Das DEFA-Festival in Cannes

war großartig! Wir kommen gerade vom fünften und letzten Film nach Hause und sind beglückt und erschöpft von der Intensität der letzten zweieinhalb Tage. Ich muss vielleicht vorausschicken, dass dieses DEFA-Festival auf Vorschlag von Franka Günther erfolgte, die manche von Ihnen vielleicht kennen: Franka Günther ist die Vereinsvorsitzende des Weimarer Vereins „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“. Sie ist außerdem perfekt zweisprachig (Französisch/Deutsch) und arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin. „Sprachvermittlerin“ steht auf ihrer Visitenkarte (und wie ich gerade in einem Buch über die DDR gelesen habe, ist „Sprachmittlerin“ der DDR-Begriff dafür). Geschichts- und Kulturvermittlerin könnte da ebensogut stehen, und sie hat für Ihre Arbeit nicht nur das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten Frank Steinmeier erhalten sondern auch das französische Pendant: Der ehemalige Präsident François Hollande hat ihr den Orden de La Légion d’Honneur angesteckt. Franka Günther war also Mitorganisatorin und sie hat uns Dagmar Wagenknecht „mitgebracht“. Dagmar Wagenknecht leitete (nicht nur) zu DDR-Zeiten ein kleines Kino in Erfurt, den Kinoklub nämlich; mehr als 30 Jahre hat sie sich dort mit viel Herzblut und Kampfgeist dem Film verschrieben. Das Kino und die Filme sind ihr Leben! Dagmar Wagenknecht wurde für ihr Engagement – sie fand Mittel und Wege während der DDR-Zeit auch unerwünschte und zensierte Filme zu zeigen (und sie hatte damit durchaus Ärger bekommen) –  ebenso mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ich stelle das mal voran, weil es beim Festival beinahe untergegangen wäre, weil die beiden Damen so bescheiden sind, sich damit nicht brüsten zu wollen. Muss man aber in Frankreich und vielleicht besonders im leicht versnobten Cannes. In Frankreich sind alle ein bisschen Titelverliebt (man spricht Ärzte, Juristen und, wie Sie vielleicht wissen, Kommissare immer mit dem Titel an!); an beinahe jedem Haus hängt eine Marmortafel, weil vielleicht einmal ein Monsieur X oder Madame Y dort gewohnt haben, aber die Auftraggeber, Spender und Anwesenden bei der Marmortafeleinweihung werden immer noch größer darauf geschrieben. Man schreit seine Verdienste gern ein bisschen heraus und die Cannois kann (und muss) man damit beeindrucken. So viel dazu und damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.

Dagmar Wagenknecht ist eine wandelnde Film-Enzyklopädie: sie weiß alles! ALLES! Alle Daten und Informationen über das Leben und die Karriere sämtlicher Schauspieler, sie kennt alle Regisseure, jeden Film bis ins Detail und jede, die größte, aber auch die allerkleinste Auszeichnung, die ein Regisseur, Schauspieler und/oder ein Film erhalten hat. Sie hat 5000 DVDs zu Hause, sie hat Filmkopien, die manchmal nicht mal der Regisseur besitzt, sie hat ein Archiv mit sämtlichen Kinoprogrammheften, die es in der DDR gab und ihre große Liebe ist der DEFA-Film. Sie weiß so viele Details, dass es manchmal schwierig ist, sie zu stoppen, aber alles war so interessant, dass das Publikum, zumindest der größte Teil, auch für die Diskussion am Ende der Filme blieb und wir immer nur aufhörten, ihr Fragen zu stellen und ihr zuzuhören, weil wir den Saal für den nächsten Film freigeben mussten. Und dann standen wir vor dem Kino herum und sprachen immer noch weiter. Toll! Übersetzt und gedolmetscht in beide Richtungen, denn Dagmar spricht kein Französisch, hat das alles unermüdlich und kongenial Franka. Wir sahen am ersten Abend zunächst eine arte Dokumentation über den DEFA Film, um uns alle auf einen gewissen Informationstand zu bringen.

Die arte-Dokumentation habe ich gerade nicht gefunden, aber diese hier vom mdr ist ähnlich.

Danach sahen wir „Karbid und Sauerampfer“ – es wurde viel gelacht und mitgelitten im Publikum. Der Saal (ein einfacher Saal im Rathaus) war proppevoll, mehr als hundert Personen waren wir (mit 50-70 hatten wir maximal gerechnet), das Essen in der Pause, darunter Spezialitäten aus dem Osten, von Franka und Dagmar mitgebracht (Christstollen, Hallorenkugeln, Russisch Brot), reichte kaum aus, die Luft war leider schlecht und eine Person erlitt einen Schwächeanfall. Wir unterbrachen den Film, warteten auf den Notarzt und setzten viel später die Vorführung fort – und der Saal war immer noch recht voll – nur ein paar Menschen waren zwischenzeitlich gegangen. Diskutiert wurde an diesem späten Abend dann aber nicht mehr.

Am Samstag morgen um halb elf gab es, nun in einem nicht ganz kleinen Saal im richtigen Olympia-Kino, „Jakob der Lügner“ zu sehen. Und der Saal war wieder mit knapp hundert Personen gefüllt! Das Publikum war nach dem Film einen Moment ganz still und ergriffen, bevor es Beifall klatschte. Ich habe gerade die Abstimmungsergebnisse bekommen – „Jakob der Lügner“ hat dem Publikum am besten gefallen (9 von 10) – manche gaben sogar zwölf statt der möglichen zehn Punkte oder eine „zehn+“.

Weniger begeistert hat hier „Die Legende von Paul und Paula“ (6,8 von 10), den Film den wir gestern Nachmittag sahen, auch wenn Dagmar ihn in den historischen Kontext gesetzt und viel erklärt und die für uns „unsichtbare“ Kritik an der DDR in diesem Film gezeigt hat. Die Musik („Wenn ein Mensch lebt“ und „Geh zu ihr …“), die Dagmar und Franka einträchtig mitsangen, kam bei den Franzosen auch weniger an. Der Film lief in einem kleinen Vorstadtkino Cinétoile, der Saal fasst etwa 80 Personen und er war bis auf den letzten Platz besetzt. Darauf war ich so stolz! Das Kino ist nagelneu und der Saal ist schön, aber man muss sich wirklich dorthin aufmachen, ich habe dort schon „Festival“filme mit nur einer Handvoll Menschen gesehen, zur großen Betrübnis von manchem Regisseur, der extra anwesend war.

Heute morgen dann sahen wir erneut im Olympia „Das Kaninchen bin ich“. Der Saal war nicht ganz so voll wie am Vortag aber immer noch gut besetzt. Ich hatte ein bisschen Angst, dass dieser in den sechziger Jahren gedrehte und dann sofort verbotene Film, in dem es um Recht und Gerechtigkeit in der DDR geht, vielleicht nicht verstanden und gemocht würde, aber Dagmar hat viel Erklärendes vorab erzählt und es gab eine sehr angeregte erhellende Diskussion danach, so dass es dieser Film auf Platz zwei der Beliebtheitsskala geschafft hat: 8,7 von 10.

„Solo Sunny“, den wir heute Abend wieder in dem kleinen Vorstadtkino Cinétoile sahen, gefiel dem Publikum in seiner Melancholie und dem Blick auf das authentische graue und etwas triste DDR-Ambiente (7,0 von 10). Immer noch war der Saal voll, das Publikum blieb, bis wir aus dem Saal mussten und immer noch wurden viele Fragen gestellt und von Dagmar geduldig und ausführlich beantwortet. Danach stand ein kleines Grüppchen lange draußen herum und wollte nicht gehen. Wir waren uns einig: Wir hatten tolle Filme gesehen! Aber ohne Dagmar und Franka hätten wir sie nicht richtig „lesen“ können, hätten nicht gesehen bzw. verstanden, was zwischen den Zeilen steht. Ohne sie wäre dieses kleine Filmfestival nicht so erfolgreich geworden! Denn das war es! Ein absoluter Erfolg! Fünf Filme in Folge mit übervollen und vollen Sälen! Ein aufmerksames und interessiertes Publikum! Großartig! Wir werden das fortführen, das ist sicher!

Morgen kann ich vielleicht noch ein bisschen was ergänzen und Fotos einfügen.


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November

Kürzlich war ich auf dem Friedhof. Hier wird die Grabpflege zu den Feiertagen sehr ernst genommen und ich wollte sehen, was ich an Blumen kaufen könnte, um das Grab von Monsieurs Großeltern und Urgroßeltern rechtzeitig zu bepflanzen. Aber siehe da, es war bepflanzt. Die violettrosafarbenen Astern wachsen sogar beinahe in Form eines Herzens. Wie schön. Wir wissen nicht, wer hier tätig geworden ist und warum, aber wir danken von Herzen. Ich hatte daher ein Stündchen Zeit und spazierte ein bisschen auf dem Friedhof umher. Ich bin bis zum Grab von Klaus Mann gepilgert, es liegt ganz am unteren und äußersten Ende des Friedhofs, und ist ein unscheinbares Grab. Viele Steinchen, eine verblichene Plastikrose, vergessen ist Klaus Mann nicht.

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Le mur de Berlin

Sie haben in Deutschland vielleicht schon genug Erinnerungsfilme gesehen, hier gibt es ja nun nicht so viel dazu, insofern habe ich mir die Sendung „Le mur de Berlin“ gestern Abend wirklich gerne, fast gierig angesehen. Auch der Rest der Familie, und sogar die Kinder haben sie gesehen. Die Sendung wird komplett erst in einer Woche in der LCP Mediathèque freigeschaltet sein, dann kann ich sie hier verlinken, ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. "Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird", antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird. (opens in a new tab)">was hiermit getan ist ;-) ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. „Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird“, antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird.

Und dann dreißig Jahre später sehen wir noch einmal die ersten Szenen der Maueröffnung. Die französische Korrespondentin in Berlin (im Pelzjäckchen) berichtete den staunenden Kollegen im Studio, mal mit Bild, mal ohne, von dem, was sich ereignete: die Menschenmengen, die ausgelassene Stimmung, die ersten Menschen die von Westseite auf die Mauer kletterten, ohne, dass die Ost-Grenzbeamtenreagierten, die Trabis, die sich kilomterlang stauen …  Sie waren vollkommen überrascht von dieser Entwicklung, sagte der Nachrichtensprecher gestern, nichts hätte darauf hingewiesen, dass sie einen anderen Dienst als sonst machen würden.

Nicht in der Sendung, aber im gleichen Sinn: Claire Doutriaux, eine Begründerin von arte und der arte karambolage Serie erzählt ebenso, dass sie, DIE Expertin für Deutschland zu dieser Zeit, dieses Ereignis buchstäblich verschlafen hat.

Ein Historiker, Nicolas Offenstadt, der ein Buch über „Le Pays disparu“, also über die DDR, „das verschwundene Land“ geschrieben hat, fasste in aller Kürze sehr gut zusammen, wie es weiterging mit der DDR nach diesem ersten Glückstaumel. Damit wir aber in dieser Sendung nicht zu traurig gestimmt werden, gab es danach noch eine weitere Dokumentation: Berlin aller-retour heißt sie: Verschiedene kleine Filmteams begleiteten über 24 Stunden mehrere Personen in diesen ersten Tage nach dem Mauerfall. Für mich auch absolut neue Szenen, auch wenn man natürlich eigentlich alles schon kennt. Darunter ein Studentenpaar, Jana und Jim, ein ausgebürgerter Dissident, der illegal wieder in den Osten einreist und, zum ersten Mal in der Geschichte heißt es, begleiteten die französischen Journalisten einen Vopo auf seiner Dienstrunde und privat. Diese Art der Reportage, in der die Journalisten und die Kamera den Menschen folgen (und nicht entscheiden, was die Menschen machen sollen, damit die Kamera schöne Bilder bekommt!), ist in den achtziger Jahren, das sagte zumindest  der Verantwortliche der Reportage gestern, absolut neu.

Jana und Jim, sind gute Sozialisten, sie finden das aufgeregte Gerenne ihrer Mitbürger in den Westen ein bisschen albern. Aber sie werden, ein paar Tage nach der Maueröffnung, nun auch losgehen, schon um mal zu sehen, „nach was die Menschen dort so lechzen“. Sie können jetzt sogar mit der U-Bahn fahren, ab Jannowitzbrücke, die Linie in den Westen, die unterirdisch immer noch existierte, wurde wieder geöffnet. Jana und Jim sind aufgeregt, aber geben sich unbeeindruckt, sprechen freundlich mit dem erschöpften Vopo, der wie am Fließband Visa in Reisepässe stempelt. Dann sind sie im Westen. Die Häuser sind schon gut in Schuss finden sie. Und der Obst- und Gemüsestand beeindruckt sie fast wider Willen. Erstaunlicherweise kennt Jana Granatäpfel, Quitten aber sind ihr fremd. (Kakis auch, aber die kannte ich in den Achtziger Jahren auch noch nicht.) Sie tanzen in Kreuzberg in einer Disko, Ostbürger zahlen keinen Eintritt, später melden sie sich bei einer Familie an, die bereit ist, Leute aus dem Osten, die im Westen übernachten wollen, bei sich aufzunehmen. AirBnB vor AirBnB sozusagen und komplett gratis. In diesem Fall ist eine polnische Familie so großzügig, sie haben vor vierzehn Jahren selbst Polen Richtung Westen verlassen und können all die Aufregung um die Mauer und die Westbesuche gut nachvollziehen. Nach der Mondlandung sei die Maueröffnung das größte Ereignis für ihn, sagt der Vater. Am nächsten Tag sieht man Jana und Jim an der Mauer. Es missfällt ihnen, dass an der Mauer rumgehackt wird. „Ist doch ein historisches Bauwerk“, findet Jana, „am Eiffelturm würden sie doch auch nicht herumsägen.“ Aber es hört niemand auf sie. Und das Stück Mauer, das man ihr anbietet, will sie auch nicht. „Wie geht es Ihnen?“ ruft sie den Vopos freundlich zu, vermutlich eine der wenigen, die sich in die Haut der Grenzpolizisten versetzen mag in diesen Tagen. Aber sie antworten nicht. „Dürfen nicht“, vermutet Jana. Sie findet übrigens, dass die Menschen in Ost und West zu unterschiedlich seien, eine Wiedervereinigung kann sie sich daher nicht vorstellen, und wenn, dann, klar, nur unter sozialistischer Führung.

Schwenk zum Kudamm, den Champs Elysées allemands. Ein paar Frauen und Männer wagen sich dort in ein Pelzgeschäft. „Nur mal schauen.“ Andere schließen sich an, um „das wirklich mal zu sehen.“ Ein Mann erkennt fachmännisch Fuchs, aber es ist amerikanischer Fuchs wird er belehrt, 3000 Mark soll die Pelzjacke kosten. Gar nicht so teuer, wird befunden. „Ich kann es nicht bezahlen“, sagt hingegen mutig eine Dame ganz offen zu der Verkäuferin, „aber ich würde schon gern mal was anprobieren … NUR mal anprobieren!“ und die Verkäuferin reicht ihr flugs einen Pelzmantel an. Glücklich dreht sich die Dame vor dem Spiegel und es gibt viel bewunderndes „Ah“ und „Oh“ der Umstehenden. „Das können wir uns vielleicht auch bald leisten“, heißt es. Ich konstatiere, in den Achtzigern waren echte Pelze noch nicht verpönt.

Der ausgebürgerte Dissident tritt als einziger die Gegenbewegung an und sucht einen Moment im Grenzgedrängel, um unbemerkt und illegal wieder in den Osten zurückzukommen. Er sucht seine Freunde und geht als erstes zu einer Veranstaltungen des Neuen Forums, wo man noch darüber diskutiert, ob man wirklich politische Mitveranwortung anstrebt und sich mit Mandatsträgern zur Wahl stellen wird oder ob man „nur“ eine Organisation (sobald sie offiziell anerkannt ist!) außerhalb sein möchte. Was für eine Aufbruchsstimmung! „Wirst du hier bleiben?“, fragen die Freunde, und als er bejaht, liegen sich alle weinend in den Armen. Später, auf der Suche nach weiteren Freunden, klopft er häufig vergeblich an Türen. Die Freunde, erfährt er, wen wunderts, machen alle gerade einen Ausflug in den Westen. Erst ganz zum Schluss kommt einer der ersehnten Freunde mit dem Fahrrad aus dem Westen zurück und sie fallen sie sich in die Arme.

Am erstaunlichsten finde ich den Dreh mit einem Vopo in diesen Tagen. Die Journalisten und die Kamera begleiten ihn auf seiner Dienstrunde mit einem Kollegen; am ersten Tag hat er Dienst an einem neu geschaffenen Grenzübergang (die Mauer wurde an verschiedenen Stelle geöffnet, daran erinnerte ich mich gar nicht). Sie wundern sich, dass „die wirklich alle wieder zeitig zurückkommen“. Wie ist es wohl da drüben? Sie selbst waren noch nicht im Westen, aber sie haben ein Visum für die kommende Woche. Später fahren sie gemeinsam im Dienstauto hinter der Mauer entlang. Wir sind wirklich auf der Ostseite direkt hinter der Mauer, niemals vorher waren ausländische Journalisten dazu befugt! Sie kommen an einem Friedhof vorbei, und ein Journalist wagt tatsächlich nach den Todesopfern an der Mauer zu fragen. Der Schießbefehl sei aufgehoben worden, antwortet der Kollege des Vopo ganz freundlich, und auf dem Friedhof lägen die Kollegen, die im Dienst ums Leben gekommen seien, einer sei übrigens vom Westen aus erschossen worden! Am Ende begleiten wir den Vopo bis hinein ins Dienstgebäude, wo er nach Dienstschluss dem Vorgesetzten Bericht erstattet: „alles ruhig, die Menschen freundlich, keine aggressiven Störungen“. Abends zuhause bei ihm diskutieren er und seine Frau. Die Mauer muss stehenbleiben findet sie, damit man sie im Zweifelsfall wieder schließen kann: es passiert so viel Schlimmes im Westen, Drogen undsoweiter, sie will nicht, dass ihre Kinder dem ausgesetzt sind. Am nächsten Tag macht die kleine Familie einen Ausflug und sie sehen das Brandenburger Tor von weitem, „nächste Woche werden wir es von der anderen Seite sehen und dann wieder von hier“, erzählt die Mutter ihren Kindern. Ein bisschen sehnsüchtig nach dem Westen ist ihr Mann schon. „Und, möchtet ihr da drüben sein?“, fragt er stattdessen seine Kinder, aber sie sind noch zu klein, um irgendetwas zu antworten. „Du kennst meine Meinung“, versucht seine Frau abzuschwächen. „Ich habe hier meine Arbeit, die Kinder sind hier geboren und alles …“

So, und nachdem ich Ihnen alles so schön aufgeschrieben habe, habe ich die Sendung Le mur de Berlin (anklicken->) im replay gefunden … bonne séance („Rembob’ina“ ist ein Wortspiel: rembobiner heißt zurückspulen und heißt ebenso Filmmaterial wiederaufwickeln, Sie erinnern sich vielleicht an diese Filmspulen, die man damals in diesen Aluminiumdosen aufbewahrt hat; „INA“ ist das Institut National de l’Audiovisuel, das französische Ton- und Filmarchiv; in der Sendung werden also historische Filmausschnitte zu diversen Themen gezeigt)

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Erinnerungen einer mittelalten Westlerin an den Osten

Die letzten Tage und Nächte war mein Kopf mit dem Osten beschäftigt. Dank Ihrer Zuschriften und dem regen Hin- und Her in meiner Mailbox, habe ich viel erfahren. Viel mehr, als ich je gedacht habe. Danke, für Ihr Vertrauen und dass Sie mir ein Stück aus Ihrem Leben preisgegeben haben. Bei Vielem kamen mir die Tränen. Für manches Erlebte fehlen mir die Worte, um zu antworten. Ich werde hier nicht davon erzählen, das verstehen Sie sicherlich, Sie, die „anderen“ meine ich. Ich habe meinen französischen Text über die Mauer, die Wende und die Nachwendezeit für den Vereinsvorsitzenden des Kinoclubs geschrieben, und er hat ihn mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Tatsächlich dachte man hier an einen märchenhaften Schluss unserer deutschen Geschichte: „Und dann lebten sie glücklich vereint bis ans Ende Ihrer Tage.“ Pas tout à fait. Nicht ganz. Mein französischer Text ist sicher etwas emotional und aus der Ostperspektive geschrieben; unter dem Einfluss all der Zuschriften; eine Perspektive die ich aber durchaus selbst im Blick hatte, nur nicht ganz so tief und wissend. Ich habe einen Nachtrag gemacht, denn es kamen gestern dann noch sehr zufriedene Stimmen von jungen Menschen, die sagen, sie haben ein gutes Leben (auch im Osten), die außerdem zur Wendezeit zu jung waren, um in der DDR Repressalien ausgesetzt zu sein, da hatte ich den Text aber schon fertig. Je jünger, desto positiver sieht man die Wende, kann man vielleicht sagen. Ist ja durchaus logisch, der Bruch in der Biographie, den die Wende für ein ganzes Land verursacht hat, ist für ältere Menschen (aus dem Osten) ganz klar dramatischer/traumatischer.

„Hier hat jeder, der heute über 45 Jahre alt ist einen krassen Bruch in der Biographie. Immer wenn in der Geschichte Westdeutschlands ein Opelwerk schließen musste, der Bergbau im Ruhrgebiet oder ähnliches, und tausenden Familien ihr Leben neu ordnen mussten, gab es einen Bruch, so dass es Jahrzehnte später noch Reportagen darüber gibt – im Osten ging es jedem so. Ob man darüber spricht oder nicht, jeder musste sein Leben neu ordnen (zum Guten der Schlechten) und vieles passierte dabei schnell und fremdbestimmt und im Rückblick schmerzend.“

Für uns aus dem Westen waren der Mauerfall und die Wende vielleicht bewegend, aber (in der Regel) nur ein kurzer Moment in unserer Biographie und dann ging unser Leben unverändert weiter. Vielleicht haben wir auch überraschend mit nicht ganz so brillantem Examen Karriere im Osten gemacht, weil man dort gerade die gesamte Elite austauschte und „unbelastete“ Leute brauchte. Etwas, was nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland nicht so ganz geklappt hat. Das aber nur am Rande.

Ich denke immer häufiger, dass man eigentlich erst im reifen Alter studieren sollte. Wenn man selbst etwas erlebt und verstanden hat von diesem verwickelten komischen Leben, das uns passiert. Und ich denke immer häufiger, dass jeder mal ein Jahr alleine und möglichst nur mit wenigen Sprachkenntnissen und einem begrenzten Budget in einem fremden Land leben sollte. Leben. Nicht reisen. Dieses Zurückgeworfen werden auf beobachtendes Kinderniveau, dieses Nichtverstehen von Sprache und Kultur, dieses sich Zurechtfinden müssen und abhängig sein von der Freundlichkeit und Zugewandtheit der Menschen in diesem Land, ich sage es immer wieder, es macht demütig. Ich denke, dass ich erst heute, wo ich selbst in einem anderen Land lebe, in dem man mich, ich schrieb es neulich schon mal im Kommentar, für dumm hielt (hält), nur weil ich die Sprache nicht ausreichend spreche oder eben nur auf einem gewissen umgangsprachlichen Niveau kommunizieren kann, mir nicht zuhört, was habe ich schon zu sagen oder mich als Deutsche ablehnt, in dem ich auch nie einen vergleichbaren Job finden würde, vielleicht wegen meines Deutschseins oder wegen des sehr einfachen Französischs, das ich spreche, erst heute VERSTEHE ich, was Ausländer in Deutschland erleben und was auch Ostdeutsche in Westdeutschland erleben (Uh, ein Ossi, uh, dieser schreckliche Dialekt). Erst heute spüre ich auch diese Fragiliät der Situation. Was, wenn sie morgen in diesem Land entscheiden, dass alle Ausländer raus sollen? Was nützt es mir da, dass ich einen französischen Mann geheiratet und einen französischen Namen habe? Vielleicht endlich die doppelte Staatsangehörigkeit besitze? Was nützt all das und all meine Anpassung, wenn mein Aussehen und mein Akzent mich schon verraten als Ausländerin? Und wenn man zusätzlich an der Grenze auch den Namen meiner Eltern erfragt? Ich hatte, als ich „Jakob der Lügner“ sah, erstmals das Gefühl, dass ich nicht nur einen Film über die dunkle deutsche Geschichte sehe, sondern dass es mich trifft, weil es mich möglicherweise eines Tages betrifft.

Erst heute verstehe ich, was es heißt, sich irgendwo fremd zu fühlen, finanziell ungesichert zu sein und (vielleicht) was es bedeutet, im Exil zu leben; Exilforschung übrigens einer meiner Studienschwerpunkte, den ich sicherlich nicht schlecht gemeistert habe, aber wirklich richtig verstanden habe ich damals wenig. Zu jung, zu unbeschwert und zu sprachbegabt, als das ich mir das erzwungene Leben der Juden in der Fremde wirklich als leidvolle Last vorstellen konnte. Ich wollte immer weg und ins Ausland. Und die Sprache wird man doch wohl lernen können, dachte ich ein bisschen herablassend.

„Es hat nie jemand gefragt. Es hat sich nie jemand dafür interessiert“, hörte ich oft von meinen „GesprächspartnerInnen“. Also niemand aus dem Westen hat gefragt. Es ist kränkend. Ich verstehe das. Seit fast 15 Jahren lebe ich in Frankreich und nur wenige Franzosen interessieren sich hier für meine Geschichte oder gar für die meines Herkunftslandes. Selbst in meiner neuen Familie ist man ziemlich uninteressiert, mal abgesehen von Monsieur. Für die meisten bleibe ich die stammelnde Deutsche, von der man nicht allzuviel weiß, auch nicht wissen will. Wo kommst du nochmal her? Achso ja. Wo ist das nochmal? Aha. Und Basta.

Ich hingegen frage zumindest heute viel, warum auch immer und ich bekomme viel erzählt, und ich kann gar nicht verstehen, dass es so viel Ungefragtes und Unerzähltes gibt zwischen den Menschen. Sich ihr Leben erzählen, um sich kennenzulernen, ist der Ansatz der Biographiegespräche auf Gut Gödelitz. Den Hinweis habe ich von einer meiner Gesprächspartnerinnen bekommen und füge ihn noch schnell hier ein. Das Gut in dieser Form und die Gespräche gibt es seit 1998, vielleicht sind die Gespräche dort nur ein Tropfen in ein noch ziemlich leeres Fass, aber immerhin ein Tropfen. Vielleicht ein Anreiz, mal in den Osten zu fahren?

Ich habe zu einer Zeit unter anderem „Volkskunde“ studiert, das heißt heute in der Regel etwas elitärer „Kulturanthropologie“ oder „Europäische Kulturwissenschaft“, und dort gibt es den Schwerpunkt Erzählforschung. Es geht ganz altmodisch um Märchen, Sagen, Legenden und um die neuen „Modernen Sagen“, die Urban Legends, die man sich so erzählt. Da geht es aber auch darum, was im Familienkreis oder beim Dorffest erzählt und was hingegen auch nicht erzählt wird. Sehr spannend alles, also für mich zuindest. Ich las damals viele gesammelte Berichte von Ostdeutschen, die angekommen im neuen Westalltag ein bisschen verloren waren, verständnislos vor Wasserhähnen, Durchlauferhitzern oder Fotokopierern standen. Das mit den Wasserhähnen kann ich aus Frankreich auch erzählen. Manchmal muss man mit dem Fuß eine Wasserpumpe bedienen, darauf muss man erstmal kommen.

Vermutlich gibts im deutschen Fernsehen jetzt Erinnerungen bis zum Abwinken. Wenn es nicht gerade um den 9. November herum ist, gehen die ostdeutschen Erinnerungen im gesamtdeutschen Alltag aber eher unter. Das sagten mir auch die GesprächspartnerInnen:

„Bei all den schönen Dokus: So war Deutschland in den 70igern, in den 80iger… ist immer der Westen der Standard. Wenn über die Emanzipation der Frauen geredet wird, über Umweltverschmutzung, Industrie usw. fehlt in der Regel die Geschichte der DDR, die eben anders war. Ich verstehe, dass das viele schmerzt. Und das auch im ganz kleinen privaten: Wenn sich „Wessis“ unterhalten, teilen sie Kindheitserinnerungen – Urmel aus dem Eis, die drei Fragezeichen, Unendliche Geschichte usw. sind Erinnerungen, die alle begeistern und sentimental verbinden (und die die meisten „Ossis“ in der Regel auch kennengelernt haben inzwischen oder schon früher durch Westfernsehen).  Dann erwähnt ein „Ossi“ Elli im Wunderland oder Detektiv Pinky oder Timur und seinen Trupp – und wird angeschaut wie ein Ufo, weil das so fremd und unbekannt ist. Weil das auch keinen mehr interessiert, weil diese Bücher/Filme/Geschichten nicht mehr präsent sind, weil diese – ganz persönliche Geschichte – verschwindet.“

Letztes Jahr war ich im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Nizza bei einer Lesung mit Jana Hensel. Tolle Veranstaltung übrigens, interessant, erhellend und in der Regel perfekt zweisprachig, so dass auch immer viele Franzosen anwesend sind. Selbst Monsieur, der abends nicht mehr so gerne vom Sofa aufsteht, begleitet mich gern zu den Veranstaltungen des CCFA. Die Leitung hatte bis vor kurzem Tobias Bütow, er kommt aus dem Osten und hat daher einen anderen und besonderen Blick. Jana Hensel erzählte, dass man sie immer wieder genervt frage, ob sie denn immer noch/nur über den Osten schreiben müsse. Ja, antwortet sie nicht minder genervt, denn wenn sie nicht explizit über den Osten schriebe, dann wäre er in der Presse nicht sichtbar. Es ging um Vieles an dem Abend, ich erinnere mich vor allem an den ersten ostdeutschen Kosmonauten Siegmund Jähn (in der Zwischenzeit verstorben), dem Angela Merkel nicht zum 80. Geburtstag gratuliert hat.

So. Und ob Sie wollen oder nicht, jetzt bekommen Sie auch noch meine Erinnerungen: Ich arbeitete damals, zur besten Wendezeit, in einer Universitätsbibliothek und auch wenn dort alles noch deutlich verschlafen war, die PC’s und das Internet kamen gerade erst in unser Leben, wir waren in unserer Bibliothek noch deutlich vor der elektronischen Ausleihe: alles ging noch von Hand und mit durchgestrichenen Namen auf grünen Karteikärtchen. Aber wir hatten einen Fotokopierer. Den man gegen das Einwerfen von damals noch Zehnpfennigstücken benutzen durfte. Einfach so. Ich weiß noch, was das für ein Staunen hervorrief bei den neuen jungen Studenten. Mitten im Semester aufgeregt und durcheinander und manchmal ein wenig hilflos waren sie plötzlich da. Mit einem von ihnen, einem Architekturstudenten aus Weimar, der aber etwas früher schon über Ungarn gekommen war, war ich befreundet. Ich war sehr verliebt, um ehrlich zu sein. Das erinnert mich an den Kommentar einer Leserin, die schrieb, „die Wende war für mich weit weg, denn ich war gerade so verliebt“. Mir ging das ähnlich, ich weiß, dass die Zeit der Wende mich nicht unberührt gelassen hat, ich lebte ja gerade mein persönliches Ost-West-Abenteuer, aber in meinen Tagebüchern finden sich keine Hinweise auf die historischen Umwälzungen, da geht es nur um die Frage, ob ich ihn sehen werde oder nicht. Er hat mir viel erzählt vom Osten. Einmal war er festgenommen worden, weil er auf der Leipziger Buchmesse ein Buch eines West-Verlages gestohlen hatte. Es folgten quälenden Befragungen. Er erzählte, dass er in der DDR zu jeder Ausstellung fahren und dort selbstverständlich jeden Ausstellungskatalog erwerben konnte, im Westen konnte er sich dann nicht mal das Zugticket und den Eintritt zu den Ausstellungen leisten, die er zu sehen hoffte. Er erzählte mir auch Amüsantes: dass sie sich mit den Freunden um sich schnell zu verabreden, mangels Telefon Telegramme geschickt haben. Und was für eine Enttäuschung, als sich das berühmte „Bauhaus“ im Westen, das Mitarbeiter suchte, als Baumarktkette herausstellte und er dort Regale auffüllen musste. Er war anders, frech und direkt und mit einem offenen Blick. Und er war wahnsinnig ehrgeizig. Und ich auf jeden Fall sehr verliebt. Er hingegen war verliebt in eine Französin, eine Pariserin, die als Studentin mit einer Gruppe durch die DDR gereist war. Sie hatten sich in einem Museum kennengelernt und sie schrieb ihm Karten aus Paris mit Mauergraffiti: „Je t’aime“. Die Karten fand er charmant, aber er wusste nichtmal was „je t’aime“ bedeutet. Auch das hatte er mir erzählt. Er musste also nach Paris, sobald er genügend Geld dafür hatte und hatte vorher extra noch eine Auslandsversicherung abgeschlossen, die ihm ein findiger Versicherungsfuzzi aufgeschwatzt hatte. Und er kam nach wenigen Tagen schon enttäuscht zurück. Paris war großartig, entsetzlich teuer und sie nicht mehr in ihn verliebt. Ich war sein Trostpreis, denke ich heute und nur eine Etappe auf seinem Weg, er ist heute supererfolgreich in Berlin. Kennen tut er mich heute nicht mehr.

Etwas später lebte ich in Göttingen und von dort bereiste ich mit einem anderen (West-)Freund, den nahen Osten hinter Göttingen längs und quer. Ich erinnere mich an die holprigen gepflasterten Straßen, dass man im Winter den Rauch der Kohleheizung roch, und man so auch roch, wenn man sich einem Ort näherte. Wir tranken Tee in einem Jugendclub irgendwo in der Provinz, alles war so anders und wir und die Jugendlichen sahen uns gegenseitig misstrauisch an, in der Ecke aber stand ein Fernseher und dort liefen schon Musikvideos von MTV.  Ich ließ einen Aluminumteelöffel mitgehen, weil ich so einen noch nie gesehen hatte. Ich habe ihn heute nicht mehr, aber ich habe ihn lange benutzt. In Magdeburg suchten wir lange das Stadtzentrum, bis man uns sagte, wir seien mittendrin. Aber es sah nicht so aus, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir liefen in Quedlinburg über mittelalterliche Steine und bei jedem Hoftor, an dem wir vorüberkamen, hatte ich den Eindruck, wenn man es zu fest zuknallte, würde das Haus darüber zusammenfallen. Dort aßen wir übrigens eine recht grauenvolle Soljanka, lustig, was mir alles wieder einfällt. Wir waren auf Rügen und auf Hiddensee. Bevor ich die abenteuerlichen Feldwege in Frankreich kennengelernt habe, waren die holprigen Betonstraßen und -wege, die zu weit abgelegenen Campingplätzen führten, das abenteuerlichste, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich war gerührt von der Schönheit der Landschaft und der idyllisch aussehenden Ländlichkeit. Alleen, Sandwege, Hühner, die in kleinen Dörfern frei und gackernd hin- und herliefen. Der alte Bäcker, der in einem niedrigen Häuschen wunderbaren Blechkuchen backte und ihn uns am nächsten Tag zum halben Preis beinahe aufdrängte, dabei war auch der frische Kuchen für uns schon so billig, dass wir uns schämten, nur den halben Preis zu bezahlen. Campingplätze mit noch sehr rudimentärer sanitärer Ausstattung, fließend Wasser nur morgens und abends, Wasser gäbs in der Ostsee genug, sagte uns der Platzwart ungerührt. Wir wählten dann einen anderen Platz, dort waren die sanitären Anlagen so neu, dass sie noch nicht mal in Männlein und Weiblein getrennt waren, wir hingegen dachten, dass sie cool seien, diese Ossis, und duschten gemeinsam in der gleichen Kabine. Am nächsten Tag dann klebten die entsprechenden Zeichen auf den Türen und man sah uns komisch an, als wir gemeinsam auftauchten. Doch nicht ganz so cool.

Dieser Film wird unsere Vorpremiere. Der Transport von 7 Fässern Karbid im Nachkriegs-Osten erinnert mich an „La Traversé de Paris“ wo zwei Männer ein geschlachtets Schwein durch das besetzte Paris schmuggeln. 

Ich war in Leipzig auf der Buchmesse, zu Zeiten, wo die Messe noch klein und fast unspektakulär in der Innenstadt in einem mehrstöckigen Gebäude, dem Messehaus am Markt, stattfand. Ich wohnte bei einer Familie, die sehr stolz auf ihr hübsches Haus und ihre biedermeierliche Gemütlichkeit waren und auf ihren japanisch angehauchten Garten und darin die Lampen in Form von kleinen Pagoden. Ausführlich erzählten sie, wie und wo sie abenteuerlich und mühevoll in der DDR alles zusammengesucht hatten, um sich die Lampenformen zu bauen und mit Beton selbst zu gießen. Sie sahen perfekt aus, aber ich gebe zu, ich konnte es nicht ansatzweise würdigen. 

Genauso wenig, wie ich als Kind die hölzerne Puppe aus dem Erzgebirge würdigen konnte, die man uns in einem Päckchen aus der DDR als Dank für Kinderkleidung geschickt hatte. Eine Barbiepuppe hatte ich mir gewünscht, nicht so etwas. Die Kinderbücher aber las ich später. An eines kann ich mich noch erinnern, es hieß „Die Rei-no-pi“, glaube ich zumindest, ich habe es gerade im Internet vergeblich gesucht; ein Anagramm der Pioniere natürlich. Und es ging um Kinderstreiche und das schlechte Gewissen und das heimliche Wiedergutmachen. Pioniere eben.

Kurz nach der Wende war ich auch in Dresden, ich besuchte eine Freundin, die es dort an die Uni verschlagen hatte, der das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen als Wessi im Osten auf lange Sicht aber nicht behagte. Insbesondere nicht der arrogante West-Prof, für den sie arbeitete. Die Gartenstadt Hellerau konnte ich besuchen, mit ihren Reihenhäusern, die damals ein bisschen müde wirkten, aber noch vollkommen intakt waren. Eines konnte ich auch von innen sehen. Puppenstubenklein schien es mir. Im Festspielhaus der Gartenstadt, das lange Zeit von russischen Soldaten als Sportsaal genutzt worden und sehr heruntergekommen war, gab es riesige russische Wandgemälde vom großen Vaterländischen Krieg (die gibt es heute immer noch habe ich erfahren, restauriert sogar). Ich habe damals eine Semesterarbeit über diese Gartenstadt geschrieben. Getippt auf einem Atari und mit einem Nadeldrucker ausgedruckt, das weiß ich noch. Ich würde das heute gerne nochmal lesen, aber leider habe ich meine Uni-Unterlagen bei meinem Umzug Richtung Frankreich vernichtet. Brauch‘ ich nie wieder, dachte ich. Stimmt zwar, aber dennoch …

Ich las Jurek Becker und den damals schon umstrittenen Hermann Kant. Später Erwin Strittmatter und die Biographien von Manfred Krug und Armin Müller Stahl. Ich habe mich also bemüht, dieses Land, das es schon gab, als ich auf die Welt kam und dass mir fremder war als Österreich, Frankreich oder Italien, irgendwie kennenzulernen, aber … verstanden, richtig verstanden habe ich nichts vom Osten, vom Leben dort, von den Umständen. Ich glaube, ich war einfach zu jung und zu westdeutsch. Als wir bei dem obligatorischen Schulaufenthalt in Berlin auch einen Tag nach Ostberlin fuhren und dort in ein Café einfielen, wo es Saft und Torte gab, und wir dumm und unwissend nachfragten, was denn für Saft? Apfel? Pfirsich? Orange? Und was für eine Torte? Schoko? Nuss? Sacher? Schwarzwälder? hätte uns der Kellner vermutlich gern eine gescheuert oder uns gleich hinausgeworfen. Wir blieben da und aßen Torte bis wir platzten. Aber wir mussten ja unser Geld ausgeben und auf die Idee, eine Buchhandlung zu suchen, bin ich damals nicht gekommen. Ich war auch da mal wieder sehr verliebt und wollte eigentlich nur einem Jungen nah sein. Ich hatte mich auf die Studienfahrt nach Berlin auch nur eingetragen, weil er mitgefahren ist. Er hat mich nicht eines Blickes gewürdigt. Ich hätte besser nach Rom fahren sollen.

Zum Abschluss Ostmusik. Ich habe mich durch alle Versionen von „Am Fenster“ (Studio, Live, 1978 bis heute) durchgehört, mir gefällt diese hier am besten, weil die Stimmung des Publikums am euphorischsten ist. Trotz der offensichtlichen Kälte.

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DEFA-Filme in Cannes

DEFA, falls Sie es nicht wissen sollten, ist die Abkürzung für die Deutsche Film AG, sie war ein Filmunternehmen der DDR mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Der Mauerfall jährt sich bald zum 30. Mal und der Cannoiser Kinoclub Cinécroisette wird aus diesem Anlass sein zweites deutsches Filmfestival veranstalten und im November eine kleine Auswahl an DEFA-Filmen zeigen. Vier vermutlich, vielleicht auch fünf: Einen Film oder vielleicht zwei aus der Kriegszeit („Jakob der Lügner„/“Lissy„), zwei aus den sechziger und siebziger Jahren („Das Kaninchen bin ich„/“Die Legende von Paul und Paula„) und einen aus den Achtzigern („Solo-Sunny„). Ich habe sie mir in den letzten Tagen angesehen, ich kannte nur „Das Kaninchen bin ich“, den ich aber heute mit anderen Augen sehe. „Jakob der Lügner“ hatte ich hingegen nur gelesen oder kannte ich die US-amerikanische Variante „Jakob the Liar“ mit Robin Williams? Ich weiß es nicht mehr. Die Geschichte zumindest war mir bekannt.

Ich sollte dem Vereinspräsidenten kurz wiedergeben, wie ich die Filme fand, und ich kann es (bislang) nicht. Ich bin vor allem wahnsinnig gerührt. Ich habe das Gefühl in meine Kindheit und Jugend einzutauchen, mit den Frauen in Kittelschürzen, den Mülltonnen aus Stahlblech, den Kohlebriketts, die mit dem Eimer in den Keller getragen werden. Ich bin erschüttert, wenn ich in „Das Kaninchen bin ich“ die Protagonisten an den Hausfassaden entlanggehen sehe, in denen man noch all die Einschusslöcher aus der Kriegszeit sieht. Sehe dieses Sommerhüttchen, in dem ich sofort friere, so dünn sind die Wände und alles dort (einschließlich des Wassers, das man irgendwo holen muss) erinnert mich an das Leben im französischen Sommerhaus. Ich bin wieder gerührt, wenn Lissy noch in einer Zinkwanne in der Küche „badet“, und wenn das Klo auch dreißig Jahre später in „Solo Sunny“ noch auf halber Treppe ist und die Fassaden der Häuser noch bröckeliger geworden sind. Und dann seufze ich, wenn in „Paul und Paula“ all diese alten Häuser abgerissen werden, um nagelneue Plattenbauten an ihrer Stelle zu errichten. Und all die Männer mit den Schnurrbärten, die Jugendlichen mit den langen Haaren, die plumpe Anmache der Männer, herrjeh, und diese Mustertapeten. Das alles stimmt mich melancholisch.

„Jakob der Lügner“ hat mich so ergriffen, wie schon lange kein Film mehr. Oder doch. „Der Himmel ohne Sterne„, ein Film von 1955, allerdings kein DEFA-Film, der kürzlich auf arte lief und die Anfänge der Zeit mit dieser Mauer zeigt, die damals noch an vielen Orten durchlässig war. Ich fand diesen Film, eine dramatische Ost-West-Liebesgeschichte sehr eindrücklich, so sehr, dass ich ihn fast nicht ertragen habe. Der Film wäre wegen des politisch brisanten Themas beim Filmfestival in Cannes 1956 beinahe nicht gezeigt worden (irgendwo habe ich gelesen, er sei tatsächlich nicht gezeigt worden). Er war aber ohnehin kein kommerzieller Erfolg, niemand wollte das, was doch so gerade in Deutschland stattfand, sehen. Ich bin also gerade im Ost-West-Thema und sehr aufgewühlt. Dazu kommt, dass mich der Vereinspräsident so Dinge fragt wie „wie lange hat es denn gedauert, bis Ostdeutschland das gleiche Lebensniveau hatte wie der Westen?“ und ich kurz auflache. „Zehn Jahre?“ fragt er. Genau, denke ich. Zehn Jahre, danach hatten wir überall blühende Landschaften. „Bis heute nicht“, sage ich, und frage mich dann, ob das so pauschal gilt. Ich komme ja nicht aus dem Osten. In Leipzig und Dresden ist es sicher anders als in der Uckermark. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu erklären. Es war ein Prozess, eine Entwicklung, sage ich. Immerhin gab es Übergangsregierungen, ich erinnere mich an so viele fusselbärtige Männer, ich erzähle von der Begeisterung für Kohl, der Dankbarkeit für Gorbatschow, von den kritischen Stimmen, die niemand hören wollte, und dass man die DDR in Bausch und Bogen verworfen habe, dass es eine Art Landflucht gegeben habe, erzähle von überheblichen „Besser-Wessis“ und naiven „Jammer-Ossis“, ich sage, dass der Osten eine Großbaustelle geworden war für westliche Unternehmen, der „wilde Osten“, den es zu erobern galt. Ich versuche zu erklären, was die Treuhand war, Abwicklungen von mehr oder weniger maroden Unternehmen, Arbeitslosigkeit, ich rede immer schneller und sage, die Mauer ist weg, aber jetzt haben wir einen Graben. Mein Gesprächspartner versteht das alles nicht, scheint mir. Er erwartet ein glücklich vereintes Volk. Wo ist sie hin, diese Glückseligkeit der Menschen, die man dieser Tage wieder zeigt, als die Grenze endlich offen war? „War das gar nicht so?“ fragt er. „Doch“, sage ich. „Das war so. Aber es dauerte eben nur kurze Zeit. Eine Zeit, in der wohl auch Vieles möglich war (ich erinnere mich an Sofas am Straßenrand in Berlin und an improvisierte Clubs und Bars), aber danach fing der Alltag an. Und die Ernüchterung kam.“ Herrjeh, es ist nicht einfach. Und was weiß ich schon vom Osten? Und ich bin überhaupt schon so lange weg aus Deutschland. Ich habe in diesem Sommer Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ gelesen und „Unterleuten“ von Juli Zeh. War es so? Ist es so? Wie ist es denn im Osten jetzt? Mögen Sie mir mal eine kurze Einschätzung geben, nur von dort, wo Sie sind? So kurz wie sie können ;-) Und wie geht es der nächsten und übernächsten Generation? Wächst da jetzt zusammen, was zusammengehört?

Sie können mir das auch gerne privat schreiben, wenn Sie es öffentlich nicht mögen, was ich absolut verstehen kann. Ich verspreche, dass ich Ihre Antworten respektvoll behandeln werde. Meine E-Mail-Anschrift sende ich Ihnen gerne zu, wenn Sie mir über das Info-Formular (klicken Sie oben „Kontakt“ an) eine kurze Nachricht senden. Merci!

Ich habe übrigens noch „Spur der Steine“ vorgeschlagen (an Stelle von „Lissy“) Welches ist Ihr DEFA-Lieblingsfilm? Möchten Sie mir das auch noch verraten?

Wir werden die Filme in Deutsch mit Untertitel zeigen:

Jakob, der Lügner  (Jacob le menteur) Olympia samedi 16 novembre 10h30

Die Legende von Paul und Paula (La légende de Paul et Paula) Cinétoile Rocheville samedi 16 novembre 17h30

Das Kaninchen bin ich  (C’est moi le lapin) Olympia dimanche 17 novembre 10h30 

Solo Sunny Cinétoile Rocheville dimanche 17 novembre 17h30 

Adresses des cinémas: Olympia 5 rue d’Antibes 06400 Cannes // Cinétoile Rocheville 2 Chemin du Périer, 06110 Le Cannet 

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Bloggen über 50

So. Jetzt aber! Seit Tagen will ich es verlinken, aber man kommt zu nichts, Sie kennen das. Jetzt sind wir schön unter uns, alle anderen sind nämlich auf der Buchmesse. Machen wir es uns gemütlich, es ist Zeit für ein Päuschen! Gießen Sie sich noch einen Tee ein oder einen Kaffee. Los gehts:  Ich wurde interviewt. Das ist nicht neu, in diesem Jahr stand ich schon öfter dem oder der einen oder anderen Journalisten(in) Rede und Antwort, aber dieses Interview ist anders! Es geht ums Bloggen und klar, Sie denken es sich vermutlich bei der Überschrift, ein bisschen geht es auch ums Älterwerden. Vor ein paar Wochen schrieb mir Maria vom Blog Unruhewerk. Maria ist Texthandwerkerin und eine der Frauen hinter der Plattform Blogs50plus, auf der ich mich vor ein paar Jahren eingeschrieben habe. Die zweite Frau ist übrigens Uschi, die die Technik hinter der Plattform ehrenamtlich stemmt. „Älter werden und sichtbar bleiben“ heißt es im Untertitel. Die Plattform vereinigt Blogs von Über-50-Jährigen (die Ü60- oder Ü70-Jährigen sind eingeschlossen). Mehr als 300 Frauen und Männer jenseits der 50 sind zurzeit dort versammelt, und sie (wir) schreiben über alles, was sie (uns) bewegt: übers Leichtes und Schweres, das Reisen, über Mode, Sport und das Gärtnern, über Krisen und Neuanfänge, das Kriegsenkelsein, die Rente und das Älterwerden. Ich hatte mich mit Anfang 50 auf der Plattform eingeschrieben; die 50 waren eine Zäsur für mich, damit hatte ich zu hadern. In der Blogwelt um mich herum waren und sind die Frauen (und Männer) meist zehn oder noch mehr Jahre jünger. Da geht es um andere Dinge, die Sicht darauf ist anders und sehr häufig geht es um den Alltag mit kleinen oder größeren Kinder. Das ist durchaus interessant, aber ich fühlte mich allein mit meiner Krise und der beginnenden Menopause, über die ich zwar in Ansätzen zu schreiben wagte, was aber zumindest damals keine(r) lesen wollte. „Über so etwas schweigen und in Würde altern“, riet mir nicht nur eine Leserin. Erst jetzt, ein paar Jahre später, geht es auch auf den Blogs der jüngeren Frauen um die Menopause. Ha! sage ich, zugegeben etwas bitter. Ha! Jetzt, wo ich durch bin, wird das Thema gesellschaftsfähig. Aber nun gut, möge es den kommenden Generationen von Frauen helfen. Ich habe mich bei  den Ü50-Bloggern eingeschrieben, dann aber dort gar nicht besonders viel genetzwerkt. Ich bedaure das, denn es gibt einige(s) zu entdecken. Maria hat sich jetzt daran gemacht, auf ihrem persönlichen Blog Unruhewerk alle Ü50-Blogs und die Menschen dahinter peu à peu vorzustellen. Schauen sie da ruhig mal rein, das heißt auf neudeutsch klicken sie den Link an und scrollen Sie sich durch, es lohnt sich!

Hier geht es nun zu meinem Interview. Vielen Dank dafür Maria! Und à bientôt!

Und der im Interview erwähnte Admin(istrator), der Gestalter und zuverlässige und treue Helfer im Hintergrund, ist der sehr geschätzte Herr skizzenblog. Mea culpa fürs späte Verlinken. Un grand Merci für alles, was du tust!

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Ende eines Ladens – La fin d’un petit commerce

Zweisprachiger Text. Texte bilingue.

Ein anderer Abschied, der mich dieser Tage mehr berührt hat als der Tod Chiracs, ist der von Bernard, dem „petit épicier“ aus Cannes, der es bis in meine Kriminalromane geschafft hat. Nein, er ist nicht gestorben, Gott behüte, aber er schloss gestern Abend definitiv seine kleine Epicerie, seinen kleinen Tante Emma Laden, der offiziell Alimentation Générale les Deux Palmiers heißt. Von den zwei im Namen erwähnten Palmen steht seit Jahren nur noch eine. Seit 1981, seit achtundreißig Jahren war er hier jeden Tag „fidèle au poste“, sagt er von sich. Zuverlässig und treu öffnete er jeden Morgen um Sieben seine Ladentür. Die Schnellstraße, die seinen Laden ein bisschen einzwängt, hat es damals schon gegeben, ebenso die Autos und den Lärm, aber das hat ihn nicht gestört.

Un autre adieu, qui me touche plus ces jours ci que le décès de Chirac, c’est celui de Bernard, le petit épicier Cannois qui est même rentré dans mes romans policiers. Non, il n’est pas décédé le Bernard, que Dieu le garde, mais il a fermé hier soir définitivement sa petite boutique, l‘ Alimentation Générale les Deux Palmiers au bout de la voie rapide. Des deux palmiers il reste depuis longtemps qu’un seul. Depuis 1981, depuis 38 ans il était ici, toujours fidèle au poste, comme il disait. La voie rapide, qui coince un peu sa petite boutique, elle était déjà là, ainsi que les voitures et le bruit, mais cela ne l’a pas dérangé.

Was ihm weh getan hat, war der große Discounter, der vor ein paar Jahren schräg gegenüber errichtet wurde, und der (nicht nur ihm) einen Teil seiner Kundschaft abspenstig gemacht hat. Er mache es nicht mehr lange, sagte er seither oft, aber dann nach jeder kurzen Sommerpause, war er doch wieder da. Der jüngste Sohn sollte noch die Schule beenden und den Weg ins Arbeitsleben oder einen Studienplatz finden, bevor er schließe. Nur mit einem Einkommen, dem seiner Frau, wäre es ein bisschen knapp geworden.

Ce qui lui a fait mal, c’était le grand supermarché qui s’est installé il y a quelques années juste en face, et qui lui a pris une part sa clientèle, et pas seulement à lui. Il ne le resterait plus longtemps ouvert disait-il assez souvent, mais après une brève pause d’été, il rouvrait quand même. Son jeune fils devrait encore finir l’école et trouver son chemin avant qu’il ferme. Avec un seul salaire (celui de sa femme) ça aurait été trop juste à la fin des mois.

Die quadratischen Holzregale bis unter die Decke sind typisch für die Innenenrichtung kleiner traditioneller Lebensmittelläden hier. Sie sehen ein bisschen traurig und leer aus heute. Die Uhr geht noch richtig. Die Zeit ist nicht stehengeblieben. Bernard zeigt uns Fotos von früher. Damals waren die Regale prallvoll gefüllt mit allem, was man benötigen könnte. Um vier Uhr morgens ist er damals, als er begonnen hat, noch bis nach Nizza gefahren, um beim Großhändler seine Waren einzukaufen. Und das dreimal die Woche! Erst als eine Großhandelsfiliale auch in Cannes eröffnet wurde, musste er nicht mehr ganz so früh los.

Les étagères en bois jusqu’au plafond sont typique pour l’intérieur des petites épiceries traditionnelles. Elles sont un peu tristement vide aujourd’hui. L’horloge continue de marcher. Le temps ne s’est pas arrêté. Bernard nous montre des photos de l’époque. Les étagères étaient encore pleine à craquer avec tout ce dont on pourrait avoir besoin. À quatre heure du matin il s’est levé à l’époque pour trouver sa marchandise à Nice chez un grossiste. Trois fois par semaine! Seulement depuis qu’il y a une filiale du grossiste à Cannes, il ne se levait plus si tôt.

Wir haben früher, als wir noch zu Fuß zum Strand gelaufen sind, auf dem Rückweg dort das eine oder andere mitgenommen. Wir hatten, ganz wie der Kommissar in meinen Kriminalromanen, ein kleines Guthaben eingerichtet, was es uns ermöglicht hat, ohne Geld an den Strand zu gehen und doch auf dem Heimweg frische Erdeeren, Pfirsiche, eine Melone, Trauben oder Pflaumen, die einen so appetitlich anlachten, mitzunehmen. Er hatte immer ausgezeichnetes Obst! Ein bisschen teurer als beim Discounter gegenüber, sicher, aber die Qualität war ebenso eine andere. Ganz abgesehen davon, dass das Einkaufen bei ihm eine andere Sache war. Persönlich und immer von einem echten Lächeln und freundlichen Worten begleitet. Bernard mag die Menschen und begrüßte jeden seiner Kunden vorurteilsfrei und herzlich wie einen Freund. Er kennt alle Menschen in seinem Viertel. Er weiß, wer von den Bauarbeitern schnell hineinkommt, um zwei Dosen Cola zu kaufen, wer kurz vor Toresschluss noch sein Brot abholt, ob die Nachbarin von gegenüber krank ist und wie es dem depressiv-alkoholkranken Mann von nebenan geht, der in letzter Zeit seine Nachmittage damit verbrachte, bei ihm im Laden zu stehen und eine Dose Bier nach der anderen zu leeren. Die letzten Monate, vielleicht Jahre waren nicht mehr so leicht für Bernard. Einmal war er auf der Straße vor seinem Laden gefallen, weil er jemandem helfen wollte. Er hatte sich verletzt, wäre beinahe überfahren worden, und es hat ihn erschüttert. Seine Stimme war leiser und sein Lächeln kleiner geworden. Man sah auch ihn kleiner werden, ein bisschen älter. Wir sind auch älter geworden und laufen jetzt nicht mehr zum Strand, sondern fahren. Wir kamen nur noch ausnahmsweise bei ihm vorbei. 

Nous, quand nous allions à pied à la plage le matin, on s’est toujours arrêtés pour acheter ceci ou cela. On avait, comme le commissaire dans mes livres, un petit avoir ce qui nous a permis d’aller à la plage sans argent et quand même acheter quelques fruits en rentrant: des fraises, des pêches, un melon, des raisins ou des prunes, il avait toujours des fruits d’une excellent qualité. C’était un peu plus cher qu’au supermarché en face, certes, mais la qualité était irréprochable. Et faire les courses chez lui, c’était toute autre chose. Bernard aime les gens. Tout le monde était accueilli chez lui sans aucun préjugé, toujours avec un sourire et des mots gentils. Il connait tout le monde de son quartier. Il connait les ouvriers qui travaillent à côté et qui achètent vite fait deux cannettes de coca pour la pause, il sait qui va encore chercher le pain juste avant la fermeture le soir, il sait que la voisine dans l’immeuble en face est malade et comment va le voisin depresso-alcoolique, qui se plaisait depuis un certain temps de passer ses après-midis dans l’épicerie en buvant une canette de bière après l’autre. Les derniers mois, peut-être les dernières années n’étaient plus si simples pour Bernard. Un jour il voulait aider quelqu’un sur la route devant chez lui, et c’est lui qui se faisait presque renverser par une voiture. Il s’est blessé. Et il était bouleversé. Depuis on le voyait avec un sourire plus petit, la voix un peu moins forte. On le voyait vieillir. Nous aussi, nous vieillissons et nous n’allons plus à la plage à pied, mais avec la voiture. Dans l’épicerie de Bernard on ne passait plus qu’exceptionnellement.

Die kleinen Läden in den Vierteln sind viel mehr als nur ein Laden. Sie sind ein sozialer Ort. Man merkt es erst, wenn sie nicht mehr da sind, wie sehr sie fehlen. Das Stadtarchiv von Cannes hat just eine Ausstellung zur Geschichte des Handels in der Stadt erarbeitet: Vom Straßenhändler zum großen Laden. Am 1. Oktober, dem Tag an dem die kleine épicierie geschlossen sein wird, wird sie eröffnet. Ein Plakat davon hängt auch bei Bernard im Laden. Espace Calmette, sinniert er, er wisse nicht mal, wo das sei. Er habe sein Leben in diesem Laden verbracht, sagte er, er sei Cannois und kenne kaum etwas von der Stadt und wisse nicht, wie sie sich verändert habe. Dafür hat er ja nun Zeit, denke ich. Hoffen wir, dass er sie sich nimmt, um seine Stadt zu anzuschauen. Auf Wiedersehen, Bernard!

Les petits commerces de proximité dans les quartiers, c’est beaucoup plus qu’une épicerie. C’est un endroit social. Combien ils nous manquent, on ne le remarque malheureusement seulement quand ils ne sont plus là. Les archives de la ville de Cannes ont préparé une exposition sur les commerces de la ville: Du marchand ambulant au grand magasin. Une histoire des commerces cannois. L’exposition ouvre aujourd’hui, juste le jour où Bernard a fermé pour toujours son commerce. Un affiche se trouve aussi dans son épicierie. „L’Espace Calmette, je ne sais même pas ou ça se trouve“, dit il. Il a passé toute sa vie dans son magasin, sans jamais prendre le temps de se promener dans sa ville et de voire comment elle a changé. Pour ça il aurait le temps maintenant, espérons qu’il en profitera pour flâner un peu dans les rues de sa ville. Au revoir Bernard!

ps: Und noch ein Nachtrag, Nice Matin war nun auch da! Sehr schöner Artikel auf einer Doppelseite, zusammen mit der Ausstellungseröffnung „Histoire des commerces Cannois“. Der Artikel ist gestern schon erschienen, ich habe ihn aber heute erst entdeckt, da die Zeitung gestern unauffindbar war. Der Zeitungslieferant wirft sie, so wie man das aus amerikanischen Filmen kennt, im Vorüberfahren über den Zaun, manches Mal landet sie an den unglaublichsten Orten. Gerade habe ich sie gefunden: Diesmal war sie in einem Busch hängengeblieben. Sie hat einen Tag und eine feuchte Nacht draußen verbracht. Deswegen ist sie auch so verkrumpelt. Schadet dem Artikel aber nicht. Die Autorin wird übrigens auch erwähnt! ;-)

 

 

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Abschiede – Les adieux

Gerade folgte ich mit einem Auge und einem Ohr der religiösen Abschiedszeremonie für den ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac. Die interreligöse Abschiedszeremonie gab es gestern schon. Seit Tagen wird hier Abschied genommen. Heute ist außerdem offiziell Staatstrauer angesagt. Ich habe Jacques Chirac als Präsidenten zwar noch erlebt, aber nichts von ihm mitbekommen. Als ich im Juli 2005 für ein Jahr nach Frankreich gegangen bin, interessierte ich mich für mein eigenes kleines Leben, hoffte vor allem, dass ich wieder Lebensenergie finden würde während dieses Frankreichjahrs. Politik, deutsche wie französische, war mir damals herzlich egal. Von der französischen wusste ich schonmal nicht viel (1789 hatte die Französische Revolution stattgefunden und was war seither geschehen?) und verstand, wenn ich Abendnachrichten sah, gleich gar nichts. Mein erstes Frankreichjahr war als eine Auszeit geplant. Ich erlaubte mir, mich rauszuhalten. Jacques Chirac, der an unserem 9. Hochzeitstag starb, lerne ich gerade in all den Rückblicken erst kennen.

Sie haben vermutlich auch den einen oder anderen Nachruf schon gelesen, ich mochte (unter den deutschen Nachrufen) besonders den hier aus dem Spiegel, der umfassend ist und (ohne respektlos zu sein) auch dunkle Seiten von Chirac beleuchtet. In Frankreich wird dieser Tage seine Menschlichkeit gerühmt, seine Volksnähe. Er konnte mit den Bauern genauso sprechen wie mit Staatsmännern. Eine Zeitlang war er Landwirtschaftsminister, und berühmt sind seine Besuche auf dem jährlichen Salon d’Agriculture in Paris, wo er sich voll Genuss und mit sichtlicher Freude den ganzen Tag allen ihm angereichten Spezialitäten der Regionen Frankreichs hingab: Käse, Salami, Schinken, Bier, Wein, Rum … Auch nachdem er nicht mehr Präsident war, blieb er Ehrenpräsident des Salon d’Agriculture und wurde dort jedes Jahr heiß erwartet.

Alle Präsidenten Frankreich ließen sich in ihrer Amtszeit ein besonderes Bauwerk errichten, damit man sich auch nach ihrer Amtszeit und auch noch nach ihrem Ableben an sie erinnert. Pompidou hat das damals heftig umstrittene Kunst- und Kulturzentrum im Herzen von Paris bauen lassen, das heute nur Centre Pompidou heißt; Mitterrand den (ebenso umstrittenen) Neubau der Nationalbibliothek in Tolbiac und die Pyramide vor dem Louvre. Und Chirac das Musée du Quai Branly, ein ethnologisches Museum. Sein großes Interesse für und seine tiefe Kenntnis anderer Kulturen war in den Nachrufen erneut Thema. Mit welcher Leidenschaft er beispielsweise über afrikanische Masken sprechen konnte, dass er bei einer Ausstellungseröffnung nicht nur angelesenes Wissen von sich gab, sondern profunde Kenntnisse hatte, überraschte immer wieder. Vielleicht habe man ihn nicht wirklich gekannt, wurde immer wieder laut. Das sagte sogar seine Tochter Claude, die ihm so nah war, wie keine andere.

Eine weitere Tochter hatten die Chiracs Ende der siebziger Jahre adoptiert: die Vietnamesin Anh Dao, ihre „Tochter des Herzens“, ein Mädchen, das als Flüchtende mit den „Boat People“ in Frankreich gelandet war. Der „Clan Chirac“ hielt sie aber als Erwachsene auf Abstand, heißt es. Komplizierte Beziehungen. Sie war zur Trauerfeier der Familie nicht zugegen. Bernadette Chirac übrigens auch nicht; ihr Gesundheitszustand habe es nicht zugelassen. Schmerzlich vermisst, zumindest von den Kommentatoren, wurde heute Gerhard Schröder: Schröder und Chirac haben damals gemeinsam den Kriegseinsatz der Amerikaner gegen den Irak nicht unterstützt. Schröder habe um eine Einladung gebeten, die vom Elysée abgelehnt worden sei, heißt es in der deutschen Presse. Ein Missverständnis? Wird man zu Beerdigungen eingeladen? Keine Ahnung. Gesichtet wurde nur Herr Steinmeier, neben Putin und Clinton und vielen anderen Staatsmännern und -frauen.

Ich kannte Chirac nicht, Monsieur aber schon. Sie bekommen hier noch eine persönliche Anekdote Monsieurs mit Chirac, um mich ein bisschen herauszuheben aus der Masse der anderen Nachrufe ;-).  Monsieur war in einem früheren Leben Apotheker und unter anderem Apotheker in einem kleinen Dorf in Korsika. Es war eine abenteuerliche Zeit, darüber könnte man auch einen Kriminalroman schreiben, oder besser nicht, man stirbt schnell in den korsischen Irrungen und Wirrungen, auch dreißig Jahre später und auf dem Kontinent. Aber davon ein andermal. Oder auch nicht. Viele Politiker in Paris haben Freunde in Korsika und viele der Freunde haben hübsche Häuser nicht nur mit Meerblick, sondern les pieds dans l’eau wie man hier sagt, mit direktem Meerzugang. Monsieur Chirac besuchte häufig einen Freund mit einem großen Haus, schräg gegenüber der kleinen Apotheke Monsieurs. Er erfreute sich damals bester Gesundheit und nahm die Dienste Monsieurs nicht in Anspruch. Aber in der Boulangerie, der kleinen Bäckerei gleich neben der Apotheke, kaufte Monsieur Chirac seine Croissants, ganz wie Monsieur. Das volksnahe war wirklich eine herausragende Eigenschaft Chiracs, er mochte es, mit der Boulangère zu diskutieren, die als eifrige Leserin der Zeitung Le Monde durchaus etwas zu sagen hatte. So viel vorausgeschickt.

In der Zwischenzeit war Monsieur wieder in Cannes ansässig und seine Leidenschaft für den Kriminalroman hat ihn „Président“ des Vereins „Freunde der Bibliothek“ werden lassen. („Präsident“ meint hier nur Vereinsvorsitzender, damit wir uns verstehen.) Monsieur wollte im Rahmen der Bibliothek eine Veranstaltung rund um den Kriminalroman schaffen, ein schönes Projekt, sehr ehrgeizig, leider interessierte es den Kulturbeauftragten der Stadt nicht. Monsieur versuchte nun, den Bürgermeister zu sehen, um ihm das Projekt zu unterbreiten, aber der Bürgermeister war auch nach mehrfacher schriftlicher Bitte nicht zu sprechen. Er empfing ihn einfach nicht. Monsieur ist niemand, der so leicht aufgibt, sonst hätte er schon in Korsika nicht so lange durchgehalten, er entschied sich, einen Brief an den Präsidenten zu schreiben. Von Präsident zu Präsident sozusagen. Alle lachten. Was soll das denn? Dem Staatspräsidenten schreiben? Aber Monsieur machte es: „Ich möchte gern den  Bürgermeister von Cannes sehen“, schrieb er an Herrn Chirac, „um ihm ein Projekt vorzustellen, aber ich bekomme keinen Termin. Wir kennen uns übrigens aus Korsika“, schrieb er noch. „Ich hatte lange Jahre die Apotheke neben der Bäckerei in X, gleich gegenüber dem Haus Ihres Freundes T.“ Natürlich schrieb er das nicht ganz so simpel, aber so ähnlich. „Es war ein Versuch“, sagt er mir, „wie eine Flaschenpost. Vielleicht kommt sie an.“ Und siehe da, kurz darauf erhielt Monsieur ein Schreiben des Bürgermeisters aus Cannes: Er habe leider keine Zeit, Monsieur persönlich zu sehen, aber er unterstütze natürlich das Projekt! Nur zu! Ein Budget X stehe ihm zur Verfügung. Das Projekt hieß „Polar en Fête“ und wurde mehrere Jahre hintereinander ein legendärer Erfolg. Chirac war tatsächlich nahbar, wie der Spiegel in seinem Nachruf schrieb. Die Franzosen sind ihm dafür dankbar.

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Kleine Ausfahrt bei leichter Brise

Die Regatta war gestern zu Ende gegangen und heute war geplant, die Segler auf ihrem Rückweg ein Stück zu begleiten. Um 11.30 Uhr sollte die Abfahrt sein. Wir waren um kurz vor Elf am Hafen und weit und breit kein Segelschiff mehr. Am Ticketschalter war die Hölle los und die Damen ziemlich gestresst. „Quai Nummer drei und vier, schnell!“, ruft mir eine der Damen zu und drückt mir meine Picknicktüten in die Hand. Ich verstehe es nicht. Soll das Boot nicht erst in einer halben Stunde losfahren? Beinahe hätte ich mich nicht angestellt, aber das Boot vom Quai Nummer drei fährt schon los, Monsieur schubst mich aufs Boot am Quai Nummer vier, und kaum sind wir drauf, geht es schon los. Der Kapitän entschuldigt sich. Eine Sache des Windes. Die Segler sind schon viel früher als geplant losgefahren, sie wollten die leichte Brise nutzen, die aufgekommen war, hingegen die mäßige, die für mittags angesagt war, vermeiden. Die großen Segelschiffe sind ja alles historische Schiffe, die müssen bei aller Segelei schon auch vorsichtig sein, damit nichts kaputt geht. Wir fahren ihnen also in aller Eile hinterher. Der Kapitän ist ein bisschen besorgt, die Segler sind schon ziemlich weit weg, er verspricht uns aber, dass wir trotz allem was zu sehen kriegen, als erstes das Esterelgebirge.

Dann vor uns ein erstes größeres Segelboot! Der Wind kommt von vorne, die Segler müssen ständig die Richtung wechseln, auf  gut deutsch zickzackfahren, um voranzukommen, der Richtungswechsel heißt natürlich anders in der Seglersprache, anluven und abfallen auf Seglerdeutsch und lofer und abattre auf Französisch. Monsieur ist ja ein ehemaliger Segler und erklärt mir das freundlicherweise. Das Boot vor uns ist  ein italienisches Boot und heißt „Morte a Venezia“, Tod in Venedig also. Die Segler sind aber sehr lebendig und winken uns freundlich zu.

Dann begegnen wir einem Segel-Kreuzfahrtschiff. Es hat nicht an der Regatta teilgenommen, sondern schippert seine Gäste edel über das Mittelmeer. 

Dann doch ein Regatta-Segelschiff … sie sind sehr gemütlich unterwegs.

und dann wieder lange nichts, oder doch, sehr viel Blau. Wir nehmen Kurs auf St. Tropez. Dort tummeln sich ein paar Boote, sagt uns der Kapitän und spielt uns Douliou Douliou Saint Tropez über die Lautsprecher ein. Die Stimmung an Bord steigt.

Gestern war übrigens Brigitte Bardots 85. Geburtstag, das ging aufgrund des Todes von Jacques Chirac ein bisschen unter. Zu Chirac schreibe ich Ihnen morgen, da haben wir hier einen Nationaltrauertag. Wir sehen übrigens nicht Brigitte Bardot in diesem Video, sondern Geneviève Grad, in der Rolle der Nicole, der Tochter des Gendarmen von Saint Tropez, wiederum gespielt von Louis Funès. Auch wenn sie ähnlich niedlich aussieht, wie BB zu ihrer Zeit, ihre Karriere war deutlich weniger durchschlagend.

Tatsächlich ist es in der Bucht vor Saint Tropez etwas belebter … der Kapitän fährt uns an jedes größere Boot und fährt einmal links und einmal rechts daran vorbei, Backbord und Steuerbord heißt das natürlich, oder Babord und Tribord.

Der Strand im Hintergrund (na gut, der weiße Streifen zwischen Meer und Festland) ist übrigens der Strand von Saint Tropez, Pampelonne. Näher kommen wir aber nicht.

Wirklich nach Saint Tropez kommen wir leider nicht. Und nach zwei Stündchen Schiffe gucken, geht es wieder gemächlich zurück.

In Cannes bekommen wir noch einen Abstecher, weil eines der Regattaboote dort geblieben ist und vor dem Carlton geankert hat.

Und dann nehmen wir wieder Kurs auf den Hafen.

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Régates Royales Cannes

Seit neun Jahren lebe ich in Cannes und ich habe es noch nie geschafft, bei den Regatten im September wirklich präsent zu sein, bis … heute! Heute morgen habe ich spontan einen Platz auf einem der Boote gebucht, die einen hinaus aufs Meer und in die Nähe der Segelschiffe fahren. Boah! War das großartig! Wir waren so nah dran, dass man den Seglern beinahe hätte die Hand schütteln können. Das Meer war freundlich, der Wind nicht zu stark, so dass weder ich seekrank, noch ein Segler bei einem Manöver über Bord gegangen wäre und auch kein Schiffsverlust zu vermelden war. Alles schon da gewesen in den letzten Jahren, wie ich dem kleinen Heft lese, das man mir in die Hand gedrückt hat. Ich bin nicht am Meer großgeworden, ich verstehe nichts von Wind und Wellen, von Schiffen und Booten, ich kann gerade mal Motorjachten von Segelschiffen unterscheiden, und mein Herz schlägt ganz klar für die alten Segelschiffe. Aber bislang war ich nur ein einziges Mal segeln, als ich für den dritten Kriminalroman einen Eindruck davon gewinnen wollte. Man muss ja wissen, von was man schreibt, nicht wahr. Das war auch ganz großartig übrigens und seitdem wollte ich das immer mal wieder gemacht haben, aber wie es so ist … Heute immerhin sehe ich Segelschiffen zu. Und was für welchen! Aber alle Erklärungen zu den Schiffsnamen, – eignern, Segelformen und Regattaregeln, die uns der Kapitän freundlich mitteilte, sind in den Wind gerufen, ich behalte nichts davon. Toll wars trotzdem! Alle Fotos ohne Filter übrigens!

Und mittendrin ein Fischer. Sie wissen, dass mir die Fischer von Cannes am Herzen liegen, und ja ihre Arbeitsbedingungen in einem touristischen Ort mit Yachten und Kreuzfahrtschiffen und Wasserski und was nicht noch alles für Scherzen im Wasser sind nicht einfach, aber er hier heute, das war ein bisschen gespieltes Drama. Er schrie sich seine Wut darüber, dass alle über seine gekennzeichneten Netze fuhren, aus dem Leib. Scheißregatta! Dies ist sein Arbeitsplatz! Und keiner nimmt Rücksicht!

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Morgens Fango abends Tango Teil 2

Am dritten Tag hätte sich Monsieur gerne dem Grüppchen angeschlossen, das mit dem Shuttle-Bus zu den Thermen gefahren wird. (Jedes Hotel und sogar der Campingplatz bieten Fahrdienste an!) Aber wir waren nicht angemeldet – denn wir hatten die ersten Tage entschieden, dass wir natürlich laufen werden. Es ist wirklich nicht weit, und es geht morgens bergab. Mittags aber geht es bergauf und wir sind erschöpfter als wir glaubten. Zurück lassen wir uns daher zum ersten Mal fahren und von nun an nutzen wir den Shuttle-Bus in beide Richtungen.

Es sind viel mehr Menschen in den Thermen unterwegs als ich anfangs glaubte. Wir stehen ja nur am Rheuma-Eingang. Es gibt genauso viele Curistes für die Atemwege und der Kurbetrieb beginnt schon um sechs Uhr morgens. Nachmittags gibt es auch Termine und sogar abends. wir machen beide nur eine Mini-Kur von einer Woche, die wir selbst bezahlen und sind daher ein bisschen privilegiert, das habe ich jetzt verstanden. Uns hat man gefragt, um wieviel Uhr wir beginnen wollen und uns dann entsprechende Anwendungen zugewiesen. Wir sind nicht immer zusammen unterwegs, aber das ist ja nicht schlimm. Der klassische Kurgast, der seine 18 Tage dauernde Kur verschrieben bekam, bekommt seine Zeiten zugewiesen. Das können dann durchaus zu Hoch-Zeiten im Kurbetrieb (der September gilt als eine solche!) auch unbequeme Zeiten sein, sehr früh morgens oder nachmittags. Weshalb er bereits die Kur im nächsten Jahr plant und dafür schon jetzt die Zeiten reserviert, die er für die Anwendungen gerne hätte. Man kann allerdings auch einen „First Class-Service“ dazubuchen. Kleiner Aufpreis, dafür bekommt man in einem kleineren und etwas schickeren Thermalzentrum (sogar das Toilettenpapier ist luxuriöser!) einen personalisierten Service: man irrt nirgends herum und muss nicht Schlange stehen, man wird immer begleitet, kommt sofort dran und wird wieder abgeholt. Außerdem ist es dort nicht so voll. Für den einen oder anderen im Getümmel überforderten älteren Curiste wäre das eine gute Alternative. Ich habe meine Nachmittagstermine im „Service premier“ daher weiß ich, wie es dort läuft.

Wir sind aber sonst im Service Standard und heute, am fünften Tag, habe ich erstmals mein Thermalbecken Marjolaine für das Bewegungsbad um 9.15 Uhr ganz alleine gefunden. Und ich war nicht zu spät. Anders als Monsieur, der sein Heftchen in der Umkleide vergessen hatte und zurück musste. Später vergaß er es nochmal bei den heißen Umschlägen. Die Kur IST anstrengend. Die Bademeisterin um 9.15Uhr ist jung und nett, aber ich verstehe sie nicht. Für mich spricht sie italienisch oder vielleicht auch serbokroatisch und streut hin und wieder ein französisches Wort ein. Ich folge also nur ihren Bewegungen, die sie immer wieder zeigt. Ich bin größer als der durchschnittliche Franzose und muss immer meine Knie beugen, damit die Schultern unter Wasser sind. Monsieur geht das Wasser im Becken sogar nur bis unter die Brust. Wenn wir Streckübungen quer zum (schmalen) Becken machen, berührt Monsieur mit der Hand die eine Beckenseite und mit dem Fuß die andere.

So. In der Zwischenzeit sind wir wieder zuhause und ich versuche mich zu erinnern, wie es weiterging. Am Ende des 5. Tages gab Monsieur auf. Er war frustriert und erleichtert gleichermaßen. Frustriert, dass ihn die Anwendungen so mitnahmen, und man so viele deutlich ältere Menschen munter durch die Gänge laufen sah. Wie schaffen die das? Erleichtert, dass er den letzten Tag einfach im Bett lesend verbringen durfte. Die schrecklichen Knieschmerzen, die ihn am fünften Tag heimsuchten, so dass er dachte, er werde nie wieder laufen können und müsse sofort operiert werden, verschwanden dann auch fast sofort wieder. Nein Monsieur ist kein Hypochonder, also zumindest nicht, wenn es schlimm ist. Bei Halsschmerzen macht er, wie ich finde, gerne ein bisschen Drama, dass er während der Kur Herzrhythmusstörungen bekam, hat er mir zunächst verschwiegen. Ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich so toll ist mit den Kuren, eine Kommentatorin fragte das auch kritisch. Vielleicht war auch die komprimierte Mini-Kur nicht wirklich geeignet. Außer dem Rat, wenn man unerwartet Schmerzen habe, solle man die Bewegungen im Wasser nicht mitmachen und einem lapidaren „Wenn irgendwas ist, kommen Sie zu mir“, gab es vom Arzt keine besonderen Anweisungen. Monsieur und ich bekamen die gleichen Anwendungen, dabei machte ich eine Rückenkur und Monsieur eine für Rheuma. Gut, wir hatten die heißen Umschläge an anderen Körperstellen, aber sonst … Ich bekam zusätzlich in einem Rücken-Atelier Unterweisungen, die vor allem darin bestanden, die in Frankreich jahrzehntelang übliche Praxis: „Wenn man Rückenschmerzen hat, hört man auf sich zu bewegen, geht zum Arzt, nimmt Medikamente und ‚“lässt sich helfen'“ in ein „Wenn man Rückenschmerzen hat, bewegt man sich weiter und überhaupt versuchen wir jetzt mit Eigeninitiative die Rückenschmerzen zu verhindern“ zu verwandeln. Das staatliche Gesundheitswesen hat dazu auch eine Kampagne laufen. Rückenschmerzen seien nicht schlimm, sagt da eine Stimme, „ce n’est pas grave“ – wir sollen einfach weiter mobil bleiben.

Rückenschmerzen sind vielleicht nicht „schlimm“, aber weh tuts schon, sage ich und das Bewegen ist nicht immer einfach. Gerade die älteren Kurgäste finden es auch sehr unbequem, dass sie jetzt selbst jeden Tag Muskelstärkende Rückengymnastik machen sollen und nicht mehr Krankengymnastik und Massagen verschrieben bekommen. Der sportliche Rückentrainer gab uns drei mal drei kleine Bewegungen mit auf den Weg und empfiehlt ansonsten „viel Laufen“, einen Schrittzähler und einen großen Ball. Im Moment habe ich noch mehr Schmerzen als vor der Kur. Ich weiß, ce n’est pas grave und natürlich bewege ich mich trotzdem. Wir beobachten das.

Wir hatten Vollpension gebucht, aber das Hotel kooperiert mit dem Kurbetrieb und es gab mittags und abends zwar sehr feine und dekorative Nouvelle Cuisine, aber sie war sehr leicht und den immer sehr hungrigen Monsieur stellte die Menge der Drei-Gänge-Menüs nicht zufrieden. Der alte Kalauer, „wie war das Essen?“ „Überschaubar“ fiel mir bei seinem verzweifelten Blick auf die kleinen Portionen auf dem großen Teller immer ein. Als wir einen Nachmittag gemeinsam in Gréoux unterwegs waren, fiel Monsieur heißhungrig in eine Bäckerei ein und hatte schon beim Hinausgehen ein süßes Stückchen vertilgt.

Zweimal waren meine Nachmittagsanwendungen so früh, dass ich danach doch noch etwas unterwegs sein konnte. Einmal spazierte ich am Verdon entlang und das war wirklich schön! Es gibt dort drei verschiedene Wege, einen breiten asphaltierten für Fahrradfahrer und die, die weniger gut zu Fuß sind, eine Art Waldpfad mit Trimm-Dich-Geräten und einen kleinen Pfad auf den Kieseln direkt am Ufer des Verdon entlang. Dort kann man schön die Füße in den Fluß strecken und in die Spätsommersonne blinzeln. Man kann natürlich auch auf Bänken entlang der Wege sitzen oder an Picknicktischen. Und das machen auch ganz viele. Aber es war dennoch nicht überlaufen und ich fand es sehr idyllisch mit all den dort spazierenden, lesenden, strickenden, dösenden und (natürlich) Entenfütternden Menschen.

Am letzten Kurtag regnete es und es war großes Thema in den Thermen, denn auch für Sonntag, Abreisetag für viele, war Regen angesagt. Katastrophe! „Faites bien attention sur la route!“ Schön aufpassen auf der Straße, gab mir die junge Frau bei den heißen Umschlägen zum Abschied mit. Es kränkte mich ein bisschen, dass Sie mir diesen Satz sagte, als sei ich eine der wegen des Regens aufgewühlten alten Dame. Aber na gut, es waren Fließband-Anwendungen und es gab Sätze am Fließband. Nach einer abschließenden nachmittäglichen wundervollen Rückenmassage und dieses Mal dem eindringlichen Rat, „faites bien attention a vous!“ dass ich schön auf mich aufpassen solle, fahre ich trotz Regen Richtung Valensole. Kein blühender Lavendel, natürlich nicht, aber eine sehr nette Strecke und ein sehr französisches Dorf mit riesigen Platanen, die noch nicht einer Gehweg- oder Straßenbegradigung zum Opfer gefallen sind (krank sind sie, wie fast alle Platanen in Frankreich allerdings schon).

Allerdings steht die Hälfte von Valensole zum Verkauf. Zusammen mit dem Regen gab das eine etwas melancholische Mischung.

Diese Werbung für Mac Donalds sorgt gerade für Aufruhr in Frankreich. Dass man die Nationalheiligen Asterix, Obelix und Idefix und alle anderen unbeugsamen Gallier an diesen unsäglichen Fastfoodhersteller „verkaufen“ konnte, führt hier zu erbitterten Diskussionen.

Den einzigen blühenden Lavendel sah ich auf einem Briefkasten.

Zurück fuhren wir trotz Regen wieder über kleine Sträßchen, auf dem Hinweg hatten wir in Varages gehalten und dort auch gegessen (gut und üppig!).

In Varages gibt es eine traditionelle Faiencerie,  einen Keramikgeschirrhersteller, der sehr schönes und farbenfrohes Geschirr produziert. Wir hatten Geschirr von Varages in der Auberge (die Serie Baroque in Gelb und Grau falls es Sie interessiert); diesmal erwarb ich nur neue Milchkaffeeschalen. Die traditionsreiche Firma wurde vor einem Jahr, nachdem sie in Konkurs gegangen ist, von den Angestellten in Form einer Cooperative übernommen. Bislang läuft es dort gut.

Jetzt hielten wir in Fox-Amphoux, einem winzigen, sehr adrett zurechtgemachten Dörfchen mit langer Geschichte, öffentlichem WC und einem Aussichtsturm.


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Morgens Fango abends Tango

Gerade habe ich meinem Nachmittagskaffee beinahe komplett auf die gelbe Markise des unter mir liegenden Hotel-Restaurants geschüttet. Der Rest schwimmt auf dem Tischchen und dem Fußboden des kleinen Balkons. Nur schwer kann ich mich aufraffen, um zumindest die braune Brühe auf dem Balkon mit Kleenextüchern aufzuwischen. Das Gefühl der Peinlichkeit wegen des braunen Flecks auf der Markise unter mir stellt sich auch kaum ein. Ich fühle mich schwer und bin etwas müde. Ich mache meine erste Kur. Der Rücken und die Knie. Eigentlich wollte ich nur Monsieur zu seiner Mini-Kur (Rheuma) begleiten, entschied mich dann kurzerhand für diese Mini-Kur für Rückenschmerzen. Sie heißt wirklich so. Mini-Cure Mal de dos. Deswegen habe ich wohl noch stärkere Rückenschmerzen als vorher. Das wird sicher noch besser, es ist ja erst der zweite Tag. Gestern morgen um 7 Uhr haben wir in Windeseile die Formalitäten erledigt, Arztbesuch, Kureinschreibung, Anwendungsplan und um Viertel nach Neun gings schon los.

Da sage noch einer die Franzosen seien nicht effizient. Effizienter und freundlicher habe ich es in Frankreich noch nirgends erlebt. Und sauber. Das muss ich wirklich erwähnen. Denn auch wenn ich es ungerne sage, so hat das städtische Schwimmbad Montfleury in Cannes damit so seine Schwierigkeiten: schon im ersten Jahr schwarze Schimmelflecken in den Fugen und die waren auch nach der Generalreinigung, für die das Schwimmbad drei Tage geschlossen war, nicht verschwunden. Die Türen der meisten Umkleidekabinen schließen nicht und viele Spinde sind schon seit der ersten Saison kaputt. Eine Saison lang machte ich Wassergymnastik im Fünf-Sterne-Etablissement Les Thermes, man hopst dort mit atemberaubenden Blick im Meerwasserschwimmbad herum, darf danach noch den Sonnenuntergang im Jacuzzi auf der Terrasse genießen oder in der Sauna und dem Haman schwitzen, das alles zu einem etwas überteuerten Preis (Cannes, der Blick und weil wir es uns wert sind), und auch dort wackelt nach der dreitägigen Schließung noch immer die erste Stufe, so dass man beinahe ins Becken stolpert, und es rostet hier und schimmelt da. Das ist natürlich der deutsche Blick. Den versuche ich tapfer abzulegen, aber es ist nicht immer einfach. Im städtischen Schwimmbad ist der Service zusätzlich unterirdisch schlecht. Unfreundlich und lustlos. Unverschämt lustlos, ich habe keine Lust auf Details, aber ich ließ meine Zehnerkarte verfallen. In den Thermen ist es zumindest freundlich, Sie wissen schon, diese aufgesetzte Freundlichkeit, Madame hinten und vorne. Nervig, ein bisschen. Hier jetzt ist es superfreundlich, alle, die Damen und Herren am Empfang, der Herr, der die Bademäntel ausgibt, der der die feuchten Handtücher einsammelt, die Bademeisterinnen, die Hilfskräfte  – ich fasse es nicht, wie freundlich sie sind und wie hilfsbereit sie auch dem zigtausendsten Rentner, der im feuchten Bademantel und mit lustigem Duschhäubchen herumirrt, den Weg zum Thermalbad mit dem reizenden Namen Verveine oder dem Anwendungsraum Laurier weisen.

Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr vormittags werden im fünfminütigen Abstand jeweils 24 Personen eingelassen. Die haben dann einen durchgetakteten Parcours zu erledigen. Das ganze erfordert eine gewisse geistige Beweglichkeit und körperliche Dynamik. Trotz Rheuma und alledem. Man wundert sich, dass alles so gut klappt, denn man muss sich aus- und den Badeanzug anziehen, die Klamotten abgeben, Bademantel und Handtücher abholen, man darf sein Heftchen nicht vergessen, in dem abgehakt wird wo man war, sein Duschhäubchen nicht vergessen, sonst darf man nicht ins Wasser undsoweiter. Während die ersten Wassergymnasten hinten aus dem Thermalbecken gehen, kommen von vorne schon wieder die nächsten rein. Danach geht es zu den Anwendungen, dem Schlammbad oder was auch immer. Alles ist gut ausgeschildert und doch verirre auch ich mich immer wieder. Aber an jeder strategischen Ecke steht jemand und schickt einen nach rechts oder links oder geradeaus und am Ende zweimal links. Ich verirre mich, weil ich vor und zwischen jedem Termin „muss“. Sie verstehen schon. Nicht nur, weil ich sowieso im halbstündigen Rhythmus und kaum habe ich einen Fuß im Wasser, „muss“, sondern weil der Kurarzt befand, ich müsse zusätzlich etwas entwässern. Ich schütte jetzt also eine Mischung aus Löwenzahn und ichweißnichtwas in mein Mineralwasser und nun „muss“ ich noch öfter. Ich weiß schon warum ich nicht ausreichend trinke. wenn ich so viel tränke, wie sie einem alle immer einreden wollen, dann verbrächte ich meine Tage ausschließlich auf dem Klo. Online-Pipi. So sause ich also vor dem Thermalbad und danach und zwischen den Schlammumschlägen im Anwendungsbereich Laurier und dem Bain générale de Boue , dem Schlammbad, immer nochmal irgendwo aufs Klo und schon weiß ich nicht mehr wo ich bin. Alles sieht gleich aus, hellgekachelte Gänge, Säulen, schicke Plexiglasstühle und unendlich viele Menschen in hellen Bademänteln und Duschhäubchen.

So weit war ich gestern. Heute am dritten Tag bin ich immer noch genauso erschöpft und tut mir immer noch alles weh. Ich habe solche Rückenschmerzen, dass ich nachts davon träume. Ich weiß nicht, ob das so soll? Ich vermute der Effekt einer Kur ist, dass man froh ist, wenn sie vorbei ist und man den gewohnten Alltagsschmerz wiederfindet, mit dem man sich dann arrangiert. Ich mache eigentlich nichts besonderes. Ein bisschen Wassergymnastik im warmen Thermalwasser (20 Minuten), ein paar Massagedüsen (zehn Minuten), heiße Umschläge mit Thermalwasser und Schlamm (zehn Minuten) und herumfläzen im Schlammbad (zehn Minuten). Das Schlammbad ist nicht etwa ekliger dicker schwarzer Schlick, sondern eine appetitliche milchkaffeefarbige Creme, in der man aus physikalischen Gründen, die wir nicht verstehen, eine eigenartige Leichtigkeit hat und herumflutscht wie ein Korken. Dort hängt man mit bis zu zwölf anderen herum und versucht, nicht zu viel zu zappeln und nicht zu ertrinken und sagt außerdem höflich bonjour, wenn man eintaucht und au revoir, wenn man die Kaffeecreme wieder verlässt. Frankreich eben. Danach dusche ich den hellen Schlamm ab und ist es halb elf und ich bin erledigt. Für den klassischen Curiste ist damit das Tagwerk erledigt.

Er geht essen, ruht sich aus, schläft, gönnt sich nachmittags vielleicht ein fettes Eis (es gibt überdurchschnittlich viele Eisdielen in dem kleinen Ort!), geht, wenn er gehen kann, am Ufer des Verdon spazieren oder spielt irgendwo Boule. Da ich aber vom Kurarzt als dynamischer als der Durchschnitt eingeschätzt wurde (ich senke das Durchschnittsalter, der Altersdurchschnitt der Kuristen liegt nach meiner Schätzung bei 70 Jahren) darf ich auch nachmittags noch etwas tun. Nochmal Wassergymnastik, halbe Stunde jetzt und sehr dynamisch und nochmal Massagedüsen. An anderen Tagen Pilates oder Rückengymnastik oder Massagen. Danach will ich nicht mal mehr fernsehen. Geschweige denn an einen Tanzabend teilnehmen. Denn das gibt es natürlich auch. Ball der einsamen Herzen. Hier kuren erstaunlich viele Paare zusammen, aber viele Herren und Damen sind auch solo. Nachmittags alleine in den Thermen, wurde ich schon angesprochen. Der Franzose ist auch angealtert und im rheumatischen Zustand noch ein Anmacher. Monsieur hätte ursprünglich gern nachmittags irgendwo Bridge gespielt, gibts aber in der Nachsaison nicht mehr. Ich glaube, er ist jetzt tatsächlich ganz froh, dass er so nichts mehr machen muss. Nicht mal Bridge spielen. Monsieur schläft, ruht und liest, erzählt mir hin und wieder was es Neues gibt (den Saudi-Arabien-Konflikt) und wartet ansonsten auf das nächste Essen. Ich hingegen raffe mich nachmittags nochmal auf zur Wassergymnastik.

So komme ich natürlich nirgendwo hin. Was habe ich mir vorher alles für Ausflugsziele angesehen! Jetzt lese ich stattdessen in Manfred Hammes Reiseverführer, erfahre bei ihm geradezu erleichtert, dass Manosque nur bedingt sehenswert ist, und seine Informationen über Jean Giono sind fundiert und reichen mir. Manosque wird also nicht besucht. Auch nach Valensole muss ich nicht. Die Hochebene von Valensole ist bekannt für die Lavendelblüte, diese riesigen violetten Felder, die auf jeder Provencepostkarte zu sehen sind und die ich in vierzehn Jahren Südfrankreich noch nie live gesehen habe. Jetzt sehe ich sie auch nicht. Die Blütezeit des Lavendel ist für dieses Jahr vorbei. Bleiben wir also in Gréoux-les-Bains. Da sind wir nämlich.

Gréoux-les-Bains ist ein winziges Städtchen mit Heilquellen und lebt überwiegend vom Kurbetrieb. Gréoux ist so klein, dass man eigentlich alles zu Fuß machen kann. In einer Stunde haben Sie sicher alles gesehen, einschließlich des Verdon und der Thermen. Wenn man gut zu Fuß ist, zumindest. Die meisten Curistes kommen aber wegen Rheumaleiden und sind zu Fuß weniger fit. Das Städtchen hat daher überall riesige kostenfreie Parkplätze und jedes Hotel hat zusäzlich kleine Shuttle-Busse, um die Gäste zu und von den Thermen zu transportieren. Egal wie fit sie sind, nach der vormittäglichen Kur wuseln die älteren Damen und Herren aufgeregt durch die Straßen, sie sind sich ihrer Wichtigkeit für den Ort durchaus bewusst, es ist beinahe wie in Lourdes, wo die Pilger absolute Priorität haben und sich, gewiss, dass Gott und Bernadette ganz nah sind, achtlos in den Straßenverkehr werfen. Gott und Bernadette werdens schon richten.

Gréoux ist nicht besonders reizvoll, es gibt einen schönen Kurpark, ein kleines Casino und die zusammengedrängte Altstadt wird von einer Templerburg überragt, zu der man über viele Treppchen hinaufsteigen kann.

Reizvoll hingegen sind die alten Aufnahmen, die überall im Städtchen hängen und den Ort zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen. Viel mondäner ging es aber auch damals nicht zu. Das seinerzeit vermutlich legendäre Hotel Le Grand Jardin liegt heute traurig und geschlossen am Ende des Kurparks.

So, ich schicke Ihnen schon mal meinen Kurbericht der ersten Hälfte. Drei Tage habe ich noch. Da schaffe ich vielleicht auch die Fotos noch einzustellen. Bleiben Sie dran!


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Plastik-Fisch und Liebeslied

Die erste Begnung mit diesem pädagogischen Kunstwerk (auf das man nicht klettern darf!) hatte ich vor ein paar Tagen schon, aber da hatte ich, gebranntes Kind, kein Telefon dabei. Dann hatte ich eine knappe Woche lang die ersten Migräneanfälle meines Lebens, da war mir auch nicht nach Strand, aber jetzt geht es wieder, wir haben die versprochenen angenehmen 25 Grad und ich genieße den Strand und das Meer. Ein bisschen zumindest. Wir haben Boatshow in Cannes, vielleicht ist der Strand deswegen so sauber, vielleicht nützt das pädagogische Kunstwerk etwas, vielleicht liegt es auch daran, dass die Saison rum ist. Wer weiß das schon. Ich habe heute früh auf jeden Fall nicht viel gefunden.

Gestern Abend waren wir im Kino. Es gab den neuen Film von Cédric Klapisch, nichts Weltbewegendes, aber eine nette Komödie. Mir hats gefallen. Monsieur fands „zu lang“, aber immerhin ist er nicht eingeschlafen. Cédric Klapisch wurde vor allem und außerhalb Frankreichs bekannt mit dem Film „Auberge Espanol“, netter Film über die Generation Erasmus, Erasmus, dieses Austauschprogramm für Studenten, gabs ja zu meiner Zeit noch nicht, meine zwei Monate Sprachkurs in Italien musste ich mir ganz alleine organisieren. Hatte aber gar nichts mit dem Studium zu tun, weshalb es noch ein bisschen schwieriger war, zu erklären, warum ich so unbedingt und gegen alle Vernunft nach Italien wollte. Und es war, abgesehen von Frankreich, das beste, was ich je gemacht habe! Der neue Film „Deux moi“ ist eine „Boy-meets-girl-Geschichte“ und man weiß von Anfang an, dass die zwei, die da einsam durch das 18. Arrondissement in Paris mäandern, sich kriegen werden, vermutlich am Ende des Films, bleibt also nur die Frage wie.

Ich mochte die Geschichte, auch wenn die Botschaften eher leicht sind, aber der Film ist defintiv für jüngeres Publikum gemacht. (Wir waren die Senioren im Saal). Trotzdem bin ich, anders als die jungen Zuschauer, geblieben und habe den Abspann bis zum Ende gesehen, weil ich wissen wollte, wer dieses schmelzende Liebeslied gesungen hat. Gloria Lasso. Nie gehört. Dabei hatte sie hunderte von Erfolgen, aber zu einer anderen Zeit. Eine jüngere Version von Dalida. Hach.


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Montagne Montagne

Das Sommergetränk: Perrier menthe

Gestern also kam es, das seit drei Monaten erwartete Gewitter über der Côte d’Azur. Drei Monate lang war es hier schwülheiß und trocken. Ich muss es Ihnen nicht ausmalen, Sie hatten es auch ziemlich lange warm dieses Jahr. Ich kann diese klebrige Wand aus feuchter Hitze, die einen hier im Sommer stets umgibt, nicht lang ertragen und bin, schon gleich nach der Beerdigung meiner Schwiegermutter, in die Berge geflüchtet. Hin und wieder unterbrochen von Kurzaufenthalten an der Küste, nur um sich dort am Strand beklauen zu lassen, wir berichteten. Gestern also kamen wir, für den Sommer zumindest, endgültig aus den Bergen zurück, und es hatte überall wo wir durchfuhren gerade geregnet, die Straßen waren nass. Es hat aber wohl furchtbare Gewitter gegeben, das hörten wir zumindest im Radio, als der Sender kurz vor Nizza endlich störfrei reinkam. Es klang nach Katastrophenmeldung. Zwölf Kilometer Stau in die eine und acht Kilomter Stau in die andere Richtung, Nizza komplett verstopft, meiden Sie die Autobahn, aber auch alle anderen Straßen. Die Stimme des Moderators überschlug sich bei der Aufzählung der Verkehrsprobleme, zusätzlich wurden private Staumelder eingeschaltet, die noch aufgeregt von komplett zum Erliegen gekommenden Verkehr in Valbonne oder Nizza Nord berichteten. Die Ampeln funktionierten nicht mehr und es war ganz schlimm, katastrophal schlimm … Wir fuhren gerade durch ein hoch spritzendes Aquaplaning auf einer Departementsstraße und entschieden uns gegen den Autobahnstau. Da wir aber irgendwo über den vermutlich tosenden Var mussten und es nur eine Brücke gibt, reihten wir uns also zähneknirschend ein in den Stau entlang des Meeres und lauschten bang den Katastrophenmeldungen im Radio. Wir sahen Blitze von weitem und irgendwo weiter vorn oder weiter hinten regnete es wohl auch, wir aber hatten Wasser nur von unten, es spritzte, zugegeben recht ordentlich, wenn wir durch Schlaglöcher und über andere Bodenunebenheiten fuhren. Wir fuhren dem Gewitter hinterher und irgendwann schaltete ich den Katastrophenalarm im Radio aus. Gut wir brauchten eine Stunde statt der üblichen dreißig Minuten von Nizza bis Cannes, aber es hatte wirklich nur ordentlich geregnet. Nach drei Monaten darf es das mal, muss es das sogar, alle sind sich einig, aber trotzdem haben in der Zwischenzeit die Südfranzosen das Fahren bei Regen verlernt. Gleichzeitig wurde es frisch. Wir waren bei 14 Grad aus den Bergen weggefahren und das Thermometer zeigte, auch nachdem wir aus den Schluchten raus waren, permanent nur 16,5 Grad an. „Das Ding ist kaputt“, meinte Monsieur und nieste. Zeichen dafür, dass das Ding nicht kaputt war, sondern die Temperaturen tatsächlich schlagartig zwanzig Grad gesunken sind. Damit sich jetzt nicht alle verzweifelt über die Klippe ins Meer stürzen, weil es an der Côte d’Azur REGNET!, beeilte sich der Moderator nach den zweihundert runtergeratterten Staumeldungen, schnell zur Wettervorhersage zu wechseln. War seine Stimme eben noch aufgeregt und dem Katastrophenalarm würdig, wurde sie nun überraschend heiter und beruhigend: Es wird die nächsten Tage weiterhin warm und sonnig, bleiben Sie da!, beschwört er die ängstlichen Spätsommertouristen. Morgen haben wir bestimmt wieder 25 Grad, angenehme 25 Grad, betont er. Alles wird gut!

Nun, es hat an der Küste geregnet und ich habe mein Manuskript abgegeben! Hurrah! Ich habe jetzt auch ein paar Tage frei! Und darf bei angenehmen Temperaturen am Strand faulenzen. Wobei ich allerdings nach dem doofen Klau unserer Sachen ein bisschen weniger in Strandlaune bin.

Zwei Monate war ich in den Bergen, ohne Internet, ohne Fernsehen, meistens sogar ohne Radio. Medien-Detox. Das war wirklich erholsam. Ich finde, muss ich ehrlich sagen, auch nur schwer den Weg zurück zu Facebook und Instagram. Warum machte man das nochmal? Was war der Sinn? Ich muss darüber noch etwas nachdenken.

Geregnet hat es in den Bergen ziemlich viel. Da oben verlernt man daher auch nicht, bei Regen zu fahren, da oben macht man sich dann über den Pfarrer lustig, der bei dem Gewitter die Geröllpiste scheut, weswegen das Patronatsfest mal wieder ausfiel, beziehungsweise nicht im abgelegenen Weiler (auf 1700 Metern) gefeiert wurde, sondern unten im Dorf (auf 1300 Metern). Dort hat es zwar auch geregnet, aber man ist den Elementen weniger stark ausgeliefert. Aber fangen wir von vorne an.

Wir waren vorbereitet auf Ste. Anne. Am Vortag haben wir schon die Kirche gesäubert, mit frischen Blumen versehen und das Dorf „aufgeräumt“, in der alten Schule haben wir die Fenster geputzt, gestaubsaugt und die kleinen Regale im Eingang von ihrem hundertjährigen Staub befreit. Ganz so wie es Poupette autorität eingefordert hätte: „Es muss sauber sein und ich will, das hier nichts mehr herumliegt!“, schimpfte sie jedes Jahr. Die Kinder bekamen auf ihr genervtes „Warum?“ keine Antwort. Weil das Haus vorzeigbar sein sollte, für den Fall, dass überraschend Menschen hereinschauten, denn anlässlich der Messe kommen Leute aus Nah und Fern über die beschwerliche Piste angereist. Und genau so mache ich es jetzt auch. Ich räume auf und weg. Monsieur putzt den Holzofen und stapelt das Brennholz schön auf. Ich pflücke einen Strauß Wiesenblumen und stelle ihn auf die Kommode.

Falls jemand „Coucou“ sagen will, wir sind bereit. Und dann kam niemand. Es wird hin und hertelefoniert, „hier oben regnet es nicht!“, beteuern wir, aber „unten“ regnet es und der Pfarrer will die Strecke nicht fahren und die Bürgermeisterin kann die Verantwortung nicht übernehmen (Bei Regen und Schnee ist die „gefährliche“ Piste offiziell gesperrt, wer trotzdem fährt tut dies auf eigene Verantwortung!). „Unser“ Patronatsfest Ste. Anne wird unten im Dorf gefeiert, das eigentlich St. Nicolas als Dorfheiligen hat, weswegen es dort ja im Winter immer das Nikolausfest und den Weihnachtsmarkt gibt. Für uns fällt Ste. Anne (mit Messe und Prozession und Umtrunk) also aus. Oder doch nicht? Kurzerhand wird das wenig zahlreiche Grüppchen der Dorf-Banlieue-Bewohner bei uns im alten Schulhaus versammelt. Im ehemaligen Schulsaal ist genug Platz am langen Tisch, wo wir mit 17 Personen gemeinsam essen können. Tatsächlich regnet es jetzt doch, gewittert sogar, wir müssen das Telefon ausstöpseln. Ein paar kleine Kinder sind auch anwesend. Ich muss ihnen beim Händewaschen helfen, Seife am Stück kennen sie nicht, iih, ist das glitschig, finden sie. bei ihnen zuhause gibt es nur so ein „pscht“ zum Händewaschen, sie machen das Geräusch und die Geste des Seifenspenders nach.

Wir aus dem abgelegenen Dorf-Banlieue fahren später über die gefährliche Piste runter ins Dorf zum Fest, schon um zu zeigen, dass es geht, aber da wird nur abgewunken, wir sind die Harten, von uns wird nichts anderes erwartet. Es regnet leider wirklich sehr stark, das Fest, das sonst so idyllisch auf dem Platz stattfindet, musste in kurzerhand aufgebaute Zelte und auf auf den ehemaligen Schulhof verlegt werden. Für die Gruppe, die das Fest jedes Jahr organisiert, wirklich eine Herausforderung! Dieses Jahr gibt es sogar zwei Musikgruppen, eine spielt Funk und Jamiroquai nach, die andere (bizarrerweise die jüngeren Musiker) pendelt zwischen Imagine, Horse with no Name und italienischen Schlagern.

Der Regen prasselt unaufhörlich auf das Zelt, es ist voll, es sind sehr viele junge Leute da, die ich nicht kenne: die Familien haben ihre Kinder, Enkel, Nichten und Neffen versammelt. Es gibt ein vielgängiges Menü, das Dessert wird nie vor Mitternacht serviert. Ich kann aber schon den Hauptgang nicht mehr wirklich essen. Dabei ist alles ganz köstlich. Es gibt auch ein neues Liebespaar im Dorf, keine ganz jungen Menschen und es ist noch ein Geheimnis, eigentlich wissen es zwar alle, nur nicht die betagte Mutter des (bislang) ewigen Junggesellen, das Paar und wir alle bleiben daher diskret –

Die Tatsache zur Dorfgemeinschaft dazuzugehören, verlangt ihren Tribut in diversen Esseneinladungen: Ich mache zur Erinnerung an meine Schwiegermutter einen großen französischen Klassiker, Blanquette de veau, ein Kalbsragout, das haben alle französischen Hausfrauen in ihrem Leben schon mindestens 150 Mal gekocht, nur ich mache es zum ersten Mal, wie so vieles. Ich lese in uralten Kochbüchern und entscheide mich für die „provenzalische“ Variante,  gebe all meine Liebe und meinen Ehrgeiz hinein, es wird geschmacklich auch ganz köstlich, nur die Sauce wird nicht gebunden, auch nachdem ich das verpönte Maizena hinzugegeben habe, bleibt sie dünnflüssig. Der Reis allerdings, guter Camargue-Reis, eine Variante, die ich bislang noch nie gekocht habe, bleibt al dente. Es erinnert mich an den Ausspruch einer Kommilitonin, die seinerzeit mit ihren nicht vorhanden Kochkünsten kokettierte: sie wisse nicht mal wie man Reis koche. Ich schwieg dazu, ich ernährte mich damals ausschließlich von Brot und Kuchen, und ich wusste nichtmal, wozu man überhaupt hätte Reis kochen sollen. In der Zwischenzeit kann ich Reis eigentlich ganz gut kochen, auch jenseits der Kochbeutel, aber dieses Mal habe ich mich mit der Menge, der Zeit und der Wassermange vertan, und nein, er quoll nicht weiter, nachdem ich das Wasser abgeschöpft hatte. Egal. 

Aus den drei übrig gebliebenen Eiweiß mache ich zum ersten Mal Merengue, ein Klassiker, den schon meine 13jährige Enkelin im Schlaf beherrscht, ich wie gesagt zum ersten Mal. Baiser heißen die Merengue auf gut Deutsch, das Wort baiser im Französischen ist jedoch mit Vorsicht zu verwenden, es können Küsse sein oder das vulgäre Wort für Geschlechtsverkehr, man muss da schön aufpassen, was man beim Bäcker sagt. Und nie den Artikel vergessen! Je veux baiser ist ganz fatal. Gut, das ist ein bekannter Kalauer, aber das darf man hier. Im Süden erzählen alle immer wieder die gleichen Kalauer. Die Merengue wurden flache Fladen und keine hübschen Häufchen, aber geschmacklich ganz in Ordnung.

Während ich noch das Kalbfleisch koche, geht das Gas zur Neige. Wir haben hier auf dem Land noch keine Flächendeckende Gasversorgung sondern nur Gas in großen Gasbehältern, diese großen blaugrauen angedellerten Metalldinger, die sie an Tankstellen oder bei französischen Supermärkten immer mal in komischen Gitterkästen herumstehen sehen und sich fragen, was man damit eigentlich so macht. Falls sie drei dieser Gasflaschen längere Zeit in einem Auto spazierenfahren, verdächtigt man sie schnell, zumindest in der Stadt, ein Attentat zu planen, dabei kann es im ländlichen Raum nur sein, dass die Tankstelle, bei der sie sonst ihr Gas kaufen, nicht beliefert wurde und sie nun ein paar Tage mit den leeren Flaschen durch die Gegend fahren, um das entsprechende Gas in den entsprechenden Flaschen (es gibt mehrere Lieferanten und ein kompliziertes Pfandsystem) zu erstehen. Im ländlichen Raum gibt es auch seitens der Gendarmerie ein gewisses Verständnis für das Herumfahren von Gasflaschen, aber man sollte das Gas kaufen dennoch zügig erledigen.

Ich schreie nach Monsieur, dass er mir die Gasflaschen im kleinen Verschlag austauscht, und zwar dalli, bevor das heilige Kalb die Temperatur verliert und vielleicht für immerhart wird. Es dauert. Das Gasflaschensystem ist gute 50 jahre alt, die Gas-An-und Abschrauberei klemmt und muss mit einer Zange erledigt werden. Ich finde, dass es in diesem Sommer immer mal wieder sehr nach Gas riecht in der Küche, nach dem Duschen zum Beispiel, aber mein feines Näschen, mich könnte man als Geruchs-Aufklärer einsetzen, wird gerne mal als zu empfindlich eingeschätzt. Quatsch, wird da grob geantwortet. Es riecht nicht nach Gas! Mit der vollen Gasflasche riecht es zunächst auch weniger. Ich mache aber dennoch immer weit die Fenster auf, wenn der kleine Durchlauferhitzer warmes Wasser erzeugt.

Gestern dann findet selbst Monsieur, dass es nach Gas rieche, oder sagt man röche? So etwas kann ich nicht mehr richtig gut in der deutschen Sprache. Kurzerhand schraubt er den Durchlauferhitzer ab und reinigt ihn. Danach baut er ihn wieder zusammenund. Jedermann ist hier Handwerker, Bastler, Tüftler. Monsieur auch. „Ich habe den installiert seinerzeit“, sagt er mir beruhigend, „ich kenne das Teil.“ Es beruhigt mich nur bedingt. „Hier“, sagt er, „schau zu, wir haben das nie richtig gemacht, ich zeige dir jetzt ein für alle Mal, wie man den Durchlauferhitzer richtig benutzt.“

Er hält ein Streicholz hin und…  keine Flamme. Auch15 Streichhölzer später haben wir keine Flamme. Aber dann plötzlich, springt der Durchlauferhitzer an. Eine enorme blaugelbe Flamme leuchtet im Durchlauferhitzer, so viel Flamme war noch nie, ich schreie erschrocken auf, wir starren auf dieses zu viel von Flamme und ich halte den Atem an, geistesgegenwärtig dreht Monsieur den Wasserhahn auf und ein enormer Schwall kochendheißes Wasser platscht in das Waschbecken. Das war etwas zu viel, meint Monsieur lässig, lässt aber durch mein hysterisches Schreien dennoch von weiteren Versuchen ab. Wir drehen das Gas jetzt ab. Der Durchlauferhitzer hat etwa 50 Jahre auf dem Buckel, der darf jetzt auch mal schlapp machen. Wir haben nur ab sofort kein heißes Wasser mehr. Ich habe meine warme Dusche gerade noch genommen, was für ein Glück. Wir werden uns von jetzt an so waschen wie früher. Entweder mit kaltem Wasser, kalte Waschungen sind so gesund, oder für die Warmduscher wird Wasser auf dem Herd erwärmt und in eine Schüssel oder in das Waschbecken gegeben. Ganz wie früher. Und dann wäscht man sich mit dem Waschlappen. Das passt gut hierher in dieses altmodische Ambiente. Im ersten Stock stehen auf der Kommode auch noch zwei Krüge (die Schüsseln dazu fehlen). „Waschlavor“, hieß dieses Waschsystem bei meiner Großmutter in Unkenntnis der französischen Sprache; vermutlich steckt das Wort “lavoir“ darin, so heißen auch die öffentlichen Waschstellen in den Dörfern, lavoir. Hier heißen diese Krüge hingegen „broc“ (gesprochen: broh).

In meiner Kindheit gab es zwar fließend warmes Wasser, aber wir wuschen uns auch die meiste Zeit mit Waschlappen am Waschbecken. So war das damals. Darf man heute vermutlich nicht mehr sagen, aber täglich geduscht wurde früher nicht. Den Enkelkindern hätte diese Duschfreie Zeit vor fünf Jahren noch gefallen (was musste ich sie zum Waschen zwingen!) aber heute sind sie Teenager und Zweimal-am-Tag-Duscher geworden und die Aussicht, ohne warmes Wasser zu sein, schreckt sie. Sie verbringen ihre Ferien daher nicht hier oben. Mir ist es, bei aller Liebe, nicht unrecht. In Frankreich sind Ferien, aber ich muss schreiben, das ist der eigentliche Sinn meines Bergdaseins, das muss ich immer mal wieder betonen.

Klar ist, der Durchlauferhitzer und vielleicht das ganze Gasleitsystem muss erneuert werden. Es ist Wochenende, wir werden den Installateur sicher nicht am Sonntag anrufen. Einen Installateur hierher auf 1700 Meter zu bekommen, im Ferienmonat August, ist sowieso eine unsichere Sache. Monsieur entschließt sich daher, alles abzumontieren und erstmal die bröckelnde Wand neu zu verputzen. Projekte dieser Art werden gern sofort in Angriff genommen. Ich schreie, ich habe ein Manuskript fertigzustellen, ich kann hier keine Handlangerdienste und Putzdienste machen und ich will weder diesen Krach haben noch diesen Baustellendreck!  Das wird mit einer Handbewegung beendet. Er braucht mich nicht, Krach macht er gar nicht und Dreck auch nicht.  Aber er muss es machen, bevor der Installateur kommt, auf diese bröckelige Wand kann man nichts Neues installieren. Ich verstehe das schon auch, aber herrjeh, es passt mir nicht und dieses Jahr ist wirklich der Wurm drin.

Ich sage gerade noch, „ich möchte aber, dass du alles abdeckst, bevor du anfängst“… aber es ist schon zu spät. Die halbe Wand liegt schon auf dem Herd, der Spüle, der Kaffeemaschine. Ich beschließe es zu ignorieren. Gerade hatten wir noch unser zehnjähriges Kennenlernen gefeiert und uns gegenseitig versichert, dass wir glücklich sind, gerade hatte ich noch gesagt, du bist der Mann meines Lebens geworden … Aber kaum beginnt Monsieur eine Baustelle, will ich mich am liebsten sofort scheiden lassen.

Etwas später läuft eine nord-ost-deutsche Familie am Haus vorbei, Mutter, Vater und drei Kinder, deutsche Freunde eines Franzosen, den es nach Magdeburg verschlagen hat. Der Franzose ist ein junger Mann, Sohn von Freunden, die hier oben auch ein Häuschen haben. Die deutsche Familie wollte sich mal ansehen, wo es ist, vielleicht kann man hier mal Ferien machen. Aber im Prinzip haben sie schon alles gesehen, was es hier zu sehen gibt. Das kommt im Gespräch heraus. Sie sind ja effizient, die Deutschen. Sie sagen auch, dass sie diese Ineffizienz der Franzosen hier nervt.

Monsieur hatte abergerade sehr effizient den Gasdurchlauferhitzer abgebaut, so effizient, dass bei der Abschraubaktion des Gasdurchlauferhitzers auch das Wasserrohr in der Wand beschädigt wurde, wie und warum ist ein Rätsel, vermutlich ist es schlicht ebenso ermüdet wie der Gasdurchlauferhitzer. Wir haben plötzlich viel Wasser direkt aus der Wand und in der Küche steht es schon knöchelhoch. Wir drehen jetzt das Wasser vollkommen ab und haben jetzt weder warmes noch kaltes Wasser und wir rufen jetzt doch den Installateur am heiligen Sonntag an. Der natürlich nicht zurückruft. Es ist Sonntag immerhin. Sonntag im August. Alle haben Ferien. Der Installateur auch.

Ich rede mit der deutschen Familie über die kulturellen Unterschiede und sie erzählen, der französische Freund, der junge P., sei zwar ein herzensguter Mensch, aber so ein aufbrausender Südfranzose, unsachlich in Diskussionen, manchmal schwer zu ertragen in seiner Aggressivität. Ach so, sage ich überrascht, wir kennen P. nur als ganz sanften jungen Mann.  Aufbrausend, laut und unsachlich oder aggressiv – ich fürchte, das merke ich schon gar nicht mehr, so sehr habe ich mich schon akklimatisiert. Tatsächlich liegt es mir, laut zu werden und ich genieße es, dass hier niemand zusammenzuckt, mich hier niemand zu laut und zu wütend empfindet oder gar Angst vor mir und meiner Wut hat.

Das sage ich der deutschen Familie, die ich dann doch hineinbitte und ihnen Kaffee und Schokolade anbiete. Sie kommen allerdings zu einem Zeitpunkt, zu dem wir eigentlich noch nicht mit Essen fertig sind und Monsieur versteht nicht, dass er schon Kaffee kochen soll, wo wir mit dem Salat und dem Käse und dem Dessert noch nicht begonnen haben. „Essen die nicht, die Deutschen zwischen zwölf und zwei?“, knurrt er mich an. Nein, Deutsche im Urlaub frühstücken spät und dann fahren sie mal eben schnell hier hoch und gucken sich das schnell an und da ist ja nicht viel, also geht es schnell wieder runter und später noch schnell auf den Col de la Bonnette und morgen schon weiter. Da ist er ja effizient, der Deutsche. Und ich merke, wie sehr ich mich schon an diese uneffiziente, langsame Art der Südfranzosen und an diese langen Essenszeiten gewöhnt habe. Ich erinnere mich an die Zeit, in der wir mit Patrick die Auberge bewirtschaftet haben und die Franzosen um fünf Uhr nachmittags noch nicht fertig mit dem Mittagessen, die effizienten Deutschen aber schon von ihrer Wanderung  zurück und frisch geduscht waren und gerne um 18 Uhr ihr Abendessen gehabt hätten. Selten klaffen deutsche und französische Bedürfnisse weiter auseinander als beim Essen.

Ich rede mit denMund franslig, das deutsch-französische Thema ist ja meines, und im direktenKontakt merke ich wieder, wie tief die Schlucht der kulturelle Unterschiede ist.Das merke ich ja in meinem französischen Alltag nicht mehr so sehr. Alleinunter Franzosen habe ich gar keine Wahl, als mich deren Rhythmus anzupassen.

Wir sprechen immer noch über die Art der Kommunikation. Warum kann man denn nicht ruhig und sachlich bleiben? Warum muss man denn immer so laut werden? Darauf gibt es keine Antwort außer „es ist kulturell“. Die deutsche ruhige und sachliche Art zu sprechen wird von französischer Seite als emotionslos, gleichgültig, uninteressiert und manchmal auch als feindlich empfunden. Warum kann man denn nicht ein bisschen aus sich raus gehen, Enthusiasmus zeigen, Freude und Begeisterung oder auch Wut? Sehen Sie. Es ist kulturell. Wir sind eben anders. Mit unserer ruhigen Art würden wir nie einen Installateur zu unserem Wasserrohrbruch in den Bergen bekommen. Hier braucht es etwas Drama. Ohne persönlich zu werden natürlich.

Dass nach einem verbalen Ausbruch für den Franzosen alles in Ordnung ist und man danach gut zusammen essen oder einen trinken kann, ist für die Deutschen, deren Welt nach diesem „großen Streit“ gerade zusammengebrochen ist, nicht zu verstehen. Die Deutschen fragen sich, ob man jemals wieder zusammen essen werden kann. Das versteht der Franzose nicht. Er hat doch nur gesagt, was gesagt werden musste und jetzt hat er Hunger, es ist Essenzeit, also essen wir. Die einzige Frage, die sich stellt ist, essen wir bei dir? Bei mir? Im Restaurant?

Nur eines kann er nicht so gut, der Franzose. Direkte Kritik. Weder kritisiert er direkt (außer vielleicht in trauter Zweisamkeit, da gibt es schnell diese Vorwürfe von „Du hast immer!“ oder „Nie machst du“), noch möchte er direkt kritisiert werden. Das Direkte aber, das verteidigt die deutsche Familie vehement. Man müsse sich die Dinge direkt sagen, man käme so viel schneller auf den Punkt. Effizient eben. Unter Deutschen geht das vielleicht. Bei Franzosen kommt das Direkte nicht so gut an. Dazu ein andermal mehr.

Der Installeur übrigens, als wir ihn dann doch erreichen (wir haben dazu einen Architekten zwischengeschaltet!), sagte zu „im Laufe der Woche“ zu kommen. Konkret hieß das am Freitag Nachmittag. Wir haben fünfeinhalb Tage Wasser zum Kochen, zum Waschen und für die Toilettenspülung  am Brunnen geholt. Und Wasser für die Katze. Pepita trinkt Wasser ja ausschließlich am Wasserhahn, das war von Anfang an so. Noch ganz klein, trank sie, elegant das Pfötchen vorgestreckt, Wasser am Brunnen. Nur wenn es ihr so zu lange dauerte, dann schlabberte sie das Wasser direkt mit der Zunge ein. Fließendes Wasser allerdings, darauf besteht sie. Jetzt habe ich hier also eine Katze, die munter in das Küchenwaschbecken springt und sich erwartungsvoll am Wasserhahn reibt. „He“, sagt sie, wenn ich nicht sofort reagiere. „He, ich will Wasser! Dreh mal das Ding an!“ Ich erkläre ihr, dass wir kein Wasser haben und zeige ihr, dass ich ihr das Schüsselchen mit dem Wasser für alle Fälle mit frischem Brunnenwasser aufgefüllt habe. Dochdoch, Pepita ist intelligent und sie versteht alles, aber sie ist auch kapriziös, sie trinkt bei Anwesenheit von Dienstboten nur fließendes Wasser und das will sie je-hetzt! Das Maunzen wird stärker. „He! Mach mal!“ Ich nehme also eine mit Brunnenwasser aufgefüllte Plastikflasche und lasse das Wasser vorsichtig am Wasserhahn hinablaufen. Das findet Pepita komisch und sie beobachtete mich dabei so lange, bis die Flasche halb leer ist. Erst dann trinkt sie. Ich lasse das Wasser hinablaufen, bis die Flasche leer ist. „He!“ Pepita schaut mich genervt an. „Ich war noch nicht fertig!“ Ich nehme also eine weitere Flasche und das Spiel beginnt erneut. Sie starrt die Flasche an, statt zu trinken. „Trink!“ Fauche ich jetzt. Aber jetzt ist sie beleidigt. Redet man so mit einer Katze? Ich entschuldige mich und halte erneut die Flasche an den Wasserhahn. Sie beobachte das Rinnsal, das aus der Flasche fließt. Irgendwie ist es nicht so, wie sie es gern hätte. Es ist so unregelmäßig. Sie sieht mich kritisch an. Jetzt ist auch die zweite Flasche leer. Ich sage, „ok, Pepita, das wars für eben, tut mir leid!“ Sie aber bleibt im Waschbecken sitzen.

Abgesehen von der enormen Wasserverschwendung für Pepita, kommen wir hier mit erstaunlich wenig Wasser aus. Ich wärme ein Töpfchen mit Wasser auf dem Herd, das wird schluckweise zu dem kalten Wasser in der Waschschüssel gegeben. Das Waschen beginnt von oben nach unten. Zum Schluss stelle ich die Füße in die Schüssel. Nur Haare wasche ich nicht. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass mir Monsieur die Haare waschen würde, wie Robert Redford es in Out of Africa für Baronin Blixen alias Meryl Streep getan hat, aber Monsieur hat mich hier schnöde zurückgelassen und widmet sich seinen wichtigen Geschäften an der Küste. Dort war er heute morgen schon am Strand und danach duschte er vermutlich warm. Ich hingegen wickele mir schicke Turbankreationen um den ungewaschenen Kopf. Ich fühle mich wie eine Afrikanerin, wenn ich am Brunnen Wasser hole. „In Afrika“, erzähle ich munter den Nachbarn, die neben dem Brunnen wohnen und mich beim Wasserholen stets sehen, „in Afrika haben wir uns zu dritt mit einem Eimer warmen Wasser gewaschen. Ich durfte anfangen, weil ich die weiße Frau war.“  Und mir werden im Gegenzug Geschichten von früher erzählt. Die Mutter von Bernadette musste im Winter zwei Stockwerke hinabsteigen und durch Schnee und Eis bis zum Platz laufen, um einen Eimer Wasser zu holen. Und sie war hochschwanger! Es gab damals kein fließendes Wasser im Haus! Und keine Toilette übrigens. Es gab noch dieses Holzhäuschen im Garten. Uäh. Da bin ich froh, dass wir doch etwas weiter sind, auch wenn ich Pfadfinderqualitäten besitze und mit einem Eimer Wasser auskomme und abends Feuer im Holzofen anwerfen kann. Die Menschen auf dem Land sind abgehärtet und früher waren sie noch härter. Die Winter waren kalt. Und die Menschen froren. Und es gab wenig zu essen.

Je länger diese Wasserlose Zeit dauert, desto stolzer werde ich. Und ich denke mit leichter Verachtung an die Pienzigkeit der Städter, die hier durchwandern, fluchen, weil das Telefon kein Netz hat und mit den Händen herumfuchteln, weil ihnen die Fliegen lästig sind. Ich freue mich über jedes Insekt und rette sogar die Pferdebremsen ins Freie, denn unten an der Küste wird seit Jahren systematisch gegen die moustiques tigres, die Stechmücken, vorgegangen, die, ich gebe es zu, wirklich eine Plage sind und die tatsächlich neuerdings wieder Krankheiten übertragen. Stechmücken gibt es deutlich weniger, aber auch alles andere Kleingetier hat dadurch abgenommen. Wir hatten in Cannes im Vorgarten trotz Rosen und Lavendel keine einzige Biene und keinen Schmetterling und kein Gar nichts. Nur Ameisen. Die haben wir wie jedes Jahr. Aber die gehen buchstäblich nur vorüber.

In der Zwischenzeit war der Installateur da (le plombier heißt das übrigens auf Französisch, falls Sie mal in die Verlegenheit kommen sollten) und hat einen neuen Gasboiler beinahe zu Ende installiert und den Wasserrohrbruch behoben. Der Gasboiler ist nach zwei warmen Duschen schon wieder zusammengebrochen. Zu kompliziert für das harte Bergleben. Aber so ein schlichtes Ding, das man mit einem Streichholz anzündet, gibt es nicht mehr. Vielleicht lag es auch nur an dem fehlenden Teil. Wir wissen es nicht, warten aber schon wieder auf den plombier, er wird wieder am Freitag Mittag kommen. Sagte er. Natürlich kommt er dann nicht am Freitag, das haben wir uns schon fast gedacht. Donnerstags war der 15. August. Ein hochheiliger Feiertag im Süden und spätestens jetzt hängen alle Handwerks- und sonstigen Betriebe ein entschiedenes „fermé“ an die Türklinke. Dass man im Sommer besser keinen Herzinfarkt bekommt, weil der Kardiologe und sogar der Vertreter des Kardiologen in Ferien ist, habe ich schonmal erzählt. Das ist kein Witz, das ist hier so. Frankreich ist im Sommer geschlossen. Der plombier macht zwar keine Ferien, er hat zu viel zu tun, aber klar, er nimmt wenigstens einen Brückentag am Freitag. Dienstag sagt er uns, als wir ihm hinterhertelefonieren. Kaltes Wasser aus dem Wasserhahn aber haben wir. Das ist schon eine Erleichterung, man wird ja so bescheiden.

Wir warten auf den Installateur und manchmal fahre ich ins Dorf. Zum Einkaufen und um mal einen Blick auf meine Mails zu werfen. Es ist fast wie früher, ich gehe in ein Sozialzentrum und darf dort einen Internetfähigen Computer benutzen. Dort entdecke ich auch eine Mail von Wendy: Marie Sophie Hingst, Frl. Readon ist tot, schreibt sie mir. Sie wissen das schon längst. Ich hätte es in meiner Schreibklausur ohne jeglichen Anschluss an die Welt nicht mitgekriegt ohne Wendy. Danke an dieser Stelle! Es erschüttert mich aus vielen Gründen, dazu ein andermal mehr. Aber wie verzweifelt und verloren muss das Fräulein gewesen sein. Wie sehr voller Scham, sich nicht mehr in die Welt zu trauen. Wie traurig ist das. Und all das, wegen ein bisschen zu viel Fabulieren, ein bisschen zu viel Phantasie, mit der man sich aus der Einsamkeit rettet, eine Geschichte, die sich verselbständigt hat und zu groß geworden ist.

Es sind doch nur Worte sagt man hier im Süden, wo das Fabulieren, das Verschönern von Geschichten an der Tagesordnung ist. Hat sie jemandem weh getan damit? Wirklich wehgetan? Ja, sie hat sich als promovierte Historikerin eine jüdische Vergangenheit erfunden. Das ist schlimm für all die Juden, die wirklich durch die Hölle gegangen sind.  Ja, es ist nicht akzeptabel für eine promovierte Historikerin (ich bin, in diesem Zusammenhang, gerade zum ersten Mal einem Holocaustleugner begegnet! Auch der sagt, „das haben die Juden doch alles nur erfunden!“ Keine schöne Begegnung.) Und dennoch –

Ich habe auch viel gelesen in den Bergen. „Die Erinnerungen eines Mädchens“ von Annie Ernaux zum Beispiel. Hat mich sehr berührt. Muss ich vielleicht auch ein anderes Mal drüber sprechen.

Der Installateur kommt nicht mehr. Monsieur, der immer wieder zu mir hochfährt, ist aus diversen Gründen schon abgereist, ich bleibe und schreibe mein Buch fertig und warte noch den einen oder anderen Tag auf den Installateur, dann fahre ich auch. Kaum sind wir unten (es war immer noch so heiß, am 1. September noch schwülheiße 31 Grad!) meldet sich der Installateur an. Er hat am Donnerstag früh in Châteauneuf zu tun, danach kommt er zu uns. Versprochen! Ab zehn Uhr können wir mit ihm rechnen. Wir sind am Donnerstag um kurz vor Neun in Châteauneuf, der Installateur ist da und werkelt. Ich sage, „ich mache Ihnen zu essen“, damit er gleich im Anschluss zu uns kommt und nicht noch lange in der Auberge herumsitzen muss. Er nickt dankbar. „Wird aber vielleicht doch 13 Uhr“, sagt er. Gegen halb zwei essen wir dann alleine.

Um 16 Uhr rufe ich ihn an. Er ist noch nicht fertig, er meldet sich in der nächsten halben Stunde nochmal. Um 17 Uhr ist er fertig, sein Arbeitstag allerdings auch. Er hat noch eine gute Stunde Fahrt, bis er wieder zuhause ist. Er kommt morgen ganz früh zu uns, sagt er. „Wirklich?“ frage ich. „Wirklich wirklich“, sagt er. Promi, juré, craché! Ein ganz  dolles Indianerehrenwort ist das: Versprochen! Geschworen! Drauf gespuckt! Wir wollten eigentlich nicht in den Bergen bleiben, das tun wir jetzt aber doch, essen den Rest des Mittagessens auf und machen ein Feuer an. Es ist frisch da oben. Am nächsten Morgen um Viertel nach Acht ist der Installateur da, ich rechne kurz aus, wann er bei sich aufgestanden sein muss, um jetzt schon hier zu sein. Respekt! Er installiert den Rest dazu und nach nur knapp zweieinhalb Stunden ist er fertig. „Super!“, sage ich und drehe den Wasserhahn auf. Kein Wasser. Nicht etwa kein warmes Wasser. Gar kein Wasser. Eben hat es noch funktioniert. Jetzt nicht mehr. „So war es auch beim letzten Mal“, sage ich. „Nur, dass es erst dann nicht mehr funktioniert hat, als Sie schon wieder im Tal waren!“ Er baut alles wieder auseinander, bläst durch Rohre und Schläuche, es funktioniert. Zusammengeschraubt funktioniert es nicht. Er stochert in den Rohren herum und siehe da: ein kleines rotes Plastikdings, groß wie ein kleiner Fingernagel, schwimmt darin herum. Je nachdem, wie es sich stellt, verschließt es die Wasserzufuhr komplett. So etwas hat niemand von uns je gesehen, und wir haben keine Ahnung, wo es her kommt. Es ist schon alt, das sieht man, vermutlich hat es die letzten 50 Jahre im Wasserrohr verbracht und dort sanft geschlafen und wurde durch das beständige Werkeln aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und legte sich nun manchmal quer. Jetzt ist es raus und der Gasdurchlaufherhitzer funktioniert hervorragend und das Wasser fließt, es wird warm und alles ist gut. Wir aber machen das Haus endgültig zu und fahren wieder hinunter an die Küste. Vom warmen Wasser profitieren wir da oben erst nächstes Jahr wieder.

Voilà so viel für eben aus meinem Sommer!

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Ach, Cannes

Und an der Küste ist es immer noch so heiß und so feucht, und kaum steige ich aus dem klimatisierten Auto aus (das immerhin haben wir jetzt, Klimaanlage im Auto!) fällt diese klebrige Hitze über mich her, ich kriege sofort Pickel und wirklich schlechte Laune. Wir haben ein wichtiges und anstrengendes Rendezvous in immerhin klimatisierten Räumen. Danach gehen wir essen und schlendern durch die Altstadt, sitzen ein bisschen auf der Mauer und lauschen indirekt einem Jazzkonzert, das auf dem Platz vor der Kirche im Suquet gegeben wird. Wir sehen zwar nicht den Pianisten, dafür aber über die Dächer von Cannes und auf das Meer. Ach, Cannes.

Heute morgen ganz früh fahren wir an den Strand. Um kurz nach Sieben sind wir schon da. Schönes Licht, kaum Menschen, das Meer ganz ruhig. Ich will sofort ins Wasser, reiße mir das Kleid vom Leib, schlupfe aus den Badeschuhen und stelle den Korb mit unseren Sachen daneben. Ich will keine Zeit damit vergeuden, Badehandtücher auszubreiten, ich will ins Wasser, sofort, Monsieur ruft auch schon ganz entzückt „elle est si bonne!“ Aber dann sehe ich den ersten Kronkorken und die erste Bierdose und im Wasser schwimmt noch eine halbvolle Flasche Rosé, so dass ich erst den Strand ablaufe und Müll sammle und dabei überlege, wie ich das Müllbild gestalten könnte. Als ich zurückkomme sehe ich Monsieur, der aufgeregt mit einer Frau spricht und eine weitere Frau gestikuliert. Ich verstehe es nicht gleich, aber dann sehe ich es, oder besser ich sehe es nicht: Unser Korb ist weg! Alles ist weg. Nur die Schuhe sind noch da. Die Tasche einer anderen Frau ist auch weg. Bei ihr sind es Papiere und Geld, bei uns sind es mein Handy, unser großer Schlüsselbund, dann Flossen, Schwimmbrille mit Sehstärke, Handtücher, ein Wechselbikini und mein Kleid. Wie dumm kann man sein? Das Handy einfach in der Tasche lassen? Und den großen Schlüsselbund mit zwei Autoschlüsseln, den Schlüsseln für unsere Wohnung und die der verstorbenen Schwiegermutter, diverse andere Schlüssel, Keller etc. mitnehmen? Wie Anfänger kommen wir uns vor. Mein Handy! Die Autoschlüssel! Wir sind völlig verdattert und alle Menschen am Strand kommen angelaufen (so viele sind es morgens um halb Acht noch nicht) und sind betroffen, keiner hat etwas gesehen, auch die Müllmänner nicht, die jetzt über den Strand laufen – oder doch! Der junge Mann, der die Nacht vor dem Hüttchen des Bademeisters verbracht hat, kommt nun. Aufgeregt auch er. Zwei seien es gewesen, sagt er. Er hat sie laufen sehen. Einer habe versucht, auch seine Tasche mitzunehmen, davon sei er wachgeworden. „Ich schlafe die ganze Zeit auf der Straße, ich schlafe nur mit einem Auge“, erklärt er. Er ruft mit seinem Mobiltelefon die Polizei an. Die junge Frau rennt nach links, ich über die Straße auf den kleinen Parkplatz – aber da ist niemand (mehr). Einer habe einen freien Oberkörper mit einer Tätowierung auf dem Rücken gehabt und „naja, ich will nicht rassistisch sein“, sagt er, „aber die sahen arabisch aus“. Und der mit der Tätowierung habe eine Frisur gehabt wie er selbst. kurz rasierte Haare, aber ein kleines Pferdeschwänzchen.

Wir wollen zur Polizei. Die Kameras! Die müssen das doch aufgenommen haben. 500 Kameras gibt es in Cannes! Die Kameras sind der Police Municipale unterstellt, so etwas weiß ich, aber um eine Anzeige gegen X zu machen, müssen wir zur Police Nationale. Die ist nicht ganz nah. Eine Dame ist bereit, uns hinzufahren. Ich werde mir bewusst, dass ich nur einen Bikini anhabe und meine Badeschuhe. Im Bikini zur Polizei, das kann ich mir,  auch wenn ich zu meinem Körper stehe, nicht richtig gut vorstellen. Schon als ich im Bikini kurz über die Straße rannte, hupten die Autos und es gab freche Kommentare. Die Dame leiht mir ihr Badehandtuch und ich wickele mich darin ein und dann fährt sie uns zur Polizei; sie wartet die ganze Zeit mit uns, denn sie hat der anderen Frau versprochen, sie anschließend nach Mougins zu fahren, wo sie wohnt.  Wir warten. Es sind schon 5 Personen da, die sind vor uns dran, und es gibt nur einen Beamten, der die Anzeigen aufnimmt. Samstag eben. Die Uhr hängt bei 9 Uhr 39 fest, aber es passiert viel. Anwälte kommen, Dolmetscher kommen, unten in den Zellen sitzt jemand, der umgehend in Haft kommt. Scooter wurden gestohlen, Papiere wurden gestohlen, ein Auto beschädigt, ein sehr großer und sehr muskulöser Mann mit ausländischem Akzent stapft hinein und will wissen, wie es sein kann, dass die Polizei bei ihm Waffen beschlagnahmt hat, Tür aufgebrochen und überhaupt. Er darf die Waffen führen! Er muss am Montag nochmal kommen. Heute ist niemand da, der sein Anliegen bearbeiten könnte. Englische Touristen kommen, indische Touristen kommen. Die waren gestern schon mal da und verstehen nicht, dass sie heute schon wieder warten sollen. Wann können wir kommen, ohne dass wir warten müssen? Der junge Polizist am Empfang schlägt ihnen 14 Uhr vor. Nach der Mittagspause. Aber er vertröstet so viele Leute auf 14 Uhr, ich hoffe für ihn, dass sein Dienst dann beendet ist, denn die voraussichtliche Warteschlange um 14 Uhr wird lang und länger. Ich bin ja hier in diesem Kommissariat mit meinem Kommissar zuhause und finde es gerade ein bisschen peinlich, dass der junge Kollege in schlechtem Englisch so darauf hinweist, dass zwischen 12 und 14 Uhr Mittagspause ist. Also zumindest für den Kollegen, der die Anzeigen aufnimmt. Das will mir in meinen Krimis ja keiner glauben, wenn ich so etwas schreibe. Immer diese Klischees heiß es dann. Aber so ist es. Der Kollege muss Mittagessen! Kommen Sie später wieder. Oder am Montag! Acht Uhr dann. First one comes, first one ist dran. So in etwa, sagt er es. Wir warten. Zwischendurch, wir können das etwas abschätzen, es wird alles noch dauern, sorgt sich Monsieur darum, wie wir eigentlich wieder zu Hause reinkommen wollen, die Tochter, die einen Schlüssel hat, fährt mit der Familie heute Mittag in Urlaub. Er läuft nach Hause, lässt sich von der Tochter öffnen, findet meinen Schlüsselbund, läuft zum Strand zurück, holt das Auto und parkt es in der Nähe des Kommissariats, und kommt wieder zurück. Er hat sich in der Zwischenzeit auch angezogen, Kleidung für mich aber vergessen. Klar, hatte ich ihm nicht explizit aufgetragen. Die Dame erinnert sich, dass sie noch einen thailändischen Pareo im Auto hat. Den holt sie mir und ich tausche ihn gegen das Handtuch. Fühlt sich besser an. Ich kürze etwas ab. Wir warten gute drei Stunden, dann darf ich meine Anzeige machen. Der Beamte ist „nur“ ein Gardien de la Paix, ein Hilfspolizist und er ist nicht so flott mit dem Computerprogramm und dem Tippen. Aber er kennt die Geschichte schon von der anderen Frau, die vor mir dran war, insofern geht es doch schnell. Als ich wiedergebe, was der junge SDF gesagt hat, sieht er mich an und sagt, „wissen Sie, es würde mich nicht wundern, wenn er das alles nur erfunden und selbst die Sachen geklaut hat. Haben Sie dessen Kram überprüft?“ „Nein“, ich schüttele den Kopf, „der hatte nur zwei große Plastiktaschen …“ Ich weiß augenblicklich, dass der Polizist Recht hat. Dieses angebliche Telefonat bei der Polizei – diese Beschreibung des „Arabers“ mit der gleichen Frisur, vermutlich fehlte es ihm an Vorstellungskraft, also hat er der erfundenen Gestalt die gleiche Frisur verpasst – er war vor uns am Strand und hatte, angeblich schlafend, alles im Blick. Deswegen hat auch niemand zwei „arabisch aussehende“ Typen wegrennen sehen. Weil sie einfach nicht da waren. Herrjeh und ich fand ihn so nett. Er sah ziemlich schnuckelig aus für einen Jungen, der auf der Straße lebt, also schon etwas mitgenommen, aber doch ein hübscher Knabe … „aber der sah so lieb aus“, sage ich zu dem Polizisten „und er hat doch die Polizei angerufen!“ Hat er nicht übrigens. Fake! Alles Fake!

Wir sind danach nochmal zum Strand gefahren, haben den Bademeister befragt und informiert – natürlich wurde nirgends etwas gefunden, ich habe sämtliche Mülltonnen durchsucht und in alle komischen Ecken geschaut, weil ich dachte, die Schlüssel, die Schwimmbrille (Minus 10 Dioptrien!), mein Kleid und die Flossen hat er vielleicht weggeworfen, weil er nichts damit anfangen kann. Nur das Handy kann er verkaufen, um etwas Geld zu machen. Den Rest des Tages habe ich damit verbracht, das Handy zu sperren, ein neues zu beschaffen und eine dazugehörige Sim-Karte zu bestellen. Über den Kontakt mit dem Telefonanbieter könnte ich auch einen eigenen Text schreiben. Es reicht aber für heute.

Ach so die Kameras! Die filmen die Straße, nicht den Strand! Und ob die Police Nationale auf die Bilder der Police Municipale zugreifen darf, entscheidet der Staatsanwalt in Grasse, wenn er sich durch die Papierberge bis dahin durchgearbeitet hat. Das kann dauern.

Um es aber auch zu sagen, die Police Nationale hat sofort die Police Municpale angerufen, dort haben sie natürlich in den aktuellen Kamerabildern nach „zwei arabisch aussehenden Typen“ gesucht und, wen wundert es jetzt, nichts gefunden …

Schönen Sommer, ich fahre bald wieder in die stillen internetlosen Berge, ist besser da! Passen Sie schön auf Ihre Sachen auf! Auch morgens um Sieben am schönsten Strand können die Menschen fies sein. „Crapuleux“ heißt das Motiv des Täters in der Anzeige. Hinterhältig, gemein. Ach, Cannes!

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Hinter dem Mond … oder davor

Kaum war ich aus den Pyrenäen zurück, ging es, zumindest für mich, in unser Bergdorf. Atmen und Schreiben. Beides war sehr dringlich. An der Küste ist es immer noch so heiß, aber das Gejammer über den südfranzösischen Sommer in der Stadt wollen Sie vermutlich nicht schon wieder hören (falls doch dann lesen Sie hier ; alter Text, immer wieder aktuell). Schon beim Einfahren in die ersten Schluchten kurz hinter Nizza sind es gleich zehn Grad weniger. Oben, auf 1700 Metern, ist es so kühl, dass ich sofort Halsweh bekomme. Es regnet. Ich mache Feuer und ziehe Socken und einen Fleecepullover an. Es ist still und die aufgeregte Welt ist wohltuend weit weg. Es gibt kein Internet und kein Mobilfunknetz und auch keinen Fernseher. Ich atme, schreibe und lese (Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ (sehr gemocht!) Juli Zeh „Unterleuten“ (anders, aber auch sehr gemocht!). Und ich schaue viel aus dem Fenster, tags und nachts, und ich koche hin und wieder.

Alles sehr wohltuend, aber dann muss man doch wieder runter ans Meer … aus Gründen …

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Letzte Reise

Poupettes letzte Reise ging in die Pyrenäen und dort in ein kleines Dorf irgendwo im Nirgendwo. Ihr zweiter Mann kam von hier und ist hier seit vielen Jahren beerdigt. Sie wollte nun an seiner Seite ruhen. Es war für alle Beteiligten ein überraschender und etwas befremdlicher Wunsch, denn so richtig gut kannten sich die beiden Familien bislang nicht. Nur Monsieur, der in etwa das gleiche Alter der Kinder aus der ersten Ehe des zweiten Ehemanns hat, kannte sie aus Jugendzeiten. Poupette hatte aus Gründen, die nur sie kennt, die „andere“ Familie über vierzig Jahre lang immer nur alleine besucht. Sie war mit der Schwester  des zweiten Ehemanns eng befreundet und ist (nach dessen frühem Tod) mir ihr oft in dieses und in ein benachbartes Dörfchen gefahren. Es ist eigentlich genau so ein Dörfchen wie das Bergdorf, aus dem die hiesige Familie stammt. ein bisschen lieblicher und grüner vielleicht, es regnet dort wohl öfter. Wir haben also einmal den Süden Frankreichs von Ost nach West durchquert, um uns dann in der gleichen ländlichen Bergwelt wiederzufinden. Gestern Abend haben sich die beiden Familien, in denen Poupette zu Hause war, dann erstmals wirklich kennengelernt, zunächst noch sehr reserviert („ihr nehmt mir meine Großmutter weg“, dachte zumindest Monsieurs Tochter erbost und auch Monsieur hätte seine Mutter lieber in „seinem“ Bergdorf gehabt; die „andere“ Familie war ein wenig geniert, dass „unsere“ Poupette lieber bei ihnen ruhen wollte), aber dann haben wir auseinandergedröselt, wer wen wann wo und wie kennengelernt hat und was wir an gemeinsamen Erinnerungen haben. Geschichten der anderen Familie wurden erzählt, vom jüngsten Bruder, der den tödlichen Autounfall hatte, wie streng der Großvater war, der dort eine Schmiede hatte und wie rußig die Zimmer früher waren, die über der Schmiede lagen. So schwarz, dass man zur Taufe der Kinder weiße Leintücher vor die schwarzen Wände gehängt hatte. Und man zeigte uns das niedrig gemauerte Waschbecken in der Küche, denn die Großmutter war nur einen Meter fünfzig groß. Man erzählte Dorfgeschichten, Familiengeschichten und alle erzählten wir Geschichten von Poupette. Wir aßen und tranken zusammen, lachten und weinten ein bisschen. Dann durchquerten wir zusammen das abendliche Dorf, das viel größer ist, als wir zunächst dachten, man zeigte uns alte Häuser und erzählte die Geschichten dazu. Am kleinen See sahen wir einen wundervollen Sonnenuntergang.

Wir schliefen im einfachen Hotel im Dorf, und am nächsten Morgen besuchten wir das andere kleine Dorf, in dem Poupette mit besagter Schwester von G. zur Sommerfrische fuhr, bevor sie, wie Großmütter das hier so tun, Monsieurs Kinder über Jahre in den großen Sommerferien in „unserem“ Bergdorf betreute. Es ist ein niedliches Dorf, das entlang eines Flüsschens liegt und ein „village fleuri“ : es blüht dort wirklich so üppig, Rosen, Stockrosen, Rittersporn, und was immer bepflanzt werden konnte wurde bepflanzt,und überall blühen auch „wilde“ Blumen. Im Winter leben dort nur zwei Personen, denn dann ist es unwirtlich, kalt und feucht, die Sonne kommt kaum in dieses Tal, aber jetzt war es sonnig, fast alle Häuser waren offen und es wirkte sehr einladend. 

Danach fand die Beisetzung auf dem alten Teil des Friedhofs im ersten Dorf statt. Die Zeremonie war etwas nüchterner als in Cannes und schnell vorbei. Wir haben dann auch das Geheimnis von Rose gelöst, die überraschend mit auf der Schleife unseres Gestecks stand: Pour notre Poupette bien aimé hatten wir gewählt, um all die Namen und Verwandtschaftszuordnungen der großen Familie zu umgehen. Es stand dann aber Pour notre Poupette – bien aimé – Rose darauf. Wer ist denn Rose, rätselten wir noch in Cannes. Heute machte es klick: „Rose“, das war die Farbe der Schleife, die wir gewählt hatten, Rosa eben. Es musste ja alles so schrecklich schnell gehen, und bei den vielen Informationen auf dem Zettel, den sich die Floristin gemacht hatte, ging wohl manches durcheinander. Die Schleife immerhin war, wie gewünscht, rose.

Danach nahmen wir noch einen Apéro bei der Familie in der ehemaligen Schmiede zu uns, aßen alle zusammen im Hotel und verabschieden uns wirklich herzlich und friedlich gestimmt voneinander. Wir haben das Gefühl, dass Poupette mit ihrem Wunsch nach einer Beisetzung hier, so „verwirrt“ er uns zunächst vorkam, die beiden Familien endlich vereint hat.

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Poupette oder WmdedgT

Heute morgen um sechs Uhr zieht Monsieur die Badehose an. „Kommst du mit?“, fragt er, er geht kurz schwimmen, aber ich bin noch zu müde, der gestrige Tag war anstrengend, ich hatte dennoch Mühe einzuschlafen und komme jetzt kaum zu mir. Viel Zeit habe ich dennoch nicht, wir müssen noch viel vorbereiten. Gestern ist meine Schwiegermutter gestorben. Poupette nannten sie alle, Püppchen, ein Name aus Kindertagen, der ihr geblieben ist. Sie ist in der Nacht von vorgestern auf gestern friedlich entschlafen. Sie wollte nicht mehr. Kurzzeitig hatte der Aufenthalt im Altersheim, mit dem Rhythmus, den man ihr dort vorgab, sie etwas dynamisiert, und wir dachten, es gehe wieder aufwärts und sie würde vielleicht doch noch hundert oder wenigstens 99 im nächsten Monat, aber schon bald war ihr das alles zu viel. „Ich hoffe, es sind nicht die Medikamente, die mein Leben verlängern“, sagte sie. Sie aß kaum noch etwas und wurde immer schwächer. Es gab Momente, in denen sie Monsieurs Hand hielt und wieder Kind war, mit ihren Eltern sprach und liebevoll Monsieurs Hand drückte, für wen auch immer sie ihn hielt. Dann gab es Tage, da sah sie Bischöfe überall, und an manchen Tagen war sie abwesend und hatte diesen leeren Gesichtsausdruck. Die meiste Zeit aber, verwirrt oder nicht, war sie sehr aggressiv, was den Umgang mit ihr nicht leichter machte. Aber es ging dann doch dem Ende zu; alle besuchten sie noch einmal und alle gingen mit besorgtem Gesicht davon. Ob es wohl das letzte Mal war, dass man sie gesehen hat? Die letzten zwei Tage hatte sie schreckliche Gesichtszüge, „sie sah aus wie tot“, sagte Monsieurs Tochter. Und jetzt, wirklich tot, sieht sie entspannt aus, fast lächelnd. Monsieur ist erleichtert, sie so friedlich zu sehen.

Am Montag schon wird sie auf dem Friedhof in einem Dorf in den Pyrenäen im Grab ihres zweiten Mannes beigesetzt. Dies war eine Entscheidung, die sie, wie so viele andere, plötzlich getroffen hatte, schon mit halbverwirrtem Kopf und eigenartigen Assoziationen. Sie hielt ihren Sohn (Monsieur) plötzlich für ihren ersten Mann, vom dem sie sehr unfriedlich geschieden ist. „Ich bin geschieden von diesem Cazon“ sagte sie wütend zu Monsieur. „Ich habe mit den Cazons nichts mehr zu tun. Ich bin eine L. Ich habe hier keine Familie!“ Dieses Beharren auf „sie habe hier keine Familie“, nachdem Monsieur und seine Tochter sich seit Jahren wirklich aufopfernd um sie kümmern, hat die Familie hier nicht so sehr froh gestimmt. Aber die „andere“ Familie war bereit, sie in das dortige Familiengrab mit aufzunehmen und nun ist es so. Wir fahren also in die Pyrenäen, eine weite Reise bei sengender Hitze und beginnenden Sommerferien. Außer der engen Familie nimmt niemand diese Strapaze auf sich. Um ihren Freunden, Bekannten, Nachbarn, immerhin hat sie fast ihr ganzes Leben in Cannes gelebt, und natürlich auch der entfernteren Familie hier, eine Möglichkeit des Abschieds zu geben, versuchten wir, kurzfristig etwas zu realisieren. Seit gestern vormittag geht hier ununterbrochen das Telefon. Dass wir heute um 15 Uhr die Kapelle in der Trauerhalle und eine Dame bekommen können, die befugt ist, Poupette zu segnen, wussten wir definitiv erst gestern Abend. Dann riefen wir wieder alle Menschen an (und, kleiner Vorgriff: trotz der Kurzfristigkeit und der Hitze kamen so viele!).

Heute morgen um 9 Uhr bestellen wir ein Blumengesteck, kaufen Rosen zusätzlich auf dem Markt, damit jede(r) eine Rose auf ihren Sarg legen kann, ich lasse ein Foto von ihr vergrößern, wir haben eine schönere Bluse für Poupette ausgewählt und bringen sie zum Beerdigungsinstitut, damit man sie ihr noch anzieht. Ich kaufe im Tiefkühlsupermarkt und beim Bäcker Süßes und Salziges für den späteren Umtrunk auf der Terrasse. Dann räume ich schnell und in groben Zügen die Wohnung auf, N., meine Freitagshilfe putzt, und sie säubert auch die Terrasse und Tische und Stühle draußen. Zwischendurch erklären wir am Telefon den Weg zur Trauerhalle und das Prozedere, ich gebe am Telefon der Dame Auskunft, die Poupette auf dem Friedhof in den Pyrenäen segnend begleiten wird. „Ich kenne sie gar nicht, was war sie für ein Mensch?“ Exceptionnelle, höre ich mich sagen, exceptionnelle et courageuse. Und ich singe ein Loblied auf meine Schwiegermutter, die eine außergewöhnliche Frau war: mutig, modern, gesellig und lebensfroh. Die als junge Frau Autorallys gefahren ist, Chemieingeneurin war und mit ihrem ersten Mann Parfums hergestellt hat – Parfums aus einer anderen Zeit, und ein Unternehmen, das die Konkurrenz der neu aufkommenden Supermärkte und deren Politik des „billigen“ Preises nicht verkraftet hat. Später hat sie sich scheiden lassen, ihre Familie hat es ihr übel genommen, Scheidungen waren in der katholischen Bourgeoisie nicht erlaubt. Sie hatte danach keinen Pfennig Geld und hat viele Jahre an einer Privatschule Mathematik unterrichtet (heute haben zwei Herren, die sie unterrichtet hatte, noch darüber geklagt wie unerbittlich sie als Lehrerin war). Dann hat sie ihren zweiten Mann geheiratet, den einzigen Mann, den sie geliebt habe, wie sie einmal sagte. Leider ist er früh verstorben, aber ein paar Jahre hatte sie mit ihm verbringen können. Ich erzähle und erzähle, dass sie autoritär war, und niemand, den man freudig umarmt, die aber doch eine enge Beziehung zu ihren Enkeln (Monsieurs Kindern) hatte, die sich beide wirklich in einer Innigkeit und Liebe um sie gekümmert haben, die ich wiederum exceptionnelle finde. Außerdem hatte sie unzählige Freunde und Freundinnen in den unterschiedlichsten Vereinen, die sich gern um sie versammelten, denn sie organisierte Ausflüge, Picknicks und Feiern und sie lud immer auch sehr gerne zu sich ein.

Schon ist es zwölf Uhr. Alles, was ich erzählt habe, schreibe ich schnell noch einmal auf, mit dem who is who der Familie, Namen und Eckdaten, für die Dame, die die heutige Zeremonie vornehmen wird und die auch nichts von Poupette weiß. Monsieur korrigiert meinen Stil und meine Fehler, dann will er essen. Es ist 13 Uhr und in einer Stunde sollen wir schon in der Trauerhalle sein.

Es gibt daher nur schnelle Tiefkühlpaella und Eis, danach eilen Monsieur und der Rest der Familie schon zur Trauerhalle. Ich bereite ein bisschen den Umtrunk vor, werfe eine Tischdecke über den Plastiktisch, suche Servietten, Gläser (immer sind Gläser staubig und matt, wenn ich sie zur Hand nehme, und ich spüle schnell 12 Kristallgläser von Hand und 8 andere ebenso), dann dusche ich noch einmal, ziehe mich um und fahre auch los.

Um Viertel nach zwei bin auch ich in der Trauerhalle. Viele Menschen kommen, man stellt sich vor, umarmt sich, weint, manche wollen Poupette noch einmal sehen. Ich auch. Sie sieht schon sehr verändert aus, aber friedlich, ganz leicht geschminkt, ihre Bluse und der Blumenschmuck passen wundervoll zusammen: Rosa, Weiß und verschiedene Rottöne. Die Andacht (15 Uhr) mit der Segnung wird von einer unkonventionellen Dame geführt, die angenehm locker ist, die die richtigen Worte findet von Liebe und Verzeihen. Es tut gut, einmal nicht die üblichen Worthülsen, wie sie in der katholischen Kirche in Frankreich noch sehr üblich sind, zu hören. Sie bezieht auch die muslimischen Anwesenden ein, alle die glauben und auch die, die nicht glauben. Es ist feierlich und würdig, aber nicht pompös, vielleicht hätte Poupette gerne mehr Weihrauch und einen Bischof gehabt, nachdem Bischöfe so oft durch ihre Fantasie gegeistert waren, aber es war eine Zeremonie, aus der zumindest ich lächelnd hinausgegangen bin.

Es ist 16 Uhr. Wir danken allen, die gekommen sind und laden zum Umtrunk zu uns ein. Etwa zwanzig werden wir, sitzen im nachmittags schattigen Innenhof und trinken die letzten drei Flaschen Champagner aus dem Keller von Poupette: à Poupette!

Später fahre ich die eine oder andere Cousine und Freundin nach Hause, Monsieur ruht sich aus. Ich schreibe diesen Text. Danke, dass Sie bis hierhin gelesen haben. Ich reihe diesen Text ein in die „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“-Serie bei Frau Brüllen. Dort finden Sie auch alle anderen Tagebuchblogger.


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Morgens um Acht ist die Welt schon durcheinander

Kurz nach Acht am Strand ist schon zu spät. Schon zu warm. Aber ich bin spät, gestern war Lesemittwoch und ich habe ein tolles Buch angefangen (Christoph Hein: „Glückskind mit Vater“) konnte kaum aufhören zu lesen und dann kaum schlafen. Es ist zu heiß und der Ventilator ist zu laut. Kurz nach Acht am Strand hatte eine Dame bereits einen Schwächeanfall und die Feuerwehr raste heran. Ich lechze nach dem Meer, es ist aufgewühlt und schmutzig heute und ich sehe die beiden Kreuzfahrtschiffe grimmig an. Eines legt ab und eine Wolke schönster feinstofflicher Dreck fliegt langgezogen bis zum Palm Beach. Dankeschön auch. In diesem Zusammenhang habe ich einen Artikel bei Herrn B. entdeckt.  Nein, ich will Ihnen Ihren Urlaub nicht vermiesen, oder nur ein bisschen. Weil ich so böse Gedanken habe, werde ich sofort bestraft und eine Feuerqualle erwischt mich. Nur am Knie Gottseidank, und andere sind mir glücklicherweise nicht mehr begegnet. Aber meine Lust, im Meer zu schwimmen, ist jetzt etwas gebremst. Um mich von den Schmerzen abzulenken (übrigens soll man die Verbrennungen nicht abwaschen, sondern feuchten Sand darauf packen und später abschaben, unser Servicetipp, bitte gerne) sammle ich energisch Müll und klettere sogar auf die Felsen, was ich wegen meiner komischen Höhenangst gar nicht mehr gut kann. Das Müllkunstwerk braucht heute auch den Sonnenschirm, es ist so heiß!

Ich wollte dem Müllmädchen eigentlich eine Kette verpassen, ich fand heute unverhältnismäßig viele Dosenaufmachdinger, wie heißen die noch? Und hat man nicht vor Jahren schon erfunden, dass die beim Aufmachen an der Dose bleiben?

Was meinen Sie? Soll ich zukünftig vielleicht eine Müll-Schmuck-Kollektion entwerfen? Ich finde diese kontraststarke Kombination „Posidonie trifft Alu“ ziemlich cool. Riecht allerdings auch stark. Nicht das Alu, nein, die Posidonie. So ein bisschen fischig.

Und es wird noch heißer … habe ich schonmal verlinkt, ich weiß, passt aber gerade wieder so schön :-)

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Abtauchen

das ist das einzige, was man derzeit machen kann. Oder zumindest die Füße in kühles Wasser unter dem Schreibtisch … das ist meine Variante. Nachmittags zumindest. Frühmorgens schaffe ich es immer mal ins Meer. Letzten Samstag hatte die Enkelin Schwimmgala. Sie macht seit vier Jahren Synchronschwimmen. Zweimal die Woche trainiert sie dafür. Anfangs sogar dreimal die Woche. Zu Beginn waren sie und die Mädchen ihrer Gruppe wirklich kleine zappelige Entlein und man sah, wie sie mit den Beinen strampelten, wenn sie sich zu einem Kreis formierten. Jetzt schwimmen sie elegant wie junge Schwäne und es ist eine Freude, ihnen bei ihrer Präsentation zuzusehen. Hier aus Datenschutzgründen nur eine Teilansicht ;-)

Und das Müllkunstbild von heute Morgen. Mit nur reduziert gesammeltem Müll. Es war schon spät, der Strand schon zu voll und überhaupt war es zu heiß. Und ich wollte vor allem schwimmen! Aber: Ich fand heute den zweiten Socken und habe ihn in einen Wal verzaubert.

Und das ist schon den ganzen Tag mein Ohrwurm. The Heat Is On. :-)

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