Flohmarkt

Am bisher heißesten Tag des Jahres …

Flohmarkt

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La canicule und Gedankenmäander

Emiliedie Enkelin, entspannt, nach der Schwimmgala

Nein, keine kühlen Bilder aus den Bergen, ich sitze und schwitze seit einer Woche in Cannes. Es ist la canicule. Eine Hitzewelle. Der heißeste Juni seit wann auch immer. Hat nicht nur Südfrankreich erwischt, und selbst Teile Deutschlands scheinen betroffen, wie ich höre. Familiäre (s. o.) und andere Verpflichtungen haben mich aus der Bergwelt in das feuchtheiße Klima an der Küste geholt. Schon eine Woche lang schwitze ich und ächze  und jammere und bin aggressiv, ich kann ja alles jenseits von 25°C nicht mehr so richtig gut aushalten und hier dauert dieses Wetter ja unendliche drei Monate, ohne jedes abkühlende Gewitter. Schwimmen im Meer gehe ich jetzt morgens um Sieben. Die Kühle hält dann einen kleinen Moment an, vorausgesetzt, man geht vor Acht wieder aus der Sonne. Danach sitzt man leicht bekleidet in abgedunkelten Wohnungen, trinkt viel (wir werden via Radio und Fernsehen ständig ermahnt, auch ja zu trinken, ich hingegen muss Monsieur ermahnen, dass er nicht alle Flüssigkeit ausschließlich in Form von Kaffee und Rosé zu sich nimmt), bewegt sich hingegen möglichst wenig und öffnet und schließt die Fenster- und die Fensterläden der Sonne folgend, bis dass man gegen 23 Uhr alles aufreißt, in der Hoffnung auf ein Lüftchen, das nicht kommen will. Was kommt sind die Schnaken und morgens um Drei ein Auto, das in unsere Gartenmauer rast. Die Nächte sind, mal abgesehen von der Luft, animé, wie man hier sagt: bewegt. Und laut. Sehr laut. Jeden Tag denke ich, dass ich über die Stille schreiben muss. Es ist mein Thema. Der Lärm, meine Lärmempfindlichkeit, das Bedürfnis nach Stille. Überhaupt würde ich gern sooo viel sagen. Aber ich muss ja anderes schreiben, weshalb so vieles an dieser Stelle nicht geschrieben wird. Über das, was ich am Strand finde zum Beispiel. Letztes Jahr sammelte ich Blau, darunter waren viele Mosaiksteinchen eines vermutlich abgesoffenen Schwimmbads, dieses Jahr Weiß. Rot gibt es tatsächlich ganz selten. Ich habe einmal eine schöne, rundgewaschene und knallrote Scherbe gefunden, da sie aber immer alleine blieb, flog sie irgendwann wieder weg. Hätte ich nicht tun sollen, aber da wusste ich noch nicht wie wertvoll vor allem rote Scherben sind (via Buddenbohm, denken Sie sich schon).

weiße Scherben römisch? drei Farben Blau Fundsachen Blau

Bei Buddenbohm fand ich auch den Text, dass er seine Jungs jetzt zum Einkaufen schickt, damit sie Rechnen lernen und überhaupt. Beim Lesen erinnerte ich mich plötzlich an früher und an eine Nachbarsfamilie A., an den stark sächselnden Dialekt von Herrn und Frau A., an den Vornamen des Sohnes: Michael, der auch, aus ähnlichen Gründen, schon in den späten Sechziger Jahren (mithilfe der Werbezettel im Briefkasten) zum Einkaufen geschickt wurde, und: ich war soooo neidisch! Ich hätte das auch so gerne gemacht, aber ich durfte nicht! Nur, weil ich noch nicht rechnen konnte, ph! Ich kann heute noch nicht rechnen, wenn wir es genau nehmen wollen. Einmal bat mich die Tochter (im Grundschulalter) einer Freundin darum, ihr zu Übungszwecken Rechenaufgaben zu stellen, mehr und immer mehr wollte sie, und immer „schwerer“ sollten sie werden; das war für mich schwieriger als für sie. Ich staunte, dass man Spaß haben konnte 47-18 rechnen zu wollen. Dsykalkulie. Dass ich weiß, dass und warum ich nicht rechnen kann, verdanke ich einem frühen Text bei Smilla (und den weiterführenden Links), die gerade wundervolle Fotos von Istanbul zeigt.

Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen, denn als ich eben schrieb, Herr Buddenbohm schicke seine Kinder zum Einkaufen, hätte ich beinahe „zum Bier holen“ geschrieben. Das ist aber eine andere Geschichte, die von Werkmeister Scheel nämlich, der im Untergeschoss der Phil-Fak an der Uni Mainz für die Buchwissenschaftler eine kleine Druckerei sehr selbstherrlich führte (unter anderem hielt er beharrlich seine Frühschicht ein, und wer was von ihm wollte, und selbst wenn es der Institutsleiter war, der musste schon frühmorgens zu ihm in die Druckerei kommen), und uns, dort Praktikum machende Studis, morgens gleichmal zum Bier und Fleischwurst holen schickte, damit wir die richtige Arbeitswelt kennenlernen. Und dann gabs ausgiebiges Vesper, und wenn Werkmeister Scheel seine erste Flasche Bier abgekippt hatte, wurden seine Hände wieder ganz ruhig, und er konnte auch den fitzeligsten Viertelgeviertstrich in unseren Handsatz einfügen. Daran musste ich denken, an die Welt von Werkmeister Scheel nämlich, an die Kondome, die dort an der Pinnwand hingen und wie unwohl ich mich dort gefühlt habe. Einerseits solidarisch, denn mein Vater arbeitete auch in einer Druckerei, ich kannte also den Geruch von Farbe und Lösungsmitteln, den Lärm der Druckmaschinen, die Arbeits- und Männerwelt der Drucker und deren Spinde, die mit irgendwelchen Busenwundern vollgeklebt waren. Andererseits snobistisch, denn ich war Studentin, und Kondome an der Pinnwand und Bier und Fleischwurst zum Frühstück waren nicht meine Welt. Wie gut kennen wir Menschen jenseits unserer „Filterblase“, wie das heutzutage heißt?! Kennen wir sie überhaupt? Reden wir mit ihnen? Also so richtig? Interessieren wir uns wirklich für ihr Leben, für ihre Sorgen? Verstehen wir sie? Können wir sie überhaupt verstehen? Ein Chefredakteur nimmt an einem Gesprächs- und Streitexperiment mit Menschen jenseits seiner „Filterblase“ teil, das ist nett, aber trotz der ironisch-reißerischen Überschrift („Sie glauben nicht, was dann geschah“) geschieht nicht viel. Viel geschieht hingegen bei Henning Sußebach, der durch Deutschland wandert. Bis zum Schluss kein falscher Ton. Habe ich gerne gelesen.

Und auch wenn es nachgemacht aussieht (Musik am Ende des Beitrags meine ich), ich will schon lange dieses Lied veröffentlichen, und in einer halben Stunde ist immerhin Johannistag, la fête de Saint Jean.

Zuerst habe ich es aber in dieser Version gehört

und auch das brachte etwas in meinem Kopf zum Klingen – das habe ich doch schon auf Deutsch gehört, dachte ich – ich suchte und suchte und ich glaube, es ist ein Song von Element of Crime. Erst dachte ich, es ist „Weißes Papier“ und dann „Draußen hinterm Fenster“ und je länger ich die CD höre, desto weniger denke ich, es ist „nur“ ein Lied, sondern es ist vielleicht die Stimmung auf der CD „Weißes Papier“?! Was meinen Sie? Sind Element of Crime Kenner unter uns?

Nachtrag: Dank Herrn B. haben wirs wohl gefunden: „Kaffee und Karin“ merci dafür! – wird daher hier zusätzlich verlinkt,

und auch wenn der Text damit am Ende etwas EoC-lastig wird, bekommen Sie noch gratis ein ganzes Konzert dazu :D Und eine Widmung gibts für Arne P. aus HH, der mir EoC kurz vor Ende des letzten Jahrhunderts auf die Ohren gab!

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Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung

Vor Sonnenaufgang …

vor Sonnenaufgang

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Gerade ist die Sonne über die Berge gekommen und es wird hell, die Schafe blöken und bimmeln schon eine Weile, die Vögel zwitschern sogar schon seit Stunden. Gestern dachte ich, ich müsse mal das Wortfeld „summen“ erstellen. All diese Insekten, die hier durch die Gegend surren und sirren und zirpen und brummen und summen, mir fehlt es da wirklich an adäquaten Worten für diese kleinen Geräusche der Stille. Die Stille ist ganz schön laut, wenn man mal hinhört, schon allein dieses durchdringende Vogelgezwitscher frühmorgens.

Sonne

Cime de pal

Und die pfeifenden Murmeltiere abends. Neulich schrie eines so lange, bis ich dachte, ich muss mal schauen, was dort passiert, vielleicht kreist ein Adler. Aber ich zumindest sah keine direkte Gefahr, die das Murmeltier veranlasste, so ausdauernd schrill zu pfeifen.

Wege

Suchbild mit Murmeltier …Murmeltier(in der Mitte über dem Geröllhaufen; näher kam ich nicht ran mit dem Zoom)

Ich bin in den Bergen. Es ist alles wie immer. Lange kein Internet, Ärger mit der Telekom und stundenlanges Telefonieren mit irgendwelchen Technikern, vergebliche Versuche, die defekte Livebox auszutauschen, wozu ich jedes Mal drei Stunden in der Gegend herumfahren muss, aber die neue Box wurde nie geliefert. Aber dann hatten die Götter ein Einsehen und wir wissen nicht warum, eines Morgens war das nervöse rote Geblinke der angeblich defekten Livebox weg und es strahlte mich dieses durchgehende kleine hellgrüne Lichtlein an. Es ward Internet! Wir danken wem auch immer dafür. Ich habe zumindest der Heiligen Anne, der Schutzheiligen hier oben, frische Blumen gepflückt.

Seitdem ist die Welt wieder näher gerückt, mit den Attentaten und den Parlamentswahlen, ich fand es tatsächlich wunderbar erholsam, das alles gar nicht mitbekommen zu haben. Mein kleines Leben hier oben mit Holz holen und Unkraut herausreißen und Wiese mähen und wilden Spinat sammeln und daraus eine Tarte herstellen und mit der Nachbarin Brot backen – ich finde es zutiefst wohltuend, erdend und sinnstiftend.

wilder Spinatwilder Spinat (wächst hier, dank der Schafe, wie blöd): Chénopode Bon-Henri

Spinattarte

bon appetit

Dinkelbrotpetit épeautre ist Dinkel Einkorn (danke Regina!)

fünfzehn StundenBrot backen ist eine langwierige Angelegenheit, insgesamt dauerte es 15 Stunden, plus eine Stunde backen – dank der Nachbarin gab es schon angesetzten Sauerteig

leckermein erstes selbst gebackenes Dinkel-Sauerteig-Brot – es ist sooo köstlich, ich will nie wieder etwas anderes!

Den Rest will ich gar nicht wissen. Ach so, schreiben tue ich noch. Das ist ja der eigentliche Sinn meines Bergaufenthalts. Ungestörtes Schreiben. So ungestört ist man hier ja aber dann doch nicht. Von wegen Einsamkeit. Alle Wanderer der Welt kommen hier vorbei und plaudern, gestern nächtigten einige nebenan unter freiem Himmel, wie schön ist die Natur, aber das Smartphone durfte ich ihnen dann doch aufladen. Man wandert ja nicht mehr mit Karte.

Als ich hier oben ankam, hatten manche Bäume noch keine Blätter und auf den Wiesen blühten noch die Schlüsselblümchen und kleine Vergissmeinnicht. Dann regnete es tagelang und es war eher frisch, ich saß morgens mit Wärmflasche am Holztisch und trank meinen Kaffee. Abends machte ich Feuer im Kamin. Dann explodierte der Frühling und die Bäume bekamen Blätter, und die Wiesen wurden bunt und wuchsen, wie überhaupt alles Kraut und Unkraut, quasi über Nacht kniehoch, an manchen Stellen in unserem Garten wuchs es hüfthoch, und ich mähte Schneisen hinein, denn die Enkelkinder von Monsieur haben das letzte Mal, als sie hier waren, Salat und anderes gepflanzt, das soll ich doch bitte gießen.

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K800_DSC02772Wiesensalbei (salvia pratensis)

Wiese

Um aber überhaupt ans untere Grundstücksende zu kommen, musste ich mir erstmal Wege schaffen. Der Salat war natürlich noch winzig klein, teilweise aber schon vom Hirsch weggefressen und der Rest zugewuchert. Gießen allein tat es also nicht. Aber jetzt wachsen die Salatpflänzchen brav (wir werden demnächst eine Salatschwemme haben), anders als die Erdbeeren, die Himbeeren und der Mangold, die ich zwar auch vom Unkraut befreit habe und allabendlich gieße, die aber insgesamt eher schwächeln. Die Johannisbeerernte sieht auch mager aus für dieses Jahr, und nur an den drei kleinen neuen Kirschbäumen hängen erstmals vier bis fünf noch grüne Kirschen.

im Garten

SalatSalat (hirschgeschützt)

Iris

Lilie

Kirschen

Schafe habe ich noch nicht dokumentiert dieses Jahr, dafür verweise ich Sie auf den wundervollen Artikel von Friederike vom Landlebenblog, und wenn Sie wissen wollen, was das Spazierengehen im Grünen so mit einem macht, den Kopf nämlich nicht frei sondern voll, dann lesen Sie mal beim neuen Burgenblogger rein. Ich folge den unterschiedlichen Damen und Herren auf der Burg Sooneck (und den Problemen am Mittelrhein) schon seit drei Jahren, den diesjährigen Burgenblogger (und seine Schreibe) mag ich besonders gern.

Stuhl

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Korsika – dritter Teil: C’est beau la Corse!

Cargèse. Cargèse sei ein pittoreskes Fischerdörfchen, sagt die offizielle Seite des Office de Tourisme, und der Ort sei „geprägt“ von der griechischen Ansiedlung, die es im 17. Jahrhundert gegeben habe. Es gibt auch noch immer eine griechisch-orthodoxe Gemeinde neben der katholischen, die zur Zeit (laut meinem Reiseführer) beide vom gleichen Pfarrer (in zwei Kirchen) betreut werden. Gelebte Toleranz ist also möglich in Cargèse, das in der heutigen Zeit viel mehr von einer anderen Geschichte „geprägt“ ist: ich verlinke nur mal einen Artikel aus einer französischen Zeitung oder diesen aus der NZZ. Ein Dorf hüllt sich in Schweigen. Dass man in Korsika über vieles nicht offen oder auch gleich gar nicht sprechen kann, macht den dunklen Teil dieser sagenhaft schönen Insel aus. Wenn manK800_DSC02561 K800_DSC02243einmal den Blick „dafür“ hat, dann sieht man Straßenschilder bei denen der französische Name der Städte geschwärzt oder gar zerschossen ist mit anderen Augen, ebenso die verklausulierten und nur manchmal übermalten Inschriften an Wänden: IFF oder IAF „I Francesi fora“ oder wahlweise „I Arabi fora“:  Franzosen raus oder Araber raus. Es gibt aber auch noch „direktere“ Graffiti, ich habe sie nicht fotografiert.

Ach,  das sei gar nichts, sagen die, die schon vierzig Jahre oder länger dort leben, früher hätten sie wirklich Angst gehabt, heute würden sie eben nur manche Orte meiden, Cargèse zum Beispiel, und dann erzählten sie mir Geschichten von früher und danach konnte ich nicht mehr schlafen.

Und dabei ist es dort so schön.

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Mit dem Wind kamen blaue Segelquallen – sie kommen jedes Jahr um diese Zeit angeschwemmt, sagte man uns, sie verblassen an der Luft und verwesen – es riecht zwei, drei Tage etwas fischig, dann ist alles vorbei.

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Es blüht am Strand.

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Möwenmahlzeit.

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Von dort machten wir einen kleinen Ausflug in die Berge.

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Außerhalb der Dörfer laufen dort Kühe auf den kurvigen Bergstraßen einfach so herum, manchmal sieht man vorher Kuhfladen auf der Straße, das ist ein deutliches Zeichen und man fährt dann besser langsam, manchmal kommen auch die Kühe zuerst, manchmal sind es auch schwarze Schweine oder Ziegen.

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Suchbild mit Ziege.

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Gut, dass ich schon so viel Bergstraßenerfahrung habe, aber es gab immer wieder Begegnungen mit Reisebussen, da ging es minutenlang nur Millimeterweise voran und aneinander vorbei. Und das außerhalb der Saison, ich möchte gar nicht wissen, wie das im Sommer ist.

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Wir fuhren runter nach Porto. Ist aber schöner von oben, finde ich.

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Von dort ging es wieder bergauf durch die „Calanches“, eine bizarr geformte Felslandschaft, und genau wie von der Küste in Propriano gelang mir kein einziges Foto, von den Felsen, die aussehen wie Hunde, Dinosaurier und was weiß ich.

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Am nächsten Tag ging es in aller Frühe zurück nach Ajaccio. Auf dem Markt kauften wir schnell noch Käse, Honig und Figatelli, und dann gings schon auf die Fähre.

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Korsika hat mich wirklich umgehauen mit seiner Schönheit, und ich bin ja wirklich schon verwöhnt. Ich hätte nicht geglaubt, dass mich eine Gegend so beeindrucken könnte. Korsika ist etwa so wie die Côte d’Azur oder der Var UND gleichzeitig das Hinterland, lieblich und rau, und alles liegt so dicht beieinander: traumhafte Strände, eindrucksvolle Berge (die Berge gehen bis an den Strand), viel Natur, verschlafene Bergdörfer, quirlige Städte. Ich komme bestimmt wieder. Den Norden muss ich ja auch noch anschauen. C’est beau la Corse!

Zurück von Korsika wollte ich mehr wissen und begann zu lesen:

lenquete corse „L’enquete corse“ ist eine amüsante BD (bande dessinée/ein Comic), angeblich voller Klischees, die aber in Wirklichkeit gar keine Klischees sind; wurde mit Jean Reno und Christian Clavier unter dem gleichnamigen Titel auch verfilmt; Kenner der Szene finden den Film „leichter“ als die BD.

Ich habe außerdem angefangen, Jerôme Ferrari zu lesen, der eine Korsika Trilogie verfasst hat;** es ging mir mit dem Text ein bisschen so wie früher mit französischen Filmen: ich sah sie auf Französisch, verstand nicht alles und sah sie mir daher auf Deutsch an, und die deutsche Synchronisation passte dann irgendwie nicht mehr. Außerdem wurde das, was ich im Französischen nicht verstanden habe, im Deutschen nicht mal übernommen oder völlig anders ausgedrückt. Die Lösung ist also, die französischen Filme einfach so oft anzuschauen, bis ich sie verstehe (oder weiterhin und wie in meinem ganzen französischen Leben mit einer gewissen Ungewissheit zu leben) –

Ferraris Texte schienen mir zu kompliziert, zu gewaltig die Sprache, zu lang die Sätze, also habe ich mir die deutsche Ausgabe von Balco Atlantico und die Predigt auf den Untergang Roms (Sermon sur la chute de Rom) bestellt und : die deutsche Übersetzung, obwohl sicher ausgezeichnet (sagen zumindest alle) kommt mir unpassend vor. Irgendwas legt sich da quer. Ich lese jetzt also doch wieder auf Französisch, so lange bis ich es verstehe, auch wenn es (mir so zu) langsam geht. Es beruhigt mich, dass manch ein Leser das auch mit der deutschen Ausgabe erlebt – das Langsamlesen müssen.

** die französische Ausgabe ist übrigens beim Verlag Actes Sud in Arles erschienen; die Verlegerin ist jetzt unsere Kulturministerin geworden (Danke für den Link an Marion!)

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Zwischendurch aus Cannes

Es gäbe so viel zu schreiben, über unseren neuen Präsidenten und seine Minister (unter uns, der junge Präsident macht seine Sache gar nicht schlecht bisher, nur die Politiker, die sich nicht daran gewöhnen können, dass rechte und linke Politiker freiwillig zusammenarbeiten wollen, maulen und schmollen jeweils in ihrer rechten und linken Ecke).

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Dann ist hier wieder Filmfestival, das 70. sogar, und es geht einfach so an mir vorüber, dabei wollte ich wenigstens die knallroten Plakate fotografiert haben, über die im Vorfeld polemisiert wurde, weil man die darauf abgebildete 21 jährige Claudia Cardinale mit Photoshop bearbeitet hat: sie war nicht dünn genug für heutige Verhältnisse!

Cannes 2017Wie dünn man sein muss, zeigt ein anderes Plakat, da könnte ich heulen, aber immerhin ist Agnes Jaoui in all ihrer Rundlichkeit Teil der Jury und sehr sichtbar!

Claudia Cardinale aber, um das auch zu sagen, fühlt sich nur geehrt, dass man sie für das Plakat gewählt hat und findet die „künstlerische“ Bearbeitung nicht weiter tragisch, sie sei vorgenommen worden, um die „Leichtigkeit des Tanzes“ zu betonen. Da würde Journelle vermutlich toben, die neulich ein süßes Ballettfoto von sich unter dem Hashtag #fatballerina veröffentlicht hat. Das Foto gibts auf Facebook und vielleicht auch anderswo, ich wollte es nicht einfach so rüberziehen.

Das wissen Sie vielleicht alles auch schon, ich bin ein bisschen zu spät, man kommt zu nichts, der Schreibtisch explodiert und das Leben will ja auch noch aktiv gelebt werden. Wobei so viel gar nicht passiert, das frühe Aufstehen zehrt, die Allergie auch (es ist die Katze! Katastrophe!) und wenn ich nach drei Wochen Abstinenz wieder schwimmen gehe, macht mich das für den Rest des Tages so unendlich müde, es ist wirklich ein Elend. Nicht lustig in diesem Jahr, diese drei A’s: Aufstehen, Allergie, Älterwerden.

In ein paar Tagen geht es mit der Autorin zum Schreib-Retreat in die Berge, es wird vermutlich eine Internetlose Zeit, so ganz ist das noch nicht klar. Insofern bleiben mir nur wenige Tage, um den Korsika-Reisebericht fertig zu machen und dann wird es, wie so oft im Sommer, hier wieder etwas ruhiger. Sie verstehen das und bleiben mir dennoch gewogen, hoffe ich.

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Korsika – la suite

Es blieb bedeckt und regnerisch in Ajaccio.  Blick aus unserem Fenster im sechsten Stock (kein Aufzug!) des Hauses ganz nah am Strand und an der Zitadelle.

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Nicht schlimm, nach einem kleinen Frühstück am Hafen mit einer nahrhaften Ambrucciata (ein süßes Stückchen auf Brocciu-Basis; der korsische Schafs-Frischkäse begegnet einem in sämtlichen salzigen und süßen Speisen) das wir vorher auf dem Markt gekauft haben  …

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besichtigten wir als erstes das Geburtshaus von Napoleón Bonaparte. Nett gemacht, erinnerte mich ein bisschen an Goethes Haus in Weimar, es gab einen guten Audioguide, aber es blieb nichts hängen, leider, schon im Souvenirshop verwechselte ich die Gattin Napoléons mit seiner Schwester und Napoéon I mit Napoléon III.  Die gesamte Familie ist auf jeden Fall in Ajaccio stets präsent.

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Ha! Ein In-door-décrottoir

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Spaziergang durch die Stadt bis zum Denkmal von Napoléon I

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Später Besichtigung der Kathedrale (hier wurde Bonaparte getauft), dem Musée Fesch (Sammlung der Gemälde, die die Bonapartes anderswo „mitgenommen“ haben), am nettesten fand ich die korsische Malerei im Untergeschoss –

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und noch schnell den Lesesaal in der Stadtbibliothek angesehen. Napoléon ist natürlich auch hier.

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Dann etwas ausruhen, natürlich im Grand Café Napoléon am Cours Napoléon (man beachte das „N“ auf dem Stuhlkissen) bei Orezza (korsisches Mineralwasser) und Pietra (korsisches Bier).

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Nach einem sehr feinen Menü in einem kleinen Restaurant (Geheimtipp!) ging der Tag zu Ende. Am nächsten Tag ist der Himmel blau, aber es ist ziemlich windig.

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Wir frühstücken trotzdem am Hafen mit einem weiteren Freund Monsieurs, dann weiter zu dessen Gattin, die uns zu einem zweiten Kaffee erwartet – direkt an der Route des Sanguinaires, die am Meer entlang bis zu einem Naturschutzgebiet führt, an dessen Spitze mal wieder ein Genueserturm steht, und von wo man einen tollen Blick auf die vier Iles Sanguinaires haben soll. Es hat aber so dermaßen gestürmt, dass wir den Aufstieg zum Turm abgebrochen haben.

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Dann ging es weiter nach Cargèse …                               wird fortgesetzt

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Korsika

Jetzt aber. Ich erspare Ihnen (und mir) für einen Moment die Politik und widme mich unserem jüngst vergangenen Ausflug. Urlaub wäre zu viel gesagt. Sechs Tage waren es nur. Aber sie waren intensiv und vollgepackt. Monsieur war als junger Mann vor vielen Jahren mit seiner kleinen Familie in den Süden Korsikas gezogen und hat dort in einem kleinen Bergdorf gearbeitet, es wurde ein zweites Kind dort geboren, es war eine bewegte Zeit, und die Familie hat Korsika vor gut zwanzig Jahren wieder verlassen. Monsieur wollte Orte von „früher“ aufsuchen und Freunde wiedersehen und mir gleichzeitig „sein“ Korsika zeigen: den Süden dieses Mal.

Sonnenaufgang Port Vecchio

Wir haben die Fähre abends ab Nizza genommen und kamen kurz vor Sonnenaufgang in Porto Vecchio an. Porto Vecchio lag noch vollkommen im Tiefschlaf, so dass wir, nach einem Frühstück am Hafen, im einzigen (und vermutlich extra wegen der Fähre) geöffneten Café, schnell nach Bonifacio weitergefahren sind. Bonifacio ist diese Stadt, die auf den ausgewaschenen hellen Kalkfelsen liegt. Wir waren schon kurz nach 7 Uhr dort, die Stadt war auch noch recht schläfrig, ein paar Marktstände wurden gerade aufgebaut, ein paar Läden wurden beliefert, und nur wir schlenderten alleine durch die erwachende Oberstadt. Alleine ist man hier wohl selten, zu spektakulär ist der Ort, insofern genossen wir, die Stadt für uns zu haben, wenn auch zu so früher Stunde noch nichts besichtigt werden konnte.

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Auch die lange Treppe entlang der Klippen war noch gesperrt. Aber wir standen am äußersten Zipfel der Altstadt, direkt über den Klippen, und hatten auch so schöne Blicke.

Blick

Klippen

Blick nach unten

mit Möwe

Und dann gingen wir zum Friedhof.

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Und dahinter ging es auch noch weiter.

Leuchtturm

Als die Parkplätze sich zu füllen begannen, fuhren wir schon weiter Richtung Propriano. Museum Prehistoire Aber zunächst machten wir Halt in Sartène, um ein Prähistorisches Museum zu besuchen, das es zu Monsieurs Zeit noch nicht gab. In dieser Ecke Korsikas gibt es nämlich jede Menge Dolmen und Menhire, und tatsächlich hätte ich danach gerne wenigstens eine der Stätten Cauria oder Filitosa besucht, aber dafür hatten wir nicht genug Zeit, das müssen wir dann beim nächsten Mal machen. Wir aßen in Propriano am Hafen zu Mittag, plauderten mit Monsieurs ehemaligen Berufskollegen und fuhren zum Schwimmen nach Campomoro, ein im Sommer wohl ebenso sehr beliebter Ort, aber wir waren, so früh im Jahr, fast alleine in der schönen Bucht, und wir schwammen in glasklarem Wasser mit Blick auf schneebedeckte Berge. Ziemlich grandios.

Campomoro

Campomoro

In Campomoro gibt es, wie fast überall auf Korsika, einen der runden Genuesertürme,  Befestigungstürme, aus der Zeit, als die Insel zum Königreich Genua gehörte: siehe auf dem Foto unten links. Man kann da auch hinwandern. Haben wir nicht gemacht, aber Hilke Maunder, die letztes Jahr ganz Korsika bereist hat, und deren Beiträge ich vorbereitend gern gelesen habe, hat die Wanderung unternommen.

Campomoro

Abends gabs Essen und aufwühlende Gespräche bei Freunden. Am nächsten Morgen nahm uns der Freund mit aufs Wasser, es war bedeckt, aber wir machten trotzdem mit seinem Boot eine schöne Küstentour entlang der bizarren Felsformationen, die sich sekündlich in andere Gestalten verwandeln, das glaubt  man zumindest, und von denen ich zwar gefühlt tausend Fotos gemacht habe, keines davon aber gelungen finde. Das Meer war spiegelglatt, man hätte meinen können, wir machten eine Tour auf einem Bergsee.

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Danach fuhren wir in das Bergdorf, in dem Monsieur gewirkt hatte und machten Überraschungsbesuche. Mir ist so etwas immer schrecklich unangenehm, aber Monsieur, ganz Franzose, hat kein Problem zur besten Essenszeit „Coucou, c’est nous!“ zu rufen und tatsächlich rufen die Menschen begeistert zurück „Oh! Das ist ja Monsieur! Was für eine Überraschung! Kommt esst mit uns …“, und wir bekommen Stühle und Teller hingeschoben und Essen aufgetischt und man fragt „wie lange ist es her?“ und erinnert sich, und wie hat sich die Straße verändert, früher war hier ein Feldweg, sogar ich erinnere mich, auf einem Foto eins der damals kleinen Kinder auf einem Esel reitend gesehen zu haben, und jetzt ist hier eine zweispurige Straße und ja, manches ändert sich auch hier,  und man fragt gegenseitig nach X und nach Y und Z, und Z ist gestorben, ach ja. Und die Tochter ist nach Ajaccio gezogen.

Wohnhaus

Später ziehen wir weiter, Monsieur will noch andere Menschen sehen, wir verabreden uns in einem Café auf dem Weg nach Ajaccio. Und fahren durch wundervolle grüne Landschaft, alles ist so konzentriert auf Korsika, die Berge sind hier nur eine Viertelstunde vom Strand entfernt und Monsieur zeigt mir (s)einen „geheimen“ Strand, der (man hätte es am dorthin führenden Pfad erkennen können) heute nicht mehr ganz geheim ist, zwei Gruppen picknicken dort und Kinder kreischen und schwimmen und Monsieur findet es nicht mehr ganz so idyllisch wie früher.

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schwarzer Strand

Wir plaudern dann im Café mit weiteren Menschen „von früher“ und es geht weiter mit „wie lange ist es jetzt her?“, und plötzlich setzt sich eine jüngere Frau an unseren Tisch – eine frühere Freundin von Monsieurs Tochter, sie hat Monsieur erkannt, und ich „erkenne“ sie, weil sie eine der Partner suchenden Kandidatinnen der Fernsehserie L’amour est dans le pré war. Es ist komisch, jemandem gegenüber zu sitzen, von dem man so viele private Details weiß, die einen wiederum aber überhaupt nicht kennt. Ich starre sie die ganze Zeit an und frage dann doch so vertrauensvoll, als hätten wir schon viel Zeit miteinander verbracht: „Was macht denn der Bretone?“ Sie lacht und winkt nur ab, „ach, der Bretone“. Und ich erfahre dann doch keine aktuellen Einzelheiten aus dem Liebesleben von Solange.

Und dann fahren wir noch weiter nach Ajaccio und besuchen einen Freund von Monsieur, mit dem ein engerer Kontakt besteht und den ich auch kenne, so dass die Gespräche etwas weniger Erinnerungslastig sind, und wir essen tapfer draußen, weil doch Urlaub ist, aber es wird kalt im Laufe des Abends und ein paar Regentropfen fallen auch.

wird fortgesetzt …

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Zwischenjubeln!

Voilà, geschafft! Was für eine Erleichterung! Wir waren den ganzen Tag so angespannt, dann rief nachmittags ein Freund an und sagte, im italienischen Fernsehen würden belgische Medien zitiert, die von 60% Stimmen für Macron sprächen. Ich habe das sofort überprüft und tatsächlich lief auf einem italienischen Nachrichtensender schon vier Stunden vorher dieses Infoband unter den aktuellen Nachrichten. Strange. Woher wissen die das schon? Es erleichterte mich, aber so richtig wollte ich es nicht glauben. Im Internet war diese Info nur kurzzeitig zu sehen und verschwand dann. Aber die erleichtert wirkenden französischen Journalisten im Fernsehen, der verschlossene Blick Marine Le Pens auf dem Weg in ihr „Hauptquartier“ und dass man Macron eben nicht zeigte, alles deutete darauf hin: Emmanuel Macron ist unser neuer Präsident! Mit jetzt, zur offiziellen Veröffentlichung der ersten Ergebnisse 65,5% der Stimmen! Ich weiß nicht, was uns mit ihm erwartet, aber ich bin sehr, sehr froh über dieses Ergebnis! Und so stolz auf die Franzosen! Champagne!

Kleines Nachjubeln: Marine Le Pen hat tatsächlich nur zwei Départements „komplett“ errungen – haben Sie vielleicht auch schon gesehen in der Zwischenzeit. Unser Südosten hat zwar viel Le Pen gewählt, aber die Wähler des Départements Alpes-Maritimes und die Region PACA (Provence- Alpes-Côte d’Azur) haben sich überwiegend für Macron entschieden. Sogar Cannes hat Macron gewählt! Das hätte ich nicht gedacht. Und Nizza auch. Und mein kleines Bergdorf ebenso! Hurra! Nur Puget-Théniers, das Dorf in dem Annika Jöres lebt (wir berichteten), hat sich für Marine Le Pen entschieden. Und Menton auch – mit der schwierigen Grenzsituation vielleicht verständlich.

Allerdings gibt es beinahe überall etwa 30% Nichtwähler und etwa 5% „Blanc“-Wähler. „Blanc“-Wählen, das habe ich ja schon einmal erklärt, bedeutet, man geht wählen, ist aber mit keinem Kandidaten einverstanden und drückt dies durch einen weißen Zettel (–>“blanc“) aus, den man anstelle eines Stimmzettel in den Umschlag steckt. „Blanc“ zu wählen erfordert eine gewisse Vorbereitung, denn natürlich werden keine weißen Stimmzettel angeboten. Man muss also von zuhause einen entsprechend großen weißen Zettel mitbringen. Bislang werden diese „Blanc“-Stimmen zwar als Wahlbekenntnis gezählt, (sie sind also nicht ungültig) aber nicht anerkannt. Also selbst wenn über 50% der Wähler „blanc“ gewählt hätten, hätte man nicht (mit neuen Kandidaten) neu gewählt sondern mit den Reststimmen einen Präsidenten ernannt. Dass diese „blanc“-Stimmen anerkannt werden sollen, gehört auch zu dem einen oder anderen Wahlprogramm der Kandidaten (nicht Macron, so viel ich mich erinnere).

Falls Sie von einer bestimmten Region, einem Département oder einer Gemeinde wissen wollen, wie sie gewählt hat, hilft diese offizielle Seite.

ps: Verzeihung, in der jubeligen Eile habe ich vergessen, ein Häkchen anzuklicken, so konnte man diesen Beitrag (bislang) gar nicht kommentieren. Jetzt sollte es gehen, falls Sie noch wollen :D

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Ein (Frauen)Film: Aurore

Ok. Ein Frauenthema heute. Keine Politik. Ein Tag ohne Politik! Die Kandidaten müssen schweigen vor dem morgigen Wahltag, und das ist auch gut so. FRAUENTHEMA. Ich wiederhole es vorsichtshalber in Großbuchstaben. Alle, die Politik wollen, können wegklicken. Ich meins ernst.

F R A U E N T H E M A

Ich war im Kino. Mit Monsieur. War (ist) aber ein Frauenfilm. Viele (ältere) Frauen im Saal, die Männer konnte man an einer Hand abzählen (hab ich gemacht). Monsieur war auch nicht wirklich berührt, „kann man ansehen“ war sein einziger Kommentar. Ich habe ihn mitgeschleppt, weil ich dachte, er lerne was über Frauen. Ich musste aber viel erklären. Was mich berührt hat, zum Beispiel. Warum ich gelacht habe und warum geweint. Ich habe nämlich geweint. Gut, ich weine schnell im Kino. Ich bin ein bisschen sensibler als der Durchschnitt, das zeigt sich bei Filmen immer ganz besonders. Dieser hier hat mich ins Herz getroffen.

Ich liebe die Schauspielerin Agnès Jaoui. Sie spielt in vielen (sehr französischen) Alltags-Komödien und Dramen, oft an der Seite von Pierre Bacri, ihrem ehemaligen Lebensgefährten. Ich habe sie eine Weile nicht in aktuellen Filmen oder Medien gesehen und war angerührt von dem Interview (französisch), dass sie zu ihrem neuen Film „Aurore“ gibt. Sie spricht unter anderem darüber, dass es Frauen um die 50 kaum im Film zu sehen gibt. Ich war auch angerührt von ihrem Äußeren. Von ihrem Körper. Ich habe Agnès Jaoui nämlich zum ersten Mal so rundlich weich gesehen, immer mit der Hand unter dem Kinn, wie um das weicher werdende Doppelkinn zu überspielen (ich mache das zumindest so). „Sie ist so alt wie ich“, dachte ich überrascht, weil sie für mich bislang immer alterslos jung war. Sie habe ihr Leben lang Diäten gemacht, um dem Bild von der ewig jugendlichen Schauspielerin, die in Kleidergröße 38 passt, zu entsprechen. Damit sei nun Schluss. Und in diesem Film durfte sie so sein wie sie ist, die Regisseurin habe sie genau so gewollt, und habe ihren Körper nicht kritisch, sondern liebevoll betrachtet. Das sei so tröstlich gewesen, erzählt sie. Agnès Jaoui ist Anfang 50 und spielt eine Frau Anfang 50 und sie sieht aus wie eine Frau Anfang 50. Und sie hat damit zu kämpfen. Im Film und im echten Leben auch. Es sei schwierig für sie, sich im Film anzusehen, sie ertrage ihren Anblick kaum noch, sagte sie. Ich kann sie so gut verstehen.

Im Film schlägt sie sich, als Aurore, mit der Menopause und vor allem mit den Hitzewallungen herum. Mit den Töchtern, die aus dem Haus gehen und schwanger werden. „Schon?“ fragt sie fassungslos und freut sich nicht wirklich darüber, Großmutter zu werden. Sie ist doch selbst noch so jung, die Töchter waren eben noch klein. Schon ist sie Großmutter? Das wars schon? Sie verliert ihre Arbeit und findet „in ihrem Alter“ nichts mehr in ihrem Metier und schlägt sich daher als Putzfrau durch – in einem Altersheim. Und sie verliebt sich. Fühlt sich so jung und wird doch Großmutter und die Töchter sind befremdet, ihre Mutter verliebt zu sehen. Als höre das mit spätesten 30 auf.

In französischen Zeitungen werden gerade die Senioren als die neuen Sex-Bestien entdeckt. Solche Texte werden ja immer nur von Jüngeren geschrieben, die dem Umstand, dass man auch jenseits der 50 noch ein erfülltes Sexleben haben kann, mit gemischten Gefühlen begegnen: peinlich ist es schon, steht ungeschrieben zwischen den Zeilen. Falls sie jünger sein sollten als ich, sage ich Ihnen, dass das nie aufhört. Das Verlieben kann auch mit 80 noch passieren und man fühlt sich dann immer noch wie 15. Und das mit dem Sex wird vielleicht etwas … ähm … aufwändiger, weniger sportlich auch, aber viel zärtlicher und liebevoller. Ich hätte mir das auch früher schon gerne so gewünscht, wenn ich ehrlich sein soll.

Zurück zu „Aurore“ – der Film und Agnes Jaoui haben mich berührt und gerührt. Ich schlage mich auch mit dem „sich jung fühlen und älter werden“ herum, mit diesem Körper, der so großmütterlich weich und rund wird, und ich habe auch definitiv mit Diäten aufgehört. Ich habe nämlich auch mein ganzes Leben lang Diäten gemacht. Mehr als das. Mein ganzes Leben kämpfe ich gegen Esstörungen an. Zu viel, zu wenig, gar nichts. Immer und immer wieder. Ich kann und will es nun nicht mehr. Ich will endlich ganz normal essen. Und meinen Körper lieb haben, so wie er ist. Noch ertrage ich seinen Anblick aber nicht. Ich liebe Agnes Jaoui dafür, dass sie so ist, wie sie ist und ich liebe diesen Film, weil er sie so zeigt, wie sie ist, und das ganz liebevoll. Im Film tanzt sie einmal zu „Ain’t Got No“ und auch dieses Lied rührt mich so an. Großartig.

 

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Zwischenseufzen: …

Die aktuelle Berichterstattung auf diesem Blog hinkt ein wenig hinterher, verzeihen Sie, man kommt ja zu nichts. Jetzt wissen Sie sicher schon, wie das Rededuell Macron – Le Pen war. Steht ja auch überall in der deutschen Presse, ich gebe Ihnen nur mal diesen Artikel. oder diesen. Ich habe bis zum Schluss durchgehalten und dabei gebügelt. Monsieur hat sich um 22 Uhr zurückgezogen, er hatte genug gesehen und gehört, und das dachte sich auch der Journalist der Welt, der um 21. 45 Uhr schon einen abschließenden Bericht veröffentlicht hatte (den ich jetzt nicht mehr finde, er wird wohl von vielen anderen, ausführlicheren (s.o.) überlagert), obwohl die Kandidaten sich noch zwei weitere Stunden lang stritten. Es war ziemlich so, wie es in den verlinkten Artikel steht: „Vous dites des betises“ (Sie reden Unsinn) musste Macron ununterbrochen sagen, und er hatte seinen großen Moment, als Marine Le Pen den Verkauf des Telekomunternehmens SFR mit dem Verkauf des Turbinenherstellers Alstom verwechselte und sich von Macron erklären lassen musste, wie es wirklich war. Macron, der Le Pen ununterbrochen im nachsichtigen „Ich erkläre Ihnen die Welt“-Ton ansprach, ging mir aber auch auf die Nerven. Le Pen verhaspelte sich noch das eine ums andere Mal. Sie hatte ihre großen, giftigen Momente immer dann, wenn sie wohl vorbereitete (platte) Angriffe startete. Ich hatte ein bisschen Angst, dass der sanft sprechende Macron nicht laut oder kräftig genung sein könnte neben der wuchtigen Präsenz von Marine Le Pen. Und ich fürchtete auch, Marine Le Pen würde ihn ohrfeigen, so oft sagte Macron „Vous dites des betises, Madame Le Pen!“ Er hat es mit Intelligenz und Eloquenz geschafft, sich zu positionieren. Frankreich verdiene besseres als Marine Le Pen, sagte er. Voilà, Macron ist sicher der intelligentere von beiden, Marine Le Pen aber „holt“ mit ihren Platitüden „den einfachen Mann auf der Straße ab“, um mal mit einer alten Worthülse zu kommen. Die Presse sieht Macron vorne, er sei überzeugender gewesen. Ich bin nicht sicher, ob der „einfache Mann auf der Straße“ das genauso sieht.

Herr Diehl hat mir einen Artikel der Journalistin Annika Jöres zukommen lassen. Ha! Frau Jöres wohnt neuerdings in Puget-Théniers, das ist ein Ort auf halber Strecke auf dem Weg in mein Bergdorf. Dorthin fährt man (aus dem Bergdorf kommend), wenn man einen Tierarzt braucht, oder einen Zahnarzt, einen Notar, wenn man etwas mehr Pflanzenauswahl in der Cooperative sucht oder einen Sack Zement im Baustoffhandel erwerben will; es gibt einen richtigen Supermarkt, eine kleine Druckerei und eine weiterführende Mittel-Schule, das Collège. Ich finde ja Puget-Théniers, oder einfach „Puget“ (sprich: Pühschee) wie man da oben sagt, ist so „dazwischen“, nichts Halbes und nichts Ganzes. Man hat nicht die Stille der kleinen Bergdörfer und nicht die Dynamik der Stadt Nizza, aber beides ist nur jeweils eine Dreiviertelstunde Kurvenfahrt entfernt, insofern vielleicht eine gute Alternative, wenn man weder das ganz Ruhige noch das ganz Quirlige will. Wie dem auch sei, lesen Sie mal den oben verlinkten Artikel. Genau so ist es hier im Süden. Und so ist es überall auf dem Land. Bis auf kleine Ausnahmen: Wo sich in kleinen Dörfern in den sechziger oder achtziger Jahren Hippie- oder Babacool-Bewegungen niedergelassen haben, kippt das Wahlergebnis immer nach links. Ansonsten wird hier stramm rechts gewählt. Frankreich ist ein ländliches, konservatives Land. Das musste ich auch erst lernen. Auf dem Land (und nicht nur dort) werden platte Witze erzählt, alle gern zweideutig, manche auch nur zotig, andere rassistisch oder frauenfeindlich. All die Anzüglichkeiten, die man als Frau so zu hören bekommt, nehme ich heute mit einem Achselzucken zur Kenntnis und ziehe den Mund schief. So ist er halt der Franzose. Die Dirndl-Affäre, die Herrn Brüderle vermutlich die Karriere gekostet hat (ich habe das nicht weiter verfolgt), wäre hier keine Erwähnung wert.

Ich erzähle Ihnen jetzt mal wieder was aus meinem Bergleben. Denn das, was Annika Jöres in Puget erlebt, ist in jedem anderen Dorf, auch in „meinem“, genauso. Ich gebe zu, dass es mich auch immer mal wieder erschreckt, zu sehen, wer alles aus meinem früheren Dorf-Umfeld extrem rechts wählt. Das letzte Mal hat es mich in meinen Grundfesten erschüttert, als ich begriff, dass ein älteres Ehepaar, das ich seit zehn Jahren kenne, sehr fromme Menschen, die mir in schweren Zeiten liebevoll und warmherzig beigestanden haben, der identitären Bewegung in Nizza angehören. Ich war zwei Tage lang verstört. Nicht so Monsieur, der sagte, „X und Y können denken und wählen, was sie wollen, wichtig ist nicht, was sie sagen, wichtig ist, was sie tun“.

Und so habe ich erneut eine pragmatische Lösung gewählt und schaffe es, bei den Menschen zwischen ihrem Handeln (mir gegenüber) und ihren Gedanken, ihrer politischen Überzeugung (sofern sie mich nicht bedroht) zu unterscheiden. In „meinem“ Dorf, habe ich seinerzeit viel Hilfe und Unterstützung erfahren, vor allem als mein erster Mann sehr krank wurde und starb. Die hilfsbereitesten, warmherzigsten und großzügigsten Menschen habe ich dort kennengelernt. Ich werde das, was diese Menschen für mich und uns getan haben, nie vergessen. Und nicht wenige von ihnen sind eingefleischte FN-Wähler. Ich mag ihren politischen Reden nicht ausgesetzt sein, aber ich nehme es hin. Dass ich keine rassistischen Mails in meiner Mailbox vorfinden will, das sagte ich offen, und ich wurde kommentarlos aus dem Verteiler gestrichen. Wir wissen von der jeweils anderen Meinung, aber sie hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen derartigen Spagat vollbringen könnte, und es hat sicher auch damit zu tun, dass man in den Bergen grundsätzlich nicht allzuviele Menschen um sich hat und man, sofern man dort ganzjährig lebt, auf die Dorf-Solidarität angewiesen ist. Man kann es sich gar nicht leisten, Leute wegen ihrer Gedanken oder politischen Überzeugung wirklich zu verstoßen. Das mag anders sein, wenn man in Paris und Berlin lebt und vielleicht kann man auch in Puget ein gemeinsames Essen in „eisiger Stimmung“ beenden, und den Gast zukünftig nicht wieder einladen. In einem Bergdorf mit 30 Einwohnern ist das anders. Und ich wette, weder in Puget noch in Châteauneuf würde sich viel ändern, wenn am Sonntag Marine Le Pen gewählt würde. Rassistisch, homophob und frauenfeindlich war man auch vorher schon. Vor dem rechten Mob in großen Städten jedoch habe ich Angst. Und hoffe daher auf Macron, selbst, wenn auch bei ihm nicht klar ist, wie es wirtschaftlich in Frankreich weitergehen wird. On va se faire baiser en tout le cas, sagte Monsieur heute. Ou d’un gosse qui a l’air charmant, ou d’une femme vulgaire. Mais on va nous baiser. Weniger zotig übersetzt heißt das so viel wie, „wir werden so oder so verarscht, entweder von einem charmant wirkenden Knaben oder von einer vulgären Frau. Verarscht werden wir auf jeden Fall.“

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Zwischenruf: Zeit der Plagiate

Einen Moment war es hier ruhiger, verzeihen Sie, wir waren ein paar Tage auf Korsika, ich hoffe, ich schaffe es, Ihnen zeitnah davon zu erzählen, es war so großartig! Und ich habe tatsächlich komplett abgeschaltet vom Alltag und von der Politik, die mich umso mehr überfallen hat, kaum waren wir wieder auf dem Boden des Kontinents angelangt.

Sie wissen das vielleicht alles schon, aber ich fühle mich doch bemüßigt, es der Vollständigkeit halber hier aufzuschreiben.

Wie Sie sich erinnern, hat Philippe Mélenchon, der in den vergangenen Jahren bei jeder Wahl dazu aufgerufen hat, den Front National zu blockieren, selbst wenn man dafür als extrem Linker einen konservativen Kandidaten wählen müsse (so geschehen etwa 2002 als die Linken im zweiten Durchgang Chirac wählen mussten, um Jean-Marie Le Pen zu verhindern), Mélenchon also gibt dieses Mal seinen Wählern keine Vorgaben, sondern sagte nach seinem Ausscheiden schnippisch und schmallippig „macht was ihr wollt“ – was indirekt einem Aufruf zum Nicht Wählen gleichkommt. Er sei ein schlechter Verlierer wurde ihm gesagt, aber er bleibt dabei und will Macron nicht unterstützen. Seine von der Wahl enttäuschten Anhänger demonstrieren jetzt ziemlich unfriedlich, denn sie wollen weder Macron noch Le Pen.

In der linken Szene wird heftig gestritten: die, die sagen „wir wählen nicht mehr ‚gegen‘ jemanden und schon gar nicht für einen Bankier, also wählen wir dieses Mal gar nicht, tant pis“

Streit der Linken … streiten sich mit denen, die sagen, „Idioten! Mit diesem Verhalten riskiert ihr, dass Marine Le Pen gewählt wird, wählt besser Macron!“

Charlie HebdoAuch auf der konservativen Seite werden sich die enttäuschten Fillon-Wähler, trotz dessen Aufrufs, Macron zu unterstützen, vermutlich zahlreich enthalten oder sogar Le Pen wählen. So wie Nicolas Dupont-Aignan, der vorgestern entschieden hat, sich Marine Le Pen anzuschließen, die ihn natürlich mit offenen Armen aufnahm und ihm, im Falle ihrer Wahl, einen Posten als Premierminister anbietet. Für Dupont-Aignan hatten nur 5% der Wähler gestimmt, aber wenn die ihrem Kandidaten folgen sollten, macht es immerhin 5% mehr für Le Pen. „Wenn Marine Le Pen gewählt wird, ist es nicht die Schuld derer, die nicht gewählt haben, sondern die Schuld derer, die für Marine Le Pen gewählt haben“ wehren sich entsprechend die zukünftigen abstentionnistes, die Nichtwähler.

claqueWie dem auch sei, bei all dem Debakel robbt sich Marine Le Pen peu à peu nach vorne, und es gibt Umfrageergebnisse, die sie bereits vor Macron sehen. Zumal sie sich vom „Frexit“, dem Austritt aus Europa, plötzlich distanziert. Den sieht Macron aber ebenso überraschend plötzlich möglich, wenn die EU nämlich nicht reformierbar wäre. Nichts ist sicher. Alles kann passieren.

Morgen Abend gibt es ein heiß erwartetes Rededuell Macron – Le Pen im Fernsehen, das vermutlich, trotz eines zur gleichen Zeit ausgestrahlten Fußballspiels Frankreich – Ungarn, die Einschaltquoten in die Höhe treiben wird.

Das Amüsanteste heute war, dass Marine Le Pen sich einen Redetext Fillons angeeignet hat, den sie über mehrere Minuten Wort für Wort wiedergab (im verlinkten Beitrag der Film, den Sie auch verstehen, wenn sie kein Französisch können). Ganz klar ein Plagiat, aber „ach was“ winkt der FN ab, man habe mit einem Augenzwinkern, avec un clin d’œil etwas aus Fillons patriotischer Rede übernommen.

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Zwischenruf: „historique“

„Ce résultat est historique“ rief Marine Le Pen, die für den FN das beste Ergebnis seit je eingefahren hat, wenn sie auch nicht die Erste ist. Macron hat etwa 2% mehr Stimmen erhalten. „Historique“ ist das meistgeäußerte Wort heute Morgen, und es meint, wir haben es mit einem geschichtlichen Ereignis zu tun, dass es so noch nicht gegeben hat. „Historisch“, dass zwei Kandidaten, die noch nicht im politischen System sind, sich endgültig für das Amt des Präsidenten qualifiziert haben: Macron und Le Pen. Beide feiern jeweils „ihren“ Sieg. Es ist aber vor allem eine „historische“ Niederlage für die etablierten Parteien.

Mit Blick auf die „Legislative“, die Wahl der Nationalversammlung im Juni, ist es „historisch“, dass zwei „Außenseiter“-Kandidaten gewählt wurden, die noch nicht mal zwei Abgeordnete in der Nationalversammlung haben! Macron hat keinen einzigen Abgeordneten hinter sich, Marine Le Pen einen. Das ist mehr als eine Niederlage, das ist eine totale Absage, eine Ohrfeige hört man auch, an/für das bestehende System, und auch eine Antwort auf die Frage, wie denn ein Viertel (oder immerhin ein gutes Fünftel) der Bevölkerung überhaupt Marine Le Pen wählen konnte. Weil die Wähler rechts wie links genau das althergebrachte politische System mit den Profiteuren à la Fillon satt haben. Und bislang gab es nur Marine Le Pen als Alternative. Man mag sich nicht vorstellen, welchen Sieg sie ohne die Alternative Macron davongetragen hätte.

Für Fillon ist die politische Karriere, fürs Erste zumindest, beendet. Er hat gestern schon seine Niederlage eingestanden und dazu aufgerufen, im zweiten Wahlgang Macron zu wählen. Das bedeutet jetzt nicht, dass alle seine Wähler es auch tun werden. Ein Drittel folgt ihm vielleicht, ein Drittel wird nicht wählen und ein Drittel wählt vermutlich lieber Le Pen.

Ebenso hat Benoît Hamon sich für Macron ausgesprochen. Mélenchon gibt keinerlei Vorgaben. Jeder kann machen, was er will, sagt er.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, WIE erleichtert ich über dieses Ergebnis bin. Wir waren am Wochenende in Marseille, in dieser armen, „weltoffenen“ Stadt, einem „Melting Pot“ aller Nationalitäten, standen alle Zeichen auf Le Pen UND Mélenchon, ein solches „Duell“ zweier extremer, europafeindlicher Kandidaten wünschte ich mir nicht für Frankreich. Ich kam sehr angespannt nach Hause und hing gebannt vor dem Fernseher. Tränke ich noch Alkohol, ich hätte eine Flasche Champagner aufgemacht, als die ersten Schätzungen verkündet worden sind. Macron hat seinen Champagner übrigens in der Brasserie La Rotonde getrunken. Eine berühmte Brasserie im Montparnasse, in der Schriftsteller und Künstler verkehr(t)en.

 

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Zwischenruf : Uff!

Ok, Sie können die Zahlen überall nachlesen, keine Frage. Aber damit es der Vollständigkeit halber hier steht, voilà die ersten Schätzungen Ergebnisse des ersten Wahldurchgangs (die Wahlbüros in den Großstädten schlossen eine Stunde später und waren entsprechend noch nicht ausgezählt)**

Macron 23%  23,7%

Le Pen 23%  21,5%

Fillon 19%  19,9%

Mélenchon 19%  19,6%

Hamon 7%  6,3%

Dupont-Aignan 5%  4,7%

Lassalle 1,5%  1,2%

Hier große Erleichterung, das gebe ich zu, denn es werden sich in der folgenden Woche ziemlich sicher alle gegen Marine Le Pen verbünden, und damit wird Emmanuel Macron mit sehr großer Wahrscheinlichkeit beim zweiten Wahldurchgang am 7. Mai zum nächsten Präsidenten Frankreichs gewählt.

** Aktualisierung morgen früh!

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Zwischenruf – kurz vor knapp

Ganz kurz nur: Falls es Ihnen noch nicht reicht an Informationen, gäbe es diesen  Artikel über die bevorstehend Wahl, der auch die Wahlprogramme der Kandidaten daraufhin überprüft, wie realistisch und umsetzbar sie sind. Und der ebenso auf die kommende Wahl der Nationalversammlung eingeht.

Hier etwas zum gestrigen Anschlag, und zur heutigen Stimmung in Paris. Und hier die aktuelle Reaktion der Kandidaten, die gestern Abend ihre dritte und letzte TV-Show hatten. Le Pen hatte danach gleich zwei Prozentpunkte mehr in den Umfragen. Nie war ein Wahlausgang unsicherer als dieses Mal.

Ich setze auf einen Außenseiterkandidaten und drücke Jean Lassalle die Daumen ;)

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Zwischenruf – noch sechs Tage

Ein paar Tage war ich gedanklich anderweitig beschäftigt, das mögen Sie mir verzeihen, aber es ist auch nicht wirklich etwas Neues passiert. Außer, dass die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen hat. Mich erinnert das Ganze ein bisschen an den Kölner Karneval, der ja auch über Wochen immer präsenter wird im Alltag und dann geradezu explodiert, wenn nämlich endlich der Straßenkarneval beginnt: Es geht lo-hos! So ist es auch hier. Noch mehr Wahlkampf schien kaum noch möglich, aber doch, man kann es noch steigern, der Straßenkarneval äh -wahlkampf hat begonnen: Man darf erst jetzt offiziell Wahlplakate anbringen, man bekommt die Wahlkampfspots aller Kandidaten im Fernsehen zu sehen, sie sind in sämtliche Nachrichtensendungen eingeladen und dürfen sich und ihr Programm vorstellen, sie machen ein großes Meeting nach dem anderen und baden in der Menge. Am Donnerstag wird es noch eine dritte große Fernsehdebatte mit allen Kandidaten geben. Auch wenn die Einschaltzahlen hoch sind, so schätzen nicht alle Franzosen diese neue Show-Time der Politiker (all die Jahre gab es höchstens ein Rededuell der beiden Kandidaten, die in den zweiten Wahldurchgang kamen). Politiker sollten sich nicht zum Kasper machen, heißt es. Das mache ja schon Canal+ mit den Guignols.


Les Guignols, l’intégrale du 14/04 par lesguignols

Und als hätten wir noch nicht ausreichend schlechte Nachrichten, hat die heiße Phase der Fake-Meldungen ebenso begonnen: Skandal! Fillon sei entlastet und „die Medien“ verschwiegen es, hieß es kürzlich. Heute habe ich eine Mail bekommen, die eine „alternative“ Umfrage mit extrem guten Ergebnissen für Fillon verbreitet: „Teilt die Info!“ heißt es darin. Macron soll vor laufendem Mikro (das er ausgeschaltet glaubte) seine Bewunderung für einen radikalen Muslim geäußert haben. Und überhaupt sei er von Saudi Arabien finanziert. …

Wem glauben wir also? Und wen wählen wir? Macron? Mélenchon? Le Pen? Oder gar den bodenständigen Jean Lassalle? Der selbstbewusst sagt, ich werde Präsident, auf mich geben schon seit 40 Jahren immer alle keinen Pfifferling, aber letzen Endes werde ich gewählt! Dürfte ich wählen, würde ich mich für ihn entscheiden, weil ich seine grundehrliche „ländliche“ Art mag und sein „zentriertes“ Programm (er war jahrelang der engste Mitarbeiter von François Bayrou) gar nicht so abwegig ist. Aber in Paris und in den Großstädten lächelt man nur überheblich. Selbst Yves Calvi, ein mir sehr angenehmer Journalist und Moderator verschiedener Politiksendungen, spricht mit Lassalle betont freundlich, so als habe er es mit einem Kind zu tun, das man mag, aber nicht ernst nimmt. Nun, die doch etwas wahrscheinlichere Vorstellung, dass wir uns letztlich zwischen einem extrem linken europafeindlichen Kandidaten oder einer extrem rechten europafeindlichen Kandidatin entscheiden müssen, führt landesweit zu einer gewissen Nervosität. Oder doch Macron? Oder schafft es Fillon noch? Diese letzte Woche ist entscheidend. Viele wissen noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben wollen. Viele ältere Damen (eine große Wählergruppe!) würden in letzter Konsequenz dann doch auf den „seriösen“ Fillon setzen, trotz seiner unklaren Geldgeschäfte, einfach, weil er ihnen „klassische“ Werte und Sicherheit vermittele, und sie Angst vor Veränderungen à la Mélenchon oder Le Pen haben. 15% der Wähler(innen) wüssten sogar auf dem Weg zum Wahlbüro noch nicht, wen sie wählen würden, hieß es gestern. Alles ist sechs Tage vor der Wahl völlig ungewiss. So etwas gab es noch nie. Diese Kolumne erklärt die Stimmung in Frankreich nochmal ganz gut, finde ich.

Für Wahlunentschlossene aber auch für alle anderen weise ich hier noch einmal auf die Veranstaltung von Manfred Flügge in Marseille hin. Venez nombreux!

Die, die völlig resigniert sind, von den zur Wahl stehenden Kandidaten, hoffen, dass im schlimmsten Fall alles durch die ebenso bald anstehenden Wahlen der Legislative relativiert wird: Die Nationalversammlung wird auch direkt vom Volk gewählt. Allerdings habe ich das komplizierte System nicht wirklich durchschaut. Richtig ist, dass es auch dabei kein Verhältniswahlrecht gibt, was erklärt, dass, trotz der hohen Wählerzahlen für Marine Le Pen, zur Zeit nur ein Abgeordneter der Partei im Parlament sitzt (weil sich auch bei dieser Wahl immer alle gegen den Front National zusammenschließen). Was, das muss man doch auch sagen, die Stimmung im Volk nicht richtig wiedergibt. Passieren könnte also durchaus, dass wir, sagen wir einen extrem linken Präsidenten haben (das ist nur ein Beispiel!), der einem konservativen Parlament gegenübersteht, das alle seine Vorhaben und Gesetzentwürfe blockiert. Im Zweifelsfall passiert dann also die nächsten fünf Jahre gar nichts. Ob das ein Trost ist?

 

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Quand il est mort le poète – version française

Danny nous a quitté.

Jeudi dernier nous sommes montés dans le petit village à la montagne pour lui rendre hommage. Pour moi tout avez commencé dans ce petit village, mon histoire avec la France. Danny, le chef d’une famille agrandi, comme le disait son annonce de décès, avait subit une opération sur les coronaires mais son grand cœur était déjà trop fatigué pour continuer à battre.

J’avais vécu et travaillé avec cette famille agrandi pendant un an, et j’en avais parlé dans mon premier livre „Zwischen Boule und Bettenmachen“. (Danny s’appelait Paul.) Il avait fondé dans les années soixante une colonie des hippies à la ferme qu’il avait hérité de son oncle. Là ils ont essayé toutes les formes de vie et de travail en commun. Ils voulaient vivre libre, équitable, autonome, de l’agriculture, du jardin et de l’élevage des animaux. Ils avaient même fondé une école avec un instituteur privé, lui aussi un hippie.

Ces jours ci, j’ai regardé à nouveau mes anciennes photos, qui ont fait monter une vague des souvenirs. Il me semble que mon séjour à la ferme c’était hier. Je me souviens encore de tout, comme j’étais perdue dans ce monde étrange. Cette ferme avec ses animaux, les odeurs et les bruits, la langue française bien sur avec son vocabulaire de la montagne, mais c’était le monde alternatif qui m’était le plus étrange: des hommes torse nu, barbus et avec des cheveux aux quatre vents, qui fondaient du bois puis ils fumaient une cigarette roulée à la main. Ils vivaient dans une caravane sur le terrain, ils travaillaient, partaient et revenaient. C’était un va et viens à la ferme que je regardais avec des yeux étonnés sans en comprendre les règles. Aujourd’hui je sais qu’il n’y avaient pas de règles où si peu. Tout était possible et la porte était toujours ouverte pour tout le monde, sans aucun préjugé. On était toujours au moins douze à table, mais on aurait pu être aussi vingt à l’improviste, on aurait juste ajouté des assiettes et partagé ce qui était là. Le partage c’était la seule règle. Danny mettait toujours tout sur la table pour les hôtes: de la bière, du vin, du pain, de la charcuterie maison, tout ce qui était dans la cuisine, dans la cave ou dans le jardin. Et qui était préparé par Anne, sa femme, pendant quasiment cinquante ans tous les jours. C’est grâce à elle que tout fonctionné.

J’y ai été accueilli pareillement il y a douze ans. Comme une évidence. Viens. On se débrouillera. Si j’avais su ce qui allait m’arriver je ne serais probablement pas venue. Mais j’ai suivi mon instinct sans avoir jamais vu une photo de la ferme ni de la famille, et quand je suis arrivé ça a été un choc. Je ne comprenais plus rien. Le monde était à l’envers. Mais c’est ainsi que ça doit être pour apprendre le monde et soi-même. Le séjour à la ferme ça a été pas seulement une ouverture de mon esprit, mais ça a changé ma vie, et ça m’a sauvé la vie. Et je dis ça sans aucune exagération.

Cette ferme restera pour moi la pierre d’angle de ma vie en France, de ma vie tout court. Je ne veux rien changer à me souvenirs, je veux qu’elle reste tel que je l’ai connue: chaotique, bordélique elle était. Je supporte mal que les hommes que j’ai côtoyé là-haut disparaissent. Je voudrais tout conserver. Et maintenant Danny est décédé.

Je savais que ce serait un grand enterrement. Danny n’était pas seulement une personnalité du monde alternatif, il était aussi populaire et estimé dans toute la vallée et haut-delà. On aura tout vu. La gendarmerie s’était déplacé en force. Quatre représentants de la loi. Des voitures montaient sans cesse et se garaient où elle pouvaient, sur le champs de foot, dans les près, et au bord de la route loin d’arriver au village.  La place du village devant l’église  se remplissait avec des centaines d’hommes, le curé était présent aussi, mais il était là „comme tout le monde“ disait-il. Si Danny et le curé s’aimaient, cela n’avait pas été évident jusque là.

On disait bonjour à tout le monde, on se connaissait ou on se présentait, on expliquait les liens qui nous unissaient à Danny et le temps passait. Mail il y avait un moment ou en a serré la main du dernier et on attendait. On attendait longtemps. Et ça aussi était une caractéristique: de ne pas se soucier du temps qui passe.

Danny arrivait avec son tracteur. Cette vieille bête, cent fois réparée, était le véhicule préféré de Danny. Il aimait par dessus tout faire le foin sur son tracteur.  Là c’était son fils qui conduisait, il tirait une remorque, joliment décorée avec des fleurs de champs et des branches de cerisier fleuri. Des petits drapeaux de prière népalais flottant aux vent. Et sur la remorque le cercueil et la famille. Et en arrivant ils jouaient les morceaux de jazz préféré de Danny: Miles Davis, Keith Jarret et Ella Fitzgerald. Ce fut un moment bouleversant, beau et triste en même temps.

C’était une journée de printemps parfaite: Le soleil chauffait, le ciel était bleu, les champs vert tendre étaient parsemés des fleurs, les cerisier et pommier en pleine floraison, et dans les jardins les lilas, les iris et les narcisses. Les sommets alentours étaient encore enneigés. Et sur la place devant l’église ce tracteur, le cercueil, des fleurs, et Miles Davis pleurait dans sa trompette.

„On veut prendre le temps pour dire au revoir à Danny“, disait sa fille. Chacun était invité à dire quelques mots, de lire un texte, un poème, de chanter, de faire de la musique – tout ce qu’on voulait. Tout était possible: Avec des voix qui tremblaient les gens lisaient des textes, des poèmes, on chantait en pleurant: on parlé de sa générosité, de son amour, de son envie de vivre pleinement, et de sa sensibilité. Les enfants parlaient de leur père, les petites-filles jouaient du saxophone et du piano pendant que leurs petits frères jouaient à cache-cache en riant au tour du tracteur.

Puis une femme chanta d’une voix grave „Quand il est mort le poète“ reprit approximativement par l’assistance.

Toute la cérémonie s’enchainait dans la sérénité. Et pendant que les fils et les gendres descendait le cercueil dans sa tombe, on écoutait Brel qui chantait „La chanson des vieux amants“.

Tout cela étrangement nous remplissait le coeur de joie. La cérémonie se déplaçait vers le buffet. Les tables pliaient sous la nourriture. Et il y avait aussi à boire. „Allez, on va boire un coup“ aurait dit Danny. Et c’est cela qu’on faisait. On mangeait, on buvait, on parlait de lui, la vie continuera, il nous manquera, mais il restera à toujours dans nos cœurs. Et nous sommes partis du village plus heureux qu’en arrivant.

Adieu Danny.

 

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Quand il est mort le poète

Am Donnerstag haben wir Danny beerdigt.

Wir sind dafür in das kleine Dorf in den Bergen gefahren, dort, wo für mich vor zwölf Jahren alles angefangen hat mit Frankreich. Danny, das Oberhaupt der „erweiterten“ Familie G., wie es in der Todesanzeige heißt, ist ein paar Tage nach einer eigentlich geglückten Operation der Herzkranzgefäße überraschend gestorben. Sein großes Herz war wohl schon zu erschöpft und schaffte es nicht mehr, weiterzuschlagen.

Ich habe mit dieser „erweiterten“ Familie ein Jahr lang gelebt und gearbeitet. Darüber habe ich in meinem ersten Buch geschrieben und Danny heißt darin Paul. Er war in den späten Sechziger Jahren der Begründer einer Hippie-Kolonie, wo man auf dem Hof, den er von einem alten Onkel übernommen hat, alle denkbaren Lebens- und Arbeitsformen mit Freunden, Frauen und Kindern ausprobierte. Frei, gleichberechtigt, alternativ und autonom wollte man leben mit Landwirtschaft, Garten und Tieren. Sie gründeten sogar eine alternative Grundschule für all die Kinder mit einem Privatlehrer. Hippie auch er.

Ich habe die letzten Tage wieder viele meiner Fotos angesehen, die eine Welle an Erinnerungen hochspülte. Es scheint mir, als sei mein Hofaufenthalt erst gestern gewesen. Ich erinnere mich noch an alles. Auch an meine anfängliche Verlorenheit, als ich mich dort in einer so fremden Welt wiederfand. Nicht nur der Hof war fremd mit all den Tieren, den Geräuschen und Gerüchen. Die Sprache sowieso (zuzüglich des landwirtschaftlichen Vokabulars), aber es war vor allem diese alternative Welt, die mich befremdete. All die wild aussehenden Männer mit langen Bärten, verfilzten Haaren, die mit nacktem Oberkörper Holz spalteten und danach ihre sehr eigenen Tabak-Kräutermischungen rauchten, die in Hütten oder Wohnwagen eine Zeitlang mitlebten, verschwanden und wiederkamen. Es war ein Kommen und Gehen auf dem Hof. Ich sah das alles mit Staunen an und verstand die Regeln nicht. Heute weiß ich, es gab keine Regeln, oder fast keine. Alles war möglich. Und die Tür stand immer offen. Vorurteilsfrei für jeden. Immer waren wir mindesten zwölf am Tisch, aber wir hätten auch überraschend zwanzig sein können, dann hätte man einfach noch ein paar Teller dazu gestellt und hätte das, was da war, geteilt. Teilen – partager – das war das oberste Gebot. Das war Dannys Lebensmotto. Großzügig stellte er für Gäste immer alles auf den schweren Holztisch: Bier und Wein, Brot, selbstgemachte Wurst, Schinken, Pasteten. Und alles, was Küche, Keller und der Garten hergaben. Und was A. seine Frau zubereitet hat. Jeden Tag. Fast fünfzig Jahre lang teilte sie sein Leben und machte möglich, dass dieser Hof so offen und einladend sein konnte. Genauso haben sie mich vor zwölf Jahren aufgenommen. Wie selbstverständlich. Komm ruhig. Sehen wir dann schon. Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich einlasse, wäre ich nicht gekommen. Aber so bin ich meinem Gefühl gefolgt, ohne je ein Foto des Hofes oder der Familie gesehen zu haben. Und dann war ich da, und es war so ein Schock. Und ich verstand gar nichts, es war so, als stünde ich plötzlich auf dem Kopf. Oder war es die Welt, die auf dem Kopf stand? Aber so muss es ja sein, wenn man reist und sich und die Welt wirklich kennenlernen will. Der Aufenthalt auf dem Hof war für mich mehr als nur bewusstseinserweiternd, er war lebensverändernd, lebensstiftend, lebensrettend. Und das meine ich ganz so, wie ich es sage.

Für mich ist dieser Hof ein Eckstein meiner Frankreichbiographie und meiner Biographie überhaupt. Ich kann und will ihn mir nicht anders vorstellen als so, wie er zu meiner Zeit war, so chaotisch und schlampig er auch gewesen sein mag. Ich ertrage es schwer, dass Menschen, die ich dort oben kennengelernt habe, nicht mehr da sein werden. Am liebsten würde ich alles für immer konservieren. Und jetzt ist Danny gestorben.

Ich wusste, dass es eine große Beerdigung werden würde. Danny war nicht nur in der alternativen Welt eine Persönlichkeit, er war auch in der „klassischen“ Bergwelt beliebt und geschätzt. Aber tatsächlich gab es sogar mehrere Gendarmen, die den Verkehr regelten. So etwas hat man da oben noch nicht erlebt. Autos über Autos fuhren die enge Serpentinenstraße zum Bergdorf hinauf und parkten auf dem Fußballplatz, auf Wiesen und an Wegrändern rund um das Dorf, und kilometerlang entlang der Zufahrtsstraße. Der Platz vor der Kirche füllte sich mit hunderten von Menschen. Auch der Pfarrer war da, aber er sei nicht als Pfarrer gekommen, erklärte er, er sei ein Trauergast wie alle. Denn Danny und der Pfarrer mochten sich zwar, aber Danny hatte mit der Kirche nichts am Hut.

Wie in Frankreich üblich, begrüßen alle alle, man kennt sich oder man stellt sich vor, erklärt seine Beziehung zu Danny und so verging viel Zeit, aber irgendwann hatte man auch dem Letzten die Hand geschüttelt oder Küsschen gegeben und dann warteten wir. Wir warteten lange. Und auch das war so typisch. Dieses Unpünktliche, dieses ewige „zu spät kommen“ (nach meinem Empfinden) dieser Familie mit ihrem eigenen Rhythmus.

Danny kam auf seinem Traktor. Dieser uralt-Traktor, schon hunderte Male repariert, war Dannys Lieblingsgefährt. Stundenlang rumpelte er mit ihm über die Wiesen, die er leidenschaftlich gern mähte. Jetzt fuhr sein Sohn B. den Traktor und zog einen Anhänger, der mit frischen Blumen und Kirschblütenzweigen geschmückt war, nepalesische Gebetsfähnchen flatterten im Wind. Auf dem Anhänger der Sarg und darum die (engste) Familie, fast so, wie wir manchmal vom Rübenfeld nach Hause gerumpelt waren, waren sie heute vom Weiler, wo der Hof liegt, bis zum Dorf gefahren. Und auf dem Platz angekommen, spielten sie seine Lieblingsjazzstücke ab: Miles Davis, Keith Jarrett und Ella Fitzgerald. Es war umwerfend schön und traurig.

Es war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, die Wiesen frischgrün, Apfel- und Kirschbäume standen in voller Blüte, es blühten alle Wiesenblumen, und in den Gärten blühten Flieder, Iris und Osterglocken. Auf den Berggipfeln lag noch Schnee. Und auf dem Platz vor der Kirche stand dieser Traktor, daneben der Sarg (auf Strohballen erhöht), Blumen über Blumen davor, und Miles Davis blies klagend in seine Trompete. Und all die Menschen. Magnifique.

„Wir wollen uns Zeit nehmen, um von Danny Abschied zu nehmen“, sagte seine Tochter. Jeder, der wollte, war eingeladen zu sprechen, ein Gedicht zu lesen, zu singen, Musik zu machen. Alles war möglich. Und viele sprachen von seiner Großzügigkeit, von seiner barocken Lebenslust, von all der Liebe, die er hatte, und auch von seiner Sensibilität. Es wurden mit zitternden Stimmen Gedichte und Texte gelesen, es wurde weinend gesungen, die Enkeltöchter spielten Klavier und Saxophon, die kleinen Nachzügler-Enkelsöhne spielten derweil Verstecken und Fangen zwischen all den Menschen. Sie waren die einzigen, die fröhlich lachten, während sich die großen Schwestern und überhaupt alle, immer wieder weinend in den Armen lagen. Dann stimmte eine Frau mit wilder Stimme Quand il est mort le poète an, ein Lied, das Gilbert Becaud oft sehr gefühlvoll zusammen mit Publikum sang. Sie aber sang es rau und so fremd, dass ich es kaum wiedererkannte. Allen ging es so, schien mir, denn wir sangen nur zögerlich und leise dieses einfache Lied mit, dessen Text mir plötzlich so passend vorkam, als habe man es für Danny geschrieben.

Die ganze Zeremonie war ruhig und langsam und traurig-schön, wir legten Blumen auf den Sarg, den die Söhne und Schwiegersöhne später auf den Friedhof trugen und, zunächst nur mit der Familie, in die Erde absenkten, während jetzt Les vieux amants von Brel über den Platz schallte.

Später gab es ein riesiges Buffet, zu dem, wie bei solchen Anlässen üblich, jeder etwas beigesteuert hatte. Und Dannys lebenslange Großzügigkeit wurde zurückgegeben: Die Tische bogen sich unter den salzigen und süßen Speisen auf großen Platten, und es gab auch allerhand zu trinken: Allez, on va boire un coup! „Lasst uns was trinken, Kinder“, hätte Danny gesagt. Und so aßen wir und tranken und sprachen von ihm, und das Leben geht weiter, und er wird fehlen, aber wir werden ihn immer in unserem Herzen haben.

Adieu Danny. 

 

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Kleine Anleitung zum Artischockenessen

Wie isst man denn überhaupt Artischocken?, wurde ich kürzlich hier gefragt. Heute zeige ich es Ihnen – am Beispiel der rohen Artischocken. Die Technik bleibt aber immer gleich  :D

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Ich bin erst in Frankreich zur Artischockenliebhaberin geworden. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland je frische Artischocken auf dem Markt gesehen zu haben. Wenn wir ehrlich sein wollen, wusste ich vermutlich nichtmal wie sie aussahen, ich kannte bis dahin nämlich nur in Öl eingelegte Artischockenböden auf der Pizza. Aber selbst wenn, hätte ich sie bestimmt nicht gekauft. Wie man sie zubereitet und isst, wusste ich nämlich auch nicht.

Die allerersten „ganzen“ Artischocken, die ich in Frankreich vorgesetzt bekam, waren große, und sie waren unattraktiv bräunlich weichgekocht, und während ich noch versuchte, dem Tischnachbarn zur rechten abzuschauen, wie er sie aß, hatte meine Nachbarin zur linken die ihre schon zack, zack verputzt. Tatsächlich zieht man ein Blatt nach dem anderen ab, tunkt es kurz in Vinaigrette und lutscht dann mit den Zähnen das weichgekochte untere Ende des Blattes raus. Aha. Die Tischnachbarin machte das im Akkord. Ich blickte auf den unappetitlichen Blätterhaufenrest auf ihrem Teller, sie leckte sich genießerisch die Finger ab, und ich war befremdet. Das ist es jetzt? Ich fand das Essen der Artischocken mühsam, wenig ergiebig und so richtig hat mich das damals nicht begeistert.

Monsieur aber isst Artischocken roh. Dazu kauft man die kleinen grünen oder violetten Artischocken aus Italien, sie werden auf dem Markt in kleinen Sträußchen zu vier oder fünf Stück angeboten. Ich mache demnächst mal Fotos, damit Sie eine Vorstellung haben.

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Man isst sie ganz genauso, nur sind die Blätter hart, man muss sie richtig abbrechen, und das untere Ende muss ordentlich mit den Zähnen rausgezogen werden; es wird aber zarter je weiter man nach innen vordringt.

Artischocken6Gegen Ende schneidet man den Artischockenboden in feine Scheiben, tunkt diese ebenso in die Vinaigrette und dann wurschtelt man das pieksig-harte und faserige Heu aus dem Inneren, und tunkt das letzte Stückchen zarte Artischocke ein, und meist bleibt nur ein kleines, wiederum pieksendes, ungenießbares Hütchen übrig.

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Ich bin allerdings immer noch langsamer als die anderen, in diesem Fall als Monsieur, und es kam noch erschwerend hinzu, dass ich die Fotos machte. Das erklärt das Ungleichgewicht auf den zwei Tellern.

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Der Teller ist am Ende auch hier voller als am Anfang. Und die Zähne sind etwas stumpf. Ich kann bizarrerweise gar nichts zum Geschmack sagen, aber er hat absolut nichts mit den in Öl eingelegten Artischockenböden zu tun. Das ist sicher. Auf jeden Fall mag sie jetzt richtig gern, auch weil ich nicht viel für den Entrée vorbereiten muss: Artischocken abgeschnitten, Vinaigrette zusammengerührt und fertig. Und gesund ist es auch noch.

Artischocken

Artischocken

Man kann Artischocken auch selbst in Öl einlegen oder, mein Lieblingsrezept, mit einer Paste aus Olivenöl, Parmesan, Pinienkernen, Petersilie und Knoblauch gefüllt, essen (gekocht allerdings). Absolut köstlich, wenn auch die Hände beim Essen etwas fettig werden. Aber heute lecke ich meine Finger auch ohne Hemmungen genießerisch ab, man kann aber natürlich auch Servietten reichen.

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Zwischenruf : Kleinigkeiten

candidat-election-disney(photo trouvé chez Koreus, réalisé par Corse Machin)

Vor drei Tagen wurde Fillon mit Mehl überschüttet, das wissen Sie vielleicht schon, ist ja ein alter Hut in diesen bewegten Zeiten, knapp zwei Wochen vor dem ersten Wahldurchgang, aber ich hatte keine Lust, meine friedlichen Wochenendfotos gleich wieder mit Politik zu überlagern.

Wir sehen und hören die Kandidaten gerade allüberall, es geht nur noch darum. Außenpolitik dringt kaum noch zu uns durch, es braucht schon Terrorattacken in Stockholm und Ägypten, um die geschwätzigen Damen und Herren mal eine Minute zum Schweigen zu bringen, wie etwa Mélenchon anlässlich seines Auftritts vor 70.000 begeisterten Menschen. Eigentlich schwieg Mélenchon für die toten Migranten habe ich gerade bemerkt. Ich lasse es trotzdem so stehen, immerhin können wir ja an die Opfer der beiden Anschläge denken, wenn wir in Mélenchons Schweigeminute einstimmen.

Mélenchon ist gerade stark im Aufwind. Er macht eine gute Kampagne, ist ein guter Rhetoriker, machte im Fernsehen eine gute Figur, und das Ding mit der Hologrammtechnik hat alle verblüfft. Am 18. April wird er sich erneut vervielfältigen lassen, sogar sechs Mal, um so an sieben Orten gleichzeitig auftreten zu können. 40.000 Euro kostet ein Hologramm zusätzlich zur Saalmiete. Was tut man nicht alles, um die jungen Wähler anzuziehen. Für die gibt es außerdem ein Videospiel Fiscal Kombat mit einem pixeligen Mélenchon, der alle seine Gegner in der Luft zerreißt.

QuotidienAuch um die zukünftigen Wähler kümmert sich MelenchonMélenchon bereits. Von Herrn Diehl wurden mir die Fotos der Kinder-tages-zeitung Mon Quotidien übermittelt, in der Mélenchon es bislang als einziger Kandidat auf den Titel und eine Doppelseite geschafft hat und von der Kinderredaktion befragt wurde. Bemerkenswert, diese Präsenz. Seine Umfrageergebnisse steigen kontinuierlich, heute Abend hat er sogar Fillon auf den vierten Platz verwiesen und man fragt sich, ob er auch noch Macron einholen wird und sich dann mit Le Pen im zweiten Wahldurchgang ein Stechen geben wird. Alles scheint möglich bei dieser Wahl.

Macron war auch schon in Marseille, aber es war weniger gelungen, die Menschen verließen seine Versammlung vorzeitig, weil es ihnen zu wenig konkret war, was der junge Kandidat der Mitte ihnen zu erzählen hatte. Außer, dass er ihnen jedes Mal liebevoll das Auspfeifen der Gegner verbietet, komme nicht viel, sagen sie. Ein Video, das Menschen zeigt, die erklären, warum sie vorzeitig gehen, wurde vom Sender LCI schnell wieder entfernt und von Ludo, einem jungen Mann, in seinen Videos Osons Causer (wörtl: wagen wir zu sprechen) wütend wieder hochgeladen: Macron sei der Liebling der Presse und habe gute Pressekontakte, was erkläre, dass man negative Presse einfach zensiere. Damit es ein bisschen weniger zensiert ist, teilen wir das Video auch.

Ach so, noch was Nettes (?) zum Ausklang. Ostern naht. Ein Patissier in Chateauroux hat für Ostern les oeufs de la présidentielles Ostereier in den französischen Nationalfarben geschaffen und sie mit essbaren Fotos der Präsidentschaftskandidaten versehen. Angeblich ein echter Renner.

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Anschwimmen

Spiegeliung

Wir haben die Schwimmsaison eröffnet. Eher spontan, denn eigentlich laufen wir zur Zeit nur so kneippmäßig im Wasser, und es war recht frisch für mediterrane Verhältnisse. Aber es war so zauberhaft heute morgen am Strand und elle était tellement bonne, claire et fraîche, dass wir beide nach dem Laufen beschlossen, noch „richtig“ rein zu gehen. „17 Grad“ riefen sich die Wassertemperaturkenner danach zufrieden zu. Damit kann ich es jetzt aufnehmen mit all den Freiwasserschwimmerinnen.** Auch wenn ich nicht kilometerlang schwamm, sondern vielleicht nur so ein paar hundert Meter. Es gibt ja Forschungen zur Kältetherapie und denen glaube ich sofort, auch wenn ich noch nie in einer Kältekammer war, aber ich hatte heute im kalten Wasser wirklich das Gefühl, als habe mein Körper Glückshormone ausgeschüttet. Ich spüre das Glück ja selten pulsieren, ich muss es mir tatsächlich ganz rational auf einer Skala vorstellen, wenn ich wissen will, ob ich glücklich bin. Das Ergebnis ist erstaunlich positiv, gemessen daran, dass das Glück vor zwölf, dreizehn Jahren eher im Minusbereich angesiedelt war, und sich eher nach Un-Glück anfühlte. Aber heute morgen, während ich schwamm und auch danach und eigentlich auch jetzt noch, war mir so glücksjauchzend zumute. So lebendig. Wundervoll. Morgen wieder!

Davon kriegen Sie aber keine Fotos, ich zeige ungern meinen rundlichen weißen Körper, aber das Fischerboot bekommen Sie zu sehen, das uns inspiriert hat, nach dem Schwimmen auf dem Markt frischen Fisch zu kaufen.

Strand

Boot

Rosa

Himmel

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und weg

Rose

frischer fischRotbarben (köstlich!) und frische Erdbeeren (französische!) und Artischocken (cru!) zum Entrée.

La vie est belle! Schönes Wochenende Ihnen allen!

———————————————————————————————————— ** gerade nochmal nachgelesen, Journelle und die britischen Ladies schwimmen bei 7°C , in Worten SIEBEN GRAD – brrrr! Vielleicht schauen Sie sich den kleinen, ganz am Ende verlinkten Film bei Journelle an (oder hier): alle sagen, dass sie sich nach dem Kaltwasserschwimmen besser, gut, glücklich fühlen! (Bei 17 Grad Wassertemperatur ist das Glück vielleicht weniger stark, aber auch noch fühlbar :-) )

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