Mimosen, Crêpes und eine Lesung

Da bin ich wieder. Ich arbeite mich langsam wieder nach vorne. Habe hunderte von Themen zum Nachtragen, vermutlich wird es mir nicht gelingen. Ebensoviele Themen sind unverblogbar. Machen wir einfach mit der Aktualität weiter: Die Mimosen blühen, und heute ist Chandeleur, Mariä Lichtmess, und in Frankreich werden traditionell Crêpes gegessen. Ich mache natürlich auch welche. Die runden goldgelben Crêpes haben einen symbolischen Bezug zur Sonne, und wenn man beim Crêpe-wenden (man wirft es elegant in die Luft) zusätzlich ein Geldstück in der Hand hält, soll einem das Geld nie ausgehen. Die ganze Crêpe-Tradition kann man ausführlich zum Beispiel bei Hilke Maunder nachlesen. In die Luft werfen. Von wegen. Gerade bei mir selbst nachgelesen, dünn und rund habe ich die Crêpes noch nie wirklich hingekriegt, aber dieses Jahr wurden sie abstrakte Kunstwerke, teilweise erinnerten sie mich an Quallen, und ich schabte sie mühsam aus der Pfanne. Dies ist ein ehrlicher Blog, ich hoffe, Sie wissen das zu schätzen. Ich habe übrigens drei verschiedene Pfannen ausprobiert. Sie gelangen heute in keiner. Dünne, runde Crêpes schüttelt man wohl nur aus dem Handgelenk, wenn man das von kleinauf gelernt hat. Lecker waren sie trotzdem und die Tradition ist auch gewahrt. Das ist ja das Wichtigste.

Wir aßen sie mit Zucker und Zitrone, mit Grand Marnier (Monsieur), und erstmals mit Caramel beurre salé. Hmmm, lecker! Und mit selbstgemachter bitterer Orangenkonfitüre. Die hingegen ist dieses Jahr gelungen!

Und, tatata, eine (etwas verpixelte) Ankündigung:

Am 23. März 2023 wird die Autorin in Heidelberg lesen und zwar in der Buchhandlung Schmitt & Hahn (in der Hauptstraße). Es geht um 20.15 Uhr los, Eintritt beträgt 12 bzw. 10 €, dafür gibt es ein Glas Wein, viele nette Menschen und ich lese aus “Von hier bis ans Meer” und “Verhängnisvolle Lügen an der Côte d’Azur”. Die Buchhandlung bittet um Anmeldung, wegen der Stühle und dem Wein, Sie verstehen. Anmelden kann man sich direkt im Laden (Hauptstraße 8), per Telefon: 06221-138371, per Mail: hauptstrasse8@schmitt-hahn.de oder auf der Homepage unter Veranstaltungen. Vielleicht sind Sie in der Nähe und haben am 23. März abends noch nichts vor? Würde mich freuen, viele von Ihnen dort zu sehen!

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Alle Jahre wieder …

… findet der kleine Weihnachtsmarkt in Châteauneuf d’Entraunes statt. So auch dieses Jahr. Meinen Text und ein paar Fotos davon finden Sie dieses Mal bei Hilke Maunder im schönen Frankreichblog –> click “Mein Frankreich”.

St. Nicolas

Natürlich schneite es rechtzeitig zum Weihnachtsmarkt – was hier aber so idyllisch aussieht, hat am Tag selbst alles durcheinandergebracht. Am Folgetag dann war es traumhaft: klirrende Kälte, Sonne und Puderzuckerschnee auf allen Berggipfeln rundherum.

am nächsten Tag: kalt, aber sonnig
Puderzucker-Schnee

So viel für heute. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

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Lipari

Ok, machen wir das mal ein bisschen flotter heute – weniger Text dafür mehr Fotos. Lipari ist die Hauptinsel und Lipari-Stadt ist wirklich (klein-)städtisch, “was Sie hier nicht finden, finden Sie auch auf keiner anderen Insel” heißt es im Reiseführer. Während auf Stromboli etwa 400 Menschen ganzjährig leben, sind es hier etwa 10.000 und es gibt etwa 350 aktive Fischer. Zum Vergleich, zwischen Monaco (ein einziger Fischer!) und Marseille gibt es etwa 30 Fischer, und nein, ich habe keine Null vergessen.

Lipari ist natürlich trotzdem nur ein Inselchen mit ein paar Dörfern entlang der 27 Kilometer langen, die Insel umrundenden Straße, – es lohnt sich nicht wirklich, ein Auto zu mieten. Wir haben den netten französischsprachigen Taxifahrer engagiert, der uns herumfährt – natürlich macht er nicht an jedem Kieselstein Halt, wie ich es vielleicht getan hätte, auf der Suche nach dem ultimativen Fotomotiv, aber wir sehen trotzdem etwas von der Insel. Viel Meer natürlich, die benachbarte Insel Vulcano, den berühmten Aussichtspunkt mit dem “Vier-Augen”-Blick (man braucht vier Augen, um alles Schöne gleichzeitig zu sehen), leider im Gegenlicht, und ein ehemaliges Bimssteinabbaugebiet durch dessen beeindruckende weiße Schluchten wir ein bisschen stolpern.

Blick auf Vulcano

Nach der Tour lässt uns unser Chauffeur am netten kleinen Hafen Marina Corta raus, der mich vom ersten Augenblick an Venedig erinnert, vermutlich wegen dem kleinen geschwungenen Brückchen, den vielen kleinen Booten und den am Wasser gestapelten Häuschen.

Er empfiehlt uns, noch am gleichen Nachmittag auf den Schlossberg zu steigen, nicht nur wegen des Archäologischen Museums, sondern vor allem wegen des Blicks von da oben, denn am nächsten Tag würde es regnen. Das machen wir dann natürlich auch brav, trotz all der Stufen (ächz) mir sind es dann aber zu viele alte Scherben, das Museum ist in mehrere thematische gegliederte Gebäude aufgeteilt, und ich lasse den Gatten sich alleine daran berauschen. Lipari hat nicht nur eine griechischen und römische sondern bereits eine prähistorische Geschichte und Monsieur kommt irgendwann müde, aber begeistert aus dem letzten Museum heraus. Ich warte derweil, blinzele in die Sonne, fotografiere dies und das und natürlich auch schlafende Katzen.

Am nächsten Tag regnet es tatsächlich. Es stürmt und schüttet, wie auch schon auf Salina. Glücklicherweise haben wir in der Hotelbibliothek unter den zurückgelassenen Büchern Nachschub gefunden, denn ich habe Zur See nun durch, und mit Annie Ernaux’ Les Années fremdele ich nach den ersten Seiten erneut, auch wenn Monsieur es “lesbar” findet und die Lektüre ihn in seine eigenen Erinnerungen versetzt.

(Kleiner Exkurs: Ich habe Les Années, Die Jahre in der Zwischenzeit auf Deutsch gelesen, und ich verstehe, warum es mir in französischer Sprache fremdblieb: es ist so wahnsinnig französisch, voller Anspielungen, Werbetexten, Liedzeilen, so voller politischer, kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung, so viele Namen, die mir nichts sagen, und die ich alle nachschlage, um tiefer zu verstehen, mir fehlt der Zugang zu diesen Erinnerungen, die ich nicht habe. Vieles bleibt auch in der deutschen Übersetzung unübersetzt, weil es sich eben nicht übersetzen läßt; das einzige, was ich an dieser Übersetzung von Sonja Finck, über die ich wie gesagt sehr froh und dankbar bin, weil sie mir das Buch überhaupt zugänglich gemacht hat, zu kritisieren habe, ist, dass ich an dem einen oder anderen umgangssprachlichen Ausdruck hängenblieb, von dem ich finde, dass die gewählte deutsche Entsprechung sprachlich mitunter etwas zu “jung” ist. Niemand in der Generation vor mir sagt meines Wissens “geil”, selbst ich sage es nicht, es sei denn mit ironischem Unterton. Aber das fällt vielleicht auch nur mir auf, weil ich mich beim Lesen fragte, wie wohl das ursprüngliche französische Wort gelautet hat und ich es nachlas. Egal. Die Lektüre hat mich nicht entmutigt und ich lese jetzt Eine Frau, das Buch, das Annie Ernaux über ihre Mutter schrieb, Monsieur liest in der Zwischenzeit amüsanterweise zeitgleich La place, über den Vater der Autorin. Exkurs Ende.)

Ich beginne aber an diesem Regentag den Roman von Petra Reski über die sizilianische Mafia, und auch das fühlt sich, wie auch schon der Inselroman von Dörte Hansen, absolut richtig an, es hier im Süden von Italien zu lesen. Ich sehe die Landschaft vor mir und fühle mich mittendrin. Ich spüre, dass Petra Reski weiß, von was sie schreibt und denke, vermutlich findet das alles genauso statt, auch wenn es unter dem Deckmäntelchen der Fiktion daherkommt. Die Geschichte, eine italienische Staatsanwältin, die, weil die Eltern “Gastarbeiter” in Deutschland waren, im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, und deutsche Sprache und Kultur verinnerlicht hat, ermittelt in Palermo hartnäckig aber ziemlich erfolglos gegen die italienische Mafia und ihre Verstrickungen in Deutschland, lässt mich mit einem unguten Gefühl zurück. Ich lese über Petra Reski und abonniere ihren Newsletter; ich verstehe, dass sie ihre Recherche über die Mafia jetzt lieber als Fiktion verkauft, damit sie weniger einstweilige Verfügungen und Prozesse am Hals hat. Ich lese auch über ihren Kampf gegen den #overtourism, den Ausverkauf Venedigs, wo sie lebt. Und auch dieses Thema passt auf die Insel, durch deren niedliche Altstadtgassen sich Touristengruppen drängeln, und so auch wir, und wir finden uns mittags alle in derselben, im Reiseführer gelobten und wirklich guten, kleinen Sandwich- und Weinbar. Bei uns gab es aber Bier, Wasser und Lemon Soda, die köstliche sizilianische Variante von Bitter Lemon.

Nun, ich lebe selbst in einer touristischen Stadt, aus der ich im Sommer, so ich kann, fliehe, ich finde Reisen generell durchaus nicht unproblematisch, aber ich habe auch keine Lösung; man kann den Menschen das Reisen ja nicht verbieten. Über all das auf dieser kleinen süditalienischen Insel nachzudenken, ist durchaus passend.

Nachdem Sturm und Gewitter etwas nachgelassen haben, ziehen wir unter tief hängenden Wolken Richtung Hafen und essen dort in einem Restaurant die Hälfte der fangfrischen Variante einer Dorade, und am Nachmittag bummele ich noch einmal durch die Stadt, kaufe Kapern als Mitbringsel

und schaffe es gerade noch rechtzeitig zum rosafarbenen Sonnenuntergang an den kleinen Hafen Marina Corta, wo jetzt, nachdem die Tagestouristen weg sind, die Einheimischen über den Platz flanieren und die Älteren auf Mäuerchen sitzen und plaudern. Ich will da nicht stören und zoome das von Weitem (mit dem Handy) diskret heran, weshalb die Aufnahmen bei dem wenigen Licht so ein bisschen flau sind.

Am nächsten Tag reisen wir zurück aufs Festland und verbringen noch anderthalb Tage in Catania.

wird noch einmal fortgesetzt

Und hier noch etwas Werbung in eigener Sache:

Am Sonntag, den 13.11.2022 um 16 Uhr lese ich in den schönen Räumen des CCFA, des Centre Culturel Franco-Allemand in Nizza aus meinem Buch “Von hier bis ans Meer”. Die Lesung wurde (nicht nur) wegen Covid bereits x-Mal verschoben und findet jetzt statt! Hurrah! Kommen Sie gerne, die Lesung ist in deutscher Sprache, der Eintritt ist kostenlos; Sie müssten sich bitte nur auf der Seite des CCFA anmelden.

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Salina

So, jetzt aber endlich Salina, sonst wird das nix mehr. Ich will ja auch noch über Lipari und Catania schreiben – aber kaum waren wir zurück von unserer wahnsinnslangen Reise (9 Tage!), schwappt der Alltag schon wieder über unseren Köpfen zusammen. So was schreibe ich und denke dann, das sagt man so nicht im Deutschen, oder? Zusammenschwappen über den Köpfen. Hm. Es schwappt hinein, und irgendetwas bricht über unseren Köpfen zusammen, eine Welle? Die Welle schwappt über? Die Welle bricht? Schlägt? Ich denke hin und her und tippe es dann bei Google ein und finde nichts. Ich schreibe und lese ja fast ausschließlich auf Deutsch und dennoch entgleitet mir meine Muttersprache und geht mir das Sprachgefühl verloren, und leider ohne dass mir das französische Sprachgefühl dafür sehr viel näher kommt. Also sehr viel näher als mir Französisch derzeit ist, kommt mir die Sprache wohl nicht mehr. Klar spreche ich besser Französisch als zu Beginn meines Hierseins, aber Spracherwerb jenseits der 40 bleibt wohl limitiert. Ich denke beim Schreiben über jeden deutschen Satz, über manchen Ausdruck und über die Schreibweise von Wörtern nach. Selbst “dass” oder “das” wird zunehmend zum Problem. Ich schreibe ohnehin langsam, so wird es nicht schneller, und der Alltag schwappt, schlägt, bricht oder dominiert schon wieder und raubt mir Zeit und Energie.

Salina also, die zweite der Äolischen Inseln, die wir besuchten. Ich finde ja immer, man kann noch so viel lesen, es ist dann doch anders, zumindest anders. als ich es mir vorgestellt habe. Wir verließen Stromboli mit der Abendfähre – eigentlich hätten wir die Fähre vormittags nehmen sollen, aber das habe ich nicht richtig verstanden (so viel zur Sprachkompetenz) und so warteten wir lange mit unserem Gepäck am Anleger (“Hafen” habe ich unwissende Landratte im letzten Beitrag geschrieben, Hafen ist das keiner! Nur ein Anleger, ein grauer Betonsteg, und die Fischerboote werden nebenan auf den schwarzen Strand gezogen) auf die letzte Möglichkeit, um an diesem Tag von dieser struppigen Insel wegzukommen. Wir sehen das Kommen und Gehen neuer Inselgäste, Wanderer, Rollkofferzieher, die meisten kommen in Gruppen. Ein junges Paar stürzt sich auf den Taxifahrer (in einem Golfcart!) und fragt auf Englisch, ob er sie schnell noch zum Vulkan fahren könne. Sie diskutieren lange. Nein, sie erwarten nicht, dass er sie zum Kraterrand führe, versicherten sie, aber so nah wie möglich ran eben, um Fotos zu machen, hallo! Instagram lässt schön grüßen. Neben uns döste eine der vielen Katzen und ich finde es absolut erstaunlich wie viele vorbeilaufende Touristen diese Katze anfassen mussten. Als hätten sie noch nie eine dösende Katze gesehen. Oh! Entzückensschrei! Eine Katze! Streichel, streichel. Oh wie süß, schau mal eine Katze! Streichel, streichel, Foto. Oh! Wie niedlich diese Katze schläft! Foto, streichel, streichel. Übergriffig, denke ich und warte darauf, dass die Katze irgendwann unwillig faucht oder ihre Krallen ausfährt. Aber nein, sie ist es wohl gewohnt und nahm es klaglos hin.

Auf Stromboli war es aufgrund der Aschewolke dunkel und kühl geworden und ich suchte in meinem Koffer nach einer warmen Fleecejacke, die ich über mein Sommerkleid zog; ich wusste, dass wir auf Salina in das ein paar Kilometer entfernt liegende Dorf Malfa und zu unserem Hotel kutschiert werden würden, und erwartete ein ähnliches Gefährt wie das auf Stromboli.

Zunächst kamen wir noch bei Panarea vorbei. Die kleinste der Inseln, angeblich die schönste und daher die Millionärsinsel, beim Jetset genauso angesagt wie Portofino oder Capri. Zwei Carabinieri in einem lächerlich wirkenden wenig Autorität ausstrahlendem Golfcart (!) beobachten, wer aus der Fähre ein- und aussteigt. Sicher ist sicher. Es kursieren Gerüchte, dass eine der angesagten Bars auf der Insel den russischen Oligarchen Abramowitch mit den Worten “We are full” nicht reingelassen hätte. Und nein, Abramovitch hat dann weder die Bar noch die Insel gekauft. Vermutlich ist man dort anderweitig geschützt.

Wir erreichen Salina, ich ziehe den Reißverschluss meiner Fleecejacke hoch und suche den Anleger nach einem Golfcart ab. Aber nein, ein Mann in einem schwarzen Anzug hält dezent ein Schild mit meinem Namen hoch und führt uns zu einem silbernen Mercedes Bus. Monsieur und ich fühlen uns kurzzeitig etwas unwohl in unserem Stromboli-verwilderten Outfit. Während der Fahrt tönt leise jazzige Musik aus den Lautsprechern. Wir fahren in einem richtigen Auto über richtige Straßen. Man lässt uns an einem Gassengewirr aussteigen und wir folgen im Dunkeln dem Kofferträger. Herrjeh. Ich suche unauffällig nach einem kleinen Schein in meiner Brieftasche. “Willkommen! Endlich sind Sie da!” Wir werden überschwänglich begrüßt wie lang verschollene Freunde, sie hatten uns eigentlich schon am Vormittag erwartet. Man platziert uns auf der Terrasse, serviert uns dort etwas Wasser, während die Anmeldeformalitäten erledigt werden. Dann geleitet uns die Besitzerin zu unserem Zimmer, unter freiem, jetzt nachtdunklen Himmel stolpern wir treppab, treppauf, treppab und wieder hinauf. Die Hotelanlage ist wie ein kleines Dorf angelegt, kleine lauschige Plätze, maximal einstöckige Häuschen und alles ist maximal verwinkelt.

Wir erreichen gerade noch das Zimmer, als es zu regnen anfängt. Regen, sage ich, es schüttet. Wir entschließen uns, der Einfachheit halber, im, mit einem Stern ausgezeichneten, Restaurant des Hotels zu essen, machen uns so schick, wie wir können, ziehen unsere Regenjacken darüber und kommen dennoch komplett durchnässt an. Man nimmt unsere durchweichten Jacken mit einer höflichen Eleganz entgegen, als handele es sich um edle Pelzmäntel. Wir werden in einen, mit Antiquitäten eingerichteten, Saal geleitet und Monsieur und ich kommen an einem großen runden Tisch zu sitzen, so weit voneinander entfernt, dass wir uns nicht einmal unbemerkt etwas zuzischen können. Wir sind die einzigen Gäste, in der Ecke drängelt sich Personal à gogo. Man reicht uns höflich die Karte an. Möchten wir die Karte auf Englisch oder Italienisch? Monsieur und ich, wir haben beide verschüttete Italienischkenntnisse und einen Teller Nudeln können wir durchaus auf Italienisch bestellen. Wir nehmen also die italienische Karte und sehen uns dann von weitem verzweifelt an. Wir verstehen nichts. Nur die Preise. Die englische Karte, die wir dann erbitten, ist auch nicht viel aufschlussreicher. Es gibt natürlich Degustationsmenüs, da müsste man sich nicht zwischen all dem Unverständlichen entscheiden und bestellte nur lässig das fünf-, sieben-, oder neungängige Menü und basta. Aber das ist uns, auch finanziell, etwas zu aufwändig, wir wählen beide einen Teller Nudeln, die natürlich nicht so heißen, aber Linguine und Tortelloni können wir herauslesen.

Wasser wird gereicht, als handele es sich um einen ausgewählten Champagner. Mehrere junge Servicekräfte nähern sich dem Tisch und servieren uns zunächst einen “Willkommensgruß aus der Küche”. In einem, wie es scheint, exakt ausgezirkelten Radius werden vor uns drei Schälchen installiert. Man tritt einen Schritt zurück und erläutert uns, was wir vor uns sehen. Ein etwa (ungelogen!) ein Zentimeter großes Stück Aubergine, deren aufwändige Zubereitung sich mir leider sofort wieder entzieht, eine Scheibe einer orangefarbenen Kaktusfeige, in irgendetwas Außergewöhnlichem mariniert, das weder Monsieur noch ich verstehen, und ein kleines Stückchen Weißbrot mit drei Würfelchen Tomate darauf. Bonne dégustation!

“Können wir bitte etwas Brot bekommen”, ruft Monsieur leicht verzweifelt, der fürchtet, dass er hier heute Abend verhungern wird. Aber nein, was für ein faux pas! Man verneint höflich, das Brot käme später, die reizenden Kleinigkeiten müssten wir “pur” genießen, um den Geschmack in seiner ganzen Komplexität auskosten zu können. Hahaha. Wir sind eindeutig zu hungrig und eindeutig zu wenig kulinarisch gebildet, um der Aubergine und der Kaktusfeige, geschweige denn den Tomatenwürfelchen irgendetwas Besonderes abschmecken zu können. “Aber er hat doch gar nichts an”, denke ich, und versuche Monsieur halblaut das Märchen von “Des Kaisers neue(n) Kleider(n)” zu erzählen, was sich aufgrund des Abstands als unmöglich erweist, der Gatte ist schwerhörig und ich will in diesem Ambiente die Stimme nicht heben. Es folgen weitere Grüße aus der Küche, ein cremiges Irgendwas im Kupfertöpfchen und ein weiteres Hmhm, an das ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnere, jedes Mal mit dem gleichen heiligen Ernst serviert. Aber dann kommen, unter je einer verzierten silbernen Kuppel, synchron serviert, unsere Nudeln, hurra, endlich was Richtiges zu essen, und zwei Grissini bekommen wir auch. Ich habe (eine natürlich viel kompliziertere Version von) Linguine Vongole und bin zufrieden, der Gatte, der sich mit Lamm gefüllte Tortelloni versprochen hatte, weiß nicht, was er da eigentlich isst, nach Lamm schmeckt es nicht und auch nach nichts, was wir kennen (ich probiere es natürlich). Es ist, im besten Sinne, neu und, ähm, überraschend. Wir entschließen, zusätzlich ein Dessert zu wählen – und, hurrah, die Zusammenstellung von hausgemachten Eissorten und Sorbets verstehen wir und können wir auch geschmacklich schätzen. Köstlich. Aber oh weh, wie anstrengend das alles!

So ähnlich verläuft auch das Frühstück am nächsten Morgen, man ist umwuselt von zu viel und überaufmerksamem Service, man hält es kaum aus, aber immerhin ist der Cappuccino ausgezeichnet.

Es regnet wieder und Monsieur zieht es vor, sich in dem luxuriösen Zimmer und dem bequemen Kingsize-Bett aufzuhalten und zu lesen. Ich bedaure rückblickend, dass ich mich nicht entschließen konnte, alleine die Insel zu erkunden, im Nachbardorf wurde nämlich der wundervolle Film “Il Postino – Der Postmann” gedreht, mit Massimo Troisi und Philippe Noiret in den Hauptrollen. Und so wie es aussieht, habe ich hier den gesamten Film in deutscher Sprache gefunden. Ich hoffe, Sie können ihn in Ihrem Land auch ansehen.

[Exkurs Stromboli]

Der Film Stromboli ist übrigens sehr beeindruckend! Ingrid Bergman hat darin allerdings keine sympathische Rolle: Am Ende des Zweiten Weltkriegs findet sich Karen in einem italienischen Internierungslager; nach Litauen (ihrem Film-Heimatland) kann (will) sie nicht zurück, zu ihrer Familie, die nach Argentinien ausgewandert ist, lässt man sie nicht reisen. Um dieser ausweglosen Situation zu entkommen, heiratet sie kurzentschlossen einen italienischen Soldaten, der um ihre Hand angehalten hat und ihr von seiner Mittelmeerinsel vorschwärmt. Als sie auf Stromboli ankommen und sie den aktiven Vulkan sieht und die drei ärmlichen Häuschen, ist sie fassungslos und wütend. Worauf hat sie sich da eingelassen? Sie, eine Tochter aus gutem Haus, modern, gebildet und frei, tut sich schwer in dieser archaischen Welt und mit ihrem ungebildeten Mann, der sich als Fischer verdingt. Sie ist unzufrieden und benimmt sich arrogant, und wird im Gegenzug von ihrer italienischen Familie und den meisten Einwohnern abgelehnt.

In dem Film wird übrigens auch eine Mattanza gezeigt, die sizilianische (gewaltsame) Art, Thunfisch zu fangen. Karen nimmt zufällig daran teil und ist so schockiert und angewidert, dass sie unter diesen “brutalen Schlächtern” definitiv nicht mehr leben will. Als sie schwanger wird, beschließt sie, die Insel zu verlassen.

Ich habe tatsächlich auch hier den gesamten Film gefunden, allerdings in der italienischen Fassung mit englischen Untertiteln.

Ingrid Bergman und Roberto Rossellini haben sich während der Dreharbeiten auf Stromboli leidenschaftlich ineinander verliebt, und lebten in dem kleinen und heute roten Haus zusammen, ein Skandal, da beide bereits verheiratet waren.

[Exkurs Stromboli Ende]

Zurück zu Salina: Viel mehr sehen wir nicht von der sehr grünen Insel, die anders als Lipari, wo das Wasser mit Tankschiffen vom Festland zur Insel gebracht wird, Quellen hat. Auf der Insel wird Wein angebaut, aus dem sie einen besonderen Süßwein machen, und überall wachsen Kapernbüsche; Kapern sind überhaupt die Entdeckung für mich auf diesen Inseln. Man fragt sich, wie man bisher ohne Kapern hat leben können, denn hier isst man sie in und zu allem (Sandwiches, Salat, Pizza, Nudeln mit Kapernpesto, es gibt sogar Kapernmarmelade!); sie haben einen ganz anderen Geschmack, als den, den ich kenne, sie sind ganz mild, da sie in Salz und nicht in Essig eingelagert werden. (Vor dem Zubereiten muss man sie entsalzen!) Zu Kapern werden übrigens die unreifen Blütenknospen, die dann, ähnlich wie Oliven, vorbehandelt werden müssen, um genießbar zu sein. Die Früchte der Kapern, wenn man sie reifen lässt, heißen (im Italienischen) Cucuncu. Und die Kapernblüte, leider nicht in echt gesehen, sieht wohl wunderschön aus, sehr zart, weiß, mit rosavioletten Staubblättern.

Es regnet weiterhin viel, wir trödeln so herum, und am Nachmittag, als es aufhellt, spaziere ich ein wenig durch das verschlafene und am Hang hängende winzige Dorf Malfa,

erstehe in der Apotheke erneut Hustensaft und Aspirin,

sehe von überall das Meer, den Hafen und den einzigen Strand von oben, zu dem ich nicht absteige.

Dann gönne ich mir, im geheizten Hotelpool herumzuplantschen (um meinen tapferen Knien eine andere Bewegung zu ermöglichen), kuschele mich anschließend in den dickflauschigen Bademantel ein und lese ebenfalls im gemütlichen Bett. Am Abend essen wir im Bistro am Platz, dort ist das Essen so schlecht, dass ich meinen Teller quasi unangetastet zurückgehen lasse.

Später erfahre ich, dass die Besitzerin des Hotels in den Neunziger Jahren aus den USA zurückgekommen ist; ihre Familie war zwei Generationen früher dorthin ausgewandert. Sie aber zog es zurück, back to the roots und auf die Insel und baute das Hotel auf – in dem seinerzeit die Filmcrew von “Il postino – Der Postmann” logierte und aß. Damals kochte aber natürlich noch nicht die Tochter der Hotelbesitzerin edle Sternemenüs, sondern der Gatte zauberte aus “Nichts” üppige Köstlichkeiten. Das hätte uns vermutlich auch (und besser) gefallen.

Am nächsten Tag reisen wir weiter nach Lipari.

wird fortgesetzt

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Tetiana

Zwischen zwei Vulkaninseln ein Update zu Tetiana und ihrer Familie. Ich werde immer wieder privat gefragt, und vielleicht interessiert es Sie ja auch, wie es ihnen in der Zwischenzeit geht.

Vor einem Monat, am 18. September, sind sie abgereist. Ich weilte an diesem Wochenende in Deutschland, die Lesung, Sie erinnern sich, und habe habe mich daher am Freitagnachmittag schon verabschiedet. Ich sagte ihr, dass wir froh seien, in dieser Situation etwas für sie haben tun zu können, sie sagte tausendmal Merci und sie würde die Zeit bei uns nie vergessen, wir umarmten uns fest und weinten beide ein bisschen. Ich sei wie eine zweite Mama für sie gewesen, sagte sie. Wir versicherten uns gegenseitig, dass wir uns für immer im Herzen behalten würden. Der große M nickte und lächelte stolz, als ich ihm sagte, dass er ein toller Junge sei, wie großartig er alles gemeistert und Französisch gelernt habe, und dass es mir/uns eine Freude war, ihn und sie bei uns gehabt zu haben. Dem kleinen M ist das alles herzlich egal, er spielt ein Spiel auf dem Handy und kann es nicht unterbrechen, um sich von mir zu verabschieden.

Es gab ein paar Tage vorher noch einen Schreck, denn Tetianas Mann war überraschend krank geworden. Ich habe bis heute nicht verstanden, was er hatte, aber er hatte eine schwere Infektion und man hatte ihn umgehend ins Krankenhaus eingewiesen, wo er innerhalb von nur 24 Stunden zweimal operiert wurde. Sein Leben war wohl in Gefahr und Tetiana war, verständlicherweise, vollkommen durch den Wind. Sie wollte sofort abreisen. Mit dem Flieger. Jetzt sofort oder am nächsten Tag, es gab aber nur teure und vor allem sehr umständliche Flugverbindungen, bei denen sie mit den Kindern und Gepäck hätten umsteigen müssen, um letzten Endes ab Krakau dann doch wieder in einem Überlandbus zu sitzen. Sie harrte hier also aus bis zum 18. September, versuchte den Alltag zu überstehen und ging jeden Tag mit den Kindern stundenlang an den Strand.

Wir hätten gerne ein Aschiedsessen gemacht, wenigstens mit den Freunden aus den Bergen, wir planten hier oder da, aber es war ihr alles zu viel, sie war gedanklich abwesend und konnte sich auch nicht mehr genügend konzentrieren, um Französisch zu sprechen oder zu verstehen. Wir haben es abgeblasen und ließen sie in den letzten Tagen weitestgehend in Ruhe.

Tetiana konnte auch all das administrative Höflichkeitsgedöns nicht machen; ich ging an ihrer Stelle zum Elternabend und erklärte der Direktorin die Situation und dankte für die herzliche Aufnahme der Kinder, desaktivierte ihr Konto beim Resto du Coeur und dankte den Damen ebenso für ihre Arbeit. Man versicherte mir, dass man das Konto, falls sie zurückkämen, jederzeit ebenso unproblematisch wieder altivieren werde. Was für ein Segen! Bank- und Sécurité Sociale lassen wir momentan noch laufen – wer weiß, was noch alles passiert.

Ihr Mann blieb weiterhin im Krankenhaus. Ich folge seinem privaten Konto auf Instagram, er ist dort normalerweise sehr munter und aktiv – in dieser Zeit aber meldete sich nur einmal, er sei sehr schwach, schrieb er, und er bat seine Freunde, für ihn zu beten.

Nun, als ich aus Deutschland zurückkam, waren sie weg – ich habe zwei, drei herzschwere Tage gebraucht, bis ich unten in “mein” Büro gehen, mich umsehen, den Kühlschrank leeren und die Handtücher und Bettwäsche wieder bei uns in den Schrank integrieren konnte. Ich dachte, alles, was sie vielleicht nicht mitgenommen hätten, an die Ukraine-Hilfe weiterzugeben, aber ich war erstaunt, die Wohnung ziemlich leer vorzufinden.

Vielleicht freut es Sie, die Sie sie mit Büchern und anderem unterstützt haben, zu wissen, dass sie beinahe alles mitgenommen haben. Ich habe keine Ahnung, wie sie sich organisiert haben, sie waren seinerzeit nur mit einem Koffer angereist. Sie müssen mit mindestens drei Koffern oder Kisten zurückgereist sein. Sogar die kleinen Tretroller (dank eines Decathlon-Gutscheins erworben!) sind mit in die Ukraine gefahren (ich sehe die Jungs via kleiner Instagramfilmchen in ihrer Stadt darauf herumsausen!), ebenso der Schulranzen und meine ins Russische übersetzten Krimis, die hier erworbenen Jeansjacken für die Kinder, die Sonnenbrillen, die Golfkappen, die Sport-Trikots und die T-Shirts (Das Dinosaurier-T-Shirt hat definitv das Spiderman-T-Shirt auf der Beliebtheitsskala des kleinen M abgelöst). Mich rührt das sehr, weil ich denke, die Dinge, die wir für Tetiana und die Kinder gefunden haben, oder die sie sich, dank Ihrer Spenden und dank der Gutscheine, angeschafft haben, haben ihnen wirklich etwas bedeutet.

Was bleibt sind ein Spiderman-Ball, mein abgeliebtes Kuschelschaf, das geliehene Playmobilhaus, ein paar Bücher und Schulhefte, Zeichnungen, ein Stück bemaltes Holz in Form eines Gewehrs, eine Bastelarbeit des kleinen M, und ein großes Gemälde, das der große M zum Ferienbeginn aus der Schule mitgebracht hatte.

Ich habe in der Zwischenzeit zwei sehr liebevolle auf Französisch verfasste Nachrichten von Tetiana bekommen. Sie denke täglich an uns, schrieb sie, mit dem großen M spräche sie weiterhin ein bisschen Französisch. Und sie war gerade rechtzeitig zurück, um ihrem Mann bei der dritten (!) OP beizustehen. Zeitgleich war ihre Mutter mit Covid ins Krankenhaus eingeliefert worden. Uff!

Mann und Mutter geht es wieder besser, beide haben das Krankenhaus verlassen. Ihr Mann schrieb mir vor ein paar Tagen, dass er nie vergessen würde, was wir für seine Familie getan hätten, und dass wir, wenn “alles” vorbei sei, zu ihnen in die Ukraine kommen müssten, wir gehörten nämlich jetzt zur Familie.

Der große M ist mit seinen Schulfreunden in die weiterführende Schule gekommen. Er strahlt auf dem Foto vor der Schule so erleichtert und glücklich, ich bin sehr froh, ihn so zu sehen. Der kleine M rollert derweil vergnügt und (Schul-)unbeschwert mit dem Tretroller herum.

Tetiana, ihr Mann und ich folgen uns gegenseitig auf Instagram und schicken uns Herzchen, hin und wieder ein paar Worte. Nach den letzten russischen Angriffen, klickte ich nervös auf Instagram herum; erleichtert sehe ich Ausflugsfotos mit Mann und Hund im Herbstlaub – die Jungs posieren cool vor Graffiti, Tetiana trägt die große Sonnenbrille im von der südfranzösischen Sonne gebleichten honigblonden Haar. Tetiana Arm in Arm mit ihrem Mann. Sie sehen ernst in die Kamera, #standwithukraine posten sie.

Das tue ich und habe in diesem Zusammenhang noch etwas auf dem Herzen: Ich habe einen weiteren Kontakt in der Ukraine, Victoria, ich habe schon einmal von ihr geschrieben. Eine junge Fotografin, die ich letztes Jahr während des Stipendiums in Nürnberg kennengelernt habe. Ich hatte Victoria zu Beginn des Krieges angeboten, zu helfen, das hatte sie damals noch abgelehnt. Kurz vor dem ukrainischen Nationalfeiertag, für den man starke russische Angriffe in der Ukraine fürchtete, hat sie dann doch ihre umkämpfte Stadt Kharkiv/Charkiv verlassen. Sie ist nun in Berlin gelandet. Hatte ein paar Tage hier und da in Übergangszimmern unterkommen können, für eine gewisse Zeit kann sie jetzt bei einer deutschen Familie mitleben, aber sie sucht eine eigene kleine Wohnung. Ich weiß, Berlin ist voll, es ist auch für Deutsche nicht leicht, etwas zu finden; ich habe schon meine sämtlichen privaten Kontakte in Berlin befragt, es gab Ideen und Hinweise, aber es hat sich bislang nichts Konkretes ergeben. Victoria ist 36, Nichtraucherin, Fotografin, spricht Englisch und hat ein Budget, um eine (kleine) Wohnung zu bezahlen. Falls Sie etwas wissen oder hören sollten, würde ich mich freuen, wenn Sie sich bei mir melden. Herzlichen Dank!

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Stromboli

Auch Südfrankreichbewohner müssen mal woandershin, um den Alltag für ein paar Tage hinter sich zu lassen – wir fahren da immer gerne nach Italien. Dieses Mal sind wir nicht nur nach nebenan gehüpft, sondern etwas südlicher gereist, wirklich gereist, mit Kofferpacken und Flug und Umsteigen und Fähre bis … auf die Äolischen Inseln, die Vulkaninseln vor Sizilien. Sieben gibt es, und sie sind allesamt vulkanischen Ursprungs, Stromboli und Vulcano haben auch noch aktive Vulkane zu bieten. Wir haben drei von ihnen bereist, Stromboli, Salina und Lipari, und um es vorwegzunehmen, alle (drei) sind unterschiedlich und bieten in kurzer Zeit ein Maximum an dépaysement, wie man hier sagt, Szenenwechsel.

Wir begannen mit Stromboli und es war eine gute Wahl, weil sie, zumindest von den drei von uns besuchten Inseln, die “wildeste” ist. Sagenhaft schöne Blicke aufs Meer, weiße kleine Häuschen im Würfelstil, eine Postkarten-Idylle sozusagen –

und dreht man sich um, hauen einen die struppige Natur, der raue kleine Hafen und der aktive Vulkan um. Dass der Vulkan stets und ständig grummelt und Lava spuckt, und an unserem Abreisetag einen derartigen Ausbruch hinlegte, dass die Aschewolke die Sonne verbarg und es am helllichten Tag grau und kühl wurde, ist durchaus beeindruckend. Ein paar Tage in Folge spuckte der Stromboli nun Feuer, Lava und Asche, und sämtliche Wandertouren zu seinem Gipfel wurden untersagt. Umso mehr fuhren die kleinen Boote hinaus und auf die Rückseite der Insel – zur Sciara del Fuoco, der “Lava-Rutsche”.

Davon leben sie auf der Insel – von den Touristen, die kommen, um den Vulkan zu bestaunen und/oder zu besteigen. Wandern ist für uns nicht mehr drin, so sind wir an einem Abend mit Kapitän Pippo und seinem Ausflugs-Boot rausgefahren, und ich habe etwa eine Million eher unscharfer Handy-Fotos vom Sonnenuntergang auf dem Meer und vom Mondbeschienenen Felsen Strombolicchio gemacht, wir hörten den Vulkan grummeln, graue Wölkchen erhoben sich, habemus papam, dachte ich, alle Gedanken führen nach Rom, und hin und wieder explodierten Steine, Asche und Lava rot im Nachthimmel. Ich fand es ausreichend beeindruckend.

Am nächsten Vormittag aber spuckte der Vulkan ein bisschen mehr als üblich – die Fischer und Ausflugsboot-Kapitäne hatten dramatische Fotos auf ihren Handys, die sie uns zeigten. Heute müssten wir nochmal rausfahren!, versuchten sie uns zu überzeugen. Heute fahren wir weiter nach Salina, sagte ich. Ach Salina, winkten sie ab, was ist schon Salina, wenn der Stromboli so dramatisch aktiv ist! Wir sind trotzdem nicht noch einmal rausgefahren, wir sehen es dann im Fernsehen.

So, ich habe mit dem Ende unseres Aufenthalts auf Stromboli begonnen, aber so haben Sie gleich ein bisschen Insel gesehen. Und auch den Bürgermeister, der von Lipari, der “Hauptinsel” angereist war, und von einem Carabinieri in einem der Inselwägelchen, im Prinzip ein (elektrisches) Golfwägelchen, Golfcart heißt das offiziell, abgeholt wurde. So wurden wir auch abgeholt und eierten auf der etwa einen Kilometer langen Straße zum Hotel. Es war mir vorher nicht klar, dass Stromboli lediglich ein langgestrecktes Dorf am Fuß des Vulkans ist, im Prizip nur ein Sträßchen mit ein paar Verästelungen hat, einen winzigen Dorfkern mit Kirche, Apotheke, Tante-Emma- und einem Trekkingladen und 400 Einwohner, basta! Es gibt zwar noch einen anderen Ort, Ginostra, der lediglich aus ein paar am Hang klebenden Häuschen besteht, es gibt aber keinen Fußweg dorthin, man kann es nur mit dem Boot erreichen, und sind die Wellen zu hoch, fährt die Fähre den Ort schonmal nicht an.

Ginostra, von der Fähre aus

Für den einen Kilometer Straße und engste Sträßchen gibt es verhältnismäßig viele Golfcarts, mit denen die Hotelgäste oder wenigstens ihre Koffer abgeholt werden, und für den Transport von allem anderen dienen die kleinen Ape 50, die dreirädrigen italienischen Lieferwägelchen. Ape heißt übrigens Wespe, Biene, wie ich gerade gelernt habe. Dazwischen rauschen noch ein paar Scooter durch, die meisten sind elektrisch.

Wir waren morgens um 4 Uhr aufgestanden, von Nizza über München nach Catania geflogen, dort wurden wir abgeholt und mit einem sehr effizienten Fahrer über die Autobahn quasi zur Fähre nach Milazzo geschossen; da wir bereits Verpätung hatten und zusätzlich einer der Koffer ums Verrecken nicht übers Band rollen wollte, war alles sehr knapp, wir kamen an und das Boarding auf der Fähre hatte schon begonnen! Die Fähre, ein Hydroglisseur, mit ausgefahrenen Skien, zischte uns dynamisch weiter bis nach Stromboli. Abends liefen wir schon bei lauen Temperaturen und rosa-gelbem Licht über die Insel, hörten zum ersten Mal den Vulkan grummeln, so dass ich vor lauter Ehrfurcht nur ganz leise sprach. Und von überall sieht man aufs Meer. Ich war gleich sehr verliebt in den Leuchtturm-Felsen vor Stromboli, den Strombolicchio, den ich in den nächsten Tagen in allen Farb- und anderen Variationen fotografiere.

Wenn man nicht auf den Vulkan wandern will oder kann, bleibt, im Meer zu schwimmen. Wir haben direkten Meerzugang (mit ein paar Treppenstufen immerhin),

ich höre und sehe morgens juchzende Schwimmerinnen im Wasser, die mir fröhlich winken, und oh, wie ich sie beneide! Ich kann zu meinem großen Bedauern nicht Schwimmengehen, denn ich habe mir kurz vor der Abreise eine Bronchitis zugezogen (beim Schwimmen im saukalt gewordenen Meer!) und mein Sport ist es, in den nächsten Tagen alle Insel-Apotheken aufzusuchen und immer wieder Hustensaft, Aspirin und Kodein-Tropfen zu erwerben. Da es auf den Inseln, außer auf Lipari, keine Krankenhäuser gibt, haben die Apotheker größere Handlungsfreiheit und geben auch Medikamente ab, für die man andernorts ein Rezept bräuchte.

Die Apotheken-Katze

Ansonsten lese ich gemütlich mit Meerblick auf der Terrasse vor dem Zimmer, und alle paar Minuten hebe ich den Blick und finde das Licht noch wundervoller und muss noch ein Foto machen,

Blick vom Bett aus

und lasse mich nur von kleinen Spaziergängen ins Dorf unterbrechen, um irgendwo Essen zu gehen.

Ich lese zunächst von Dörte Hansen Zur See und finde es ausgesprochen passend, dieses Buch, das auf einer kleinen Nordeseeinsel spielt, auf einer kleinen sizilianischen Insel zu lesen. Schon wenn man nur eine Stunde am Hafen herumlungert sieht man genug Ähnlichkeiten. Bärtige Fischer und Seemänner, die barfuß herumlaufen, und manch einer, der auch mittags schon vom Alkohol rotgeränderte Augen hat und die Inselstraße entlangschlingert, gibt es auch hier. Die Fähre spuckt mehrmals am Tag sehr viele Touristen aus, die dann ratternd über den Landesteg rollkoffern, und das, obwohl die Saison schon fast zu Ende, und die meisten Häuser und manch einer der Souvenirläden schon für den Winter verrammelt sind. Wir rollkofferten ja auch und ich lese von den Personen des Buches, die das Rollkoffergeräusch auf ihrer Insel nicht mehr ertragen und die sich nur noch zu den Touristenfreien Stunden, an den “Rändern” des Tages, frühmorgens oder spätabends bewegen. Ach ja.

Zur See ist kein Feelgood-Buch, ich mag es trotzdem und lese es nur in kleinen Häppchen, um lange etwas davon zu haben. Ich habe sonst nur noch Les Années von Annie Ernaux dabei, das ich vor Jahren schon einmal nur bis zur Seite 29 geschafft habe, das Lesezeichen liegt noch drin. Ich denke, ich sollte ihr als Nobelpreisträgerin eine zweite Chance geben. Aber so richtig reizt es mich nicht.

Stromboli und die Äolischen Inseln haben eine bewegte Geschichte, mit prähistorischen Siedlungen, griechischen und römischen Kolonialisten, später Piratenüberfällen, die die Siedlungen zerstörten und die Bevölkerung als Sklaven verschleppten, und immer wieder dramatische Erdbeben und Vulkanausbrüche. Der letzte Ausbruch, der große Zerstörungen anrichtete und zu einer Auswanderungswelle in die USA führte, war 1930. Erst der Film “Stromboli” den Roberto Rossellini 1954 mit Ingrid Bergman dort gedreht hat, machte die Insel(n) bekannt und zog fürderhin Touristen an. Das Haus, in dem Ingrid Bergman während des Drehs wohnte, ist noch zu sehen. In unserem Hotel hängen Schwarz-Weiß-Fotos von den Filmaufnahmen an den Wänden. Ich habe den Film, den es anscheinend nur in italienischer Sprache gibt, bestellt und bin gespannt! (Trailer am Ende)

Ingrid-Bergmann-Haus

Wir essen in den nächsten Tagen zweimal im Restaurant “Retrovo Ingrid” mit einem noch großartigeren Meerblick, als wir ihn sowieso schon haben.

Monsieur geht an einem der nächste Tage, ganz unsolidarisch mit mir, schwimmen. Das Mittelmeer ist hier noch nicht so kalt wie bei uns zu Hause, ich gehe trotzdem nur mit den Füßen rein, ich huste noch zu viel, bin aber ziemlich stolz, weil wir bis zu einer kleinen Bucht durch Lavagestein klettern, meine Knie halten gut durch!

Ich sehe überall Wesen …

Der größte Strand der Insel, der gleichzeitig auch am wenigsten steinig ist, liegt links vom Anlegersteg. Ich finde ihn wenig einladend, aber ich weiß noch nicht, oder sagen wir, ich weiß es schon, kann es mir aber nicht vorstellen, dass die anderen Inseln keinen oder fast keinen Strand haben, und wenn, dann ist der Weg dorthin lang und steil und damit für mich nicht machbar, und der Strand dann unbequem grobsteinig. Insofern gelten die schwarzen und beinahe sandigen schwarzen Strände von Stromboli als “besonders schön”.

Irriterend find ich die Hinweisschilder auf Fluchtwege bei Tsunamigefahr. Könnte ich im Zweifelsfall wirklich so schnell weg und bergauf fliehen? Und renne ich dann nicht dem Vulkanausbruch entgegen?

So viele Kontraste und gleichzeitig so viel Befremdliches auf so wenig Insel rütteln einen, selbst, wenn man den Vulkan nicht besteigt, aus seinem Alltag.
Zum Abschluss von Stromboli den Blick von der Frühstücksterrasse.

Und hier der Trailer zu Stromboli, Terra di Dio.

wird fortgesetzt …

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Malpasset

Vielleicht haben Sie es schon gesehen, Hilke Maunder hat auf ihrem Blog einen Text meines Mannes Thierry Cazon, Ihnen eher als “Monsieur” bekannt, veröffentlicht. In der Serie “Mein Frankreich” gibt Hilke auf ihrem Blog anderen Menschen Raum zu erzählen: in der Regel erzählen sie, wie sie Frankreich entdeckten oder welches Ereignis ihre Liebe zu Frankreich begründet hat. Thierry ist Franzose, er musste Frankreich nicht entdecken, aber er erzählt von einem Ereignis, das sein Leben geprägt hat: Der Staudammbruch von Malpasset.

Das Thema kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder, ich habe die Geschichte des Staudammbruchs, basierend auf den Nachforschungen von Thierry, für meinem letzten Kriminalroman “Verhängnisvolle Lügen an der Côte d’Azur” verwendet.

Wenn Thierry sich nicht seit fast zehn Jahren so an diesem Thema festgebissen hätte, wäre dieser Roman nicht entstanden. Ihn hat die Arte Dokumentation vom 22. Januar 2013, die sich eigentlich um die schwierige deutsch-französische Annäherung drehte, und in der, quasi in einem Nebensatz, gesagt wurde, dass der Staudammbruch von Malpasset, den er als Vierzehnjähriger miterlebt hat, und der in Frankreich bis heute als tragisches Unglück gilt, in Wahrheit ein terroristisches Attentat gewesen sei, aufgerüttelt und schockiert.

Seit dieser Zeit wollte ich die Überreste des Staudamms, heute eine Gedenkort unter freiem Himmel, besuchen. Einmal konnten wir nicht bis an den Ort vordringen, da die Zufahrtsstraße vom wieder frei fließenden Flüsschen Reyran nach ein paar Regentagen geflutet war, dann war Covid und das Herumfahren war nicht erlaubt, aber Anfang letzten Jahres, als klar war, ich werden den Krimi darüber schreiben, ließen wir uns auch von der erneut gefluteten Zufahrtsstraße nicht mehr abhalten und zischten mit unserem Mini-Auto, das somit eine unfreiwillige Unterbodenwäsche bekam, mutig durch die Furt, um den Gedenkort Malpasset zu erkunden.

Beginn des Rundwegs

Es ist interessant, zu erwähnen, dass es, solange ich an meinem Kriminalroman arbeitete, stets dieselben kleinen Videos und Zeitungs- und andere Artikel im Internet gab, alles in allem nicht mehr als eine Handvoll deutscher und ein paar mehr französischer Quellen.

Nachdem Thierry seinen Text an ein paar Menschen in seinem Umfeld gesandt hatte, explodierten quasi über Nacht die Beiträge im Internet und “ertränkten” somit die Domain(s) die Thierry kreiert hatte. Gerade habe ich erneut probehalber “Malpasset” bei Google eingegeben, das mir heute erstaunliche 280.000 Einträge findet! 280.000, stellen Sie sich das mal vor! Darunter, und stets an prominenter Stelle ein Beitrag von France Météo, dem französischen Wetterdienst, der eine Seite “pluiesextremes” (extremer Regen) geschaffen hat, die einen Experten zitiert, der Malpasset als Beispiel für einen Staudammbruch aufgrund starken Regens aufführt. Alle anderen der angeblich alten, aber im Prinzip neuen zweihundertachtzigtausend Beiträge, Sie denken sich das, verteidigen (in zum Teil für den Laien unverständlichen technischen Veröffentlichungen) ebenso die These des Unglücks. Natürlich liest (überfliegt) man nur die ersten zehn oder zwanzig Texte oder sieht ein paar Videos, dann gibt man es auf. Malpasset war ein Unglück. Sagen doch alle.

Wenn Sie uns helfen wollen Thierrys Domains wieder aus den Fluten der anderen Artikel zu fischen und sichtbar zu machen, dann klicken Sie gerne hier (Text deutsch) oder hier (Text englisch) oder hier (Text französisch).

Gerade habe ich in Massen bei Unna unter anderem aus ebendiesem Krimi (“Verhängnisvolle Lügen …”) gelesen; das Thema des Staudammbruchs berührte die Menschen dort vielleicht mehr als an anderen Orten, denn Unna hat vor fast 80 Jahren seinen eigenen Staudammbruch erlebt. Die nahe liegende Möhnetalsperre wurde, ebenso wie die Edertalsperre, in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1943 von der britischen Luftwaffe während der “Operation Chastise” (meint “Züchtigung”) bombardiert, und riesige Flutwellen zerstörten die umliegenden Orte. Brücken, Viadukte, Häuser wurden von der Wucht des Wassers davongespült, mehr als tausend Menschen ertranken. Darunter, und das ist besonders tragisch, über 700 französische und ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die in der dort ansässigen Rüstungsindustrie arbeiten mussten, und die in einem Lager unterhalb der Möhnetalsperre, eingesperrt waren. Fast keine von ihnen hat überlebt.

Das Buchhändlerehepaar hatte für mich einen Ausflug dorthin organisiert, da sich aber aufgrund des verspäteten Fluges alles verzögerte, sah ich die wieder aufgebaute und intakte Möhnetalsperre nur beeindruckend groß und düster und, aufgrund neuer Energiesparmaßnahmen, beinahe unbeleuchtet in der Nacht. Wir liefen durch Wind und Wetter über den Damm. Aber den riesigen Stausee, der in der Gegend als “kleines Meer” bezeichnet wird, und an dessen Ufer wir entlangfuhren, konnte ich nur erahnen.

Zum Abschied schenkte man mir ein Buch (alle Anwesenden haben es mir signiert!): “Nachtauge” (von Titus Müller), der die tragische Geschichte der Bombardierung der Möhnetalsperre in einen fesselnden Roman gepackt hat. “Nachtauge”, das denken Sie sich, ist derzeit meine Bettlektüre. Es ist sehr spannend, zwei Handlungsstränge werden nebeneinander erzählt und stoßen schließlich aufeinander, – einmal der, um die kaltblütige deutsche Spionin “Nachtauge”, die mit allen Mitteln versucht, etwas über die ultra-geheimgehaltene “Operation Chastise” (die Bombardierung der Möhnetalsperre) in Erfahrung zu bringen, sowie der, um die ukrainische Zwangsarbeiterin Nadjeschka, die mit anderen russischen und ukrainischen jungen Frauen in der Munitionsfabrik in Neheim Schwerarbeit leistet. Gerade bin ich lesend an der Stelle angelangt, wo die Möhnetalsperre bombardiert wurde und die Flutwelle das unterhalb liegende Städtchen Neheim erreicht. Dass ich selbst gerade vor Ort war, macht mir die Lektüre noch eindringlicher.

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Über das Schwimmen

Gerade habe ich Journelles Instagram-Schwimm-Account #schwimmschön durchgesehen und alle Beiträge der Gesellschaft für schönes Schwimmen, einer Facebookgruppe, der ich angehöre – ich wollte gerne einen Beitrag nachlesen, nämlich den, in dem Journelle im Londoner Ladies’ Pond, einem kleinen Naturbadesee, schwimmen geht, und zwar, meiner Erinnerung nach, mitten im Winter. Ich habe den Text und die Bilder leider nicht mehr gefunden, vielleicht war es auf ihrem Blog – der jetzt geschlossen ist.

Die unter Ihnen, die sie kannten, wissen es schon, Journelle ist vor kurzem plötzlich gestorben. Manche haben etwas geschrieben. Smilla hat einen liebevollen und einfühlsamen Nachruf verfasst, der Journelles Liebe zum Schwimmen in den Mittelpunkt stellt. Ich wollte dem eigentlich Nichts hinzufügen, denn ich kannte Journelle nicht persönlich. Aber ich denke in den letzten Tagen so viel an sie. Jedes Mal, wenn ich schwimmen gehe, ist sie präsent.

Journelle hat einmal einen Vortrag gehalten mit dem bizarren Titel “Das Internet hat mich dick gemacht!” – da geht es um weibliche Vorbilder und darum, wie gut es tut, in den Medien selbstbewusste dicke Frauen zu sehen. Dicke Frauen, die sich in ihrem Körper wohlfühlen, die Sport machen, Mode präsentieren oder einfach nur “da” sind. Sie verstehen schon, es ist nicht das Ziel dick zu werden, aber es geht darum, es sein zu dürfen und als dicke Frau ohne Scham sichtbar zu sein.

Mich haben die Bilder von Journelle, die sich manchmal fast kämpferisch stolz im Badeanzug zeigte, seinerzeit ermutigt, meinen Körper nach Jahrzehnten des Versteckens in viel schwarzem Stoff, im Bikini am Strand zu zeigen. Allerdings habe ich den entsprechenden Text auf meinem Blog nur ganz kurz geschaltet, und ihm kein Foto beigegeben, so verschämt war ich noch. In der Zwischenzeit weiß ich schon gar nicht mehr, wie unwohl ich mich gefühlt habe, so normal und befreit bewege ich mich jetzt. Das Internet hat mich, auch Dank Journelle, schambefreit.

In der Gesellschaft für schönes Schwimmen, in die ich aus Bewunderung und Respekt für Journelle eingetreten bin, und weil sie mit ihrer Wasser- und Schwimmliebe etwas in mir zum Klingen gebracht hat, fühlte ich mich dennoch die meiste Zeit fehl am Platz. Ich bin zwar bekennende Baggersee- und Kiesgrubenliebhaberin und verbrachte in einem früheren Leben viel Zeit im wundervollen Naturfreibad Woog in Darmstadt, und lebe jetzt mit dem Meer quasi vor der Haustür, kann aber nicht wirklich gut schwimmen, habe es trotz Schwimmunterricht in der Schule (mit rabiaten Sportlehrern, die einen grob kopfüber ins Wasser geworfen haben) auch nicht wirklich gelernt, und schwimme daher auch nicht so leidenschaftlich gerne wie all die anderen, die in dieser Gruppe Mitglied sind, aber dennoch rührten die dort veröffentlichten begeisterten Schwimmberichte und die Fotos von Seen und Bädern etwas in mir an. Eine Zeitlang stellte Dirk (nicht nur Berliner) Schwimmbäder vor. Großartige Serie!

Seit Mai schwimme ich nun aus gesundheitlichen Gründen (fast) jeden Tag im Meer, mit Flossen, um meine Beinmuskulatur zu trainieren, die die fragilen und schmerzenden Knie halten soll. Anfangs bin ich mit den Flossen und dem Schwimmbrett fast abgesoffen, so wenig wussten meine Beine und Muskeln, was sie tun sollten. Ich strampelte trotzdem tapfer durchs Wasser. Sie wissen es, ich bin sehr kurzsichtig und trage eine Brille – mit der ich lange Zeit verkrampft und hoch erhobenen Hauptes schwamm, nur nicht die Brille verlieren, schwimme ich hingegen ohne, bin ich verloren. Die Angst vor dem Wasser und insbesondere die, mit dem Kopf unter Wasser zu gehen, hängt sicherlich damit zusammen. Ich weiß nicht, wann sich diese Angst eingeschlichen hat, aber sie ist seit langer Zeit da.

Immerhin besorgte ich mir Einmal-Kontaktlinsen, sie sind nicht an meine Augen angepasst (das wäre viel zu teuer), aber ich sehe damit annähernd alles und fühle mich im Wasser nun freier. Eine Schwimmbrille erstand ich auch und ich versuchte damit mutig, eine Ausatmung lang, den Kopf unter Wasser zu halten – das erste, was ich dabei sah, war ein kleiner Schwarm silbriger Fischchen, die um meine Füße herumschwammen! Ich war darüber so beglückt, dass ich von nun an den Kopf immer wieder unter Wasser stecke. Ich bin so stolz, das hingekriegt zu haben! Ich kann in der Zwischenzeit auch entspannt bäuchlings schwimmen und locker mit den Füßen paddeln, und habe seit neuestem ein Paar richtiger (kurzer) Sportflossen.

Ausgebremst wurde ich in diesem Sommer nur hin und wieder von Feuerquallen, von zu viel Wind und damit zu hohen Wellen und manchem Bergaufenthalt. Seitdem die Quallen weitestgehend abgewandert sind, bei Ostwind werden sie tatsächlich immer noch und wieder vermehrt angetrieben, schwimme ich jetzt auch weitere Strecken. Also weit ist relativ, ich schwimme bis zur Boje, die den Schwimmbereich im Meer signalisiert, das sind etwa 350 Meter, dann biege ich nach rechts oder links ab, wenn irgendwo ein Fischer arbeitet oder ein Fischnetz signalisiert ist, nehme ich die andere Richtung. Andere SchwimmerInnen wählen in der Regel jetzt die Richtung gegen den Strom, damit das Schwimmen auf dem Rückweg, wenn man schon müde ist, mit dem Strom leichter wird. Mir ist das egal, ich schwimme nur zwei Bojen weit. Und dann eben alles wieder zurück. Das ist eine Schwimmstrecke von etwa einem Kilometer. Das ist vielleicht nicht viel, ich schwimme sie aber erstens täglich und zweitens entspannt und darauf bin ich ziemlich stolz! Für mich ist es auch ausreichend, um danach meinen Körper zu spüren, aber ohne für den Rest des Tages erschöpft zu sein.

Schwamm ich anfangs nur aus “Vernunftsgründen” wegen der Knie, was übrigens wirklich funktioniert, weshalb ich “dranblieb”, so fing ich langsam an, das Schwimmen wirklich zu lieben. Morgens, noch vor dem Frühstück und leicht unausgeschlafen, gehe ich los und beginne den Tag im Meer. Kann es etwas großartigeres geben?

Zwischen Möwe und Fischer

Das Meer aber beeindruckt mich auch. Jetzt im Herbst, wenn es windig ist, ist es sehr bewegt. Am Montag früh hingen die schwarzgrauen Wolken vom verregneten Wochenende noch tief und ich war erstmals ganz alleine am Strand. Wirklich ganz alleine – auch im Meer. Ich schwamm meine Strecke, aber erstmals habe ich mich nicht so richtig wohl gefühlt. Daher habe mich einer losen Schwimmgruppe angeschlossen, eine andere “Gesellschaft für schönes Schwimmen”, wenn man so will: alles erfahrene Schwimmer und Schwimmerinnen, die sich täglich treffen und dann zwischen zwei und drei Kilometer schwimmen. Auch im Winter! Anfang der Saison habe ich sie schon einmal aufgesucht, mich damals aber noch nicht getraut, mit ihnen schwimmen zu gehen. Jetzt werde ich es tun! Ich will weiterhin jeden Tag im Meer schwimmen, vielleicht auch den ganzen Winter über (so das Wetter es zulässt). Ich freue mich so!

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Eine Lesung!

Ich bin noch ganz erfüllt von meinem Lese-Sonntag in Unna-Massen! Der Saal war voll und das trotz Regenwetter und Stau auf der Autobahn! Viele Menschen “von außerhalb” hätten sich angemeldet, teilte mir der Buchhändler mit, er hatte Zweifel, ob die bei dem schlechten Wetter (wenn man den Regen, auf den wir alle so lange gewartet haben, schon gleich wieder als “schlechtes Wetter” bezeichnen will) wirklich kämen. Aber ja, sie kamen alle und haben die weite Anfahrt von Wuppertal und Köln und von ichweißnichtwoher nicht gescheut! Von ganzem Herzen Dank dafür, ich habe mich sehr gefreut, treue Leser und Leserinnen kennenzulernen, die seinerzeit sogar bis nach Châteauneuf gereist waren und mich dort aber knapp verpasst haben. Dieses Mal hat es geklappt! Es hat mich ebenso wahnsinnig gefreut, überraschend angereiste Freundinnen (und Ex-Kolleginnen) in die Arme zu schließen! Und ich habe mich über alle anderen Leser- und Leserinnen gefreut! Wie toll, dass Sie da waren!

Dabei fing es gar nicht gut an. Monsieur fuhr mich am Samstag in aller Frühe an den Flughafen. Die Sicherheitskontrolle dauert nicht allzu lang, ich habe genug Zeit zu frühstücken, denke ich zumindest, aber die Warteschlange für den Kaffee ist schier unendlich. Ich schütte den Kaffee in mich hinein, esse nur das halbe Sandwich und stehe erneut unendlich lange an der Toilette an. Dann soll schon gleich das Boarding beginnen, das Flugzeug ist da, die Menschen stehen bereits an, aber nichts passiert. Wir warten. Ich erhalte alle paar Minuten eine Nachricht auf meinem Handy, dass sich das Boarding verzögere, als merkte ich das nicht auch so. Ein Mitarbeiter der Flugcrew benötige medizinische Hilfe dringt irgendwann zu uns durch. Ich hoffe, es ist nicht der Kapitän, scherze ich mit einer Dame, die das offenbar nicht witzig findet. Wir warten. Dann schreit eine deutlich überforderte Bodenstewardess (keine Ahnung, ob man das noch so nennt) in Französisch und unverständlichem Englisch, dass sie nur ihren Job mache und es gebe eben Regeln und sie könne auch nichts dafür. So richtig verstehen wir nicht, was los ist, aber nun erscheint der deutsche Kapitän und erklärt auf Deutsch, dass auf dem Hinflug aufgrund der Turbulenzen eine Flugbegleiterin gestürzt sei und sich verletzt habe. Sie habe sich einen Zahn ausgeschlagen, habe starke Blutungen und musste zunächst verarztet werden. Es gehe ihr besser, aber sie könne nicht mehr auf dem Rückflug eingesetzt werden. Man habe also nur noch zwei FlugbegleiterInnen, die Regel besage, dass das Flugzeug dann nur mit 100 Passagieren besetzt sein dürfe. Wir seien 150. Man suche, verspricht er, für die 50 Passagiere, die nicht mitkämen, eine Lösung noch am gleichen Tag. Aufruhr in der wartenden Menge. Manche Passagiere hatten schon am Vorabend das Vergnügen, dass ihr Flug annuliert worden war. Wie werden die Passagiere, die ins Flugzeug dürfen, ausgewählt, fragen wir uns. Werden die ausgelost? Nun, zunächst dürfen die Businessclass-Passagiere hinein, dann Familien mit Kindern, davon gibt es mehrere, dann ältere Menschen, auch ein Paar mit einem Hund ist dabei. Ich erkläre drei Franzosen, die sich von hinten durchgeschlagen, aber den Kapitän nicht verstanden haben, auf Französisch den Sachverhalt. “Wir müssen mitfliegen”, sagen sie entschieden, “wir arbeiten morgen!” Ich sehe, wie sie sich nach vorne durcharbeiten, die Dame am Schalter scannt ihre Bordkarte und die drei Franzosen verschwinden im Gang zum Flieger. Hallo! Ich arbeite auch morgen! Ich habe eine Veranstaltung! Ich drängele mich jetzt also auch nach vorne durch, etwas, was ich nicht richtig kann und auch nicht mag. In Frankreich stehe ich oft als erste irgendwo an und komme, weil ich nicht drängeln mag, als letzte rein. Franzosen stehen keinesfalls so diszipliniert in einer Schlange, wie wir es gerade in England gesehen haben, und sie sind irgendwie gewieft im Vorfrängeln, das aber nur am Rande. Ich erreiche den Schalter. Vor mir stehen noch drei Personen, als die Bodenstewardess sagt “nur noch eine Person!” Mir wird heiß. Ich sehe die Lesung ausfallen, all die Menschen die kommen wollten! Der Buchhändler, der so viel vorbereitet und geplant hat, mit Musik und Kaffee, Crepes und Kuchen. Ich bleibe trotzdem stehen. Die Bodenstewardess überprüft die Liste. Lange. Sie diskutiert mit einer hinzugekommenen Kollegin. Es ist unklar, wieviele Personen noch rein dürfen. Drei? Fünf? Zwei Businessclass-Passagiere haben sich verspätet und werden ausgerufen. Sie kommen abgehetzt von irgendwoher und ziehen an uns vorbei. Die junge Frau direkt vor mir ist eine Stand-by-Fliegerin und steht nicht auf der Liste, während sie mit der abgekämpften Stewardess verhandelt, nimmt die neu hinzugekommene Kollegin mein Handy, scannt wortlos meine Bordkarte und scheucht mich ins Flugzeug, den Mann hinter mir auch. Schluss.

Uff! Ich sitze im Flugzeug, aufgrund der Umstände allein in einer Reihe und habe ausnahmsweise einen Fensterplatz. Hinter mir sitzt das Ehepaar mit dem Hund. Ich rufe den Buchhändler an, sage dass wir uns verspäten. Es geht aber nicht los, im Gegenteil, es rumpelt unter mir. Der Kapitän informiert uns, dass das Gepäck der Menschen, die nicht mitfliegen, wieder ausgeladen werden muss. Ich sehe aus dem Fenster wie sich zwei Männer mit einer Liste in der Hand mühsam durch die auf dem Rollfeld herumstehenden Koffer wühlen und die suchen, die dableiben. Ich nehme mir vor, für die nächste Reise ordentliche Kofferetiketten anzuschaffen. Dieses Mal bin ich nicht betroffen, ich habe nur ein winziges Handgepäckstück bei mir. Das mit den Koffern dauert gut anderthalb Stunden. Der Kapitän läuft durchs Flugzeug und checkt die Stimmung, hier und da scherzt er auch: “Sorgen müssen Sie sich erst machen, wenn Sie sehen, dass ich das Flugzeug verlasse”. Das Ehepaar hinter mir rechnet aus, seit wann der Hund in der Tasche sitzt und wie lange er es problemlos aushalten kann.

Zack, die Klappe unter mir wird geschlossen. Es geht los. Die beiden verbleibenden Flugbegleiterinnen beginnen mit der Sicherheitunterweisung. Ich schaue ausnahmsweise zu. Es geht aber doch nicht los. Der Kapitän informiert uns, dass aufgrund des schlechten Wetters im Rest von Europa (in Nizza ist bestes Wetter) nur wenige Flugzeuge von der Flugsicherung die Erlaubnis erhalten zu starten. Wir sind nicht dabei. Manche Eltern laufen mit ihren ungeduldigen Kleinkindern durch das Flugzeug. Andere wechseln weinenden Babys die Windeln. Ich schicke dem Buchhändler, der mich in Unna abholen wollte, eine SMS.

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Beitrag auf Instagram die “5 Tipps einer Flugebegleiterin” gelesen. Einer der Tipps war, immer einen Snack dabeizuhaben, denn “you never know” … warum auch immer ich genau diesen Tipp dieses Mal beherzigt habe, ich weiß es nicht, aber ich habe noch ein halbes Sandwich, hatte zusätzlich Kekse, Wasser und ein kleines Fläschchen Orangensaft gekauft. Das hilft in den folgenden Stunden, denn es gibt nix, absolut nix zu essen oder zu trinken, weder jetzt und schon gar nicht später, als wir durch die Turbulenzen hüpfen, denn ja, irgendwann fliegen wir dann doch los. Aber der Kapitän, der schon eine verletzte Stewardess zu beklagen hat, untersagt, dass die beiden Verbleibenden durchs Flugzeug laufen und was auch immer servieren.

Es geht los

Außerdem habe ich ein Buch dabei, das ich beim letzten Deutschlandaufenthalt in einem fast neuen Zustand aus einer der Ex-Telefonzellen-Tausch-Bibliotheken mitgenommen habe. Mariana Leky “Was man von hier aus sehen kann”. Ich schaue, was ich von meinem Bullauge in Reihe 18 aus sehen kann. Ein bisschen Flugzeugflügel und grauen Betonboden. Das Buch passt. Auf dem Vorsatzpapier hat ein Mann seine Handynummer hinterlassen, für die Frau, die einen “richtigen Mann” suche. Er gibt seine Maße mit an. Ob sowas funktioniert? Ich rufe ihn nicht an. Aber ich liebe das Buch, von dem ich zwei Drittel auf dem Hinflug (und später im Zug) lese, das letzte Drittel auf dem Rückflug.

Durchs Ruhrgebiet

Ich komme an, auch der Zug hat noch ein bisschen Verspätung aufgrund außerplanmäßiger Halts, aber ich komme an, ich werde abgeholt und von da an ist alles gut. Das Buchhändlerpaar ist reizend, ich werde rundumversorgt, mit Essen, Schokoladentorte, sogar mit warmer Kleidung, denn ich habe viel zu leichte Kleidung an und dabei. Auf die plötzlichen 12 Grad in Deutschland konnte ich mich bei warmen 26 Grad in Cannes nicht richtig einstellen.

Ich habe noch nie bei einer Veranstaltung gelesen, wo alles so liebevoll gestaltet war. In einem Gemeindesaal sind die Tische für Kaffee und Kuchen gedeckt, mit Blumen, rot-weiß-blauen Servietten, selbst gestalteten Karten mit Fotos von Cannes und der Côte d’Azur. Es gibt Crêpes und Kuchen, später salzige tartes, Crémant und Mineralwasser, das Eau la la heißt.

Eau la la

Eine Sängerin mit ihrer kleinen Band singt französische Chansons, ich lese, ich signiere, plaudere und mache Selfies mit LeserInnen. Es war sehr schön! Herzlichen Dank an Klaus Steinlage, Irmtraud Schega und allen Helfern und Helferinnen, und herzlichen Dank Ihnen allen, die da waren!

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Das 2. DEFA-Festival in Cannes

Es war toll! Wir sollten mehr dieser Veranstaltungen machen, bat uns der derzeitige Kinobetreiber des Olympia in Cannes, denn bei den von uns gezeigten Filmen, obwohl sie nicht einmal plakatiert waren, d.h. es war eine reine Insider-Veranstaltung, Geheimtipp sozusagen, waren die Säle voller als bei anderen Filmen, die derzeit im Kino laufen. Das muss man erstmal schaffen, an einem sonnigen Sonntagmorgen um halb elf 50 Leute für einen alten unbekannten Schwarz-Weiß-Film ins Kino zu bekommen. Der Saal war halbvoll, ja, stimmt, beim letzten Defa-Festival waren wir doppelt so viele, aber damals stand das Festival im Kontext 30 Jahre Mauerfall und allüberall sprach man von der DDR. Jetzt musste sich unser kleines Festival gegen x andere Veranstaltungen, darunter das riesige Yacht-Festival in Cannes und gegen unzählige TV-Dokumentationen zum Tode von Queen Elizabeth II durchsetzen. Und nach zwei Jahren Covid gehen die Menschen deutlich weniger ins Kino, meiden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen generell. Wenn man all das berücksichtigt, dann war dieses kleine Festival ein großer Erfolg!

Ich meckere oft über Cannes, aber dieses Mal bin ich stolz, denn eines ist sicher, Cannes hat ein cinephiles, Film-erfahrenes und auch an außergewöhnlichen Filmen interessiertes Publikum.

Die DEFA-Filme sind außergewöhnlich, man konsumiert sie nicht einfach so, und sie bleiben im Gedächtnis hängen. Allerdings, das wissen Sie noch vom letzte Mal, muss man, um sie wirklich zu verstehen, etwas von der Geschichte der DDR allgemein und von den Umständen im besonderen wissen. Glücklicherweise hatte uns Franka Günther, die ehemalige Leiterin des Institut Francais in Erfurt, auf deren Idee und Betreiben die DEFA-Filmfestivals in Cannes überhaupt entstanden sind, und die zusammen mit dem Goethe-Institut und Serge Basilewsky, dem Vereinspräsidenten von Cinécroisette, nicht nur die Filmauswahl mitgestaltet, sondern uns auch den sympathischen und kompetenten Wieland Koch von der DEFA-Stiftung mitgebracht hat, der uns über die Filme, die Regisseure und Schauspieler und vor allem über die Einordnung der Filme in die Geschichte der DDR, erhellte.

Und dennoch. Ich sagte es vorgestern schon, nachdem ich Konrad Wolfs Film “Der geteilte Himmel” (nach einem Roman von Christa Wolf, nicht verwandt mit dem Regisseur, und übrigens überall falsch übersetzt in “Le ciel partagé”, anstelle von “Le ciel divisé”) gesehen hatte: Ich bin Deutsche, ich kenne unsere deutsche zweigeteilte Geschichte (die der DDR zumindest etwas), ich sehe einen deutschen Film, die Schauspieler sprechen deutsch, und ich habe den Eindruck, ich verstehe nichts oder zumindest nicht alles. Die Art, wie die Menschen in den Filmen miteinander sprechen, was sie sagen, beibt mir fremd. Jedes Wort, jeder Satz, jedes Zitat ist spürbar bewusst gewählt und hat, so scheint es mir, eine tiefere Bedeutung, spielt auf etwas an, was sich mir entzieht. Der Film ist groß und großartig! Die expressionistische Bildsprache (Licht, Schatten, Regen) ist beeindruckend, ebenso der Kontrast der proletarischen Arbeitswelt in einem Waggonwerk und der Hochschule, zwischen denen die Heldin Rita pendelt. Und er spielt vor dem Hintergrund des durch eine Mauer geteilten Deutschlands (damals also ein aktueller Gegenwartsfilm!), ohne die Mauer je zu zeigen! Es passiert so viel in diesem Film, jenseits der Liebesgeschichte zwischen der jungen Rita und dem Chemiker Manfred, die letzten Endes zerbricht. Manfred kommt von einem Kongress im Westen nicht zurück; Rita aber bleibt im Osten, denn, ich zitiere hier nur aus dem Gedächtnis “bei der zukünftigen Gestaltung des Landes kommt es auf jeden einzelnen von uns an”. Ich müsste ihn noch mehrfach sehen, um alles darin zu erfassen, etwa die Diskussionen unter den Arbeitern und die zwischen Manfred und Rita, die Details in den gezeigten Räumen! die Bilder an der Wand, die Musik, die aus dem Radio schallt und die Vinyl-Platten, die aufgelegt werden) und alles zu begreifen, wie etwa die Kritik an den “Normen”: Wieviele Fenster kann man an einem Tag in einen Zugwaggon einbauen? Die Brigade, der Rita zugeteilt wird, schafft zwei Fenster mehr als vorgegeben. Ein heikles Thema vor dem Hintergrund der Arbeiteraufstände von 1953, wo man seinerzeit wegen ebendieser Normerhöhungen (und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen) auf die Straße ging, ein Aufstand, der von sowjetischer Seite niedergeschlagen wurde und der (kleine Info für die eventuell jüngeren LeserInnen unter Ihnen), zu unserem vormaligen Tag der deutschen Einheit am 17. Juni geführt hat.

Der Film bekam viel verdienten Applaus!

Nachmittags sahen wir in einem kleinen und fast noch nagelneuen Vorstadtkino “Jadup und Boel” – einen Film aus den achtziger Jahren gedreht von Rainer Simon, einem Schüler von Konrad Wolf; Rainer Simon war ein kritischer Geist, dem man schon den ersten Film, den er drehen wollte (über eine rebellische Jugend), nicht erlaubte; stattdessen wurde er beauftragt Märchenfilme für die Defa drehen. Dass man ihm später dennoch “Jadup und Boel” drehen ließ, hatte auch damit zu tun, dass man ihn, der immerhin ein begabter Regisseur war, im Land halten und “sinnvoll” beschäftigen wollte.

Jadup, der Bürgermeister einer kleinen Stadt, weiht ein Kaufhaus ein, als direkt daneben ein altes Haus einbricht. Ein angereister “Historiker” (der im Prinzip Flohmarkthändler ist und den Leuten alte Schätzchen abschwatzt, die er in Berlin teuer weiterverkaufen will) mit dem sprechenden Namen “Gwissen” (amüsanterweise gespielt vom (bereits verstorbenen) Michael Gwisdek), findet in den Trümmern des Hauses ein Buch, dass der Bürgermeister als junger Mann kurz nach dem Krieg dem “Flüchtlingsmädchen” mit dem “komischen Namen” Boel gewidmet hatte. Boel war damals aus dem Dorf verschwunden, man munkelt, dass sie vergewaltigt worden sei. Es wurde nie geklärt, was wirklich geschehen war. Mit dem gefundenen Buch lebt die Erinnerung an Boel wieder auf. Der Kleinstadtklatsch geht los. Hat der Bürgermeister sich etwas vorzuwerfen?

Mich hat der Film bedrückt, nicht nur wegen der realistischen Darstellung der armseligen 80er Jahre Kleinstadt-Piefigkeit, die mich so trifft, weil sie mich an meine eigene 70er/80er Jahre West-Jugendzeit erinnert. So weit waren wir nicht davon entfernt. Vor dem Haus standen dieselben verdellerten verzinkten Mülltonnen, es gab frühreife Mädchen mit ebenso kunstvoll geföhnter Außenwelle in meiner Schulklasse und coole Jungs, die mit den “richtigen” Mofas herumknatterten, und lange Zeit hatte ich auch nicht die “richtige” Jeans, weil sie zu teuer war. An all das erinnere ich mich, und auch daran, dass ich später, kurz nach dem Mauerfall, kreuz und quer in der Ex-DDR herumfuhr und versuchte, ein Land zu erkunden. Vergeblich, um es gleich zu sagen, oder sagen wir so, gesehen habe ich viel, verstanden nichts. In Quedlinburg, einem überraschend komplett erhaltenen Fachwerkstädtchen, sahen viele alte Häuser so fragil aus, dass ich dachte, wenn hier einer das Hoftor zu fest zuwirft, wird das Haus darüber zusammenkrachen. Insofern wunderte mich das zusammengerutschte Haus im Film überhaupt nicht.

Der Film wurde während seiner Entstehung bereits zensiert, immer wieder musste Rainer Simon die gedrehten Szenen vorlegen, musste sie ändern oder ganz streichen. Zwar ließ man ihn den Film zu Ende drehen, doch dann wurde er sofort verboten, so viel tristen Realismus wollten die Kulturverantwortlichen nicht sehen. Erst 1988, aufgrund der veränderten politischen Situation, konnten 7 Kopien des Filmes in ausgewählten Kinos gezeigt werden.

Warum?, fragte nach dem Film ein Zuschauer verständnislos. Er habe nichts Kritisches in dem Film entdeckt.

Das Kritische war, die Gesellschaft so zu zeigen, wie sie ist. Denn, wenn die Menschen in “Der geteilte Himmel” noch in positiver Aufbruchsstimmung und voller Hoffnung waren und es damals “auf jeden einzelnen ankam, die neue Gesellschaft zu gestalten”, so sieht man hier, zwanzig Jahre später, wie müde und resigniert die Menschen sind. Sie nehmen lustlos und gelangweilt an offiziellen Veranstaltungen teil. Sogar die Kinder kennen die floskelhaften Reden der Politiker auswendig und machen sich darüber lustig. Der Bürgermeister selbst unterbricht ein Mädchen, das, zumindest der Form nach, eine engagierte kleine Rede halten will. Er winkt ab. Auch er hat alles schon so oft gehört.

Man sieht, wie ärmlich der Alltag ist: Die Menschen stehen Schlange vor Geschäften, sie leben in abgewohnten Häusern, der Bürgermeister etwa über einer lauten Tischlerei, und er muss sein außerhalb der Wohnung gelegenes Waschbecken nebst Toilette über den alten Balkon erreichen. Auch das brandneue HO-Kaufhaus ist kein Erfolg, und dessen unzufriedener Kaufhausleiter beschwert sich darüber, dass man ihn gezwungen hat, das Kaufhaus mit einem Gesamtwarenangebot zu füllen, an dem nichts geändert werden kann. Die Verkäuferin zeigt derweil ihren Kundinnen missmutig Oberteile in der Größe 44, und muss sich dafür beschimpfen lassen, aber sie hat einfach keine andere Größe vorrätig. Das gäbe es doch bei uns (in Frankreich) auch, Engpässe in der Versorgung, meinte ein Zuschauer (klar, ich sage nur Senf). Er versteht nicht, dass schon das Zeigen dieser Unzufriedenheit und der Versorgungsengpässe in der DDR, die ein idealer Staat sein wollte, zu viel an Kritik ist.

Was in der Kleinstadt kurz nach Kriegsende wirklich geschehen ist, erfährt man in Flashbacks, Erinnerungen, nicht nur denen des Bürgermeisters. Dennoch bleibt die Frage nach dem Täter offen. Aber die Aufklärung ist auch nicht das entscheidende Thema des Films; viel wichtiger ist es zu zeigen, dass es in dieser Stadt ein Geheimnis gibt, und dass Vieles aus der Vergangenheit nicht aufgearbeitet wurde. Auch diesen Film müsste ich mindestens ein zweites Mal sehen, um “alles” zu sehen und zu verstehen.

Heute gestern früh dann sahen wir vom selben Regisseur “Die Frau und der Fremde” – auch dieser Film adaptiert nach einer Novelle (“Karl und Anna” von Leonhard Frank). Ein Kriegsgefangener, der aus russischer Haft flieht, nimmt die Identität eines anderen Gefangenen an und sucht dessen Frau auf, von der ihm der andere sehnsuchtsvoll erzählt hat, und dabei selbst intime Details preisgab. Obwohl die junge Frau weiß, dass er nicht ihr Mann ist, lebt sie mit ihm, verliebt sich und wird letzten Endes schwanger. Dann aber kehrt ihr richtiger Mann aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

Nach dem Debakel um seinen Film “Jadup und Boel” hatte Rainer Simon sich vorgenommen, nur noch historische Stoffe zu drehen. Der Film spielt während und nach dem Ersten Weltkrieg; Kritik übt Rainer Simon dennoch, nicht nur am Krieg: gleich in der ersten Szene singen glockenhelle Kinderstimmchen ein Loblied auf den tapferen Soldaten und wie schön es ist fürs Vaterland zu sterben, die Kamera schwenkt über auf die Kriegsgefangenen in einer öden Steppe, die einen riesigen Graben ausheben, wobei, völlig absurd, einer ihn aushebt und der andere ihn zuschüttet. Später hält die Kamera lange auf eine von Tauben “beschissene” Hindenburg-Skulptur, und ebenso werden die “Verhältnissen” beklagt, die “Schuld seien”, wenn man kein Zimmer fände und daher zu dritt (wohlgemerkt in einer ménage à trois) in einer Wohnküche leben müsse. Die Wohnungsnot in der DDR ist mitgemeint.

Der Film ist mit wenigen Mitteln gedreht und Simon hatte einerseits den Anspruch realistisch zu sein, andererseits aber wollte er dieses Mal auch Gefühle à la Hollywood erzeugen und dem Zuschauer ein Happy End bescheren. Ist ihm gelungen. Sehr angetan waren wir alle auch vom Spiel der sehr jungen Kathrin Waligura, die Anna verkörpert (die wir später fast nur noch in TV-Produktionen wie “Für alle Fälle Stefanie” zu sehen bekommen), und nett zu sehen, dass die junge Katrin Knappe, die das Mädchen Boel gespielt hat, in diesem Film wieder auftaucht. Mich persönlich rührte, den jungen Ulrich Mühe in einer kleinen Rolle zu entdecken.

Der Film hat die im Durchschnitt älteren ZuschauerInnen sehr bewegt; viele erzählten, teils mit zitternder Stimme, aus ihrer Kindheit, und wie die Mutter im Krieg auf den Vater wartete oder auch nicht. Oder wie gebrochen die Väter aus dem Krieg gekommen waren und wie unglücklich die Mutter (und die Kinder) war(en), die mit diesem so veränderten Mann und Vater weiterleben mussten. Niemand aus dem Publikum verurteilte Karl, der sich die Identität seines Kameraden angeeignet hatte, denn er liebte das Mädchen schließlich wirklich, und schon gar nicht verurteilten sie das junge Mädchen. Alle waren der Ansicht, dass wir alle nach Glück und Liebe streben, das alles sei menschlich, und dass es auch in Friedenszeiten vorkomme, dass man sich in einen anderen Menschen verliebe, obwohl er oder sie verheiratet sei. Für den verlassenen Richard, der uns natürlich trotzdem leid tut, wird auch ein mögliches Happy End angedeutet.

Sie merken, die Filme haben uns nachhaltig berührt. Und nach allen drei Filmen standen immer Menschen zusammen und sprachen und diskutierten. Das DEFA-Festival war wirklich ein kulturelles Highlight. Ein großer Dank gebührt dem Verein Cinécroisette, der sich für den Vorschlag, DEFA-Filme zu zeigen, erneut begeisterte, Dank geht an die Goethe-Institute Lille und Marseille, die uns die Filme zur Verfügung gestellt haben, besonderer Dank an Franka Günther, die “Frontfrau” im Hintergrund, und an Wieland Koch von der DEFA-Stiftung, dass sie uns die Filme aus dem anderen Deutschland, das es nicht mehr gibt, nahegebracht haben. Und nicht zuletzt Dank an das Publikum, dass so zahlreich ins Kino gekommen ist! Dankeeee! Und bis zum nächsten Mal :-)

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Nach Hause

Brisez la routine!

Bei Crocos August-Twitterlieblingen las ich neulich, dass die Dating-App Tinder der beste Ort sein, um einen Ehemann zu finden. Gut, es sei dann zwar der Ehemann von jemand anderem, aber eben ein Ehemann. Haha. Kürzlich fuhr ich hinter einem Bus her, auf dem Werbung für eine Ehebruch-App prangte. Gemacht von Frauen für Frauen. Ich war so schockiert, dass ich das Plakat fotografieren musste. Monsieur verstand nicht, warum. “Findest du das nicht schockierend”, fragte ich ihn, “eine Dating-App für verheiratete Frauen, die ein außereheliches Abenteuer suchen?!” Nö. Findet er nicht. Ehebruch ist an der Tagesordnung in französischen Ehen. Brisez la routine! Das gibt mir zu denken. Nur wir leben so eine monogame Langweiler-Ehe scheint mir.

Eine unserer Kakteen gibt derzeit alles, um sich zu vermehren. Agave potatorum. Sie blüht einmal, dann stirbt sie. Ich finde es ziemlich ausgeklügelt, wie sie ihre Blüten an einem über zwei Meter langen Blütenstand (gerade nachgelesen) langsam eine nach der anderen öffnet, um Bienen oder Schmetterlingen ein Maximum an Zeit zu geben, mit ihrem Pollen weiterzureisen.

Tragisch nur, dass wir, zumindest scheint mir das so, kaum noch Bienen oder Schmetterlinge in Cannes haben. Vermutlich gehen sie, dank der Stechmückenausrottung, mit diesen zeitgleich in die ewigen Jagdgründe. (Dieser Ausdruck ploppte gerade im Hirn auf, ich habe das Karl May-Thema, das in Deutschland diskutiert wurde, nur am Rand verfolgt, aber es genügt wohl, um mein Unterbewusstsein mit spezifischem Vokabular zu versorgen.) Den Rest machen die Plastikgärten. Es gibt zunehmend Hecken und Rasen aus Synthetik, da würde ich als Biene auch abwandern. Echte Hecken wollen gegossen und gepflegt werden. Beides kostet Zeit und Geld (oder einen Gärtner, der kostet auch Geld), und Wasser war in diesem Sommer knapp. Habe sie also Recht, die Plastikgartenbesitzer?

Plastikhecke Detail

Putin hat Frankreich heute den Gashahn abgedreht.

Heute ist Schulbeginn. La rentrée! Der kleine M. hat vorgestern viel Protestgeweint, er will nicht in die Schule gehen! NEIN! NEIN! Der große M. ist auch zögerlich, obwohl er traurig war, als die Ferien begannen, in den letzten zwei Monaten hat er sich gut von der Schule entwöhnt. Ich wünsche ihm, dass er seine Freunde wieder in seiner Klasse hat und sich an der Schule wohlfühlt.

School’s out

So viel hatte ich am 1. September geschrieben. Jetzt ist alles anders.

Der Schulbeginn hat sich nicht so geschmeidig entwickelt, wie ich gehofft hatte; der kleine M brüllte protestierte weiterhin lautstark jeden Morgen und ging nicht zur Schule, der große M, älter, ruhiger, verständiger, der nicht zusätzlich die Nerven seiner Mutter strapazieren wollte, ging brav hin, hat aber nervöse Ticks bekommen. Er geht nämlich nicht nur zur französischen Schule, sondern versucht ebenso, dem ukrainischen Schulunterricht zu folgen. Das ist ganz klar etwas zu viel. Das Leben in Ternopil funktioniert wohl vergleichsweise normal, die Schulen bieten zumindest wieder Präsenzunterricht an, und M sehnt sich nach seinen ukrainischen Schulfreunden, die jetzt alle in der weiterführenden Schule sind, während er hier noch in der Grundschule herumhängt. Alle drei der kleinen Familie sehnen sich nach zu Hause, vermissen Papa, Mann, Hund, Familie. Vermissen ihre Sprache, ihre Kultur, ihr Leben. Vorgestern Abend hat Tetiana uns mit vor Aufregung bebender Stimme informiert, dass sie zurückgehen werden. “Vorläufig”, sagte sie. “Mal schauen. Ich schreibe Euch, wenn wir dort bleiben.” Wir rieten ihr vorgestern, nicht alles definitiv zu beenden, das Wort “provisoirement” habe ich ihr buchstabiert. Wir baten ihr an, mit ihr zusammen einen verbindlichen Brief an die Schulbehörde zu schreiben, oder morgen beim offiziellen Elternsprechtag die Situation zu erklären, aber heute hat sie die Kinder kurzerhand per Mail von der Schule abgemeldet. Schluss mit dem Stress. Nicht nur der kleine M ist erlöst, auch der große M muss ab sofort nicht mehr zur französischen Schule gehen und Tetiana atmet ebenfalls auf.

Gerade noch haben wir die lange Liste der zu erwerbenden Schulsachen abgearbeitet, gerade noch haben wir den kleinen M von seiner Sonderbehandlung in der Kantine befreit, gerade noch hat Tetiana ihre Aufenthaltsgenehmigung für weitere sechs Monate verlängert, gerade noch haben wir mit einer Bekannten versucht, für Tetiana etwas im Theaterbereich zu finden, und gerade haben wir erfahren, dass sie bereits ein Busticket gefunden haben. Ganz praktisch, Cannes – Ternopil in 48 Stunden, wer hätte gedacht, dass es so etwas gibt, aber erst am 18. September, seufzt sie. Es dauert ihr jetzt, wo sie sich entschieden hat, alles zu lange. Sie ist aufgeregt und hofft, noch ein früheres Flugticket nach Krakau zu finden, und von dort wird es dann ebenfalls mit einem Bus weitergehen. Nach Hause. Nach Hause. Tetianas Französisch ist fast genau so holprig wie bei ihrer Ankunft, sie versteht nicht mehr, was wir sagen und fragen (Hat sie sich bereits vom Resto du Coeur abgemeldet? Von Pole emploi? Was sollen wir mit dem Bankkonto machen?), und sie findet auch keine französischen Worte mehr.

Ich bin betrübt, sie sind mir so ans Herz gewachsen. Aber ich kann sie auch verstehen. Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende, dieses provisorische Leben zu dritt in einer kleinen Einzimmerwohnung, wie lange soll das dauern? Tetiana war von Anfang an gespalten – einerseits wollte sie etwas aufbauen, die Sprache lernen, einen Job finden, und gleichzeitig wollte sie es auch nicht. Sie wollte, dass die Kinder in die Schule gehen, aber gleichzeitig wollte sie nicht, dass sie dadurch zu französisch werden. Wir sind Ukrainer, und wir gehen auf jeden Fall zurück.

Ich habe es schon mehrfach hier erzählt, mein Studienschwerpunkt war Zeitgeschichte und besonders “Exilliteratur” – ich habe meine Magisterarbeit über eine jüdische österreichische Schriftstellerin und Verlegerin geschrieben, die in die USA emigriert war. Ich war sehr beseelt von diesem Thema und habe alles gegeben. Aus heutiger Sicht aber denke ich, wie wenig habe ich damals wirklich verstanden von dieser Exilsituation der emigrierten Schriftsteller und Schriftstellerinnen.

Unser gemeinsames Abenteuer nähert sich also seinem Ende. Bald werde ich mein Büro wieder nutzen können, das ist mir nicht unlieb; und nein, wir werden niemand anderen aufnehmen. Nicht nur, weil die Zeit mit der kleinen ukrainischen Familie so besonders war, sondern auch, weil ich Tetiana versprochen habe, dass sie zurückkommen können, wenn es, wir wollen es nicht hoffen, in Ternopil früher oder später “ein Problem” geben sollte.

Von Herzen Dank Ihnen allen, die Sie die kleine Familie unterstützt haben, unaufgefordert und großzügig, einmal und wiederholt. Es hat ihnen, vor allem zu Beginn ihres Aufenthalts, wirklich weitergeholfen. Die letzte Spende, die uns hier erreichte, und die für “Ferienunternehmungen” gedacht war, wollte Tetiana nicht mehr annehmen (sie war von Anfang an jedes Mal sehr beschämt, wenn ich ihr Geld, dass man mir für sie hat zukommen lassen, übergab; dieses Mal war es besonders schwierig), ich ließ die Scheine trotzdem auf dem Tisch liegen. Vielleicht finanziert diese Spende jetzt das Rückfahrtticket mit.

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Noch eine kleine Bergauszeit

Wir sind der erneuten Hitzewelle entflohen und haben noch einmal ein paar Tage in den Bergen verbracht. Dieses Mal nur Monsieur, Pepita und ich. Auf halbem Weg, am helllichten Nachmittag, kommen uns plötzlich Autos mit eingeschaltetem Licht entgegen. Deutliches Zeichen für ein Gewitter weiter oben. Und tatsächlich, es gibt sie noch die guten Dinge, das Wasser von oben, landläufig Regen genannt, ist plötzlich da, platscht und prasselt auf die Windschutzscheibe, der alte Scheibenwischer, so lange ohne Bewegung, funktioniert noch, hektisch wischt er streifig das Wasser davon, nicht sehr erfolgreich, es gießt und fließt über die Scheiben. Die Welt draußen ist verschwommen und schwarzgrau. Es regnet! Mehr als das, es schüttet, es gießt, es stürmt und es blitzt und donnert. Ein großes Gewitter entlädt sich über uns und begleitet uns eine ganze Weile. Dann, genauso plötzlich wie es da war, ist es vorbei, wir fahren aus dem Wasser und der Scheibenwischer, eben noch überlastet, quietscht auf der nun zu trockenen Scheibe.

Dort, wo das Gewitter schon durchgezogen ist, sieht die Welt aus wie frisch gewaschen, grüner die Bäume und Wiesen, klarer das Licht, die Berge plastisch, sie scheinen zum Greifen nah. Der Himmel ist wieder blau und die Sonne scheint. Hier und da ziehen ein paar Nebelfetzen durch das Tal. Die kurvige Bergstraße allerdings ist stellenweise voller Geröll und Matsch; Steine und Erde rutschen mit den Wassermassen von den steilen Hängen, dort, wo nicht Metallnetze gespannt wurden, die dies verhindern oder zumindest verhindern sollen. Steinschlag kommt dennoch immer wieder vor. Ich habe auf der Strecke nach oben ein paar fette Felsbrocken ausgemacht, die ich bei jedem Weg nach oben und unten und nicht nur nach Gewitter misstrauisch beäuge, denn, da bin ich sicher, eines Tages werden sie auf die Straße fallen. Ich hoffe, wir und auch sonst niemand, sind dann an diesem Ort.

Am frühen Abend kommen wir im Bergdorf an, die sommerliche Kleidung von der Küste, Flipflops und das dünne Flatterhemdchen, sind hier völlig unangebracht. Die Menschen tragen Fleecejacken und festes Schuhwerk und das nicht umsonst. 16 Grad sind es gerade mal. Wir können gar nicht schnell genug Socken (wie ungewohnt!) und Pullover anziehen, schon haben wir Halsschmerzen und Monsieur macht ein Feuer! Ende August werfen wir tatsächlich den Kaminofen an! Und ich koche Suppe zum Abendessen, etwas Warmes braucht der Mensch, als sei es schon Herbst.

Gerade habe ich auf Facebook einen Eintrag gelesen, wo sich jemand über die inflationäre Verwendung des Wortes “tatsächlich” ereiferte. Tatsächlich verwende ich “tatsächlich” ziemlich gerne, ich weiß aber nicht, woher es kommt, bin ich doch vom deutschen Mode-Wortmarkt ziemlich abgeschnitten. Wie Sie aber gemerkt haben, bin ich ein Kind des deutschen Werbefernsehens, und davon langfristig beeinflusst. Als wir durch das Gewitter fuhren und die Landschaft danach wie frischgewaschen aussah, fiel mir diese Werbung mit dem Grauschleier ein, den eine energische Faust damals von der Wäsche riss – mit dem richtigen Waschmittel natürlich. (Ich weiß es noch, wissen Sie’s?)

Nun gut, zwei Abende heizen wir, trinken Tee mit Honig und essen abends Suppe, bis wir uns an die Temperaturen gewöhnt haben. In den Bergen gibt es fast jeden Nachmittag ein Gewitter. Das ist (in den Bergen) normal im August. Manchmal blitzt und donnert es so heftig, dass wir kurzzeitig den Strom abstellen. Da wir eh nichts tun können, erlauben wir uns, die Sieste zu verlängern, ich lese alte Bände von Sempé und Monsieur erzählt mir Geschichten von früher.

Wie verwundert war ich, als ich vor jetzt 17 Jahren auf dem Bauernhof auf dem Nachbarberg jenseits des Flusses gelandet war und dort bei Gewitter alles stillstand – und regelmäßig die Sicherungen rausflogen. Alle diese alten Höfe und Häuser, die manchmal so exponiert stehen, haben bis heute keinen Blitzableiter. Als gäbe es diese Erfindung nicht. Unser Haus hat natürlich auch keinen. Gerade habe ich Monsieur gefragt, warum man die Häuser nicht damit ausstattet, er zuckt die Achseln. Die Kirche habe einen, erfahre ich so. Da kann man sich dann hinretten und beten, dass das Haus verschont bleibt.

An einem der ersten Tage organisiert der kleine Verein, Les écureuils en marche (nein, es hat nichts mit Macron zu tun, wir waren schon vor Macron en marche), dem ich angehöre, ein Loto. Das ist hier ein großer Klassiker und falls Sie es nicht kennen, es geht so ähnlich wie Bingo – das ich aber auch nicht kannte, als ich hierher kam. Man trifft sich in einem Saal, erwirbt ein paar Kartons, auf denen 15 Zahlen stehen, und dann werden Zahlen gezogen (in unserem Fall fallen kleine Holzkugeln aus einer ebenso kugeligen Metallkonstruktion) – findet man die ausgerufene Zahl auf einem der Kartons, legt man ein Spielsteinchen darauf, hat man die Zahlen einer Linie voller Spielsteinchen, ruft man “quine” (kinä) – und wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist, dann hat man etwas gewonnen. Die Gewinne werden größer, wenn man zwei Linien voll hat, und besonders groß bei einem carton plein, das heißt, wenn man alle Zahlen auf dem Karton mit einem Spielsteinchen abgedeckt hat. Die Gewinne beginnen bei einer Tüte Gummibärchen, einem Kinderbuch, einem Wanderführer, lokal hergestelltem Honig, Minzsirup und Käse, gehen über ein Gläserset, Seife und Handtücher, einem Wanderrucksack, bis hin zu ausgezeichnetem Wein. Loto ist ein leichtes und familienfreundliches Spiel, eine nette Nachmittagsbeschäftigung im ereignisarmen Dorfleben, und bei uns versammeln sich entsprechend alt und jung und auch Menschen aus anderen Dörfern und sogar eine Familie, die dort Urlaub macht. Die haben tatsächlich (!) sage und schreibe dreimal gewonnen und zusätzlich den Trostpreis, eine Flasche Champagner, abgestaubt, die ich an ihrer Stelle fairerweise an jemanden abgegeben hätte, der tatsächlich (!) wirklich nichts gewonnen hat, aber nun ja, jeder, wie er will. Das große Los, eine Eismaschine, ein riesiges Trumm, das zehn Kilo wiegt, und das ich keinesfalls in meiner Küche hätte unterbringen können, aber blieb im Dorf und wurde von einer alte Dame (95) gewonnen.

Samstags gibt es ein Konzert aus der (von der Region geförderten) Veranstaltungsreihe “Les soirées estivales”; alle Dörfer im Hinterland, so klein sie auch sein mögen, kommen darüber während der Sommermonate kostenlos (!) in den Genuss eines (oder zweier) Konzerte(s), eines Theaterstücks oder einer Zirkusveranstaltung. Wir erleben dieses Mal ein Konzert einer Gruppe aus Nizza, die ihre Lieder zu Weltmusik-angehauchten Tönen in nissart, im Nizzaer Dialekt, singen. Ich fühle mich so ähnlich wie seinerzeit bei einem Bap-Konzert, man denkt, man verstehe etwas, aber im Prinzip versteht man nix. ;-) Natürlich bewege ich mich dennoch zu den Salsa und Flamencotönen, schon, um es warm zu haben. Es hatte den ganzen Nachmittag durchgeregnet, man hatte in weiser Voraussicht für die Musiker und ZuhörerInnen zwei große Zelte aufgestellt, und ein drittes für die Außenküche des neuen Aubergists, der Fritten und Würstchen anbietet. Wir sind also, zumindest von oben, geschützt, allerdings wird es kein, wie erhofft, laues Sommerabendkonzert, wir sind mal wieder herbstlich mit langen Hosen, festen Schuhen und Fleecejacken angezogen, und nach drei Stunden ziemlich ausgefroren. Sommerabendkonzert in den Bergen bei 16 Grad. Danach gehe ich mit Wollsocken ins Bett.

Was mich in den Bergen zunehmend glücklich macht, ist, mit lokalen Produkten ein Essen zu machen. Ich erwarb auf dem Markt reife Tomaten, Schafskäse (von einem Schäfer aus G.) und frisches Basilikum und machte daraus eine viel schmackhaftere Variante von “Tomaten und Mozzarella”; beim Metzger gab es gutes Fleisch und von ihm hergestellte Panisse aus Kirchererbsenmehl. Und zum Nachtisch aufgeschlagenes Joghurt aus Schafsmilch von Marie, der Schäferin des Dorfes, zusammen mit, von einer Nachbarin gekochter, Marmelade aus wilden Pflaumen. Es macht mich so zufrieden, Lebensmittel zu essen, die direkt vor der Haustür entstehen. Und die zusätzlich so geschmackvoll und lecker sind!

I see faces

Ein Nachbar schenkte mir Zucchini, Kartoffeln und vom Regen etwas beschädigte vollreife Tomaten – aus denen ich Tomatensauce koche, und aus den Zucchini und den Kartoffeln mache ich kleine Puffer. Wir laden, wie man das so macht, mal diese, mal jene Nachbarn zum Essen ein. So viel zum Thema Einsamkeit im Bergdorf. Ja, wir sind wenige, aber wir hängen eng zusammen, man sozialisiert auf Teufel komm raus. Als ich einen sonnigen Nachmittag nutzen will, um draußen am Tisch etwas zu arbeiten, setzt sich eine andere Nachbarin dazu und erzählt mir, dass sie an Alzheimer erkrankt sei. Selbstverständlich schicke ich sie nicht weg, sondern höre zu, auch wenn ich so natürlich nie zum Arbeiten komme. Meine Art zu arbeiten wird ja sowieso nie verstanden (Monsieur, der lautstark heimwerkt, wird viel weniger gestört!), aber was für eine verrückte Idee auch, im August arbeiten zu wollen. Der August ist ein Ferienmonat in Frankreich, niemand arbeitet im August (außer natürlich die, die im Tourismusbereich tätig sind). En France les grandes vacances commencent le 1. juillet. Le 1. aout les usines ferment aussi, hieß es schon in meinem Französischlehrbuch und so ist es immer noch.

Heute morgen sind wir wieder an die Küste gefahren, ich habe das Flatterhemdchen an, aber eine Fleecejacke darübergezogen. Die Temperaturen steigen mit jedem Kilometer, den wir bergab fahren. Die Fleecejacke ziehe ich bei 24 Grad auf halber Strecke nach Nizza aus. Gleichzeitig mache ich die Klimaanlage an. 29 Grad werden es, die haben wir draußen und auch in der Wohnung, aber alles unter dreißig Grad ist erträglich. Geregnet hat es hier keinen Tropfen. Morgen früh gehe ich schwimmen!

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Ostwind, Filme und la rentrée

abends am Strand

Es sei der Ostwind, der uns die Quallen herantreibe, wissen die neuen Strandbekanntschaften. In der Zwischenzeit gehöre ich zu dem uneinheitlichen Grüppchen um das braungebrannte Paar. Also so richtig natürlich nicht, dafür gehe ich zu früh, ich komme ja nur zum Schwimmen und hänge nicht den Rest des Tages, oder wenigstens den Rest des Vormittags plaudernd am Strand ab. Ich frage auch nicht ständig nach der Wasser- oder Lufttemperatur. Aber da mich die Niederländerin als neue Gesprächspartnerin erwählt hat und mir schon von weitem zuwinkt, wenn sie an den Strand kommt und sich gern neben mir niederlässt, gehöre ich jetzt, zumindest am Rand, dazu. Der Ostwind also. Gerade gegoogelt, scheint zu stimmen. Wieder was gelernt.

Ich sehe den Wetterbericht. Man kündigt uns wieder steigende Temperaturen an, dabei haben wir gerade leicht aufgeatmet. Die Sonne scheint seit ein paar Tage weniger brennend, das Licht wird milder, die Touristen in Cannes werden weniger, am Strand bekommt man auch um 9 Uhr noch einen Platz in der ersten Reihe und im Viertel gibt es wieder Parkplätze.

La rentrée, dieses unübersetzbare und sehr französische allgemeine Wiederanfangsgewusel nach der langen Sommerpause, kommt spürbar näher. Im August geht so gut wie nichts, alle Betriebe haben geschlossen, sogar die Pharmakonzerne produzieren nicht, so dass sich die Regale in den Apotheken und Parapharmacien (nur in etwa den deutschen Drogerien vergleichbar) im Sommer leeren. Sie brauchen eine Orthèse? Müssen wir bestellen, kommt aber erst im September. Oder ein Schuppenshampoo von X? Erst wieder im September. Vielleicht gibt es auch wieder Senf im September. Hoffen kann man ja, denn alles geht im September wieder los, auch die Schule beginnt wieder, und morgen heute wollte ich mit Tetiana endlich die fournitures scolaires erstehen, für die wir von der Schule eine lange Liste erhalten haben: all die Dinge, die im kommenden Schuljahr gebraucht werden. Liest es sich für den kleinen M noch recht schlicht, so wird es für den großen M schon anspruchsvoller. Kugelschreiber in mehreren Farben (nein, französische Kinder schreiben nicht mit Füller, was mich wirklich grämt), Textmarker, eine moderne Tafel und auswischbare Stifte, riesige Schulhefte, ein Paket Druckerpapier und erstaunliche 8 große Tuben Klebstoff UND zusätzlich Klebestifte! In die Hefte wird so gut wie nichts geschrieben, sondern Übungen werden ausgedruckt, darauf wird gemalt oder geschrieben und das wird letztlich in die Hefte geklebt, so dass sie am Ende auseinanderklaffende Heftmonster sind, die man unmöglich aufbewahren kann, sie sprengen jede Schublade und jedes Regal. Aber vielleicht ist das in Deutschland heute auch so?

Morgen Heute also wollte ich zu einer kleinen Papeterie (im August nur vormittags geöffnet, eine Variante des Betriebsurlaubs), die vielleicht ein bisschen teurer ist als der Supermarkt an der Ecke (alle Supermärkte bieten jetzt les fournitures scolaires an), aber man findet alles an einem Platz und die komplizierte Auswahl der Hefte überlasse ich gerne der freundlichen und erfahrenen Schreibwarenangestellten. Morgen Heute aber ist nicht nur der Tag der Libération von Cannes, sondern auch der Ukrainische Nationalfeiertag, Asche auf mein Haupt, das wusste ich bis vor ein paar Stunden tatsächlich nicht, und es gibt eine Versammlung irgendwo in Cannes. Das ist deutlich wichtiger als Schulsachen kaufen. In der kleinen Wohnung hängt nun auch eine große ukrainische Flagge, die, wie ich gerade gesehen habe, der große M stolz über seinen Schultern trägt, auf dem Weg zum Ukrainischen Fest.

Als wir neulich aus den Bergen zurückfuhren und wegen eines Defekts an einem Reifen nicht die Autobahn nahmen, sondern über die Küstenstraße zurückschlichen, waren die Jungs ganz aus dem Häuschen, dass in Villeneuve-Loubet demonstrativ die ukrainische Flagge wehte, und sogar ein zweites Mal, eingefügt in die lange Reihe der europäischen Flaggen, wehte es blau-gelb zwischen Italien und Frankreich. Die Jungs waren so stolz! Niemals zuvor habe ich die Symbolik von Flaggen so gespürt.

Hier gibt es neuerdings kritische Stimmen, weil ein paar riesige und sehr neue Geländewagen durch Cannes fahren, die ukrainische Kennzeichen haben. Das sind doch keine (armen) Flüchtlinge, raunzt mich aggressiv (nicht nur) meine Friseurin an. Da wird gleich wieder Verschwörung vermutet. Das ist die Mafia, oder? Ich zucke mit den Schultern. Muss ich jetzt alles wissen? Muss ich allen die komplizierte Geschichte der Ukraine erklären können, nur weil ich eine ukrainische Familie aufgenommen habe?

Ich habe Graue Bienen von Andrej Kurkow gelesen. Ein Buchtipp von Herrn Buddenbohm vor langer Zeit, ich habs jetzt auf die Schnelle nicht mehr gefunden, daher keine Verlinkung. Falls Sie etwas davon erahnen wollen, wie es sich in der (Ost-)Ukraine so lebt, dann kann ich es empfehlen. Ich bin nicht sicher, ob ich es gelesen hätte, hätten wir nicht Tetiana und die beiden Ms aufgenommen. Keine leichte Lektüre, obwohl es sich leicht liest; erzählt aus der Sicht eines Bienenzüchters, der seine Bienen aus dem umkämpften Gebiet in der Ostukraine in andere Gegenden, einschließlich der Krim, transportiert, damit sie in Freiheit und im Grünen herumsummen und Pollen sammeln können, und der ein liebenswerter Kerl, aber nicht der allerhellste Geist ist. Die Geschichte ging mir lange nach, obwohl ich viel dramatischere Filme über die Konflikte im Donbass gesehen habe.

Anderes Thema, wir haben in einer Vorpremiere “Les volets verts” gesehen, den neuen Film mit Gérard Dépardieu und Fanny Ardant. Sehr berührender Film, der, wie ich gerade der Zeitung entnehmen konnte, schlechte Kritiken bekam. Der Film ist eine Adaptation eines Buches von Georges Simenon, und um das Szenario etwas zu entstauben, aber nicht zu sehr zu verfremden, hat man ihn in die Siebziger Jahre transformiert. Die Rolle des alternden Schauspielers ist Dépardieu auf den Leib geschrieben, wenn ich das mal so sagen darf. Er begann mit Fanny Ardant in La femme d’à coté und er endet (zumindest in diesem Film) mit Fanny Ardant.

Und: das nächste DEFA-Festival in Cannes naht, dieses Jahr gehen wir in die Vollen mit den deutschen Filmen! Am 10. und 11. September werden wir mit Cinécroisette und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut “Der geteilte Himmel” zeigen, gefolgt von “Die Frau und der Fremde” und “Jadup und Boel”.

Wieland Koch von der DEFA-Stiftung wird anwesend sein und über die Filme und ihre Rezeption sprechen, begleitet, unterstützt und übersetzt von der genialen und rührigen Franka Günther, vom Institut Francais in Erfurt.

Das wird bestimmt hochinteressant und spannend! Die Filme werden im Original mit französischen Untertiteln gezeigt. Kommen Sie zahlreich!

Und eine kleine Ankündigung in eigener Sache: Am 18. September lese ich auf Einladung einer kleinen Stadtteilbuchhandlung in Unna-Massen. Es wird ein Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und Kultur – ich lese aus meinen persönlichen Büchern und aus dem letzten Krimi. Falls Sie da in der Gegend zuhause sind, kommen Sie gerne dazu!

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Sommer

Seit Tagen starren wir in den Himmel, es gibt immer mal wieder kurze dunkle Wolkenzusammenballungen, manchmal ein Donnergrollen, ein kurzer Windstoß, jetzt gehts los, denken wir seufzend, endlich, Wasser, Luft … heute morgen dann etwa zehn Regentropfen und … nix wars. Seit drei Monaten haben wir eine unglaubliche Hitzewelle. Alles vertrocknet, das Weinlaub, das im nebenan gelegenen Park wächst, sich aber vor allem an unserer Hofmauer ausbreitet, und das sich sonst im Herbst wundervollst in gelb und rot verfärbt, verliert braunverbrannte Blätter und die Hofmauer ist schon halb kahl. Dass der Wein im Park kein Wasser mehr findet, obwohl es dort immer feucht ist und wo man noch das Denkmal für das allererste Wasserreservoir der Stadt finden kann, ist erstaunlich. Ich habe erstmals wieder ein paar Blumen im Hof, aber wir gießen kaum, Wasser ist teuer und knapp; das Wasser vom Salatwaschen wird schon immer zum Blumengießen zweitverwertet.

In den Bergen ist der Brunnen weiterhin ausgetrocknet, für Wanderer, die hofften, dort ihren Wasservorrat aufzufüllen, stand bis vor kurzem ein Schild, das die Situation erklärte und für alle Fälle ein Sixpack mit Wasser daneben. Jetzt ist die Auberge wieder eröffnet (ein netter junger Mann, der seit zwei Jahren im Dorf lebt, hat sich dazu entschlossen, hurrah!)

L’Auberge est ouverte!

und die durstigen Wanderer können dort Wasser erbeten oder besser, ein Getränk konsumieren. Die provisorische Wasserleitung, die über einen Abzweig einer anderen Quelle seit ein paar Monaten das Dorf versorgt, ist noch immer aktuell. Allerdings durfte man mit dem wenigen Trinkwasser nicht die Gärten gießen und schon gar nicht seinen Rasen wässern, damit er schön grün ist. So geschehen im Weiler des Bergdorfs, wo man es für einen Geburtstag “schön” haben wollte. Nun gut. Die Gemüsegärten, potager auf Französisch, nicht gießen zu können, ist jedoch eine Katastrophe. Alle haben da oben einen Garten, auch die Familie der Bürgermeisterin, deren Mutter eine richtige Gärtnerin ist, was vielleicht die Suche nach einer Alternative beschleunigte, und es gibt für die Gärten jetzt eine neu gelegte Wasserleitung mit Wasser, das kein Trinkwasser ist. Es ist ein bisschen schmutzig, wer weiß durch welche Erdschichten es sich gräbt, aber den Tomaten, den Zucchini und den Stangenbohnen ist das ziemlich egal. Wir haben dort oben keinen Gemüsegarten nur ein paar Cassis- und Johannisbeerbüsche, die wurden noch nie gegossen und trugen dennoch stets kiloweise Beeren, aber dieses Jahr waren die Beeren klein, vorzeitig reif und schon fast vertrocknet, als wir ankamen. Wir haben nur ein paar wenige Gläser Gelee damit zustande gebracht, eine Art “Trockenbeere-Auslese” sozusagen. Die Zeiten, dass wir tagelang Beeren ernten und dann an drei Abenden hintereinander Gelee kochen mussten, sind wohl vorbei.

Was wir auch nicht haben ist Senf. Seit Wochen, Monaten schon, sind die Regale leer und/oder stattdessen mit Mayonnaisegläsern aufgefüllt.

No Senf

Frankreich, das Land des Dijon-Senfs, hat keinen Senf! Nein, es hat ausnahmsweise nichts mit dem Krieg in der Ukraine zu tun, oder zumindest nicht in erster Linie, sondern mit den Missernten (nach Trockenheit!) in Kanada. Ich habe früher nie Senf gegessen und eine Senfkrise wäre seinerzeit in Deutschland ungerührt an mir vorübergegangen. In Frankreich brauche ich ihn nun beinahe täglich für meine Salatsauce, die Vinaigrette à la moutarde (ein bisschen Senf in eine Schüssel geben, mit etwas Essig (je nach Vorliebe, ich bevorzuge eine Art weißen Balsamico) verrühren und Olivenöl (nach Geschmack, ich habe derzeit ein feines italienisches Öl) dazugeben, Salz und Pfeffer, fertig! Kann beliebig mit Kräutern oder Knoblauch verändert werden, aber nein, bitte keinen Zucker!) (ein ps mitten im Text: Ich wurde nach Mengenangaben für die Vinaigrette gefragt, ich mache das aus der “lamäng” wie man andernorts sagt, meint, nach Gefühl. Als Basis verweise ich gerne auf das Rezept bei Véronique. Ich persönlich mag Essig weniger und nehme entsprechend wenig. Das muss man für sich ausprobieren; grundsätzlich kommt aber immer zuerst der Senf in die Schüssel, er löst sich mit dem Essig beim Verrühren schön auf, danach gibt man das Öl dazu.) Und sehr gerne mache ich Hühnchen (oder Kaninchen) à la moutarde. Und jetzt gibt es einfach keinen Senf! Ich wischte mit einem Gummischaber, einer maryse, auch die allerletzten Reste des schon leicht gräulich gewordenen angetrockneten Senfs aus dem Glas, das ich unter anderen Bedingungen schon lange entsorgt hätte. Glücklicherweise habe ich in den Bergen in einem kleinen Supermarkt (überteuerten) polnischen Senf “Dijon-Art” gefunden.

Abgabe ein Glas pro Haushalt! Und jetzt hat mir Christine K., eine liebe Französin, die in Deutschland lebt, von dort zwei Gläser französischen Dijon Senf re-importiert! Uff! Der wird jetzt sparsam verwendet, dann komme ich ein paar Monate damit hin. Warum der französische Senf-Export noch funktioniert ist mir ein Rätsel.

Wir waren mit Tetiana und den beiden Jungs für neun Tage in den Bergen, ganz oben, am Ende des Schotterweges, im alten Sommerhaus, der ehemaligen Schule. Wenn Sie mich schon lange lesen, dann kennen Sie das alles schon. Dass die Sommer in Cannes unerträglich sind, haben Sie auch schon mehrfach bei mir gelesen: zu heiß, zu laut und zu voll. Cannes feierte gerade drei Tage “Electro-Plages”, die von einer mir bekannten Journalistin, die dort mitfeierte, ob ihrer guten Stimmung, guter Vibes, der guten Organisation und überhaupt euphorisch gelobt wurden. Wir hatten davon drei Tage und Nächte Bass-Gewummer. Ätzend. Also auf in die Berge. Tetiana wunderte sich, dass ich tagelang einkaufte und wir mit zwei Autos hochfahren mussten (Lebensmittel für neun Tage für 3 Erwachsene, 2 Kinder und mögliche Überraschungsgäste, plus Katze und Gepäck). Gibt es keine Geschäfte in den Bergen? wunderte sie sich. Nein, gibt es tatsächlich nicht. Und ich wollte die mühsame Hin- und Herfahrerei ein paar Tage lang vermeiden.

Die Fahrt war lang, die Jungs ganz still, unsicher, was auf sie zukommen würde. Die Straßen wurden immer enger und kurviger, und die Schotterpiste am Ende ertrugen sie mit angehaltenem Atem. Dann sind wir da, es ist still, die Luft frisch und klar, wir öffnen die Tür zum Haus, ich zeige dem großen M ihr zukünftiges Zimmer im ersten Stock und stoße energisch die Fensterläden auf. “Boah!” ruft er und strahlt mich an. Der Blick auf die Berge und die Wiesen gefällt ihm offensichtlich. Das Zimmer mit den zwei Betten, mit Tisch und Stühlen wird sofort in Besitz genommen. Jeder ein eigenes Bett! So viel Platz! Wir zeigen das Haus, den Garten, die Kinder entdecken einen Fußball und kicken schon begeistert im Garten herum. Monsieur sucht für sie im Keller Spielzeug und findet bunte Bauklötzchen, mit denen in den nächsten Tagen viel Krieg und Frieden gespielt wird, die gelben und blauen Klötzchen (sind natürlich ukrainische Panzer) werden von einem einbeinigen Playmobilhelden angeführt und besiegen die roten und grünen Klötzchen, das denken Sie sich schon. Dass wir in der alten Küche blaue und gelbe Teller haben, ist auch einfach großartig.

Tetiana läuft begeistert und ehrfürchtig durch das alte Haus: Ein Museum! sagt sie immer wieder. Damit erklären wir dann zukünftig auch alles, was ein bisschen anders funktioniert: wenig, und schon gar kein warmes Wasser in der Dusche, wenn gleichzeitig die Waschmaschine läuft zum Beispiel: Museum!

Aber schon ist es spät und am nächsten Tag ist Sommerfest, das Fest der Ste. Anne. Ich verlinke Ihnen mal den Beitrag von vor zwei Jahren, so ähnlich war es dieses Mal auch. Nur, dass es dieses Jahr am selben Abend zusätzlich auch wieder ein großes Fest unten im Dorf gibt. Dort fahren wir natürlich auch hin. Zunächst gibt es offizielle Reden der regionalen Politiker und der Bürgermeisterin, dann ein laaanges Essen mit siebenunddrölfzig Gängen auf dem schön geschmückten Dorfplatz. Wir sitzen mit netten Menschen an einem runden Tisch mittendrin, es ist eine tolle Stimmung, alle sind gut gelaunt. Tetiana isst brav alle Gänge und glaubt beim sogenannten “trou normand” (in unserem Fall frische Wassermelone) schon beim Dessert angekommen zu sein, aber nein, erkläre ich ihr, es ist nur ein Zwischengang, er dient nur der Verdauung, damit jetzt die Hauptspeise serviert werden kann. Sie ist schockiert, es ist ihr erster Kontakt mit einem französischen Festessen (und sie braucht später zusätzlich eine Brausetablette Citrat de Betaine zur Verdauung). Es wird getanzt und gesungen, und ich greife vorweg, wenn ich Ihnen sage, wir haben einen tollen Covid-Cluster geschaffen, am nächsten Tag war nämlich das halbe Dorf krank. Wir alle aber glücklicherweise nicht. An diesem Abend aber blieben wir tapfer bis zum Dessert um ein Uhr morgens, der kleine M schlief da bereits auf Tetianas Schoss und wachte auch auf der Holperstrecke zurück nicht auf.

Ich habe übrigens auch (ein bisschen) getanzt, seitdem ich nämlich die Knie kaputt habe, bedaure ich so sehr, in meinem Leben nicht genug getanzt zu haben! Immer hatte ich Angst, dass man mich (und meinen Hintern) anstarren würde, dass man sich das Maul zerreißen würde, weil ich nicht gut genug tanzte und was nicht alles. Was macht man sich das Leben schwer! Das ist heute vorbei, ich tanzte sogar bei einer Polonäse mit, la chenille, die Raupe, heißt das hier, etwas, was ich früher, weil “zu blöd”, auch nicht gemacht hätte. Ich konnte also tanzen, ein bisschen wenigstens, ich dachte, das werde ich anderntags schwer bereuen, aber nein, es ging alles gut. (Kleiner Vorgriff: nach 9 Tagen unwegsamen Geländes und vieler uralter hoher Stein- und Holzstufen, schrien die Knie, trotz begleitender Wanderstöcke, nach Erlösung, und ich sehnte das Schwimmen im Meer wieder herbei, wofür ich dann auch die drückende Hitze Tag und Nacht (31 Grad um 23 Uhr drinnen!) an der Küste inkauf nahm.)

Dann beginnt der “normale” Bergurlaub, die Erwachsenen laden sich gegenseitig zum (erneut stundenlangen) Essen ein und man spielt nachmittags zusammen Boule, Monsieur nimmt sich einem Stapel Holz an, die Kinder rennen herum, zunächst von einer Schaukel zur anderen, sie dürfen bei den Nachbarn auf dem Trampolin hüpfen und Tischfußball spielen, es gibt Hunde, denen man zigtausendmal Bälle und Stöcke werfen kann und es gibt bei uns Pepita, die gestreichelt und vom kleinen M. immer liebevoll zugedeckt wird.

An einem Nachmittag besuchen wir die junge Schäferfamilie und wandern (die Knie am Limit) zu den Schafen, die derzeit unterhalb des Dorfes im Wald weiden. Die beiden Ms haben keine Angst vor Tieren, sie streicheln auch furchtlos einen großen Hütehund und wuseln durch die Schafherde.

Später können sie auch noch Esel streicheln und mit Brot füttern. Nur den angebotenen Schafskäse möchten sie nicht probieren.

Das ist ein bisschen schade – die Kinder essen tatsächlich nur Kartoffeln, Nudeln und zum Frühstück “kleine Crêpes”, die sich für mich überraschend als Blinis herausstellen, und die Tetiana uns nun häufig als Nachtisch macht – kleine süße Eierküchlein, die wir mit Zucker bestreuen oder einen Klacks Marmelade draufsetzen und dann gierig verschlingen. In Frankreich isst man Blinis vor allem in der salzigen Variante mit Lachs oder Forellenkaviar, meistens zu den Jahresendfesten, und ich kannte bislang tatsächlich nur das Fertigprodukt, das irgendwie, und selbst aufgewärmt, nach Karton schmeckt. Ab sofort wird es also selbst gemachte Blinis geben! Tetiana ist allerdings nicht in der Lage das Rezept “detailliert” weiterzugeben, sie wirft einfach ein paar Eier, Mehl, Milch, Zucker, Naturjoghurt und eine Prise Backpulver zusammen, rührt, bis die Konsistenz stimmt und backt dann kleine Küchlein aus. Basta.

Blinis in the making

Ich hatte extra wundervolle Pfirsiche beim Erzeuger gekauft, weil ich so gerne mein “Aha-Erlebnis” mit den südfranzösischen Pfirsichen weitergeben wollte. Richtig große, reife, saftige und gleichzeitg feste Pfirsiche, die einen unglaublich aromatischen Geschmack haben, habe ich erstmals in Südfrankreich gegessen. Hier schält man Pfirsiche übrigens, was nur geht, wenn die Früchte sehr reif sind. Hier schält man im Übrigen auch Tomaten, auch das geht nur mit richtig reifen Tomaten, die ich ebenso erst in Südfrankreich zu Schmecken bekommen habe. Die Kinder aber wollen das alles nicht probieren. Auch nicht meine leckeren Karamellcreme-Desserts. Kennen sie nicht, wollen sie nicht. Ihre Mutter bereitet ihnen zeitversetzt ihr bescheidenes Essen zu, ich zucke irgendwann mit den Achseln, ich habe keinen Erziehungsauftrag, es ist nicht meine Familie. Hingegen kocht Tetiana abends manchmal für uns, einfache aber immer sehr leckere Gerichte auf Kartoffel- oder Reisbasis. Mich erinnert es an deutsches Essen “von früher”.

Wir verbringen sehr angenehme Tage zusammen, und hätten wir nicht Termine “unten”, und würden meine Knie nicht so schmerzen, wären wir alle gerne noch länger an diesem ruhigen, kühlen (nachts 10, tagsüber 24 Grad!) und friedlichen Ort geblieben.

Zurück, werfe ich mich wieder ins Meer und weiche geschickt den Quallen aus, die jetzt von sportlichen älteren Herren mit einem Kinderfischnetz herausgesammelt werden. Sie dafür zu bewundern und einen erleichterten Blick auf die eliminierte Qualle zu werfen, gehört nun zum morgendlichen Strandritual. Der Strand wird voller, wir nähern uns dem langen 15. August-Wochenende.

In der Zeitung war heute die Nachricht vom Tode Jean-Jacques Sempés zu finden. Was für ein Käseblatt, dieser Nice-matin, denke ich verärgert. Sie haben nur einen winzigen Artikel verfasst für den Papa vom Petit Nicolas und für den Zeichner all der detailverliebten melancholischen und so französischen Zeichnungen, die ich so geliebt habe (und immer noch liebe). In der deutschen Presse steht etwas mehr, immerhin.

Und hier noch ein Artikel auf arte.

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Rückblicke

Rechtzeitig zum letzten Parlaments-Wahlabend, der zwar erst vier Wochen, gefühlt jedoch schon Ewigkeiten her ist, gab mein Laptop seinen Geist auf, was mich zumindest enthob, das wenig erfreuliche Wahlergebnis zu kommentieren und all die Katastrophenszenarien, die in den Medien diskutiert wurden, weiterzugeben. Falls Sie es nicht wissen sollten, Macrons Bewegung hat keine absolute Mehrheit im Parlament, dort sitzen jetzt auch eine große Anzahl des (extrem-)linken Bündnisses NUPES und fast ebenso viele aus dem (extrem-)rechten Lager um Marine Le Pen. Im Prinzip sollte man darüber froh sein, das wird hier auch immer wieder gesagt, weil so Demokratie aussieht, nicht wahr, und dass der erste Gesetzentwurf von beiden Oppositionsparteien abgeschmettert wurde, ist zwar nicht schön, aber eben das Ergebnis der angewandten Demokratie. “Kompromiss wagen” lautete auch die Botschaft der Premierministerin in ihrer ersten Rede im Parlament, bei der sie kaum zu Wort kam, so sehr unterbrachen, buhten und riefen die Parlamentsabgeordneten von NUPES dazwischen. Juchuh, wir sind da und machen Krach und Opposition.

Nun, als die Grünen seinerzeit in den Deutschen Bundestag einzogen und insbesondere Joschka Fischer dort den Laden aufmischte (“Mit Verlaub Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch”), fand ich das klasse und richtig. Vermutlich ist die jüngere französische Bevölkerung ähnlich zufrieden, dass es im Parlament jetzt rund geht. Ich aber bin älter geworden und finde das Herumkrakeelen und das Blockieren, um des Blockierens willen, jetzt ziemlich sinnlos. Der erste Gesetzentwurf, der vorsah, dass im Falle des Auftauchens eines neuen gefährlichen Virus’, bei der Einreise an den Grenzen Frankreichs ein Gesundheitspass gefordert werden sollte, wurde jetzt nicht nur von NUPES, sondern auch von den Rechten abgelehnt, obwohl Marine Le Pen während der Covid-Welle immer forderte, dass die Grenzen geschlossen werden und man nicht alle unkontrolliert ins Land lassen sollte. Jetzt hat sie, völlig unlogisch, dagegen gestimmt und alle ihre Abgeordneten auch, und das vermutlich nur, damit sie sich und NUPES beweisen konnten, dass sie fürderhin die Macht haben, das zu tun. Danach applaudierten sie sich begeistert selbst. Sie hören mich seufzen.

Das Laptop also war tot, und ich wagte mich mittels eines Youtube-Videos an eine Operation am offenen Herzen. Ich schraubte das Laptop, das auf den ersten Blick keine, auf den zweiten dann etwa zwanzig Schräubchen hat, auf und stemmte es auseinander, und siehe da, kaum hatte ich die Tastatur herausgehoben, sprang es wieder an. Zusammengeschraubt aber fiel der Lebenswille meines Laptops augenblicklich wieder zusammen. Ich machte das dreimal, dann suchte und bestellte ich ein neues Laptop in Deutschland, was sich als schwierig erwies, weil der Computerladen meiner Wahl nicht mehr ins Ausland sendet, desgleichen der Computerhersteller, der mich von der deutschen Seite penetrant auf die französische Homepage verweist, auf der ich, als in Frankreich Ansässige, bitte bestellen möge, was ich aber nicht kann, da ich ein Laptop mit deutscher Tastatur möchte. Letzten Endes musste ich es beim großen bösen Wolf bestellen, es kam tatsächlich drei Tage später, aber ich hatte bisher noch nicht mal Zeit und Muße, es einzurichten, ich tippe hier also immer noch auf der rausgeschraubten und leicht wackelnden Tastatur meines fragilen Alt-Laptops.

Viel ist geschehen, ich fürchte, ich erinnere mich nicht mehr an alles. Das 3. Deutsche Filmfestival war, und es war gut besucht! Und es waren tolle Filme! Ich finde es aber schon anstrengend, vier großartige Filme an nur zwei Tagen anzusehen. Die einzelnen Filme bekommen dann nicht genug Raum, finde ich. Aber vielleicht geht es auch nur mir so. Ich war auf jeden Fall nicht in der Lage, die Filme sofort zu bewerten und zu sagen, welchen ich am besten gefunden habe. Aber vielleicht war es der von den Zuschauern mit 7,9 Punkten auf den letzten Platz gewählte “Vor der Morgenröte”, das Exil von Stefan Zweig. (In the fade /Aus dem Nichts von Fatih Akin bekam 9 Punkte; I’m your man/Ich bin dein Mensch von Maria Schrader 8,6; De l’autre côté ebenso von Fatih Akin 8,5 und Transit von Christian Petzold 8,3)

Obgleich ich den Film schon kannte, fühlte ich mich dieses Mal Stefan Zweig, verkörpert von Josef Hader, so nah und litt mit ihm, als er im Nirgendwo im schwülen brasilianischen Urwald von einer brasilianischen Militärkapelle ein sehr holperig dargebrachtes “An der schönen blauen Donau” anhören musste, rührend und absurd gleichzeitig; und wie er darum ringt, Zeit für sich und zum Schreiben zu finden, während alle Welt etwas von ihm will: die Journalisten, sämtliche Kulturvertreter der Exilländer und vor allem Familie, jüdische Freunde und Bekannte, die von ihm dringlichst mit Geld und Visa aus Deutschland gerettet werden wollen.

Und natürlich denke ich auch an den aktuellen Krieg in der Ukraine und kann nicht umhin, die Film-Szenen (auch Transit sah ich aktuell mit anderen Augen!) mit Tetianas Situation zu vergleichen. Da ist man dann in Brasilien oder im schönen Südfrankreich in Sicherheit, alles ist überbordend schön, das Leben im Exilland ist zumindest nicht unangenehm, und manch einer dort weiß nicht mal, dass Krieg (in Europa/in der Ukraine) ist und vor allem, warum, und einen selbst plagt unablässig die Sorge um sein Land und seine Leute. Wie sinnlos, in diesem Land herumzuhängen, als sei man in Urlaub und als sei alles in Ordnung. Stefan Zweig hat sich umgebracht, wozu weiterleben? Er fühlte sich zu alt (mit 60!) und wollte nicht mehr hoffen und darauf warten, ob es ein freies Europa geben könnte.

Tetiana hat Heimweh. Sie ist in Sicherheit, ja, und ja, das Leben in Südfrankreich ist schön, aber ist es nicht ungehörig, hier vergnügt und braungebrannt am Strand zu sitzen, während ihr Land und ihre Leute beschossen werden? Sie will auch gar nicht wirklich etwas aufbauen hier, wäre lieber zurückgegangen, aber ihr Mann möchte seine Familie keiner Gefahr aussetzen. Es gibt, selbst im Westen der Ukraine, immer mal überraschende Raketenangriffe; zwei kleine Flughäfen ganz in der Nähe des Dorfes, in dem Tetianas Mutter lebt, wurden kürzlich beschossen, vier Zivilisten starben dabei. Die Meldung wurde von unseren Medien, soweit ich weiß, nicht geteilt, zu wenig Tote vermutlich. Aber es hat gereicht, dass Tetiana ihren Wunsch zurückzugehen, schweren Herzens aufgab. In der Zwischenzeit haben wir die Kinder für das nächste Schuljahr und sie sich beim Arbeitsamt arbeitssuchend (an-)gemeldet (eigentlich wollte sie sich dort nur für einen Französischkurs einschreiben, aber man befand, ihr Französisch reiche aus und schrieb sie stattdessen als Arbeitssuchende ein). Sie hofft, dass wenn sie im September immer noch hier sind, sie dann Arbeit findet (ihre beiden Diplome werden jedoch hier nicht anerkannt), und wir haben in dem Zusammenhang ein Bankkonto eröffnet. Seit dem 7. Juli sind nun Ferien. Der große M. war ein bisschen traurig, als das Schuljahr zu Ende war, es läuft wirklich gut für ihn in der Schule, er hat viele Freunde und kürzlich wurde er zu einem Kindergeburtstag eines Klassenkameraden eingeladen! Der kleine M., der bislang überhaupt nur vormittags zur Schule geht, fand hingegen, es reiche nun aber mit der Schule, und er ist in den letzten Tagen nicht mehr hingegangen.

Monsieur und ich waren gerade ein paar Tage im Bergdorf. Wir warteten, unter anderem, wieder vergeblich auf einen Handwerker, aber viel entscheidender war, dass dort ein großes mehrtägiges Hochzeitsfest stattfand, und, um es vorwegzunehmen, es war die berührendste und schönste Hochzeitsfeier, die ich je erlebt habe. Es fing schon damit an, dass der ehemalige (deutsche) Schwiegervater die Braut ihrem zweiten Ehemann zuführte. In diesem Sinne ging es weiter. Jedes Wort während der religiösen Zeremonie war tief und bedeutsam. Ich habe kein einziges Foto gemacht, so gefangen war ich von allem. Nach der Zeremonie gab es Musik und angeleiteten provenzalischen Tanz auf dem Dorfplatz (zumindest für die mit validen Knien) und abends einen Apéro für alle, später ein gesetztes Essen für über hundert Personen. Und damit war es noch nicht zu Ende – viele Gäste waren aus Deutschland angereist, eine Frau kam sogar den weiten Weg aus Norddeutschland (in 19 Etappen!) mit dem Fahrrad gefahren!, aus Belgien und aus allen Ecken Frankreichs. Sie wurden alle noch einen oder zwei weitere Tage logiert, verköstigt und bespaßt. Großartig und toll! Und, das sage ich ganz ehrlich, ich fand noch am Vortag, als ich mit drei anderen Frauen etwa 150 ziemlich spät angelieferte Stühle mit Hussen bezog und Schleifen band, Tischdecken bügelte und Servietten, und liebevoll genähte Serviettenringe darum schlang, dass das alles nicht nötig sei, und viel zu viel, und es sah außerdem wieder mal so aus, als würde alles nicht rechtzeitig fertig – und auch die Zeremonie verschob sich um knapp zwei Stunden, weil der Diakon, ein Freund des Bräutigams, der sich um ukrainische Familien kümmert, von diesen am selben Tag zum Dank zu einem “kleinen” Apéro eingeladen worden war, bei dem sich dann aber die Tische unter der Last des aufgefahrenen Essens bogen und er konnte nicht, wie er dachte, nach einer halben Stunde wieder verschwinden, er musste einen Moment bleiben und mit den Menschen essen. Die Hochzeitszeremonie verschob sich und damit alles, der Tanz, der Apéro und das Essen – um halb Drei morgens ging ich schlafen, da war die Hochzeitstorte (hier macht man ein sogenanntes Pièce montée, eine hohe spitz zulaufende “Torte” aus, mit verschiedenen Cremes gefüllten Windbeutelchen, die mit karamellisiertem Zucker zusammengeklebt werden) noch lange nicht angeschnitten.

Das pièce montée also, Sie wollen ein Foto – ich habe das gute Stück zwar gesehen, als es vorbeigetragen wurde, aber nicht fotografiert und beim Anschneiden war ich nicht mehr zugegen, bekam nur einen Tag später noch drei kleine leckere Windbeutelchen nachgereicht, die ich aber sogleich gegessen und nicht fotografiert habe. Das mit den aus dem Web gezogenen Fremdfotos ist ja alles nicht mehr erlaubt. Ich setze Ihnen also ein Rezept hier rein (mit eine franssöhsische Patissier, der eine lustige Englisch spricht); das dort gezeigte pièce montée hat auch ungefähr die Größe “unserer” Torte: drei Windbeutelchen pro Person sind üblich, bei etwa 105 Gästen haben sie also über 300 Windbeutelchen zu backen, mit Creme zu füllen und mit karamellisiertem Zucker zusammenzukleben. Sie können den Film vorspulen, ab etwa Minute 17 geht das “Bauen” los, und am Ende sehen Sie, wie es aussieht.

So, und hier ein zweiter Nachtrag mitten im Text, von Jutta (die aus Deutschland mit dem Fahrrad angereist war!) habe ich ein Foto von dem Original Pièce montée erhalten! Sie sehen, wenn es zu viele Windbeutelchen für die spitz zulaufende Form sind, dann wird irgendetwas angebaut; hier als Podest für das Schokolade-Atomium, das die belgische Familien-Seite symbolisieren soll. Die (Schoko-)Eichhörnchen sind das “Wappentier” des Dorfes. Merci Jutta!

Piece montée

Das muss doch alles nicht sein, dachte ich vorher. Das ist doch alles zu viel. Aber nein, rückblickend, auch nachdem wir all die Hussen wieder von den Stühlen gezogen, die Stühle und Tische zusammengeklappt, die Servietten, die Teller, die Gläser, die Löffel und Messer und Gabeln gezählt und für den Lieferdienst wieder getrennt in die Kartons verpackt haben, nein, rückblickend war es ein großes, rundes, perfektes und unvergessliches Fest. Herzlichen Dank V. und C. dass ich, dass wir dabei sein durfte(n)!

Kleines Schmankerl zum Abschluss: Monsieur und ich schlenderten zum Festzelt, das Dorf war voll mit bekannten und vor allem unbekannten, festlich gekleideten Menschen, eine Gruppe kommt uns entgegen, und eine Frau starrt mich an. “Aber das ist doch die Schriftstellerin!”, ruft sie auf Deutsch. “Hallo! Sie sind doch die Schriftstellerin! Ich kenn’ Sie! Ich hab’ Sie im Fernsehen gesehen!” Das ist mir in meiner kleinen Karriere bislang noch nie passiert, dass mich jemand aus dem Fernsehen “kennt”, und boah, die deutschen Hochzeitsgäste haben sämtlich alle meine Bücher gelesen! Ich sags ja, das Bergdorf ist was Besonderes! Hier passieren einfach unglaubliche Dinge!

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Am Strand

In aller Frühe zieht mich Monsieur aus dem Bett. JETZT sei die beste Zeit, schwimmen zu gehen, versucht er mich zu überzeugen. Im Prinzip braucht er aber nur jemanden, der ihn zu seinem am anderen Ende von Cannes geparkten Auto fährt, damit er, der frühe Vogel, Sie wissen schon, zu seiner Baustelle fahren kann, um dort Türen zu streichen, auch dazu ist (bei dieser Hitze) die Morgenstund bestens geeignet. Wir haben dort gestern Abend spät, Nationalfeiertag hin oder her, noch geputzt und aufgeräumt, nur all die anderen, die von überallher kamen, um am Strand zu picknicken und um das festliche Feuerwerk zu sehen, hatten die Stadt gnadenlos zugeparkt, und wir fanden beim Nachhausekommen weit und breit keinen Platz. Ich lasse mich also erweichen, setze mir die Kontaktlinsen in die müden Augen, nehme meine gepackte Strandtasche und fahre zunächst Monsieur zu seinem Auto, dann weiter an den Strand. Halb Acht bin ich dennoch nicht die Erste, aber immerhin habe ich noch die freie Auswahl in der ersten Reihe. Kritischer Blick zu den anderen Strandbesuchern, seitdem man uns vor ein paar Jahren in aller Frühe dort die Sachen geklaut hat, habe ich einen Blick für die Gestalten, die sich dort während der Saison immer mal wieder, auffällig unauffällig, aufhalten (und weshalb ich weder Geld noch Telefon mit an den Strand nehme, weshalb ich wiederum keine sommerlichen Meerfotos machen kann). Heute stehen aber, in einiger Entfernung, nur die üblichen (älteren) Strandbesucher. Ebenso kritischer Blick ins Wasser. Nachdem mich vor vierzehn Tagen eine Feuerqualle verbrannt hat und Quallen mehrere Tage in der Bucht gesehen wurden, traute ich mich nicht mehr ins Wasser. Ich erwog sogar ins Schwimmbad zu gehen, aber die Freibäder machen für den Publikumsverkehr erst um 10 Uhr auf, vorher trainieren die Clubs, das ist mir ehrlich gesagt zu spät. Wir waren zwischendurch ein paar Tage in den Bergen, und jetzt hat sich die Quallen-Lage wohl wieder entspannt. Das Meer sieht heute ganz gut aus, nicht so klar wie gestern, kein Wunder nach dem Feuerwerk und dem Ansturm der Massen auf die Strände, kleine Wellen gibt es auch, aber ich schwimme, von Quallen unbehelligt, bis zur großen Boje und zurück. Die große Boje ist vollkommen zugeschissen von den nervösen und ungelenken Jungmöwen, die mich im Wasser bei ihren Flugversuchen beinahe streifen, während sie im Tiefflug, genau wie ich, auf die Boje zuhalten. Uff, geschafft! Da sitzen sie dann, schon so groß wie eine ausgewachsene Möwe, aber noch grau gefiedert und dick aufgeplustert und fiepen ihre im Himmel kreisenden Eltern lange und verzweifelt um Hilfe an; ich bleibe vorsichtshalber auch nicht lang, sehe aber noch, dass sie beim Abflug zur nächsten Boje aufgeregt einen ordentlichen Möwenschiss zurücklässt.

Neulich schwamm ich an einer im Wasser zappelnden Biene vorbei, und beschloss augenblicklich, sie zu retten. Ich zog eine Flosse aus, fischte das Bienchen damit auf und schwamm einflossig und einhändig bis zur Boje, setzte sie dort vorsichtig ab und sprach ihr Mut für den Rückflug zu. Ich hatte dann trotzdem den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen, weil ich fürchtete, dass sie den weiten Flug zurück bis zum Festland vielleicht nicht geschafft hat.

Heute habe ich unwissentlich mal wieder den Platz eines mageren und ledrig braungebrannten Rentnerpaares besetzt, das schon seit Ende Juni seine Ferien am Strand verbringt, und zwar, so scheint es, seit Jahr und Tag, genau hier, schräg unterhalb des Kioskes Nummer 17. Es macht ihnen definitiv schlechte Laune, dass ich da liege. Am ersten Tag habe ich es noch nicht verstanden und sah nur verwundert, dass sie, für meinen Geschmack, deutlich zu dicht an mich heranrückten, wo doch noch so viel Reststrand frei war. Ich sah ihm zu, wie er fachmännisch etwa vier Quadratmeter Sand glättete und wie sie, ein fest eingespieltes Team, zunächst die Handtücher, akkurat ausgerichtet, ausbreitete und dann kleine Rückenlehnen daraufstellte, während er jetzt schon den Sonnenschirm, in einem exakt abgezirkelten Abstand zu den Handtüchern, eingrub. Ich hatte die Gelegenheit, sie mehrere Tage zu beobachten. Als Nächstes geht er mit einem Thermometer, das er an einer langen Schnur befestigt hat, ins Meer, um die Wassertemperatur zu nehmen. Heute 27° C. Man kann das auch in der Zeitung finden, oder etwas später beim Bademeister, da steht es auch auf einer Tafel angeschrieben. Ich weiß nicht, welcher Reiz darin liegt, die Wassertemperatur des Mittelmeers zu wissen. Der Strandnachbar ist auf jeden Fall ungeheuer zufrieden damit. Weiter ins Wasser gehen sie aber nicht, zumindest nicht, solange ich anwesend bin. Beide sitzen nun, im Partnerlook, mit einem hellen Strohhut behütet, auf ihren Handtüchern und schauen aufs Meer. Er beobachtet mit einem Fernglas die Jachten und Kreuzfahrtschiffe, die in der Bucht liegen und sucht sie in seiner App. Sie schaut nur.

Sie sind nicht alleine. Ein anderes Paar gehört auch zum Freundeskreis Meer am Kiosk Nummer 17, denen habe ich gestern, da war ich etwas später als üblich, den letzten Parkplatz vor der Nase weggeschnappt, wie sie kurz darauf laut neben mir am Strand verkündeten: “Die Dame in Rot hat unseren Parkplatz geschnappt!” Ich entschuldigte mich pflichtgemäß. Man lächelte mir gnädig zu. Mit der einzelnen älteren Dame, einer Niederländerin, die in der Regel als erste nach mir ankommt, habe ich mich ein bisschen angefreundet. Na gut, angefreundet ist etwas zu viel gesagt, aber Frauen frühmorgens allein am Strand, auch sie Opfer der Quallen, so etwas verbindet. Wir zeigen uns täglich den Zustand unserer Narben und fragen uns nach der Quallenlage ab, bevor wir ins Wasser gehen. “Heute habe ich keine gesehen”, sage ich ihr. “Was nicht heißt, dass es nicht doch welche gibt.” Sie nickt und plantscht dann vorsichtshalber doch nur in Strandnähe herum.

Nach dem Schwimmen ruhe ich mich etwas aus, trinke mein Wasser, kaue ein Stück Rührkuchen und blättere die Zeitung durch, als ich höre, wie man dem um Viertel nach Acht ankommenden braungebrannten Paar bedauernd sagt “Heute gibt es nur noch Platz in der zweiten Reihe”. Ich blicke kurz auf. Sie sind sauer. Sauer ist gar kein Ausdruck. Sie sind empört. Der Tag ist im Eimer. Vielleicht sogar die ganzen Ferien, wer weiß das schon. Unentschlossen stehen sie herum. Zweite Reihe! Undenkbar. Da kann man vermutlich die Schiffe nicht richtig beobachten und überhaupt. Die anderen drei schlagen vor, zusammenzurücken, aber der Platz reicht dennoch nicht für zwei Handtücher und den Sonnenschirm. Missmutig plättet er schließlich in der zweiten Reihe den Sand. Ich entschließe mich zu einer guten Tat, es ist bedeckt und ich werde sowieso nicht mehr lange bleiben, ich ziehe mein Handtuch also ein gutes Stück nach links, gefühlt etwas zu nah zu den mich nun befremdet ansehenden zwei Italienerinnen, die sich dort heute niedergelassen haben. Uff! Der Tag ist gerettet! Der Dank für zwei Meter Sand in der ersten Reihe ist dennoch nur knapp. Aber wer weiß, wenn ich so weitermache, gehöre ich am Ende des Sommers vielleicht doch zum Strand-Ferienklub. Nein, keine Sorge, ich strebe das nicht wirklich an, außerdem gehe ich um halb Neun, sodass sich unsere Freundschaft, zumindest heute, auch nicht mehr vertieft.

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3. Deutsches Filmfestival in Cannes

Hurrah! Tatsächlich planen wir schon das dritte Deutsche Filmfestival in Cannes! Ich konnte mich gar nicht mehr an das erste Deutsche Filmfestival erinnern (schäm), in meinem Gedächtnis ist nur das großartige und super erfolgreiche DEFA-Filmfestival hängengeblieben! Das werden wir, wenn alles gut geht, in diesem Herbst auch wiederholen, und das wird dann das vierte Deutsche Filmfestival! Jetzt aber erstmal zum dritten Deutschen Filmfestival: Wir werden mit dem Kinoclub Cinécroisette und in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten Marseille und Lille am letzten Juniwochenende in zwei verschiedenen Cannoiser Kinosälen vier deutsche Filme zum Thema: Exil/Diaspora zeigen. Ein fünfter Film hat unseren Vereinspräsidenten überzeugt, da er aber nicht wirklich mit dem Thema Exil/Diaspora zu tun hat, oder der Bezug zumindest von sehr weit hergeholt ist, wird er eine Woche vorher gezeigt, als Auftakt sozusagen, und außerdem als Avant Première, vor dem Filmstart in Frankreich.

Ich bin außerordentlich zufrieden, dass wir zwei Filme von Fatih Akin zeigen werden: Aus dem Nichts und Auf der anderen Seite. Dann werden wir Transit von Christian Petzold sehen und Vor der Morgenröte von Maria Schrader. Von ihr wird auch der alleinstehende Film I’m your man sein: Eine Wissenschaftlerin lebt ein Experiment mit einem menschlichen Roboter. Letzteres ist sehr spannend, weil in Frankreich gerade auch ein Film zu diesem Thema erscheinen wird, der aber mit der typischen französischen Comédiecrew eher ulkig daherkommt: L’homme parfait. Der perfekte Mann existiert, ist aber ein Roboter. Die französische Komödie fliegt intellektuell eher tief, wie man hier sagt, werde ich mir aber ausnahmsweise und nur um des Vergleiches willen, n’est-ce pas, trotzdem im Kino ansehen (ich lerne ja immer noch dieses Land kennen, habe also soziologisches Interesse, haha!)

Sagen wir so: ich schaue mir diese französischen Komödien sogar ganz gerne an, in der Regel aber nur im Fernsehen, oft muss ich wirklich lachen, ich finde, sie sagen so viel über die Frenchies und ihre Art zu leben und ihren Humor aus. Mein französisches Umfeld findet das allerdings weniger lustig. Ich würde mich vermutlich auch dagegen verwehren, wenn man uns Deutsche anhand von deutschen Komödien zu kennen glaubte. Hier musste ich erstmal deutsche Komödien googeln. Gibts was Neues seit Männerpension und Der bewegte Mann? Hm, die deutsche Komödie scheint fest in Til Schweigers Hand zu sein, so ähnlich wie man in Frankreich nicht um Didier Bourdon oder Christian Clavier herumkommt. Falls sich eine dieser oder eine andere deutsche Komödie lohnt, lassen Sie es mich gern bei Gelegenheit wissen. Aber ich schweife ab.

Transit von Christian Petzold kennen Sie vielleicht schon; er lief bereits in Deutschland und in Frankreich, Vorlage war der Roman von Anna Seghers. Petzold hat ihn in das heutige Marseille versetzt, etwas, was mir, als ich den Film seinerzeit sah, weniger gefiel, was sich aber durch den Krieg in der Ukraine und mit der kleinen ukrainischen Familie bei uns zu Hause, plötzlich “richtig” anfühlt. Ich werde ihn also mit anderen Augen noch einmal ansehen.

Zu Stefan Zweig habe ich vor ein paar Jahren schon etwas geschrieben, damals erschien “Die letzten Tages des Stefan Zweig” als BD (bande dessiné, Graphic Novel zu deutsch). Den Film zum selben Thema, kenne ich auch schon, sehe ihn aber unter den bereits erwähnten Umständen gerne noch einmal mit aufmerksamem Blick an.

Beide Filme von Fatih Akin hingegen kenne ich nicht und bin sehr gespannt. Mit beiden Filmen war Fatih Akin sogar in Cannes beim Filmfestival vertreten. Dass ich das 2007 nicht mitgekriegt habe, kann ich verstehen. Ich lebte seit 2005 in meinem Bergdorf und dort ein völlig anderes Leben. Neue deutsche Filme drangen nicht bis zu mir vor, Musik und Bücher übrigens auch nicht. Es interessierte mich auch nicht. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich allen Ernstes, “mit all dem unwichtigen Hype” abgeschlossen zu haben, ich bevorzugte das reale südfranzösische Bergdorf-Leben, das sehr irdisch war, intensiv, auch erschöpfend arbeitsintensiv, auf jeden Fall füllte es mich komplett aus. Ich habe also zwischen 2005 und 2010 ein großes kulturelles Loch. Erst ab 2010, als mich Monsieur aus dem Bergdorf in die kleine Stadt am Meer holte, mir Bücher auf den Schreibtisch legte und mich ins Kino schubste, öffnete ich mich dafür erneut.

Ich lese übrigens (wieder) in “Die Geschichte meiner Filme” (Fatih Akin. Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme, Hrsg. von Volker Behrens und Michael Töteberg, Rowohlt 2011). “Am Anfang stand der Wunsch, mit Hanna Schygulla einen Film zu machen.”

Ich mag sehr, wie Fatih Akin darin von der Entstehung seiner Filme erzählt. Sehr unprätentiös, sehr sympathisch. Ich freue mich wirklich so, diese Filme jetzt sehen zu können!

Hier la montée des marches der Filmcrew für Aus dem Nichts / Into the Fade, 2017 in Cannes. Diane Krüger bekam übrigens die Palme für die beste weibliche Interpretation. (Und gerade habe ich nachgeschaut, warum mir dieser Film auch entwischt war, denn das erschien mir jetzt doch merkwürdig, aber wir waren während des Filmfestivals auf Korsika und thematisch in einem “anderen Film”.)

Es wird bestimmt toll. Ich rufe Ihnen also zu: “Wenn Sie zwischen dem 20. und 25.&26. Juni in Cannes (oder Umgebung) sind, kommen Sie dazu!” Und nein, das ist gar nicht so absurd, wie Sie vielleicht glauben. Ich erfahre immer wieder und von sooo vielen Menschen, dass sie “gerade” in Cannes sind oder waren oder sein werden. Ach so, die Zeiten und die Kinos erfahren Sie auf der Seite von Cinécroisette!

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Zwischenruf: Parlaments-Wahlen

Wir waren schon wieder in den Bergen zum Wählen. Dieses Mal wählen wir (ebenfalls in zwei Wahldurchgängen, der nächste folgt schon gleich nächsten Sonntag) die Parlamentszusammensetzung. Im Vorfeld habe ich so viel Papier zugeschickt bekommen von umbenannten und unbekannten Gruppierungen und Parteien, darauf ebenso unbekannte Gesichter, es war völlig verwirrend. Vermutlich hat eine der Tierschutzparteien deshalb ein Entchen als “Kandidaten” gewählt, das ist einprägsam und man versteht, um was es geht.

Das Entchen fehlte aber in meinem Wahl-Papierberg: Keine Tierschutzpartei in meinem Wahlkreis, dafür aber ein “Rassemblement Rural” – eine Art ländliche Wählergemeinschaft. Wir wählen in den Bergen nämlich in einem anderen Wahlkreis, der sogenannten 2. Circonscription, Cannes jedoch ist die 5. Cirsconscription und hat andere Kandidaten, das Entchen wie gesagt. Ich erspare Ihnen und mir, all die kleinen Parteien vorzustellen und konzentriere mich auf die größeren, die natürlich, schon wieder alle anders heißen als eben noch bei der Präsidentschaftswahl!

Jean-Luc Mélenchon zum Beispiel hat es geschafft, alle linken Gruppierungen, einschließlich der klassischen PS, der Sozialistischen Partei, hinter sich zu vereinen (das hat Mitterand seinerzeit zur Präsidentschaft verholfen!), und nennt dieses Bündnis nun NUPES. Nouvelle Union populaire écologique et sociale. Sie wissen nicht, wie Sie NUPES aussprechen sollen? NÜP vielleicht? Nüpès? Oder Nüps? Machen Sie sich nichts draus, das wusste gestern im Fernsehen auch niemand. Klar ist, der Zusammenschluss hat sich ausgezahlt, es gibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Macron, dessen Partei auch nicht mehr En Marche heißt, sondern Renaissance (wir berichteten), bei der Parlamentswahl jedoch überraschend unter EC Ensemble Citoyens läuft. Ich fand den dazugehörigen Kandidaten in meinem Papierberg nur, weil dort kleingedruckt in etwa stand “offizieller Kandidat des Präsidenten”. So machen das irgendwie alle, es wird dadurch nichts klarer. Dritte Kraft ist, wen wundert’s, das Rassemblement National, ex-Front National, und damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, ist Marine Le Pen sicherheitshalber neben ihrem Kandidaten mit abgebildet. Das immerhin ist deutlich.

Wir haben auch bei der Parlamentswahl weiterhin kein Verhältniswahlrecht, sondern Mehrheitswahlrecht und wählen daher nächste Woche erneut (und ich hoffe, mit einer höheren Wahlbeteiligung! Die lag nämlich nur bei etwa 50%!) und zwar unter den Kandidaten der Parteien, die mehr als 25% erreicht haben, alle anderen fallen unter den Tisch. In meinem Wahlkreis geht es um einen Kandidaten des RN oder EC, sprich, entweder zieht ein Kandidat von Extrem Rechts oder einer von Macrons Partei ins Parlament ein. Es ist so knapp dieses Mal, dass es selbst ohne Verhältniswahlrecht passieren kann, dass Macrons Partei im Parlament erstmals nicht die absolute Mehrheit erhält und zukünftig Kompromisse machen muss. In Deutschland kennt man das, in Frankreich nicht. Hier eine deutsche Einschätzung.

Mélenchon, der sich schon als zukünftigen Premierminister sieht, kündigte gestern schon kämpferisch an, als Erstes die Rentenreform zu kippen (er will die Rente mit 60!), außerdem wird alles erhöht, die Rente, der Mindestlohn (SMIG), es gibt mehr Stipendien für Studierende und zuguterletzt will er 800.000 neue Beamtenstellen schaffen. Wie er das alles finanzieren will, ist nicht ganz klar, interessiert seine WählerInnen auch nicht. Im Zweifelsfall besteuern wir die Reichen.

Es bleibt schwierig.

Sie verstehen das französische System nicht? Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Glücklicherweise ist bei Wikipedia jemand aktiv und zudem tagesaktuell.

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C’est la vie

Seit zwei Tagen kühlt es nachts nicht mehr ab. Tagsüber bis zu 28°C, gefühlte 29°C sagt das Handy. 32°C im Auto. Wir leben überraschend schon mit geschlossenen Fensterläden, stetes Indoor-Halbdunkel, wie sonst nur im Hochsommer. Als ich heute Morgen um halb Neun die Haustür öffnete, um zum Schwimmen zu gehen, schwappte mir schon warme Luft entgegen. Uff. Wir haben Sommer, und das Ende Mai, einfach so. Dabei war uns schlechtes Wetter vorhergesagt worden, Regen und Gewitter. Es regnet nicht. Im Bergdorf ist die Quelle versiegt, aus der das Dorf seit Jahr und Tag gespeist wurde. Wir haben dort oben jetzt “alarme secheresse”, müssen Wasser sparen, dürfen tagsüber nicht gießen, das Auto nicht waschen (das machen tatsächlich die Zweitwohnsitzler aus Monaco gerne hier oben, deshalb muss man es wohl ausdrücklich verbieten), der Brunnen, der, wie in jedem Bergdorf, auf dem Dorfplatz fröhlich plätscherte, ist abgestellt.

Wir müssen Wasser für alle zur Verfügung haben, auch für die Schäferfamilie, ihre Schafe und die fromagerie, die ein bisschen außerhalb leben und arbeiten. Am ersten Wochenende ohne Wasser, es war das erste Wahlwochenende und ein Maximum an Dorfbewohnern war im Dorf, ließ die Bürgermeisterin kurz entschlossen einen Lieferwagen voll stillem Mineralwasser hochfahren. Jeder Haushalt durfte sich zwei oder drei der 6-Packs an Wasser nehmen. Ein paar der Zweitwohnsitzler schrien Skandal. So haben sie sich das Landleben nicht vorgestellt. Ein Mann aus dem Gemeinderat begleitete die jungen unbedarften Männer der Wasserverwaltung aus der Stadt zur Quelle, wo kein Wasser mehr fließt. Tja, sie kratzen sich am Kinn. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, auf jeden Fall ist es Freitagabend, stellen sie mit einem Blick auf die Uhr fest, sie haben jetzt Feierabend und fahren zurück in die Stadt. Immerhin hat der Mann aus dem Gemeinderat so viel Autorität, dass er sie zwingt, mit seinem privaten Werkzeug (die jungen Männer hatten nichts, nicht mal eine Rohrzange dabei! Sie kamen den langen Weg aus Nizza völlig unbedarft hochgefahren, nach dem Motto: “Wir machen einen Ausflug in die Berge und schauen uns das erst mal an”) von einer anderen Quelle provisorisch eine Abzweigung zur bestehenden Wasserleitung zu basteln. Daran hat sich bis heute nichts geändert. So haben wir, seit ein paar Wochen schon, wenigstens etwas Wasser im Dorf. Man stellt in den Gärten und unter Regenrinnen Wassertonnen auf, um Regenwasser zu sammeln. Allein, es will auch nicht regnen.

Ok. Hier ist das Filmfestival gleich zu Ende, wir sind bei der Schlusszeremonie, gerade werden die Preise vergeben; dass Zelensky bei der Eröffnung gesprochen hat, ist schon Geschichte, dass kurzfristig der Film Mariupolis 2 des litauischen Filmemacher Mantas Kvedaravicius – nicht im Wettbewerb – gezeigt wurde, wissen Sie vermutlich auch schon. Ich habe ihn nicht gesehen, ich habe überhaupt nichts gesehen dieses Jahr; normalerweise fällt bei unserem Kinoverein immer mal eine Karte ab, aber dieses Jahr nada, niente, nix. Ich bin auch ziemlich desinformiert und käme ja nun sowieso zu spät mit allem Klatsch, das wollen Sie jetzt auch nicht mehr wissen. Als Top Gun, irgendsoein zweiter Teil eines Flieger-Spektakels, Teil 1 ist vor sechsunddreißig Jahren mit dem jungen Tom Cruise gedreht worden, und das Erstaunliche daran ist, dass nicht nur der Film sich nicht verändert hat, auch Tom Cruise sieht sechsunddreißig Jahre später noch so jung aus wie damals: keine Falte und kein Gramm Bauchspeck! Tom Cruise ist so alt wie ich. Ich habe mich verändert in sechsunddreißig Jahren. Insbesondere seit der Menopause. Grrr. Wie macht Tom Cruise das? (Mal abgesehen davon, dass er keine Menopausen-Körperveränderung erleiden muss. Es ist so ungerecht!) Legt er sich zwischen den Filmdrehs immer in einen Gefrierschrank? Nun, ich habe den Anfang des Satzes verloren – als dieses Fliegerspektakel im Palais des Festivals gezeigt wurde, gabs den überraschenden Einsatz einer Kampf-Fliegerstaffel, die zweimal über Cannes donnerte und rot-weiß-blaue Kondensstreifen in den Himmel malte. Ganz schön. Französischer Stolz eben. War aber natürlich ‘ne Überraschung, die nur von den Zuschauern vor Ort allenfalls geschätzt wurde, da sie sahen, was passierte. Ich hingegen saß zuhause und dachte einen Herzschlag lang, wir hätten Krieg. Ich möchte nicht wissen, was Tetiana dachte. Hier werden jeden ersten Mittwoch im Monat Punkt 12 Uhr die Sirenen getestet. Am ersten Mittwoch im April, als der Alarm losging, rannte ich so schnell ich konnte, die Treppen runter, um unsere kleine Familie zu beruhigen: “Test!” sagte ich. “Ist nur ein Test!” Tatsächlich gibt es auch eine Sirene auf der Insel Ste. Marguerite, wie ich jetzt weiß, die während unserem Ausflug (erster Mittwoch im Monat) Punkt 12 Uhr losquäkte. Auch wenn das Geräusch ziemlich penetrant und unangenehm ist, dieses Mal zuckte niemand mehr mit der Wimper. In Nizza wird jeden Mittag, auch hier Punkt 12 Uhr (JEDEN Mittag!), ein Kanonenschlag abgefeuert. Gibt so Traditionen, die ich im Moment weniger schätze.

Wir haben endlich ein neues Gouvernement und eine Frau als Premierministerin, Elisabeth Borne, die ehemalige Arbeitsministerin, wissen Sie natürlich auch schon; nett fand ich, dass sie in ihrer kurzen Ansprache bei der Amtsübernahme sagte, die kleinen Mädchen von heute sollten sich in ihren Träumen kein Limit setzen! So etwas Ähnliches könnte der neue Bildungsminister den Einwanderern Frankreichs auch zurufen, Pap Ndiaye, bisher sehr geschätzter Historiker, hat einen senegalesischen Vater und eine französische Mutter und ist kein Kind reicher Eltern. Er sehe sich selbst als Symbol der “Meritokratie”, also des Aufstiegs durch Leistungsbereitschaft (mériter, etwas verdienen), wie ihn die französische Schule verspricht, sagt er. Und auch als Symbol der “Diversität”.

Die Bewegung von Emmanuel Macron hat sich umbenannt. Das ist echt eine Marotte der Franzosen, ständig alles, vor allem die Namen politischer Parteien und Verwaltungsorgane umzubenennen. Wir Deutschen mögen so etwas ja nicht so gern. Meine Generation ist ja immer noch von der Schokoriegel-Kampagne “Raider heißt jetzt Twix” verwirrt. Die Franzosen nehmen das alles klaglos hin. En marche, heißt jetzt verheißungsvoll Renaissance, Wiedergeburt. Man will sich den Anstrich von Veränderung geben, hat aber doch ein paar Minister auf ihren Posten gelassen, ein Zeichen von Kontinuität und Effizienz.

Was noch? Hier kam überraschend und mit etwas Verspätung ein riesiges Paket voll Schweizer Schokolade für die kleine Familie an, die damit ein zweites Mal Ostern feierte. Gleichzeitig gab es eine große Spende, die mich und auch Tetiana umhaute. An dieser Stelle noch einmal von Herzen Dank! Im Moment geht es ihnen finanziell gut, auch dank Ihrer aller Spenden, und zusammen mit den Nahrungsmitteln vom Resto du coeur kommen sie damit hin. Sie machen keine kostspieligen Sachen, gehen quasi jeden Tag an den Strand, das ist kostenlos, und sie genießen das Meer, den Strand und die Sonne und sind alle drei braungebrannt wie noch nie in ihrem Leben.

Ha! Gerade (21.48 Uhr) wurde die Goldene Palme vergeben: Triangle of Sadness. Passender Film für Cannes ;-) Hier nur einer der drei Trailer.

Ich habe gerade einen langen Teil dieses Blogbeitrags gelöscht und damit auch leider die Pointe, die zur Überschrift dieses Textes geführt hat. Es war eine sehr nette Geschichte, aber beim Schreiben war es mir plötzlich unwohl. Ich will nicht mehr so detailliert über Tetiana und die Kinder schreiben. Es ist ein bisschen voyeuristisch und ich will sie nicht ausstellen, wie Tiere im Zoo. Bitte verstehen Sie das.

Ausatmen. Achselzucken. C’est la vie.

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Glück

Wenn Sie mein “Glücksbuch” gelesen haben, dann wissen Sie, dass es für mich die längste Zeit meines Lebens fast unmöglich war, Glück zu spüren. Das Unglück hingegen schien meins zu sein: Traurigkeit, Schwere, Grübeln, ein Hang zur Depressivität, da kannte ich mich aus, das konnte ich alles gut fühlen. Eine Therapeutin bat mich einmal, das Dunkle, das mich ausfüllte, und von dem ich sprach, zu malen. Ich nahm einen schwarzen Farbstift und malte auf einem Bogen Papier großflächig Schwarz. Ich fügte Schicht um Schicht an Schwärze hinzu und habe damals fast den Bogen Papier durchgemalt, denn die Farbstifte gaben einfach kein so intensives Schwarz, wie ich es zeigen wollte, her. “Es ist nicht Schwarz genug” befand ich schließlich resigniert. Sie habe es trotzdem verstanden, versicherte mir die Therapeutin.

Dass ich heute in Südfrankreich lebe, hat, das ahnen oder wissen Sie, mit der Suche nach Licht zu tun. Ich glaubte, die südliche Sonne würde mich wärmen und durchdringen, und das Leben im Süden würde mir die helle Seite des Lebens, Leichtigkeit, Unbekümmertheit, Freude und letztlich das Glück bringen. War natürlich nicht so. Und selbst Jahre später, obwohl ich objektiv betrachtet ein gutes Leben leb(t)e, um das mich viele beneiden, fühlte ich mich die längste Zeit nicht glücklich. Ich spürte es einfach nicht, das Glück.

Ich will jetzt hier nicht mein ganzes Buch und meine “Glückssuche” wiedergeben, aber es soll Ihnen verdeutlichen, dass “Glück spüren” für mich noch immer etwas Besonderes ist.

An einem Mittwoch, in der Zwischenzeit sind es schon drei Wochen her, waren wir mit mehreren ukrainischen Familien auf der Insel Ste. Marguerite vor Cannes. Wir sind ja Mitglieder eines Vereins “Les amis de l’Ile Ste. Marguerite” und schlugen der Vereinsvorsitzenden vor, einmal einen Ausflug für ukrainische Familien zu organisieren. Wir rannten damit offene Türen ein, sie kannte andere Gastgeber und fand die Idee, uns alle bei einem Picknick-Wander-Schwimm-Ausflug auf der Insel zu vernetzen, großartig; innerhalb nur weniger Tage hatten wir einen Ausflugstermin: mittwochs, weil da die kleinen Kinder nicht zur Schule gehen und die größeren nur vormittags Unterricht haben, den sie dann leichter ausfallen lassen können. Außerdem sollte das Wetter, das gerade etwas wechselhaft war, an besagtem Mittwoch gut sein. Wir fanden uns also um 10 Uhr mit unserer kleinen Familie am Fährableger ein; wir waren alle gut gestimmt, ein Ausflug mit dem Boot, hurrah! Ich war Covid-und Knie-bedingt, schon zwei Jahre nicht mehr auf den Inseln gewesen und freute mich, weil ich wusste, wie schön es dort ist. Der große M. freute sich, weil er nicht zur Schule musste, obwohl es dort gut für ihn läuft.

[Kleiner Schul-Exkurs] Ich war erst nicht so glücklich mit der Wahl dieser Schule, hätte die Kinder lieber in der Grundschule in unserem Viertel gesehen, schon, weil sie näher liegt und auch, weil sie weniger “Brennpunkt”-Schule ist, wie das neulich ein junger Pädagoge freundlich und gänzlich unbeschwert äußerte. “Brennpunkt-Schule”. Da musste ich erstmal schlucken. Ob es eine internationale Schule sei, fragte mich Tetiana an einem der ersten Tage, als wir mit anderen Eltern, Großeltern und anderen Abholberechtigten auf die Kinder warteten und wir so viele, ich zögere hier sehr, wie sagt man? Aus Tetianas Sicht zumindest “andere” Nationalitäten sahen. Nein, sage ich, keine internationale Schule. Es ist die Schule des Stadtviertels, versuche ich zu erklären, das wiederum ein “quartier populaire” ist, was nicht mit dem deutschen “populär” zu verwechseln und als “beliebt” übersetzt werden kann; populaire kommt von “peuple”, dem Volk also, es ist eher ein Arbeiterviertel. Die Schule, um das auch zu sagen, liegt quasi neben einem ehemaligen Fabrikgebäude, einer “Miroiterie”, man stellte dort Spiegel her, die aber schon lange als Moschee umgenutzt wird.

“Man sieht diesem Viertel noch die einfache Herkunft von Cannes an. Niedrige Häuschen mit kleinen Innenhöfen drängen sich an manchen Stellen noch aneinander. An anderen Stellen sind sie schon großen, mehrstöckigen Wohnhäusern mit ausladenden Balkons gewichen, die aber auch schon in die Jahre gekommen sind. Das hintere Ende der kleinen Straße sah lange Zeit etwas schmuddelig aus, Autowerkstätten und leerstehende große Hallen zeugen von einer früheren Gewerbetätigkeit. […] Die Stadt hatte die alten Gebäude erworben und sie teilweise abgerissen: Das Viertel sollte aufgewertet werden, mit einem großen Parkplatz und Grünanlagen, mit kleinen geschwungenen Wegen, die zu den höher gelegenen Straßen und zur Kindertagesstätte führten. […] Und schon war in eine der leerstehenden Hallen eine Tanzschule eingezogen.” Ich zitiere mich hier übrigens selbst aus dem 4. Fall meines Krimis “Endstation Côte d’Azur”; ich schicke meinen Commissaire ja gerne in unbekanntere Ecken von Cannes. Jetzt stehen wir also in genau diesem Viertel, das immer noch ein Arbeiterviertel, und damit eben auch Einwandererviertel ist, vor der Grundschule. Tatsächlich gibt es in der Klasse des kleinen M. nur zwei helle, blonde Kinder, eines davon ist der kleine M. aus der Ukraine.

“Brennpunktschule”, das trifft mich dann doch. Ich begann, die Schule gegenüber dem noch sehr jungen Pädagogen, der als Deutschlehrer überwiegend an katholischen Privatschulen eingesetzt wird, zu verteidigen. Sicher, in der kleinen Grundschule wird kein Deutsch gelehrt, Deutsch ist in Frankreich sowieso auf dem absteigenden Ast, wenn ich das mal so salopp sagen darf, auch an katholischen Privatschulen gibt es mit Ach und Krach höchstens eine Deutsch-Klasse. Hier wird aber nicht mal Englisch in der folgenden Klassenstufe angeboten, stattdessen Arabisch oder Portugiesisch, aber ich verteidige die Schule dennoch, denn die Lehrerinnen, die Direktorin, auch die Schüler und Schülerinnen sind super lieb mit den beiden Ms. Die Lehrerin des großen M. gibt ihm jeden Tag eine Stunde privaten Französisch-Sprachunterricht und sie hat ihn bereits für das kommende Schuljahr in die nächste Klasse versetzen lassen. Die Direktorin bemüht sich um eine Lösung, ihm Englischunterricht zu ermöglichen, damit er mit dem in der Ukraine begonnenen Englisch weitermachen kann. Es gab originelle Möglichkeiten, beide Kinder bei der Schultheater-Aufführung mitwirken zu lassen (Tanzen statt Sprechen). Und beide Ms sind in ihren Klassen integriert, des großen Ms bester Freund ist Pablo, der spanische Wurzeln hat. Alle sind dort also wirklich sehr lieb, sehr bemüht und das finde ich toll! [Schul-Exkurs Ende]

Zurück zum Ausflug: Der kleine M. freute sich, weil er sich überhaupt über alles freut, weil das ganze Leben noch neu und abenteuerlich ist. Ich musste zwischendurch an den Film Das Leben ist schön denken, an Roberto Benigni, in der Rolle des Vaters, der seinem kleinen Sohn vormacht, dass das Konzentrationslager nur ein großes Abenteuerspiel sei. Wenn ich den kleinen M. sehe, und vor allem, wenn ich mir die TV-Serien ansehe, die es derzeit gibt, Koh-Lanta heißt etwa eine französische Serie, in der die Teilnehmer auf einer mehr oder weniger unwirtlichen Insel manchmal tagelang nur eine Handvoll Reis zu essen haben und aberwitzige Situationen durchstehen müssen, etwa, so lange wie möglich auf einem senkrecht stehenden Baumstamm im Meer ausharren, dann kommt mir der Film und der Versuch des Vaters, seinem Sohn das Konzentrationslager als Spiel zu verkaufen, gar nicht mehr so absurd vor.

Unser Insel-Abenteuer aber war ausschließlich heiter. Zunächst setzten wir über auf Ste. Marguerite und ließen uns auf der Fähre vom Wind durchwehen, sahen Cannes kleiner und die Insel größer werden und rauschten auf dem offenen Meer an weißen Segelbooten vorbei, und schon sind wir da. Wir schleppten Kühltaschen und Rucksäcke zum kleinen Vereins-Cabanon, einem Hüttchen, nicht weit vom Anlegesteg. Erst jetzt treffen alle Familien und ihre Gastgeber aufeinander. Wir stellen uns vor und erleben fast sofort einen Coup de foudre, einen “Blitzschlag”, meint, einen “Liebe-auf-den-ersten-Blick”-Moment. Der kleine M. (4) und ein ebenso kleiner Junge H. (5) entdeckten sich und fielen sich fast in die Arme: ENDLICH einer in ihrem Alter, der die gleiche Sprache spricht! Beide kleine Jungs waren für den Rest des Tages unzertrennlich, sie rannten zusammen herum, warfen einträchtig Steine ins Meer, fanden gemeinsam Stöcke, die wie Maschinenpistolen aussahen und schossen damit unsichtbare Feinde tot. Sie plapperten und lachten, später beim Essen saßen sie am Tisch zusammen und umarmten sich zwischendurch wie alte Freunde, die sich lange Jahre aus den Augen verloren hatten. Es war sehr rührend. Der große M. (10) und die anderen Kinder, drei Mädchen (2, 7 und 13 Jahre) fanden sich nicht ganz so leicht zusammen. Die Mütter auch nur zögerlich. Nur weil man in etwa die gleiche Situation lebt, muss man sich nicht sofort und vielleicht auch gar nicht sympathisch finden. Drei unterschiedliche Schicksale, zwei der Frauen haben ihre Männer, die Mädchen ihre Väter verloren. Alle drei Mütter mit ihren Kindern leben bei nur einem französischen “Gastgeber”paar, das zunächst nur vier Personen aufnehmen wollte, aber letzten Endes die dritte 3-Personen-Familie auch noch nahm. So bilden neun Personen eine Wohngemeinschaft in einer, zugegeben, sehr großen Wohnung in einer schicken Appartmentanlage, wo allerdings die Nachbarn über den unerwarteten Zuzug von drei sehr lebendigen kleinen Kindern nicht allzu begeistert sind. Es hagelt Beschwerden von allen Seiten. Erschwerend kommt hinzu, dass die drei Frauen und alle Kinder bislang kein einziges Wort Französisch sprechen, wozu auch, sie wollen alle so schnell wie möglich wieder zurück; in der Zwischenzeit gibt es dieselben Themen wie bei uns: Schule, Krankheiten, Behörden. Darum kümmert sich vor allem er, um das Essen (Einkaufen, Kochen) und den Haushalt kümmert sie sich. Auf lange Sicht wird es dort so vielleicht nicht funktionieren. Das Gastgeberpaar (Mitte 70), bei allem vom Herzen getragenen Engagement, ist manchmal erschöpft.

Wir machten zunächst gemeinsam eine Runde um den Westzipfel, den, wie ich finde, schönsten Teil der Insel, wir Gastgeber tauschten uns aus, die jungen Frauen fanden sich zusammen, die Kinder warfen begeistert Steine ins Wasser, setzten ein Plastikschiffchen in die Wellen und balancierten auf den Klippen. Später bereiteten wir ein Picknick vor und saßen an einem langen Tisch zusammen; alle haben etwas beigetragen, Tetianas belegte weiche Weißbrötchen sind als erstes verschwunden, sie scheinen den Kindern am vertrautesten zu sein, sie schmausten sie mit vollen Backen. Mein Schokoladenkuchen (Fondant au chocolat) am Ende findet aber ebenso reißenden Absatz. Dazwischen gibt es Salate, salzige Tartes, Aufschnittplatten und Pizza vom nahen Insel-Restaurant.

Die Jungs rannten schon wieder mit Stöcken im Häuserkampf um die kleinen Cabanons, die kleinen Mädchen schwirrten ebenfalls herum. Nur der große M. saß alleine auf einem Steinbänkchen und guckte aufs Meer. Ob er traumatisiert sei, fragte mich der französische Gastgeber sorgenvoll. “Nein”, beruhigte ich ihn, es sei alles in Ordnung (soweit man das sagen kann). Aber warum er denn nicht mit den anderen Kindern spiele, wunderte sich der Gastgeber weiter. Das sei doch nicht normal, findet er. Nun, ich finde es ganz normal, die Kleinen sind ihm zu klein, die Dreizehnjährige zu “erwachsen”, also bleibt er für sich, erkläre ich achselzuckend. Ist schade, dass kein Kind in seinem Alter dabei ist, aber auch nicht weiter schlimm, finde ich. Aber der Gastgeber gab seine Einschätzung jetzt an die anderen Franzosen weiter. Alle sahen zu M. und nickten ernst. Er ist bestimmt traumatisiert! Vielleicht braucht er psychologische Betreuung, schlug man mir wohlmeinend vor. Herrjeh. Ein Kind, das nicht sofort “sozialisiert” und mit den anderen Kindern spielt, hat in den Augen der Franzosen ein Problem. Der Sohn einer tschechischen Freundin, seinerzeit ein stiller Junge, der gerne Schach spielte, wurde bei einem Schüleraustausch von seiner französischen Gastfamilie als “therapiebedürftig” eingestuft, nur weil er nicht dieses französische Sozial-Gen verinnerlicht hatte. Französische Kinder werden hier von klein auf in Gruppen gesteckt, und “sich dort sofort Freunde zu machen” ist das Wichtigste überhaupt. In der Schule gibt es keinen festen Klassenverband über mehrere Jahre hinweg, wie ich das zumindest aus meiner Schulzeit aus Deutschland kenne, sondern jedes Jahr wird bewusst alles wieder durcheinandergewürfelt. Sich in der neuen Klasse zurecht und schnell Freunde zu finden, ist jedes Schuljahr wieder eine (von der Schule und Gesellschaft gewollte) kleine Herausforderung. Dass der tschechische Junge etwas weniger sozial-aktiv war, machte ihn suspekt. Irgendwas musste mit ihm nicht stimmen. Der Schüleraustausch wurde dann abgebrochen, seine Mutter war mit dem Besuch beim Psychologen, den die französische Gastfamilie dringlich forderte, nicht einverstanden. Dann könnte sie ihn keinesfalls die unglaublich lange Zeit von einer weiteren Woche behalten, befand die französische Familie. Daran musste ich denken, als die Franzosen den großen M. sorgenvoll betrachteten. Glücklicherweise verstand Tetiana das alles nicht und der große M. schaute, vollkommen unbehelligt von der Traumatismus-Debatte, weiterhin aufs Meer.

Nach dem Essen umrundeten alle außer Monsieur und mir die Insel, sie erklommen das Fort und besuchten das Museum des Mannes mit der Eisernen Maske. Sie wollten zum Schluss auf der Südseite der Insel schwimmen gehen, was sie dann aber nicht konnten, “wegen der Bäume”, erklärte mir Tetiana später. “Welche Bäume?” “Die kleinen Bäume im Wasser.” Ich verstehe es immer noch nicht. “Der Wald im Wasser” findet sie ein anderes Wort und macht eine wogende Geste mit der Hand. Ah! Die Posidonie! Keine Algen, sondern Neptungras wächst dort und die Kinder trauten sich nicht, dort ins Wasser zu gehen oder darüber hinweg zu schwimmen.

Monsieur und ich waren vormittags schon genug gelaufen, ich wollte meine Knie nicht überfordern, ich war zum ersten Mal nach genau einem Jahr (und dank einer erneuten Kortisonspritze) ohne Gehhilfe und ohne Schmerzen überhaupt so weit gegangen! Wir zogen uns zu einer Sieste wieder in den Westteil der Insel zurück. Dort dösten wir im Halbschatten, sahen auf das türkisfarbene Meer mit den weißen Booten, gingen immer mal Schwimmen im glasklaren, nicht allzu tiefen und daher nicht allzu kalten Wasser, ließen uns von der Sonne trocknen und wärmen. Nur wenige Menschen waren da, an diesem Mittwoch Nachmittag. Was für ein Luxus, und dann noch an einem normalen Wochentag, hier sein zu können.

Ich genoss den Moment zutiefst und war tatsächlich nur im Hier und Jetzt und nicht gedanklich irgendwo anders, dachte nicht an das, was ich alles machen müsste, ich war einfach nur da. Ich war so erfüllt und dankbar, dass ich tatsächlich etwa drei Kilometer gelaufen war, und dass ich überhaupt hier sein konnte an diesem unglaublich schönen Ort, umgeben von so viel Blau, so still und friedlich, die Wellen plätscherten leise ans Ufer, wie wundervoll.

Eine Freundin rief an, “wie gehts?”, fragte sie, wie man das hier immer fragt. Ich versuchte, zu erklären, was ich fühlte. “Euphorisch” vermutete mich die Freundin am Ende meiner Ausführungen, aber nein, ich war nicht euphorisch, ich war tief durchdrungen von Dankbarkeit und Glück. Boah!

Ich sammelte ein bisschen Müll, aber auch da gab es, zu meiner großen Freude, nur wenig zu finden, vielleicht auch, weil die Saison noch nicht wirklich begonnen hat.

Wir nahmen das letzte Boot zurück und sahen auf der Überfahrt nun die Insel im rosafarbenen Abendlicht kleiner und Cannes wieder größer werden. Wieder an Land wurden Telefonnummern und französische Küsschen ausgetauscht. Der kleine H. küsste im Überschwang den kleinen M., aber dem war diese Küsserei jetzt doch zu viel, und er wischte sich zumindest Hs Kuss energisch wieder von der Backe.

Der große M. und die dreizehnjährige N. hätten sich auf dem Insel-Spaziergang dann doch angenähert, berichtet mit der Gastgeber vertraulich und sichtbar erleichtert. Sie seien zusammen gelaufen, hätten sich unterhalten und sogar gelacht! Es sei alles gut, versichert er mir, ich müsse mir keine Sorgen machen. Na, da bin ich aber froh.

Später warteten wir auf den Bus, der müde gerannte kleine M. jammerte unzufrieden herum, weil er sich irgendwohin setzen wollte, aber es keinen Platz gab. Kurzerhand hob ich ihn auf ein hohes schmales Mäuerchen und blieb vorsichtshalber neben ihm stehen. Etwa dreißig Sekunden lang fand er das toll da oben, dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. “Tu veux descendre?” fragte ich ihn. Willst du runter? “Oui”, sagte er. Ich konnte gar nicht glauben, dass er mich verstanden hat und fragte noch einmal nach. “Tu veux descendre?” “OUI!”, antwortete er jetzt eindringlich und sah mich mit einem vorwurfsvollen “Das habe ich doch eben schon gesagt-Blick!” an. Na sowas! Ich holte ihn von der Mauer und setzte ihn auf die Knie von Monsieur, der nun auf dem Bushaltestellen-Wartebänkchen einen Platz gefunden hatte. Monsieur lehnte sich müde an die Rückwand der Haltestelle, der kleine M. lehnte sich müde an Monsieurs Bauch.

Was für ein Tag!

ps: weil ich es vermutlich nicht schaffe, rechtzeitig noch einen anderen Text zu schreiben, hier der Hinweis in eigener Sache:

Heute!!! gerade erfahren, dass es sogar HEUTE schon ist, jetzt gleich im ZDF, in der Sendung Hallo Deutschland, gibt es einen kleinen Beitrag über mich, Monsieur und Cannes (jenseits der Inseln). Uiuiui, wir sind so gespannt! (ab Minute 23:30)

Und hier ist der Link ausgekoppelt

pps: ich entschuldige mich für die vielen Präsens- und Vergangenheit-Uneinheitlichkeiten. Ich habe den Text vor knapp drei Wochen im Präsens begonnen, fand es jetzt aber nicht mehr passend und änderte es; vermutlich hätte es aber niemanden gestört, es hätte den Text nur lebendiger gemacht. Tant pis, wie der Franzose sagt, jetzt ist es so.

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