Abschied von Paris

Oh ja, wir waren fleißig! Ein neuer „kleiner“ Duval ist da! Rechtzeitig für den Urlaub kommt hier für alle, denen die Zeit zwischen zwei Duvals zu lange wird, eine kleine Geschichte. In diesem Fall die Vorgeschichte. Nur als E-Book (es gibt Gratis-Reader, aber man soll es auch so am Rechner lesen können, ich habe es noch gar nicht probiert, so brandneu ist es noch!)

Abschied von Paris

Die kleine Ferienlektüre für fast gar kein Geld gibt es zum Beispiel —> hier.

Wir schreiben weiter … der 5. Duval soll ja rechtzeitig fertig werden, n’est-ce pas, und wünschen Ihnen allen einen schönen Sommer und bonne lecture!

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14. Juli – Nationalfeiertag

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WMDEDGT 7/2017

Bergdorf

Heute ist Tagebuchbloggen dran. Frau Brüllen fragt es jeden, jeden Monat am 5. : Was machst du eigentlich so den ganzen Tag? Heute mache ich mal wieder mit und erzähle es Ihnen: Ich bin in den Bergen.

6.17 Uhr wach geworden. Ich wollte früh wach werden (das klappt, wenn ich es mir vornehme!), ich will nämlich laufen.
6.30 Uhr Milchkaffee und zwei Stück Rührkuchen. Dazu gibts ein kleines bisschen Internetlektüre, und dann gehe ich los. Es ist noch vor Sieben Uhr und es ist hell, die Sonne ist aber noch nicht über die Berge gekommen. Ich laufe ein Stück eines GR-Wanderwegs, der teilweise neu gemacht wurde und richtig breit und toll geworden ist. Vorher musste man trotz der rot-weißen Markierung oft suchen, wo der Weg eigentlich verlief, so zugewuchert war er. Ich laufe bis zu einem verfallenen Hof, der früher der Familie von Monsieur gehört hat, durch Erbstreitigkeiten aber „verloren“ gegangen ist, da der Hof über Jahrzehnte leerstand, bewohnte ein Schäfer illegal das Wohnhaus und brannte es dabei leider ab. Seit Jahren laufe ich dorthin und konstatiere den zunehmenden Verfall der Ruinen. Es soll einmal das schönste Anwesen hier oben gewesen sein, und Monsieur hat als kleiner Junge dort bei seinem Onkel, der Kühe hatte, noch Milch geholt.

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Den Spaziergang habe ich gestern Abend schon einmal gemacht, aber da liegen der Weg sowie die Häuser auf der Schattenseite und ich wollte es gern bei Sonnenaufgang sehen. Normalerweise setze ich mich morgens gleich zum Schreiben an den Rechner, wenn ich erst anderes mache, bin ich schon raus aus dem Fluss und es passiert nicht mehr viel, schreibtechnisch gesehen, meine ich. Frühmorgendliches Spazierengehen kann leicht zur Prokrastination ausarten. Vor allem, wenn ich unterwegs noch Fotos mache. Gehen jedoch will ich einmal am Tag, denn ich habe Rücken vom unergonomischen Sitzen, das aufblasbare Gummikissen hilft nur bedingt, ebenso das halbherzig praktizierte Yoga. Gestern las ich in einem (englischen) Text, dass Autoren durch das ewige Sitzen generell dazu neigten, einen fetten A*** zu bekommen. Vermeiden könne man einen solchen durch Anschaffen eines Hundes und regelmäßiges Spazierengehen mit demselben. Hilft angeblich auch gegen Depression. Ich mache also Rücken-, Depressions- und A***prävention und das ganz ohne Hund.

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Um kurz vor Neun bin ich zurück. Es gibt einen zweiten Milchkaffee und eine Scheibe leckerstes Brot mit überraschender Marmelade, ich dachte, ich hätte ein Glas Johannisbeergelee aus dem Keller geholt, aber es war ein von mir irgendwann in grauer Vorzeit gekochter Ladwersch, wie man im (Süd?)-Hessischen sagt, oder Läckschmier andernorts: Zwetschgenmus. Sehr fein!

Beim Laufen ist mir tatsächlich eine ergänzende, zum gestrigen Text passende, Szene eingefallen, die ich jetzt schreiben werde.

Bis 11.40 Uhr geschrieben, dann die Nachbarin angerufen, ob sie mit mir Mittagessen will (sie hat mich schon so oft eingeladen und ich muss sie mal zurückeinladen, auch wenn das leicht zu weiterem Prokrastinieren ausartet; merke: das Kommunizieren und Sozialisieren in kleinen Dörfern ist verpflichtend, nur zurückgezogenes Schreiben geht auf Dauer nicht!). Sie räumt aber gerade mit einer Freundin die Scheune aus und sagt, wir wollen nicht „richtig“ essen, das dauert zu lang, wir picknicken quasi, komm mit deinem Essen zu uns hoch, und wir essen zusammen. Halb Eins ist ausgemacht. Mein Essen ist noch gar nicht fertig und ich mache in Windeseile eine Gemüse-Käse-Quiche und bereite einen Rhabarberstreuselkuchen vor, der aber noch nicht gebacken ist, weil der Herd so alt, so klein und mit Gas und überhaupt, da geht immer nur ein Ding gleichzeitig rein. Ich werde also zum Essen zur Nachbarin gehen und meinen Kuchen in ihren Ofen schieben, die Quiche ist auch noch nicht fertig für halb Eins, ich komme erst um Viertel vor Eins mit dampfender Quiche an, aber es ist wie immer in Frankreich. Halb Eins ist nur ein Näherungswert. Wir essen gegen Eins und plaudern, und um Viertel nach Zwei gehe ich wieder und lege ich mich zur Sieste kurz hin.

Um fünf vor Vier sitze ich wieder mit einem Kaffee vor dem PC. Geschlafen habe ich nicht, vielmehr im Liegen gedöst und nachgedacht. Wie sollen die kommenden Ferienwochen ablaufen, wo werde ich schreiben können, werde ich überhaupt schreiben können, wieviel bzw. wie wenig Präsenz meinerseits ist nötig beim Familienurlaub, ohne dass es unhöflich ist? Was mache ich mit der Katze? Lasse ich sie in Cannes, schleppe ich sie wieder hier hoch, nur damit sie sich hier mit der aggressiven Nachbarkatze herumschlägt und sich panisch unters Bett verkriecht? Ist durchgängig jemand in Cannes für die Katze? Ich habe über eine Woche gebraucht, um meine entzündeten Augen wieder zu beruhigen nach einer Woche Katzenhaushalt in Cannes. Die Desensibilisierung fängt erst nach der Rentrée, im September, an. Am Sommerhaus müssten vor der Ankunft aller Sommergäste dringend schnell noch Handwerker arbeiten – das würde mich verrückt machen nächste Woche. Das alles drehe ich in meinem Kopf herum.

16.24 Uhr eine Bekannte schreibt mir auf FB, ich antworte und klicke herum: oh Gott, sie haben „Die Moorsoldaten“ gesungen beim Staatsbegräbnis für Simone Veil.

Bis 18 Uhr überarbeite ich halb konzentriert das, was ich gestern und heute geschrieben habe.

Dann rufe ich einen seit Monaten kranken Freund an, der, weil ihm keiner helfen kann, nächste Woche zu einem Magnetheiler gehen wird. Ich kommentiere es nicht, aber er sagt selbstironisch, er sei gedanklich kurz vor der Pilgerfahrt nach Lourdes.

Ste Annedas ist nicht Ste. Bernadette, das ist Ste. Anne

Um Viertel nach Sechs behandle ich die abgefressenen Johannisbeerbüsche ein zweites Mal (vor zehn Tagen schon einmal) mit einem biologischen Spritzmittel, immerhin scheint es die noch nicht befallenen Büsche geschützt zu haben (und wir haben viele davon!). Die abgefressenen sind natürlich weiterhin kahl.

Danach gieße ich die Anpflanzungen der Kinder: Salat, Himbeeren, Erdbeeren und Mangold (nein ich weiß nicht, warum die Kinder ausgerechnet Mangold gepflanzt haben), und die drei kleinen Kirschbäume, und mittels Eimern gieße ich anschließend die Blumen, die die Gemeinde für das Dorf in hölzerne Blumentröge gepflanzt hat. Die ersten Tage habe ich dafür hunderte Meter Gartenschlauch aus und wieder eingerollt, aber das ist mühsamer als (sechs mal zwei) Eimer Wasser schleppen. Tatsächlich besitzen wir keine Gießkanne.

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Bis ich damit fertig bin, ist es 20 Uhr. Ich tippe hier, dann habe ich noch einen Berg Geschirr zu spülen. Essen werde ich die Reste der Quiche. Und beim Geschirrspülen und auch später höre vielleicht ich via Internet etwas Radio. Ich habe nämlich nichts mehr zu lesen, zumindest nichts, was mich wirklich interessiert.

Voilà, das war mein Tag.

Die anderen Tagebuchblogger gibts wie immer hier am Ende des Beitrags.

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Fünfeinhalb oder Baby it’s cold outside

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Diese Schäfchenidylle wollte ich Ihnen noch zeigen, das war allerdings noch vor meinem Abstecher an die Küste, jetzt sind die Schäfchen schon weitergezogen und die blühenden Wiesen, die ich Ihnen das letzte Mal noch zeigte, sind abgefressen. Aber so soll es ja auch sein, nicht wahr. Ich bin immer sehr gerührt von den Schafen, und dieses Jahr haben sie zwei Nächte unterhalb des Hauses verbracht, es war sehr romantisch, mit den leisen Geräuschen einer großen Tierherde einzuschlafen und sehr unromantisch, mehrfach in der Nacht vom nicht enden wollenden Gebell der Hütehunde aufzuwachen, die einen Fuchs oder eine Katze verjagen mussten, woraufhin die ganze Herde unruhig wurde und blökte und es laut bimmelte, weil die Schafe, die eine Glocke um dem Hals haben, sich schüttelten. Fliegen gab es auch ohne Ende. Ganz idyllisch, wie gesagt. Ich mochte es trotzdem.

sie kommensie kommen …

Jetzt bin ich zurück von meinem kurzen Küstenaufenthalt und war es mir dort zu heiß, ist es mir jetzt hier zu kalt. Die weiß auch nicht, was sie will, denken Sie jetzt vielleicht, aber der Temperaturunterschied beträgt etwa 25°C und ich war hier, kaum aus dem Auto gestiegen, schon erkältet. Fünfeinhalb fünfeinhalbGrad gestern Morgen kurz vor Acht. Heute sagenhafte sechs Grad. Nur zum Vergleich, in Cannes waren es morgens um Acht ungefähr 28°C. Abends um 23 Uhr auch übrigens. Dazwischen wurde es etwas wärmer. Das heutige Temperaturhoch in den Bergen lag bei 13°C. Feuer machen kann ich nicht, weil es zu stark windet. Der Schornstein ist eine Fehlkonstruktion, er ist zu niedrig, und bei Wind zieht der Rauch nicht etwa ab, sondern der Wind bläst ihn schön in den Raum hinein. Falls Sie je einen offenen Kamin bauen wollen, denken Sie daran, den Schornstein höher als das Dach zu bauen.

KahlfraßNächste Überraschung, die Johannisbeerbüsche sind komplett abgefressen und streckten mir ihre kahlen Äste hilflos entgegen. Raupen ablesen heißt es in jedem Ratgeber, aber ich fand keine einzige Raupe mehr, stattdessen flatterte schon ein Schwarm weißer Schmetterlinge hervor. Es ging wohl schnell mit den Raupen und der Verpuppung, und ich denke an die kleine Raupe Nimmersatt. Hier hat sie ganze Arbeit geleistet. Eric Carle hatte vermutlich keinen Garten.

Ich hatte viele frische Zutaten eingekauft, um mir schöne sommerlich-leichte Salate zu machen, aber jetzt ist es so kalt, dass ich daraus abends warme Gemüsesuppen koche.

KaltIch habe außerdem drei Schichten übereinander an und eine Wärmflasche auf den Knien. Die Wolken allerdings sind beeindruckend.

WolkeSchönen ersten Juli!

Und hier die Musik zur Überschrift: Baby it’s cold outside!

 

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Flohmarkt

Am bisher heißesten Tag des Jahres …

Flohmarkt

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La canicule und Gedankenmäander

Emiliedie Enkelin, entspannt, nach der Schwimmgala

Nein, keine kühlen Bilder aus den Bergen, ich sitze und schwitze seit einer Woche in Cannes. Es ist la canicule. Eine Hitzewelle. Der heißeste Juni seit wann auch immer. Hat nicht nur Südfrankreich erwischt, und selbst Teile Deutschlands scheinen betroffen, wie ich höre. Familiäre (s. o.) und andere Verpflichtungen haben mich aus der Bergwelt in das feuchtheiße Klima an der Küste geholt. Schon eine Woche lang schwitze ich und ächze  und jammere und bin aggressiv, ich kann ja alles jenseits von 25°C nicht mehr so richtig gut aushalten und hier dauert dieses Wetter ja unendliche drei Monate, ohne jedes abkühlende Gewitter. Schwimmen im Meer gehe ich jetzt morgens um Sieben. Die Kühle hält dann einen kleinen Moment an, vorausgesetzt, man geht vor Acht wieder aus der Sonne. Danach sitzt man leicht bekleidet in abgedunkelten Wohnungen, trinkt viel (wir werden via Radio und Fernsehen ständig ermahnt, auch ja zu trinken, ich hingegen muss Monsieur ermahnen, dass er nicht alle Flüssigkeit ausschließlich in Form von Kaffee und Rosé zu sich nimmt), bewegt sich hingegen möglichst wenig und öffnet und schließt die Fenster- und die Fensterläden der Sonne folgend, bis dass man gegen 23 Uhr alles aufreißt, in der Hoffnung auf ein Lüftchen, das nicht kommen will. Was kommt sind die Schnaken und morgens um Drei ein Auto, das in unsere Gartenmauer rast. Die Nächte sind, mal abgesehen von der Luft, animé, wie man hier sagt: bewegt. Und laut. Sehr laut. Jeden Tag denke ich, dass ich über die Stille schreiben muss. Es ist mein Thema. Der Lärm, meine Lärmempfindlichkeit, das Bedürfnis nach Stille. Überhaupt würde ich gern sooo viel sagen. Aber ich muss ja anderes schreiben, weshalb so vieles an dieser Stelle nicht geschrieben wird. Über das, was ich am Strand finde zum Beispiel. Letztes Jahr sammelte ich Blau, darunter waren viele Mosaiksteinchen eines vermutlich abgesoffenen Schwimmbads, dieses Jahr Weiß. Rot gibt es tatsächlich ganz selten. Ich habe einmal eine schöne, rundgewaschene und knallrote Scherbe gefunden, da sie aber immer alleine blieb, flog sie irgendwann wieder weg. Hätte ich nicht tun sollen, aber da wusste ich noch nicht wie wertvoll vor allem rote Scherben sind (via Buddenbohm, denken Sie sich schon).

weiße Scherben römisch? drei Farben Blau Fundsachen Blau

Bei Buddenbohm fand ich auch den Text, dass er seine Jungs jetzt zum Einkaufen schickt, damit sie Rechnen lernen und überhaupt. Beim Lesen erinnerte ich mich plötzlich an früher und an eine Nachbarsfamilie A., an den stark sächselnden Dialekt von Herrn und Frau A., an den Vornamen des Sohnes: Michael, der auch, aus ähnlichen Gründen, schon in den späten Sechziger Jahren (mithilfe der Werbezettel im Briefkasten) zum Einkaufen geschickt wurde, und: ich war soooo neidisch! Ich hätte das auch so gerne gemacht, aber ich durfte nicht! Nur, weil ich noch nicht rechnen konnte, ph! Ich kann heute noch nicht rechnen, wenn wir es genau nehmen wollen. Einmal bat mich die Tochter (im Grundschulalter) einer Freundin darum, ihr zu Übungszwecken Rechenaufgaben zu stellen, mehr und immer mehr wollte sie, und immer „schwerer“ sollten sie werden; das war für mich schwieriger als für sie. Ich staunte, dass man Spaß haben konnte 47-18 rechnen zu wollen. Dsykalkulie. Dass ich weiß, dass und warum ich nicht rechnen kann, verdanke ich einem frühen Text bei Smilla (und den weiterführenden Links), die gerade wundervolle Fotos von Istanbul zeigt.

Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen, denn als ich eben schrieb, Herr Buddenbohm schicke seine Kinder zum Einkaufen, hätte ich beinahe „zum Bier holen“ geschrieben. Das ist aber eine andere Geschichte, die von Werkmeister Scheel nämlich, der im Untergeschoss der Phil-Fak an der Uni Mainz für die Buchwissenschaftler eine kleine Druckerei sehr selbstherrlich führte (unter anderem hielt er beharrlich seine Frühschicht ein, und wer was von ihm wollte, und selbst wenn es der Institutsleiter war, der musste schon frühmorgens zu ihm in die Druckerei kommen), und uns, dort Praktikum machende Studis, morgens gleichmal zum Bier und Fleischwurst holen schickte, damit wir die richtige Arbeitswelt kennenlernen. Und dann gabs ausgiebiges Vesper, und wenn Werkmeister Scheel seine erste Flasche Bier abgekippt hatte, wurden seine Hände wieder ganz ruhig, und er konnte auch den fitzeligsten Viertelgeviertstrich in unseren Handsatz einfügen. Daran musste ich denken, an die Welt von Werkmeister Scheel nämlich, an die Kondome, die dort an der Pinnwand hingen und wie unwohl ich mich dort gefühlt habe. Einerseits solidarisch, denn mein Vater arbeitete auch in einer Druckerei, ich kannte also den Geruch von Farbe und Lösungsmitteln, den Lärm der Druckmaschinen, die Arbeits- und Männerwelt der Drucker und deren Spinde, die mit irgendwelchen Busenwundern vollgeklebt waren. Andererseits snobistisch, denn ich war Studentin, und Kondome an der Pinnwand und Bier und Fleischwurst zum Frühstück waren nicht meine Welt. Wie gut kennen wir Menschen jenseits unserer „Filterblase“, wie das heutzutage heißt?! Kennen wir sie überhaupt? Reden wir mit ihnen? Also so richtig? Interessieren wir uns wirklich für ihr Leben, für ihre Sorgen? Verstehen wir sie? Können wir sie überhaupt verstehen? Ein Chefredakteur nimmt an einem Gesprächs- und Streitexperiment mit Menschen jenseits seiner „Filterblase“ teil, das ist nett, aber trotz der ironisch-reißerischen Überschrift („Sie glauben nicht, was dann geschah“) geschieht nicht viel. Viel geschieht hingegen bei Henning Sußebach, der durch Deutschland wandert. Bis zum Schluss kein falscher Ton. Habe ich gerne gelesen.

Und auch wenn es nachgemacht aussieht (Musik am Ende des Beitrags meine ich), ich will schon lange dieses Lied veröffentlichen, und in einer halben Stunde ist immerhin Johannistag, la fête de Saint Jean.

Zuerst habe ich es aber in dieser Version gehört

und auch das brachte etwas in meinem Kopf zum Klingen – das habe ich doch schon auf Deutsch gehört, dachte ich – ich suchte und suchte und ich glaube, es ist ein Song von Element of Crime. Erst dachte ich, es ist „Weißes Papier“ und dann „Draußen hinterm Fenster“ und je länger ich die CD höre, desto weniger denke ich, es ist „nur“ ein Lied, sondern es ist vielleicht die Stimmung auf der CD „Weißes Papier“?! Was meinen Sie? Sind Element of Crime Kenner unter uns?

Nachtrag: Dank Herrn B. haben wirs wohl gefunden: „Kaffee und Karin“ merci dafür! – wird daher hier zusätzlich verlinkt,

und auch wenn der Text damit am Ende etwas EoC-lastig wird, bekommen Sie noch gratis ein ganzes Konzert dazu :D Und eine Widmung gibts für Arne P. aus HH, der mir EoC kurz vor Ende des letzten Jahrhunderts auf die Ohren gab!

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Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung

Vor Sonnenaufgang …

vor Sonnenaufgang

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Gerade ist die Sonne über die Berge gekommen und es wird hell, die Schafe blöken und bimmeln schon eine Weile, die Vögel zwitschern sogar schon seit Stunden. Gestern dachte ich, ich müsse mal das Wortfeld „summen“ erstellen. All diese Insekten, die hier durch die Gegend surren und sirren und zirpen und brummen und summen, mir fehlt es da wirklich an adäquaten Worten für diese kleinen Geräusche der Stille. Die Stille ist ganz schön laut, wenn man mal hinhört, schon allein dieses durchdringende Vogelgezwitscher frühmorgens.

Sonne

Cime de pal

Und die pfeifenden Murmeltiere abends. Neulich schrie eines so lange, bis ich dachte, ich muss mal schauen, was dort passiert, vielleicht kreist ein Adler. Aber ich zumindest sah keine direkte Gefahr, die das Murmeltier veranlasste, so ausdauernd schrill zu pfeifen.

Wege

Suchbild mit Murmeltier …Murmeltier(in der Mitte über dem Geröllhaufen; näher kam ich nicht ran mit dem Zoom)

Ich bin in den Bergen. Es ist alles wie immer. Lange kein Internet, Ärger mit der Telekom und stundenlanges Telefonieren mit irgendwelchen Technikern, vergebliche Versuche, die defekte Livebox auszutauschen, wozu ich jedes Mal drei Stunden in der Gegend herumfahren muss, aber die neue Box wurde nie geliefert. Aber dann hatten die Götter ein Einsehen und wir wissen nicht warum, eines Morgens war das nervöse rote Geblinke der angeblich defekten Livebox weg und es strahlte mich dieses durchgehende kleine hellgrüne Lichtlein an. Es ward Internet! Wir danken wem auch immer dafür. Ich habe zumindest der Heiligen Anne, der Schutzheiligen hier oben, frische Blumen gepflückt.

Seitdem ist die Welt wieder näher gerückt, mit den Attentaten und den Parlamentswahlen, ich fand es tatsächlich wunderbar erholsam, das alles gar nicht mitbekommen zu haben. Mein kleines Leben hier oben mit Holz holen und Unkraut herausreißen und Wiese mähen und wilden Spinat sammeln und daraus eine Tarte herstellen und mit der Nachbarin Brot backen – ich finde es zutiefst wohltuend, erdend und sinnstiftend.

wilder Spinatwilder Spinat (wächst hier, dank der Schafe, wie blöd): Chénopode Bon-Henri

Spinattarte

bon appetit

Dinkelbrotpetit épeautre ist Dinkel Einkorn (danke Regina!)

fünfzehn StundenBrot backen ist eine langwierige Angelegenheit, insgesamt dauerte es 15 Stunden, plus eine Stunde backen – dank der Nachbarin gab es schon angesetzten Sauerteig

leckermein erstes selbst gebackenes Dinkel-Sauerteig-Brot – es ist sooo köstlich, ich will nie wieder etwas anderes!

Den Rest will ich gar nicht wissen. Ach so, schreiben tue ich noch. Das ist ja der eigentliche Sinn meines Bergaufenthalts. Ungestörtes Schreiben. So ungestört ist man hier ja aber dann doch nicht. Von wegen Einsamkeit. Alle Wanderer der Welt kommen hier vorbei und plaudern, gestern nächtigten einige nebenan unter freiem Himmel, wie schön ist die Natur, aber das Smartphone durfte ich ihnen dann doch aufladen. Man wandert ja nicht mehr mit Karte.

Als ich hier oben ankam, hatten manche Bäume noch keine Blätter und auf den Wiesen blühten noch die Schlüsselblümchen und kleine Vergissmeinnicht. Dann regnete es tagelang und es war eher frisch, ich saß morgens mit Wärmflasche am Holztisch und trank meinen Kaffee. Abends machte ich Feuer im Kamin. Dann explodierte der Frühling und die Bäume bekamen Blätter, und die Wiesen wurden bunt und wuchsen, wie überhaupt alles Kraut und Unkraut, quasi über Nacht kniehoch, an manchen Stellen in unserem Garten wuchs es hüfthoch, und ich mähte Schneisen hinein, denn die Enkelkinder von Monsieur haben das letzte Mal, als sie hier waren, Salat und anderes gepflanzt, das soll ich doch bitte gießen.

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K800_DSC02772Wiesensalbei (salvia pratensis)

Wiese

Um aber überhaupt ans untere Grundstücksende zu kommen, musste ich mir erstmal Wege schaffen. Der Salat war natürlich noch winzig klein, teilweise aber schon vom Hirsch weggefressen und der Rest zugewuchert. Gießen allein tat es also nicht. Aber jetzt wachsen die Salatpflänzchen brav (wir werden demnächst eine Salatschwemme haben), anders als die Erdbeeren, die Himbeeren und der Mangold, die ich zwar auch vom Unkraut befreit habe und allabendlich gieße, die aber insgesamt eher schwächeln. Die Johannisbeerernte sieht auch mager aus für dieses Jahr, und nur an den drei kleinen neuen Kirschbäumen hängen erstmals vier bis fünf noch grüne Kirschen.

im Garten

SalatSalat (hirschgeschützt)

Iris

Lilie

Kirschen

Schafe habe ich noch nicht dokumentiert dieses Jahr, dafür verweise ich Sie auf den wundervollen Artikel von Friederike vom Landlebenblog, und wenn Sie wissen wollen, was das Spazierengehen im Grünen so mit einem macht, den Kopf nämlich nicht frei sondern voll, dann lesen Sie mal beim neuen Burgenblogger rein. Ich folge den unterschiedlichen Damen und Herren auf der Burg Sooneck (und den Problemen am Mittelrhein) schon seit drei Jahren, den diesjährigen Burgenblogger (und seine Schreibe) mag ich besonders gern.

Stuhl

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Korsika – dritter Teil: C’est beau la Corse!

Cargèse. Cargèse sei ein pittoreskes Fischerdörfchen, sagt die offizielle Seite des Office de Tourisme, und der Ort sei „geprägt“ von der griechischen Ansiedlung, die es im 17. Jahrhundert gegeben habe. Es gibt auch noch immer eine griechisch-orthodoxe Gemeinde neben der katholischen, die zur Zeit (laut meinem Reiseführer) beide vom gleichen Pfarrer (in zwei Kirchen) betreut werden. Gelebte Toleranz ist also möglich in Cargèse, das in der heutigen Zeit viel mehr von einer anderen Geschichte „geprägt“ ist: ich verlinke nur mal einen Artikel aus einer französischen Zeitung oder diesen aus der NZZ. Ein Dorf hüllt sich in Schweigen. Dass man in Korsika über vieles nicht offen oder auch gleich gar nicht sprechen kann, macht den dunklen Teil dieser sagenhaft schönen Insel aus. Wenn manK800_DSC02561 K800_DSC02243einmal den Blick „dafür“ hat, dann sieht man Straßenschilder bei denen der französische Name der Städte geschwärzt oder gar zerschossen ist mit anderen Augen, ebenso die verklausulierten und nur manchmal übermalten Inschriften an Wänden: IFF oder IAF „I Francesi fora“ oder wahlweise „I Arabi fora“:  Franzosen raus oder Araber raus. Es gibt aber auch noch „direktere“ Graffiti, ich habe sie nicht fotografiert.

Ach,  das sei gar nichts, sagen die, die schon vierzig Jahre oder länger dort leben, früher hätten sie wirklich Angst gehabt, heute würden sie eben nur manche Orte meiden, Cargèse zum Beispiel, und dann erzählten sie mir Geschichten von früher und danach konnte ich nicht mehr schlafen.

Und dabei ist es dort so schön.

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Mit dem Wind kamen blaue Segelquallen – sie kommen jedes Jahr um diese Zeit angeschwemmt, sagte man uns, sie verblassen an der Luft und verwesen – es riecht zwei, drei Tage etwas fischig, dann ist alles vorbei.

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Es blüht am Strand.

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Möwenmahlzeit.

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Von dort machten wir einen kleinen Ausflug in die Berge.

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Außerhalb der Dörfer laufen dort Kühe auf den kurvigen Bergstraßen einfach so herum, manchmal sieht man vorher Kuhfladen auf der Straße, das ist ein deutliches Zeichen und man fährt dann besser langsam, manchmal kommen auch die Kühe zuerst, manchmal sind es auch schwarze Schweine oder Ziegen.

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Suchbild mit Ziege.

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Gut, dass ich schon so viel Bergstraßenerfahrung habe, aber es gab immer wieder Begegnungen mit Reisebussen, da ging es minutenlang nur Millimeterweise voran und aneinander vorbei. Und das außerhalb der Saison, ich möchte gar nicht wissen, wie das im Sommer ist.

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Wir fuhren runter nach Porto. Ist aber schöner von oben, finde ich.

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Von dort ging es wieder bergauf durch die „Calanches“, eine bizarr geformte Felslandschaft, und genau wie von der Küste in Propriano gelang mir kein einziges Foto, von den Felsen, die aussehen wie Hunde, Dinosaurier und was weiß ich.

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Am nächsten Tag ging es in aller Frühe zurück nach Ajaccio. Auf dem Markt kauften wir schnell noch Käse, Honig und Figatelli, und dann gings schon auf die Fähre.

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Korsika hat mich wirklich umgehauen mit seiner Schönheit, und ich bin ja wirklich schon verwöhnt. Ich hätte nicht geglaubt, dass mich eine Gegend so beeindrucken könnte. Korsika ist etwa so wie die Côte d’Azur oder der Var UND gleichzeitig das Hinterland, lieblich und rau, und alles liegt so dicht beieinander: traumhafte Strände, eindrucksvolle Berge (die Berge gehen bis an den Strand), viel Natur, verschlafene Bergdörfer, quirlige Städte. Ich komme bestimmt wieder. Den Norden muss ich ja auch noch anschauen. C’est beau la Corse!

Zurück von Korsika wollte ich mehr wissen und begann zu lesen:

lenquete corse „L’enquete corse“ ist eine amüsante BD (bande dessinée/ein Comic), angeblich voller Klischees, die aber in Wirklichkeit gar keine Klischees sind; wurde mit Jean Reno und Christian Clavier unter dem gleichnamigen Titel auch verfilmt; Kenner der Szene finden den Film „leichter“ als die BD.

Ich habe außerdem angefangen, Jerôme Ferrari zu lesen, der eine Korsika Trilogie verfasst hat;** es ging mir mit dem Text ein bisschen so wie früher mit französischen Filmen: ich sah sie auf Französisch, verstand nicht alles und sah sie mir daher auf Deutsch an, und die deutsche Synchronisation passte dann irgendwie nicht mehr. Außerdem wurde das, was ich im Französischen nicht verstanden habe, im Deutschen nicht mal übernommen oder völlig anders ausgedrückt. Die Lösung ist also, die französischen Filme einfach so oft anzuschauen, bis ich sie verstehe (oder weiterhin und wie in meinem ganzen französischen Leben mit einer gewissen Ungewissheit zu leben) –

Ferraris Texte schienen mir zu kompliziert, zu gewaltig die Sprache, zu lang die Sätze, also habe ich mir die deutsche Ausgabe von Balco Atlantico und die Predigt auf den Untergang Roms (Sermon sur la chute de Rom) bestellt und : die deutsche Übersetzung, obwohl sicher ausgezeichnet (sagen zumindest alle) kommt mir unpassend vor. Irgendwas legt sich da quer. Ich lese jetzt also doch wieder auf Französisch, so lange bis ich es verstehe, auch wenn es (mir so zu) langsam geht. Es beruhigt mich, dass manch ein Leser das auch mit der deutschen Ausgabe erlebt – das Langsamlesen müssen.

** die französische Ausgabe ist übrigens beim Verlag Actes Sud in Arles erschienen; die Verlegerin ist jetzt unsere Kulturministerin geworden (Danke für den Link an Marion!)

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Zwischendurch aus Cannes

Es gäbe so viel zu schreiben, über unseren neuen Präsidenten und seine Minister (unter uns, der junge Präsident macht seine Sache gar nicht schlecht bisher, nur die Politiker, die sich nicht daran gewöhnen können, dass rechte und linke Politiker freiwillig zusammenarbeiten wollen, maulen und schmollen jeweils in ihrer rechten und linken Ecke).

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Dann ist hier wieder Filmfestival, das 70. sogar, und es geht einfach so an mir vorüber, dabei wollte ich wenigstens die knallroten Plakate fotografiert haben, über die im Vorfeld polemisiert wurde, weil man die darauf abgebildete 21 jährige Claudia Cardinale mit Photoshop bearbeitet hat: sie war nicht dünn genug für heutige Verhältnisse!

Cannes 2017Wie dünn man sein muss, zeigt ein anderes Plakat, da könnte ich heulen, aber immerhin ist Agnes Jaoui in all ihrer Rundlichkeit Teil der Jury und sehr sichtbar!

Claudia Cardinale aber, um das auch zu sagen, fühlt sich nur geehrt, dass man sie für das Plakat gewählt hat und findet die „künstlerische“ Bearbeitung nicht weiter tragisch, sie sei vorgenommen worden, um die „Leichtigkeit des Tanzes“ zu betonen. Da würde Journelle vermutlich toben, die neulich ein süßes Ballettfoto von sich unter dem Hashtag #fatballerina veröffentlicht hat. Das Foto gibts auf Facebook und vielleicht auch anderswo, ich wollte es nicht einfach so rüberziehen.

Das wissen Sie vielleicht alles auch schon, ich bin ein bisschen zu spät, man kommt zu nichts, der Schreibtisch explodiert und das Leben will ja auch noch aktiv gelebt werden. Wobei so viel gar nicht passiert, das frühe Aufstehen zehrt, die Allergie auch (es ist die Katze! Katastrophe!) und wenn ich nach drei Wochen Abstinenz wieder schwimmen gehe, macht mich das für den Rest des Tages so unendlich müde, es ist wirklich ein Elend. Nicht lustig in diesem Jahr, diese drei A’s: Aufstehen, Allergie, Älterwerden.

In ein paar Tagen geht es mit der Autorin zum Schreib-Retreat in die Berge, es wird vermutlich eine Internetlose Zeit, so ganz ist das noch nicht klar. Insofern bleiben mir nur wenige Tage, um den Korsika-Reisebericht fertig zu machen und dann wird es, wie so oft im Sommer, hier wieder etwas ruhiger. Sie verstehen das und bleiben mir dennoch gewogen, hoffe ich.

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Korsika – la suite

Es blieb bedeckt und regnerisch in Ajaccio.  Blick aus unserem Fenster im sechsten Stock (kein Aufzug!) des Hauses ganz nah am Strand und an der Zitadelle.

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Nicht schlimm, nach einem kleinen Frühstück am Hafen mit einer nahrhaften Ambrucciata (ein süßes Stückchen auf Brocciu-Basis; der korsische Schafs-Frischkäse begegnet einem in sämtlichen salzigen und süßen Speisen) das wir vorher auf dem Markt gekauft haben  …

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besichtigten wir als erstes das Geburtshaus von Napoleón Bonaparte. Nett gemacht, erinnerte mich ein bisschen an Goethes Haus in Weimar, es gab einen guten Audioguide, aber es blieb nichts hängen, leider, schon im Souvenirshop verwechselte ich die Gattin Napoléons mit seiner Schwester und Napoéon I mit Napoléon III.  Die gesamte Familie ist auf jeden Fall in Ajaccio stets präsent.

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Ha! Ein In-door-décrottoir

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Spaziergang durch die Stadt bis zum Denkmal von Napoléon I

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Später Besichtigung der Kathedrale (hier wurde Bonaparte getauft), dem Musée Fesch (Sammlung der Gemälde, die die Bonapartes anderswo „mitgenommen“ haben), am nettesten fand ich die korsische Malerei im Untergeschoss –

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und noch schnell den Lesesaal in der Stadtbibliothek angesehen. Napoléon ist natürlich auch hier.

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Dann etwas ausruhen, natürlich im Grand Café Napoléon am Cours Napoléon (man beachte das „N“ auf dem Stuhlkissen) bei Orezza (korsisches Mineralwasser) und Pietra (korsisches Bier).

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Nach einem sehr feinen Menü in einem kleinen Restaurant (Geheimtipp!) ging der Tag zu Ende. Am nächsten Tag ist der Himmel blau, aber es ist ziemlich windig.

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Wir frühstücken trotzdem am Hafen mit einem weiteren Freund Monsieurs, dann weiter zu dessen Gattin, die uns zu einem zweiten Kaffee erwartet – direkt an der Route des Sanguinaires, die am Meer entlang bis zu einem Naturschutzgebiet führt, an dessen Spitze mal wieder ein Genueserturm steht, und von wo man einen tollen Blick auf die vier Iles Sanguinaires haben soll. Es hat aber so dermaßen gestürmt, dass wir den Aufstieg zum Turm abgebrochen haben.

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Dann ging es weiter nach Cargèse …                               wird fortgesetzt

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Korsika

Jetzt aber. Ich erspare Ihnen (und mir) für einen Moment die Politik und widme mich unserem jüngst vergangenen Ausflug. Urlaub wäre zu viel gesagt. Sechs Tage waren es nur. Aber sie waren intensiv und vollgepackt. Monsieur war als junger Mann vor vielen Jahren mit seiner kleinen Familie in den Süden Korsikas gezogen und hat dort in einem kleinen Bergdorf gearbeitet, es wurde ein zweites Kind dort geboren, es war eine bewegte Zeit, und die Familie hat Korsika vor gut zwanzig Jahren wieder verlassen. Monsieur wollte Orte von „früher“ aufsuchen und Freunde wiedersehen und mir gleichzeitig „sein“ Korsika zeigen: den Süden dieses Mal.

Sonnenaufgang Port Vecchio

Wir haben die Fähre abends ab Nizza genommen und kamen kurz vor Sonnenaufgang in Porto Vecchio an. Porto Vecchio lag noch vollkommen im Tiefschlaf, so dass wir, nach einem Frühstück am Hafen, im einzigen (und vermutlich extra wegen der Fähre) geöffneten Café, schnell nach Bonifacio weitergefahren sind. Bonifacio ist diese Stadt, die auf den ausgewaschenen hellen Kalkfelsen liegt. Wir waren schon kurz nach 7 Uhr dort, die Stadt war auch noch recht schläfrig, ein paar Marktstände wurden gerade aufgebaut, ein paar Läden wurden beliefert, und nur wir schlenderten alleine durch die erwachende Oberstadt. Alleine ist man hier wohl selten, zu spektakulär ist der Ort, insofern genossen wir, die Stadt für uns zu haben, wenn auch zu so früher Stunde noch nichts besichtigt werden konnte.

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Auch die lange Treppe entlang der Klippen war noch gesperrt. Aber wir standen am äußersten Zipfel der Altstadt, direkt über den Klippen, und hatten auch so schöne Blicke.

Blick

Klippen

Blick nach unten

mit Möwe

Und dann gingen wir zum Friedhof.

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Und dahinter ging es auch noch weiter.

Leuchtturm

Als die Parkplätze sich zu füllen begannen, fuhren wir schon weiter Richtung Propriano. Museum Prehistoire Aber zunächst machten wir Halt in Sartène, um ein Prähistorisches Museum zu besuchen, das es zu Monsieurs Zeit noch nicht gab. In dieser Ecke Korsikas gibt es nämlich jede Menge Dolmen und Menhire, und tatsächlich hätte ich danach gerne wenigstens eine der Stätten Cauria oder Filitosa besucht, aber dafür hatten wir nicht genug Zeit, das müssen wir dann beim nächsten Mal machen. Wir aßen in Propriano am Hafen zu Mittag, plauderten mit Monsieurs ehemaligen Berufskollegen und fuhren zum Schwimmen nach Campomoro, ein im Sommer wohl ebenso sehr beliebter Ort, aber wir waren, so früh im Jahr, fast alleine in der schönen Bucht, und wir schwammen in glasklarem Wasser mit Blick auf schneebedeckte Berge. Ziemlich grandios.

Campomoro

Campomoro

In Campomoro gibt es, wie fast überall auf Korsika, einen der runden Genuesertürme,  Befestigungstürme, aus der Zeit, als die Insel zum Königreich Genua gehörte: siehe auf dem Foto unten links. Man kann da auch hinwandern. Haben wir nicht gemacht, aber Hilke Maunder, die letztes Jahr ganz Korsika bereist hat, und deren Beiträge ich vorbereitend gern gelesen habe, hat die Wanderung unternommen.

Campomoro

Abends gabs Essen und aufwühlende Gespräche bei Freunden. Am nächsten Morgen nahm uns der Freund mit aufs Wasser, es war bedeckt, aber wir machten trotzdem mit seinem Boot eine schöne Küstentour entlang der bizarren Felsformationen, die sich sekündlich in andere Gestalten verwandeln, das glaubt  man zumindest, und von denen ich zwar gefühlt tausend Fotos gemacht habe, keines davon aber gelungen finde. Das Meer war spiegelglatt, man hätte meinen können, wir machten eine Tour auf einem Bergsee.

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Danach fuhren wir in das Bergdorf, in dem Monsieur gewirkt hatte und machten Überraschungsbesuche. Mir ist so etwas immer schrecklich unangenehm, aber Monsieur, ganz Franzose, hat kein Problem zur besten Essenszeit „Coucou, c’est nous!“ zu rufen und tatsächlich rufen die Menschen begeistert zurück „Oh! Das ist ja Monsieur! Was für eine Überraschung! Kommt esst mit uns …“, und wir bekommen Stühle und Teller hingeschoben und Essen aufgetischt und man fragt „wie lange ist es her?“ und erinnert sich, und wie hat sich die Straße verändert, früher war hier ein Feldweg, sogar ich erinnere mich, auf einem Foto eins der damals kleinen Kinder auf einem Esel reitend gesehen zu haben, und jetzt ist hier eine zweispurige Straße und ja, manches ändert sich auch hier,  und man fragt gegenseitig nach X und nach Y und Z, und Z ist gestorben, ach ja. Und die Tochter ist nach Ajaccio gezogen.

Wohnhaus

Später ziehen wir weiter, Monsieur will noch andere Menschen sehen, wir verabreden uns in einem Café auf dem Weg nach Ajaccio. Und fahren durch wundervolle grüne Landschaft, alles ist so konzentriert auf Korsika, die Berge sind hier nur eine Viertelstunde vom Strand entfernt und Monsieur zeigt mir (s)einen „geheimen“ Strand, der (man hätte es am dorthin führenden Pfad erkennen können) heute nicht mehr ganz geheim ist, zwei Gruppen picknicken dort und Kinder kreischen und schwimmen und Monsieur findet es nicht mehr ganz so idyllisch wie früher.

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schwarzer Strand

Wir plaudern dann im Café mit weiteren Menschen „von früher“ und es geht weiter mit „wie lange ist es jetzt her?“, und plötzlich setzt sich eine jüngere Frau an unseren Tisch – eine frühere Freundin von Monsieurs Tochter, sie hat Monsieur erkannt, und ich „erkenne“ sie, weil sie eine der Partner suchenden Kandidatinnen der Fernsehserie L’amour est dans le pré war. Es ist komisch, jemandem gegenüber zu sitzen, von dem man so viele private Details weiß, die einen wiederum aber überhaupt nicht kennt. Ich starre sie die ganze Zeit an und frage dann doch so vertrauensvoll, als hätten wir schon viel Zeit miteinander verbracht: „Was macht denn der Bretone?“ Sie lacht und winkt nur ab, „ach, der Bretone“. Und ich erfahre dann doch keine aktuellen Einzelheiten aus dem Liebesleben von Solange.

Und dann fahren wir noch weiter nach Ajaccio und besuchen einen Freund von Monsieur, mit dem ein engerer Kontakt besteht und den ich auch kenne, so dass die Gespräche etwas weniger Erinnerungslastig sind, und wir essen tapfer draußen, weil doch Urlaub ist, aber es wird kalt im Laufe des Abends und ein paar Regentropfen fallen auch.

wird fortgesetzt …

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Zwischenjubeln!

Voilà, geschafft! Was für eine Erleichterung! Wir waren den ganzen Tag so angespannt, dann rief nachmittags ein Freund an und sagte, im italienischen Fernsehen würden belgische Medien zitiert, die von 60% Stimmen für Macron sprächen. Ich habe das sofort überprüft und tatsächlich lief auf einem italienischen Nachrichtensender schon vier Stunden vorher dieses Infoband unter den aktuellen Nachrichten. Strange. Woher wissen die das schon? Es erleichterte mich, aber so richtig wollte ich es nicht glauben. Im Internet war diese Info nur kurzzeitig zu sehen und verschwand dann. Aber die erleichtert wirkenden französischen Journalisten im Fernsehen, der verschlossene Blick Marine Le Pens auf dem Weg in ihr „Hauptquartier“ und dass man Macron eben nicht zeigte, alles deutete darauf hin: Emmanuel Macron ist unser neuer Präsident! Mit jetzt, zur offiziellen Veröffentlichung der ersten Ergebnisse 65,5% der Stimmen! Ich weiß nicht, was uns mit ihm erwartet, aber ich bin sehr, sehr froh über dieses Ergebnis! Und so stolz auf die Franzosen! Champagne!

Kleines Nachjubeln: Marine Le Pen hat tatsächlich nur zwei Départements „komplett“ errungen – haben Sie vielleicht auch schon gesehen in der Zwischenzeit. Unser Südosten hat zwar viel Le Pen gewählt, aber die Wähler des Départements Alpes-Maritimes und die Region PACA (Provence- Alpes-Côte d’Azur) haben sich überwiegend für Macron entschieden. Sogar Cannes hat Macron gewählt! Das hätte ich nicht gedacht. Und Nizza auch. Und mein kleines Bergdorf ebenso! Hurra! Nur Puget-Théniers, das Dorf in dem Annika Jöres lebt (wir berichteten), hat sich für Marine Le Pen entschieden. Und Menton auch – mit der schwierigen Grenzsituation vielleicht verständlich.

Allerdings gibt es beinahe überall etwa 30% Nichtwähler und etwa 5% „Blanc“-Wähler. „Blanc“-Wählen, das habe ich ja schon einmal erklärt, bedeutet, man geht wählen, ist aber mit keinem Kandidaten einverstanden und drückt dies durch einen weißen Zettel (–>“blanc“) aus, den man anstelle eines Stimmzettel in den Umschlag steckt. „Blanc“ zu wählen erfordert eine gewisse Vorbereitung, denn natürlich werden keine weißen Stimmzettel angeboten. Man muss also von zuhause einen entsprechend großen weißen Zettel mitbringen. Bislang werden diese „Blanc“-Stimmen zwar als Wahlbekenntnis gezählt, (sie sind also nicht ungültig) aber nicht anerkannt. Also selbst wenn über 50% der Wähler „blanc“ gewählt hätten, hätte man nicht (mit neuen Kandidaten) neu gewählt sondern mit den Reststimmen einen Präsidenten ernannt. Dass diese „blanc“-Stimmen anerkannt werden sollen, gehört auch zu dem einen oder anderen Wahlprogramm der Kandidaten (nicht Macron, so viel ich mich erinnere).

Falls Sie von einer bestimmten Region, einem Département oder einer Gemeinde wissen wollen, wie sie gewählt hat, hilft diese offizielle Seite.

ps: Verzeihung, in der jubeligen Eile habe ich vergessen, ein Häkchen anzuklicken, so konnte man diesen Beitrag (bislang) gar nicht kommentieren. Jetzt sollte es gehen, falls Sie noch wollen :D

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Ein (Frauen)Film: Aurore

Ok. Ein Frauenthema heute. Keine Politik. Ein Tag ohne Politik! Die Kandidaten müssen schweigen vor dem morgigen Wahltag, und das ist auch gut so. FRAUENTHEMA. Ich wiederhole es vorsichtshalber in Großbuchstaben. Alle, die Politik wollen, können wegklicken. Ich meins ernst.

F R A U E N T H E M A

Ich war im Kino. Mit Monsieur. War (ist) aber ein Frauenfilm. Viele (ältere) Frauen im Saal, die Männer konnte man an einer Hand abzählen (hab ich gemacht). Monsieur war auch nicht wirklich berührt, „kann man ansehen“ war sein einziger Kommentar. Ich habe ihn mitgeschleppt, weil ich dachte, er lerne was über Frauen. Ich musste aber viel erklären. Was mich berührt hat, zum Beispiel. Warum ich gelacht habe und warum geweint. Ich habe nämlich geweint. Gut, ich weine schnell im Kino. Ich bin ein bisschen sensibler als der Durchschnitt, das zeigt sich bei Filmen immer ganz besonders. Dieser hier hat mich ins Herz getroffen.

Ich liebe die Schauspielerin Agnès Jaoui. Sie spielt in vielen (sehr französischen) Alltags-Komödien und Dramen, oft an der Seite von Pierre Bacri, ihrem ehemaligen Lebensgefährten. Ich habe sie eine Weile nicht in aktuellen Filmen oder Medien gesehen und war angerührt von dem Interview (französisch), dass sie zu ihrem neuen Film „Aurore“ gibt. Sie spricht unter anderem darüber, dass es Frauen um die 50 kaum im Film zu sehen gibt. Ich war auch angerührt von ihrem Äußeren. Von ihrem Körper. Ich habe Agnès Jaoui nämlich zum ersten Mal so rundlich weich gesehen, immer mit der Hand unter dem Kinn, wie um das weicher werdende Doppelkinn zu überspielen (ich mache das zumindest so). „Sie ist so alt wie ich“, dachte ich überrascht, weil sie für mich bislang immer alterslos jung war. Sie habe ihr Leben lang Diäten gemacht, um dem Bild von der ewig jugendlichen Schauspielerin, die in Kleidergröße 38 passt, zu entsprechen. Damit sei nun Schluss. Und in diesem Film durfte sie so sein wie sie ist, die Regisseurin habe sie genau so gewollt, und habe ihren Körper nicht kritisch, sondern liebevoll betrachtet. Das sei so tröstlich gewesen, erzählt sie. Agnès Jaoui ist Anfang 50 und spielt eine Frau Anfang 50 und sie sieht aus wie eine Frau Anfang 50. Und sie hat damit zu kämpfen. Im Film und im echten Leben auch. Es sei schwierig für sie, sich im Film anzusehen, sie ertrage ihren Anblick kaum noch, sagte sie. Ich kann sie so gut verstehen.

Im Film schlägt sie sich, als Aurore, mit der Menopause und vor allem mit den Hitzewallungen herum. Mit den Töchtern, die aus dem Haus gehen und schwanger werden. „Schon?“ fragt sie fassungslos und freut sich nicht wirklich darüber, Großmutter zu werden. Sie ist doch selbst noch so jung, die Töchter waren eben noch klein. Schon ist sie Großmutter? Das wars schon? Sie verliert ihre Arbeit und findet „in ihrem Alter“ nichts mehr in ihrem Metier und schlägt sich daher als Putzfrau durch – in einem Altersheim. Und sie verliebt sich. Fühlt sich so jung und wird doch Großmutter und die Töchter sind befremdet, ihre Mutter verliebt zu sehen. Als höre das mit spätesten 30 auf.

In französischen Zeitungen werden gerade die Senioren als die neuen Sex-Bestien entdeckt. Solche Texte werden ja immer nur von Jüngeren geschrieben, die dem Umstand, dass man auch jenseits der 50 noch ein erfülltes Sexleben haben kann, mit gemischten Gefühlen begegnen: peinlich ist es schon, steht ungeschrieben zwischen den Zeilen. Falls sie jünger sein sollten als ich, sage ich Ihnen, dass das nie aufhört. Das Verlieben kann auch mit 80 noch passieren und man fühlt sich dann immer noch wie 15. Und das mit dem Sex wird vielleicht etwas … ähm … aufwändiger, weniger sportlich auch, aber viel zärtlicher und liebevoller. Ich hätte mir das auch früher schon gerne so gewünscht, wenn ich ehrlich sein soll.

Zurück zu „Aurore“ – der Film und Agnes Jaoui haben mich berührt und gerührt. Ich schlage mich auch mit dem „sich jung fühlen und älter werden“ herum, mit diesem Körper, der so großmütterlich weich und rund wird, und ich habe auch definitiv mit Diäten aufgehört. Ich habe nämlich auch mein ganzes Leben lang Diäten gemacht. Mehr als das. Mein ganzes Leben kämpfe ich gegen Esstörungen an. Zu viel, zu wenig, gar nichts. Immer und immer wieder. Ich kann und will es nun nicht mehr. Ich will endlich ganz normal essen. Und meinen Körper lieb haben, so wie er ist. Noch ertrage ich seinen Anblick aber nicht. Ich liebe Agnes Jaoui dafür, dass sie so ist, wie sie ist und ich liebe diesen Film, weil er sie so zeigt, wie sie ist, und das ganz liebevoll. Im Film tanzt sie einmal zu „Ain’t Got No“ und auch dieses Lied rührt mich so an. Großartig.

 

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Zwischenseufzen: …

Die aktuelle Berichterstattung auf diesem Blog hinkt ein wenig hinterher, verzeihen Sie, man kommt ja zu nichts. Jetzt wissen Sie sicher schon, wie das Rededuell Macron – Le Pen war. Steht ja auch überall in der deutschen Presse, ich gebe Ihnen nur mal diesen Artikel. oder diesen. Ich habe bis zum Schluss durchgehalten und dabei gebügelt. Monsieur hat sich um 22 Uhr zurückgezogen, er hatte genug gesehen und gehört, und das dachte sich auch der Journalist der Welt, der um 21. 45 Uhr schon einen abschließenden Bericht veröffentlicht hatte (den ich jetzt nicht mehr finde, er wird wohl von vielen anderen, ausführlicheren (s.o.) überlagert), obwohl die Kandidaten sich noch zwei weitere Stunden lang stritten. Es war ziemlich so, wie es in den verlinkten Artikel steht: „Vous dites des betises“ (Sie reden Unsinn) musste Macron ununterbrochen sagen, und er hatte seinen großen Moment, als Marine Le Pen den Verkauf des Telekomunternehmens SFR mit dem Verkauf des Turbinenherstellers Alstom verwechselte und sich von Macron erklären lassen musste, wie es wirklich war. Macron, der Le Pen ununterbrochen im nachsichtigen „Ich erkläre Ihnen die Welt“-Ton ansprach, ging mir aber auch auf die Nerven. Le Pen verhaspelte sich noch das eine ums andere Mal. Sie hatte ihre großen, giftigen Momente immer dann, wenn sie wohl vorbereitete (platte) Angriffe startete. Ich hatte ein bisschen Angst, dass der sanft sprechende Macron nicht laut oder kräftig genung sein könnte neben der wuchtigen Präsenz von Marine Le Pen. Und ich fürchtete auch, Marine Le Pen würde ihn ohrfeigen, so oft sagte Macron „Vous dites des betises, Madame Le Pen!“ Er hat es mit Intelligenz und Eloquenz geschafft, sich zu positionieren. Frankreich verdiene besseres als Marine Le Pen, sagte er. Voilà, Macron ist sicher der intelligentere von beiden, Marine Le Pen aber „holt“ mit ihren Platitüden „den einfachen Mann auf der Straße ab“, um mal mit einer alten Worthülse zu kommen. Die Presse sieht Macron vorne, er sei überzeugender gewesen. Ich bin nicht sicher, ob der „einfache Mann auf der Straße“ das genauso sieht.

Herr Diehl hat mir einen Artikel der Journalistin Annika Jöres zukommen lassen. Ha! Frau Jöres wohnt neuerdings in Puget-Théniers, das ist ein Ort auf halber Strecke auf dem Weg in mein Bergdorf. Dorthin fährt man (aus dem Bergdorf kommend), wenn man einen Tierarzt braucht, oder einen Zahnarzt, einen Notar, wenn man etwas mehr Pflanzenauswahl in der Cooperative sucht oder einen Sack Zement im Baustoffhandel erwerben will; es gibt einen richtigen Supermarkt, eine kleine Druckerei und eine weiterführende Mittel-Schule, das Collège. Ich finde ja Puget-Théniers, oder einfach „Puget“ (sprich: Pühschee) wie man da oben sagt, ist so „dazwischen“, nichts Halbes und nichts Ganzes. Man hat nicht die Stille der kleinen Bergdörfer und nicht die Dynamik der Stadt Nizza, aber beides ist nur jeweils eine Dreiviertelstunde Kurvenfahrt entfernt, insofern vielleicht eine gute Alternative, wenn man weder das ganz Ruhige noch das ganz Quirlige will. Wie dem auch sei, lesen Sie mal den oben verlinkten Artikel. Genau so ist es hier im Süden. Und so ist es überall auf dem Land. Bis auf kleine Ausnahmen: Wo sich in kleinen Dörfern in den sechziger oder achtziger Jahren Hippie- oder Babacool-Bewegungen niedergelassen haben, kippt das Wahlergebnis immer nach links. Ansonsten wird hier stramm rechts gewählt. Frankreich ist ein ländliches, konservatives Land. Das musste ich auch erst lernen. Auf dem Land (und nicht nur dort) werden platte Witze erzählt, alle gern zweideutig, manche auch nur zotig, andere rassistisch oder frauenfeindlich. All die Anzüglichkeiten, die man als Frau so zu hören bekommt, nehme ich heute mit einem Achselzucken zur Kenntnis und ziehe den Mund schief. So ist er halt der Franzose. Die Dirndl-Affäre, die Herrn Brüderle vermutlich die Karriere gekostet hat (ich habe das nicht weiter verfolgt), wäre hier keine Erwähnung wert.

Ich erzähle Ihnen jetzt mal wieder was aus meinem Bergleben. Denn das, was Annika Jöres in Puget erlebt, ist in jedem anderen Dorf, auch in „meinem“, genauso. Ich gebe zu, dass es mich auch immer mal wieder erschreckt, zu sehen, wer alles aus meinem früheren Dorf-Umfeld extrem rechts wählt. Das letzte Mal hat es mich in meinen Grundfesten erschüttert, als ich begriff, dass ein älteres Ehepaar, das ich seit zehn Jahren kenne, sehr fromme Menschen, die mir in schweren Zeiten liebevoll und warmherzig beigestanden haben, der identitären Bewegung in Nizza angehören. Ich war zwei Tage lang verstört. Nicht so Monsieur, der sagte, „X und Y können denken und wählen, was sie wollen, wichtig ist nicht, was sie sagen, wichtig ist, was sie tun“.

Und so habe ich erneut eine pragmatische Lösung gewählt und schaffe es, bei den Menschen zwischen ihrem Handeln (mir gegenüber) und ihren Gedanken, ihrer politischen Überzeugung (sofern sie mich nicht bedroht) zu unterscheiden. In „meinem“ Dorf, habe ich seinerzeit viel Hilfe und Unterstützung erfahren, vor allem als mein erster Mann sehr krank wurde und starb. Die hilfsbereitesten, warmherzigsten und großzügigsten Menschen habe ich dort kennengelernt. Ich werde das, was diese Menschen für mich und uns getan haben, nie vergessen. Und nicht wenige von ihnen sind eingefleischte FN-Wähler. Ich mag ihren politischen Reden nicht ausgesetzt sein, aber ich nehme es hin. Dass ich keine rassistischen Mails in meiner Mailbox vorfinden will, das sagte ich offen, und ich wurde kommentarlos aus dem Verteiler gestrichen. Wir wissen von der jeweils anderen Meinung, aber sie hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen derartigen Spagat vollbringen könnte, und es hat sicher auch damit zu tun, dass man in den Bergen grundsätzlich nicht allzuviele Menschen um sich hat und man, sofern man dort ganzjährig lebt, auf die Dorf-Solidarität angewiesen ist. Man kann es sich gar nicht leisten, Leute wegen ihrer Gedanken oder politischen Überzeugung wirklich zu verstoßen. Das mag anders sein, wenn man in Paris und Berlin lebt und vielleicht kann man auch in Puget ein gemeinsames Essen in „eisiger Stimmung“ beenden, und den Gast zukünftig nicht wieder einladen. In einem Bergdorf mit 30 Einwohnern ist das anders. Und ich wette, weder in Puget noch in Châteauneuf würde sich viel ändern, wenn am Sonntag Marine Le Pen gewählt würde. Rassistisch, homophob und frauenfeindlich war man auch vorher schon. Vor dem rechten Mob in großen Städten jedoch habe ich Angst. Und hoffe daher auf Macron, selbst, wenn auch bei ihm nicht klar ist, wie es wirtschaftlich in Frankreich weitergehen wird. On va se faire baiser en tout le cas, sagte Monsieur heute. Ou d’un gosse qui a l’air charmant, ou d’une femme vulgaire. Mais on va nous baiser. Weniger zotig übersetzt heißt das so viel wie, „wir werden so oder so verarscht, entweder von einem charmant wirkenden Knaben oder von einer vulgären Frau. Verarscht werden wir auf jeden Fall.“

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Zwischenruf: Zeit der Plagiate

Einen Moment war es hier ruhiger, verzeihen Sie, wir waren ein paar Tage auf Korsika, ich hoffe, ich schaffe es, Ihnen zeitnah davon zu erzählen, es war so großartig! Und ich habe tatsächlich komplett abgeschaltet vom Alltag und von der Politik, die mich umso mehr überfallen hat, kaum waren wir wieder auf dem Boden des Kontinents angelangt.

Sie wissen das vielleicht alles schon, aber ich fühle mich doch bemüßigt, es der Vollständigkeit halber hier aufzuschreiben.

Wie Sie sich erinnern, hat Philippe Mélenchon, der in den vergangenen Jahren bei jeder Wahl dazu aufgerufen hat, den Front National zu blockieren, selbst wenn man dafür als extrem Linker einen konservativen Kandidaten wählen müsse (so geschehen etwa 2002 als die Linken im zweiten Durchgang Chirac wählen mussten, um Jean-Marie Le Pen zu verhindern), Mélenchon also gibt dieses Mal seinen Wählern keine Vorgaben, sondern sagte nach seinem Ausscheiden schnippisch und schmallippig „macht was ihr wollt“ – was indirekt einem Aufruf zum Nicht Wählen gleichkommt. Er sei ein schlechter Verlierer wurde ihm gesagt, aber er bleibt dabei und will Macron nicht unterstützen. Seine von der Wahl enttäuschten Anhänger demonstrieren jetzt ziemlich unfriedlich, denn sie wollen weder Macron noch Le Pen.

In der linken Szene wird heftig gestritten: die, die sagen „wir wählen nicht mehr ‚gegen‘ jemanden und schon gar nicht für einen Bankier, also wählen wir dieses Mal gar nicht, tant pis“

Streit der Linken … streiten sich mit denen, die sagen, „Idioten! Mit diesem Verhalten riskiert ihr, dass Marine Le Pen gewählt wird, wählt besser Macron!“

Charlie HebdoAuch auf der konservativen Seite werden sich die enttäuschten Fillon-Wähler, trotz dessen Aufrufs, Macron zu unterstützen, vermutlich zahlreich enthalten oder sogar Le Pen wählen. So wie Nicolas Dupont-Aignan, der vorgestern entschieden hat, sich Marine Le Pen anzuschließen, die ihn natürlich mit offenen Armen aufnahm und ihm, im Falle ihrer Wahl, einen Posten als Premierminister anbietet. Für Dupont-Aignan hatten nur 5% der Wähler gestimmt, aber wenn die ihrem Kandidaten folgen sollten, macht es immerhin 5% mehr für Le Pen. „Wenn Marine Le Pen gewählt wird, ist es nicht die Schuld derer, die nicht gewählt haben, sondern die Schuld derer, die für Marine Le Pen gewählt haben“ wehren sich entsprechend die zukünftigen abstentionnistes, die Nichtwähler.

claqueWie dem auch sei, bei all dem Debakel robbt sich Marine Le Pen peu à peu nach vorne, und es gibt Umfrageergebnisse, die sie bereits vor Macron sehen. Zumal sie sich vom „Frexit“, dem Austritt aus Europa, plötzlich distanziert. Den sieht Macron aber ebenso überraschend plötzlich möglich, wenn die EU nämlich nicht reformierbar wäre. Nichts ist sicher. Alles kann passieren.

Morgen Abend gibt es ein heiß erwartetes Rededuell Macron – Le Pen im Fernsehen, das vermutlich, trotz eines zur gleichen Zeit ausgestrahlten Fußballspiels Frankreich – Ungarn, die Einschaltquoten in die Höhe treiben wird.

Das Amüsanteste heute war, dass Marine Le Pen sich einen Redetext Fillons angeeignet hat, den sie über mehrere Minuten Wort für Wort wiedergab (im verlinkten Beitrag der Film, den Sie auch verstehen, wenn sie kein Französisch können). Ganz klar ein Plagiat, aber „ach was“ winkt der FN ab, man habe mit einem Augenzwinkern, avec un clin d’œil etwas aus Fillons patriotischer Rede übernommen.

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Zwischenruf: „historique“

„Ce résultat est historique“ rief Marine Le Pen, die für den FN das beste Ergebnis seit je eingefahren hat, wenn sie auch nicht die Erste ist. Macron hat etwa 2% mehr Stimmen erhalten. „Historique“ ist das meistgeäußerte Wort heute Morgen, und es meint, wir haben es mit einem geschichtlichen Ereignis zu tun, dass es so noch nicht gegeben hat. „Historisch“, dass zwei Kandidaten, die noch nicht im politischen System sind, sich endgültig für das Amt des Präsidenten qualifiziert haben: Macron und Le Pen. Beide feiern jeweils „ihren“ Sieg. Es ist aber vor allem eine „historische“ Niederlage für die etablierten Parteien.

Mit Blick auf die „Legislative“, die Wahl der Nationalversammlung im Juni, ist es „historisch“, dass zwei „Außenseiter“-Kandidaten gewählt wurden, die noch nicht mal zwei Abgeordnete in der Nationalversammlung haben! Macron hat keinen einzigen Abgeordneten hinter sich, Marine Le Pen einen. Das ist mehr als eine Niederlage, das ist eine totale Absage, eine Ohrfeige hört man auch, an/für das bestehende System, und auch eine Antwort auf die Frage, wie denn ein Viertel (oder immerhin ein gutes Fünftel) der Bevölkerung überhaupt Marine Le Pen wählen konnte. Weil die Wähler rechts wie links genau das althergebrachte politische System mit den Profiteuren à la Fillon satt haben. Und bislang gab es nur Marine Le Pen als Alternative. Man mag sich nicht vorstellen, welchen Sieg sie ohne die Alternative Macron davongetragen hätte.

Für Fillon ist die politische Karriere, fürs Erste zumindest, beendet. Er hat gestern schon seine Niederlage eingestanden und dazu aufgerufen, im zweiten Wahlgang Macron zu wählen. Das bedeutet jetzt nicht, dass alle seine Wähler es auch tun werden. Ein Drittel folgt ihm vielleicht, ein Drittel wird nicht wählen und ein Drittel wählt vermutlich lieber Le Pen.

Ebenso hat Benoît Hamon sich für Macron ausgesprochen. Mélenchon gibt keinerlei Vorgaben. Jeder kann machen, was er will, sagt er.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, WIE erleichtert ich über dieses Ergebnis bin. Wir waren am Wochenende in Marseille, in dieser armen, „weltoffenen“ Stadt, einem „Melting Pot“ aller Nationalitäten, standen alle Zeichen auf Le Pen UND Mélenchon, ein solches „Duell“ zweier extremer, europafeindlicher Kandidaten wünschte ich mir nicht für Frankreich. Ich kam sehr angespannt nach Hause und hing gebannt vor dem Fernseher. Tränke ich noch Alkohol, ich hätte eine Flasche Champagner aufgemacht, als die ersten Schätzungen verkündet worden sind. Macron hat seinen Champagner übrigens in der Brasserie La Rotonde getrunken. Eine berühmte Brasserie im Montparnasse, in der Schriftsteller und Künstler verkehr(t)en.

 

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Zwischenruf : Uff!

Ok, Sie können die Zahlen überall nachlesen, keine Frage. Aber damit es der Vollständigkeit halber hier steht, voilà die ersten Schätzungen Ergebnisse des ersten Wahldurchgangs (die Wahlbüros in den Großstädten schlossen eine Stunde später und waren entsprechend noch nicht ausgezählt)**

Macron 23%  23,7%

Le Pen 23%  21,5%

Fillon 19%  19,9%

Mélenchon 19%  19,6%

Hamon 7%  6,3%

Dupont-Aignan 5%  4,7%

Lassalle 1,5%  1,2%

Hier große Erleichterung, das gebe ich zu, denn es werden sich in der folgenden Woche ziemlich sicher alle gegen Marine Le Pen verbünden, und damit wird Emmanuel Macron mit sehr großer Wahrscheinlichkeit beim zweiten Wahldurchgang am 7. Mai zum nächsten Präsidenten Frankreichs gewählt.

** Aktualisierung morgen früh!

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Zwischenruf – kurz vor knapp

Ganz kurz nur: Falls es Ihnen noch nicht reicht an Informationen, gäbe es diesen  Artikel über die bevorstehend Wahl, der auch die Wahlprogramme der Kandidaten daraufhin überprüft, wie realistisch und umsetzbar sie sind. Und der ebenso auf die kommende Wahl der Nationalversammlung eingeht.

Hier etwas zum gestrigen Anschlag, und zur heutigen Stimmung in Paris. Und hier die aktuelle Reaktion der Kandidaten, die gestern Abend ihre dritte und letzte TV-Show hatten. Le Pen hatte danach gleich zwei Prozentpunkte mehr in den Umfragen. Nie war ein Wahlausgang unsicherer als dieses Mal.

Ich setze auf einen Außenseiterkandidaten und drücke Jean Lassalle die Daumen ;)

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Zwischenruf – noch sechs Tage

Ein paar Tage war ich gedanklich anderweitig beschäftigt, das mögen Sie mir verzeihen, aber es ist auch nicht wirklich etwas Neues passiert. Außer, dass die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen hat. Mich erinnert das Ganze ein bisschen an den Kölner Karneval, der ja auch über Wochen immer präsenter wird im Alltag und dann geradezu explodiert, wenn nämlich endlich der Straßenkarneval beginnt: Es geht lo-hos! So ist es auch hier. Noch mehr Wahlkampf schien kaum noch möglich, aber doch, man kann es noch steigern, der Straßenkarneval äh -wahlkampf hat begonnen: Man darf erst jetzt offiziell Wahlplakate anbringen, man bekommt die Wahlkampfspots aller Kandidaten im Fernsehen zu sehen, sie sind in sämtliche Nachrichtensendungen eingeladen und dürfen sich und ihr Programm vorstellen, sie machen ein großes Meeting nach dem anderen und baden in der Menge. Am Donnerstag wird es noch eine dritte große Fernsehdebatte mit allen Kandidaten geben. Auch wenn die Einschaltzahlen hoch sind, so schätzen nicht alle Franzosen diese neue Show-Time der Politiker (all die Jahre gab es höchstens ein Rededuell der beiden Kandidaten, die in den zweiten Wahldurchgang kamen). Politiker sollten sich nicht zum Kasper machen, heißt es. Das mache ja schon Canal+ mit den Guignols.


Les Guignols, l’intégrale du 14/04 par lesguignols

Und als hätten wir noch nicht ausreichend schlechte Nachrichten, hat die heiße Phase der Fake-Meldungen ebenso begonnen: Skandal! Fillon sei entlastet und „die Medien“ verschwiegen es, hieß es kürzlich. Heute habe ich eine Mail bekommen, die eine „alternative“ Umfrage mit extrem guten Ergebnissen für Fillon verbreitet: „Teilt die Info!“ heißt es darin. Macron soll vor laufendem Mikro (das er ausgeschaltet glaubte) seine Bewunderung für einen radikalen Muslim geäußert haben. Und überhaupt sei er von Saudi Arabien finanziert. …

Wem glauben wir also? Und wen wählen wir? Macron? Mélenchon? Le Pen? Oder gar den bodenständigen Jean Lassalle? Der selbstbewusst sagt, ich werde Präsident, auf mich geben schon seit 40 Jahren immer alle keinen Pfifferling, aber letzen Endes werde ich gewählt! Dürfte ich wählen, würde ich mich für ihn entscheiden, weil ich seine grundehrliche „ländliche“ Art mag und sein „zentriertes“ Programm (er war jahrelang der engste Mitarbeiter von François Bayrou) gar nicht so abwegig ist. Aber in Paris und in den Großstädten lächelt man nur überheblich. Selbst Yves Calvi, ein mir sehr angenehmer Journalist und Moderator verschiedener Politiksendungen, spricht mit Lassalle betont freundlich, so als habe er es mit einem Kind zu tun, das man mag, aber nicht ernst nimmt. Nun, die doch etwas wahrscheinlichere Vorstellung, dass wir uns letztlich zwischen einem extrem linken europafeindlichen Kandidaten oder einer extrem rechten europafeindlichen Kandidatin entscheiden müssen, führt landesweit zu einer gewissen Nervosität. Oder doch Macron? Oder schafft es Fillon noch? Diese letzte Woche ist entscheidend. Viele wissen noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben wollen. Viele ältere Damen (eine große Wählergruppe!) würden in letzter Konsequenz dann doch auf den „seriösen“ Fillon setzen, trotz seiner unklaren Geldgeschäfte, einfach, weil er ihnen „klassische“ Werte und Sicherheit vermittele, und sie Angst vor Veränderungen à la Mélenchon oder Le Pen haben. 15% der Wähler(innen) wüssten sogar auf dem Weg zum Wahlbüro noch nicht, wen sie wählen würden, hieß es gestern. Alles ist sechs Tage vor der Wahl völlig ungewiss. So etwas gab es noch nie. Diese Kolumne erklärt die Stimmung in Frankreich nochmal ganz gut, finde ich.

Für Wahlunentschlossene aber auch für alle anderen weise ich hier noch einmal auf die Veranstaltung von Manfred Flügge in Marseille hin. Venez nombreux!

Die, die völlig resigniert sind, von den zur Wahl stehenden Kandidaten, hoffen, dass im schlimmsten Fall alles durch die ebenso bald anstehenden Wahlen der Legislative relativiert wird: Die Nationalversammlung wird auch direkt vom Volk gewählt. Allerdings habe ich das komplizierte System nicht wirklich durchschaut. Richtig ist, dass es auch dabei kein Verhältniswahlrecht gibt, was erklärt, dass, trotz der hohen Wählerzahlen für Marine Le Pen, zur Zeit nur ein Abgeordneter der Partei im Parlament sitzt (weil sich auch bei dieser Wahl immer alle gegen den Front National zusammenschließen). Was, das muss man doch auch sagen, die Stimmung im Volk nicht richtig wiedergibt. Passieren könnte also durchaus, dass wir, sagen wir einen extrem linken Präsidenten haben (das ist nur ein Beispiel!), der einem konservativen Parlament gegenübersteht, das alle seine Vorhaben und Gesetzentwürfe blockiert. Im Zweifelsfall passiert dann also die nächsten fünf Jahre gar nichts. Ob das ein Trost ist?

 

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Quand il est mort le poète – version française

Danny nous a quitté.

Jeudi dernier nous sommes montés dans le petit village à la montagne pour lui rendre hommage. Pour moi tout avez commencé dans ce petit village, mon histoire avec la France. Danny, le chef d’une famille agrandi, comme le disait son annonce de décès, avait subit une opération sur les coronaires mais son grand cœur était déjà trop fatigué pour continuer à battre.

J’avais vécu et travaillé avec cette famille agrandi pendant un an, et j’en avais parlé dans mon premier livre „Zwischen Boule und Bettenmachen“. (Danny s’appelait Paul.) Il avait fondé dans les années soixante une colonie des hippies à la ferme qu’il avait hérité de son oncle. Là ils ont essayé toutes les formes de vie et de travail en commun. Ils voulaient vivre libre, équitable, autonome, de l’agriculture, du jardin et de l’élevage des animaux. Ils avaient même fondé une école avec un instituteur privé, lui aussi un hippie.

Ces jours ci, j’ai regardé à nouveau mes anciennes photos, qui ont fait monter une vague des souvenirs. Il me semble que mon séjour à la ferme c’était hier. Je me souviens encore de tout, comme j’étais perdue dans ce monde étrange. Cette ferme avec ses animaux, les odeurs et les bruits, la langue française bien sur avec son vocabulaire de la montagne, mais c’était le monde alternatif qui m’était le plus étrange: des hommes torse nu, barbus et avec des cheveux aux quatre vents, qui fondaient du bois puis ils fumaient une cigarette roulée à la main. Ils vivaient dans une caravane sur le terrain, ils travaillaient, partaient et revenaient. C’était un va et viens à la ferme que je regardais avec des yeux étonnés sans en comprendre les règles. Aujourd’hui je sais qu’il n’y avaient pas de règles où si peu. Tout était possible et la porte était toujours ouverte pour tout le monde, sans aucun préjugé. On était toujours au moins douze à table, mais on aurait pu être aussi vingt à l’improviste, on aurait juste ajouté des assiettes et partagé ce qui était là. Le partage c’était la seule règle. Danny mettait toujours tout sur la table pour les hôtes: de la bière, du vin, du pain, de la charcuterie maison, tout ce qui était dans la cuisine, dans la cave ou dans le jardin. Et qui était préparé par Anne, sa femme, pendant quasiment cinquante ans tous les jours. C’est grâce à elle que tout fonctionné.

J’y ai été accueilli pareillement il y a douze ans. Comme une évidence. Viens. On se débrouillera. Si j’avais su ce qui allait m’arriver je ne serais probablement pas venue. Mais j’ai suivi mon instinct sans avoir jamais vu une photo de la ferme ni de la famille, et quand je suis arrivé ça a été un choc. Je ne comprenais plus rien. Le monde était à l’envers. Mais c’est ainsi que ça doit être pour apprendre le monde et soi-même. Le séjour à la ferme ça a été pas seulement une ouverture de mon esprit, mais ça a changé ma vie, et ça m’a sauvé la vie. Et je dis ça sans aucune exagération.

Cette ferme restera pour moi la pierre d’angle de ma vie en France, de ma vie tout court. Je ne veux rien changer à me souvenirs, je veux qu’elle reste tel que je l’ai connue: chaotique, bordélique elle était. Je supporte mal que les hommes que j’ai côtoyé là-haut disparaissent. Je voudrais tout conserver. Et maintenant Danny est décédé.

Je savais que ce serait un grand enterrement. Danny n’était pas seulement une personnalité du monde alternatif, il était aussi populaire et estimé dans toute la vallée et haut-delà. On aura tout vu. La gendarmerie s’était déplacé en force. Quatre représentants de la loi. Des voitures montaient sans cesse et se garaient où elle pouvaient, sur le champs de foot, dans les près, et au bord de la route loin d’arriver au village.  La place du village devant l’église  se remplissait avec des centaines d’hommes, le curé était présent aussi, mais il était là „comme tout le monde“ disait-il. Si Danny et le curé s’aimaient, cela n’avait pas été évident jusque là.

On disait bonjour à tout le monde, on se connaissait ou on se présentait, on expliquait les liens qui nous unissaient à Danny et le temps passait. Mail il y avait un moment ou en a serré la main du dernier et on attendait. On attendait longtemps. Et ça aussi était une caractéristique: de ne pas se soucier du temps qui passe.

Danny arrivait avec son tracteur. Cette vieille bête, cent fois réparée, était le véhicule préféré de Danny. Il aimait par dessus tout faire le foin sur son tracteur.  Là c’était son fils qui conduisait, il tirait une remorque, joliment décorée avec des fleurs de champs et des branches de cerisier fleuri. Des petits drapeaux de prière népalais flottant aux vent. Et sur la remorque le cercueil et la famille. Et en arrivant ils jouaient les morceaux de jazz préféré de Danny: Miles Davis, Keith Jarret et Ella Fitzgerald. Ce fut un moment bouleversant, beau et triste en même temps.

C’était une journée de printemps parfaite: Le soleil chauffait, le ciel était bleu, les champs vert tendre étaient parsemés des fleurs, les cerisier et pommier en pleine floraison, et dans les jardins les lilas, les iris et les narcisses. Les sommets alentours étaient encore enneigés. Et sur la place devant l’église ce tracteur, le cercueil, des fleurs, et Miles Davis pleurait dans sa trompette.

„On veut prendre le temps pour dire au revoir à Danny“, disait sa fille. Chacun était invité à dire quelques mots, de lire un texte, un poème, de chanter, de faire de la musique – tout ce qu’on voulait. Tout était possible: Avec des voix qui tremblaient les gens lisaient des textes, des poèmes, on chantait en pleurant: on parlé de sa générosité, de son amour, de son envie de vivre pleinement, et de sa sensibilité. Les enfants parlaient de leur père, les petites-filles jouaient du saxophone et du piano pendant que leurs petits frères jouaient à cache-cache en riant au tour du tracteur.

Puis une femme chanta d’une voix grave „Quand il est mort le poète“ reprit approximativement par l’assistance.

Toute la cérémonie s’enchainait dans la sérénité. Et pendant que les fils et les gendres descendait le cercueil dans sa tombe, on écoutait Brel qui chantait „La chanson des vieux amants“.

Tout cela étrangement nous remplissait le coeur de joie. La cérémonie se déplaçait vers le buffet. Les tables pliaient sous la nourriture. Et il y avait aussi à boire. „Allez, on va boire un coup“ aurait dit Danny. Et c’est cela qu’on faisait. On mangeait, on buvait, on parlait de lui, la vie continuera, il nous manquera, mais il restera à toujours dans nos cœurs. Et nous sommes partis du village plus heureux qu’en arrivant.

Adieu Danny.

 

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