, das Fest, das sonst so idyllisch auf dem Platz stattfindet, musste in kurzerhand aufgebaute Zelte und auf auf den ehemaligen Schulhof verlegt werden. Für die Gruppe, die das Fest jedes Jahr organisiert, wirklich eine Herausforderung! Dieses Jahr gibt es sogar zwei Musikgruppen, eine spielt Funk und Jamiroquai nach, die andere (bizarrerweise die jüngeren Musiker) pendelt zwischen Imagine, Horse with no Name und italienischen Schlagern.

Der Regen prasselt unaufhörlich auf das Zelt, es ist voll, es sind sehr viele junge Leute da, die ich nicht kenne: die Familien haben ihre Kinder, Enkel, Nichten und Neffen versammelt. Es gibt ein vielgängiges Menü, das Dessert wird nie vor Mitternacht serviert. Ich kann aber schon den Hauptgang nicht mehr wirklich essen. Dabei ist alles ganz köstlich. Es gibt auch ein neues Liebespaar im Dorf, keine ganz jungen Menschen und es ist noch ein Geheimnis, eigentlich wissen es zwar alle, nur nicht die betagte Mutter des (bislang) ewigen Junggesellen, das Paar und wir alle bleiben daher diskret –

Die Tatsache zur Dorfgemeinschaft dazuzugehören, verlangt ihren Tribut in diversen Esseneinladungen: Ich mache zur Erinnerung an meine Schwiegermutter einen großen französischen Klassiker, Blanquette de veau, ein Kalbsragout, das haben alle französischen Hausfrauen in ihrem Leben schon mindestens 150 Mal gekocht, nur ich mache es zum ersten Mal, wie so vieles. Ich lese in uralten Kochbüchern und entscheide mich für die „provenzalische“ Variante,  gebe all meine Liebe und meinen Ehrgeiz hinein, es wird geschmacklich auch ganz köstlich, nur die Sauce wird nicht gebunden, auch nachdem ich das verpönte Maizena hinzugegeben habe, bleibt sie dünnflüssig. Der Reis allerdings, guter Camargue-Reis, eine Variante, die ich bislang noch nie gekocht habe, bleibt al dente. Es erinnert mich an den Ausspruch einer Kommilitonin, die seinerzeit mit ihren nicht vorhanden Kochkünsten kokettierte: sie wisse nicht mal wie man Reis koche. Ich schwieg dazu, ich ernährte mich damals ausschließlich von Brot und Kuchen, und ich wusste nichtmal, wozu man überhaupt hätte Reis kochen sollen. In der Zwischenzeit kann ich Reis eigentlich ganz gut kochen, auch jenseits der Kochbeutel, aber dieses Mal habe ich mich mit der Menge, der Zeit und der Wassermange vertan, und nein, er quoll nicht weiter, nachdem ich das Wasser abgeschöpft hatte. Egal. 

Aus den drei übrig gebliebenen Eiweiß mache ich zum ersten Mal Merengue, ein Klassiker, den schon meine 13jährige Enkelin im Schlaf beherrscht, ich wie gesagt zum ersten Mal. Baiser heißen die Merengue auf gut Deutsch, das Wort baiser im Französischen ist jedoch mit Vorsicht zu verwenden, es können Küsse sein oder das vulgäre Wort für Geschlechtsverkehr, man muss da schön aufpassen, was man beim Bäcker sagt. Und nie den Artikel vergessen! Je veux baiser ist ganz fatal. Gut, das ist ein bekannter Kalauer, aber das darf man hier. Im Süden erzählen alle immer wieder die gleichen Kalauer. Die Merengue wurden flache Fladen und keine hübschen Häufchen, aber geschmacklich ganz in Ordnung.

Während ich noch das Kalbfleisch koche, geht das Gas zur Neige. Wir haben hier auf dem Land noch keine Flächendeckende Gasversorgung sondern nur Gas in großen Gasbehältern, diese großen blaugrauen angedellerten Metalldinger, die sie an Tankstellen oder bei französischen Supermärkten immer mal in komischen Gitterkästen herumstehen sehen und sich fragen, was man damit eigentlich so macht. Falls sie drei dieser Gasflaschen längere Zeit in einem Auto spazierenfahren, verdächtigt man sie schnell, zumindest in der Stadt, ein Attentat zu planen, dabei kann es im ländlichen Raum nur sein, dass die Tankstelle, bei der sie sonst ihr Gas kaufen, nicht beliefert wurde und sie nun ein paar Tage mit den leeren Flaschen durch die Gegend fahren, um das entsprechende Gas in den entsprechenden Flaschen (es gibt mehrere Lieferanten und ein kompliziertes Pfandsystem) zu erstehen. Im ländlichen Raum gibt es auch seitens der Gendarmerie ein gewisses Verständnis für das Herumfahren von Gasflaschen, aber man sollte das Gas kaufen dennoch zügig erledigen.

Ich schreie nach Monsieur, dass er mir die Gasflaschen im kleinen Verschlag austauscht, und zwar dalli, bevor das heilige Kalb die Temperatur verliert und vielleicht für immerhart wird. Es dauert. Das Gasflaschensystem ist gute 50 jahre alt, die Gas-An-und Abschrauberei klemmt und muss mit einer Zange erledigt werden. Ich finde, dass es in diesem Sommer immer mal wieder sehr nach Gas riecht in der Küche, nach dem Duschen zum Beispiel, aber mein feines Näschen, mich könnte man als Geruchs-Aufklärer einsetzen, wird gerne mal als zu empfindlich eingeschätzt. Quatsch, wird da grob geantwortet. Es riecht nicht nach Gas! Mit der vollen Gasflasche riecht es zunächst auch weniger. Ich mache aber dennoch immer weit die Fenster auf, wenn der kleine Durchlauferhitzer warmes Wasser erzeugt.

Gestern dann findet selbst Monsieur, dass es nach Gas rieche, oder sagt man röche? So etwas kann ich nicht mehr richtig gut in der deutschen Sprache. Kurzerhand schraubt er den Durchlauferhitzer ab und reinigt ihn. Danach baut er ihn wieder zusammenund. Jedermann ist hier Handwerker, Bastler, Tüftler. Monsieur auch. „Ich habe den installiert seinerzeit“, sagt er mir beruhigend, „ich kenne das Teil.“ Es beruhigt mich nur bedingt. „Hier“, sagt er, „schau zu, wir haben das nie richtig gemacht, ich zeige dir jetzt ein für alle Mal, wie man den Durchlauferhitzer richtig benutzt.“

Er hält ein Streicholz hin und…  keine Flamme. Auch15 Streichhölzer später haben wir keine Flamme. Aber dann plötzlich, springt der Durchlauferhitzer an. Eine enorme blaugelbe Flamme leuchtet im Durchlauferhitzer, so viel Flamme war noch nie, ich schreie erschrocken auf, wir starren auf dieses zu viel von Flamme und ich halte den Atem an, geistesgegenwärtig dreht Monsieur den Wasserhahn auf und ein enormer Schwall kochendheißes Wasser platscht in das Waschbecken. Das war etwas zu viel, meint Monsieur lässig, lässt aber durch mein hysterisches Schreien dennoch von weiteren Versuchen ab. Wir drehen das Gas jetzt ab. Der Durchlauferhitzer hat etwa 50 Jahre auf dem Buckel, der darf jetzt auch mal schlapp machen. Wir haben nur ab sofort kein heißes Wasser mehr. Ich habe meine warme Dusche gerade noch genommen, was für ein Glück. Wir werden uns von jetzt an so waschen wie früher. Entweder mit kaltem Wasser, kalte Waschungen sind so gesund, oder für die Warmduscher wird Wasser auf dem Herd erwärmt und in eine Schüssel oder in das Waschbecken gegeben. Ganz wie früher. Und dann wäscht man sich mit dem Waschlappen. Das passt gut hierher in dieses altmodische Ambiente. Im ersten Stock stehen auf der Kommode auch noch zwei Krüge (die Schüsseln dazu fehlen). „Waschlavor“, hieß dieses Waschsystem bei meiner Großmutter in Unkenntnis der französischen Sprache; vermutlich steckt das Wort “lavoir“ darin, so heißen auch die öffentlichen Waschstellen in den Dörfern, lavoir. Hier heißen diese Krüge hingegen „broc“ (gesprochen: broh).

In meiner Kindheit gab es zwar fließend warmes Wasser, aber wir wuschen uns auch die meiste Zeit mit Waschlappen am Waschbecken. So war das damals. Darf man heute vermutlich nicht mehr sagen, aber täglich geduscht wurde früher nicht. Den Enkelkindern hätte diese Duschfreie Zeit vor fünf Jahren noch gefallen (was musste ich sie zum Waschen zwingen!) aber heute sind sie Teenager und Zweimal-am-Tag-Duscher geworden und die Aussicht, ohne warmes Wasser zu sein, schreckt sie. Sie verbringen ihre Ferien daher nicht hier oben. Mir ist es, bei aller Liebe, nicht unrecht. In Frankreich sind Ferien, aber ich muss schreiben, das ist der eigentliche Sinn meines Bergdaseins, das muss ich immer mal wieder betonen.

Klar ist, der Durchlauferhitzer und vielleicht das ganze Gasleitsystem muss erneuert werden. Es ist Wochenende, wir werden den Installateur sicher nicht am Sonntag anrufen. Einen Installateur hierher auf 1700 Meter zu bekommen, im Ferienmonat August, ist sowieso eine unsichere Sache. Monsieur entschließt sich daher, alles abzumontieren und erstmal die bröckelnde Wand neu zu verputzen. Projekte dieser Art werden gern sofort in Angriff genommen. Ich schreie, ich habe ein Manuskript fertigzustellen, ich kann hier keine Handlangerdienste und Putzdienste machen und ich will weder diesen Krach haben noch diesen Baustellendreck!  Das wird mit einer Handbewegung beendet. Er braucht mich nicht, Krach macht er gar nicht und Dreck auch nicht.  Aber er muss es machen, bevor der Installateur kommt, auf diese bröckelige Wand kann man nichts Neues installieren. Ich verstehe das schon auch, aber herrjeh, es passt mir nicht und dieses Jahr ist wirklich der Wurm drin.

Ich sage gerade noch, „ich möchte aber, dass du alles abdeckst, bevor du anfängst“… aber es ist schon zu spät. Die halbe Wand liegt schon auf dem Herd, der Spüle, der Kaffeemaschine. Ich beschließe es zu ignorieren. Gerade hatten wir noch unser zehnjähriges Kennenlernen gefeiert und uns gegenseitig versichert, dass wir glücklich sind, gerade hatte ich noch gesagt, du bist der Mann meines Lebens geworden … Aber kaum beginnt Monsieur eine Baustelle, will ich mich am liebsten sofort scheiden lassen.

Etwas später läuft eine nord-ost-deutsche Familie am Haus vorbei, Mutter, Vater und drei Kinder, deutsche Freunde eines Franzosen, den es nach Magdeburg verschlagen hat. Der Franzose ist ein junger Mann, Sohn von Freunden, die hier oben auch ein Häuschen haben. Die deutsche Familie wollte sich mal ansehen, wo es ist, vielleicht kann man hier mal Ferien machen. Aber im Prinzip haben sie schon alles gesehen, was es hier zu sehen gibt. Das kommt im Gespräch heraus. Sie sind ja effizient, die Deutschen. Sie sagen auch, dass sie diese Ineffizienz der Franzosen hier nervt.

Monsieur hatte abergerade sehr effizient den Gasdurchlauferhitzer abgebaut, so effizient, dass bei der Abschraubaktion des Gasdurchlauferhitzers auch das Wasserrohr in der Wand beschädigt wurde, wie und warum ist ein Rätsel, vermutlich ist es schlicht ebenso ermüdet wie der Gasdurchlauferhitzer. Wir haben plötzlich viel Wasser direkt aus der Wand und in der Küche steht es schon knöchelhoch. Wir drehen jetzt das Wasser vollkommen ab und haben jetzt weder warmes noch kaltes Wasser und wir rufen jetzt doch den Installateur am heiligen Sonntag an. Der natürlich nicht zurückruft. Es ist Sonntag immerhin. Sonntag im August. Alle haben Ferien. Der Installateur auch.

Ich rede mit der deutschen Familie über die kulturellen Unterschiede und sie erzählen, der französische Freund, der junge P., sei zwar ein herzensguter Mensch, aber so ein aufbrausender Südfranzose, unsachlich in Diskussionen, manchmal schwer zu ertragen in seiner Aggressivität. Ach so, sage ich überrascht, wir kennen P. nur als ganz sanften jungen Mann.  Aufbrausend, laut und unsachlich oder aggressiv – ich fürchte, das merke ich schon gar nicht mehr, so sehr habe ich mich schon akklimatisiert. Tatsächlich liegt es mir, laut zu werden und ich genieße es, dass hier niemand zusammenzuckt, mich hier niemand zu laut und zu wütend empfindet oder gar Angst vor mir und meiner Wut hat.

Das sage ich der deutschen Familie, die ich dann doch hineinbitte und ihnen Kaffee und Schokolade anbiete. Sie kommen allerdings zu einem Zeitpunkt, zu dem wir eigentlich noch nicht mit Essen fertig sind und Monsieur versteht nicht, dass er schon Kaffee kochen soll, wo wir mit dem Salat und dem Käse und dem Dessert noch nicht begonnen haben. „Essen die nicht, die Deutschen zwischen zwölf und zwei?“, knurrt er mich an. Nein, Deutsche im Urlaub frühstücken spät und dann fahren sie mal eben schnell hier hoch und gucken sich das schnell an und da ist ja nicht viel, also geht es schnell wieder runter und später noch schnell auf den Col de la Bonnette und morgen schon weiter. Da ist er ja effizient, der Deutsche. Und ich merke, wie sehr ich mich schon an diese uneffiziente, langsame Art der Südfranzosen und an diese langen Essenszeiten gewöhnt habe. Ich erinnere mich an die Zeit, in der wir mit Patrick die Auberge bewirtschaftet haben und die Franzosen um fünf Uhr nachmittags noch nicht fertig mit dem Mittagessen, die effizienten Deutschen aber schon von ihrer Wanderung  zurück und frisch geduscht waren und gerne um 18 Uhr ihr Abendessen gehabt hätten. Selten klaffen deutsche und französische Bedürfnisse weiter auseinander als beim Essen.

Ich rede mit denMund franslig, das deutsch-französische Thema ist ja meines, und im direktenKontakt merke ich wieder, wie tief die Schlucht der kulturelle Unterschiede ist.Das merke ich ja in meinem französischen Alltag nicht mehr so sehr. Alleinunter Franzosen habe ich gar keine Wahl, als mich deren Rhythmus anzupassen.

Wir sprechen immer noch über die Art der Kommunikation. Warum kann man denn nicht ruhig und sachlich bleiben? Warum muss man denn immer so laut werden? Darauf gibt es keine Antwort außer „es ist kulturell“. Die deutsche ruhige und sachliche Art zu sprechen wird von französischer Seite als emotionslos, gleichgültig, uninteressiert und manchmal auch als feindlich empfunden. Warum kann man denn nicht ein bisschen aus sich raus gehen, Enthusiasmus zeigen, Freude und Begeisterung oder auch Wut? Sehen Sie. Es ist kulturell. Wir sind eben anders. Mit unserer ruhigen Art würden wir nie einen Installateur zu unserem Wasserrohrbruch in den Bergen bekommen. Hier braucht es etwas Drama. Ohne persönlich zu werden natürlich.

Dass nach einem verbalen Ausbruch für den Franzosen alles in Ordnung ist und man danach gut zusammen essen oder einen trinken kann, ist für die Deutschen, deren Welt nach diesem „großen Streit“ gerade zusammengebrochen ist, nicht zu verstehen. Die Deutschen fragen sich, ob man jemals wieder zusammen essen werden kann. Das versteht der Franzose nicht. Er hat doch nur gesagt, was gesagt werden musste und jetzt hat er Hunger, es ist Essenzeit, also essen wir. Die einzige Frage, die sich stellt ist, essen wir bei dir? Bei mir? Im Restaurant?

Nur eines kann er nicht so gut, der Franzose. Direkte Kritik. Weder kritisiert er direkt (außer vielleicht in trauter Zweisamkeit, da gibt es schnell diese Vorwürfe von „Du hast immer!“ oder „Nie machst du“), noch möchte er direkt kritisiert werden. Das Direkte aber, das verteidigt die deutsche Familie vehement. Man müsse sich die Dinge direkt sagen, man käme so viel schneller auf den Punkt. Effizient eben. Unter Deutschen geht das vielleicht. Bei Franzosen kommt das Direkte nicht so gut an. Dazu ein andermal mehr.

Der Installeur übrigens, als wir ihn dann doch erreichen (wir haben dazu einen Architekten zwischengeschaltet!), sagte zu „im Laufe der Woche“ zu kommen. Konkret hieß das am Freitag Nachmittag. Wir haben fünfeinhalb Tage Wasser zum Kochen, zum Waschen und für die Toilettenspülung  am Brunnen geholt. Und Wasser für die Katze. Pepita trinkt Wasser ja ausschließlich am Wasserhahn, das war von Anfang an so. Noch ganz klein, trank sie, elegant das Pfötchen vorgestreckt, Wasser am Brunnen. Nur wenn es ihr so zu lange dauerte, dann schlabberte sie das Wasser direkt mit der Zunge ein. Fließendes Wasser allerdings, darauf besteht sie. Jetzt habe ich hier also eine Katze, die munter in das Küchenwaschbecken springt und sich erwartungsvoll am Wasserhahn reibt. „He“, sagt sie, wenn ich nicht sofort reagiere. „He, ich will Wasser! Dreh mal das Ding an!“ Ich erkläre ihr, dass wir kein Wasser haben und zeige ihr, dass ich ihr das Schüsselchen mit dem Wasser für alle Fälle mit frischem Brunnenwasser aufgefüllt habe. Dochdoch, Pepita ist intelligent und sie versteht alles, aber sie ist auch kapriziös, sie trinkt bei Anwesenheit von Dienstboten nur fließendes Wasser und das will sie je-hetzt! Das Maunzen wird stärker. „He! Mach mal!“ Ich nehme also eine mit Brunnenwasser aufgefüllte Plastikflasche und lasse das Wasser vorsichtig am Wasserhahn hinablaufen. Das findet Pepita komisch und sie beobachtete mich dabei so lange, bis die Flasche halb leer ist. Erst dann trinkt sie. Ich lasse das Wasser hinablaufen, bis die Flasche leer ist. „He!“ Pepita schaut mich genervt an. „Ich war noch nicht fertig!“ Ich nehme also eine weitere Flasche und das Spiel beginnt erneut. Sie starrt die Flasche an, statt zu trinken. „Trink!“ Fauche ich jetzt. Aber jetzt ist sie beleidigt. Redet man so mit einer Katze? Ich entschuldige mich und halte erneut die Flasche an den Wasserhahn. Sie beobachte das Rinnsal, das aus der Flasche fließt. Irgendwie ist es nicht so, wie sie es gern hätte. Es ist so unregelmäßig. Sie sieht mich kritisch an. Jetzt ist auch die zweite Flasche leer. Ich sage, „ok, Pepita, das wars für eben, tut mir leid!“ Sie aber bleibt im Waschbecken sitzen.

Abgesehen von der enormen Wasserverschwendung für Pepita, kommen wir hier mit erstaunlich wenig Wasser aus. Ich wärme ein Töpfchen mit Wasser auf dem Herd, das wird schluckweise zu dem kalten Wasser in der Waschschüssel gegeben. Das Waschen beginnt von oben nach unten. Zum Schluss stelle ich die Füße in die Schüssel. Nur Haare wasche ich nicht. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass mir Monsieur die Haare waschen würde, wie Robert Redford es in Out of Africa für Baronin Blixen alias Meryl Streep getan hat, aber Monsieur hat mich hier schnöde zurückgelassen und widmet sich seinen wichtigen Geschäften an der Küste. Dort war er heute morgen schon am Strand und danach duschte er vermutlich warm. Ich hingegen wickele mir schicke Turbankreationen um den ungewaschenen Kopf. Ich fühle mich wie eine Afrikanerin, wenn ich am Brunnen Wasser hole. „In Afrika“, erzähle ich munter den Nachbarn, die neben dem Brunnen wohnen und mich beim Wasserholen stets sehen, „in Afrika haben wir uns zu dritt mit einem Eimer warmen Wasser gewaschen. Ich durfte anfangen, weil ich die weiße Frau war.“  Und mir werden im Gegenzug Geschichten von früher erzählt. Die Mutter von Bernadette musste im Winter zwei Stockwerke hinabsteigen und durch Schnee und Eis bis zum Platz laufen, um einen Eimer Wasser zu holen. Und sie war hochschwanger! Es gab damals kein fließendes Wasser im Haus! Und keine Toilette übrigens. Es gab noch dieses Holzhäuschen im Garten. Uäh. Da bin ich froh, dass wir doch etwas weiter sind, auch wenn ich Pfadfinderqualitäten besitze und mit einem Eimer Wasser auskomme und abends Feuer im Holzofen anwerfen kann. Die Menschen auf dem Land sind abgehärtet und früher waren sie noch härter. Die Winter waren kalt. Und die Menschen froren. Und es gab wenig zu essen.

Je länger diese Wasserlose Zeit dauert, desto stolzer werde ich. Und ich denke mit leichter Verachtung an die Pienzigkeit der Städter, die hier durchwandern, fluchen, weil das Telefon kein Netz hat und mit den Händen herumfuchteln, weil ihnen die Fliegen lästig sind. Ich freue mich über jedes Insekt und rette sogar die Pferdebremsen ins Freie, denn unten an der Küste wird seit Jahren systematisch gegen die moustiques tigres, die Stechmücken, vorgegangen, die, ich gebe es zu, wirklich eine Plage sind und die tatsächlich neuerdings wieder Krankheiten übertragen. Stechmücken gibt es deutlich weniger, aber auch alles andere Kleingetier hat dadurch abgenommen. Wir hatten in Cannes im Vorgarten trotz Rosen und Lavendel keine einzige Biene und keinen Schmetterling und kein Gar nichts. Nur Ameisen. Die haben wir wie jedes Jahr. Aber die gehen buchstäblich nur vorüber.

In der Zwischenzeit war der Installateur da (le plombier heißt das übrigens auf Französisch, falls Sie mal in die Verlegenheit kommen sollten) und hat einen neuen Gasboiler beinahe zu Ende installiert und den Wasserrohrbruch behoben. Der Gasboiler ist nach zwei warmen Duschen schon wieder zusammengebrochen. Zu kompliziert für das harte Bergleben. Aber so ein schlichtes Ding, das man mit einem Streichholz anzündet, gibt es nicht mehr. Vielleicht lag es auch nur an dem fehlenden Teil. Wir wissen es nicht, warten aber schon wieder auf den plombier, er wird wieder am Freitag Mittag kommen. Sagte er. Natürlich kommt er dann nicht am Freitag, das haben wir uns schon fast gedacht. Donnerstags war der 15. August. Ein hochheiliger Feiertag im Süden und spätestens jetzt hängen alle Handwerks- und sonstigen Betriebe ein entschiedenes „fermé“ an die Türklinke. Dass man im Sommer besser keinen Herzinfarkt bekommt, weil der Kardiologe und sogar der Vertreter des Kardiologen in Ferien ist, habe ich schonmal erzählt. Das ist kein Witz, das ist hier so. Frankreich ist im Sommer geschlossen. Der plombier macht zwar keine Ferien, er hat zu viel zu tun, aber klar, er nimmt wenigstens einen Brückentag am Freitag. Dienstag sagt er uns, als wir ihm hinterhertelefonieren. Kaltes Wasser aus dem Wasserhahn aber haben wir. Das ist schon eine Erleichterung, man wird ja so bescheiden.

Wir warten auf den Installateur und manchmal fahre ich ins Dorf. Zum Einkaufen und um mal einen Blick auf meine Mails zu werfen. Es ist fast wie früher, ich gehe in ein Sozialzentrum und darf dort einen Internetfähigen Computer benutzen. Dort entdecke ich auch eine Mail von Wendy: Marie Sophie Hingst, Frl. Readon ist tot, schreibt sie mir. Sie wissen das schon längst. Ich hätte es in meiner Schreibklausur ohne jeglichen Anschluss an die Welt nicht mitgekriegt ohne Wendy. Danke an dieser Stelle! Es erschüttert mich aus vielen Gründen, dazu ein andermal mehr. Aber wie verzweifelt und verloren muss das Fräulein gewesen sein. Wie sehr voller Scham, sich nicht mehr in die Welt zu trauen. Wie traurig ist das. Und all das, wegen ein bisschen zu viel Fabulieren, ein bisschen zu viel Phantasie, mit der man sich aus der Einsamkeit rettet, eine Geschichte, die sich verselbständigt hat und zu groß geworden ist.

Es sind doch nur Worte sagt man hier im Süden, wo das Fabulieren, das Verschönern von Geschichten an der Tagesordnung ist. Hat sie jemandem weh getan damit? Wirklich wehgetan? Ja, sie hat sich als promovierte Historikerin eine jüdische Vergangenheit erfunden. Das ist schlimm für all die Juden, die wirklich durch die Hölle gegangen sind.  Ja, es ist nicht akzeptabel für eine promovierte Historikerin (ich bin, in diesem Zusammenhang, gerade zum ersten Mal einem Holocaustleugner begegnet! Auch der sagt, „das haben die Juden doch alles nur erfunden!“ Keine schöne Begegnung.) Und dennoch –

Ich habe auch viel gelesen in den Bergen. „Die Erinnerungen eines Mädchens“ von Annie Ernaux zum Beispiel. Hat mich sehr berührt. Muss ich vielleicht auch ein anderes Mal drüber sprechen.

Der Installateur kommt nicht mehr. Monsieur, der immer wieder zu mir hochfährt, ist aus diversen Gründen schon abgereist, ich bleibe und schreibe mein Buch fertig und warte noch den einen oder anderen Tag auf den Installateur, dann fahre ich auch. Kaum sind wir unten (es war immer noch so heiß, am 1. September noch schwülheiße 31 Grad!) meldet sich der Installateur an. Er hat am Donnerstag früh in Châteauneuf zu tun, danach kommt er zu uns. Versprochen! Ab zehn Uhr können wir mit ihm rechnen. Wir sind am Donnerstag um kurz vor Neun in Châteauneuf, der Installateur ist da und werkelt. Ich sage, „ich mache Ihnen zu essen“, damit er gleich im Anschluss zu uns kommt und nicht noch lange in der Auberge herumsitzen muss. Er nickt dankbar. „Wird aber vielleicht doch 13 Uhr“, sagt er. Gegen halb zwei essen wir dann alleine.

Um 16 Uhr rufe ich ihn an. Er ist noch nicht fertig, er meldet sich in der nächsten halben Stunde nochmal. Um 17 Uhr ist er fertig, sein Arbeitstag allerdings auch. Er hat noch eine gute Stunde Fahrt, bis er wieder zuhause ist. Er kommt morgen ganz früh zu uns, sagt er. „Wirklich?“ frage ich. „Wirklich wirklich“, sagt er. Promi, juré, craché! Ein ganz  dolles Indianerehrenwort ist das: Versprochen! Geschworen! Drauf gespuckt! Wir wollten eigentlich nicht in den Bergen bleiben, das tun wir jetzt aber doch, essen den Rest des Mittagessens auf und machen ein Feuer an. Es ist frisch da oben. Am nächsten Morgen um Viertel nach Acht ist der Installateur da, ich rechne kurz aus, wann er bei sich aufgestanden sein muss, um jetzt schon hier zu sein. Respekt! Er installiert den Rest dazu und nach nur knapp zweieinhalb Stunden ist er fertig. „Super!“, sage ich und drehe den Wasserhahn auf. Kein Wasser. Nicht etwa kein warmes Wasser. Gar kein Wasser. Eben hat es noch funktioniert. Jetzt nicht mehr. „So war es auch beim letzten Mal“, sage ich. „Nur, dass es erst dann nicht mehr funktioniert hat, als Sie schon wieder im Tal waren!“ Er baut alles wieder auseinander, bläst durch Rohre und Schläuche, es funktioniert. Zusammengeschraubt funktioniert es nicht. Er stochert in den Rohren herum und siehe da: ein kleines rotes Plastikdings, groß wie ein kleiner Fingernagel, schwimmt darin herum. Je nachdem, wie es sich stellt, verschließt es die Wasserzufuhr komplett. So etwas hat niemand von uns je gesehen, und wir haben keine Ahnung, wo es her kommt. Es ist schon alt, das sieht man, vermutlich hat es die letzten 50 Jahre im Wasserrohr verbracht und dort sanft geschlafen und wurde durch das beständige Werkeln aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und legte sich nun manchmal quer. Jetzt ist es raus und der Gasdurchlaufherhitzer funktioniert hervorragend und das Wasser fließt, es wird warm und alles ist gut. Wir aber machen das Haus endgültig zu und fahren wieder hinunter an die Küste. Vom warmen Wasser profitieren wir da oben erst nächstes Jahr wieder.

Voilà so viel für eben aus meinem Sommer!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 34 Kommentare

Ach, Cannes

Und an der Küste ist es immer noch so heiß und so feucht, und kaum steige ich aus dem klimatisierten Auto aus (das immerhin haben wir jetzt, Klimaanlage im Auto!) fällt diese klebrige Hitze über mich her, ich kriege sofort Pickel und wirklich schlechte Laune. Wir haben ein wichtiges und anstrengendes Rendezvous in immerhin klimatisierten Räumen. Danach gehen wir essen und schlendern durch die Altstadt, sitzen ein bisschen auf der Mauer und lauschen indirekt einem Jazzkonzert, das auf dem Platz vor der Kirche im Suquet gegeben wird. Wir sehen zwar nicht den Pianisten, dafür aber über die Dächer von Cannes und auf das Meer. Ach, Cannes.

Heute morgen ganz früh fahren wir an den Strand. Um kurz nach Sieben sind wir schon da. Schönes Licht, kaum Menschen, das Meer ganz ruhig. Ich will sofort ins Wasser, reiße mir das Kleid vom Leib, schlupfe aus den Badeschuhen und stelle den Korb mit unseren Sachen daneben. Ich will keine Zeit damit vergeuden, Badehandtücher auszubreiten, ich will ins Wasser, sofort, Monsieur ruft auch schon ganz entzückt „elle est si bonne!“ Aber dann sehe ich den ersten Kronkorken und die erste Bierdose und im Wasser schwimmt noch eine halbvolle Flasche Rosé, so dass ich erst den Strand ablaufe und Müll sammle und dabei überlege, wie ich das Müllbild gestalten könnte. Als ich zurückkomme sehe ich Monsieur, der aufgeregt mit einer Frau spricht und eine weitere Frau gestikuliert. Ich verstehe es nicht gleich, aber dann sehe ich es, oder besser ich sehe es nicht: Unser Korb ist weg! Alles ist weg. Nur die Schuhe sind noch da. Die Tasche einer anderen Frau ist auch weg. Bei ihr sind es Papiere und Geld, bei uns sind es mein Handy, unser großer Schlüsselbund, dann Flossen, Schwimmbrille mit Sehstärke, Handtücher, ein Wechselbikini und mein Kleid. Wie dumm kann man sein? Das Handy einfach in der Tasche lassen? Und den großen Schlüsselbund mit zwei Autoschlüsseln, den Schlüsseln für unsere Wohnung und die der verstorbenen Schwiegermutter, diverse andere Schlüssel, Keller etc. mitnehmen? Wie Anfänger kommen wir uns vor. Mein Handy! Die Autoschlüssel! Wir sind völlig verdattert und alle Menschen am Strand kommen angelaufen (so viele sind es morgens um halb Acht noch nicht) und sind betroffen, keiner hat etwas gesehen, auch die Müllmänner nicht, die jetzt über den Strand laufen – oder doch! Der junge Mann, der die Nacht vor dem Hüttchen des Bademeisters verbracht hat, kommt nun. Aufgeregt auch er. Zwei seien es gewesen, sagt er. Er hat sie laufen sehen. Einer habe versucht, auch seine Tasche mitzunehmen, davon sei er wachgeworden. „Ich schlafe die ganze Zeit auf der Straße, ich schlafe nur mit einem Auge“, erklärt er. Er ruft mit seinem Mobiltelefon die Polizei an. Die junge Frau rennt nach links, ich über die Straße auf den kleinen Parkplatz – aber da ist niemand (mehr). Einer habe einen freien Oberkörper mit einer Tätowierung auf dem Rücken gehabt und „naja, ich will nicht rassistisch sein“, sagt er, „aber die sahen arabisch aus“. Und der mit der Tätowierung habe eine Frisur gehabt wie er selbst. kurz rasierte Haare, aber ein kleines Pferdeschwänzchen.

Wir wollen zur Polizei. Die Kameras! Die müssen das doch aufgenommen haben. 500 Kameras gibt es in Cannes! Die Kameras sind der Police Municipale unterstellt, so etwas weiß ich, aber um eine Anzeige gegen X zu machen, müssen wir zur Police Nationale. Die ist nicht ganz nah. Eine Dame ist bereit, uns hinzufahren. Ich werde mir bewusst, dass ich nur einen Bikini anhabe und meine Badeschuhe. Im Bikini zur Polizei, das kann ich mir,  auch wenn ich zu meinem Körper stehe, nicht richtig gut vorstellen. Schon als ich im Bikini kurz über die Straße rannte, hupten die Autos und es gab freche Kommentare. Die Dame leiht mir ihr Badehandtuch und ich wickele mich darin ein und dann fährt sie uns zur Polizei; sie wartet die ganze Zeit mit uns, denn sie hat der anderen Frau versprochen, sie anschließend nach Mougins zu fahren, wo sie wohnt.  Wir warten. Es sind schon 5 Personen da, die sind vor uns dran, und es gibt nur einen Beamten, der die Anzeigen aufnimmt. Samstag eben. Die Uhr hängt bei 9 Uhr 39 fest, aber es passiert viel. Anwälte kommen, Dolmetscher kommen, unten in den Zellen sitzt jemand, der umgehend in Haft kommt. Scooter wurden gestohlen, Papiere wurden gestohlen, ein Auto beschädigt, ein sehr großer und sehr muskulöser Mann mit ausländischem Akzent stapft hinein und will wissen, wie es sein kann, dass die Polizei bei ihm Waffen beschlagnahmt hat, Tür aufgebrochen und überhaupt. Er darf die Waffen führen! Er muss am Montag nochmal kommen. Heute ist niemand da, der sein Anliegen bearbeiten könnte. Englische Touristen kommen, indische Touristen kommen. Die waren gestern schon mal da und verstehen nicht, dass sie heute schon wieder warten sollen. Wann können wir kommen, ohne dass wir warten müssen? Der junge Polizist am Empfang schlägt ihnen 14 Uhr vor. Nach der Mittagspause. Aber er vertröstet so viele Leute auf 14 Uhr, ich hoffe für ihn, dass sein Dienst dann beendet ist, denn die voraussichtliche Warteschlange um 14 Uhr wird lang und länger. Ich bin ja hier in diesem Kommissariat mit meinem Kommissar zuhause und finde es gerade ein bisschen peinlich, dass der junge Kollege in schlechtem Englisch so darauf hinweist, dass zwischen 12 und 14 Uhr Mittagspause ist. Also zumindest für den Kollegen, der die Anzeigen aufnimmt. Das will mir in meinen Krimis ja keiner glauben, wenn ich so etwas schreibe. Immer diese Klischees heiß es dann. Aber so ist es. Der Kollege muss Mittagessen! Kommen Sie später wieder. Oder am Montag! Acht Uhr dann. First one comes, first one ist dran. So in etwa, sagt er es. Wir warten. Zwischendurch, wir können das etwas abschätzen, es wird alles noch dauern, sorgt sich Monsieur darum, wie wir eigentlich wieder zu Hause reinkommen wollen, die Tochter, die einen Schlüssel hat, fährt mit der Familie heute Mittag in Urlaub. Er läuft nach Hause, lässt sich von der Tochter öffnen, findet meinen Schlüsselbund, läuft zum Strand zurück, holt das Auto und parkt es in der Nähe des Kommissariats, und kommt wieder zurück. Er hat sich in der Zwischenzeit auch angezogen, Kleidung für mich aber vergessen. Klar, hatte ich ihm nicht explizit aufgetragen. Die Dame erinnert sich, dass sie noch einen thailändischen Pareo im Auto hat. Den holt sie mir und ich tausche ihn gegen das Handtuch. Fühlt sich besser an. Ich kürze etwas ab. Wir warten gute drei Stunden, dann darf ich meine Anzeige machen. Der Beamte ist „nur“ ein Gardien de la Paix, ein Hilfspolizist und er ist nicht so flott mit dem Computerprogramm und dem Tippen. Aber er kennt die Geschichte schon von der anderen Frau, die vor mir dran war, insofern geht es doch schnell. Als ich wiedergebe, was der junge SDF gesagt hat, sieht er mich an und sagt, „wissen Sie, es würde mich nicht wundern, wenn er das alles nur erfunden und selbst die Sachen geklaut hat. Haben Sie dessen Kram überprüft?“ „Nein“, ich schüttele den Kopf, „der hatte nur zwei große Plastiktaschen …“ Ich weiß augenblicklich, dass der Polizist Recht hat. Dieses angebliche Telefonat bei der Polizei – diese Beschreibung des „Arabers“ mit der gleichen Frisur, vermutlich fehlte es ihm an Vorstellungskraft, also hat er der erfundenen Gestalt die gleiche Frisur verpasst – er war vor uns am Strand und hatte, angeblich schlafend, alles im Blick. Deswegen hat auch niemand zwei „arabisch aussehende“ Typen wegrennen sehen. Weil sie einfach nicht da waren. Herrjeh und ich fand ihn so nett. Er sah ziemlich schnuckelig aus für einen Jungen, der auf der Straße lebt, also schon etwas mitgenommen, aber doch ein hübscher Knabe … „aber der sah so lieb aus“, sage ich zu dem Polizisten „und er hat doch die Polizei angerufen!“ Hat er nicht übrigens. Fake! Alles Fake!

Wir sind danach nochmal zum Strand gefahren, haben den Bademeister befragt und informiert – natürlich wurde nirgends etwas gefunden, ich habe sämtliche Mülltonnen durchsucht und in alle komischen Ecken geschaut, weil ich dachte, die Schlüssel, die Schwimmbrille (Minus 10 Dioptrien!), mein Kleid und die Flossen hat er vielleicht weggeworfen, weil er nichts damit anfangen kann. Nur das Handy kann er verkaufen, um etwas Geld zu machen. Den Rest des Tages habe ich damit verbracht, das Handy zu sperren, ein neues zu beschaffen und eine dazugehörige Sim-Karte zu bestellen. Über den Kontakt mit dem Telefonanbieter könnte ich auch einen eigenen Text schreiben. Es reicht aber für heute.

Ach so die Kameras! Die filmen die Straße, nicht den Strand! Und ob die Police Nationale auf die Bilder der Police Municipale zugreifen darf, entscheidet der Staatsanwalt in Grasse, wenn er sich durch die Papierberge bis dahin durchgearbeitet hat. Das kann dauern.

Um es aber auch zu sagen, die Police Nationale hat sofort die Police Municpale angerufen, dort haben sie natürlich in den aktuellen Kamerabildern nach „zwei arabisch aussehenden Typen“ gesucht und, wen wundert es jetzt, nichts gefunden …

Schönen Sommer, ich fahre bald wieder in die stillen internetlosen Berge, ist besser da! Passen Sie schön auf Ihre Sachen auf! Auch morgens um Sieben am schönsten Strand können die Menschen fies sein. „Crapuleux“ heißt das Motiv des Täters in der Anzeige. Hinterhältig, gemein. Ach, Cannes!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | 8 Kommentare

Hinter dem Mond … oder davor

Kaum war ich aus den Pyrenäen zurück, ging es, zumindest für mich, in unser Bergdorf. Atmen und Schreiben. Beides war sehr dringlich. An der Küste ist es immer noch so heiß, aber das Gejammer über den südfranzösischen Sommer in der Stadt wollen Sie vermutlich nicht schon wieder hören (falls doch dann lesen Sie hier ; alter Text, immer wieder aktuell). Schon beim Einfahren in die ersten Schluchten kurz hinter Nizza sind es gleich zehn Grad weniger. Oben, auf 1700 Metern, ist es so kühl, dass ich sofort Halsweh bekomme. Es regnet. Ich mache Feuer und ziehe Socken und einen Fleecepullover an. Es ist still und die aufgeregte Welt ist wohltuend weit weg. Es gibt kein Internet und kein Mobilfunknetz und auch keinen Fernseher. Ich atme, schreibe und lese (Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ (sehr gemocht!) Juli Zeh „Unterleuten“ (anders, aber auch sehr gemocht!). Und ich schaue viel aus dem Fenster, tags und nachts, und ich koche hin und wieder.

Alles sehr wohltuend, aber dann muss man doch wieder runter ans Meer … aus Gründen …

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Letzte Reise

Poupettes letzte Reise ging in die Pyrenäen und dort in ein kleines Dorf irgendwo im Nirgendwo. Ihr zweiter Mann kam von hier und ist hier seit vielen Jahren beerdigt. Sie wollte nun an seiner Seite ruhen. Es war für alle Beteiligten ein überraschender und etwas befremdlicher Wunsch, denn so richtig gut kannten sich die beiden Familien bislang nicht. Nur Monsieur, der in etwa das gleiche Alter der Kinder aus der ersten Ehe des zweiten Ehemanns hat, kannte sie aus Jugendzeiten. Poupette hatte aus Gründen, die nur sie kennt, die „andere“ Familie über vierzig Jahre lang immer nur alleine besucht. Sie war mit der Schwester  des zweiten Ehemanns eng befreundet und ist (nach dessen frühem Tod) mir ihr oft in dieses und in ein benachbartes Dörfchen gefahren. Es ist eigentlich genau so ein Dörfchen wie das Bergdorf, aus dem die hiesige Familie stammt. ein bisschen lieblicher und grüner vielleicht, es regnet dort wohl öfter. Wir haben also einmal den Süden Frankreichs von Ost nach West durchquert, um uns dann in der gleichen ländlichen Bergwelt wiederzufinden. Gestern Abend haben sich die beiden Familien, in denen Poupette zu Hause war, dann erstmals wirklich kennengelernt, zunächst noch sehr reserviert („ihr nehmt mir meine Großmutter weg“, dachte zumindest Monsieurs Tochter erbost und auch Monsieur hätte seine Mutter lieber in „seinem“ Bergdorf gehabt; die „andere“ Familie war ein wenig geniert, dass „unsere“ Poupette lieber bei ihnen ruhen wollte), aber dann haben wir auseinandergedröselt, wer wen wann wo und wie kennengelernt hat und was wir an gemeinsamen Erinnerungen haben. Geschichten der anderen Familie wurden erzählt, vom jüngsten Bruder, der den tödlichen Autounfall hatte, wie streng der Großvater war, der dort eine Schmiede hatte und wie rußig die Zimmer früher waren, die über der Schmiede lagen. So schwarz, dass man zur Taufe der Kinder weiße Leintücher vor die schwarzen Wände gehängt hatte. Und man zeigte uns das niedrig gemauerte Waschbecken in der Küche, denn die Großmutter war nur einen Meter fünfzig groß. Man erzählte Dorfgeschichten, Familiengeschichten und alle erzählten wir Geschichten von Poupette. Wir aßen und tranken zusammen, lachten und weinten ein bisschen. Dann durchquerten wir zusammen das abendliche Dorf, das viel größer ist, als wir zunächst dachten, man zeigte uns alte Häuser und erzählte die Geschichten dazu. Am kleinen See sahen wir einen wundervollen Sonnenuntergang.

Wir schliefen im einfachen Hotel im Dorf, und am nächsten Morgen besuchten wir das andere kleine Dorf, in dem Poupette mit besagter Schwester von G. zur Sommerfrische fuhr, bevor sie, wie Großmütter das hier so tun, Monsieurs Kinder über Jahre in den großen Sommerferien in „unserem“ Bergdorf betreute. Es ist ein niedliches Dorf, das entlang eines Flüsschens liegt und ein „village fleuri“ : es blüht dort wirklich so üppig, Rosen, Stockrosen, Rittersporn, und was immer bepflanzt werden konnte wurde bepflanzt,und überall blühen auch „wilde“ Blumen. Im Winter leben dort nur zwei Personen, denn dann ist es unwirtlich, kalt und feucht, die Sonne kommt kaum in dieses Tal, aber jetzt war es sonnig, fast alle Häuser waren offen und es wirkte sehr einladend. 

Danach fand die Beisetzung auf dem alten Teil des Friedhofs im ersten Dorf statt. Die Zeremonie war etwas nüchterner als in Cannes und schnell vorbei. Wir haben dann auch das Geheimnis von Rose gelöst, die überraschend mit auf der Schleife unseres Gestecks stand: Pour notre Poupette bien aimé hatten wir gewählt, um all die Namen und Verwandtschaftszuordnungen der großen Familie zu umgehen. Es stand dann aber Pour notre Poupette – bien aimé – Rose darauf. Wer ist denn Rose, rätselten wir noch in Cannes. Heute machte es klick: „Rose“, das war die Farbe der Schleife, die wir gewählt hatten, Rosa eben. Es musste ja alles so schrecklich schnell gehen, und bei den vielen Informationen auf dem Zettel, den sich die Floristin gemacht hatte, ging wohl manches durcheinander. Die Schleife immerhin war, wie gewünscht, rose.

Danach nahmen wir noch einen Apéro bei der Familie in der ehemaligen Schmiede zu uns, aßen alle zusammen im Hotel und verabschieden uns wirklich herzlich und friedlich gestimmt voneinander. Wir haben das Gefühl, dass Poupette mit ihrem Wunsch nach einer Beisetzung hier, so „verwirrt“ er uns zunächst vorkam, die beiden Familien endlich vereint hat.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , | 9 Kommentare

Poupette oder WmdedgT

Heute morgen um sechs Uhr zieht Monsieur die Badehose an. „Kommst du mit?“, fragt er, er geht kurz schwimmen, aber ich bin noch zu müde, der gestrige Tag war anstrengend, ich hatte dennoch Mühe einzuschlafen und komme jetzt kaum zu mir. Viel Zeit habe ich dennoch nicht, wir müssen noch viel vorbereiten. Gestern ist meine Schwiegermutter gestorben. Poupette nannten sie alle, Püppchen, ein Name aus Kindertagen, der ihr geblieben ist. Sie ist in der Nacht von vorgestern auf gestern friedlich entschlafen. Sie wollte nicht mehr. Kurzzeitig hatte der Aufenthalt im Altersheim, mit dem Rhythmus, den man ihr dort vorgab, sie etwas dynamisiert, und wir dachten, es gehe wieder aufwärts und sie würde vielleicht doch noch hundert oder wenigstens 99 im nächsten Monat, aber schon bald war ihr das alles zu viel. „Ich hoffe, es sind nicht die Medikamente, die mein Leben verlängern“, sagte sie. Sie aß kaum noch etwas und wurde immer schwächer. Es gab Momente, in denen sie Monsieurs Hand hielt und wieder Kind war, mit ihren Eltern sprach und liebevoll Monsieurs Hand drückte, für wen auch immer sie ihn hielt. Dann gab es Tage, da sah sie Bischöfe überall, und an manchen Tagen war sie abwesend und hatte diesen leeren Gesichtsausdruck. Die meiste Zeit aber, verwirrt oder nicht, war sie sehr aggressiv, was den Umgang mit ihr nicht leichter machte. Aber es ging dann doch dem Ende zu; alle besuchten sie noch einmal und alle gingen mit besorgtem Gesicht davon. Ob es wohl das letzte Mal war, dass man sie gesehen hat? Die letzten zwei Tage hatte sie schreckliche Gesichtszüge, „sie sah aus wie tot“, sagte Monsieurs Tochter. Und jetzt, wirklich tot, sieht sie entspannt aus, fast lächelnd. Monsieur ist erleichtert, sie so friedlich zu sehen.

Am Montag schon wird sie auf dem Friedhof in einem Dorf in den Pyrenäen im Grab ihres zweiten Mannes beigesetzt. Dies war eine Entscheidung, die sie, wie so viele andere, plötzlich getroffen hatte, schon mit halbverwirrtem Kopf und eigenartigen Assoziationen. Sie hielt ihren Sohn (Monsieur) plötzlich für ihren ersten Mann, vom dem sie sehr unfriedlich geschieden ist. „Ich bin geschieden von diesem Cazon“ sagte sie wütend zu Monsieur. „Ich habe mit den Cazons nichts mehr zu tun. Ich bin eine L. Ich habe hier keine Familie!“ Dieses Beharren auf „sie habe hier keine Familie“, nachdem Monsieur und seine Tochter sich seit Jahren wirklich aufopfernd um sie kümmern, hat die Familie hier nicht so sehr froh gestimmt. Aber die „andere“ Familie war bereit, sie in das dortige Familiengrab mit aufzunehmen und nun ist es so. Wir fahren also in die Pyrenäen, eine weite Reise bei sengender Hitze und beginnenden Sommerferien. Außer der engen Familie nimmt niemand diese Strapaze auf sich. Um ihren Freunden, Bekannten, Nachbarn, immerhin hat sie fast ihr ganzes Leben in Cannes gelebt, und natürlich auch der entfernteren Familie hier, eine Möglichkeit des Abschieds zu geben, versuchten wir, kurzfristig etwas zu realisieren. Seit gestern vormittag geht hier ununterbrochen das Telefon. Dass wir heute um 15 Uhr die Kapelle in der Trauerhalle und eine Dame bekommen können, die befugt ist, Poupette zu segnen, wussten wir definitiv erst gestern Abend. Dann riefen wir wieder alle Menschen an (und, kleiner Vorgriff: trotz der Kurzfristigkeit und der Hitze kamen so viele!).

Heute morgen um 9 Uhr bestellen wir ein Blumengesteck, kaufen Rosen zusätzlich auf dem Markt, damit jede(r) eine Rose auf ihren Sarg legen kann, ich lasse ein Foto von ihr vergrößern, wir haben eine schönere Bluse für Poupette ausgewählt und bringen sie zum Beerdigungsinstitut, damit man sie ihr noch anzieht. Ich kaufe im Tiefkühlsupermarkt und beim Bäcker Süßes und Salziges für den späteren Umtrunk auf der Terrasse. Dann räume ich schnell und in groben Zügen die Wohnung auf, N., meine Freitagshilfe putzt, und sie säubert auch die Terrasse und Tische und Stühle draußen. Zwischendurch erklären wir am Telefon den Weg zur Trauerhalle und das Prozedere, ich gebe am Telefon der Dame Auskunft, die Poupette auf dem Friedhof in den Pyrenäen segnend begleiten wird. „Ich kenne sie gar nicht, was war sie für ein Mensch?“ Exceptionnelle, höre ich mich sagen, exceptionnelle et courageuse. Und ich singe ein Loblied auf meine Schwiegermutter, die eine außergewöhnliche Frau war: mutig, modern, gesellig und lebensfroh. Die als junge Frau Autorallys gefahren ist, Chemieingeneurin war und mit ihrem ersten Mann Parfums hergestellt hat – Parfums aus einer anderen Zeit, und ein Unternehmen, das die Konkurrenz der neu aufkommenden Supermärkte und deren Politik des „billigen“ Preises nicht verkraftet hat. Später hat sie sich scheiden lassen, ihre Familie hat es ihr übel genommen, Scheidungen waren in der katholischen Bourgeoisie nicht erlaubt. Sie hatte danach keinen Pfennig Geld und hat viele Jahre an einer Privatschule Mathematik unterrichtet (heute haben zwei Herren, die sie unterrichtet hatte, noch darüber geklagt wie unerbittlich sie als Lehrerin war). Dann hat sie ihren zweiten Mann geheiratet, den einzigen Mann, den sie geliebt habe, wie sie einmal sagte. Leider ist er früh verstorben, aber ein paar Jahre hatte sie mit ihm verbringen können. Ich erzähle und erzähle, dass sie autoritär war, und niemand, den man freudig umarmt, die aber doch eine enge Beziehung zu ihren Enkeln (Monsieurs Kindern) hatte, die sich beide wirklich in einer Innigkeit und Liebe um sie gekümmert haben, die ich wiederum exceptionnelle finde. Außerdem hatte sie unzählige Freunde und Freundinnen in den unterschiedlichsten Vereinen, die sich gern um sie versammelten, denn sie organisierte Ausflüge, Picknicks und Feiern und sie lud immer auch sehr gerne zu sich ein.

Schon ist es zwölf Uhr. Alles, was ich erzählt habe, schreibe ich schnell noch einmal auf, mit dem who is who der Familie, Namen und Eckdaten, für die Dame, die die heutige Zeremonie vornehmen wird und die auch nichts von Poupette weiß. Monsieur korrigiert meinen Stil und meine Fehler, dann will er essen. Es ist 13 Uhr und in einer Stunde sollen wir schon in der Trauerhalle sein.

Es gibt daher nur schnelle Tiefkühlpaella und Eis, danach eilen Monsieur und der Rest der Familie schon zur Trauerhalle. Ich bereite ein bisschen den Umtrunk vor, werfe eine Tischdecke über den Plastiktisch, suche Servietten, Gläser (immer sind Gläser staubig und matt, wenn ich sie zur Hand nehme, und ich spüle schnell 12 Kristallgläser von Hand und 8 andere ebenso), dann dusche ich noch einmal, ziehe mich um und fahre auch los.

Um Viertel nach zwei bin auch ich in der Trauerhalle. Viele Menschen kommen, man stellt sich vor, umarmt sich, weint, manche wollen Poupette noch einmal sehen. Ich auch. Sie sieht schon sehr verändert aus, aber friedlich, ganz leicht geschminkt, ihre Bluse und der Blumenschmuck passen wundervoll zusammen: Rosa, Weiß und verschiedene Rottöne. Die Andacht (15 Uhr) mit der Segnung wird von einer unkonventionellen Dame geführt, die angenehm locker ist, die die richtigen Worte findet von Liebe und Verzeihen. Es tut gut, einmal nicht die üblichen Worthülsen, wie sie in der katholischen Kirche in Frankreich noch sehr üblich sind, zu hören. Sie bezieht auch die muslimischen Anwesenden ein, alle die glauben und auch die, die nicht glauben. Es ist feierlich und würdig, aber nicht pompös, vielleicht hätte Poupette gerne mehr Weihrauch und einen Bischof gehabt, nachdem Bischöfe so oft durch ihre Fantasie gegeistert waren, aber es war eine Zeremonie, aus der zumindest ich lächelnd hinausgegangen bin.

Es ist 16 Uhr. Wir danken allen, die gekommen sind und laden zum Umtrunk zu uns ein. Etwa zwanzig werden wir, sitzen im nachmittags schattigen Innenhof und trinken die letzten drei Flaschen Champagner aus dem Keller von Poupette: à Poupette!

Später fahre ich die eine oder andere Cousine und Freundin nach Hause, Monsieur ruht sich aus. Ich schreibe diesen Text. Danke, dass Sie bis hierhin gelesen haben. Ich reihe diesen Text ein in die „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“-Serie bei Frau Brüllen. Dort finden Sie auch alle anderen Tagebuchblogger.


Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 14 Kommentare

Morgens um Acht ist die Welt schon durcheinander

Kurz nach Acht am Strand ist schon zu spät. Schon zu warm. Aber ich bin spät, gestern war Lesemittwoch und ich habe ein tolles Buch angefangen (Christoph Hein: „Glückskind mit Vater“) konnte kaum aufhören zu lesen und dann kaum schlafen. Es ist zu heiß und der Ventilator ist zu laut. Kurz nach Acht am Strand hatte eine Dame bereits einen Schwächeanfall und die Feuerwehr raste heran. Ich lechze nach dem Meer, es ist aufgewühlt und schmutzig heute und ich sehe die beiden Kreuzfahrtschiffe grimmig an. Eines legt ab und eine Wolke schönster feinstofflicher Dreck fliegt langgezogen bis zum Palm Beach. Dankeschön auch. In diesem Zusammenhang habe ich einen Artikel bei Herrn B. entdeckt.  Nein, ich will Ihnen Ihren Urlaub nicht vermiesen, oder nur ein bisschen. Weil ich so böse Gedanken habe, werde ich sofort bestraft und eine Feuerqualle erwischt mich. Nur am Knie Gottseidank, und andere sind mir glücklicherweise nicht mehr begegnet. Aber meine Lust, im Meer zu schwimmen, ist jetzt etwas gebremst. Um mich von den Schmerzen abzulenken (übrigens soll man die Verbrennungen nicht abwaschen, sondern feuchten Sand darauf packen und später abschaben, unser Servicetipp, bitte gerne) sammle ich energisch Müll und klettere sogar auf die Felsen, was ich wegen meiner komischen Höhenangst gar nicht mehr gut kann. Das Müllkunstwerk braucht heute auch den Sonnenschirm, es ist so heiß!

Ich wollte dem Müllmädchen eigentlich eine Kette verpassen, ich fand heute unverhältnismäßig viele Dosenaufmachdinger, wie heißen die noch? Und hat man nicht vor Jahren schon erfunden, dass die beim Aufmachen an der Dose bleiben?

Was meinen Sie? Soll ich zukünftig vielleicht eine Müll-Schmuck-Kollektion entwerfen? Ich finde diese kontraststarke Kombination „Posidonie trifft Alu“ ziemlich cool. Riecht allerdings auch stark. Nicht das Alu, nein, die Posidonie. So ein bisschen fischig.

Und es wird noch heißer … habe ich schonmal verlinkt, ich weiß, passt aber gerade wieder so schön :-)

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 5 Kommentare

Abtauchen

das ist das einzige, was man derzeit machen kann. Oder zumindest die Füße in kühles Wasser unter dem Schreibtisch … das ist meine Variante. Nachmittags zumindest. Frühmorgens schaffe ich es immer mal ins Meer. Letzten Samstag hatte die Enkelin Schwimmgala. Sie macht seit vier Jahren Synchronschwimmen. Zweimal die Woche trainiert sie dafür. Anfangs sogar dreimal die Woche. Zu Beginn waren sie und die Mädchen ihrer Gruppe wirklich kleine zappelige Entlein und man sah, wie sie mit den Beinen strampelten, wenn sie sich zu einem Kreis formierten. Jetzt schwimmen sie elegant wie junge Schwäne und es ist eine Freude, ihnen bei ihrer Präsentation zuzusehen. Hier aus Datenschutzgründen nur eine Teilansicht ;-)

Und das Müllkunstbild von heute Morgen. Mit nur reduziert gesammeltem Müll. Es war schon spät, der Strand schon zu voll und überhaupt war es zu heiß. Und ich wollte vor allem schwimmen! Aber: Ich fand heute den zweiten Socken und habe ihn in einen Wal verzaubert.

Und das ist schon den ganzen Tag mein Ohrwurm. The Heat Is On. :-)

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Abtauchen

Der frühe Vogel …

… hat den Strand für sich alleine. Dies ist ein Nachtrag vom Samstag. Man kommt ja zu nix. Auch nicht mehr zum Schwimmen oder an den Strand, obwohl es jetzt superheiß wird … la canicule heißt die Hitzewelle hier. Bleiben Sie schön im Schatten und trinken Sie viel!

Und den Müll hat man auch ganz für sich, so früh … hier ein Stilleben : Posidonie mit Socken, zerbrochenen Wodkagläsern und Mini-Spritze.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für Der frühe Vogel …

Dinosaurier und Seepferdchen

und noch ziemlich viel Schrott heute am Strand. Ich habe es nicht mal bis zum Ende meines Strandabschnitts geschafft, weil mir alles Gesammelte wieder aus den Händen fiel. Und ich will ja jetzt immer ein Bildchen legen. Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen, aber ich wollte auch unbedingt noch schwimmen und so viel Zeit habe ich ja nicht. Stichwort „Arbeiten wo andere Urlaub machen“, n’est-ce pas. Schwimmen war toll. Das türkisblaue Wasser habe ich allerdings aus Porquerolles mitgebracht. Kleiner Tagesausflug Anfang des Monats. Ich wollte die Fondation Carmignac besuchen, die Freundin wollte an den Strand. Beides schön, aber an einem Samstag eines verlängerten Wochenendes ist man dort keinesfalls alleine.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 3 Kommentare

Müllkunst am frühen Morgen

Heute morgen sehr früh sah es noch nicht besonders freundlich aus, aber ich war wach und wollte schwimmen gehen. Der Wind und die Wellen hatten nachgelassen. Monsieur hat noch Schmerzen vom letzten Ausflug, ich gehe also alleine los. Erstmal laufe ich mich warm und sammle Müll. Ich bin gleichzeitig mit den Müllmännern am Strand, aber die machen ihren Job, sagen wir mal, sehr cool. Ich laufe hinter ihnen her und sammle, was sie nicht sehen. Große Glasscherben zum Beispiel. Am Ende „meines“ Strandabschnitts lege ich mit dem gesammelten Müll ein Bild, aber da kommen sie dann eilig und wollen es mir mit ihren Zangen wegschnappen. Merci M’dame. „Nee“, wehre ich mich, „ich muss hier erst noch ein Foto machen!“ Quoi? „Ich mache Kunst“, erkläre ich kurzerhand. Damit erklärt er mich für verrückt. Elle est folle, sagt er zu seinem Kollegen. Nach dem Foto bringe ich den Müll dann zu ihm und versenke alles in seinen Müllsack.

Müllkunst#1

Man mag es nicht glauben, aber auf dem Rückweg finde ich nochmal genauso viel. Ich sammle alles in der ebenso gefundenen Frisbeescheibe und trage sie wie einen Teller vor mir her und … werde von einer Möwe attackiert, die glaubt, ich habe etwas zu essen auf diesem Teller. Als ich ein paar der Sachen im Meerwasser vom Sand befreie stürzt sie sich erneut auf das verbleibende Zeug auf der Frisbeescheibe und ich habe Mühe sie zu verjagen, klappt wohl nur, weil es nicht wirklich interessant ist. Ich mache nochmal ein Bild und lerne damit in kürzester Zeit am eigentlich ziemlich leeren Strand Menschen kennen: Qu’est-ce que vous faites là? „Ich sammle Müll“, erkläre ich. Und was ist das da? Man zeigt auf mein Arrangement. „Kunst“, sage ich wieder. Aha. Die denken auch, dass ich verrückt sei. Ich sehe es an ihren Blicken. Egal.

Müllkunst#2

Dann gehe ich schwimmen! Zum ersten Mal in diesem Jahr. Hurrah!

Azurgraublau
Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Erster Strandgang der Saison

Spät dieses Jahr! Manchmal waren wir schon Mitte April schwimmen. Dieses Jahr war entweder das Wetter zu schlecht oder zu viel anderes los. Und auch heute wäre ich fast nicht gegangen, weil … ich so viel anderes machen müsste. Konzentriert am Schreibtisch sitzen zum Beispiel. Aber dann war es großartig! Das Mittelmeer spielt Atlantik. Es übe wohl noch, wurde mir anderswo gesagt. Aber nach dem gestrigen Tag voller Wind, heißen die Wellen heute „la houle“, ich glaube das deutsche Pendant ist „es rollt“. Ich traute mich auf jeden Fall nicht rein. Erstes Mal am Strand und ich schwimme nicht! Heul. Aber wir räumen wieder brav den Strand auf. Viel war es heute nicht. Der Gatte hatte seinen Anteil schon vor dem Foto in die Mülltonne versenkt. Jetzt gibts frischen Fisch vom Markt und Fisch-Beignets, die la femme du pêcheur neuerdings auf dem Markt anbietet. Délicieux!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

12 von 12 im Juni 2019

Ich merke es ein bisschen spät, erst als ich Frau Muttis Kaffeetasse auf Instagram sehe, wird mir klar, heute ist 12 von 12 dran. Da bin ich mit meinem Frühstück schon fast fertig. Ein bisschen frisch importiertes Vollkornbrot mit Orangenkonfitüre ist noch übrig.

Hach, Karibikfeeling in der Küche. Ich wasche blaue Wäsche.

Heute kommt Cousinenbesuch, also räume ich ein bisschen mehr auf und hänge herumliegende Kleider in den Kleiderschrank. In Frankreich sind alte Schränke oft tapeziert. Hübsch, oder?

Danach geht es ins Büro. Was muss das muss. Der Blick aus meinem Schreibknast ist trotzdem schön.

Mittagessen. Ungeschönt.

Der Himmel über dem Mittagessen. Blick aus dem Fenster.

Trockene Wäsche wird abgehängt (rot), nasse Wäsche wird aufgehängt (blau). Pepita siestet heute draußen. Wir drinnen.

Nach der Sieste fahre ich den Knöchelversehrten Gatten zu seiner Mutter ins Altersheim. Sie bekommt viel Besuch heute: Großcousinen und Kinder ihres zweiten Mannes. Ich bleibe daher nicht, sondern fahre sofort wieder nach Hause.

Nochmal Büro. Von nix kommt nix. Die Schreibassistentin (nicht im Bild) vergnügt sich derweil im Vorgarten.

Die (Groß-)Cousinen kommen nach dem Altersheim zum Kaffee. Monsieur trinkt ein deutsches Bier: Költ aus Monheim. Eine Mischung aus Kölsch und Alt. Häresie? Nein: Endlich das Bier für das gesamte Rheinland, heißt es. Monsieur fand es lecker! Kaum sind die Cousinen weg, wird der Knöchel wieder gekühlt und hochgelagert.

„Tito ist tot“, flüsterte Großmutter. Sie leerte ihren Kaffee in die Spüle, tupfte sich den Mund mit dem Küchentuch ab, öffnete die Tür zum Treppenhaus und rief: „Tito ist tot!“ Ich mache mit beim #Lesemittwoch. Zwischen 20.30 Uhr und 21.30 Uhr bin ich virtuell zum Lesen verabredet und lese weiter in Saša Stanišić‘ „Herkunft“. Also ich lese in der Regel etwas später, hier wird ja immer so spät gegessen. Es gibt die letzten deutschen Maultaschen (nicht im Bild). Wäsche (blau) (ebenfalls nicht im  Bild) wird auch noch abgehängt.

Und zum Abschluss die wundervolle Neonlampe aus der fensterlosen Büroküche für den #Lampenmittwoch. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Danke, wenn Sie der Alltagspoesie bis hierhin gefolgt sind. Die anderen gibt es wie immer bei Caro von Draußen nur Kännchen. Herzlichen Dank auch den Lebensmittelspenderinnen L. und M. !!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , | 7 Kommentare

Zwei Tage in Paris

Ich war in Paris. Zwei Tage um genau zu sein. Zwei Tage in Paris ist auch der Titel einer Filmkomödie mit Julie Delpy, die ich seinerzeit ziemlich witzig fand. Ich verlinke Ihnen hier den Trailer der deutschen Version, vielleicht mögen Sie ihn bei Gelegenheit mal ansehen. Ist in der Originalversion vielleicht witziger.

Am Vorabend erfuhr ich,  dass an meinem Anreisetag, dem 4. Juni, ein nationaler Eisenbahnerstreiktag sein würde, ich befüchtete Schlimmstes, aber Gottseidank waren die TGV’s nicht davon betroffen. Nun, um 5 Uhr morgens entschied sich Monsieur, dass er endgültig nicht mitfahren werde, der angebrochene Knöchel, wir sprachen davon. So hatte ich als einzige im vollbesetzten Zug zwei Plätze für mich alleine. Auf der Rückfahrt übrigens auch. Angekommen bei sommerlichem Wetter, sah ich im Vorübereilen an der Gare de Lyon auf dem Weg von Halle 3 zu Halle 1 eine tolle Open-Air-Ausstellung des Zeichners Enki Bilal.

Von der Librairie Allemande, wo ich mein Rendezvous hatte (darüber zu gegebener Zeit mehr), habe ich vor lauter Bücher schauen (kaufen) und reden kein einziges Foto gemacht. Zut! Aber, eine beinahe dringende Empfehlung, gehen Sie da mal hin, es ist so ein netter, kleiner, gut sortierter Laden im Quartier Latin, der um sein Überleben kämpft (einmal schon musste die Besitzerin den Laden schließen), er liegt in unmittelbarer Nähe von Notre Dame, da wollen alle Paris-Besucher sowieso hin, ich natürlich auch. Es gibt im Viertel noch jede Menge andere Buchhandlungen und der französische Outdoorladen Le vieux Campeur ist dort auch mit gefühlt hundert Läden vertreten.

Da isse also. Notre Dame sieht, soweit man es von außen sehen kann, weniger schlimm aus als befürchtet. Nur abgesperrt ist jetzt überall. Gearbeitet wird und fotografiert wird natürlich trotzdem und vielleicht mehr denn je.

Auf der Ile St. Louis überraschte mich ein heftiges Gewitter, und das war der Beginn einer kleinen, kühlen Regenzeit. I love Paris when it drizzles sang ich dagegen an und kaufte mir zunächst einen Regenschirm. Ich erzählte Monsieur am Telefon von dem Gewitter, vor dem ich mich in ein Bistro rettete. Es beeindruckte ihn nicht, „denn stell dir vor, bei Roland Garros haben sie das Spiel von Federer und Wawrinka abgebrochen wegen eines schlimmen Gewitters“ rief mir Monsieur durchs Telefon zu, der seinen verletzten Fuß in mühsam erzwungener Ruhe vor dem Fernseher schont. „Ich weiß“, sagte ich und sah dem Kellner dabei zu, wie er einem davonfliegenden Sonnenschirm hinterherrannte, „es ist dasselbe Gewitter. Ich bin nämlich gerade in Paris.“ Aber ich war natürlich nicht bei Roland Garros, also war mein Gewitter uninteressant. Am nächsten Morgen, während ich zusah, wie die Schulkinder in der Grundschule gegenüber ankamen, gab es immerhin wieder kurz ein paar Sonnenstrahlen.

Flanieren in Paris bei kühlen Temperaturen und in zu sommerlichem Kleid ist wenig amüsant, ich fuhr also gern mit dem Bus, kam aber statt im Marais zunächst in Montparnasse an, fuhr dann mit der Metro wieder zurück.

(Das mit den unterschiedlichen Größen der Fotos habe ich noch nicht im Griff, in der Vorschau sieht dieses Rot-Grün-Nebeneinander so toll aus – leider nicht auf dem Blog, aber mehr Zeit habe ich jetzt nicht, um das anders zu basteln.)

Dann begann es zu regnen …

und ich ging gern immer irgendwo rein, in Passagen zum Beispiel, wie die Passage de Grand Cerf, die sinnigerweise mit Regenschirmen dekoriert war.

Und später entschied ich mich beim Falaffelrestaurant im Marais für das Restaurant, wo ich auf Anhieb einen Platz im Innern bekam, ohne noch zwanzig Minuten im Regen anstehen zu müssen. Die beiden gegenüberliegenden Falaffel-Restaurants liefern sich übrigens einen bösen Krieg. Ich habe noch nie bei As de Falaffel gegessen, aber gegenüber bei Mi-Va-Mi war das Sandwich und die Zitronenlimo köstlichst. Für 8 Euro kann man in Paris nicht billiger und besser essen. Also der Rahmen ist denkbar einfach, aber manchmal ist das ja egal. Da hat man nur Hunger und will raus aus dem Regen.

Später ging ich dann auch, weil ich gerade daran vorbeilief und es immer noch so regnete, spontan in das Musée Pierre Cardin. „Wollen Sie das Museum wirklich besichtigen?“ fragte mich eine der beiden Damen am Eingang, beide ganz in Pierre Cardin gekleidet (schwarz violett die jüngere, kamelhaarfarben die ältere), beinahe fassungslos. „Natürlich“, sagte ich, was war denn das für eine Frage an einem Museumseingang?!

Ich wollte eine halbe Stunde im Trockenen sein und vielleicht im Museumscafé einen Kaffee trinken und durch ein paar Modezeitschriften blättern. Das sagte ich natürlich nicht. „Es steht auf der Internetseite!“ sagte die kamelhaarfarbenen Dame streng. „Was?“, fragte ich. War ich etwa nicht gut genug angezogen für dieses Modemuseum? Musste man mindestens ein Teil von Pierre Cardin besitzen oder tragen, wenn man hier rein wollte? Nein, das Museum war im Prinzip schon geschlossen, und zwar endgültig. Es war der allerallerletzte Tag dieses Museums, das auf unbestimmte Zeit geschlossen und zumindest an diesem Ort zukünftig nicht mehr zu finden sein wird. „Na, dann erst recht“, lasse ich mich nicht abwimmeln. Ich wollte vor allem nicht wieder raus in den Regen. Sie glaubten aber nun, in mir, obwohl in ein namenloses Polka-Dots-Kleid gewandet und außerdem flach beschuht, einen außergewöhnlichen Fan von Pierre Cardin gefunden zu haben und erklärten mir ausführlich die einzelnen Säle, die mich erwarteten. Ich nickte ungeduldig. Ich wollte jetzt rein. „25 Euro“, sagte die Kamelhaarfarbene. Dafür dürfte ich dann auch Fotos machen, fügte sie gnädig hinzu. Ich konnte jetzt nicht mehr zurück. Ich wollte auch nicht handeln. Letzter Tag und so. Kann man da nicht ein Auge zudrücken? Nee, machte ich alles nicht. Ich legte ohne mit der Wimper zu zucken 25 Euro auf den Tisch und durfte dann hinein in die heiligen Räume. Was soll ich sagen? Irgendwie verstehe ich, dass das Museum schließt. Es ist alles etwas ärmlich, lieblos, vernachlässigt. Auf mehreren Etagen hundertmal oder mehr immer dieselben Schaufensterpuppen mit, ab den sechziger Jahren zumindest, immer derselben dämlichen Handgeste. Bekleidet immerhin mit manchmal verstaubten, manchmal verblassten Pierre Cardin-Modellen, von den fünfziger Jahren bis ich weiß es nicht. Ich kann mich nur an die sechziger und siebziger Jahre erinnern (manche der Kopfbedeckungen der Sechziger, die gingen heute nicht mehr, denke ich), diese kurzen Kleider, diese Farben und Formen, die lösen irgendwas in mir aus. Ich erinnere mich an die Kleidung meiner Mutter. Die Achtziger mit ihren riesigen Schultern lösen auch was in mir aus, so bin ich nämlich rumgelaufen. Also nicht in Pierre Cardin, schon klar, aber dieser Einfluss auf die Mode von Monsieur und vor allem Madame Toutlemonde, wie man hier sagt, der ist doch unverkennbar.

Das Museum hat viele Etagen, ich steige hinauf zu den abenteuerlichsten Abendkleidern und hinab bis ins zweite oder dritte Untergeschoss und dort in der hintersten Ecke stehen dicht an dicht wie in einem Partykeller (Darkroom denke ich eigentlich, aber so dunkel ist es gar nicht) alle Modelle, die sonst keinen Platz mehr bekommen haben.

Muss ich erwähnen, dass es natürlich kein Museumscafé gab und keine Modezeitschriften? Nur ein paar Bücher, ich blättere sie durch, und da ich mich als Deutsche geoutet habe, bekomme ich zum Abschied Pierre Cardins Biographie und zusätzlich einen Bildband in deutscher Sprache geschenkt. Als kleines Dankeschön für die vermutlich letzte Besucherin. Ich bin trotz allem gerührt, schüttele Hände und wünsche alles Gute, den Damen und dem Museum, und schleppe nun noch zusätzlich zwei Kilo Buch durch den Regen und zunächst bis ins nächste Bistro, wo ich mir einen Café gourmand gönne.

An der Straßenecke geht es in den Himmel, ich aber fahre zum Bahnhof.

Im Zug habe ich wieder zwei komfortable Plätze und kann die kalten, nassen und erschöpften Füße hochlegen, schon kurz hinter Paris scheint die Sonne, ich lese trotz Müdigkeit in „Herkunft“ von Saša Stanišić  das mich von der ersten Sekunde an fesselt, dieses zwischen zwei Kulturen sein, wird ja auch mehr und mehr zu meinem Thema, auch wenn man es nicht vergleichen kann, schon allein, weil ich mein Land aus freien Stücken verlassen und ohne Probleme in diesem Land bleiben konnte, und ich lese und lese und spüre nicht, wie müde ich bin. Toll. Klare Lese-Empfehlung!

Die Musik hatte ich schonmal verlinkt, ich weiß, sie passt aber gerade so gut.


Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 3 Kommentare

Und das Kälbchen? Frl. ReadOns Geschichten

Vor etwas mehr als zehn Jahren, am 15. Mai 2009, starb mein erster Mann Patrick. Fast auf den Tag genau, erschien mein Büchlein „Zwischen Boule und Bettenmachen“. Ich habe über beides auf meinem damaligen Blog French Connection geschrieben und musste erleben, dass man mir in Kommentaren unterstellte, ich habe den Tod meines Mannes nur erfunden, um mehr Aufmerksamkeit für mein Buch zu erhalten. Ich war fassungslos, nicht nur, dass man mir das unterstellte, sondern, dass man das überhaupt annehmen kann.

Ich habe sie sehr gerne gelesen, mochte ihren poetischen, fabulierenden Stil, den andere vielleicht als zu schwülstig empfanden, sie habe mit ihren vielen Nebensätzen und Adjektiven „Lichterketten in die Bäume gehängt“ sagt Anke Gröner sehr trocken. Es geht um Fräulein ReadOn und ihren Blog „Read on my dear, read on“, der bei mir noch in der Blogroll steht, aber nicht mehr erreichbar ist. Das wissen Sie vielleicht schon. Es dauert ja manchmal etwas länger, bis Neuigkeiten über die Alpen zu uns in den Süden vordringen. Ich habe es bezeichnenderweise auch zuerst aus Japan erfahren. Die Welt ist ein Dorf. Den Spiegel+-Artikel, mit dem Marie Sophie Hingst, so heißt Fräulein ReadOn im bürgerlichen Leben, als Lügnerin geoutet wurde, steht hinter einer Paywall, aber es gibt andere, die die Informationen aufgreifen. Sie hatte keine jüdische Großmutter, sie hat nicht in indischen Slums Sexualkunde gelehrt und vermutlich hatte sie weder ein Kälbchen in der Küche in Irland, sie sah von ihrem Küchenfenster nicht das Meer und vermutlich hat sich der Tierarzt, ihr Lebensgefährte, wenn er überhaupt existiert hat, auch nicht zu Tode gehungert. Ich gebe zu, ihre Art, mit dem Tod ihres Lebensgefährten umzugehen: kurzes Schweigen, nicht mehr darüber schreiben, Umzug nach Dublin, wo sie kurz darauf eine Doktorarbeit ablegte, hat mich irritiert, aber nicht alle sind so furchtbar emotional und durcheinander nach traurigen Phasen und so unfähig, Dinge zu tun, wie ich. Sie ist jung und hat eben eine ganz besondere Kraft, dachte ich. Sie schrieb auch jeden Tag eine Karte auf türkisch! in türkische Gefängnisse, zunächst, um Deniz Yüzel zu unterstützen. (Ich scheiterte an diesem Vorhaben schon am ersten Tag beim Versuch, ein geeignetes Postkartenmotiv auszusuchen.) Nun, ich las auch nicht immer alles, ich hatte selbst zu viel um die Ohren. Insofern dachte ich, ich habe vielleicht manches verpasst, manche Information überlesen oder vielleicht gab es auch keine, aber wer bin ich, die Information einklagen zu wollen, was nach dem Tod des Tierarztes mit dem Kälbchen geschah?! Nein, ich habe es nicht gespürt. Ich habe alles geglaubt. Und das obwohl ich bei allen gehypten Meldungen immer zurück zur Quelle recherchiere: Wer hat es zuerst gesagt und wo und warum? Und natürlich weiß ich, dass man Sachverhalte manchmal rundet, damit sie witziger rüber kommen. Damit es am Ende des Textes eine Pointe gibt. So mache ich es auch, hin und wieder zumindest. Das Meer ist dann vielleicht ein bisschen blauer oder die Nachbarin ein bisschen neugieriger oder Monsieur ein bisschen muffiger. Oft genug muss ich Familie oder Freunde beruhigen, dass sie nicht alles wortwörtlich nehmen sollen. Ja, so ist es gewesen, das Große und Ganze stimmt, aber ich erzähle auch eine Geschichte. (Ich habe dreieinhalb Jahre lang amüsante Kolumnen verfasst. Da hätte die Welt untergehen können, bei mir wurde am Ende meiner Alltagskolumne geschmunzelt.) So ist es bei mir, aber Monsieur gibt es und die Katze und die Schwiegermutter, echt, ich schwöre! Und so ist es bei den anderen BloggerInnen, das denke ich zumindest. Daher habe ich Frl. ReadOns Geschichten geglaubt. Die jüdische Familie. Irland. Der Tierarzt. Berlin. Die indischen Slums. Und nein, ich reiße jetzt nicht das Maul auf und stimme ein in den Chor derer, die es schon immer gewusst haben. Ich finde es auch viel interessanter zu fragen, wie es kommen kann, dass ich solche Geschichten so leicht glaube. Es ist nämlich nicht das erste Mal in meinem Leben, dass mir das passiert. Gut, hier wurde nicht nur ich alleine getäuscht, hier wurden 240.000 LeserInnen getäuscht, wenn man den veröffentlichten Zahlen glauben mag.

Ich habe Fräulein ReadOns Blog mehrfach verlinkt, soll ich mich dafür entschuldigen,
wie es jetzt auch die Medien tun?! Vielleicht sollte ich wütend sein, getäuscht worden zu sein, aber ich bin es nicht. Ein bisschen durchgeschüttelt bin ich, zugegegeben, aber ich fragte mich sogleich, warum musste diese kluge junge Frau, die so sympathisch und schlicht daher kommt, warum musste sie sich dieses Leben erfinden? Warum hat sie mit ihrer überbordenden Fantasie nicht einfach einen Roman geschrieben? Er wäre sicherlich ein Erfolg geworden. Ich mochte ihren Lichterketten-Stil und ihre Landarzt-Geschichten und viele hunderttausend andere auch. Ich finde viele ihrer Ansichten und Gedanken immer noch gut und verlinkenswert. Nur sind sie jetzt aus dem Internet verschwunden und egal, was Marie Sophie Hingst je wieder öffentlich sagen wird, allem wird immer der schale Geschmack von „fake“ anhängen (unter #readonmyfake kocht es gerade hoch).

Nun, wäre es auf ihrem Blog bei dem Kälbchen, dem Tierarzt, dem Pfarrer, der dicken Frau aus dem Gemischtwarenladen geblieben, könnte man noch hinnehmen, dass all das nicht stimmte. Also ich könnte es, ich spüre, dass nicht alle bereit dazu sind. Aber das wirklich Problematische bei all ihrer Fabuliererei ist, dass sich eine promovierte Historikerin (!) eine jüdische Familie erfunden hat, die vom Holocaust fast ausgelöscht worden ist und dass sie damit sogar bis nach Israel, bis zur Holocaust-Gedenkstätte nach Yad Vashem gegangen ist. Warum das problematisch ist, hat sehr schön, wenn auch sehr wütend Anke Gröner analysiert, besser als ich es je könnte. Danke dafür. Und gerade gefunden: Einen sehr sachlichen Artikel über die „Causa Hingst„.

Mich würde sehr interessieren zu erfahren und zu verstehen, wie man dazu kommt, seine eigenen erfundenen Geschichten zu glauben. Und falls jemand einen Text zur Psychopathologie derer parat hat, die wie ich, so leicht und gerne glauben, den nehme ich dankend entgegen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 28 Kommentare

Kühe ins Grüne

Sie wissen ja, dass ich mein französisches Leben auf einem kleinen Bauernhof in den Bergen begonnen habe. Meine Rettung, wie ich nicht müde werde zu sagen. Ich habe mein Herz an das ländlichen Leben verloren, auch wenn ich jetzt in Cannes lebe. Es wundert daher auch nicht, dass ich ein großer Fan der Serie „l’Amour est dans le pré“, einer Serie ähnlich „Bauer sucht Frau“ bin. Die Geschichte von Samuel und Johanna hat mich letztes Jahr sehr berührt. Ihre Liebe hat gehalten, aber sie sind in finanziellen Schwierigkeiten, wie leider so viele kleine Bauern. Einer der Gründe dafür ist die anhaltende Trockenheit (drei Jahre lang musste Samuel Heu für den Winter dazukaufen). Wenn Sie mich schon lange lesen, erinnern Sie sich, dass ich vor zehn Jahren in den Bergen auch finanzielle Schwierigkeiten hatte, und ich vergesse nie, dass mir Menschen damals geholfen haben. Ich unterstütze die beiden (nein, ich kenne sie nicht persönlich, aber dennoch), die ihren Hof in der Corrèze verkaufen wollen, um die Schulden zu bezahlen und mit ihren Kühen ins Grüne, genauer in die regenreiche Bretagne, umziehen wollen. Falls Sie ebenso etwas dafür erübrigen können, freue ich mich, wenn Sie sich mir anschließen.

johanna & samuel la ferme ULULE from racheneur johanna on Vimeo.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | 2 Kommentare

Niemand mehr

„Je suis morte“, antwortete mir meine Schwiegermutter missmutig, als ich sie fragte, wie es ihr gehe. „Je suis plus personne.“ Ich bin tot. Ich bin niemand mehr. In den Momenten, in denen sie „ihren Kopf hat“, wie man hier sagt, „elle a encore toute sa tête“, ist sie klarsichtig genug, ihre Situation zu verstehen. Heute zumindest. Gestern hatte sie die meiste Zeit einen leeren Gesichtsausdruck und reagierte nur wenig auf unseren Besuch und unsere Fragen. Sie erinnerte sich an nichts. Nicht daran, dass man ihr die Fingernägel geschnitten hatte und die Füße massiert, nicht daran, dass man sie mittags zum Essen nach unten ins Restaurant gefahren hatte (im Rollstuhl), noch an das, was sie gegessen hatte. Der Stuhl jedoch, an den erinnerte sie sich. „Qu’est-ce qu’on est mal dans une chaise!“ Wie unbequem dieser Rollstuhl war, nachdem sie zwei Wochen nur im Bett gesessen und gelegen hatte. Sie konnte sich kaum darin halten, so wenige Muskeln hat sie nur noch. Sie isst vor allem den Nachtisch. Sie hat keine Lust mehr auf Fleisch und Gemüse und das mühsame Kauen. Sie möchte nur noch Weiches und Süßes essen. „Wenn Sie mir eine Freude machen wollen, dann bringen Sie mir einen Baba au Rhum„, sagte sie in ihrem gewohnten Befehlston am Montag zur Krankenschwester, die sie in ihrem Zimmer empfing und unter anderem  befragte, was sie gern essen mag. „Den finden Sie bei Casino!“ fügte sie noch hinzu. Meine Schwiegermutter ist seit Montag im Altersheim. EHPAD heißen die Altersheime, établissements d’accueil pour personnes âgées dépendantes, sie sind gedacht für ältere Menschen, die nicht mehr selbständig leben können. Es ist ein hübsches Haus im neoprovenzalischen Stil, schick eingerichtet, mit Restaurant, das von einem richtigen Koch geführt wird, hier wird nicht etwa Krankenhauskost serviert, und in einem Garten gibt es viele kleine Sitzecken. Bis gestern war hier nicht so richtig schönes Wetter, so dass alle Bewohner drin herumsaßen. Das ist dann, bei allem Schick des Hauses und der Bewohner, genauso wie in jedem Altersheim: Alte Menschen sitzen allein, zu zweit oder in Grüppchen herum (in unserem Fall sind die Menschen gut angezogen und die Sitzgelegenheiten sind schön) und schauen oder dösen. Fünf von ihnen saßen gestern vor dem Aufzug und hatten großes Kino, wann immer jemand aus dem Aufzug kam.

Meine Schwiegermutter hat ein recht kleines Zimmer im zweiten Stock, es war das einzige, das frei war, aber es ist hell mit einen Blick auf La Californie, es ist nett eingerichtet und hat ein großes Badezimmer. Wir trösteten uns über den wenigen Platz damit hinweg, dass sie das ganze Haus und den Garten nutzen könnte, das heißt, dass wir sie mit dem Rollstuhl spazieren fahren könnten. Was man eben so denkt. Wir dachten auch, dass sie hier mehr erlebe, als bei sich zuhause. Das ist zwar so, aber es ist ihr alles zu anstrengend. Schon, dass man sie ins Restaurant fährt, wo sie mit einer netten Dame am Tisch sitzt, ist ihr zu viel. Sie kann sich nicht unterhalten, sie hört nichts mehr. Es wurde ein Geburtstag gefeiert, es gab Kuchen und Champagner. Den Champagner trank sie gerne, der Rest hat sie genervt. Was sind das alles für Leute? Warum bin ich hier?

Der Transport vom Krankenhaus ins Altersheim war friedlich verlaufen. Wir haben sie begleitet und sie hatte verstanden, dass sie nicht nach Hause kam, sondern zunächst an einem anderen Ort wieder zu Kräften kommen und laufen lernen müsse. „Ich kann noch gut laufen“, empörte sie sich, „ich brauche nur jemanden an meiner Seite. Sagen Sie denen, ich will gerne gleich etwas im Garten laufen!“ Wir einigten uns darauf, dass wir ihr erst noch den déambulateur, den Gehbock, aus der Wohnung holen würden. Am ersten Tag war sie aufgeweckt, auch wenn sie vieles durcheinanderbrachte. Ihren Sohn habe sie in einer dramatischen Bombennacht in Avignon geboren, erzählte sie der Krankenschwester, die fragte, ob sie Kinder habe und ob sie noch deren Geburtsdatum wüsste. Nun, Monsieur ist erst weit nach Kriegsende geboren, aber wir wollen nicht so kleinlich sein. Was sind schon ein paar Monate.

Monsieur war gefallen und hat sich den Knöchel verletzt. Er litt Qualen, während der langen Krankenhausausgangs- und Altersheim-Aufnahmeprozedur und konnte danach keinen Schritt mehr humpeln, so ging ich nachmittags alleine noch einmal bei ihr vorbei.

Der von mir extra bei Casino gekaufte und mitgebrachte Baba au rhum war natürlich nicht der richtige. Bonne Maman hätte die Marke sein müssen. Sie hat ihn nicht aufgegessen. Es hätte mich auch gewundert, wenn ich einmal etwas hätte richtig machen können. Ich nahm es als gutes Zeichen, dass sie noch so anspruchsvoll und schwer zufriedenzustellen ist wie eh und je. Wir redeten ein bisschen belangloses Zeug, ich bat eine Krankenschwester, dass man ihr die langen Fingernägel schneiden möge (was am nächsten Tag geschehen ist) und saß lange an ihrem Bett. Als ich mich in der Besuchsliste am Empfang wieder austrage, muss ich zweimal die Uhrzeit überprüfen. Nur 30 Minuten war ich bei ihr gewesen. Es war mir wie zwei Stunden vorgekommen.

Gestern war sie apathisch und saß mit leerem Gesichtsausdruck schweigend im Bett, heute aber war sie missmutig und aggressiv. Sie hat wohl verstanden, dass sie nicht mehr nach Hause kommt, dass es nicht mehr wirklich aufwärts geht. Dass sie die Windeln nicht mehr los wird und dass sie mit dem Gehbock, der in einer Zimmerecke steht, nicht mehr durch den Garten laufen wird. Sie stritt sich mit Monsieur herum, der ihr die Handtasche „wegnehmen“ wollte und kramte dann wie immer stundenlang alle Papiere heraus, betrachtete sie und steckte sie wieder ein. Was soll sie sonst auch tun? Sie schaut nicht mehr fern, sie hört kein Radio mehr. Neue Menschen will sie, die immer so gesellig war, auch nicht mehr kennenlernen. Zuhause konnte sie immerhin noch ihr „Personal“ herumkommandieren und die beiden Damen einmal in der Woche bezahlen: immer ein großer Moment, wenn sie feierlich die Scheine aus der Brieftasche holte. Manches Mal weigerte sie sich auch: „Sie sagen mir nur, dass Samstag ist, damit ich ihnen Geld gebe! Aber ich lasse mich nicht übers Ohr hauen!“ Jetzt kann sie niemanden mehr bezahlen – oder vielleicht doch. Am Freitag wird ihre gewohnte Friseurin kommen, um sie zu frisieren. Vielleicht ist sie dann doch wieder jemand.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 11 Kommentare

Rund um den roten Teppich

Kleiner Spaziergang rund um den Ort des Geschehens. Blick vom Suquet. Ausblick aus dem C von Cannes. Unten sieht man meistens nichts. Limousinen mit getönten Scheiben. Menschen, Leitern, Sicherheitspersonal. Aber die Luft vibriert. Stars are in the Air. Wir nahmen direkt-indirekt teil an der Montée des Marches von Xavier Dolan und seiner Equipe; junger kanadischer Filmemacher, der seinen Film Matthias et Maxime vorstellte. Dann zum Strand, hier gibt es abends Open-Air-Cinéma. Tagsüber in gewisser Weise auch. Und das sozialkritische Foto. Was vom Abend übrig blieb: Die zertanzten Schuhe.

Und, wenn Sie noch wollen, kleiner filmischer Spaziergang mit der Autorin auch an weniger glamouröse Orte. Ab Minute 38:50. Viel Spaß!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 10 Kommentare

Im Krankenhaus

Nur ein paar Tage später bekam meine Schwiegermutter eine Bronchitis. Auf tragische Weise eigentlich. Sie hatte es, wie in letzter Zeit immer öfter, nicht mehr rechtzeitig zur Toilette geschafft. Früh morgens rief J. an, die ältere Dame, die meiner Schwiegermutter vormittags Gesellschaft leistet und sich gleichzeitig um die Wohnung kümmert (Aufräumen, Blumen gießen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, Bügeln); aufgeregt rief sie durch den Hörer: „Madame ist gefallen, ich kann sie alleine nicht aufheben!“ Wir fuhren in Windeseile zu ihr. Meine Schwiegermutter war frühmorgens auf dem Weg zur Toilette von ihrem dringenden Bedürfnis überholt worden und letzten Endes darin ausgerutscht. Es roch eklig in der Wohnung und ihre Ausscheidungen zogen eine Spur vom Schlafzimmer bis zum Flur, wo sie in ihren eigenen Exkrementen lag. Sie hielt sich seit Stunden tapfer und würdevoll in dieser erniedrigenden Situation. On glisse si facilement ici, entschuldigte sie sich. „Man rutscht hier so schnell aus.“ Wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, hätte ich gelacht. Ich band mir mein Halstuch um Nase und Mund, bückte ich mich und gemeinsam mit Monsieur hoben wir sie auf. Sie wiegt nicht mehr sehr viel. Wir setzten sie auf einen Stuhl. Immerhin hat sie sich nicht verletzt. Monsieur und die kleine Dame reinigten den Fußboden, die Teppiche und entkleideten, duschten und zogen meine Schwiegermutter, die nach solchen Aktionen immer lammfromm und reizend ist, wieder an. Wir sammelten die Handtücher, die Wäsche, die Bettvorleger und alles andere in große Plastiktüten und ich nahm alles mit nach Hause und wusch es dort, und noch ein zweites Mal mit Chlorbleiche gegen die Flecken. Um die müffelnde Wohnung durchzulüften, riss die kleine Dame alle Fenster und Türen auf. Meine Schwiegermutter saß eine Weile im Durchzug und bekam schwupps eine Bronchitis. Am nächsten Morgen lag sie schwach und fiebrig im Bett und röchelte nur noch. Die Hausärztin überwies sie in das nahegelegene Krankenhaus, eine Privatklinik. Hier lag sie letztes Jahr um diese Zeit schon einmal, und der Aufenthalt im Krankenhaus hatte seinerzeit ihre Verwirrung beschleunigt. Sie war und ist seit damals völlig durcheinander, was die Zeit angeht: morgens oder abends, tags oder nachts, gestern, heute oder morgen ist alles eins. Das Durcheinander bekam sie auch von einem Wecker mit großer Zeitanzeige im 24 Stunden-Modus nicht mehr in den Griff, und weder die Besuche der Krankenschwestern oder die von Monsieurs und seiner Tochter regelten ihren Tag. Oft rief sie nachts um 3 Uhr an und fragte leutselig, wann wir denn kämen, sie habe den ganzen Tag niemanden gesehen, weder die Krankenschwestern, noch J., die kleine Dame, seien gekommen. Wir sagten, es sei mitten in der Nacht und nicht der Moment, Leute anzurufen, wir und alle anderen kämen sicher am nächsten Morgen. „Dann nehme ich jetzt mein Frühstück“, sagte sie. Nach jedem Schläfchen war ein neuer Tag für sie. Mehrfach nahm sie ihr Frühstück ein, immer empört, dass schon wieder jemand vor ihr aus ihrer Tasse getrunken hatte und wieder etwas von dem weichen Kuchen fehlte. „Ich weiß es jetzt“, sagte sie eines Tages mit Entschiedenheit. „Es kommen morgens heimlich Leute und sie essen mein Frühstück auf!“

Jetzt ist sie wieder im Krankenhaus. Sehr schwach dieses Mal. Sie hat auch ein Problem mit dem Herzen wird festgestellt und zusätzlich zur Bronchitis hat sie Wasser in der Lunge. Ein paar Tage lang dachten wir, das wars, es ist das Ende. Monsieur schlief schlecht, saß stundenlang am Bett seiner Mutter, die nur stark röchelte und rasselte, und sich nicht mehr mitteilen konnte. Sie hing die ersten Tage an der Perfusion, hatte eine Sauerstoffmaske und bekam im Krankenhaus Windeln angezogen, denn aufstehen und zur Toilette gehen, kann sie nun nicht mehr. Aber langsam, kaum merklich wurde ihr Zustand besser. Sie röchelte weniger. Sprach wieder verständlich, wenn auch inkohärent („Ich verstehe nicht, warum ich noch arbeiten soll. Ich möchte jetzt wirklich nicht mehr arbeiten gehen!“). Aber weder konnte sie alleine essen noch ihr geliebtes Mobiltelefon benutzen. Sie hielt es in den Händen und drehte es in alle Richtungen, aber sie wusste nicht mehr, wie sie damit telefonieren sollte.

Monsieur und seine Tochter entscheiden zusammen mit der Ärztin, dass meine Schwiegermutter direkt vom Krankenhaus in ein Alters-/Pflegeheim kommen wird. „Zur Konvaleszenz“ sagen wir ihr. Nach Hause will sie, jammert sie zwar, aber dort wird sie nicht mehr hinkommen. Monsieur hat ein schlechtes Gewissen, er hatte ihr zugesagt, dass sie bis zum Schluss bei sich sein dürfe, aber er ist mit seiner Kraft auch am Ende. Seit einem Jahr unterstützen wir sie täglich, organisieren ihren Alltag, kaufen ein, fahren sie zu Ärzten, zur Bank und wo immer sie hinmöchte und verbringen Zeit mit ihr. Es ist nie genug. Sie ist anspruchsvoll und fordernd und nie zufrieden. Wir sind seit einem Jahr nirgendwohin gefahren, um im Falle eines Falles da zu sein. Noch mehr Hilfe schafft er/schaffen wir nicht. Als Monsieur vor ein paar Wochen erstmals ein Altersheim ansprach, hatte sie ihn noch zornig beschimpft und mit ihrer Handtasche geschlagen. Nie im Leben! Die Ärztin übernimmt es also, ihr die „vorübergehende“ Aufnahme im Heim zu vermitteln. Die Ärztin wird sie hoffentlich nicht schlagen. Das Heim ist, anders als ihre Wohnung, die am anderen Ende der Stadt liegt, nur durch einem Park von unserem Haus getrennt. In zwei Minuten zu Fuß können wir da sein. Es ist ein luxuriöses Heim mit schönen großen Zimmer, Blick auf die Stadt und mit einem Garten, und mit viel Personal. Die meisten, die „zur Probe“ kommen, sagt man uns im Heim, sind nach ein, zwei Monaten von den Annehmlichkeiten überzeugt. Nun, hoffen wir das. Wir sind auf jeden Fall erleichtert. Oder sagen wir, ich bin erleichtert. Monsieur trägt an seinem schlechten Gewissen. Von meinen Schultern aber fiel so eine große Last, als die Entscheidung für das Heim gefallen war! Ich war überrascht, es so stark zu spüren, ich wusste gar nicht, wie schwer die Situation auch für mich zu tragen war. Ich denke, wenn wir nicht mehr mühsam den Alltag meiner Schwiegermutter, die ja „niemanden braucht“, aufrechterhalten müssen, haben wir auch wieder mehr Energie und können anders mit ihr umgehen. Diese unsinnigen Streitereien darüber, dass sie die tiefgefrorenen Lebensmittel komplett aus dem Gefrierfach nimmt und in ihren Küchenschrank lagert zum Beispiel, wo sie dann aufgetaut vergammeln und Ungeziefer anziehen, bevor sie von uns weggeworfen werden, nur um umgehend wieder neu für sie einzukaufen, diese Streitereien, bei denen sie regelmäßig keifte Je suis chez moi, je fais ce que je veux ici! „ICH bin hier zuhause, ich mache, was ich will!“ (der kleinen Dame hatte sie zusätzlich noch mehrfach gesagt „und da ist die Tür, wenn es Ihnen nicht passt!“) und anderes dieser Art (ein brennender Putzlappen in der Mikrowelle, herumliegendes oder verstecktes Geld, versteckte Papiere, Rechnungen, Rezepte, Kreditkarten und die stets weit aufstehende Wohnungstür) gehören nun der Vergangenheit an.

Vorhin klingelte das Telefon. Meine Schwiegermutter hat ihr Mobiltelefon wieder im Griff. „Die geben mir hier kein Frühstück!“ beschwerte sie sich um 15 Uhr. Monsieur stöhnt und lacht gleichzeitig. Er hat den Nachmittag mit ihr verbracht. Langsam, ganz langsam ist sie auf dem Weg der Besserung. Sie hustet noch immer, aber sie hält den Löffel nun wieder selbst beim Essen. Sie will nicht ins Heim. Sie will nach Hause. Sie hat einen eisernen Willen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 7 Kommentare
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 27 28 29 weiter