Frauen, die auf Displays starren

Erschöpft. Zu viel geschrieben, dieses Jahr. Der rechte Unterarm ist lahm, schon allein der Gedanke an diese Tippgeste hier macht mich unwillig. Das Smartphone kann ich kaum noch halten. Im linken Oberarm habe ich eine Zerrung. Wer weiß, woher. Der Kopf ist müde, die Augen sind auch müde von dieser Display-Starrerei, der Rücken schmerzt vom vielen Sitzen. Ich habe das Krimi-Manuskript überarbeitet, es dauerte länger als ich dachte.

Letzte Woche hatten wir unseren Prozess, aber wir haben zwei Tage vorher das Handtuch geworfen, es war klar geworden, dass wir auf jeden Fall verlieren werden, also haben wir uns „gütlich“ geeinigt, das heißt, wir bekamen keinen Pfennig von dem uns zustehenden Geld aber zusätzlich die Anwaltskosten (unsere und die der Gegenseite) aufgebrummt. Aber immerhin haben wir uns die Gerichtskosten und die Erniedrigung vor Gericht erspart. Ob man vor Gericht gewinnt oder verliert scheint genauso sicher zu sein wie ein Lotteriegewinn. Nicht umsonst heißt es „gewinnen“. Und Frechheit und Skupellosigkeit siegen über Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. Schöne neue Welt. Aber vielleicht war das auch schon immer so. Ich bin auf jeden Fall froh, dass es vorbei ist, auch wenn das alles zusätzlich auf die Moral drückt.

So, schon will der Arm nicht mehr. Ich muss mir jede Antwort auf eine Mail gut überlegen, jeden Beitrag auf Facebook oder Instagram und schon dreimal einen Blogbeitrag hier, dabei hätte ich so viel zu erzählen. Ich habe es sogar mit der Diktierversion versucht, der Text, der dabei entstanden ist, ist allenfalls experimentell-amüsant, aber nicht verständlich.

Gleich sind wir schon durch mit dem strengen zweiten Confinement, das so streng nicht war, gemessen am ersten, aber anscheinend hat es die Zahlen trotzdem etwas nach unten korrigiert, sie sind nur noch dreimal so hoch wie in Deutschland. Annika Jöres hat in der ZEIT über Frankreich im Lockdown als „Autoritäres Absurdistan“ geschrieben (der Text ist hinter einer Paywall), das hat die Franzosen getroffen und es wurde hier in der Presse und wird allabendlich in den Nachrichten wiederholt, wenn wieder darüber diskutiert wird, welche Maßnahmen sinnvoll sind oder nicht. Von Rainer W. bekam ich freundlicherweise einen anderen Artikel über das Confinement in Paris zugesandt (leider auch hinter einer Paywall): Im Land der Viertelstunde. Aber jetzt ist das Schlimmste ja schon gleich wieder rum und die Buchhandlungen und Einzelhändler dürfen ab Samstag wieder geöffnet sein, wir dürfen unserern Radius auf zwanzig Kilometer erweitern, alles weitere erfahren wir, je nachdem wie sich der Virus entwickelt, am 15. Dezember und dann wieder am 20. Januar. Nur die Restaurants (und die Cafés, Bistros, Salons de Thé, Diskotheken, Nachtclubs) bleiben weiterhin geschlossen, sogar bis zum 20. Januar; das beliebte Silvesteressen im Restaurant gestrichen, und die Restaurateure haben heute schon in Marseille gegen diese Entscheidung demonstriert.

Das ist ausnahmsweise besonders, denn hier wird nicht so wahnsinnig viel gegendemonstriert, vermutlich weil wir aufgrund der hohen Zahlen alle einen Menschen kennen, der krank ist oder war oder gestorben ist. Daher tragen auch so ziemlich alle brav ihre Masken.

Die Regierung arbeitet, anders als in Deutschland (Wir waren Helden, wir blieben zuhause), mit eher drastischen Videos.

Ich bin mal gespannt, ob es eines geben wird, um uns auf die Weihnachtstage einzustimmen, denn das war die größte Sorge der Franzosen: dürfen die Großeltern an Weihnachten die Enkelkinder sehen? Ja, sagt der Präsident, aber natürlich verantwortungsvoll mit Maske und Trallala und mit einer „limitierten“ Personenzahl. Wie das bei uns aussehen wird, ist noch unklar.

Skiurlaub ist dieses Jahr auch gestrichen. Also, sie können in die Berge fahren und spazierengehen, aber Ski ist nicht und vor allem kein Après Ski, klar, alle Restaurants und Bars bleiben geschlossen.

Unsere Buchhändlerin hat es in den letzten Tagen in die nationale Presse und ins Fernsehen geschafft, mit ihrem heldenhaften Einsatz, mit dem sie sich der Schließung ihrer Buchhandlung lange Zeit widersetzt hat. „Ich schade niemandem, ich rette nur meinen Laden“, verteidigte sie sich, hätte sie, wie angeordnet, geschlossen, hätte sie gleich den Schlüssel unter die Matte legen können. Hier noch ein weiterer Artikel. Die Geldstrafen, die sie bei den wiederholten Besuchen der Polizei aufgebrummt bekam, haben anfangs solidarische Autoren übernommen, letzten Endes brauchte sie aber einen Anwalt und hat dennoch schließen müssen, sie ist umso froher, dass sie jetzt gleich wieder öffnen kann. Wir werden sie unterstützen: ich habe in der Familie schon verkündet, dass es zu den kommenden Geburtstagen und an Weihnachten nur Bücher geben wird.

In dem Zusammenhang wollte ich den charmanten Film erwähnt haben, den auch Croco gestern verlinkte: Der Buchladen der Florence Green. Kann noch bis zum 5. Dezember auf arte angesehen werden.

Ich bin viel spazierengegangen (eine Stunde ein Kilometer, klar), aber die Fotos bekommen Sie ein andermal, der Arm will nicht mehr. Hier nur ganz schnell ein Foto vom ersten Duval-Krimi in russischer Sprache. Schön, was? Dem russischen Spam nach zu urteilen, den ich neuerdings gehäuft bekomme, sind sie schon ein paar Monate auf dem Markt, die Belegexemplare kamen aber erst jetzt.

Ich hätte noch viel zu erzählen – aber heute geht es nicht mehr, à bientôt!

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12 von 12 im November

Am 12. ist Zwölf von Zwölf dran. Verlässlich bei Frau Caro von Kännchen. Ich hatte heute ein Montagsgefühl, geschuldet dem gestrigen Feiertag. Frühmorgens weckt mich die Katze, sie hüpft dazu neuerdings wieder ins Bett, ist verboten, aber im halbwachen Zustand bin ich wehrlos gegen die Schnurrattacken (und ich mag es auch). Pepita mag aber nicht, dass ich sie fotografiere.

Beim Frühstück kuscheln wir immer noch.

Ein paar Yogaübungen gegen die Rückenschmerzen. Sie sehen auch die neuen warmen Hausschuhe (Kachelfußboden kann sehr kalt sein).

Ich gehe mal wieder einkaufen (mit Maske und Ausgangsattestation). Ständig gehe ich einkaufen, scheint mir. Es ist unglaublich, was zwei erwachsene Menschen alles so konsumieren. Vom Einkaufen bekommen Sie zwei Fotos, dieses von den „gesperrten“ Dingen, die derzeit nicht im Supermarkt zu kaufen sind, um dem wieder geschlossenen Einzelhandel keine unloyale Konkurrenz zu machen. (Man kann diese Dinge aber trotzdem bestellen und via „click und collect“ abholen, es ist unverständlich und der auch weiterhin geschlossene Einzelhandel wütet und weint.)

Schon lange wollte ich Ihnen das Regal für den abgepackten gekochten Schinken zeigen. Nur mal so als Beispiel der Auswahl, die man in französischen Supermärkten für alles hat. Es gibt mehrere Marken, es gibt Packungen mit zwei, mit vier und mit sechs Scheiben. Es gibt dünn geschnittene Scheiben, normal oder besonders dick geschnittene Scheiben. Es gibt Schinken mit Schwarte und ohne, mit wenig Salz, ohne Nitrat und auf diese oder eine andere Art gekocht. Ich kaufe gerne den Schinken ohne Schwarte bien élevé. Für mich klingt es immer wie „gut erzogener Schinken“, aber nein, es ist eine Variante von Bio. Die Schweine wurden ohne OGM-Getreide ernährt und bekamen keine Antibiotika gespritzt.

Nein, der Herr ist nicht Monsieur. Er lief mir ins Bild und wühlte sich lange durch die Packungen, um die frischeste, mit dem längsten Haltbarkeitsdatum zu finden.

Ich war gut in der Zeit, aber an der Kasse dauert es Stunden. Gut, dass ich zwei Portionen frische Paella gekauft habe, denn bis ich zuhause bin (für Brot beim Bäcker muss ich auch ewig anstehen) ist es halb Eins und Monsieur hat Hunger. Während die Paella warm wird, mache ich schnell einen Salat. Ich konnte ja wirklich nicht mal eine Vinaigrette anrühren, bevor ich nach Frankreich kam.

Zum Nachtisch gibts Mango. Ich habe kürzlich über Crowdfarming frische Mangos aus Spanien bestellt. 5 Kilo Mango, drei Sorten, zehn Stück insgesamt. Drei große, zwei mittlere und fünf kleine. Sie kamen schnell und reiften noch ein paar Tage vor sich hin. Jetzt sind sie reif, es duftet nach Mango und sie sind so unglaublich lecker, geschmackvoll, aromatisch, zart. Ich bin sehr begeistert.

In der Post ist heute die Frühjahrsvorschau von Kiepenheuer & Witsch. Boah wie schön! Ich bin drin mit dem achten Duval!

Vor und nach der Sieste stelle ich das Foto auf Instagram und Facebook und in Christines Blog und danke den ganzen Nachmittag mit Worten und Symbolen den freundlichen Menschen, die sofort reagieren!

Die Einkäufe müssen auch noch eingeräumt werden.

Nachmittags schreibe ich dann lang fällige analoge Post. Die Auswahl der richtigen Karte ist eine Wissenschaft für sich.

Ich koche ein Süppchen und mische die Reste der Kürbissuppe dazu. Gibt eine gute Mischung. Monsieur nimmt später zwei Portionen! Dazu gibts eine Scheibe gut erzogenen Schinken. Etwas Käse für den Herrn, einen Nachtisch für die Dame.

Der Gatte schaut fern, ich schreibe hier und werde gleich noch etwas lesen. Ich lese im Moment drei Bücher parallel.

So viel von hier. Die anderen ZwölfvonZwölfer finden Sie wie immer hier.

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11. November

Ich will ja nicht jedes Jahr dasselbe schreiben, insofern erneutes Blogrecycling, aber heute ist mir wieder der deutsch-französische Kontrast in meiner Facebook-Timeline aufgefallen. Auch wenn dieses Jahr all die Karnevalsjecken und Fastnachter nicht feiern dürfen, also zumindest nicht draußen und zusammen, buhuu. Aber sich nur für sich selbst und sein Spiegelbild zu verkleiden, allein und drinnen Bier trinken, Konfetti werfen und vor allem allein schunkeln ist sicher weniger lustig für echte Fans. In Frankreich ist die Stimmung wie immer am 11. November getragener: Patriotische Reden vor geschmückten Kriegerdenkmalen. Hier ist ein anderer Feiertag, ein Gedenktag, l’Armistice. 

Möglicherweise habe ich dieses arte-Karambolage-Video zum Waffenstillstand 1918, l’Armistice, schon einmal verlinkt.

So viel dazu. Ansonsten hat sich gerade zum 50. Mal der Todestags von Charles de Gaulle gejährt und das Fernsehen ist voller Dokumentationen zu seinem Leben. Auf arte kann noch bis zum 9.12.2020 der Film General de Gaulle – Riese auf tönernen Füßen angesehen werden.  Ich habe ihn bislang nicht gesehen und eine andere aufgezeichnete Dokumentation harrt auch noch darauf, von mir gesehen zu werden. Ich hinke allem hinterher, man kommt zu nichts. Immerhin habe ich ja im März den de Gaulle Film im Kino gesehen. Der französische Trailer konnte damals in Ihrem Land nicht geöffnet werden, ich verlinke hier mal den englischen Trailer (einen deutschen gibt es bislang nicht), vielleicht geht das?!

Ich war heute wieder spazieren, gleiche Runde wie gestern, da hier Feiertag ist, war es noch voller, selbst auf den kleinen Wegen drängelten sich Menschen und Hunde. Ich habe wieder (in etwa) dieselben Fotos gemacht und dabei auch Korkeichen entdeckt!

Für die Natur – und Insektenliebhaber unter Ihnen, die sich schon an Mikrokosmos erfreut haben, gibt es ab heute auf arte drei andere Filme. Winzige Wunder heißt die Mini-Serie.

Blick zwischen Korkeichen


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Eine Stunde – ein Kilometer

Heute machten wir einen Spaziergang in die andere Richtung. Der Naturpark ist (noch) zugänglich, das ist sehr angenehm. Es waren allerdings viele Menschen unterwegs. Spaziergänger und Spaziergängerinnen jeden Alters mit Hunden und ohne Hunde, mit Kindern und ohne Kinder, und Kombinationen (mit Hund und Kind), Jogger*innen, Sportler*innen, Mountainbiker*innen.

Der Herbst in Südfrankreich, zumindest hier an der Küste, ist farblich weiterhin blau und grün. Bäume mit sich verfärbendem Laub sieht man wenige. Hier der Feigenbaum, den Sie von meinen Frühjahrsspaziergängen schon kennen. Feigen habe ich dort allerdings nie gekostet.

Kürzlich ging es bei Herrn Buddenbohm um Laub (er sammelte es mit seinem Sohn) (es ist wohl doch schon was her, ich habe es jetzt auf die Schnelle nicht mehr gefunden) es ging dort unter anderem um Varianten von Bäumen, die von der Rinde, sagen wir, eine Buche sind, vom Blatt aber plötzlich ein Ahorn (also so in etwa, vielleicht haben Sie es auch gelesen, dann wissen Sie, was ich meine). Im Naturpark fand ich jede Menge Eichen mit nicht Eichentypischen Blättern. Zwei davon sind immergrün. Es hat mich dazu gebracht, Eichen bei Wikipedia zu googlen – meine Güte!

Mimosenarten gibt es auch unzählige im Park. Die Mimosen haben schon Knospen!

Eine Besonderheit ist der Arbousier oder auf Deutsch der westliche Erbeerbaum, der Blüten, unreife und reife Früchte zur gleichen Zeit trägt. Die Früchte sind „genießbar“, leicht süßlich, ich mochte sie aber trotzdem nicht.

Kürzlich kam der Film Mikrokosmos (wieder) im Fernsehen. Einen Moment Abtauchen in Natur. Sehr gemocht.

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November: Auch an blauen Tagen bricht das Herz

Heute ist der 9. November; im Jahre 1938 fand in Deutschland und Österreich in der Nacht vom 9. /10. November die sogenannte Reichskristallnacht statt, ein zynischer Begriff für die organisierten Pogrome gegen Juden.

Ich mache heute ein bisschen Blogrecycling. Anfangen möchte ich mit diesem Blogtext über Sanary sur Mer.  Und dann mache ich weiter mit diesem hier über die Erinnerunsgsstele vor dem jüdischen Friedhof in Nizza, die (erst!) im Januar diesen Jahres eingeweiht wurde, und die an all die von Nizza deportierten ausländischen Juden erinnert.

Heute brach mein Herz, als ich in Nizza in eine kleine Straße einbog, sofort im Stau stand und mich mit Militär konfrontiert sah. Oh Gott, dachte ich, ein Attentat! Aber es war alles ruhig. Eigenartig ruhig. Der erste Soldat sah unbewegt und mit Waffe im Anschlag in mein Auto. Es ging nur wenig vorwärts. Ich sehe Polizei auf dem Gehweg neben mir. Etwa zehn Beamte zähle ich. Ich werde nervös. Der nächste Soldat taucht auf. Insgesamt sind es fünf. Ich fahre wieder einen Meter weiter. Dann geht in einem Haus zu meiner Linken eine unscheinbare Tür auf und abgeschirmt von den etwa zehn Polizisten kommt eine kleine dunkelhaarige Frau heraus. Sie ist jung und sie hat rechts und links an der Hand jeweils ein kleines Mädchen. Hinter ihr eine andere junge Frau, die ebenso ein Kind an der Hand führt. Andere folgen. Ich stehe zufällig zum Schulende vor einer jüdischen Grundschule. Es bricht mir das Herz, zu sehen, was kleine Kinder (und ihre Eltern) jeden Tag erleben müssen, um sicher in und aus der Schule zu kommen. Vielleicht ist es für sie „Normalität“ geworden. Die beiden Mädchen zumindest plappern und hüpfen und wedeln mit Zeichnungen, die sie angefertigt haben, vor ihrer Mutter herum. Sie nehmen die Polizisten und Soldaten gar nicht wahr. Ich schon.

Die Stele zur Erinnerung an die deportierten Juden wurde dieses Jahr erst, 75 Jahre nach Kriegsende, eingeweiht!

Die Erinnerungstafel vor dem Hotel Excelsior in Nizza steht seit 2009, aber das Erinnern hat (in Frankreich zumindest) noch kaum begonnen. Ich möchte dazu beitragen, dass es nicht wieder vergessen wird.

***

Auch an blauen Tagen bricht das Herz ist eine Zeile aus einem Gedicht von Hilde Domin. Hilde Domin war eine deutsche Lyrikerin, in Köln geboren, in Heidelberg gestorben – dazwischen lag ein bewegtes Leben, mit vielen Exilstationen, unter anderem in Santo Domingo. Marion Tauschwitz, die Hilde Domin in ihren letzten Lebensjahren als Freundin und engste Vertraute begleitete, hat (unter anderem) eine umfangreiche und sehr lesenswerte Biographie Dass ich sein kann, wie ich bin über sie geschrieben.

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Eine Stunde ein Kilometer

Heute Morgen kleiner Spaziergang (eine Stunde im Einkilometerradius) kurz vor dem Regen. Einmal quer durch den Suquet bis zum Meer. Kleiner Kaffee im Stehen und zurück.

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What a wonderful world

Heute morgen hat es mich zum Weinen gebracht, dieses Lied. Es wurde bei der nationalen Trauerfeier für die drei Opfer des Attentats in Nizza als abschließendes Lied vom Chor der Nizzaer Oper interpretiert. Die Trauerfeier fand auf dem Schlossberg in Nizza, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit starken Sicherheitsvorkehrungen statt. 

Die Trauerfeier via France 3

Ich hatte das Lied den ganzen Tag in seiner getragen traurigen Version im Ohr. Aber heute Abend hat es sich verändert und es ist das Lied, das mich froh stimmt. Joe Biden und Kamala Harris sind endlich offiziell gewählt worden, auch wenn Donald Trump und seine Anhänger es noch immer nicht glauben und akzeptieren wollen. Ich wünsche mir, dass es friedlich bleibt.

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WMDEDGT November 2020

Sie wissen es, am 5. jeden Monats ist Tagebuchbloggen dran. Frau Brüllen, die fragt, was wir eigentlich so den ganzen Tag machen, kurz WMDEDGT, ruft dazu auf. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mitgemacht habe, aber heute bin ich dabei.

Am 5. um 5 Uhr wache ich auf und checke die Zahlen der USA-Wahl. Biden hat sage und schreibe die benötigten 270 Stimmen! Boah! Erleichtert schlafe ich wieder ein. Um halb Acht werde ich vom Gemaunze der Katze wach. Ich überprüfe schnell die Zahlen. 264 für Biden, 214 für Trump. Ich verstehe es nicht, suche überall, aktualisiere alle Seiten, nirgends etwas vom Sieg Bidens. Keine 270 Stimmen. Ich habe es geträumt, anders kann ich es mir nicht erklären. Ich habe geträumt, dass ich aufwache?! Strange.

Ich liege bis um Acht im Bett und lese im Internet herum. Dann beschwert sich die Katze. Raus jetzt, mault sie. Ich stehe auf und mache mir einen Kaffee. Heute wieder blauer Himmel und Sonnenschein, wie man das von der Côte d’Azur erwartet. Und wir bleiben vorerst drin.

Monsieur sitzt schon am Schreibtisch und lässt mich lesen, was er geschrieben hat. Ich überprüfe den Text und die Zahlen und korrigiere hier und da. Er überarbeitet den Text am PC. Ich lese erneut und schließlich überarbeite ich seinen Text, weil er keine Geduld mehr hat. Er schwärmt aus (jenseits des 1km-Radius) auf der Suche nach zusätzlichen Papieren. Ich bestelle ein Buch in der örtlichen Buchhandlung, die ordnungswidrig geöffnet hat und außerdem nicht in unserem 1km-Radius liegt. Ich hoffe, es dort im Anschluss an einen Termin, der unseren Ausgang berechtigt, abholen zu können. Oder vorher oder wie auch immer. Ich lese im Internet den offenen Brief der Buchhändlerin an Präsident Macron. Sie ist ziemlich verzweifelt und überlebt gerade so. Ich würde, um sie zu unterstützen, gern noch mehr Bücher bei ihr kaufen, aber ich weiß gerade nicht was.

Monsieur ist zurück und bringt die Zeitung mit. Man denkt darüber nach, den verletzten Attentäter, der in Nizza operiert wurde, an einen „geheimen Ort“ (Militärkrankenhaus) zu verlegen, weil das Krankenhaus in Nizza von wütenden Menschen belagert wird, die seinen Tod wollen und die nicht verstehen, dass man ihn operiert und gerettet hat. Gestern schon musste sich der Chirurg rechtfertigen und sagen, dass es als Arzt sein Job sei, Leben zu retten.

Das Telefon klingelt mehrfach, gelangweilte Freunde und Bekannte (alle nicht mehr berufstätig) telefonieren sich so durch ihren Tag. Sie beschweren sich, dass „alle“ draußen seien (so sieht es aus) nur sie selbst blieben ordnungsgemäß zu Hause. Es stimmt, vor dem Haus rauschen die Autos durch, die Kinder sind in der Schule, die Nachbarn arbeiten, hin und wieder zumindest, außer Haus.

Mails kommen und werden beantwortet.

Monsieur ist zurück, mit den gesuchten Papieren, er arbeitet fieberhaft die neuen Zahlen in das Dokument ein. Ich bereite Essen vor. Es muss heute schnell gehen: Rohkostsalat mit Karotten und Äpfeln, Gnocchi mit den aufgetauten Resten der Bolognese von neulich. Monsieur nimmt vermutlich noch etwas Reblochon. Schokodessert.

Kurz nach Zwölf essen wir. Wir haben es heute eilig. Viertel vor Eins legt sich Monsieur schon zur Sieste hin. Danach  lesen wir noch einmal den Text. Wir füllen unsere Ausgangsbescheinigungen aus und fahren los – zunächst machen wir einen kleinen Umweg zur Buchhandlung. Ich bekomme L’arabe du futur 5 , dem ich schon monatelang entgegenfiebere und versichere der Buchhändlerin meine Unterstützung. Dann gehts über die Autobahn nach Nizza. Es ist superwarm heute, 21°C, wir reißen uns die Mäntel vom Leib. Um 15 Uhr haben wir einen Termin beim Anwalt. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem lieben Nachbarn nicht gefällt, sage ich nur. Jemand schuldet uns Geld, will aber nicht zahlen, klagt uns jetzt im Gegenzug an. Leider hat er etwas gefunden, was ihm juristisch Recht gibt. Es ist spitzfindig und zum Haareraufen. Wir könnten zumindest die Anklage ebenso spitzfindig abschmettern, aber wenn wir weiterhin auf unser Geld bestehen und dafür vor Gericht zögen, würde es kompliziert. Nach über einer Stunde kommen wir gerädert heraus. Wir können nicht mal einen Kaffee trinken, alles ist geschlossen. Trotzdem wimmelt es von Menschen mit und ohne Maske, der Bahnhof, eine Grundschule und ein Discounter sind in der Nähe. Wir suchen eine Weile unser Auto (auf der Hinfahrt eierten wir lange im Viertel herum, um einen Platz zu finden, jetzt wissen wir nicht mehr, wo wir stehen), fahren erschöpft wieder zurück. Es ist voll auf der Autobahn, aber nur halb so voll wie normalerweise um diese Uhrzeit. Um kurz vor Sechs sind wir wieder zu Hause. Die Sonne verschwindet und beim Aussteigen ist es schlagartig kalt. Wir gönnen uns einen Apéro, einmal mit, einmal ohne Alkohol. Monsieur telefoniert. Ich schreibe hier.

Der Fernseher wird angeschaltet. Die aktuellen Nachrichten aus den USA handeln auch nur von juristischen Spitzfindigkeiten. Es ist ein Elend.

Jetzt koche ich uns einen tröstlichen Milchreis. Dann lege mich mit dem neuen Buch ins Bett, Monsieur wird vermutlich noch ein bisschen vor dem Fernseher herumhängen. So war unser Tag. Danke fürs Lesen. Die anderen Tagebuchblogger finden Sie wie immer hier.

ps: Ich bin die dritte , nee doch schon die sechste! Trotzdem, so früh war ich noch nie! :-D

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Abendspaziergang


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Chronik trüber Tage – 3

Ich hatte eigentlich nicht vor, diese Überschrift im ganzen November zu verwenden, aber dann war

Wien

Ich verlinke einen Artikel aus dem Falter, den ich bei Croco gefunden habe. Danke dafür.

Wien. Das Bermuda-Dreieck. Das Ausgehviertel von Wien. Dort ist auch die Synagoge. Vor vielen Jahren bin ich mit meinem damaligen Buchhandelskollegen Udo nach Wien zu der großartigen Ausstellung Traum und Wirklichkeit gefahren. Ich habe die Ausstellung und Wien in mich aufgesaugt. Ich wollte damals alles sehen. Alles! Tagelang und Kilometerlang sind wir damals durch Wien gelaufen. Im Bermuda-Dreieck gingen wir abends noch etwas trinken. Ich wollte gern die Synagoge sehen, die sich dort in einer engen Gasse befindet. Ich kam aber nicht hin. Die Gasse war abgesperrt, Polizei oder war es Militär? das weiß ich nicht mehr, prüfte jeden Einzelnen, der dort hineinwollte. Vielleicht war es Sabbat, vielleicht war es auch jeden Tag so. Mich erschütterte es. Es war das erste Mal, dass ich eine Synagoge so gesichert sah. (Wie ich gerade dem oben verlinkten Falter-Artikel entnehme, gab es 1981 einen Anschlag auf ebendiese Synagoge, was die Absicherung erklärt, ich bin nicht sicher, ob ich das damals wusste.) Von der Synagoge sah ich dann auch nichts. Ich fand mein profanes Bedürfnis des „Anschauenwollens“ unangemessen und nahm davon Abstand.

Als ich damals nach Wien kam (es war 1985, ich war Anfang Zwanzig), war ich vernarrt in den Jugendstil und in die Gemälde von Gustav Klimt. Und dann entdeckte ich im Belvedere die Gemälde von Egon Schiele. Seine Bilder waren ein Schock, sie trafen mich, berührten mich und ich konnte mich nicht losreißen. Ich hatte noch nie vorher von ihm gehört oder etwas von ihm gesehen, und stürzte mich auf alles, was ich von ihm finden konnte. Klimt kam mir plötzlich künstlich und leblos vor. Ich hatte Egon Schiele entdeckt!

Ich war Ende der Neunziger Jahre noch zweimal für einen längeren Rechercheaufenthalt in Wien. Und wieder habe ich Wien eingesaugt. Ich liebe diese Stadt.

Falls ich mir je das Leben nehmen sollte, dann wegen diesem Lied … Wie der Sonnenuntergang von Jesolo … 

Gemessen an dem Autoverkehr, der wie eh und je unablässig am Haus vorbeirauscht, ist alles wie immer. Ausgangssperre?! Bleibt außer uns eigentlich jemand zu Hause?

Wir versuchen sogar das einstündige Ausgehen zu koordinieren, etwas, was in unserem sonst organisationsschwachen südfranzösischen Haushalt eher selten praktiziert wird. Hier schwärmt man sonst mehrfach am Tag aus, immer dann, wenn es Monsieur gerade einfällt, während ich eher Listen schreibe und versuche Dinge zu gruppieren: wenn ich eh in der Ecke bin, dann kann ich noch Katzenfutter mitbringen, so in etwa. Monsieur bat mich nun also, auf den noch von ihm zu schreibenden Brief zu warten, bevor ich „nur“ wegen einem Päckchen zur Poststelle laufe. Ich wartete also.

Den Text für das Frankreich Magazin habe ich gestern abgegeben; bevor ich das Manuskript zum Überarbeiten zurück bekomme, habe ich jetzt tatsächlich mal ein paar Tage frei! Diese freien Tage will ich gerne anders nutzen, als schon wieder nur sitzend und tippend, das nehmen Sie mir bitte nicht übel. Ich werde hier schreiben, aber nicht jeden Tag. Jeden Tag Blog schreiben, wie es Croco nun tut und andere schon immer tun, ist nichts für mich. Also, ich will gern vielleicht auch zweimal am Tag etwas veröffentlichen, wenn mir danach ist, aber ich will diese Verpflichtung des täglichen Schreibens nicht haben.

Gestern sah ich im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen via Zoom ein einstündiges Interview mit Marco Bolzano und seiner Lektorin, moderiert von Wibke Ladwig. Eine Stunde am Nachmittag in Ruhe einem Gespräch zuhören und -sehen, das nichts mit der Recherche zu meinem Buch zu tun hat, habe ich mir schon lange nicht mehr gegönnt.

Heute dann der lang fällige Einkauf im Supermarkt. Musste sein. Beruhigend zu sehen, dass in den Regalen keine Lücken waren. Alles da. Nudeln, Eier, Mehl, Klopapier. Und der ganze Rest. Rosé gabs auch. Ich nahm für Monsieur eine Auswahl an Rosé aus dem Var mit. Für mich naturtrüben Apfelsaft.

Hier wird weiter gestritten, ob es sinnvoll ist, all die kleinen (nicht Lebensmittel-)Läden zu schließen. Aus Wettbewerbsgründen dürfen die großen Supermärkte weiterhin keine Bücher, ab morgen auch keine Spielwaren, keine Elektrogeräte, keine Kleidung, Schuhe, Schmuck oder Parfümerie verkaufen. Für die Bücher sah das heute schon so aus.

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Chronik trüber Tage 2

Was uns hier auch immer noch sehr betrübt, ist die Verwüstung des Hinterlandes durch das vor vier Wochen durchgezogene Sturmtief Alex. Davon kriegen Sie vermutlich nichts mehr mit, aber es ist tragisch. Die Zeitung ist jeden Tag zur Hälfte mit Berichten über den Fortgang der Arbeiten voll.

Soldaten, Feuerwehr und Freiwillige, Männer und Frauen aus ganz Frankreich halfen und helfen immer noch, die verwüsteten Häuser, Plätze und Straßen der betroffenen Dörfer vom Schlamm zu säubern und überhaupt zu helfen, wo Hilfe gebraucht wurde. Lange wurden isolierte Dörfer via Hubschrauber mit dem Nötigsten beliefert: Wasser, Lebensmittel, Campingkocher, Stromgeneratoren, denn es gab dort lange keinen Strom, Kleidung und warme Decken. Aber es wurde auch Hundefutter benötigt und Heu für Kühe, Pferde und Esel. Menschen, darunter eine hochschwangere junge Frau, wurden evakuiert und vorübergehend in Nizza untergebracht.

Suchmeldungen von vermissten Menschen wurden in den Sozialen Medien verbreitet und ebenso wurden die Besitzer von herrenlosen Katzen und Hunden gesucht. Zusätzlich irrten die Wölfe aus dem Wolfspark, der von den Fluten davongeschwemmt worden war, herum und sorgten hier und da für Aufregung. Ein paar der Wölfe haben die Freiheit im Park Mercantour gesucht, andere, die zu sehr daran gewöhnt waren, dass Menschen sie fütterten, lungerten in der Gemarkung von Boreón herum, bis sie von Tierschützern eingefangen und in einen anderen Natur-Wild-Park gebracht wurden.

Junge Männer haben eine behelfsmäßige Brücke aus Baumstämmen gebaut, um ein entzweigeteiltes Dorf wieder zu verbinden und mehrere Gruppen erfahrener Wanderer transporierten immer wieder in Rucksäcken Wasser und Lebensmittel zu den Menschen in abgelegenen Weilern, Höfen und Häusern, wo die Zugangswege verschüttet oder weggebrochen waren. Das Dorf Tende ist noch immer abgeschnitten, seit ein paar Tagen verkehrt zumindest wieder ein Zug nach Italien.
Das Vartal und die dortigen Dörfer waren nicht so stark betroffen von den Schäden, aber ich fühle mich den Menschen und den den Dörfern der benachbarten Täler sehr verbunden. Ich war in diesem Sommer zum ersten Mal in St. Martin Vesubie, das eine Rolle in meinem neuen Kriminalroman spielt. Ich habe dort recherchiert und war überrascht, so ein schönes und lebendiges Bergdorf (mit einer gut sortierten Buchhandlung!) zu finden. Es gefiel mir gut dort, umso erschütterter bin ich jetzt.

Es wird Jahre dauern, bis alle Straßen, Brücken und Wege, alle Leitungen, alle Häuser wieder repariert und rekonstruiert sind, mancherorts wird man nicht mehr bauen dürfen, Menschen werden abwandern und es wird nie wieder so sein wie vorher.

Die Ausgangssperre ist für die Dörfer dort oben eine Katastrophe. Die Menschen die dort oben helfen, müssen irgendwo untergebracht und verpflegt werden. Jetzt stagnieren die Arbeiten und man hat Angst vor dem Wintereinbruch, denn dann geht gar nichts mehr. Einer der Bürgermeister, der für die Dörfer eine Ausnahmegenehmigung fordert, sagte heute resigniert, wir können uns nur wie die Murmeltiere in ein Loch zurückziehen und warten, bis das Frühjahr kommt. Ein flächendeckender Winterschlaf sei vermutlich die beste Lösung für das Virusproblem, las ich heute irgendwo.

Feli, eine Deutsche, die mit ihrer Familie in Nizza lebt, hat drei Tage vor dem Unwetter in Breil sur Roya ein Haus gekauft.

Ich war gestern dann doch nicht einkaufen. Es ist erstaunlich, was aus Resten alles gezaubert werden kann. Mittags gab es Nudeln mit einer Tomaten-Bolognesesauce, das Fleisch stammte von drei Grillwürstchen, die von der Sommersaison übrig waren und im Tiefkühlfach herumlungerten. Die improvisierte Sauce war sogar besser als die mit hier üblichen Rinderhack. Als Nachtisch gab es tröstlichen selbstgekochten Vanillepudding.

Bei Herrn Buddenbohm von nach Schokolade riechenden Tinte gelesen und mich erinnert, dass ich mal eine Körpercreme geschenkt bekommen habe, deren Geruch und Konsistenz mich an klassischen selbstgekochten Schokoladenpudding erinnerte, nach dem ich, es war in meinem letzten Winter im Bergdorf, total Heimweh bekam. Als ich erstmals Dr. Oetker Anrührpudding in einem französischen Supermarkt fand, wäre ich vor Glück beinahe auf die Knie gefallen. Der Pudding war dann aber nicht so aromatisch wie die Körpercreme, die ich trotzdem nur zum Eincremen verwendet habe. Daran musste ich bei der Schoko-Tinte denken, es machte mir sofort Lust auf Schokopudding, aber dann wurde es doch Vanillepudding, mit etwas geriebenerr Tonkabohne verfeinert. Leider auch mit etwas Thymian, der mir auf dem Weg in die Bolognese im Nachbartopf hineingefallen ist. So entstehen vermutlich neue Rezepte. Ich habe die Milch dann trotzdem gefiltert, hatte keine Lust auf Geschmacksexperimente.

Abends gab es eine Suppe aus dem schon leicht welken Gemüse (Lauch, Karotten, Zwiebeln, Kartoffeln) sie war köstlich. Manchmal habe ich keine Lust zu kochen und ich habe daher kürzlich mal wieder eine dieser Fertigsuppen, von denen ich uns ein paar Jahre lang im Winter ernährt habe, gekauft. Es sind Suppen in Flaschen oder Tetrapacks, eigentlich nicht so schlecht – zumindest hatte ich sie nicht in schlechter Erinnerung, aber ich konnte sie nicht mehr riechen und essen auch nicht.

Seit Tagen denke ich über einen neuen Text für das Frankreich Magazin nach, vorgestern, gestern und heute schrieb ich daran, morgen muss ich abgeben.

Sean Connery ist gestorben. Dazu muss ich nichts sagen, ich glaube, er ist einer der wenigen, bei dem sich alle einig sind, dass er großartig war. Er wurde 90 Jahre alt. France 2 hat eine Programmänderung vorgenommen und zeigt uns alte James Bond Filme.

Die privaten Buchhandlungen dürfen weiterhin nicht geöffnet sein, auch wenn Prominente sich dafür eingesetzt haben, das einzige, was erreicht wurde ist, dass die Buchregale in den Supermärkten aus Wettbewerbsgründen jetzt gesperrt sind. Bilder mit Sicherheitsband verklebten Buchregalen gehen jetzt durch die Sozialen Medien und die, die nicht wissen, was der Hintergrund ist, empören sich lautstark. Es ist so ermüdend.

Heute ist Allerheiligen. In Frankreich geht man traditionell auf den Friedhof und schmückt die Gräber mit Blumen. Auch wir haben Blumen erstanden. Es ist kein besonders schönes Gesteck, es gibt nur einen Blumenladen in der Nähe, der daher heute auch geöffnet sein durfte, heute gelten Blumen als achats de premiers nécessité ,„notwendige Lebensmittel“. Die Friedhöfe sind aus aktuellem Anlass besonders gesichert, und selten habe ich dort so viele Menschen gesehen.

Ich habe vor ein paar Jahren schon einmal von dem Grab des Lehrers Honoré Soustelle erzählt, der erschossen wurde, als er aus der Schule kam. Die tragische Geschichte ist in sein Grabmal graviert. Alles wiederholt sich.

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Chronik trüber Tage

Heute also erster Tag des zweiten Confinements. Wir hatten einen Banktermin, der auch stattfand, und füllten zum ersten Mal wieder die Attestation de déplacement dérogatoire aus und machten unser Kreuzchen bei Convocation administrative, also eine Art „Verwaltungsvorladung“. Ich hatte den Termin, als ich ihn ausgemacht habe, extra auf 11 Uhr gelegt, weil wir danach in der Stadt hätten Essen gehen können. Tja, Pech gehabt. Hätten wir gestern nochmal machen sollen, aber gestern gab es, schnellschnell, so viel anderes zu erledigen, dass wir nicht dazu kamen. Unter anderem waren wir beim Baumarkt, um eine Duschvorhangstange und einen Duschkopf zu erwerben. Beim Baumarkt war es so voll, dass wir draußen Schlange stehen mussten und erst dann wieder Kunden eingelassen wurden, wenn welche den Baumarkt verlassen hatten. Alle wollen die kommenden Wochen der Ausgangssperre nutzen, um irgendetwas zu renovieren, scheint es. Man muss sich ja beschäftigen. Nicht nur der Baumarkt war voll, alles war voll, die Straßen, die Läden. Nein, ich habe keinen Großeinkauf gemacht, einen zweiten Laden voller genervt-hysterischer Menschen und mutmaßlicher Coronaviren wollte ich vermeiden. Wir essen, was eben da ist, und einen Teil dessen, was wir brauchen, werde ich morgen auf dem Markt einkaufen. Ich habe stattdessen nachmittags eine Freundin besucht, die ich seit März nicht mehr gesehen habe und wir waren spazieren! Ein Luxusvergnügen in diesen Tagen. Dann war ich noch schnell in der Mediathek, kurz bevor sie ihre Tore für die Zeit der Ausgangssperre schloss, und habe zehn Filme und einen Stapel BD’s ausgeliehen. Unter anderem werde ich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust lesen, ein Wälzer auch als BD, ich dachte, das ist ein passendes Lese-Vorhaben. Ein anderes ist weniger lustig, die Geschichte eines Mitarbeiters einer NGO, der im Kaukasus gekidnappt wurde und als Geisel monatelang eingesperrt war. Passt vom Thema. Und ein etwas heiteres BD: Les Grands Espaces. Eine Frau erzählt ihre Kindheit mit ihren Aussteiger-Eltern, die einen alten Hof umgeben von viel Weite gekauft haben. Das als Gegenthema. Passt auch.

Ich durfte doppelt so viele Filme ausleihen als sonst und hätte auch unlimitiert Bücher mitnehmen dürfen, aber naja, die besten Filme waren schon ausgeliehen und mehr Bücher, die ich wirklich lesen wollte, habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Beim Rausgehen, ein feuriges Sonnenuntergangsgspektakel gesehen, das mein Handy leider nicht annähernd farblich wieder geben konnte. Hier nur ein Foto zweier junger Bibliotheksbesucher. 

Ich lasse mir übrigens seit der letzten Ausgangssperre die wöchentlichen Literaturtipps der Büchergilde in Wiesbaden schicken, eine Buchhandlung, die wiederholt als eine der Besten ausgezeichnet wurde. Zu Recht, wie ich finde, schon allein für diese wöchentlichen Literaturtipps, einschließlich der Hinweise auf Literatursendungen im Hörfunk und im Fernsehen! Danke dafür, auch wenn ich in dieser Spagat-Situation bin, und weder etwas von neuer deutscher noch französischer Literatur wirklich mitkriege, geschweige denn lese.

Die privaten Buchhandlungen in Frankreich kämpfen darum, während der Ausgangssperre öffnen zu dürfen. Unverständlich ist, dass in manchen Städten die Buchhandelskette Fnac geöffnet ist und man generell auch in Supermärkten wie Leclerc Bücher kaufen kann. Manche Buchhändler hatten heute deshalb aus Protest geöffnet.

Ganz schnell war ich morgens auch noch am Palais des Festivals, um den leeren roten Teppich des Mini-Filmfestivals aufzunehmen, hier auch mit unbekannten jungen Starlets.

Im Palais des Festivals können Sie jetzt, wie früher Kaugummis, Masken aus einem Automaten ziehen.

Später wurde über den roten Teppich symbolhaft ein schwarzer Teppich gelegt und man flaggte (am Hôtel de Ville) auf Halbmast. Sie wissen es schon. Gestern Morgen wurden in der katholischen Kirche Notre Dame in Nizza, die an der zentralen Einkaufsstraße Avenue Jean-Médecin liegt (die Buchhandelskette Fnac liegt schräg gegenüber, ein beliebtes Café nebenan), drei Menschen getötet. Enthauptet, erstochen. Der (mutmaßliche) Täter stammt (genauso mutmaßlich) aus dem islamistischen Milieu.

Gestern Abend konnte ich dazu nicht schreiben. Heute auch nicht wirklich.

Hier ein Link zu France 3.

Wir sahen dann einen der Filme, die ich ausgeliehen habe: Costa Gavras Adults in the room. Die Adaptation eines Buches von Yanis Varoufakis. Die Zeit, in der Griechenland versuchte, in Verhandlungen mit den europäischen Staaten, der europäischen Zentralbank etc. einen anderen Weg aus der Krise zu finden. Vergeblich, wie wir wissen. Guter Film, aber auch kein amüsantes Thema. Ich las dann noch ein paar Seiten in Les Grands Espaces. Sehr wohltuend.

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Trübe Aussichten – die zweite Ausgangssperre

Ausgerechnet in dem Moment, wo ich nicht mehr am Schreibtisch angebunden bin und mich gerne ein bisschen freier bewegt hätte, unter Berücksichtigung sämtlicher Hygieneregeln bien sûr und ohne Monsieur irgendwie zu gefährden, ausgerechnet jetzt rutschen wir in unsere zweite feste Ausgangssperre, ab Donnerstag um Mitternacht. Deuxième confinement. Präsident Macron hat es gerade verkündet. Wir haben es geahnt, die Zahlen sind katastrophal. Gut, wir sind weniger nervös, das Klopapier hat beim letzten Mal schon ausgereicht, wir werden es wieder nicht horten, wir horten auch keine Nudeln und kein Mehl. Es gibt Masken, Gel und Tests, wir haben uns ans Abstandhalten gewöhnt und ans Händewaschen und ans keine Küsschen geben. Wir kennen unseren 1-Kilometer-Radius, wir wissen, was wir in einer Stunde erledigen können. Wir haben kein Problem, unseren Ausgangsschein auszufüllen. Wir sind eingespielt. Vielleicht bleibt der Zugang zum Meer offen, das wäre schön. Die Märkte hoffentlich auch. Die Schulen bleiben dieses Mal geöffnet, auch die Crèches, die Senioren in den Altersheimen können (vorsichtig) besucht werden, die Friedhöfe und das Finanzamt auch (haha). Lebensmittelläden bleiben offen, alles andere wird wieder geschlossen: Universitäten, Hotels, Restaurants, die Bars, Klamottenläden, die Kinos …

Bizarrerweise haben wir trotz Sperrstunde und Versammlungsverbot ein Mini-Filmfestival in Cannes dieser Tage. Aber es ist selbst in der Tageszeitung nicht auf der Titelseite gelandet. Es ist sogar für das „grand public“ geöffnet, man hätte sich nur einschreiben müssen. Keine Ahnung, ob da viel läuft.

In Tübingen sind gerade auch französische Filmtage, deutschlandweit online und im Kino. Vielleicht interessiert das die oder den eine(n) von Ihnen. Danke für die Info und den Link an Jasmin R.

Il faut garder le moral heißt es hier. Den Kopf oben behalten. Werden wir sicher, aber ich gebe zu, ich bin ein bisschen müde, auch müde, hier zu tippen. Mal sehen, zu wieviel ich mich hier aufraffen kann. Vielleicht höre ich in den nächsten Wochen ein paar Podcasts, den Veedelspodcast aus Köln habe ich schon lange nicht mehr gehört und dieser hier interessiert mich auch, ich habe ihn über Herrn Buddenbohm gefunden.

Prenez soin de vous, wie es hier heißt. Passen Sie auf sich auf!

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Geschafft!

Das Manuskript ist fertig geworden. Mit nur zwei Monaten Verspätung. Ich danke dem Verlag und meiner Lektorin für Geduld und Unterstützung. Es wird also auch im nächsten Jahr einen Krimi geben. Trotz aller Hindernisse.

Geschafft haben wir auch diesen Sommer, der ein gewisses Maß an Schwere in sich trug. Seit vier Uhr lag ich wach und dachte mir einen trotz allem amüsanten Blogtext darüber aus, aber jetzt merke ich, ich will nicht nicht mehr darüber schreiben. Über gar nichts. Auch und vor allem nicht über diese K-Krankheit. Die mit einer einschneidenden (im wahrsten Sinn) Operation hinter uns liegt. Eine Narbe bleibt. Eine Verletzung.

Wir sind froh, dass wir die OP in dem kleinen Moment hinter uns bringen konnten, in dem die Betten auf der Intensivstation gerade nicht ausschließlich von COVID-Fällen belegt waren. Jetzt sind die Intensivstationen schon wieder komplett mit COVID ausgelastet, stand gestern in der Zeitung und schrieb der Bürgermeister in seiner Rundmail, in der er ganz konkrete Zahlen für den Süden und für Cannes nennt. Sie sind in Cannes (derzeit) dreimal so hoch wie in Deutschland (166/100.000), im französischen Durchschnitt fünfmal so hoch (261/100.000) an manchen Orten geht es durch die Decke (bis zu 800/100.000). Der Bürgermeister ist wieder zu seiner ermutigenden und tröstlichen Grußformel sursum corda zurückgekehrt. Hoch die Herzen! 

Das brauchen wir auch, wir haben ab heute Abend 21 Uhr wieder Ausgangssperre, so wie etwa die Hälfte der französischen Departements. Nur nachts, damit vor allem das Herumhängen in Bars, Restaurants vermieden wird und das Herumknutschen während der Uni-Feten. In meinem Singgrüppchen, dem ich mutig vor kurzem beigetreten bin, um dann nicht hinzugehen, damit ich Monsieur nicht gefährde, wurden vier von acht Personen positiv getestet, nachdem eine Frau krank geworden ist. Ich singe jetzt über Skype.

Wir waren gestern trotzdem im Kino. Irgendwie feiern, das das Schwere hinter uns liegt und es wieder leichter wird. Wir waren seit dem Autokino-Erlebnis im Mai nicht mehr im Kino. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber hier hat sich das Autokino nicht durchgesetzt. Stattdessen gibt es halbleere Kinosäle, Maskenpflicht, Desinfektionsmittel. Man wartet, trotz Regen, draußen und so lange, bis der Saal nach der vorigen Vorstellung wieder durchgelüftet wurde. Dürchlüften ist nicht Französisch, darüber habe ich andernorts schon geschrieben. Durchlüften ist absolut deutsch, man darf also keinen deutschen Anspruch an das französische Lüften haben. Egal. Mit Maske, Gel, und viel Abstand sitzen wir mit etwa zehn anderen (drei Mal Familie mit Kind (es sind Herbstferien) und wir) in einem Saal und sehen Antoinette dans les Cevennes. Auf Deutsch heißt der Film Mein Liebhaber, der Esel & ich. Genau darum geht es. Eine Pariser Grundschullehrerin, die ein Verhältnis mit dem Vater einer ihrer Schülerinnen hat, und der sie wegen eines kurzfristig angesetzten Esel-Wanderurlaubs mit der Familie versetzt, entscheidet sich, die gleiche Wanderung zu machen, um ihren Geliebten dort „ganz zufällig“ zu treffen. Man ist in den Cevennen und auf den Spuren von R.L. Stevenson.  Der Film ist leicht und amüsant und sehr französisch. Ich glaube, nur Franzosen können einen derart „décomplexierten“ Familientauglichen Film über Ehebruch zu machen, in dem auch sonst viel über Liebe, Beziehungen und Sex geredet und gezeigt wird, und den sich Eltern mit Kindern dann genauso décomplexiert ansehen. Auch nach fünfzehn Jahren Frankreich erstaunt mich das.

Aber letztlich ist es wie auch bei den Jakobsweg-Wanderungen, der Weg ist das Ziel und er verändert uns.

So viel für heute. Langsam anfangen. Ein gutes Wochenende Ihnen allen. Bleiben Sie so gesund wie Sie können und passen Sie auf sich auf!

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Die Freiheit des Wortes!

In Frankreich hat vor kurzem der Prozess gegen die Attentäter auf Charlie Hebdo begonnen. In dem Zusammenhang gab es einen erneuten Anschlag vor dem Gebäude, in dem sich damals die Redaktion von Charlie Hebdo befand. Der Attentäter war aber schlecht informiert, die Mitarbeiter von Charlie Hebdo sind umgezogen und arbeiten an einem geheimen Ort. Dies nicht wissend, hielt er zwei Journalisten einer Fernsehproduktionsfirma, die aus dem Haus kamen (oder hineingingen, genau habe ich das gerade nicht gefunden) für Mitarbeiter von Charlie Hebdo und griff sie mit einem Hackbeil an und verletzte sie schwer. Charlie Hebdo, die in diesem Jahr ihre 50 Jahre Existenz feiern, titelten folgendermaßen:

Je suis venu pour couper le gâteau. Ich kam, um den Kuchen anzuschneiden.

Am Freitag wurde der Geschichtslehrer Samuel Paty in einer Kleinstadt nahe Paris auf dem Heimweg von der Schule angegriffen, erstochen und enthauptet. Er hat, wie jedes Jahr, das Thema „Meinungsfreiheit“ und „Toleranz“ als (im Schulkanon angelegten) Schulstoff durchgenommen. Dazu hat er unter anderem die umstrittenen Karikaturen gezeigt. Obwohl er die muslimischen Schüler aufgefordert hat, die Klasse zu verlassen, wenn sie die Karikaturen nicht sehen wollten, beklagte sich eine Schülerin bei ihrem Vater, der in den sozialen Medien gegen den Lehrer hetzte, seinen Namen, Foto, Telefonnummer und die Adresse der Schule veröffentlichte. Ein 18 jähriger Mann fühlte sich berufen, diesem Lehrer den Garaus zu machen.  

Es geht hier nicht darum, noch einmal zu fragen, ob die Karikaturen nicht vielleicht doch geschmacklos und überhaupt unwitzig waren und ob man nicht besser nichts veröffentlichte, was jemanden verletzen könnte. Auch wenn man die schärfste Auto-Zensur anwendet, es wird immer jemanden geben, dem irgendetwas nicht gefällt.

Es geht um Satire. ALLES, Religion, Politik und das Alltagsleben waren und sind stets Thema von Satire. Zu erkennen und zu verstehen, was Satire ist, wird an Schulen gelehrt und gelernt.

Die Satire darf alles! schrieb Kurt Tucholsky, alias Ignaz Wrobel in seinem Text Was darf die Satire? Das war 1919. Sein Text ist immer noch (mehr denn je) aktuell. Und die Satire darf auch nicht gefallen. Und es ist wichtig zu lernen, damit umzugehen. Auch das wird an Schulen gelehrt und gelernt. Auch an deutschen Schulen übrigens.

Schreiben wir weiter, zeichnen wir weiter und verteidigen wir diese Freiheit des Wortes, es kann und wird nicht alles immer allen gefallen. Aber so ist es. Diese Freiheit haben wir auch, die Freiheit nicht einverstanden zu sein.


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Buchmesse 2020

Es gibt doch gar keine Buchmesse dieses Jahr, oder? Doch! Nur etwas anders. Niemand kommt nach Frankfurt (schnüff) aber wir kommen zu Ihnen nach Hause! Virtuell, digital. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat das Herbstprogramm unter dem Titel “Show! Don’t tell!” in zwei Live-Abenden vorgestellt, die im markierten Artikel verlinkt sind und auch weiterhin auf Youtube abgerufen werden können.

Und dann gibt es noch ein paar intimere Autoren- und Autorinnengespräche. Heute Abend zum Beispiel sind wir “Unter uns!” : Vier Autorinnen stellen ihre Bücher vor und erzählen die Geschichten hinter den Geschichten. Stephanie Schuster, Grit Landau, Syd Atlas und Christine Cazon. Moderiert wird die Runde von Shelly Kupferberg. Ab 19 Uhr unter diesem Link!

Schauen Sie rein, es wird bestimmt supernett! Ich freu‘ mich drauf!

kleines ps: Herzlichen Dank, wenn Sie es sich angesehen haben; ich kann nur sagen, Übung macht hoffentlich die Meisterin. Es war das erste Mal, dass ich an einer Zoom-Konferenz teilgenommen habe. Nun ja.

So ähnlich wars. Die Internetleitung war mehrfach zusammengebrochen, mein Bildschirm eingefroren, leider in der Millisekunde, in der ich meine flatternden Augenlider geschlossen hatte, was den Eindruck vermittelt, als sei ich eingeschlafen, während die Kollegin sprach. Ich bekam dann Nachrichten auf dem Bildschirm und via Telefon gesendet, dass „alles gut“ sei, gleich ginge es weiter. Aber man wird doch etwas nervös, wenn mittendrin alles stoppt. Und den prüfenden Blick zum Telefon sieht man in der Folge auch. Ich hätte mir gewünscht, dass man mich schneller aus dem Bild genommen hätte. Überhaupt kam ich mir vor wie bei den ersten Tonfilmaufnahmen: der kleine Tisch, auf den ich mich stützte, knarzte jedesmal so laut, nie hätte ich gedacht, dass man das so überdeutlich hört. Es erinnert mich an eine Filmszene aus The Artist, in dem sich der Stummfilm zum Tonfilm wandelt und die ersten Aufnahmen mit dem Mikro zu einer Katastrophe werden, weil das Mikro überdeutlich das Klirren der Halsketten, mit denen sie Schauspielerin herumspielt, aufnimmt, ihre Stimme aber nur bruchstückweise zu hören ist. Haha. (Leider gibt es diesen Filmausschnitt nicht auf Youtube, hätte ich Ihnen gern gezeigt) Und an einer Stelle kam Monsieur dazu und blieb neugierig stehen (an die Wohnungstür hatte ich ein „Bitte nicht stören“-Schild geklebt, aber nicht an die Wohnzimmertür.) Leider übersehe ich ihn nicht souverän, sondern sende ihm unfreundliche Blicke zu. Herrje. All das sieht man, es ist ein Graus.


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Alles in Ordnung

Lieben Dank für Ihre zahlreichen Anfragen – es geht uns gut, wie sind in Sicherheit, Cannes war diesmal nicht so stark vom Unwetter betroffen (auf den Tag genau vor fünf Jahren hatten wir eine Hochwasser-Katastrophe in Cannes!).

Dieses Mal traf es das Hinterland, die Dörfer in den Tälern mit den Flüssen Vesubie, Tinnée und Roya sind seit gestern Abend Katastrophengebiet.

Alex hieß das Sturmtief, auf das wir uns hier schon am Vortag vorbereitet haben. Am Vortag, als es noch so sonnig und mild war, dass man es nicht glauben wollte, dass da ein Unwetter kommen sollte, war es wirklich nötig, die Schulen schon wieder zu schließen und den Zugverkehr zu unterbrechen? Man konnte es sich nicht vorstellen, so wie es auch heute wieder sonnig und mild ist, als wäre nichts gewesen. Dazwischen fegte einen Nachmittag und eine Nacht lang ein Gewittersturm alles durcheinander und es fiel mancherorts in einer Nacht so viel Regen, wie manchmal in einem Jahr. 

Die Flüsse schwollen an, rissen die Uferböschungen mit, entwurzelten Bäume, Strommasten, unterhöhlten Straßen und Brücken, die vielerorts wegbrachen. Häuser, die an Hängen oder in Flussnähe standen, brachen zusammen. Eine Tankstelle wurde weggeschwemmt. Ein altes Ehepaar, das sich auf das Dach seines Hauses gerettet hatte, versank mit dem zusammenbrechenden Haus in den Fluten. Auch Feuerwehrleute sind ertrunken, weil ihr Auto davongespült wurde. Die Zahlen der Toten und Vermissten schwanken zwischen acht und zwölf.

Der Var war gestern ein sich dahinwälzendes braunes Ungeheuer, der nur knapp davor gewesen war in Nizza über die Ufer zu treten; man hat dort vor zwanzig Jahren, nach dem sogenannten Jahrhunderthochwasser, kilometerlange Dämme gebaut. Man sieht sie, wenn man auf dem Weg zum Flughafen ist und findet es an 360 Tagen im Jahr lächerlich, für dieses Rinnsal so eine Anlage konstruiert zu haben, an den Tagen aber, wo es sintflutartig regnet, ist man dankbar für die Voraussicht. Aber es stand gestern nur Oberkante Flussbett. Gegen zwei Uhr morgens hörte es dann auf zu regnen.

(Foto: Le fleuve Var, le 2 octobre 2020 • © France Télévisions / Jean-Bernard Vitiello)

Viele Dörfer sind noch abgeschnitten, ohne Strom, Internet und Telefon: Tende, St. Martin Vesubie, Breil sur Roya, Isola. Erst heute konnten Hubschrauber dorthin gelangen – bei dem Sturm gestern konnten sie nicht fliegen und die Rettungsfahrzeuge kamen wegen der verschütteten Straßen nicht durch.

An der Küste (Nizza, Cannes, Antibes) Unwetter as usual: verschlammte und gesperrte Uferstraßen, Strände voller Unrat, der aus den Tälern mitgerissen wurde (unter anderem fand man ein Wanderwegschild aus den Bergen!) ein paar vollgelaufene Keller, beschädigte Autos, heruntergefallene Dachziegel, entwurzelte Bäume, abgerissene Äste und Palmwedel. 

Ich habe bei France 3 dieses beeindruckende Video mit Luftaufnahmen aus dem Hinterland gefunden, und man sieht unter anderem, wie der braune Var (mit allen Zuflüssen) sich ins Meer ergießt.


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Am Meer …

wimmelte es heute von Quallen, im Wasser und am Strand. Hunderte. Ich war also nicht schwimmen am letzten Tag vor dem großen Unwetter, das für morgen angekündigt wird. Alarmstufe Orange im ohnehin Corona-Risiko-Roten Südfrankreich. Bleiben Sie zu Hause heißt es. Schule fällt auch vorsorglich aus.

Ich hätte ganz viel zu erzählen, von dem, was alles so los war im September, es war nämlich viel los, und deswegen habe ich noch immer ein unfertiges Krimimanuskript auf dem Schreibtisch und bevor ich das nicht fertig habe, gibts hier nichts zu lesen. Erst die Arbeit und dann, Sie kennen den Film von Detlef Buck vielleicht noch.

Etwas kriegen Sie aber, tut mir leid, dass ich so ein bisschen Werbung für mich selbst mache, aber ich freue mich so über die Besprechung in der Riviera Zeit. Merci an Elwira Otto. (Um die Besprechung zu lesen, müssen Sie den unterstrichenen Link anklicken, das Foto ist nur ein Screenshot.)

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Equinoxe

Tagundnachtgleiche. Der Herbstanfang kam hier mit gewaltigen Gewittern und viel Wasser. In den Nachbardepartements ist schon wieder vielerorten landunter. In Cannes geht zwar derzeit mehrfach am Tag und in mancher Nacht die Welt unter, es kracht und blitzt, der Himmel ist noirâtre, und es schüttet aus Kübeln, aber es kann innerhalb kürzester Zeit wieder sonnig und blauhimmelig werden. Das Meer heute Abend war spiegelglatt.

Der Dreimaster Belem hat heute sein Winterquartier in Cannes genommen und im Port Canto geankert. Man kann das Schiff nach Voranmeldung besichtigen, es gab vor Corona sogar die Möglichkeit, mit dem Schiff als Passagier unterwegs zu sein, derzeit aber ist das alles gestrichen. Hier wird überhaupt gerade ganz viel gestrichen. Corona geht wieder um.

Ich habe den Dreimaster immerhin begrüßt (es regnete gerade nicht) und musste danach dringend noch ein paar Fotos von Meer und Himmel am Strand von Palm Beach machen. Ganz viele Menschen kommen da abends, um den Sonnenuntergang anzusehen. Alte und Junge, draußen oder im Auto sitzend, Tabak oder süßliche Kräuter rauchend, Musik hörend oder (vergeblich) Stille suchend. Ich blieb nicht bis zum Sommenuntargang. Es war trotzdem schön.

Zwei Möwen stritten sich mit einem jungen vorwitzigen Kormoran, der anscheinend unbekümmert ihr Hoheitsgebiet verletzte und sich elegant tauchend und mal hier, mal da den Kopf heraustreckend, dem Strand näherte, wo die Möwen standen und schimpften. Der freche Kormoran aber vergnügte sich im flachen Wasser in Ufernähe, provozierte geradezu, dass man auf ihn einhackt, tauchte aber jedes Mal zack weg, wenn eine Möwe auf ihn zuschoss. Nur, um ein Stückchen weiter wieder aufzutauchen: Coucou, hier bin ich! So zogen sie den ganzen Strandabschnitt entlang, die beiden Möwen wackelten wachsam und schimpfend zu Fuß, während der Kormoran sich parallel im Wasser amüsierte.

Ich weiß nicht, wie es ausging.


ps: nein, keine echte Blog-rentrée, noch nicht. Nur ein Lebenszeichen.

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Von Lesefreuden und Glückssuche

Heute früh flatterte mir diese schöne, große und persönliche Besprechung via Internet ins Haus! Zunächst blieb mir kurz das Herz stehen, die Rezensentin Monika Fritsch begann ihren Blogtext nämlich folgendermaßen:

“Ich habe überhaupt keine Lust, Bücher über die Befindlichkeiten von irgendwelchen Menschen zu lesen. So tragisch und rührend persönliche Schicksale sein können – es interessiert mich schlicht nicht. Ich will den Menschen in aller Regel gar nicht so nah kommen. Klar, ich habe die Tagebücher von Captain Cook gelesen und die Autobiografien von Malala Yousafzai und Wolfgang Niedecken, auch Bücher von anderen interessanten Menschen und Autoren. Aber bitte keine Gefühlsduselei.”

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Monika Fritsch, die für das Französische Fremdenverkehrsamt Atout France arbeitet, mein Buch überhaupt liest. Allenfalls wird sie es zur Kenntnis nehmen, dachte ich, sie wird es im Hinterkopf behalten, für den Moment, wo Sie diese Info vielleicht gebrauchen kann. Aber sie hat es gelesen, obwohl sie “Gefühlsduseleien” nicht mag. Zweimal sei sie beim Lesen fast vom Stuhl gekippt, schreibt sie. Wenn Sie wissen wollen warum, und wenn Sie die ganze Rezension lesen möchten, dann klicken sie hier!

Herzlichen Dank Monika Fritsch !

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