Ach, Cannes

Und an der Küste ist es immer noch so heiß und so feucht, und kaum steige ich aus dem klimatisierten Auto aus (das immerhin haben wir jetzt, Klimaanlage im Auto!) fällt diese klebrige Hitze über mich her, ich kriege sofort Pickel und wirklich schlechte Laune. Wir haben ein wichtiges und anstrengendes Rendezvous in immerhin klimatisierten Räumen. Danach gehen wir essen und schlendern durch die Altstadt, sitzen ein bisschen auf der Mauer und lauschen indirekt einem Jazzkonzert, das auf dem Platz vor der Kirche im Suquet gegeben wird. Wir sehen zwar nicht den Pianisten, dafür aber über die Dächer von Cannes und auf das Meer. Ach, Cannes.

Heute morgen ganz früh fahren wir an den Strand. Um kurz nach Sieben sind wir schon da. Schönes Licht, kaum Menschen, das Meer ganz ruhig. Ich will sofort ins Wasser, reiße mir das Kleid vom Leib, schlupfe aus den Badeschuhen und stelle den Korb mit unseren Sachen daneben. Ich will keine Zeit damit vergeuden, Badehandtücher auszubreiten, ich will ins Wasser, sofort, Monsieur ruft auch schon ganz entzückt „elle est si bonne!“ Aber dann sehe ich den ersten Kronkorken und die erste Bierdose und im Wasser schwimmt noch eine halbvolle Flasche Rosé, so dass ich erst den Strand ablaufe und Müll sammle und dabei überlege, wie ich das Müllbild gestalten könnte. Als ich zurückkomme sehe ich Monsieur, der aufgeregt mit einer Frau spricht und eine weitere Frau gestikuliert. Ich verstehe es nicht gleich, aber dann sehe ich es, oder besser ich sehe es nicht: Unser Korb ist weg! Alles ist weg. Nur die Schuhe sind noch da. Die Tasche einer anderen Frau ist auch weg. Bei ihr sind es Papiere und Geld, bei uns sind es mein Handy, unser großer Schlüsselbund, dann Flossen, Schwimmbrille mit Sehstärke, Handtücher, ein Wechselbikini und mein Kleid. Wie dumm kann man sein? Das Handy einfach in der Tasche lassen? Und den großen Schlüsselbund mit zwei Autoschlüsseln, den Schlüsseln für unsere Wohnung und die der verstorbenen Schwiegermutter, diverse andere Schlüssel, Keller etc. mitnehmen? Wie Anfänger kommen wir uns vor. Mein Handy! Die Autoschlüssel! Wir sind völlig verdattert und alle Menschen am Strand kommen angelaufen (so viele sind es morgens um halb Acht noch nicht) und sind betroffen, keiner hat etwas gesehen, auch die Müllmänner nicht, die jetzt über den Strand laufen – oder doch! Der junge Mann, der die Nacht vor dem Hüttchen des Bademeisters verbracht hat, kommt nun. Aufgeregt auch er. Zwei seien es gewesen, sagt er. Er hat sie laufen sehen. Einer habe versucht, auch seine Tasche mitzunehmen, davon sei er wachgeworden. „Ich schlafe die ganze Zeit auf der Straße, ich schlafe nur mit einem Auge“, erklärt er. Er ruft mit seinem Mobiltelefon die Polizei an. Die junge Frau rennt nach links, ich über die Straße auf den kleinen Parkplatz – aber da ist niemand (mehr). Einer habe einen freien Oberkörper mit einer Tätowierung auf dem Rücken gehabt und „naja, ich will nicht rassistisch sein“, sagt er, „aber die sahen arabisch aus“. Und der mit der Tätowierung habe eine Frisur gehabt wie er selbst. kurz rasierte Haare, aber ein kleines Pferdeschwänzchen.

Wir wollen zur Polizei. Die Kameras! Die müssen das doch aufgenommen haben. 500 Kameras gibt es in Cannes! Die Kameras sind der Police Municipale unterstellt, so etwas weiß ich, aber um eine Anzeige gegen X zu machen, müssen wir zur Police Nationale. Die ist nicht ganz nah. Eine Dame ist bereit, uns hinzufahren. Ich werde mir bewusst, dass ich nur einen Bikini anhabe und meine Badeschuhe. Im Bikini zur Polizei, das kann ich mir,  auch wenn ich zu meinem Körper stehe, nicht richtig gut vorstellen. Schon als ich im Bikini kurz über die Straße rannte, hupten die Autos und es gab freche Kommentare. Die Dame leiht mir ihr Badehandtuch und ich wickele mich darin ein und dann fährt sie uns zur Polizei; sie wartet die ganze Zeit mit uns, denn sie hat der anderen Frau versprochen, sie anschließend nach Mougins zu fahren, wo sie wohnt.  Wir warten. Es sind schon 5 Personen da, die sind vor uns dran, und es gibt nur einen Beamten, der die Anzeigen aufnimmt. Samstag eben. Die Uhr hängt bei 9 Uhr 39 fest, aber es passiert viel. Anwälte kommen, Dolmetscher kommen, unten in den Zellen sitzt jemand, der umgehend in Haft kommt. Scooter wurden gestohlen, Papiere wurden gestohlen, ein Auto beschädigt, ein sehr großer und sehr muskulöser Mann mit ausländischem Akzent stapft hinein und will wissen, wie es sein kann, dass die Polizei bei ihm Waffen beschlagnahmt hat, Tür aufgebrochen und überhaupt. Er darf die Waffen führen! Er muss am Montag nochmal kommen. Heute ist niemand da, der sein Anliegen bearbeiten könnte. Englische Touristen kommen, indische Touristen kommen. Die waren gestern schon mal da und verstehen nicht, dass sie heute schon wieder warten sollen. Wann können wir kommen, ohne dass wir warten müssen? Der junge Polizist am Empfang schlägt ihnen 14 Uhr vor. Nach der Mittagspause. Aber er vertröstet so viele Leute auf 14 Uhr, ich hoffe für ihn, dass sein Dienst dann beendet ist, denn die voraussichtliche Warteschlange um 14 Uhr wird lang und länger. Ich bin ja hier in diesem Kommissariat mit meinem Kommissar zuhause und finde es gerade ein bisschen peinlich, dass der junge Kollege in schlechtem Englisch so darauf hinweist, dass zwischen 12 und 14 Uhr Mittagspause ist. Also zumindest für den Kollegen, der die Anzeigen aufnimmt. Das will mir in meinen Krimis ja keiner glauben, wenn ich so etwas schreibe. Immer diese Klischees heiß es dann. Aber so ist es. Der Kollege muss Mittagessen! Kommen Sie später wieder. Oder am Montag! Acht Uhr dann. First one comes, first one ist dran. So in etwa, sagt er es. Wir warten. Zwischendurch, wir können das etwas abschätzen, es wird alles noch dauern, sorgt sich Monsieur darum, wie wir eigentlich wieder zu Hause reinkommen wollen, die Tochter, die einen Schlüssel hat, fährt mit der Familie heute Mittag in Urlaub. Er läuft nach Hause, lässt sich von der Tochter öffnen, findet meinen Schlüsselbund, läuft zum Strand zurück, holt das Auto und parkt es in der Nähe des Kommissariats, und kommt wieder zurück. Er hat sich in der Zwischenzeit auch angezogen, Kleidung für mich aber vergessen. Klar, hatte ich ihm nicht explizit aufgetragen. Die Dame erinnert sich, dass sie noch einen thailändischen Pareo im Auto hat. Den holt sie mir und ich tausche ihn gegen das Handtuch. Fühlt sich besser an. Ich kürze etwas ab. Wir warten gute drei Stunden, dann darf ich meine Anzeige machen. Der Beamte ist „nur“ ein Gardien de la Paix, ein Hilfspolizist und er ist nicht so flott mit dem Computerprogramm und dem Tippen. Aber er kennt die Geschichte schon von der anderen Frau, die vor mir dran war, insofern geht es doch schnell. Als ich wiedergebe, was der junge SDF gesagt hat, sieht er mich an und sagt, „wissen Sie, es würde mich nicht wundern, wenn er das alles nur erfunden und selbst die Sachen geklaut hat. Haben Sie dessen Kram überprüft?“ „Nein“, ich schüttele den Kopf, „der hatte nur zwei große Plastiktaschen …“ Ich weiß augenblicklich, dass der Polizist Recht hat. Dieses angebliche Telefonat bei der Polizei – diese Beschreibung des „Arabers“ mit der gleichen Frisur, vermutlich fehlte es ihm an Vorstellungskraft, also hat er der erfundenen Gestalt die gleiche Frisur verpasst – er war vor uns am Strand und hatte, angeblich schlafend, alles im Blick. Deswegen hat auch niemand zwei „arabisch aussehende“ Typen wegrennen sehen. Weil sie einfach nicht da waren. Herrjeh und ich fand ihn so nett. Er sah ziemlich schnuckelig aus für einen Jungen, der auf der Straße lebt, also schon etwas mitgenommen, aber doch ein hübscher Knabe … „aber der sah so lieb aus“, sage ich zu dem Polizisten „und er hat doch die Polizei angerufen!“ Hat er nicht übrigens. Fake! Alles Fake!

Wir sind danach nochmal zum Strand gefahren, haben den Bademeister befragt und informiert – natürlich wurde nirgends etwas gefunden, ich habe sämtliche Mülltonnen durchsucht und in alle komischen Ecken geschaut, weil ich dachte, die Schlüssel, die Schwimmbrille (Minus 10 Dioptrien!), mein Kleid und die Flossen hat er vielleicht weggeworfen, weil er nichts damit anfangen kann. Nur das Handy kann er verkaufen, um etwas Geld zu machen. Den Rest des Tages habe ich damit verbracht, das Handy zu sperren, ein neues zu beschaffen und eine dazugehörige Sim-Karte zu bestellen. Über den Kontakt mit dem Telefonanbieter könnte ich auch einen eigenen Text schreiben. Es reicht aber für heute.

Ach so die Kameras! Die filmen die Straße, nicht den Strand! Und ob die Police Nationale auf die Bilder der Police Municipale zugreifen darf, entscheidet der Staatsanwalt in Grasse, wenn er sich durch die Papierberge bis dahin durchgearbeitet hat. Das kann dauern.

Um es aber auch zu sagen, die Police Nationale hat sofort die Police Municpale angerufen, dort haben sie natürlich in den aktuellen Kamerabildern nach „zwei arabisch aussehenden Typen“ gesucht und, wen wundert es jetzt, nichts gefunden …

Schönen Sommer, ich fahre bald wieder in die stillen internetlosen Berge, ist besser da! Passen Sie schön auf Ihre Sachen auf! Auch morgens um Sieben am schönsten Strand können die Menschen fies sein. „Crapuleux“ heißt das Motiv des Täters in der Anzeige. Hinterhältig, gemein. Ach, Cannes!

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Hinter dem Mond … oder davor

Kaum war ich aus den Pyrenäen zurück, ging es, zumindest für mich, in unser Bergdorf. Atmen und Schreiben. Beides war sehr dringlich. An der Küste ist es immer noch so heiß, aber das Gejammer über den südfranzösischen Sommer in der Stadt wollen Sie vermutlich nicht schon wieder hören (falls doch dann lesen Sie hier ; alter Text, immer wieder aktuell). Schon beim Einfahren in die ersten Schluchten kurz hinter Nizza sind es gleich zehn Grad weniger. Oben, auf 1700 Metern, ist es so kühl, dass ich sofort Halsweh bekomme. Es regnet. Ich mache Feuer und ziehe Socken und einen Fleecepullover an. Es ist still und die aufgeregte Welt ist wohltuend weit weg. Es gibt kein Internet und kein Mobilfunknetz und auch keinen Fernseher. Ich atme, schreibe und lese (Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ (sehr gemocht!) Juli Zeh „Unterleuten“ (anders, aber auch sehr gemocht!). Und ich schaue viel aus dem Fenster, tags und nachts, und ich koche hin und wieder.

Alles sehr wohltuend, aber dann muss man doch wieder runter ans Meer … aus Gründen …

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Letzte Reise

Poupettes letzte Reise ging in die Pyrenäen und dort in ein kleines Dorf irgendwo im Nirgendwo. Ihr zweiter Mann kam von hier und ist hier seit vielen Jahren beerdigt. Sie wollte nun an seiner Seite ruhen. Es war für alle Beteiligten ein überraschender und etwas befremdlicher Wunsch, denn so richtig gut kannten sich die beiden Familien bislang nicht. Nur Monsieur, der in etwa das gleiche Alter der Kinder aus der ersten Ehe des zweiten Ehemanns hat, kannte sie aus Jugendzeiten. Poupette hatte aus Gründen, die nur sie kennt, die „andere“ Familie über vierzig Jahre lang immer nur alleine besucht. Sie war mit der Schwester  des zweiten Ehemanns eng befreundet und ist (nach dessen frühem Tod) mir ihr oft in dieses und in ein benachbartes Dörfchen gefahren. Es ist eigentlich genau so ein Dörfchen wie das Bergdorf, aus dem die hiesige Familie stammt. ein bisschen lieblicher und grüner vielleicht, es regnet dort wohl öfter. Wir haben also einmal den Süden Frankreichs von Ost nach West durchquert, um uns dann in der gleichen ländlichen Bergwelt wiederzufinden. Gestern Abend haben sich die beiden Familien, in denen Poupette zu Hause war, dann erstmals wirklich kennengelernt, zunächst noch sehr reserviert („ihr nehmt mir meine Großmutter weg“, dachte zumindest Monsieurs Tochter erbost und auch Monsieur hätte seine Mutter lieber in „seinem“ Bergdorf gehabt; die „andere“ Familie war ein wenig geniert, dass „unsere“ Poupette lieber bei ihnen ruhen wollte), aber dann haben wir auseinandergedröselt, wer wen wann wo und wie kennengelernt hat und was wir an gemeinsamen Erinnerungen haben. Geschichten der anderen Familie wurden erzählt, vom jüngsten Bruder, der den tödlichen Autounfall hatte, wie streng der Großvater war, der dort eine Schmiede hatte und wie rußig die Zimmer früher waren, die über der Schmiede lagen. So schwarz, dass man zur Taufe der Kinder weiße Leintücher vor die schwarzen Wände gehängt hatte. Und man zeigte uns das niedrig gemauerte Waschbecken in der Küche, denn die Großmutter war nur einen Meter fünfzig groß. Man erzählte Dorfgeschichten, Familiengeschichten und alle erzählten wir Geschichten von Poupette. Wir aßen und tranken zusammen, lachten und weinten ein bisschen. Dann durchquerten wir zusammen das abendliche Dorf, das viel größer ist, als wir zunächst dachten, man zeigte uns alte Häuser und erzählte die Geschichten dazu. Am kleinen See sahen wir einen wundervollen Sonnenuntergang.

Wir schliefen im einfachen Hotel im Dorf, und am nächsten Morgen besuchten wir das andere kleine Dorf, in dem Poupette mit besagter Schwester von G. zur Sommerfrische fuhr, bevor sie, wie Großmütter das hier so tun, Monsieurs Kinder über Jahre in den großen Sommerferien in „unserem“ Bergdorf betreute. Es ist ein niedliches Dorf, das entlang eines Flüsschens liegt und ein „village fleuri“ : es blüht dort wirklich so üppig, Rosen, Stockrosen, Rittersporn, und was immer bepflanzt werden konnte wurde bepflanzt,und überall blühen auch „wilde“ Blumen. Im Winter leben dort nur zwei Personen, denn dann ist es unwirtlich, kalt und feucht, die Sonne kommt kaum in dieses Tal, aber jetzt war es sonnig, fast alle Häuser waren offen und es wirkte sehr einladend. 

Danach fand die Beisetzung auf dem alten Teil des Friedhofs im ersten Dorf statt. Die Zeremonie war etwas nüchterner als in Cannes und schnell vorbei. Wir haben dann auch das Geheimnis von Rose gelöst, die überraschend mit auf der Schleife unseres Gestecks stand: Pour notre Poupette bien aimé hatten wir gewählt, um all die Namen und Verwandtschaftszuordnungen der großen Familie zu umgehen. Es stand dann aber Pour notre Poupette – bien aimé – Rose darauf. Wer ist denn Rose, rätselten wir noch in Cannes. Heute machte es klick: „Rose“, das war die Farbe der Schleife, die wir gewählt hatten, Rosa eben. Es musste ja alles so schrecklich schnell gehen, und bei den vielen Informationen auf dem Zettel, den sich die Floristin gemacht hatte, ging wohl manches durcheinander. Die Schleife immerhin war, wie gewünscht, rose.

Danach nahmen wir noch einen Apéro bei der Familie in der ehemaligen Schmiede zu uns, aßen alle zusammen im Hotel und verabschieden uns wirklich herzlich und friedlich gestimmt voneinander. Wir haben das Gefühl, dass Poupette mit ihrem Wunsch nach einer Beisetzung hier, so „verwirrt“ er uns zunächst vorkam, die beiden Familien endlich vereint hat.

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Poupette oder WmdedgT

Heute morgen um sechs Uhr zieht Monsieur die Badehose an. „Kommst du mit?“, fragt er, er geht kurz schwimmen, aber ich bin noch zu müde, der gestrige Tag war anstrengend, ich hatte dennoch Mühe einzuschlafen und komme jetzt kaum zu mir. Viel Zeit habe ich dennoch nicht, wir müssen noch viel vorbereiten. Gestern ist meine Schwiegermutter gestorben. Poupette nannten sie alle, Püppchen, ein Name aus Kindertagen, der ihr geblieben ist. Sie ist in der Nacht von vorgestern auf gestern friedlich entschlafen. Sie wollte nicht mehr. Kurzzeitig hatte der Aufenthalt im Altersheim, mit dem Rhythmus, den man ihr dort vorgab, sie etwas dynamisiert, und wir dachten, es gehe wieder aufwärts und sie würde vielleicht doch noch hundert oder wenigstens 99 im nächsten Monat, aber schon bald war ihr das alles zu viel. „Ich hoffe, es sind nicht die Medikamente, die mein Leben verlängern“, sagte sie. Sie aß kaum noch etwas und wurde immer schwächer. Es gab Momente, in denen sie Monsieurs Hand hielt und wieder Kind war, mit ihren Eltern sprach und liebevoll Monsieurs Hand drückte, für wen auch immer sie ihn hielt. Dann gab es Tage, da sah sie Bischöfe überall, und an manchen Tagen war sie abwesend und hatte diesen leeren Gesichtsausdruck. Die meiste Zeit aber, verwirrt oder nicht, war sie sehr aggressiv, was den Umgang mit ihr nicht leichter machte. Aber es ging dann doch dem Ende zu; alle besuchten sie noch einmal und alle gingen mit besorgtem Gesicht davon. Ob es wohl das letzte Mal war, dass man sie gesehen hat? Die letzten zwei Tage hatte sie schreckliche Gesichtszüge, „sie sah aus wie tot“, sagte Monsieurs Tochter. Und jetzt, wirklich tot, sieht sie entspannt aus, fast lächelnd. Monsieur ist erleichtert, sie so friedlich zu sehen.

Am Montag schon wird sie auf dem Friedhof in einem Dorf in den Pyrenäen im Grab ihres zweiten Mannes beigesetzt. Dies war eine Entscheidung, die sie, wie so viele andere, plötzlich getroffen hatte, schon mit halbverwirrtem Kopf und eigenartigen Assoziationen. Sie hielt ihren Sohn (Monsieur) plötzlich für ihren ersten Mann, vom dem sie sehr unfriedlich geschieden ist. „Ich bin geschieden von diesem Cazon“ sagte sie wütend zu Monsieur. „Ich habe mit den Cazons nichts mehr zu tun. Ich bin eine L. Ich habe hier keine Familie!“ Dieses Beharren auf „sie habe hier keine Familie“, nachdem Monsieur und seine Tochter sich seit Jahren wirklich aufopfernd um sie kümmern, hat die Familie hier nicht so sehr froh gestimmt. Aber die „andere“ Familie war bereit, sie in das dortige Familiengrab mit aufzunehmen und nun ist es so. Wir fahren also in die Pyrenäen, eine weite Reise bei sengender Hitze und beginnenden Sommerferien. Außer der engen Familie nimmt niemand diese Strapaze auf sich. Um ihren Freunden, Bekannten, Nachbarn, immerhin hat sie fast ihr ganzes Leben in Cannes gelebt, und natürlich auch der entfernteren Familie hier, eine Möglichkeit des Abschieds zu geben, versuchten wir, kurzfristig etwas zu realisieren. Seit gestern vormittag geht hier ununterbrochen das Telefon. Dass wir heute um 15 Uhr die Kapelle in der Trauerhalle und eine Dame bekommen können, die befugt ist, Poupette zu segnen, wussten wir definitiv erst gestern Abend. Dann riefen wir wieder alle Menschen an (und, kleiner Vorgriff: trotz der Kurzfristigkeit und der Hitze kamen so viele!).

Heute morgen um 9 Uhr bestellen wir ein Blumengesteck, kaufen Rosen zusätzlich auf dem Markt, damit jede(r) eine Rose auf ihren Sarg legen kann, ich lasse ein Foto von ihr vergrößern, wir haben eine schönere Bluse für Poupette ausgewählt und bringen sie zum Beerdigungsinstitut, damit man sie ihr noch anzieht. Ich kaufe im Tiefkühlsupermarkt und beim Bäcker Süßes und Salziges für den späteren Umtrunk auf der Terrasse. Dann räume ich schnell und in groben Zügen die Wohnung auf, N., meine Freitagshilfe putzt, und sie säubert auch die Terrasse und Tische und Stühle draußen. Zwischendurch erklären wir am Telefon den Weg zur Trauerhalle und das Prozedere, ich gebe am Telefon der Dame Auskunft, die Poupette auf dem Friedhof in den Pyrenäen segnend begleiten wird. „Ich kenne sie gar nicht, was war sie für ein Mensch?“ Exceptionnelle, höre ich mich sagen, exceptionnelle et courageuse. Und ich singe ein Loblied auf meine Schwiegermutter, die eine außergewöhnliche Frau war: mutig, modern, gesellig und lebensfroh. Die als junge Frau Autorallys gefahren ist, Chemieingeneurin war und mit ihrem ersten Mann Parfums hergestellt hat – Parfums aus einer anderen Zeit, und ein Unternehmen, das die Konkurrenz der neu aufkommenden Supermärkte und deren Politik des „billigen“ Preises nicht verkraftet hat. Später hat sie sich scheiden lassen, ihre Familie hat es ihr übel genommen, Scheidungen waren in der katholischen Bourgeoisie nicht erlaubt. Sie hatte danach keinen Pfennig Geld und hat viele Jahre an einer Privatschule Mathematik unterrichtet (heute haben zwei Herren, die sie unterrichtet hatte, noch darüber geklagt wie unerbittlich sie als Lehrerin war). Dann hat sie ihren zweiten Mann geheiratet, den einzigen Mann, den sie geliebt habe, wie sie einmal sagte. Leider ist er früh verstorben, aber ein paar Jahre hatte sie mit ihm verbringen können. Ich erzähle und erzähle, dass sie autoritär war, und niemand, den man freudig umarmt, die aber doch eine enge Beziehung zu ihren Enkeln (Monsieurs Kindern) hatte, die sich beide wirklich in einer Innigkeit und Liebe um sie gekümmert haben, die ich wiederum exceptionnelle finde. Außerdem hatte sie unzählige Freunde und Freundinnen in den unterschiedlichsten Vereinen, die sich gern um sie versammelten, denn sie organisierte Ausflüge, Picknicks und Feiern und sie lud immer auch sehr gerne zu sich ein.

Schon ist es zwölf Uhr. Alles, was ich erzählt habe, schreibe ich schnell noch einmal auf, mit dem who is who der Familie, Namen und Eckdaten, für die Dame, die die heutige Zeremonie vornehmen wird und die auch nichts von Poupette weiß. Monsieur korrigiert meinen Stil und meine Fehler, dann will er essen. Es ist 13 Uhr und in einer Stunde sollen wir schon in der Trauerhalle sein.

Es gibt daher nur schnelle Tiefkühlpaella und Eis, danach eilen Monsieur und der Rest der Familie schon zur Trauerhalle. Ich bereite ein bisschen den Umtrunk vor, werfe eine Tischdecke über den Plastiktisch, suche Servietten, Gläser (immer sind Gläser staubig und matt, wenn ich sie zur Hand nehme, und ich spüle schnell 12 Kristallgläser von Hand und 8 andere ebenso), dann dusche ich noch einmal, ziehe mich um und fahre auch los.

Um Viertel nach zwei bin auch ich in der Trauerhalle. Viele Menschen kommen, man stellt sich vor, umarmt sich, weint, manche wollen Poupette noch einmal sehen. Ich auch. Sie sieht schon sehr verändert aus, aber friedlich, ganz leicht geschminkt, ihre Bluse und der Blumenschmuck passen wundervoll zusammen: Rosa, Weiß und verschiedene Rottöne. Die Andacht (15 Uhr) mit der Segnung wird von einer unkonventionellen Dame geführt, die angenehm locker ist, die die richtigen Worte findet von Liebe und Verzeihen. Es tut gut, einmal nicht die üblichen Worthülsen, wie sie in der katholischen Kirche in Frankreich noch sehr üblich sind, zu hören. Sie bezieht auch die muslimischen Anwesenden ein, alle die glauben und auch die, die nicht glauben. Es ist feierlich und würdig, aber nicht pompös, vielleicht hätte Poupette gerne mehr Weihrauch und einen Bischof gehabt, nachdem Bischöfe so oft durch ihre Fantasie gegeistert waren, aber es war eine Zeremonie, aus der zumindest ich lächelnd hinausgegangen bin.

Es ist 16 Uhr. Wir danken allen, die gekommen sind und laden zum Umtrunk zu uns ein. Etwa zwanzig werden wir, sitzen im nachmittags schattigen Innenhof und trinken die letzten drei Flaschen Champagner aus dem Keller von Poupette: à Poupette!

Später fahre ich die eine oder andere Cousine und Freundin nach Hause, Monsieur ruht sich aus. Ich schreibe diesen Text. Danke, dass Sie bis hierhin gelesen haben. Ich reihe diesen Text ein in die „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“-Serie bei Frau Brüllen. Dort finden Sie auch alle anderen Tagebuchblogger.


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Morgens um Acht ist die Welt schon durcheinander

Kurz nach Acht am Strand ist schon zu spät. Schon zu warm. Aber ich bin spät, gestern war Lesemittwoch und ich habe ein tolles Buch angefangen (Christoph Hein: „Glückskind mit Vater“) konnte kaum aufhören zu lesen und dann kaum schlafen. Es ist zu heiß und der Ventilator ist zu laut. Kurz nach Acht am Strand hatte eine Dame bereits einen Schwächeanfall und die Feuerwehr raste heran. Ich lechze nach dem Meer, es ist aufgewühlt und schmutzig heute und ich sehe die beiden Kreuzfahrtschiffe grimmig an. Eines legt ab und eine Wolke schönster feinstofflicher Dreck fliegt langgezogen bis zum Palm Beach. Dankeschön auch. In diesem Zusammenhang habe ich einen Artikel bei Herrn B. entdeckt.  Nein, ich will Ihnen Ihren Urlaub nicht vermiesen, oder nur ein bisschen. Weil ich so böse Gedanken habe, werde ich sofort bestraft und eine Feuerqualle erwischt mich. Nur am Knie Gottseidank, und andere sind mir glücklicherweise nicht mehr begegnet. Aber meine Lust, im Meer zu schwimmen, ist jetzt etwas gebremst. Um mich von den Schmerzen abzulenken (übrigens soll man die Verbrennungen nicht abwaschen, sondern feuchten Sand darauf packen und später abschaben, unser Servicetipp, bitte gerne) sammle ich energisch Müll und klettere sogar auf die Felsen, was ich wegen meiner komischen Höhenangst gar nicht mehr gut kann. Das Müllkunstwerk braucht heute auch den Sonnenschirm, es ist so heiß!

Ich wollte dem Müllmädchen eigentlich eine Kette verpassen, ich fand heute unverhältnismäßig viele Dosenaufmachdinger, wie heißen die noch? Und hat man nicht vor Jahren schon erfunden, dass die beim Aufmachen an der Dose bleiben?

Was meinen Sie? Soll ich zukünftig vielleicht eine Müll-Schmuck-Kollektion entwerfen? Ich finde diese kontraststarke Kombination „Posidonie trifft Alu“ ziemlich cool. Riecht allerdings auch stark. Nicht das Alu, nein, die Posidonie. So ein bisschen fischig.

Und es wird noch heißer … habe ich schonmal verlinkt, ich weiß, passt aber gerade wieder so schön :-)

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Abtauchen

das ist das einzige, was man derzeit machen kann. Oder zumindest die Füße in kühles Wasser unter dem Schreibtisch … das ist meine Variante. Nachmittags zumindest. Frühmorgens schaffe ich es immer mal ins Meer. Letzten Samstag hatte die Enkelin Schwimmgala. Sie macht seit vier Jahren Synchronschwimmen. Zweimal die Woche trainiert sie dafür. Anfangs sogar dreimal die Woche. Zu Beginn waren sie und die Mädchen ihrer Gruppe wirklich kleine zappelige Entlein und man sah, wie sie mit den Beinen strampelten, wenn sie sich zu einem Kreis formierten. Jetzt schwimmen sie elegant wie junge Schwäne und es ist eine Freude, ihnen bei ihrer Präsentation zuzusehen. Hier aus Datenschutzgründen nur eine Teilansicht ;-)

Und das Müllkunstbild von heute Morgen. Mit nur reduziert gesammeltem Müll. Es war schon spät, der Strand schon zu voll und überhaupt war es zu heiß. Und ich wollte vor allem schwimmen! Aber: Ich fand heute den zweiten Socken und habe ihn in einen Wal verzaubert.

Und das ist schon den ganzen Tag mein Ohrwurm. The Heat Is On. :-)

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Der frühe Vogel …

… hat den Strand für sich alleine. Dies ist ein Nachtrag vom Samstag. Man kommt ja zu nix. Auch nicht mehr zum Schwimmen oder an den Strand, obwohl es jetzt superheiß wird … la canicule heißt die Hitzewelle hier. Bleiben Sie schön im Schatten und trinken Sie viel!

Und den Müll hat man auch ganz für sich, so früh … hier ein Stilleben : Posidonie mit Socken, zerbrochenen Wodkagläsern und Mini-Spritze.

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Dinosaurier und Seepferdchen

und noch ziemlich viel Schrott heute am Strand. Ich habe es nicht mal bis zum Ende meines Strandabschnitts geschafft, weil mir alles Gesammelte wieder aus den Händen fiel. Und ich will ja jetzt immer ein Bildchen legen. Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen, aber ich wollte auch unbedingt noch schwimmen und so viel Zeit habe ich ja nicht. Stichwort „Arbeiten wo andere Urlaub machen“, n’est-ce pas. Schwimmen war toll. Das türkisblaue Wasser habe ich allerdings aus Porquerolles mitgebracht. Kleiner Tagesausflug Anfang des Monats. Ich wollte die Fondation Carmignac besuchen, die Freundin wollte an den Strand. Beides schön, aber an einem Samstag eines verlängerten Wochenendes ist man dort keinesfalls alleine.

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Müllkunst am frühen Morgen

Heute morgen sehr früh sah es noch nicht besonders freundlich aus, aber ich war wach und wollte schwimmen gehen. Der Wind und die Wellen hatten nachgelassen. Monsieur hat noch Schmerzen vom letzten Ausflug, ich gehe also alleine los. Erstmal laufe ich mich warm und sammle Müll. Ich bin gleichzeitig mit den Müllmännern am Strand, aber die machen ihren Job, sagen wir mal, sehr cool. Ich laufe hinter ihnen her und sammle, was sie nicht sehen. Große Glasscherben zum Beispiel. Am Ende „meines“ Strandabschnitts lege ich mit dem gesammelten Müll ein Bild, aber da kommen sie dann eilig und wollen es mir mit ihren Zangen wegschnappen. Merci M’dame. „Nee“, wehre ich mich, „ich muss hier erst noch ein Foto machen!“ Quoi? „Ich mache Kunst“, erkläre ich kurzerhand. Damit erklärt er mich für verrückt. Elle est folle, sagt er zu seinem Kollegen. Nach dem Foto bringe ich den Müll dann zu ihm und versenke alles in seinen Müllsack.

Müllkunst#1

Man mag es nicht glauben, aber auf dem Rückweg finde ich nochmal genauso viel. Ich sammle alles in der ebenso gefundenen Frisbeescheibe und trage sie wie einen Teller vor mir her und … werde von einer Möwe attackiert, die glaubt, ich habe etwas zu essen auf diesem Teller. Als ich ein paar der Sachen im Meerwasser vom Sand befreie stürzt sie sich erneut auf das verbleibende Zeug auf der Frisbeescheibe und ich habe Mühe sie zu verjagen, klappt wohl nur, weil es nicht wirklich interessant ist. Ich mache nochmal ein Bild und lerne damit in kürzester Zeit am eigentlich ziemlich leeren Strand Menschen kennen: Qu’est-ce que vous faites là? „Ich sammle Müll“, erkläre ich. Und was ist das da? Man zeigt auf mein Arrangement. „Kunst“, sage ich wieder. Aha. Die denken auch, dass ich verrückt sei. Ich sehe es an ihren Blicken. Egal.

Müllkunst#2

Dann gehe ich schwimmen! Zum ersten Mal in diesem Jahr. Hurrah!

Azurgraublau
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Erster Strandgang der Saison

Spät dieses Jahr! Manchmal waren wir schon Mitte April schwimmen. Dieses Jahr war entweder das Wetter zu schlecht oder zu viel anderes los. Und auch heute wäre ich fast nicht gegangen, weil … ich so viel anderes machen müsste. Konzentriert am Schreibtisch sitzen zum Beispiel. Aber dann war es großartig! Das Mittelmeer spielt Atlantik. Es übe wohl noch, wurde mir anderswo gesagt. Aber nach dem gestrigen Tag voller Wind, heißen die Wellen heute „la houle“, ich glaube das deutsche Pendant ist „es rollt“. Ich traute mich auf jeden Fall nicht rein. Erstes Mal am Strand und ich schwimme nicht! Heul. Aber wir räumen wieder brav den Strand auf. Viel war es heute nicht. Der Gatte hatte seinen Anteil schon vor dem Foto in die Mülltonne versenkt. Jetzt gibts frischen Fisch vom Markt und Fisch-Beignets, die la femme du pêcheur neuerdings auf dem Markt anbietet. Délicieux!

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12 von 12 im Juni 2019

Ich merke es ein bisschen spät, erst als ich Frau Muttis Kaffeetasse auf Instagram sehe, wird mir klar, heute ist 12 von 12 dran. Da bin ich mit meinem Frühstück schon fast fertig. Ein bisschen frisch importiertes Vollkornbrot mit Orangenkonfitüre ist noch übrig.

Hach, Karibikfeeling in der Küche. Ich wasche blaue Wäsche.

Heute kommt Cousinenbesuch, also räume ich ein bisschen mehr auf und hänge herumliegende Kleider in den Kleiderschrank. In Frankreich sind alte Schränke oft tapeziert. Hübsch, oder?

Danach geht es ins Büro. Was muss das muss. Der Blick aus meinem Schreibknast ist trotzdem schön.

Mittagessen. Ungeschönt.

Der Himmel über dem Mittagessen. Blick aus dem Fenster.

Trockene Wäsche wird abgehängt (rot), nasse Wäsche wird aufgehängt (blau). Pepita siestet heute draußen. Wir drinnen.

Nach der Sieste fahre ich den Knöchelversehrten Gatten zu seiner Mutter ins Altersheim. Sie bekommt viel Besuch heute: Großcousinen und Kinder ihres zweiten Mannes. Ich bleibe daher nicht, sondern fahre sofort wieder nach Hause.

Nochmal Büro. Von nix kommt nix. Die Schreibassistentin (nicht im Bild) vergnügt sich derweil im Vorgarten.

Die (Groß-)Cousinen kommen nach dem Altersheim zum Kaffee. Monsieur trinkt ein deutsches Bier: Költ aus Monheim. Eine Mischung aus Kölsch und Alt. Häresie? Nein: Endlich das Bier für das gesamte Rheinland, heißt es. Monsieur fand es lecker! Kaum sind die Cousinen weg, wird der Knöchel wieder gekühlt und hochgelagert.

„Tito ist tot“, flüsterte Großmutter. Sie leerte ihren Kaffee in die Spüle, tupfte sich den Mund mit dem Küchentuch ab, öffnete die Tür zum Treppenhaus und rief: „Tito ist tot!“ Ich mache mit beim #Lesemittwoch. Zwischen 20.30 Uhr und 21.30 Uhr bin ich virtuell zum Lesen verabredet und lese weiter in Saša Stanišić‘ „Herkunft“. Also ich lese in der Regel etwas später, hier wird ja immer so spät gegessen. Es gibt die letzten deutschen Maultaschen (nicht im Bild). Wäsche (blau) (ebenfalls nicht im  Bild) wird auch noch abgehängt.

Und zum Abschluss die wundervolle Neonlampe aus der fensterlosen Büroküche für den #Lampenmittwoch. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Danke, wenn Sie der Alltagspoesie bis hierhin gefolgt sind. Die anderen gibt es wie immer bei Caro von Draußen nur Kännchen. Herzlichen Dank auch den Lebensmittelspenderinnen L. und M. !!

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Zwei Tage in Paris

Ich war in Paris. Zwei Tage um genau zu sein. Zwei Tage in Paris ist auch der Titel einer Filmkomödie mit Julie Delpy, die ich seinerzeit ziemlich witzig fand. Ich verlinke Ihnen hier den Trailer der deutschen Version, vielleicht mögen Sie ihn bei Gelegenheit mal ansehen. Ist in der Originalversion vielleicht witziger.

Am Vorabend erfuhr ich,  dass an meinem Anreisetag, dem 4. Juni, ein nationaler Eisenbahnerstreiktag sein würde, ich befüchtete Schlimmstes, aber Gottseidank waren die TGV’s nicht davon betroffen. Nun, um 5 Uhr morgens entschied sich Monsieur, dass er endgültig nicht mitfahren werde, der angebrochene Knöchel, wir sprachen davon. So hatte ich als einzige im vollbesetzten Zug zwei Plätze für mich alleine. Auf der Rückfahrt übrigens auch. Angekommen bei sommerlichem Wetter, sah ich im Vorübereilen an der Gare de Lyon auf dem Weg von Halle 3 zu Halle 1 eine tolle Open-Air-Ausstellung des Zeichners Enki Bilal.

Von der Librairie Allemande, wo ich mein Rendezvous hatte (darüber zu gegebener Zeit mehr), habe ich vor lauter Bücher schauen (kaufen) und reden kein einziges Foto gemacht. Zut! Aber, eine beinahe dringende Empfehlung, gehen Sie da mal hin, es ist so ein netter, kleiner, gut sortierter Laden im Quartier Latin, der um sein Überleben kämpft (einmal schon musste die Besitzerin den Laden schließen), er liegt in unmittelbarer Nähe von Notre Dame, da wollen alle Paris-Besucher sowieso hin, ich natürlich auch. Es gibt im Viertel noch jede Menge andere Buchhandlungen und der französische Outdoorladen Le vieux Campeur ist dort auch mit gefühlt hundert Läden vertreten.

Da isse also. Notre Dame sieht, soweit man es von außen sehen kann, weniger schlimm aus als befürchtet. Nur abgesperrt ist jetzt überall. Gearbeitet wird und fotografiert wird natürlich trotzdem und vielleicht mehr denn je.

Auf der Ile St. Louis überraschte mich ein heftiges Gewitter, und das war der Beginn einer kleinen, kühlen Regenzeit. I love Paris when it drizzles sang ich dagegen an und kaufte mir zunächst einen Regenschirm. Ich erzählte Monsieur am Telefon von dem Gewitter, vor dem ich mich in ein Bistro rettete. Es beeindruckte ihn nicht, „denn stell dir vor, bei Roland Garros haben sie das Spiel von Federer und Wawrinka abgebrochen wegen eines schlimmen Gewitters“ rief mir Monsieur durchs Telefon zu, der seinen verletzten Fuß in mühsam erzwungener Ruhe vor dem Fernseher schont. „Ich weiß“, sagte ich und sah dem Kellner dabei zu, wie er einem davonfliegenden Sonnenschirm hinterherrannte, „es ist dasselbe Gewitter. Ich bin nämlich gerade in Paris.“ Aber ich war natürlich nicht bei Roland Garros, also war mein Gewitter uninteressant. Am nächsten Morgen, während ich zusah, wie die Schulkinder in der Grundschule gegenüber ankamen, gab es immerhin wieder kurz ein paar Sonnenstrahlen.

Flanieren in Paris bei kühlen Temperaturen und in zu sommerlichem Kleid ist wenig amüsant, ich fuhr also gern mit dem Bus, kam aber statt im Marais zunächst in Montparnasse an, fuhr dann mit der Metro wieder zurück.

(Das mit den unterschiedlichen Größen der Fotos habe ich noch nicht im Griff, in der Vorschau sieht dieses Rot-Grün-Nebeneinander so toll aus – leider nicht auf dem Blog, aber mehr Zeit habe ich jetzt nicht, um das anders zu basteln.)

Dann begann es zu regnen …

und ich ging gern immer irgendwo rein, in Passagen zum Beispiel, wie die Passage de Grand Cerf, die sinnigerweise mit Regenschirmen dekoriert war.

Und später entschied ich mich beim Falaffelrestaurant im Marais für das Restaurant, wo ich auf Anhieb einen Platz im Innern bekam, ohne noch zwanzig Minuten im Regen anstehen zu müssen. Die beiden gegenüberliegenden Falaffel-Restaurants liefern sich übrigens einen bösen Krieg. Ich habe noch nie bei As de Falaffel gegessen, aber gegenüber bei Mi-Va-Mi war das Sandwich und die Zitronenlimo köstlichst. Für 8 Euro kann man in Paris nicht billiger und besser essen. Also der Rahmen ist denkbar einfach, aber manchmal ist das ja egal. Da hat man nur Hunger und will raus aus dem Regen.

Später ging ich dann auch, weil ich gerade daran vorbeilief und es immer noch so regnete, spontan in das Musée Pierre Cardin. „Wollen Sie das Museum wirklich besichtigen?“ fragte mich eine der beiden Damen am Eingang, beide ganz in Pierre Cardin gekleidet (schwarz violett die jüngere, kamelhaarfarben die ältere), beinahe fassungslos. „Natürlich“, sagte ich, was war denn das für eine Frage an einem Museumseingang?!

Ich wollte eine halbe Stunde im Trockenen sein und vielleicht im Museumscafé einen Kaffee trinken und durch ein paar Modezeitschriften blättern. Das sagte ich natürlich nicht. „Es steht auf der Internetseite!“ sagte die kamelhaarfarbenen Dame streng. „Was?“, fragte ich. War ich etwa nicht gut genug angezogen für dieses Modemuseum? Musste man mindestens ein Teil von Pierre Cardin besitzen oder tragen, wenn man hier rein wollte? Nein, das Museum war im Prinzip schon geschlossen, und zwar endgültig. Es war der allerallerletzte Tag dieses Museums, das auf unbestimmte Zeit geschlossen und zumindest an diesem Ort zukünftig nicht mehr zu finden sein wird. „Na, dann erst recht“, lasse ich mich nicht abwimmeln. Ich wollte vor allem nicht wieder raus in den Regen. Sie glaubten aber nun, in mir, obwohl in ein namenloses Polka-Dots-Kleid gewandet und außerdem flach beschuht, einen außergewöhnlichen Fan von Pierre Cardin gefunden zu haben und erklärten mir ausführlich die einzelnen Säle, die mich erwarteten. Ich nickte ungeduldig. Ich wollte jetzt rein. „25 Euro“, sagte die Kamelhaarfarbene. Dafür dürfte ich dann auch Fotos machen, fügte sie gnädig hinzu. Ich konnte jetzt nicht mehr zurück. Ich wollte auch nicht handeln. Letzter Tag und so. Kann man da nicht ein Auge zudrücken? Nee, machte ich alles nicht. Ich legte ohne mit der Wimper zu zucken 25 Euro auf den Tisch und durfte dann hinein in die heiligen Räume. Was soll ich sagen? Irgendwie verstehe ich, dass das Museum schließt. Es ist alles etwas ärmlich, lieblos, vernachlässigt. Auf mehreren Etagen hundertmal oder mehr immer dieselben Schaufensterpuppen mit, ab den sechziger Jahren zumindest, immer derselben dämlichen Handgeste. Bekleidet immerhin mit manchmal verstaubten, manchmal verblassten Pierre Cardin-Modellen, von den fünfziger Jahren bis ich weiß es nicht. Ich kann mich nur an die sechziger und siebziger Jahre erinnern (manche der Kopfbedeckungen der Sechziger, die gingen heute nicht mehr, denke ich), diese kurzen Kleider, diese Farben und Formen, die lösen irgendwas in mir aus. Ich erinnere mich an die Kleidung meiner Mutter. Die Achtziger mit ihren riesigen Schultern lösen auch was in mir aus, so bin ich nämlich rumgelaufen. Also nicht in Pierre Cardin, schon klar, aber dieser Einfluss auf die Mode von Monsieur und vor allem Madame Toutlemonde, wie man hier sagt, der ist doch unverkennbar.

Das Museum hat viele Etagen, ich steige hinauf zu den abenteuerlichsten Abendkleidern und hinab bis ins zweite oder dritte Untergeschoss und dort in der hintersten Ecke stehen dicht an dicht wie in einem Partykeller (Darkroom denke ich eigentlich, aber so dunkel ist es gar nicht) alle Modelle, die sonst keinen Platz mehr bekommen haben.

Muss ich erwähnen, dass es natürlich kein Museumscafé gab und keine Modezeitschriften? Nur ein paar Bücher, ich blättere sie durch, und da ich mich als Deutsche geoutet habe, bekomme ich zum Abschied Pierre Cardins Biographie und zusätzlich einen Bildband in deutscher Sprache geschenkt. Als kleines Dankeschön für die vermutlich letzte Besucherin. Ich bin trotz allem gerührt, schüttele Hände und wünsche alles Gute, den Damen und dem Museum, und schleppe nun noch zusätzlich zwei Kilo Buch durch den Regen und zunächst bis ins nächste Bistro, wo ich mir einen Café gourmand gönne.

An der Straßenecke geht es in den Himmel, ich aber fahre zum Bahnhof.

Im Zug habe ich wieder zwei komfortable Plätze und kann die kalten, nassen und erschöpften Füße hochlegen, schon kurz hinter Paris scheint die Sonne, ich lese trotz Müdigkeit in „Herkunft“ von Saša Stanišić  das mich von der ersten Sekunde an fesselt, dieses zwischen zwei Kulturen sein, wird ja auch mehr und mehr zu meinem Thema, auch wenn man es nicht vergleichen kann, schon allein, weil ich mein Land aus freien Stücken verlassen und ohne Probleme in diesem Land bleiben konnte, und ich lese und lese und spüre nicht, wie müde ich bin. Toll. Klare Lese-Empfehlung!

Die Musik hatte ich schonmal verlinkt, ich weiß, sie passt aber gerade so gut.


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Und das Kälbchen? Frl. ReadOns Geschichten

Vor etwas mehr als zehn Jahren, am 15. Mai 2009, starb mein erster Mann Patrick. Fast auf den Tag genau, erschien mein Büchlein „Zwischen Boule und Bettenmachen“. Ich habe über beides auf meinem damaligen Blog French Connection geschrieben und musste erleben, dass man mir in Kommentaren unterstellte, ich habe den Tod meines Mannes nur erfunden, um mehr Aufmerksamkeit für mein Buch zu erhalten. Ich war fassungslos, nicht nur, dass man mir das unterstellte, sondern, dass man das überhaupt annehmen kann.

Ich habe sie sehr gerne gelesen, mochte ihren poetischen, fabulierenden Stil, den andere vielleicht als zu schwülstig empfanden, sie habe mit ihren vielen Nebensätzen und Adjektiven „Lichterketten in die Bäume gehängt“ sagt Anke Gröner sehr trocken. Es geht um Fräulein ReadOn und ihren Blog „Read on my dear, read on“, der bei mir noch in der Blogroll steht, aber nicht mehr erreichbar ist. Das wissen Sie vielleicht schon. Es dauert ja manchmal etwas länger, bis Neuigkeiten über die Alpen zu uns in den Süden vordringen. Ich habe es bezeichnenderweise auch zuerst aus Japan erfahren. Die Welt ist ein Dorf. Den Spiegel+-Artikel, mit dem Marie Sophie Hingst, so heißt Fräulein ReadOn im bürgerlichen Leben, als Lügnerin geoutet wurde, steht hinter einer Paywall, aber es gibt andere, die die Informationen aufgreifen. Sie hatte keine jüdische Großmutter, sie hat nicht in indischen Slums Sexualkunde gelehrt und vermutlich hatte sie weder ein Kälbchen in der Küche in Irland, sie sah von ihrem Küchenfenster nicht das Meer und vermutlich hat sich der Tierarzt, ihr Lebensgefährte, wenn er überhaupt existiert hat, auch nicht zu Tode gehungert. Ich gebe zu, ihre Art, mit dem Tod ihres Lebensgefährten umzugehen: kurzes Schweigen, nicht mehr darüber schreiben, Umzug nach Dublin, wo sie kurz darauf eine Doktorarbeit ablegte, hat mich irritiert, aber nicht alle sind so furchtbar emotional und durcheinander nach traurigen Phasen und so unfähig, Dinge zu tun, wie ich. Sie ist jung und hat eben eine ganz besondere Kraft, dachte ich. Sie schrieb auch jeden Tag eine Karte auf türkisch! in türkische Gefängnisse, zunächst, um Deniz Yüzel zu unterstützen. (Ich scheiterte an diesem Vorhaben schon am ersten Tag beim Versuch, ein geeignetes Postkartenmotiv auszusuchen.) Nun, ich las auch nicht immer alles, ich hatte selbst zu viel um die Ohren. Insofern dachte ich, ich habe vielleicht manches verpasst, manche Information überlesen oder vielleicht gab es auch keine, aber wer bin ich, die Information einklagen zu wollen, was nach dem Tod des Tierarztes mit dem Kälbchen geschah?! Nein, ich habe es nicht gespürt. Ich habe alles geglaubt. Und das obwohl ich bei allen gehypten Meldungen immer zurück zur Quelle recherchiere: Wer hat es zuerst gesagt und wo und warum? Und natürlich weiß ich, dass man Sachverhalte manchmal rundet, damit sie witziger rüber kommen. Damit es am Ende des Textes eine Pointe gibt. So mache ich es auch, hin und wieder zumindest. Das Meer ist dann vielleicht ein bisschen blauer oder die Nachbarin ein bisschen neugieriger oder Monsieur ein bisschen muffiger. Oft genug muss ich Familie oder Freunde beruhigen, dass sie nicht alles wortwörtlich nehmen sollen. Ja, so ist es gewesen, das Große und Ganze stimmt, aber ich erzähle auch eine Geschichte. (Ich habe dreieinhalb Jahre lang amüsante Kolumnen verfasst. Da hätte die Welt untergehen können, bei mir wurde am Ende meiner Alltagskolumne geschmunzelt.) So ist es bei mir, aber Monsieur gibt es und die Katze und die Schwiegermutter, echt, ich schwöre! Und so ist es bei den anderen BloggerInnen, das denke ich zumindest. Daher habe ich Frl. ReadOns Geschichten geglaubt. Die jüdische Familie. Irland. Der Tierarzt. Berlin. Die indischen Slums. Und nein, ich reiße jetzt nicht das Maul auf und stimme ein in den Chor derer, die es schon immer gewusst haben. Ich finde es auch viel interessanter zu fragen, wie es kommen kann, dass ich solche Geschichten so leicht glaube. Es ist nämlich nicht das erste Mal in meinem Leben, dass mir das passiert. Gut, hier wurde nicht nur ich alleine getäuscht, hier wurden 240.000 LeserInnen getäuscht, wenn man den veröffentlichten Zahlen glauben mag.

Ich habe Fräulein ReadOns Blog mehrfach verlinkt, soll ich mich dafür entschuldigen,
wie es jetzt auch die Medien tun?! Vielleicht sollte ich wütend sein, getäuscht worden zu sein, aber ich bin es nicht. Ein bisschen durchgeschüttelt bin ich, zugegegeben, aber ich fragte mich sogleich, warum musste diese kluge junge Frau, die so sympathisch und schlicht daher kommt, warum musste sie sich dieses Leben erfinden? Warum hat sie mit ihrer überbordenden Fantasie nicht einfach einen Roman geschrieben? Er wäre sicherlich ein Erfolg geworden. Ich mochte ihren Lichterketten-Stil und ihre Landarzt-Geschichten und viele hunderttausend andere auch. Ich finde viele ihrer Ansichten und Gedanken immer noch gut und verlinkenswert. Nur sind sie jetzt aus dem Internet verschwunden und egal, was Marie Sophie Hingst je wieder öffentlich sagen wird, allem wird immer der schale Geschmack von „fake“ anhängen (unter #readonmyfake kocht es gerade hoch).

Nun, wäre es auf ihrem Blog bei dem Kälbchen, dem Tierarzt, dem Pfarrer, der dicken Frau aus dem Gemischtwarenladen geblieben, könnte man noch hinnehmen, dass all das nicht stimmte. Also ich könnte es, ich spüre, dass nicht alle bereit dazu sind. Aber das wirklich Problematische bei all ihrer Fabuliererei ist, dass sich eine promovierte Historikerin (!) eine jüdische Familie erfunden hat, die vom Holocaust fast ausgelöscht worden ist und dass sie damit sogar bis nach Israel, bis zur Holocaust-Gedenkstätte nach Yad Vashem gegangen ist. Warum das problematisch ist, hat sehr schön, wenn auch sehr wütend Anke Gröner analysiert, besser als ich es je könnte. Danke dafür. Und gerade gefunden: Einen sehr sachlichen Artikel über die „Causa Hingst„.

Mich würde sehr interessieren zu erfahren und zu verstehen, wie man dazu kommt, seine eigenen erfundenen Geschichten zu glauben. Und falls jemand einen Text zur Psychopathologie derer parat hat, die wie ich, so leicht und gerne glauben, den nehme ich dankend entgegen.

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Kühe ins Grüne

Sie wissen ja, dass ich mein französisches Leben auf einem kleinen Bauernhof in den Bergen begonnen habe. Meine Rettung, wie ich nicht müde werde zu sagen. Ich habe mein Herz an das ländlichen Leben verloren, auch wenn ich jetzt in Cannes lebe. Es wundert daher auch nicht, dass ich ein großer Fan der Serie „l’Amour est dans le pré“, einer Serie ähnlich „Bauer sucht Frau“ bin. Die Geschichte von Samuel und Johanna hat mich letztes Jahr sehr berührt. Ihre Liebe hat gehalten, aber sie sind in finanziellen Schwierigkeiten, wie leider so viele kleine Bauern. Einer der Gründe dafür ist die anhaltende Trockenheit (drei Jahre lang musste Samuel Heu für den Winter dazukaufen). Wenn Sie mich schon lange lesen, erinnern Sie sich, dass ich vor zehn Jahren in den Bergen auch finanzielle Schwierigkeiten hatte, und ich vergesse nie, dass mir Menschen damals geholfen haben. Ich unterstütze die beiden (nein, ich kenne sie nicht persönlich, aber dennoch), die ihren Hof in der Corrèze verkaufen wollen, um die Schulden zu bezahlen und mit ihren Kühen ins Grüne, genauer in die regenreiche Bretagne, umziehen wollen. Falls Sie ebenso etwas dafür erübrigen können, freue ich mich, wenn Sie sich mir anschließen.

johanna & samuel la ferme ULULE from racheneur johanna on Vimeo.

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Niemand mehr

„Je suis morte“, antwortete mir meine Schwiegermutter missmutig, als ich sie fragte, wie es ihr gehe. „Je suis plus personne.“ Ich bin tot. Ich bin niemand mehr. In den Momenten, in denen sie „ihren Kopf hat“, wie man hier sagt, „elle a encore toute sa tête“, ist sie klarsichtig genug, ihre Situation zu verstehen. Heute zumindest. Gestern hatte sie die meiste Zeit einen leeren Gesichtsausdruck und reagierte nur wenig auf unseren Besuch und unsere Fragen. Sie erinnerte sich an nichts. Nicht daran, dass man ihr die Fingernägel geschnitten hatte und die Füße massiert, nicht daran, dass man sie mittags zum Essen nach unten ins Restaurant gefahren hatte (im Rollstuhl), noch an das, was sie gegessen hatte. Der Stuhl jedoch, an den erinnerte sie sich. „Qu’est-ce qu’on est mal dans une chaise!“ Wie unbequem dieser Rollstuhl war, nachdem sie zwei Wochen nur im Bett gesessen und gelegen hatte. Sie konnte sich kaum darin halten, so wenige Muskeln hat sie nur noch. Sie isst vor allem den Nachtisch. Sie hat keine Lust mehr auf Fleisch und Gemüse und das mühsame Kauen. Sie möchte nur noch Weiches und Süßes essen. „Wenn Sie mir eine Freude machen wollen, dann bringen Sie mir einen Baba au Rhum„, sagte sie in ihrem gewohnten Befehlston am Montag zur Krankenschwester, die sie in ihrem Zimmer empfing und unter anderem  befragte, was sie gern essen mag. „Den finden Sie bei Casino!“ fügte sie noch hinzu. Meine Schwiegermutter ist seit Montag im Altersheim. EHPAD heißen die Altersheime, établissements d’accueil pour personnes âgées dépendantes, sie sind gedacht für ältere Menschen, die nicht mehr selbständig leben können. Es ist ein hübsches Haus im neoprovenzalischen Stil, schick eingerichtet, mit Restaurant, das von einem richtigen Koch geführt wird, hier wird nicht etwa Krankenhauskost serviert, und in einem Garten gibt es viele kleine Sitzecken. Bis gestern war hier nicht so richtig schönes Wetter, so dass alle Bewohner drin herumsaßen. Das ist dann, bei allem Schick des Hauses und der Bewohner, genauso wie in jedem Altersheim: Alte Menschen sitzen allein, zu zweit oder in Grüppchen herum (in unserem Fall sind die Menschen gut angezogen und die Sitzgelegenheiten sind schön) und schauen oder dösen. Fünf von ihnen saßen gestern vor dem Aufzug und hatten großes Kino, wann immer jemand aus dem Aufzug kam.

Meine Schwiegermutter hat ein recht kleines Zimmer im zweiten Stock, es war das einzige, das frei war, aber es ist hell mit einen Blick auf La Californie, es ist nett eingerichtet und hat ein großes Badezimmer. Wir trösteten uns über den wenigen Platz damit hinweg, dass sie das ganze Haus und den Garten nutzen könnte, das heißt, dass wir sie mit dem Rollstuhl spazieren fahren könnten. Was man eben so denkt. Wir dachten auch, dass sie hier mehr erlebe, als bei sich zuhause. Das ist zwar so, aber es ist ihr alles zu anstrengend. Schon, dass man sie ins Restaurant fährt, wo sie mit einer netten Dame am Tisch sitzt, ist ihr zu viel. Sie kann sich nicht unterhalten, sie hört nichts mehr. Es wurde ein Geburtstag gefeiert, es gab Kuchen und Champagner. Den Champagner trank sie gerne, der Rest hat sie genervt. Was sind das alles für Leute? Warum bin ich hier?

Der Transport vom Krankenhaus ins Altersheim war friedlich verlaufen. Wir haben sie begleitet und sie hatte verstanden, dass sie nicht nach Hause kam, sondern zunächst an einem anderen Ort wieder zu Kräften kommen und laufen lernen müsse. „Ich kann noch gut laufen“, empörte sie sich, „ich brauche nur jemanden an meiner Seite. Sagen Sie denen, ich will gerne gleich etwas im Garten laufen!“ Wir einigten uns darauf, dass wir ihr erst noch den déambulateur, den Gehbock, aus der Wohnung holen würden. Am ersten Tag war sie aufgeweckt, auch wenn sie vieles durcheinanderbrachte. Ihren Sohn habe sie in einer dramatischen Bombennacht in Avignon geboren, erzählte sie der Krankenschwester, die fragte, ob sie Kinder habe und ob sie noch deren Geburtsdatum wüsste. Nun, Monsieur ist erst weit nach Kriegsende geboren, aber wir wollen nicht so kleinlich sein. Was sind schon ein paar Monate.

Monsieur war gefallen und hat sich den Knöchel verletzt. Er litt Qualen, während der langen Krankenhausausgangs- und Altersheim-Aufnahmeprozedur und konnte danach keinen Schritt mehr humpeln, so ging ich nachmittags alleine noch einmal bei ihr vorbei.

Der von mir extra bei Casino gekaufte und mitgebrachte Baba au rhum war natürlich nicht der richtige. Bonne Maman hätte die Marke sein müssen. Sie hat ihn nicht aufgegessen. Es hätte mich auch gewundert, wenn ich einmal etwas hätte richtig machen können. Ich nahm es als gutes Zeichen, dass sie noch so anspruchsvoll und schwer zufriedenzustellen ist wie eh und je. Wir redeten ein bisschen belangloses Zeug, ich bat eine Krankenschwester, dass man ihr die langen Fingernägel schneiden möge (was am nächsten Tag geschehen ist) und saß lange an ihrem Bett. Als ich mich in der Besuchsliste am Empfang wieder austrage, muss ich zweimal die Uhrzeit überprüfen. Nur 30 Minuten war ich bei ihr gewesen. Es war mir wie zwei Stunden vorgekommen.

Gestern war sie apathisch und saß mit leerem Gesichtsausdruck schweigend im Bett, heute aber war sie missmutig und aggressiv. Sie hat wohl verstanden, dass sie nicht mehr nach Hause kommt, dass es nicht mehr wirklich aufwärts geht. Dass sie die Windeln nicht mehr los wird und dass sie mit dem Gehbock, der in einer Zimmerecke steht, nicht mehr durch den Garten laufen wird. Sie stritt sich mit Monsieur herum, der ihr die Handtasche „wegnehmen“ wollte und kramte dann wie immer stundenlang alle Papiere heraus, betrachtete sie und steckte sie wieder ein. Was soll sie sonst auch tun? Sie schaut nicht mehr fern, sie hört kein Radio mehr. Neue Menschen will sie, die immer so gesellig war, auch nicht mehr kennenlernen. Zuhause konnte sie immerhin noch ihr „Personal“ herumkommandieren und die beiden Damen einmal in der Woche bezahlen: immer ein großer Moment, wenn sie feierlich die Scheine aus der Brieftasche holte. Manches Mal weigerte sie sich auch: „Sie sagen mir nur, dass Samstag ist, damit ich ihnen Geld gebe! Aber ich lasse mich nicht übers Ohr hauen!“ Jetzt kann sie niemanden mehr bezahlen – oder vielleicht doch. Am Freitag wird ihre gewohnte Friseurin kommen, um sie zu frisieren. Vielleicht ist sie dann doch wieder jemand.

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Rund um den roten Teppich

Kleiner Spaziergang rund um den Ort des Geschehens. Blick vom Suquet. Ausblick aus dem C von Cannes. Unten sieht man meistens nichts. Limousinen mit getönten Scheiben. Menschen, Leitern, Sicherheitspersonal. Aber die Luft vibriert. Stars are in the Air. Wir nahmen direkt-indirekt teil an der Montée des Marches von Xavier Dolan und seiner Equipe; junger kanadischer Filmemacher, der seinen Film Matthias et Maxime vorstellte. Dann zum Strand, hier gibt es abends Open-Air-Cinéma. Tagsüber in gewisser Weise auch. Und das sozialkritische Foto. Was vom Abend übrig blieb: Die zertanzten Schuhe.

Und, wenn Sie noch wollen, kleiner filmischer Spaziergang mit der Autorin auch an weniger glamouröse Orte. Ab Minute 38:50. Viel Spaß!

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Im Krankenhaus

Nur ein paar Tage später bekam meine Schwiegermutter eine Bronchitis. Auf tragische Weise eigentlich. Sie hatte es, wie in letzter Zeit immer öfter, nicht mehr rechtzeitig zur Toilette geschafft. Früh morgens rief J. an, die ältere Dame, die meiner Schwiegermutter vormittags Gesellschaft leistet und sich gleichzeitig um die Wohnung kümmert (Aufräumen, Blumen gießen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, Bügeln); aufgeregt rief sie durch den Hörer: „Madame ist gefallen, ich kann sie alleine nicht aufheben!“ Wir fuhren in Windeseile zu ihr. Meine Schwiegermutter war frühmorgens auf dem Weg zur Toilette von ihrem dringenden Bedürfnis überholt worden und letzten Endes darin ausgerutscht. Es roch eklig in der Wohnung und ihre Ausscheidungen zogen eine Spur vom Schlafzimmer bis zum Flur, wo sie in ihren eigenen Exkrementen lag. Sie hielt sich seit Stunden tapfer und würdevoll in dieser erniedrigenden Situation. On glisse si facilement ici, entschuldigte sie sich. „Man rutscht hier so schnell aus.“ Wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, hätte ich gelacht. Ich band mir mein Halstuch um Nase und Mund, bückte ich mich und gemeinsam mit Monsieur hoben wir sie auf. Sie wiegt nicht mehr sehr viel. Wir setzten sie auf einen Stuhl. Immerhin hat sie sich nicht verletzt. Monsieur und die kleine Dame reinigten den Fußboden, die Teppiche und entkleideten, duschten und zogen meine Schwiegermutter, die nach solchen Aktionen immer lammfromm und reizend ist, wieder an. Wir sammelten die Handtücher, die Wäsche, die Bettvorleger und alles andere in große Plastiktüten und ich nahm alles mit nach Hause und wusch es dort, und noch ein zweites Mal mit Chlorbleiche gegen die Flecken. Um die müffelnde Wohnung durchzulüften, riss die kleine Dame alle Fenster und Türen auf. Meine Schwiegermutter saß eine Weile im Durchzug und bekam schwupps eine Bronchitis. Am nächsten Morgen lag sie schwach und fiebrig im Bett und röchelte nur noch. Die Hausärztin überwies sie in das nahegelegene Krankenhaus, eine Privatklinik. Hier lag sie letztes Jahr um diese Zeit schon einmal, und der Aufenthalt im Krankenhaus hatte seinerzeit ihre Verwirrung beschleunigt. Sie war und ist seit damals völlig durcheinander, was die Zeit angeht: morgens oder abends, tags oder nachts, gestern, heute oder morgen ist alles eins. Das Durcheinander bekam sie auch von einem Wecker mit großer Zeitanzeige im 24 Stunden-Modus nicht mehr in den Griff, und weder die Besuche der Krankenschwestern oder die von Monsieurs und seiner Tochter regelten ihren Tag. Oft rief sie nachts um 3 Uhr an und fragte leutselig, wann wir denn kämen, sie habe den ganzen Tag niemanden gesehen, weder die Krankenschwestern, noch J., die kleine Dame, seien gekommen. Wir sagten, es sei mitten in der Nacht und nicht der Moment, Leute anzurufen, wir und alle anderen kämen sicher am nächsten Morgen. „Dann nehme ich jetzt mein Frühstück“, sagte sie. Nach jedem Schläfchen war ein neuer Tag für sie. Mehrfach nahm sie ihr Frühstück ein, immer empört, dass schon wieder jemand vor ihr aus ihrer Tasse getrunken hatte und wieder etwas von dem weichen Kuchen fehlte. „Ich weiß es jetzt“, sagte sie eines Tages mit Entschiedenheit. „Es kommen morgens heimlich Leute und sie essen mein Frühstück auf!“

Jetzt ist sie wieder im Krankenhaus. Sehr schwach dieses Mal. Sie hat auch ein Problem mit dem Herzen wird festgestellt und zusätzlich zur Bronchitis hat sie Wasser in der Lunge. Ein paar Tage lang dachten wir, das wars, es ist das Ende. Monsieur schlief schlecht, saß stundenlang am Bett seiner Mutter, die nur stark röchelte und rasselte, und sich nicht mehr mitteilen konnte. Sie hing die ersten Tage an der Perfusion, hatte eine Sauerstoffmaske und bekam im Krankenhaus Windeln angezogen, denn aufstehen und zur Toilette gehen, kann sie nun nicht mehr. Aber langsam, kaum merklich wurde ihr Zustand besser. Sie röchelte weniger. Sprach wieder verständlich, wenn auch inkohärent („Ich verstehe nicht, warum ich noch arbeiten soll. Ich möchte jetzt wirklich nicht mehr arbeiten gehen!“). Aber weder konnte sie alleine essen noch ihr geliebtes Mobiltelefon benutzen. Sie hielt es in den Händen und drehte es in alle Richtungen, aber sie wusste nicht mehr, wie sie damit telefonieren sollte.

Monsieur und seine Tochter entscheiden zusammen mit der Ärztin, dass meine Schwiegermutter direkt vom Krankenhaus in ein Alters-/Pflegeheim kommen wird. „Zur Konvaleszenz“ sagen wir ihr. Nach Hause will sie, jammert sie zwar, aber dort wird sie nicht mehr hinkommen. Monsieur hat ein schlechtes Gewissen, er hatte ihr zugesagt, dass sie bis zum Schluss bei sich sein dürfe, aber er ist mit seiner Kraft auch am Ende. Seit einem Jahr unterstützen wir sie täglich, organisieren ihren Alltag, kaufen ein, fahren sie zu Ärzten, zur Bank und wo immer sie hinmöchte und verbringen Zeit mit ihr. Es ist nie genug. Sie ist anspruchsvoll und fordernd und nie zufrieden. Wir sind seit einem Jahr nirgendwohin gefahren, um im Falle eines Falles da zu sein. Noch mehr Hilfe schafft er/schaffen wir nicht. Als Monsieur vor ein paar Wochen erstmals ein Altersheim ansprach, hatte sie ihn noch zornig beschimpft und mit ihrer Handtasche geschlagen. Nie im Leben! Die Ärztin übernimmt es also, ihr die „vorübergehende“ Aufnahme im Heim zu vermitteln. Die Ärztin wird sie hoffentlich nicht schlagen. Das Heim ist, anders als ihre Wohnung, die am anderen Ende der Stadt liegt, nur durch einem Park von unserem Haus getrennt. In zwei Minuten zu Fuß können wir da sein. Es ist ein luxuriöses Heim mit schönen großen Zimmer, Blick auf die Stadt und mit einem Garten, und mit viel Personal. Die meisten, die „zur Probe“ kommen, sagt man uns im Heim, sind nach ein, zwei Monaten von den Annehmlichkeiten überzeugt. Nun, hoffen wir das. Wir sind auf jeden Fall erleichtert. Oder sagen wir, ich bin erleichtert. Monsieur trägt an seinem schlechten Gewissen. Von meinen Schultern aber fiel so eine große Last, als die Entscheidung für das Heim gefallen war! Ich war überrascht, es so stark zu spüren, ich wusste gar nicht, wie schwer die Situation auch für mich zu tragen war. Ich denke, wenn wir nicht mehr mühsam den Alltag meiner Schwiegermutter, die ja „niemanden braucht“, aufrechterhalten müssen, haben wir auch wieder mehr Energie und können anders mit ihr umgehen. Diese unsinnigen Streitereien darüber, dass sie die tiefgefrorenen Lebensmittel komplett aus dem Gefrierfach nimmt und in ihren Küchenschrank lagert zum Beispiel, wo sie dann aufgetaut vergammeln und Ungeziefer anziehen, bevor sie von uns weggeworfen werden, nur um umgehend wieder neu für sie einzukaufen, diese Streitereien, bei denen sie regelmäßig keifte Je suis chez moi, je fais ce que je veux ici! „ICH bin hier zuhause, ich mache, was ich will!“ (der kleinen Dame hatte sie zusätzlich noch mehrfach gesagt „und da ist die Tür, wenn es Ihnen nicht passt!“) und anderes dieser Art (ein brennender Putzlappen in der Mikrowelle, herumliegendes oder verstecktes Geld, versteckte Papiere, Rechnungen, Rezepte, Kreditkarten und die stets weit aufstehende Wohnungstür) gehören nun der Vergangenheit an.

Vorhin klingelte das Telefon. Meine Schwiegermutter hat ihr Mobiltelefon wieder im Griff. „Die geben mir hier kein Frühstück!“ beschwerte sie sich um 15 Uhr. Monsieur stöhnt und lacht gleichzeitig. Er hat den Nachmittag mit ihr verbracht. Langsam, ganz langsam ist sie auf dem Weg der Besserung. Sie hustet noch immer, aber sie hält den Löffel nun wieder selbst beim Essen. Sie will nicht ins Heim. Sie will nach Hause. Sie hat einen eisernen Willen.

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Celestial

Heute kam Celestial an: ein Gemälde von Susie Lubell. Ich folge der amerikanisch-israelischen Künstlerin Susie Lubell schon lange, ich mag, was sie macht. Jetzt habe ich mir eines ihrer Bilder selbst geschenkt. Es hängt im Schlafzimmer, genau dort, wo ich es haben wollte. Es passt. Es ist wundervoll. Ich bin verliebt, sitze immer wieder auf dem Bett und schaue es an. Und das Schönste, Monsieur gefällt es auch.

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Cannes : es geht los!

Das Filmfestival 2019 hat begonnen. Mit dem diesjährigen Plakat wird die vor kurzem verstorbene Filmemacherin Agnes Varda geehrt. Sie ist es, die dort auf dem Rücken eines Technikers steht und ihren ersten Film La Pointe Courte dreht. Hier ein paar Eindrücke von heute: Die Stadt füllt sich: Touristen, Journalisten, Filmschaffende. Menschen mit Rollkoffern laufen die Straßen entlang, andere haben schon ihren Badge, ihre Akkreditierung, ich hörte allerdings auch einen Mann, der nervös vor dem Palais herumlief und laut in sein Telefon rief, dass „das mit der Akkreditierung nicht geklappt habe“. Nicht lustig vermutlich. Die Leitern der Fotografen. Möwen, die sich vom Abfall ernähre. Obdachlose gegenüber des Palais in der kleinen Grünanlage. Cannes, zu Zeiten des Festivals.

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WMDEDGT 05/2019

Heute ist der Fünfte und Tagebuchbloggen ist angesagt, Dank für Idee und Ausführung von WMDEDGT (kurz für: Was machst du eigentlich den ganzen Tag) geht an Frau Brüllen, die ich leider gerade nicht verlinken kann (irgendwas spinnt in meinem Programm, wir versuchen das zu lösen). Los gehts. Um halb Acht werde ich wach. ich habe gestern noch bis spät in die Nacht Europa 24 auf Arte geschaut und bin jetzt entsprechend unausgeschlafen. Ein halbes Stündchen kuschele ich mich an Monsieur, der, nachdem er frühmorgens Geschirr gespült hat, nochmal unter die Decke gekrochen ist. Er ist aber viel wacher als ich und würde gern schon reden. Ich nicht.

Um Acht stehe ich auf und mache mir Grüntee und Obsalat mit Müsli. Fast ein Jahr lang hat mir Monsieur morgens Kaffee und Rührkuchen ans Bett gebracht, damit ich in Ruhe wach werden kann. Es war sehr toll. Ich fühlte mich jeden Morgen wie eine Königin. Ich versuche es, aus Gründen, mal wieder ohne Kaffee, und die komplizierte Tee und Obstsalatvariante will Monsieur sich nicht merken. Also meditiere ich mich beim Obstschnippeln wach. Danach frühstücke ich und Pepita schnurrt auf meinen Knien. Ich mache Monsieur Andeutungen, die er richtig versteht und ohne viel Gebrüll und Drama bekommt das Kätzchen sein Antiflohmittel in den Nacken gerieben. Danach ist es trotzdem gekränkt. Pepita hat den beleidigten „Man kann niemandem mehr vertrauen“-Blick. Ich lese ein bisschen im Internet herum. Im Bergdorf hat es geschneit. Bei uns hats nur gewittert und geschüttet und es ist kalt geworden. Die Wäsche von gestern, abends schon fast trocken, ist wieder klitschnass und das Leintuch schleift schwer auf dem Terrassenboden. Wir werden es nochmal waschen.

Um neun gehe ich ins Bad. Monsieur, morgens schon viel dynamischer, werkelt im Haus herum. Um halb zehn bügele ich ein T-Shirt trocken, das ich anziehen will und außerdem zwei Vorhänge. Um zehn Uhr bin ich angezogen und frisch geföhnt und sitze bereits am Schreibtisch und… prokrastiniere, um hier zu schreiben.
Man sollte das (berufliche) Schreiben wie eine Liebesaffaire ansehen, habe ich neulich irgendwo gelesen. Wenn man eine heimliche Affaire hätte, würde man in jeder freien Sekunde mal hier eine SMS mal dort eine Mail tippen. Fiebrig, hellwach und intensiv. Diese Intensität solle man so für seine Arbeit einsetzen und mit fiebrigem Blick mal schnell zwei Sätze reinhauen. Ich starre auf den Bildschirm. Klappt nicht so ganz. Und dann doch.

Halb elf. Wir rufen die Schwiegermutter an, die gestern sagte, dass sie uns heute gerne ins Restaurant einladen will. Das heißt, sie will ausgehen. Ich war nicht begeistert. Es ist äußerst mühsam, sie von A nach B zu transportieren. Sie kann kaum noch laufen, ist halb verwirrt, was sie aber leider nicht liebenswürdiger gemacht hat, aber sie hat einen eisernen Willen. Sie kann natürlich alles noch selbst. Nein, sie braucht keine Hilfe. Wir erreichen Sie nicht, vermutlich hört sie das Telefon nicht, wir fahren direkt zu ihr und reservieren einen Tisch im Lieblingsrestaurant.

Nun, ich habe lange überlegt, ob ich das mit meiner Schwiegermutter hier so öffentlich machen soll, ich will sie nicht bloßstellen, will ihre Veränderung aber eigentlich schon lange dokumentieren und der Blog ist einfach eine gute Möglichkeit. Wenn Sie das zu privat finden und bevor Sie mir dazu kritische Mails schreiben, schlage ich vor, Sie lesen es nicht, sondern überspringen für dieses Mal bitte den Tagebucheintrag. Bitteschön. Sie wissen, worauf Sie sich einlassen.

Wir haben anderthalb Stunden eingeplant, eine Stunde, um sie fürs Ausgehen vorzubereiten, eine halbe Stunde für die Fahrt. Ihre Wohnungstür steht weit offen. Sie schläft, angezogen aber zusätzlich im Morgenmantel auf dem Diwan im Wohnzimmer und ist überrascht, uns zu sehen. Es dauert einen Moment, bis sie sich zurechtgefunden hat. Möchtet ihr einen Kaffee? fragt sie als perfekte Gastgeberin. Wir lehnen ab. Ob sie mit uns Essen gehen möchte? Gerne, sagt sie und freut sich. Sie hat eine Tasse Suppe gefrühstückt, erzählt sie uns. Suppe? Ja Suppe. Vermutlich hat schon wieder „jemand“ ihr eigentliches Frühstück aufgegessen. Das kommt immer häufiger vor. Es sind schon einmal „sechs Personen“ vor ihr in der Küche gewesen! Sie räkelt sich auf dem Diwan. Essengehen wäre schön, nur, wendet sie dann ein, die Krankenschwester, die ihr die Medikamente gibt und sie duscht und anzieht, war noch nicht da. Außerdem ist es auf dem Diwan im Morgenmantel gerade so schön warm und draußen sieht es nicht so gut aus. Wir wollen die Krankenschwester anrufen, um zu hören, wo sie ist, und um sie eventuell abzubestellen. Wir suchen das Telefon. Es findet sich in der kleinen Papiertüte, in der meine Schwiegermutter gerade alles Wichtige aufbewahrt. Wir finden darin auch das Mobiltelefon. Es blinkt grün und rot. „Sieht so aus, als habe jemand angerufen“, sagt sie und betrachtet meditativ das Blinklicht, schafft es aber nicht, das Telefon zu öffnen. Ich öffne das Telefon für Sie. Tatsächlich haben wir angerufen (grünes Blinken). Und der Akku ist fast leer (rotes Blinken). „Sie müssen es aufladen!“, sage ich, „der Akku ist fast leer, deswegen blinkt es rot!“ „Nein!“ Sagt sie entschieden und lächelt mich schlau an. „Niemals.“ „Naja“, sage ich.  „Es wäre schon besser, es ist gleich leer, schauen Sie“, und ich zeige ihr das leere Batteriesymbol.“ „Nein“, sie schüttelt wieder den Kopf. Ich zucke mit den Achseln. „Da muss man nur hier irgendwo was reinstecken“, sagt sie und dreht das Telefon in alle Richtungen. „Genau“, sage ich, „das meine ich.“ Monsieur nimmt kurzerhand das Telefon und steckt es an das Ladekabel des Akkus auf der Kommode im Eingang. In der Zwischenzeit ist die Krankenschwester, die wir noch nicht angerufen haben, gekommen. Sie macht „die Toilette“ mit meine Schwiegermutter, wäscht sie, zieht ihr ein neues T-Shirt an, frisiert sie und gibt ihr die Medikamente. Das alles in flotten 15 Minuten. Ich ziehe derweil die Decken auf dem Diwan glatt, schüttele die Kissen auf und finde dahinter Geldscheine, Kekskrümel, Stofftaschentücher und eine Handtasche. Ich lasse, bis auf die Krümel, alles da, wo es ist. Danach muss meine Schwiegermutter sich erst mal wieder auf dem Diwan ausruhen. Wir ziehen ihr die Schuhe an, suchen eine mittelwarme Jacke, ein nicht zu dickes Kissen. „Müssen Sie nochmal auf Toilette, bevor wir losgehen?“, wage ich zu fragen. „Pardon?“, fragt Sie zurück. „Toilette“, wiederhole ich fragend. Sie lächelt ein bisschen überheblich. Ne vous inquietez pas pour moi! Das ist ihr Standardsatz, wenn Sie etwas höflich ablehnt, manchmal sagt sie es auch, wenn sie etwas nicht versteht.  Machen sie sich um mich keine Sorgen. Nun gut. Wir beraten, was aus der Papiertüte vorübergehend in die Handtasche zum Ausgehen umgelagert werden kann (Geld, Scheckkarte) Sie zieht einen Umschlag nach dem anderen aus der Papiertasche, schaut hinein und überlegt. „Maman“, sagt Monsieur, „wir warten auf dich.“ Entschlossen nimmt sie Papiertüte und versteckt sie hinter einem Sofakissen. Zerrt hinter dem anderen Sofakissen die Handtasche hervor, öffnet sie, und hier jetzt das gleiche Spiel. Alles wird herausgezogen und angeschaut. „Maman“, sagt Monsieur, „wir wollen los.“ „Frag du mal wegen Toilette“, sage ich leise. „Bei mir findet sie das unschicklich.“ „Musst du nochmal auf Toilette, Maman?“ Entschiedenes Oui! Na klar. Nun, auch das dauert. „Ich fahr schon mal den Wagen vor“, sage ich, aber niemand außer mir findet den Satz witzig. Ich sage es natürlich auf französisch und vielleicht sagt Harry es in dieser Sprache anders, vielleicht ist Derrick in Frankreich auch nur einfach nicht so kultig (vor allem nicht in der Generation Monsieurs und meiner Schwiegermutter). Ich fahre das Auto in die Wohnanlage und stelle mich direkt vor die Eingangstür. Sie kommen in Zeitlupe. Während ich ihr helfe, ins Auto einzusteigen, muss Monsieur nochmal mit unserem Schlüssel hoch, um die Wohnung abzuschließen, den Schlüssel der Schwiegermutter haben sie nicht gefunden. Wir fahren los und meine Schwiegermutter ist so vergnügt, wie sie eben sein kann. Wo fahren wir hin? Théoule. Théoule? Ja, Théoule. Wir kommen an. Die drei Meter und zwei Stufen, die es zu überwinden gilt, um ins Restaurant zu gelangen, sind beschwerlich, aber keinesfalls würde meine Schwiegermutter außerhalb ihrer vier Wände einen Rollator, déambulateur heißt das hier, verwenden. Sie sitzt, den Rücken an das Kissen gelehnt und ist zufrieden. „Wir waren lange nicht mehr hier“, sagt sie. „Da ist ein neues Haus“, stellt sie beim Blick aus dem Fenster fest. „Was ist das? Ein Krankenhaus?“ „Das steht da schon immer“, meint Monsieur. „Das ist ein Wohnhaus.“ Es gibt ein Gläschen Champagner und geröstete Brotscheiben mit einem Töpfchen hausgemachter Tapenade. Das Brot ist zu hart. Sie hat vor kurzem eine Brücke mit vier Zähnen verloren und kann nicht mehr gut kauen. Letzte Woche war sie beim Zahnarzt, bekommt den Ersatz aber erst nächste Woche. Ich hole ihr das Weiche aus den Weißbrotscheiben, die man uns freundlicherweise auch hingestellt hat und gebe ihr etwas von der Tapenade darauf. „Wir haben hier doch mal dieses Picknick am Strand gemacht, erinnerst du dich?“, fragt sie Monsieur. „Welches Picknick?“ „Na mit Fernand.“ „Mit Fernand? Maman, das ist über fünfzig Jahre her!“ Aber was sind schon fünfzig Jahre. Meine Schwiegermutter erinnert sich peu à peu an ganz viele Dinge. Ein Schiff, das Hotel und Restaurant war, zum Beispiel. An die Eisenbahnbrücke, die bei der Befreiung bombardiert wurde. Alles schon eine Weile her. Nur das Gebäude vor dem Fenster, das ist neu. „Was ist das für ein Gebäude?“, fragt sie wieder. „Ich habe das noch nie gesehen. Ein Collège?“ Wir fragen diesmal vorsichtshalber die Bedienung. Ein Wohnhaus. Steht da schon immer. Aha. Monsieur fragt seine Mutter leichtsinnigerweise nach einer bestimmten Familie. Wie habt ihr euch kennengelernt? Meine Schwiegermutter denkt nach. Sie vergisst darüber das Essen, das ohnehin schwierig zu bewältigen ist. Für mich ist es nicht leicht zu ertragen, diese alte Dame, die solchen Wert auf Manieren und Tischsitten legt, essen zu sehen wie ein Kleinkind. Das mit der Gabel ist manchmal so schwierig und das, was letztlich im Mund landet, ist wenig. Dazu kommt, dass das Gemüse zu knackig ist, nicht weich genug, sie lutscht darauf herum und nimmt alles nacheinander mit den Händen wieder aus dem Mund und legt es auf den Teller zurück. Nur ein bisschen Fisch kommt wirklich im Magen an. Das alles geht in Zeitlupe. Eine Stunde etwa für den Hauptgang. Sie muss so viel nachdenken und holt immer mal eine Information zu besagter Familie aus ihren Hirnwindungen hervor. Einen Namen. „War der nicht Gendarm?“, fragt Monsieur. „Der war Chauffeur des Commissaires“, weiß Sie, wie aus der Pistole geschossen. Jetzt muss sie auf Toilette. „Das dauert hier alles so lang“, entschuldigt sie sich. Nur deswegen „muss“ sie jetzt. Wir haben das Restaurant nicht nur gewählt, weil es unser Lieblingslokal ist, sondern weil dort dieses Örtchen ebenerdig und somit für sie gut erreichbar ist. Sie kann sich aber kaum noch erheben. Sie ächzt und stöhnt. Monsieur begleitet sie.  „Schließ nicht ab“, sagt er warnend und wartet davor. Es dauert. Das Dessert wird serviert. „Alles in Ordnung Maman?“, höre ich Monsieur halblaut fragen. Sie antwortet nicht. „Maman?“ Er klopft an die Tür. „Besetzt!“, schreit sie panisch auf. Die Leute im Lokal amüsieren sich leise. Monsieur kommt und geht, immer zwischen einem Häppchen Dessert und der besagten Tür hin und her. Maman? Letzen Endes öffnet er entschlossen die Tür und findet seine Mutter dort wie ein Häufchen Elend vor. Er muss ihr helfen die Hose wieder hoch- und anzuziehen. Sie hat es nicht mehr geschafft, sich so tief zu bücken. Zurück kommt sie kaum noch, plumpst erschöpft auf den Stuhl, freut sich aber über die Creme Brulée, denn die immerhin ist weich, süß und köstlich. Sie isst sie beinahe vollständig auf. Trinkt noch einen großen Schluck Wein und bestellt einen Kaffee. Zum Kaffee gibt es ein kleines Küchlein, aber es ist etwas trocken, so dass sie es, gute Französin, in den Kaffee tunken will. Leider plumpst es dabei komplett hinein. Sie ist erschrocken, ich tue so, als habe ich es nicht gesehen. Sie bewahrt die Contenance und rührt ein bisschen im Kaffee herum und holt später mit dem Löffel das aufgeweichte Küchlein wieder heraus. Auf dem Weg zum Mund plumpst es leider wieder zurück, es platscht in den Kaffee und hinterlässt Kaffeespuren auf dem Tisch und auf ihrem weißen Shirt. Normalerweise ist immer jemand anders schuld, wenn ihr etwas nicht gelingt. Im Zweifelsfall derjenige, der versucht zu helfen, damit eben nichts passiert. Weswegen niemand mehr hilft. Das ist ihr in der Regel ganz recht. Sie braucht niemanden!, wird sie nicht müde zu beteuern. „Naaaaiiiin“ schreit sie immer wie ein trotziges Kind auf, wenn trotzdem jemand versucht, ihr ein Glas aus der zitternden Hand zu nehmen. Diesmal aber gibt es keinen anderen Schuldigen. Und es ist ihr peinlich. Noch peinlicher ist ihr, dass ich es gesehen habe. Und ich habe gesehen, dass Sie gesehen hat, das ich es gesehen habe. Wie unangenehm. „Wir gehen!“ Entscheidet sie nun barsch. „Es hat alles viel zu lange gedauert hier. Frag mal nach der Rechnung“, fordert sie Monsieur auf. Monsieur erhebt sich und geht zahlen. Sie sucht in ihrer Tasche. „Wir können gehen“, sagt Monsieur. „Natürlich nicht, ich habe nicht bezahlt und ich finde meine Karte nicht“, sagt sie. „Ich habe schon bezahlt“, sagt Monsieur. „Mit meiner Karte?“ „Nein mit meiner Karte.“ „Dann gib mir meine Karte zurück!“ „Ich habe deine Karte nicht, Maman. Wir haben sie vorhin bei dir nicht gefunden, deswegen habe ich gezahlt.“ „Aber ICH wollte zahlen!“ Sie ist verärgert. „Oui, Maman.“ „Ich hol schon mal das Auto“, sage ich und ziehe mich aus dem Konfliktfeld zurück. Ich halte vor dem Restaurant. Der Weg zurück zum Auto (zwei Stufen, drei Meter) ist für sie sehr mühsam. Erschöpft sitzt sie irgendwann im Auto und ich höre sie zum ersten Mal sagen „Ich bin zu alt, ich kann das nicht mehr .“ Es rührt mich. Dann aber sucht sie erneut in ihrer Handtasche, zieht jeden Zettel, jeden Umschlag mehrfach heraus und betrachtet ihn, sie findet ihre Kreditkarte nicht und wird böse: „Alle wühlen in meinen Sachen herum, deswegen finde ich nichts mehr. Du hast mit meiner Karte bezahlt!“ „Nein“, sagt Monsieur. „Ich habe mit meiner Karte bezahlt.“ „Dann gib mir jetzt meine Karte zurück!“ „Ich habe deine Karte nicht, Maman. Die ist irgendwo zuhause, wir suchen sie dort.“ Sie schimpft und schimpft und wird immer lauter. „Diese Manie, in meinen Sachen herumzuwühlen! Zusätzlich zu all denen, die meine Sachen verstecken und stehlen! Und jetzt hast du mir meine Karte weggenommen …“ Alle Versuche, sie zu beruhigen und abzulenken (Maman, schau mal die schneebedeckten Berge! Schau mal die Kreuzfahrtschiffe! Schau mal das Meer!) schlagen fehl. Leider hat sie von der ganzen Strecke am Meer entlang nur das Innere ihrer Handtasche gesehen. Mit dem Kopf nach unten und in ihrer Tasche wühlend sitzt sie auch noch minutenlang, als wir vor ihrem Haus stehen. „Maman“, sagt Monsieur. „Verzeihen Sie, das Spektakel, das ich Ihnen gegeben habe. Ich bin zu alt, ich kann nicht mehr ausgehen“, sagt sie zum Abschied zu mir. Es rührt mich wieder. Seit Monaten denken wir bei jedem Ausgehen, es könnte das letzte Mal gewesen sein. Heute ist es vermutlich wirklich das letzte Mal gewesen. Monsieur begleitet sie nach oben. Dort suchen sie etwa eine halbe Stunde die von Monsieur „gestohlene“ Kreditkarte. Ich bin froh, dass ich nicht dabei bin. Als wir aus der Wohnanlage hinausfahren wollen, fehlt uns der „Biep“, die Fernbedienung für das Tor. Sie lag vorne im Auto und vermutlich hat meine Schwiegermutter sie eingesteckt. Monsieur geht noch einmal zurück. Sie weigert sich, uns die Fernbedienung zu geben und klammert sich an ihre verschlossene Handtasche. Die Fernbedienung gehört ihr. Es ist ihre Wohnung und ihre Wohnanlage! Nun gut. Wir schaffen es trotzdem raus. Um 16 Uhr sind wir zuhause. Wir finden auf Anhieb einen Parkplatz, das haben wir auch verdient nach unserer heutigen BA, der bonne action, einer „guten Tat“. Dann aber suchen wir schon wieder, diesmal eine Luftpumpe für die Enkel, die mit dem Fahrrad loswollen, füttern die maunzende Pepita, danach sinken wir ins Bett zur Sieste. Ich döse nur, Monsieur aber schnarcht erschöpft. Um Viertel vor Fünf stehe ich auf und schreibe hier.

Monsieur sieht jetzt Tennis im Fernsehen. Seit Monaten kommt nur Tennis, scheint mir. Ich wollte eigentlich noch etwas anderes Schreiben, aber ich bin zu müde, keine Energie für meine „Liebesaffaire“. Ich hole die Wäsche rein, die jetzt trocken ist. Das Leintuch wandert gleich zurück zur Schmutzwäsche. Später werde ich noch etwas bügeln und dabei fernsehen. So war mein Tag. Danke fürs Lesen. Und die anderen Tagebuchblogger finden Sie wie immer hier 


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