Zwischenruf: „historique“

„Ce résultat est historique“ rief Marine Le Pen, die für den FN das beste Ergebnis seit je eingefahren hat, wenn sie auch nicht die Erste ist. Macron hat etwa 2% mehr Stimmen erhalten. „Historique“ ist das meistgeäußerte Wort heute Morgen, und es meint, wir haben es mit einem geschichtlichen Ereignis zu tun, dass es so noch nicht gegeben hat. „Historisch“, dass zwei Kandidaten, die noch nicht im politischen System sind, sich endgültig für das Amt des Präsidenten qualifiziert haben: Macron und Le Pen. Beide feiern jeweils „ihren“ Sieg. Es ist aber vor allem eine „historische“ Niederlage für die etablierten Parteien.

Mit Blick auf die „Legislative“, die Wahl der Nationalversammlung im Juni, ist es „historisch“, dass zwei „Außenseiter“-Kandidaten gewählt wurden, die noch nicht mal zwei Abgeordnete in der Nationalversammlung haben! Macron hat keinen einzigen Abgeordneten hinter sich, Marine Le Pen einen. Das ist mehr als eine Niederlage, das ist eine totale Absage, eine Ohrfeige hört man auch, an/für das bestehende System, und auch eine Antwort auf die Frage, wie denn ein Viertel (oder immerhin ein gutes Fünftel) der Bevölkerung überhaupt Marine Le Pen wählen konnte. Weil die Wähler rechts wie links genau das althergebrachte politische System mit den Profiteuren à la Fillon satt haben. Und bislang gab es nur Marine Le Pen als Alternative. Man mag sich nicht vorstellen, welchen Sieg sie ohne die Alternative Macron davongetragen hätte.

Für Fillon ist die politische Karriere, fürs Erste zumindest, beendet. Er hat gestern schon seine Niederlage eingestanden und dazu aufgerufen, im zweiten Wahlgang Macron zu wählen. Das bedeutet jetzt nicht, dass alle seine Wähler es auch tun werden. Ein Drittel folgt ihm vielleicht, ein Drittel wird nicht wählen und ein Drittel wählt vermutlich lieber Le Pen.

Ebenso hat Benoît Hamon sich für Macron ausgesprochen. Mélenchon gibt keinerlei Vorgaben. Jeder kann machen, was er will, sagt er.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, WIE erleichtert ich über dieses Ergebnis bin. Wir waren am Wochenende in Marseille, in dieser armen, „weltoffenen“ Stadt, einem „Melting Pot“ aller Nationalitäten, standen alle Zeichen auf Le Pen UND Mélenchon, ein solches „Duell“ zweier extremer, europafeindlicher Kandidaten wünschte ich mir nicht für Frankreich. Ich kam sehr angespannt nach Hause und hing gebannt vor dem Fernseher. Tränke ich noch Alkohol, ich hätte eine Flasche Champagner aufgemacht, als die ersten Schätzungen verkündet worden sind. Macron hat seinen Champagner übrigens in der Brasserie La Rotonde getrunken. Eine berühmte Brasserie im Montparnasse, in der Schriftsteller und Künstler verkehr(t)en.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 9 Kommentare

Zwischenruf : Uff!

Ok, Sie können die Zahlen überall nachlesen, keine Frage. Aber damit es der Vollständigkeit halber hier steht, voilà die ersten Schätzungen Ergebnisse des ersten Wahldurchgangs (die Wahlbüros in den Großstädten schlossen eine Stunde später und waren entsprechend noch nicht ausgezählt)**

Macron 23%  23,7%

Le Pen 23%  21,5%

Fillon 19%  19,9%

Mélenchon 19%  19,6%

Hamon 7%  6,3%

Dupont-Aignan 5%  4,7%

Lassalle 1,5%  1,2%

Hier große Erleichterung, das gebe ich zu, denn es werden sich in der folgenden Woche ziemlich sicher alle gegen Marine Le Pen verbünden, und damit wird Emmanuel Macron mit sehr großer Wahrscheinlichkeit beim zweiten Wahldurchgang am 7. Mai zum nächsten Präsidenten Frankreichs gewählt.

** Aktualisierung morgen früh!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Zwischenruf – kurz vor knapp

Ganz kurz nur: Falls es Ihnen noch nicht reicht an Informationen, gäbe es diesen  Artikel über die bevorstehend Wahl, der auch die Wahlprogramme der Kandidaten daraufhin überprüft, wie realistisch und umsetzbar sie sind. Und der ebenso auf die kommende Wahl der Nationalversammlung eingeht.

Hier etwas zum gestrigen Anschlag, und zur heutigen Stimmung in Paris. Und hier die aktuelle Reaktion der Kandidaten, die gestern Abend ihre dritte und letzte TV-Show hatten. Le Pen hatte danach gleich zwei Prozentpunkte mehr in den Umfragen. Nie war ein Wahlausgang unsicherer als dieses Mal.

Ich setze auf einen Außenseiterkandidaten und drücke Jean Lassalle die Daumen ;)

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Zwischenruf – noch sechs Tage

Ein paar Tage war ich gedanklich anderweitig beschäftigt, das mögen Sie mir verzeihen, aber es ist auch nicht wirklich etwas Neues passiert. Außer, dass die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen hat. Mich erinnert das Ganze ein bisschen an den Kölner Karneval, der ja auch über Wochen immer präsenter wird im Alltag und dann geradezu explodiert, wenn nämlich endlich der Straßenkarneval beginnt: Es geht lo-hos! So ist es auch hier. Noch mehr Wahlkampf schien kaum noch möglich, aber doch, man kann es noch steigern, der Straßenkarneval äh -wahlkampf hat begonnen: Man darf erst jetzt offiziell Wahlplakate anbringen, man bekommt die Wahlkampfspots aller Kandidaten im Fernsehen zu sehen, sie sind in sämtliche Nachrichtensendungen eingeladen und dürfen sich und ihr Programm vorstellen, sie machen ein großes Meeting nach dem anderen und baden in der Menge. Am Donnerstag wird es noch eine dritte große Fernsehdebatte mit allen Kandidaten geben. Auch wenn die Einschaltzahlen hoch sind, so schätzen nicht alle Franzosen diese neue Show-Time der Politiker (all die Jahre gab es höchstens ein Rededuell der beiden Kandidaten, die in den zweiten Wahldurchgang kamen). Politiker sollten sich nicht zum Kasper machen, heißt es. Das mache ja schon Canal+ mit den Guignols.


Les Guignols, l’intégrale du 14/04 par lesguignols

Und als hätten wir noch nicht ausreichend schlechte Nachrichten, hat die heiße Phase der Fake-Meldungen ebenso begonnen: Skandal! Fillon sei entlastet und „die Medien“ verschwiegen es, hieß es kürzlich. Heute habe ich eine Mail bekommen, die eine „alternative“ Umfrage mit extrem guten Ergebnissen für Fillon verbreitet: „Teilt die Info!“ heißt es darin. Macron soll vor laufendem Mikro (das er ausgeschaltet glaubte) seine Bewunderung für einen radikalen Muslim geäußert haben. Und überhaupt sei er von Saudi Arabien finanziert. …

Wem glauben wir also? Und wen wählen wir? Macron? Mélenchon? Le Pen? Oder gar den bodenständigen Jean Lassalle? Der selbstbewusst sagt, ich werde Präsident, auf mich geben schon seit 40 Jahren immer alle keinen Pfifferling, aber letzen Endes werde ich gewählt! Dürfte ich wählen, würde ich mich für ihn entscheiden, weil ich seine grundehrliche „ländliche“ Art mag und sein „zentriertes“ Programm (er war jahrelang der engste Mitarbeiter von François Bayrou) gar nicht so abwegig ist. Aber in Paris und in den Großstädten lächelt man nur überheblich. Selbst Yves Calvi, ein mir sehr angenehmer Journalist und Moderator verschiedener Politiksendungen, spricht mit Lassalle betont freundlich, so als habe er es mit einem Kind zu tun, das man mag, aber nicht ernst nimmt. Nun, die doch etwas wahrscheinlichere Vorstellung, dass wir uns letztlich zwischen einem extrem linken europafeindlichen Kandidaten oder einer extrem rechten europafeindlichen Kandidatin entscheiden müssen, führt landesweit zu einer gewissen Nervosität. Oder doch Macron? Oder schafft es Fillon noch? Diese letzte Woche ist entscheidend. Viele wissen noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben wollen. Viele ältere Damen (eine große Wählergruppe!) würden in letzter Konsequenz dann doch auf den „seriösen“ Fillon setzen, trotz seiner unklaren Geldgeschäfte, einfach, weil er ihnen „klassische“ Werte und Sicherheit vermittele, und sie Angst vor Veränderungen à la Mélenchon oder Le Pen haben. 15% der Wähler(innen) wüssten sogar auf dem Weg zum Wahlbüro noch nicht, wen sie wählen würden, hieß es gestern. Alles ist sechs Tage vor der Wahl völlig ungewiss. So etwas gab es noch nie. Diese Kolumne erklärt die Stimmung in Frankreich nochmal ganz gut, finde ich.

Für Wahlunentschlossene aber auch für alle anderen weise ich hier noch einmal auf die Veranstaltung von Manfred Flügge in Marseille hin. Venez nombreux!

Die, die völlig resigniert sind, von den zur Wahl stehenden Kandidaten, hoffen, dass im schlimmsten Fall alles durch die ebenso bald anstehenden Wahlen der Legislative relativiert wird: Die Nationalversammlung wird auch direkt vom Volk gewählt. Allerdings habe ich das komplizierte System nicht wirklich durchschaut. Richtig ist, dass es auch dabei kein Verhältniswahlrecht gibt, was erklärt, dass, trotz der hohen Wählerzahlen für Marine Le Pen, zur Zeit nur ein Abgeordneter der Partei im Parlament sitzt (weil sich auch bei dieser Wahl immer alle gegen den Front National zusammenschließen). Was, das muss man doch auch sagen, die Stimmung im Volk nicht richtig wiedergibt. Passieren könnte also durchaus, dass wir, sagen wir einen extrem linken Präsidenten haben (das ist nur ein Beispiel!), der einem konservativen Parlament gegenübersteht, das alle seine Vorhaben und Gesetzentwürfe blockiert. Im Zweifelsfall passiert dann also die nächsten fünf Jahre gar nichts. Ob das ein Trost ist?

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Quand il est mort le poète – version française

Danny nous a quitté.

Jeudi dernier nous sommes montés dans le petit village à la montagne pour lui rendre hommage. Pour moi tout avez commencé dans ce petit village, mon histoire avec la France. Danny, le chef d’une famille agrandi, comme le disait son annonce de décès, avait subit une opération sur les coronaires mais son grand cœur était déjà trop fatigué pour continuer à battre.

J’avais vécu et travaillé avec cette famille agrandi pendant un an, et j’en avais parlé dans mon premier livre „Zwischen Boule und Bettenmachen“. (Danny s’appelait Paul.) Il avait fondé dans les années soixante une colonie des hippies à la ferme qu’il avait hérité de son oncle. Là ils ont essayé toutes les formes de vie et de travail en commun. Ils voulaient vivre libre, équitable, autonome, de l’agriculture, du jardin et de l’élevage des animaux. Ils avaient même fondé une école avec un instituteur privé, lui aussi un hippie.

Ces jours ci, j’ai regardé à nouveau mes anciennes photos, qui ont fait monter une vague des souvenirs. Il me semble que mon séjour à la ferme c’était hier. Je me souviens encore de tout, comme j’étais perdue dans ce monde étrange. Cette ferme avec ses animaux, les odeurs et les bruits, la langue française bien sur avec son vocabulaire de la montagne, mais c’était le monde alternatif qui m’était le plus étrange: des hommes torse nu, barbus et avec des cheveux aux quatre vents, qui fondaient du bois puis ils fumaient une cigarette roulée à la main. Ils vivaient dans une caravane sur le terrain, ils travaillaient, partaient et revenaient. C’était un va et viens à la ferme que je regardais avec des yeux étonnés sans en comprendre les règles. Aujourd’hui je sais qu’il n’y avaient pas de règles où si peu. Tout était possible et la porte était toujours ouverte pour tout le monde, sans aucun préjugé. On était toujours au moins douze à table, mais on aurait pu être aussi vingt à l’improviste, on aurait juste ajouté des assiettes et partagé ce qui était là. Le partage c’était la seule règle. Danny mettait toujours tout sur la table pour les hôtes: de la bière, du vin, du pain, de la charcuterie maison, tout ce qui était dans la cuisine, dans la cave ou dans le jardin. Et qui était préparé par Anne, sa femme, pendant quasiment cinquante ans tous les jours. C’est grâce à elle que tout fonctionné.

J’y ai été accueilli pareillement il y a douze ans. Comme une évidence. Viens. On se débrouillera. Si j’avais su ce qui allait m’arriver je ne serais probablement pas venue. Mais j’ai suivi mon instinct sans avoir jamais vu une photo de la ferme ni de la famille, et quand je suis arrivé ça a été un choc. Je ne comprenais plus rien. Le monde était à l’envers. Mais c’est ainsi que ça doit être pour apprendre le monde et soi-même. Le séjour à la ferme ça a été pas seulement une ouverture de mon esprit, mais ça a changé ma vie, et ça m’a sauvé la vie. Et je dis ça sans aucune exagération.

Cette ferme restera pour moi la pierre d’angle de ma vie en France, de ma vie tout court. Je ne veux rien changer à me souvenirs, je veux qu’elle reste tel que je l’ai connue: chaotique, bordélique elle était. Je supporte mal que les hommes que j’ai côtoyé là-haut disparaissent. Je voudrais tout conserver. Et maintenant Danny est décédé.

Je savais que ce serait un grand enterrement. Danny n’était pas seulement une personnalité du monde alternatif, il était aussi populaire et estimé dans toute la vallée et haut-delà. On aura tout vu. La gendarmerie s’était déplacé en force. Quatre représentants de la loi. Des voitures montaient sans cesse et se garaient où elle pouvaient, sur le champs de foot, dans les près, et au bord de la route loin d’arriver au village.  La place du village devant l’église  se remplissait avec des centaines d’hommes, le curé était présent aussi, mais il était là „comme tout le monde“ disait-il. Si Danny et le curé s’aimaient, cela n’avait pas été évident jusque là.

On disait bonjour à tout le monde, on se connaissait ou on se présentait, on expliquait les liens qui nous unissaient à Danny et le temps passait. Mail il y avait un moment ou en a serré la main du dernier et on attendait. On attendait longtemps. Et ça aussi était une caractéristique: de ne pas se soucier du temps qui passe.

Danny arrivait avec son tracteur. Cette vieille bête, cent fois réparée, était le véhicule préféré de Danny. Il aimait par dessus tout faire le foin sur son tracteur.  Là c’était son fils qui conduisait, il tirait une remorque, joliment décorée avec des fleurs de champs et des branches de cerisier fleuri. Des petits drapeaux de prière népalais flottant aux vent. Et sur la remorque le cercueil et la famille. Et en arrivant ils jouaient les morceaux de jazz préféré de Danny: Miles Davis, Keith Jarret et Ella Fitzgerald. Ce fut un moment bouleversant, beau et triste en même temps.

C’était une journée de printemps parfaite: Le soleil chauffait, le ciel était bleu, les champs vert tendre étaient parsemés des fleurs, les cerisier et pommier en pleine floraison, et dans les jardins les lilas, les iris et les narcisses. Les sommets alentours étaient encore enneigés. Et sur la place devant l’église ce tracteur, le cercueil, des fleurs, et Miles Davis pleurait dans sa trompette.

„On veut prendre le temps pour dire au revoir à Danny“, disait sa fille. Chacun était invité à dire quelques mots, de lire un texte, un poème, de chanter, de faire de la musique – tout ce qu’on voulait. Tout était possible: Avec des voix qui tremblaient les gens lisaient des textes, des poèmes, on chantait en pleurant: on parlé de sa générosité, de son amour, de son envie de vivre pleinement, et de sa sensibilité. Les enfants parlaient de leur père, les petites-filles jouaient du saxophone et du piano pendant que leurs petits frères jouaient à cache-cache en riant au tour du tracteur.

Puis une femme chanta d’une voix grave „Quand il est mort le poète“ reprit approximativement par l’assistance.

Toute la cérémonie s’enchainait dans la sérénité. Et pendant que les fils et les gendres descendait le cercueil dans sa tombe, on écoutait Brel qui chantait „La chanson des vieux amants“.

Tout cela étrangement nous remplissait le coeur de joie. La cérémonie se déplaçait vers le buffet. Les tables pliaient sous la nourriture. Et il y avait aussi à boire. „Allez, on va boire un coup“ aurait dit Danny. Et c’est cela qu’on faisait. On mangeait, on buvait, on parlait de lui, la vie continuera, il nous manquera, mais il restera à toujours dans nos cœurs. Et nous sommes partis du village plus heureux qu’en arrivant.

Adieu Danny.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Quand il est mort le poète

Am Donnerstag haben wir Danny beerdigt.

Wir sind dafür in das kleine Dorf in den Bergen gefahren, dort, wo für mich vor zwölf Jahren alles angefangen hat mit Frankreich. Danny, das Oberhaupt der „erweiterten“ Familie G., wie es in der Todesanzeige heißt, ist ein paar Tage nach einer eigentlich geglückten Operation der Herzkranzgefäße überraschend gestorben. Sein großes Herz war wohl schon zu erschöpft und schaffte es nicht mehr, weiterzuschlagen.

Ich habe mit dieser „erweiterten“ Familie ein Jahr lang gelebt und gearbeitet. Darüber habe ich in meinem ersten Buch geschrieben und Danny heißt darin Paul. Er war in den späten Sechziger Jahren der Begründer einer Hippie-Kolonie, wo man auf dem Hof, den er von einem alten Onkel übernommen hat, alle denkbaren Lebens- und Arbeitsformen mit Freunden, Frauen und Kindern ausprobierte. Frei, gleichberechtigt, alternativ und autonom wollte man leben mit Landwirtschaft, Garten und Tieren. Sie gründeten sogar eine alternative Grundschule für all die Kinder mit einem Privatlehrer. Hippie auch er.

Ich habe die letzten Tage wieder viele meiner Fotos angesehen, die eine Welle an Erinnerungen hochspülte. Es scheint mir, als sei mein Hofaufenthalt erst gestern gewesen. Ich erinnere mich noch an alles. Auch an meine anfängliche Verlorenheit, als ich mich dort in einer so fremden Welt wiederfand. Nicht nur der Hof war fremd mit all den Tieren, den Geräuschen und Gerüchen. Die Sprache sowieso (zuzüglich des landwirtschaftlichen Vokabulars), aber es war vor allem diese alternative Welt, die mich befremdete. All die wild aussehenden Männer mit langen Bärten, verfilzten Haaren, die mit nacktem Oberkörper Holz spalteten und danach ihre sehr eigenen Tabak-Kräutermischungen rauchten, die in Hütten oder Wohnwagen eine Zeitlang mitlebten, verschwanden und wiederkamen. Es war ein Kommen und Gehen auf dem Hof. Ich sah das alles mit Staunen an und verstand die Regeln nicht. Heute weiß ich, es gab keine Regeln, oder fast keine. Alles war möglich. Und die Tür stand immer offen. Vorurteilsfrei für jeden. Immer waren wir mindesten zwölf am Tisch, aber wir hätten auch überraschend zwanzig sein können, dann hätte man einfach noch ein paar Teller dazu gestellt und hätte das, was da war, geteilt. Teilen – partager – das war das oberste Gebot. Das war Dannys Lebensmotto. Großzügig stellte er für Gäste immer alles auf den schweren Holztisch: Bier und Wein, Brot, selbstgemachte Wurst, Schinken, Pasteten. Und alles, was Küche, Keller und der Garten hergaben. Und was A. seine Frau zubereitet hat. Jeden Tag. Fast fünfzig Jahre lang teilte sie sein Leben und machte möglich, dass dieser Hof so offen und einladend sein konnte. Genauso haben sie mich vor zwölf Jahren aufgenommen. Wie selbstverständlich. Komm ruhig. Sehen wir dann schon. Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich einlasse, wäre ich nicht gekommen. Aber so bin ich meinem Gefühl gefolgt, ohne je ein Foto des Hofes oder der Familie gesehen zu haben. Und dann war ich da, und es war so ein Schock. Und ich verstand gar nichts, es war so, als stünde ich plötzlich auf dem Kopf. Oder war es die Welt, die auf dem Kopf stand? Aber so muss es ja sein, wenn man reist und sich und die Welt wirklich kennenlernen will. Der Aufenthalt auf dem Hof war für mich mehr als nur bewusstseinserweiternd, er war lebensverändernd, lebensstiftend, lebensrettend. Und das meine ich ganz so, wie ich es sage.

Für mich ist dieser Hof ein Eckstein meiner Frankreichbiographie und meiner Biographie überhaupt. Ich kann und will ihn mir nicht anders vorstellen als so, wie er zu meiner Zeit war, so chaotisch und schlampig er auch gewesen sein mag. Ich ertrage es schwer, dass Menschen, die ich dort oben kennengelernt habe, nicht mehr da sein werden. Am liebsten würde ich alles für immer konservieren. Und jetzt ist Danny gestorben.

Ich wusste, dass es eine große Beerdigung werden würde. Danny war nicht nur in der alternativen Welt eine Persönlichkeit, er war auch in der „klassischen“ Bergwelt beliebt und geschätzt. Aber tatsächlich gab es sogar mehrere Gendarmen, die den Verkehr regelten. So etwas hat man da oben noch nicht erlebt. Autos über Autos fuhren die enge Serpentinenstraße zum Bergdorf hinauf und parkten auf dem Fußballplatz, auf Wiesen und an Wegrändern rund um das Dorf, und kilometerlang entlang der Zufahrtsstraße. Der Platz vor der Kirche füllte sich mit hunderten von Menschen. Auch der Pfarrer war da, aber er sei nicht als Pfarrer gekommen, erklärte er, er sei ein Trauergast wie alle. Denn Danny und der Pfarrer mochten sich zwar, aber Danny hatte mit der Kirche nichts am Hut.

Wie in Frankreich üblich, begrüßen alle alle, man kennt sich oder man stellt sich vor, erklärt seine Beziehung zu Danny und so verging viel Zeit, aber irgendwann hatte man auch dem Letzten die Hand geschüttelt oder Küsschen gegeben und dann warteten wir. Wir warteten lange. Und auch das war so typisch. Dieses Unpünktliche, dieses ewige „zu spät kommen“ (nach meinem Empfinden) dieser Familie mit ihrem eigenen Rhythmus.

Danny kam auf seinem Traktor. Dieser uralt-Traktor, schon hunderte Male repariert, war Dannys Lieblingsgefährt. Stundenlang rumpelte er mit ihm über die Wiesen, die er leidenschaftlich gern mähte. Jetzt fuhr sein Sohn B. den Traktor und zog einen Anhänger, der mit frischen Blumen und Kirschblütenzweigen geschmückt war, nepalesische Gebetsfähnchen flatterten im Wind. Auf dem Anhänger der Sarg und darum die (engste) Familie, fast so, wie wir manchmal vom Rübenfeld nach Hause gerumpelt waren, waren sie heute vom Weiler, wo der Hof liegt, bis zum Dorf gefahren. Und auf dem Platz angekommen, spielten sie seine Lieblingsjazzstücke ab: Miles Davis, Keith Jarrett und Ella Fitzgerald. Es war umwerfend schön und traurig.

Es war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, die Wiesen frischgrün, Apfel- und Kirschbäume standen in voller Blüte, es blühten alle Wiesenblumen, und in den Gärten blühten Flieder, Iris und Osterglocken. Auf den Berggipfeln lag noch Schnee. Und auf dem Platz vor der Kirche stand dieser Traktor, daneben der Sarg (auf Strohballen erhöht), Blumen über Blumen davor, und Miles Davis blies klagend in seine Trompete. Und all die Menschen. Magnifique.

„Wir wollen uns Zeit nehmen, um von Danny Abschied zu nehmen“, sagte seine Tochter. Jeder, der wollte, war eingeladen zu sprechen, ein Gedicht zu lesen, zu singen, Musik zu machen. Alles war möglich. Und viele sprachen von seiner Großzügigkeit, von seiner barocken Lebenslust, von all der Liebe, die er hatte, und auch von seiner Sensibilität. Es wurden mit zitternden Stimmen Gedichte und Texte gelesen, es wurde weinend gesungen, die Enkeltöchter spielten Klavier und Saxophon, die kleinen Nachzügler-Enkelsöhne spielten derweil Verstecken und Fangen zwischen all den Menschen. Sie waren die einzigen, die fröhlich lachten, während sich die großen Schwestern und überhaupt alle, immer wieder weinend in den Armen lagen. Dann stimmte eine Frau mit wilder Stimme Quand il est mort le poète an, ein Lied, das Gilbert Becaud oft sehr gefühlvoll zusammen mit Publikum sang. Sie aber sang es rau und so fremd, dass ich es kaum wiedererkannte. Allen ging es so, schien mir, denn wir sangen nur zögerlich und leise dieses einfache Lied mit, dessen Text mir plötzlich so passend vorkam, als habe man es für Danny geschrieben.

Die ganze Zeremonie war ruhig und langsam und traurig-schön, wir legten Blumen auf den Sarg, den die Söhne und Schwiegersöhne später auf den Friedhof trugen und, zunächst nur mit der Familie, in die Erde absenkten, während jetzt Les vieux amants von Brel über den Platz schallte.

Später gab es ein riesiges Buffet, zu dem, wie bei solchen Anlässen üblich, jeder etwas beigesteuert hatte. Und Dannys lebenslange Großzügigkeit wurde zurückgegeben: Die Tische bogen sich unter den salzigen und süßen Speisen auf großen Platten, und es gab auch allerhand zu trinken: Allez, on va boire un coup! „Lasst uns was trinken, Kinder“, hätte Danny gesagt. Und so aßen wir und tranken und sprachen von ihm, und das Leben geht weiter, und er wird fehlen, aber wir werden ihn immer in unserem Herzen haben.

Adieu Danny. 

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 5 Kommentare

Kleine Anleitung zum Artischockenessen

Wie isst man denn überhaupt Artischocken?, wurde ich kürzlich hier gefragt. Heute zeige ich es Ihnen – am Beispiel der rohen Artischocken. Die Technik bleibt aber immer gleich  :D

Artischocken roh1

Ich bin erst in Frankreich zur Artischockenliebhaberin geworden. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland je frische Artischocken auf dem Markt gesehen zu haben. Wenn wir ehrlich sein wollen, wusste ich vermutlich nichtmal wie sie aussahen, ich kannte bis dahin nämlich nur in Öl eingelegte Artischockenböden auf der Pizza. Aber selbst wenn, hätte ich sie bestimmt nicht gekauft. Wie man sie zubereitet und isst, wusste ich nämlich auch nicht.

Die allerersten „ganzen“ Artischocken, die ich in Frankreich vorgesetzt bekam, waren große, und sie waren unattraktiv bräunlich weichgekocht, und während ich noch versuchte, dem Tischnachbarn zur rechten abzuschauen, wie er sie aß, hatte meine Nachbarin zur linken die ihre schon zack, zack verputzt. Tatsächlich zieht man ein Blatt nach dem anderen ab, tunkt es kurz in Vinaigrette und lutscht dann mit den Zähnen das weichgekochte untere Ende des Blattes raus. Aha. Die Tischnachbarin machte das im Akkord. Ich blickte auf den unappetitlichen Blätterhaufenrest auf ihrem Teller, sie leckte sich genießerisch die Finger ab, und ich war befremdet. Das ist es jetzt? Ich fand das Essen der Artischocken mühsam, wenig ergiebig und so richtig hat mich das damals nicht begeistert.

Monsieur aber isst Artischocken roh. Dazu kauft man die kleinen grünen oder violetten Artischocken aus Italien, sie werden auf dem Markt in kleinen Sträußchen zu vier oder fünf Stück angeboten. Ich mache demnächst mal Fotos, damit Sie eine Vorstellung haben.

Artischocken roh2

Artischocken 3

Artischocken4

Man isst sie ganz genauso, nur sind die Blätter hart, man muss sie richtig abbrechen, und das untere Ende muss ordentlich mit den Zähnen rausgezogen werden; es wird aber zarter je weiter man nach innen vordringt.

Artischocken6Gegen Ende schneidet man den Artischockenboden in feine Scheiben, tunkt diese ebenso in die Vinaigrette und dann wurschtelt man das pieksig-harte und faserige Heu aus dem Inneren, und tunkt das letzte Stückchen zarte Artischocke ein, und meist bleibt nur ein kleines, wiederum pieksendes, ungenießbares Hütchen übrig.

Atischocken6

Artischocken 7

Artischocken 10

Ich bin allerdings immer noch langsamer als die anderen, in diesem Fall als Monsieur, und es kam noch erschwerend hinzu, dass ich die Fotos machte. Das erklärt das Ungleichgewicht auf den zwei Tellern.

Artischocken11

Artischocken 12

Der Teller ist am Ende auch hier voller als am Anfang. Und die Zähne sind etwas stumpf. Ich kann bizarrerweise gar nichts zum Geschmack sagen, aber er hat absolut nichts mit den in Öl eingelegten Artischockenböden zu tun. Das ist sicher. Auf jeden Fall mag sie jetzt richtig gern, auch weil ich nicht viel für den Entrée vorbereiten muss: Artischocken abgeschnitten, Vinaigrette zusammengerührt und fertig. Und gesund ist es auch noch.

Artischocken

Artischocken

Man kann Artischocken auch selbst in Öl einlegen oder, mein Lieblingsrezept, mit einer Paste aus Olivenöl, Parmesan, Pinienkernen, Petersilie und Knoblauch gefüllt, essen (gekocht allerdings). Absolut köstlich, wenn auch die Hände beim Essen etwas fettig werden. Aber heute lecke ich meine Finger auch ohne Hemmungen genießerisch ab, man kann aber natürlich auch Servietten reichen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

Zwischenruf : Kleinigkeiten

candidat-election-disney(photo trouvé chez Koreus, réalisé par Corse Machin)

Vor drei Tagen wurde Fillon mit Mehl überschüttet, das wissen Sie vielleicht schon, ist ja ein alter Hut in diesen bewegten Zeiten, knapp zwei Wochen vor dem ersten Wahldurchgang, aber ich hatte keine Lust, meine friedlichen Wochenendfotos gleich wieder mit Politik zu überlagern.

Wir sehen und hören die Kandidaten gerade allüberall, es geht nur noch darum. Außenpolitik dringt kaum noch zu uns durch, es braucht schon Terrorattacken in Stockholm und Ägypten, um die geschwätzigen Damen und Herren mal eine Minute zum Schweigen zu bringen, wie etwa Mélenchon anlässlich seines Auftritts vor 70.000 begeisterten Menschen. Eigentlich schwieg Mélenchon für die toten Migranten habe ich gerade bemerkt. Ich lasse es trotzdem so stehen, immerhin können wir ja an die Opfer der beiden Anschläge denken, wenn wir in Mélenchons Schweigeminute einstimmen.

Mélenchon ist gerade stark im Aufwind. Er macht eine gute Kampagne, ist ein guter Rhetoriker, machte im Fernsehen eine gute Figur, und das Ding mit der Hologrammtechnik hat alle verblüfft. Am 18. April wird er sich erneut vervielfältigen lassen, sogar sechs Mal, um so an sieben Orten gleichzeitig auftreten zu können. 40.000 Euro kostet ein Hologramm zusätzlich zur Saalmiete. Was tut man nicht alles, um die jungen Wähler anzuziehen. Für die gibt es außerdem ein Videospiel Fiscal Kombat mit einem pixeligen Mélenchon, der alle seine Gegner in der Luft zerreißt.

QuotidienAuch um die zukünftigen Wähler kümmert sich MelenchonMélenchon bereits. Von Herrn Diehl wurden mir die Fotos der Kinder-tages-zeitung Mon Quotidien übermittelt, in der Mélenchon es bislang als einziger Kandidat auf den Titel und eine Doppelseite geschafft hat und von der Kinderredaktion befragt wurde. Bemerkenswert, diese Präsenz. Seine Umfrageergebnisse steigen kontinuierlich, heute Abend hat er sogar Fillon auf den vierten Platz verwiesen und man fragt sich, ob er auch noch Macron einholen wird und sich dann mit Le Pen im zweiten Wahldurchgang ein Stechen geben wird. Alles scheint möglich bei dieser Wahl.

Macron war auch schon in Marseille, aber es war weniger gelungen, die Menschen verließen seine Versammlung vorzeitig, weil es ihnen zu wenig konkret war, was der junge Kandidat der Mitte ihnen zu erzählen hatte. Außer, dass er ihnen jedes Mal liebevoll das Auspfeifen der Gegner verbietet, komme nicht viel, sagen sie. Ein Video, das Menschen zeigt, die erklären, warum sie vorzeitig gehen, wurde vom Sender LCI schnell wieder entfernt und von Ludo, einem jungen Mann, in seinen Videos Osons Causer (wörtl: wagen wir zu sprechen) wütend wieder hochgeladen: Macron sei der Liebling der Presse und habe gute Pressekontakte, was erkläre, dass man negative Presse einfach zensiere. Damit es ein bisschen weniger zensiert ist, teilen wir das Video auch.

Ach so, noch was Nettes (?) zum Ausklang. Ostern naht. Ein Patissier in Chateauroux hat für Ostern les oeufs de la présidentielles Ostereier in den französischen Nationalfarben geschaffen und sie mit essbaren Fotos der Präsidentschaftskandidaten versehen. Angeblich ein echter Renner.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Anschwimmen

Spiegeliung

Wir haben die Schwimmsaison eröffnet. Eher spontan, denn eigentlich laufen wir zur Zeit nur so kneippmäßig im Wasser, und es war recht frisch für mediterrane Verhältnisse. Aber es war so zauberhaft heute morgen am Strand und elle était tellement bonne, claire et fraîche, dass wir beide nach dem Laufen beschlossen, noch „richtig“ rein zu gehen. „17 Grad“ riefen sich die Wassertemperaturkenner danach zufrieden zu. Damit kann ich es jetzt aufnehmen mit all den Freiwasserschwimmerinnen.** Auch wenn ich nicht kilometerlang schwamm, sondern vielleicht nur so ein paar hundert Meter. Es gibt ja Forschungen zur Kältetherapie und denen glaube ich sofort, auch wenn ich noch nie in einer Kältekammer war, aber ich hatte heute im kalten Wasser wirklich das Gefühl, als habe mein Körper Glückshormone ausgeschüttet. Ich spüre das Glück ja selten pulsieren, ich muss es mir tatsächlich ganz rational auf einer Skala vorstellen, wenn ich wissen will, ob ich glücklich bin. Das Ergebnis ist erstaunlich positiv, gemessen daran, dass das Glück vor zwölf, dreizehn Jahren eher im Minusbereich angesiedelt war, und sich eher nach Un-Glück anfühlte. Aber heute morgen, während ich schwamm und auch danach und eigentlich auch jetzt noch, war mir so glücksjauchzend zumute. So lebendig. Wundervoll. Morgen wieder!

Davon kriegen Sie aber keine Fotos, ich zeige ungern meinen rundlichen weißen Körper, aber das Fischerboot bekommen Sie zu sehen, das uns inspiriert hat, nach dem Schwimmen auf dem Markt frischen Fisch zu kaufen.

Strand

Boot

Rosa

Himmel

K800_IMG_20170407_093002

und weg

Rose

frischer fischRotbarben (köstlich!) und frische Erdbeeren (französische!) und Artischocken (cru!) zum Entrée.

La vie est belle! Schönes Wochenende Ihnen allen!

———————————————————————————————————— ** gerade nochmal nachgelesen, Journelle und die britischen Ladies schwimmen bei 7°C , in Worten SIEBEN GRAD – brrrr! Vielleicht schauen Sie sich den kleinen, ganz am Ende verlinkten Film bei Journelle an (oder hier): alle sagen, dass sie sich nach dem Kaltwasserschwimmen besser, gut, glücklich fühlen! (Bei 17 Grad Wassertemperatur ist das Glück vielleicht weniger stark, aber auch noch fühlbar :-) )

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | 18 Kommentare

Zwischenruf: elf Kandidaten plus Nachtrag

Heute Abend, diesmal auf den Privatsendern C NEWS und BMFTV, wird die zweite „große Debatte“ der Präsidentschaftskandidaten gesendet. Alle sind diesmal da. Elf sind es:  Nathalie Arthaud, François Asselineau, Benoit Hamon, François Fillon, Jacques Cheminade, Nicolas Dupont Aignan, Jean Lassalle, Philippe Poutou, Jean-Luc Mélenchon, Emmanuel Macron und Marine Le Pen werden für dreieinhalb Stunden (bis nach Mitternacht) „debattieren“. Diesmal gibt es nur eine Minute Redezeit für jede und jeden und insgesamt nur fünf Fragen. Eine Vorstellrunde (Wer sind Sie?), drei Themenfragen (Wie wollen Sie Arbeitsplätze schaffen? Wie wollen Sie die Franzosen schützen? Wie wollen Sie Ihr Sozialmodell umsetzen?) und eine zusammenfassende Aussage, wie der oder die Kandidatin die Franzosen hinter sich zu vereinen gedenkt.

Erwartet werden eigentlich drei „große“ Rededuelle: Mélenchon und Hamon; Dupont-Aignan und Fillon, und Macron und Le Pen.

Gut. Ich habe mein Augenmerk etwas mehr auf die Kandidaten gerichtet, die wir noch nicht in dieser Runde gesehen haben:

Nathalie Arthaud ist die ganze Zeit sehr wütend und antwortet schon auf die Frage, wer sie sei, dass sie das Volk zu Gehör bringen werde. Sie will die Gesellschaft, die „verfault“ sei, komplett verändern. Die Diskussionen über Europa, die Grenzen etc. seien nur Ablenkungsmanöver, nicht die anderen Arbeiter seien der Feind sondern das Patronat. Sie würde die großen Unternehmen zwingen, Arbeitsplätze zu erhalten und das Geld für alles nimmt sie von den Reichen. Sie greift Fillon offen an.

Philippe Poutou ist, wenn es möglich ist, noch wütender, stellt sich immerhin als der einzige Arbeiter (bei Ford) der Gruppe vor, ist auch als einziger in Jeans und T-Shirt gekleidet und verdrückt sich fürs Gruppenfoto. Er will eine direkte Demokratie, ist gegen das kapitalistische System, will das Geld umverteilen, die Polizei entwaffnen, denn der Terrorismus sei nur ein Vorwand, damit die Polizei das Volk mit Waffengewalt unterdrückt. Allerdings will er auch den internationalen Waffenhandel unterbinden.

Ich habe mich oft gefragt, warum man sich unbedingt als Präsidentschaftskandidat präsentieren will, wenn man so gut wie keine Aussichten hat, gewählt zu werden. Poutou zeigt es sehr deutlich: weil es ihm die Möglichkeit gibt, einmal öffentlich alles (im Stakkato) rauszukotzen, was er zu sagen hat. Er greift Fillon und Le Pen offen und agressiv an, nennt sie Lügner und korrupt und Betrüger, und er tut es mit sehr großer Genugtuung.

Nicolas Dupont-Aignan ist wütend gegen die Kandidaten der etablierten Parteien, einschließlich Macron. Er greift Fillon ebenso an, allerdings nicht so offen und anklagend wie Poutou. Er will die Abgaben für Firmen, die in Frankreich produzieren reduzieren. Und  findet, dass die Polizei und das Militär personnel und materiell am Ende seien und man müsse reinvestieren. Außerdem müsse man gegen die „barbarischen Hassprediger“ entschieden vorgehen.

Jacques Cheminade und François Asselineau kann ich irgendwie nicht richtig greifen. Assilenau will auf jeden Fall raus aus Europa, will dass Schluss mit den Schulden ist, und auf die Frage, wie ein guter Präsident sein müsse, antwortet er mit dem chinesischen Sprichwort „Der Fisch verfault vom Kopf her“: Wenn der Präsident, „der Kopf“ eines Landes, kriminell sei, habe das tragische Auswirkungen auf das gesamte Land und Volk. Und wenn er Präsident würde, dann wäre seine Frau nicht „First Lady“, und sie wäre weder im Showbusiness noch würde sie sonstwie von sich reden machen.

Jacques Cheminade hat ein sehr bizarres Programm will mir scheinen, er will raus aus Europa, aber will mehr Geld für Erasmus Programme ausgeben,, so ganz logisch ist das nicht. Er will mit Putin, Trump und den Chinesen zusammenarbeiten, wenn ich es richtig verstanden habe, aber mit den Verflechtungen der FranceAfrique aufhören. Gerade hat er sich sehr echauffiert und sieht Frankreich „moribund“.

Mein Lieblingskandidat, und es ist schwierig, sich nicht über ihn lustig zu machen, ist Jean Lassalle, für mich eine komplette Neuentdeckung. Er spricht, anders als alle anderen, betont langsam und mit dem Akzent des Südens. Er kommt ein bisschen zu spät und wegen des Grunds befragt, sagt er, och, er sei wohl zu spät weggefahren und dann waren da Staus, naja, aber seine Mutter habe eben acht Tage gebraucht, um ihn auf die Welt zu bringen (sie sei erst 17 gewesen und er wog über 4 Kilo), das stecke in ihm, diese Verspätung könne er wohl nie mehr aufholen. Er ist Sohn eines Schäfers, selbst Schäfer in den Pyrenäen und stolz darauf. Und dann, erzählt er, als er sich vorstellt, dann kam aus Paris die Pascale (er betont das e am Ende, wie man das im Süden macht) und die habe ihm vier Kinder geschenkt, ist das nicht wunderbar?! Er macht sich stark für die Landwirte, von denen sich jeden Tag 30 (!) umbrächten, wegen ihrer verzweifelten Situation, setzt sich für das ländliche Frankreich ein, will zurück zu den kleinen Gemeinden, die menschlicher seien, und erstaunlicherweise setzt er auf die Jugend  in den Banlieues, und er beklagt, dass die Politik seit dreißig Jahren nichts Gescheites auf die Reihe gebracht habe. So ganz klar ist mir nicht geworden, wo er das Geld für seine Projekte hernehmen will, aber er würde Lösungen finden, da ist er sicher, jawohl, und Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Außerdem will er eine Armee gegen die Cyberkriminalität schaffen. Ansonsten glaubt er an die Diplomatie, man kann mit allen reden.

So, ich kann nicht mehr zuhören, meine Zusammenstellung ist vielleicht etwas zufällig gewählt, das, was im wilden Debakel gerade hängenbleiben wollte, den Rest lese ich morgen nach. Oder hier. Sehr unerträglich ist mir der strenge Lehrerinnenton der beiden Moderatorinnen gewesen, die ununterbochen „MERCI!“ dazwischenrufen und die Minutenkonten überwachen „Sie sind im Rückstand!“ oder „Merci! Ihre Zeit ist überschritten!“ Voilà, mein Müdigkeitskonto ist schon sehr weit überschritten. Bonne nuit!

Nachtrag: Hier eine deutsche Einschätzung, allerdings nur mit Blick auf die „großen“ Kandidaten. Wo es gestern doch vor allem darum ging, die „kleinen“ Kandidaten vorzustellen, aber man hat wohl davon abgesehen, die Deutschen noch zusätzlich mit Kandidaten zu verwirren, die (dieses Mal) sowieso nicht Präsident werden werden.

Von französischer Seite hieß es gestern noch, die Debatte sei lebendiger gewesen, vor allem durch die deutlichen Worte der „kleinen“ Kandidaten, die es wagten, offen ihre Unzufriedenheit auszudrücken und die Affären von Fillon und Le Pen anzusprechen. Wobei Philippe Poutou auch gerügt wurde für seine ungehobelte Art, sich nicht für das gemeinsame Foto aufzustellen, für seinen hemdsärmeligen Kleidungsstil, und dass er nicht einmal die Kandidaten, an die er sich wandte, persönlich ansprach etwa mit „und Sie Monsieur Fillon“ sondern einfach herumholzte wie am Kneipentisch „und Fillon macht dies und Le Pen macht das“ – aber für ihn war es vermutlich schon eine Leistung, dass er sie nicht noch zusätzlich mit Schimpfwörtern bedachte. Auf Twitter wurde übrigens sofort zurückgerufen, besser hemdsärmelig, aber ehrlich, als im teuren Anzug und verlogen!

Die „großen“ Kandidaten hielten sich deutlich etwas zurück, sie hatten ihre „l’heure de gloire“ ja schon beim letzten Mal gehabt. Was bleibt? Wer hat am wenigsten Fehler gemacht? Fragt der Figaro (Fillon gibt sich staatsmännisch, Macron hat keine Fehler gemacht, und Mélenchon macht in diesen Sendungen den besten Eindruck) und liefert freundlicherweise eine kurze Zusammenfassung der Aussagen der Kandidaten.

Und zum Schluss, Jean Lassalle sei nach der Debatte der meistgesuchteste Kandidat auf google gewesen, heißt es, kann ich verstehen, er ist ein sehr authentischer Mensch. Er hat sich nicht besonders vorbereitet sagt er kurz vor der Sendung, es passiere sowieso alles anders als man denke. Und nein, die Sendung sei für ihn kein historischer Moment, ein historischer Moment wäre seine Wahl. Hier die Szene, in der er seine Verspätung erklärt.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Zwischenruf: Hilfsaktion für Fillon

Ich wünschte mir ja, dass meine Texte, die nichts oder nur am Rande mit Politik zu tun haben, auch mal einen Tag sichtbar stehenbleiben könnten, ohne dass sich schon wieder aktuelle politische Dinge tun, über die ich berichten muss, dank meiner mir selbst auferlegten Pflicht n’est-ce pas *seufz* – aber das hier muss ich loswerden.

Auch wenn er einem schon leid tun kann, der gute Herr Fillon. Oder gerade deswegen. Gestern Abend, während eines Interviews bei BMFTV, wurde Fillon von einem Journalisten zwischen zwei anderen, klassisch politischen Fragen, plötzlich gefragt, ob er am Ende des Monats eigentlich Geld zurücklege, so wie es wohl 35% der Franzosen tun. „Ich?“ fragte Fillon völlig überrascht und schüttelte dann den Kopf. Er persönlich habe am Ende des Monats kein Geld übrig.

Diese kleine Aussage beschäftigt die Franzosen jetzt mehr als alles andere, das kann ich Ihnen sagen. Es ist auf allen Kanälen zu hören und zu sehen, und schon gestern wurde vom satirischen Magazin le Gorafi zusammen mit Leetchi, einer Internetspendenplattform, spontan ein Spendenaufruf „Solidarität für Fillon“ gestartet, um ihm über die schwierige finanzielle Situation am Monatsende hinwegzuhelfen. Und tatsächlich haben heute morgen schon knapp tausend Menschen immerhin einen Summe von mehr als 1400 Euro gespendet, Solidarität unter Sozialhilfeempfängern verpflichtet, sagte so mancher in seinem Kommentar. Die Spendenaktion für Fillon läuft noch knapp drei Wochen, bis zur Wahl quasi, falls Sie sich noch beteiligen möchten, hier der link.

Das gesammelte Geld soll dann sozialen Projekten im Wahlkreis von Fillon, der Sarthe, zufließen.

Mir tut Fillon ja langsam wirklich leid, auch wenn er es verdient hat, abgestraft zu werden. Aber diese Art von überraschenden Fragen, die so nebenbei abgeschossen werden, journalistisch professionnel natürlich, gab es für mich auch schon. Was weiß man schon, nicht wahr, von dieser reichen deutschen Côte d’Azur-Tussi, die da an ihrem Pool sitzt und sich Caipirinhas anreichen lässt, und gelangweilt in ihr Aufnahmegerät ihre Kriminalromane diktiert. Oder sitzt sie auf ihrer Yacht? „Haben Sie eigentlich ein Boot?“. wurde ich einmal überraschend beim abschließenden Essen gefragt. Ich fragte genauso überrascht wie Fillon nach. „Was ich?“ „Ja, hier haben doch alle ein Boot, Sie nicht?“ Ich lachte (HA! denkt der Journalist: deutliches Zeichen von Verlegenheit!) und schüttelte den Kopf. Aber tatsächlich denke ich an den Sportkatamaran, den Monsieur früher zusammen mit einem Freund besaß. Nicht mehr als zwei Surfbretter groß, mit Segel, der lag in einem kleinen Hafen in einem Nachbarort. Aber beide Herren haben das sportliche Segeln mit Mitte Sechzig aufgegeben. Es ist sicher nicht das, was der Journalist meint, soll ich es ihm trotzdem erzählen? Quatsch, denke ich und sage lächelnd „Nein“. Das alles spürt der gewiefte Journalist aber und fragt lauernd-ironisch weiter. „Nein? Kein Boot? Sind Sie sicher? Ein ganz Kleines vielleicht?“ Er denkt vermutlich trotzdem an eine 15 Meter Yacht, während ich vor meinen Augen schon wieder den für 1500 Euro verkauften Sportkatamaran sehe, der nicht mal mir gehörte. Ich habe kein Boot, nicht mal ein aufblasbares Gummiboot habe ich. Was glaubt der eigentlich von mir? „Nein“, sage ich jetzt entschieden, „wirklich nicht.“ „Hm, hm“, macht er und lächelt, als habe er mich beim Lügen ertappt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare

Fuir le bonheur …

Heute Gestern morgen sahen wir einen sehr französischen Film, in dem unter anderem Johnny Halliday mitspielte. Halliday ist in Deutschland vermutlich kaum bekannt. Ich zumindest kannte ihn nicht, als ich in Frankreich ankam und ich konnte die Beliebtheit dieses vulgären, abgewrackt aussehenden Alt-Rockstars mit Permanent-Make-up und steter Sonnenbräune lange nicht verstehen. Seine französisch geröhrten Rocksongs sind aber allgemeines Kulturgut. Jeder kann „Qu’est-ce qu’elle a ma gueule“ brüllen

(frei übersetzt: „Was ist los? Gefällt dir meine Fresse nicht?“). Hallyday ist DER französische Rocksänger und das seit den frühen 60er Jahren, das wäre in etwa so, als würde Peter Kraus heute noch rocken. Naja so ähnlich. Hallyday war vermutlich immer schon weniger brav. So langsam wird mir Hallyday sympathisch, vor allem, weil er sich in dem einen oder anderen aktuellen Film gerade selbstironisch darzustellen vermag (s.o.). Ich dachte heute morgen, ich muss mal einen Beitrag über Hallyday schreiben. Ich habe das hier aufgeschrieben, damit ich es nicht vergesse, Sie können mich drauf festnageln. Voilà.

Aktuell will ich aber was über Serge Gainsbourg schreiben. Geschickte Drehung, was? Gainsbourg, Sänger, Komponist, Schauspieler war Sohn einer jüdisch-russischen Immigrantenfamilie, wurde an einem 2. April vor knapp 90 Jahren geboren, und insofern haben wir heute, in der Zwischenzeit gestern, fast ein großes Jubiläum (ich bekam den Text gestern nicht mehr fertig, aber immerhin habe ich ihn am 2. April begonnen). Gainsbourg hat als Kind während des Zweiten Weltkriegs einen gelben Stern tragen müssen („einen Sheriffstern“ sagte er später spöttisch) und hat all das erlebt, was man in dieser Zeit als Jude so erleben konnte (Auftrittsverbot des Vaters, die Eltern flohen in den „unbesetzten“ Süden, er selbst wurde auf dem Land in einer Jesuitenschule „versteckt“ und musste einmal nachts alleine vor der Gestapo in den Wald fliehen)

Gainsbourg ist, fürchte ich, dem breiten deutschen Publikum auch nicht wirklich bekannt. Ich wusste wenig über ihn, um nicht zu sagen gar nichts, als ich nach Frankreich kam. Ich fand Gainsbourg ziemlich hässlich unattraktiv (er sich übrigens auch und er litt sein ganzes Leben darunter, dass er einer Karikatur des „typischen Juden“ glich), kannte vage noch eine Reggaeplatte (die ich nicht mochte) und die eine Fernsehszene, wo er halb betrunken und provokant einen 500 Francs Schein verbrannte

um zu zeigen, wie stark er besteuert wird (74%) und wieviel ihm von 500 Francs wirklich blieben, das hat ganz Frankreich aufgewühlt, in dem einen oder anderen Sinn, und ganz ehrlich, ich verstand gar nichts. Ich verlinke ihnen das deutsche und das französische Wikipedia, aber es ist viel zu lesen, denn Gainsbourg hat viel gemacht, geschrieben, komponiert, gesungen und geschauspielert. Ich zitiere Wikipedia „Über seinen Tod hinaus gilt er in Frankreich als einer der einflussreichsten und kreativsten auteur-compositeur-interprete seiner Epoche.“

Beinahe hätte ich vergessen, den Film zu erwähnen, den Joan Sfar, mein preferierter Graphic Novel Zeichner und manchmal auch Filmemacher über seinen „Héro“ Gainsbourg gemacht hat: Gainsbourg – Vie héroique. Schauen Sie sich die Bande annonce an, wie der Trailer auf Französisch heißt, falls Sie den Film nicht kennen. Durch diesen Film lernte ich Gainsbourg erst kennen und schätzen. Schon in dem kleinen Vorfilm sieht man alle Facetten Gainsbourghs und auch eine Szene mit France Gall, der er vorschlägt, einen unanständigen Song zu schreiben – gegen ihr brave-Mädchen-Image.

France Gall, die man bei uns später mit so aufregenden Liedchen wie „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“ kannte

(niedlich der Film, oder?); gewann dann auch 1966 mit einem von Gainsbourg geschriebenen eher zweideutigen Lied  Poupée de cire poupée de son, das sie aber ganz unschuldig sang:

und es vermutlich, wie auch alle Mitglieder der nicht französischsprachigen Jury wirklich nicht verstanden hat (Frankreich gab dem eigenen Lied keinen Punkt, das sagt alles!), Achtung, ich nehme den ursprünglichen Satz wieder auf, France Gall gewann damit also den Eurovisions-Song-Contest.

Später schrieb ihr Serge noch Les sucettes, das Lied von Annie, die Lutscher mit Anisgeschmack lutschte, die ihren Küssen einen besonderen Geschmack geben …

Sie merken schon wohin die Reise geht?! Aber France Gall hat es damals nicht verstanden  und schämte sich zu Tode, als sie es später begriffen hatte, und war böse auf ihr Umfeld, das man dieses Lied hatte singen lassen.

Mit diesen Zweideutigkeiten muss man in Frankreich immer rechnen. Und bei Gainsbourg im besonderen. Gainsbourg machte aber auch mit eindeutigeren Chansons Skandal, wie etwa mit Je t’aime moi non plus, das er für Brigitte Bardot geschrieben hatte, die sich von ihm „la plus belle chanson de l’amour“ gewünscht hatte, es wurde aber von derem gerade aktuellen Ehemann Gunter Sachs sofort juristisch unterbunden, weshalb er es etwas später mit der niedlichen Jane Birkin sang, stöhnte und seufzte, mit der er gerade eine neue Liebesgeschichte erlebte. Das Lied kam natürlich sofort auf den Index, wurde in dem einen oder anderen Land verboten und durfte, laut Aufdruck auf dem Plattencover, „unter 21 Jahren“ nicht gehört werden, lustig, weil Birkin da selbst gerade mal 20 und nach damaligen Recht minderjährig war.

Mit Jane Birkin, der blutjungen, britischen Schauspielerin war Gainsbourg zwischen 1968 und 1980 zusammen und mit ihr hat er nicht nur eine Tochter, Charlotte, produziert sondern auch mehrere Platten. Jane Birkin war zu dieser Zeit sehr niedlich anzuschauen und ihr kleiner britischer Akzent war niedlich anzuhören, weshalb ihr Stimmchen vermutlich bis heute alle bezaubert.

Sie hat, seit seinem Tod, immer wieder Platten mit Chansons von Gainsbourg neu interpretiert, und gerade eben ist ein neues Album erschienen, dieses Mal singt sie mit großem Symphonieorchester. Kurz habe ich gezögert, ob ich es wirklich „Singen“ nenne, was sie macht, ob es nicht Hauchen oder Kieksen oder ein brüchiger Sprechgesang oder noch irgendetwas anderes ist. Sie hat wirklich wenig Stimme, aber die Kritiker überschlagen sich, um ihre Stimme, die „niemals so schön war wie heute“ zu loben und die Arrangements, und Serge hätte es geliebt und vermutlich in sein Taschentuch geweint vor Rührung.  Ich sah sie in der einen oder anderen Sendung, in dem sie ihr Album vorstellt, man zeigt immer auch frühe Videos von ihr (sie war wirklich niedlich) und alle liegen ihr auch heute noch zu Füßen. Vielleicht auch weil ihre Liebesgeschichte mit Gainsbourg so groß war und man sich damit die „unbeschwerte“ Zeit der sechziger und siebziger Jahre wieder ins Gedächtnis ruft.

Anlässlich des neuen Albums wurde Birkin auch hier und da erneut interviewt und da erzählt sie zur Freude aller Franzosen, wie sie die allererste Nacht mit Gainsbourg verbracht hat: Sie drehte zu dem Zeitpunkt einen Film mit ihm und fand ihn (20 Jahre älter als sie) arrogant und unfreundlich, und sie war eingeschüchtert und verklemmt, so dass er sie eines Abends ausführte, um sie etwas „aufzulockern“. Da erlebte sie ihn charmant und witzig, er führte sie in die unterschiedlichsten Musikclubs und man sang und tanzte und trank, sie sah, dass er auch eine andere, eine verletzliche Seite hatte, und morgens in aller Frühe tranken sie Champagner mit den Schlachtern in les Halles (ehemalige Markthallen, damals im Zentrum von Paris). Sie war verzaubert und als er sie morgens nach Hause fahren wollte, ging sie entschlossen mit ihm in sein Hotelzimmer. In der kurzen Zeit, in der sie aber im Badezimmer verschwand, war er eingeschlafen, und sie ging weg, kaufte die Platte mit dem Titel „yummy, yummy, yummy I’ve got love in my tummy„, die damals gerade rausgekommen war und steckte sie zwischen seine Fußzehen. Das war der Beginn ihrer großen Liebesgeschichte, die alle Franzosen kennen und die sie, Zitat Jane Birkin, „seit 50 Jahren mit den Franzosen teilt“.

Schon 2002 hatte sie ein Live-Album Arabesque mit seinen Chansons produziert. Mit sehr orientalischer Instrumentalisierung. Das war überhaupt das erste, was ich von Serge Gainsbourg wirklich hörte. Oder von Jane Birkin. Oder von beiden, wie man’s nimmt. Die Musik war mir fremd, die poetischen Texte habe ich damals kaum verstanden, Janes Stimmchen war damals schon dünn, aber irgendwie hat mich dieses Album gefesselt. Tut es noch heute. Und auch wenn das neue Symphonische Album hochgelobt wird, ich finde Arabesque um Klassen besser. Ich finde auch, dass diese mal leichte, mal schmerzlich vibrierende orientalische Musik viel besser zu ihrem Kieksstimmchen passt. Mein Lieblingschanson war damals, als ich meinem ersten französischen Freund monatelang nachweinte, Comment te dire adieu.

Auch wenn Jane dieses Chanson auf dem Live Album nutzt, um all ihre Musiker und Techniker vorzustellen, ihnen, dem Publikum und außerdem einem persönlichen Engel zu danken, was das Chanson zusätzlich zum Text eigentümlich gefühlvoll macht, aber auch zweiteilt, ich liebe es so und höre es immer noch gerne. Fuir le bonheur pour qu’il ne se sauve gehört auch zu meinen Favoriten und Anamour, das ich eigentlich in der Version von Depardieu schätze (Gérard Dépardieu spielte mal einen abgehalfterten Schlagersänger in „Quand j’étais chanteur“, und so wie er da singt, könnte ich tatsächlich auch, wie Cécile de France, in seine Arme sinken, hach,) aber witzigerweise habe ich die Melodie von Anamour zuallererst mit einem völlig anderen und außerdem deutschen Text vor vielen Jahren gehört, und ich habe den Vormittag damit verbracht, um es wiederzufinden: Der tätowierte Millionär von Universal Gonzalez. Auf der CD von Trikont ist außerdem noch Bernadette la Hengst mit Wilder Mann zu hören. Liebe ich auch immer noch. Was ich früher so alles gehört habe … Von beidem habe ich keine Videos gefunden, viel zu abgefahren, könnten Sie aber komplett auf Spotify hören. Hier aber zurück zu Jane und zu Serge.

Hier sieht man das jung verliebte Paar in einem R4 Cabriolet durch Paris kurven:

Für „Fuire le bonheur“ passt diese Version mit den Bildern von Marylin gut, finde ich, ob Marylin eigentlich glücklich war, kann man sich auch fragen, damit leite ich dann auch schön über zu meinem nächsten (noch zu schreibenden) Text, wir haben nämlich eine Marylin Monroe Ausstellung in Aix en Provence gesehen.

Falls Sie das ganze Album Arabesque hören möchten (ich hoffe mal, das ist legal):

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | 12 Kommentare

Zwischenruf

Ich fasse mal zusammen, was seit dem letzten Eintrag passiert ist:

Penelope Fillon ist nun auch der Mittäterschaft angeklagt. Immer noch die alte Geschichte. Bei der Hausdurchsuchung bei den Fillons wurden Unterlagen gefunden, die eine Arbeit Penelopes beweisen (sollen). Die Untersuchungsrichter glauben allerdings, dass man diese Beweise nachträglich angefertigt, also gefälscht hat, um nicht das neue Wort „gefaked“ zu benutzen.

Fillon selbst wetterte wütend gegen den amtierenden Präsidenten Hollande, das alles ginge von ihm aus, er habe mit einem cabinet noir gegen ihn komplottiert. Ein cabinet noir meint, ein paar Menschen arbeiteten „im Dunklen“ daran, den politischen Gegnern zu schaden. Das wurde natürlich von Hollande empört zurückgewiesen.

Fillon avant apresVorher-Nachher:

Fast hätte ich das Amüsanteste in diesem Trauerspiel vergessen: Fillon hat seine Plakate und seinen Slogan geändert: Le Courage et de la Verité, also „Mut und Wahrheit“ passten ja nun nicht mehr so richtig.

Daraus wurde Une Volonté pour la France! Das heißt so viel wie „Ein starker Wille!“ oder „Einsatzbereitschaft für Frankreich!“

volonté pour la fraudeAuf Twitter gab es natürlich sofort Varianten:

Sehr hübsch war etwa:  Une Volonté pour la Fraude! (in etwa „Bereitschaft für den Betrug!“)

 

 

In Zusammenhang „Scheinbeschäftigung“: der noch relativ neue Innenminister Hollandes, Bruno Le Roux, ein Mitglied der Parti Socialiste, hatte seine Töchter als attaché parlemantaire angestellt, zu Zeiten als diese sogar noch minderjährig waren und zur Schule gingen. Sommerjobs seien das gewesen, widerspricht der Minister, alles legal und die Mädchen hätten wirklich gearbeitet. Er wies jegliche Ähnlichkeit mit dem Fall Fillon zurück. Zurückgetreten ist er trotzdem. Etwas ausführlicher können Sie das hier nachlesen.

Noch ein Clash bei den Linken: Manuel Valls hat öffentlich bekannt gegeben, dass er nicht seinen Parteikollegen Benoît Hamon unterstützen werde, sondern Emmanuel Macron. Das ist unausgesprochen ein Zeichen für seine Anhänger, es ihm nachzutun. Es sei eine „taktische“ Entscheidung, sagt er, mit der er verhindern wolle, dass Marine Le Pen, die vermutlich im zweiten Wahldurchgang auf Macron trifft, die Wahl gewinne. Indirekt sagt er damit auch, dass Benoît Hamon keine Chancen hat in den zweiten Wahldurchgang zu kommen. Benoît Hamon ist natürlich nicht erfreut und nennt Valls einen „Verräter“. Macron hat Valls nur sehr nüchtern für diese „Unterstützung“ gedankt. Es wird befürchtet, dass aus seiner schwungvollen, parteilosen  Bewegung nur die Fortsetzung der Politik Hollandes wird, wenn sämtliche Politiker der konservativeren Linken zu ihm überlaufen.

Etwas anderes:  Heute hat in Frankreich die Wahl der Gewerkschaften stattgefunden und zum ersten Mal in der Geschichte der Gewerkschaften überhaupt hat die reformierende CFDT die radikale CGT überflügelt. Das ist eine große Veränderung für die zukünftigen Sozialverhandlungen in den Betrieben (Video ist französisch) Die CFDT steht eher für Kooperation (ohne den Streik auszuschließen) während die CGT stets auf Konfrontationskurs ging. Letztes Jahr gab es wochenlang, gewalttätige Streiks gegen die Arbeitsmarktreformen, die das Land stellenweise lahmgelegt haben und erst mit Beginn der Fußball-Europameisterschaft zu Ende gingen. Die unbeliebten Reformen wurden dann mit einem Ausnahmeparagraphen durchgesetzt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare

Liebster Award 2

liebsterawardsSo. Wir waren gerade zwei Tage unterwegs, davon erzähle ich Ihnen vielleicht noch. Ich muss dringend auch einen Zwischenruf schreiben, es ist schon wieder so viel passiert. Aber erstmal zurück zu diesem Liebster Award – ganz ruhig, die Ernennung ist schon der Preis. Und außer, dass man sich gegenseitig freundlich erwähnt und auf diversen anderen Blogs herumliest passiert gar nichts. Ein Booster für kleine, neue Blogs. Ich würde gern ein paar kleine neue Blogs boosten, allein, ich kenne keine. Ich habe jetzt hier und da herumgelesen und gesucht, aber das ist es alles nicht. Ich ernenne für den Liebster Award also Blogs, die ich schon kenne und lese und denen ich etwas mehr Sichtbarkeit wünsche. Die hoffnungsvollen Schreiberinnen von Sssonderbar würde ich gern boosten, damit vor allem Vi mal wieder etwas über Bosnien schreibt, aber vermutlich sind die Mädels gerade mitten im Abitur. Toni würde ich gerne boosten, damit sein zukünftiges Buch zukünftige Leser findet und er zunächst den Dreh findet, daran weiterzuschreiben. Und Laure in Frankfurt, die sich gerade mit dem Wort Eichhörnchen abmüht, booste ich auch. Schön, wenn eine Französin gern in meiner „Heimatstadt“ lebt und Deutsch lernt. Und Herrn Diehl natürlich, dessen südfranzösischen Geschichten ich auch ein paar zusätzliche regelmäßige Leser wünsche. Voilà, das sind meine Vorschläge für den Liebster Award, dessen Regeln ich hier noch einmal aufschreibe:

Was ist der „Liebster Award“ ?

Das ist eine tolle Aktion von Bloggern untereinander, die auf Blogs die ihnen besonders gut gefallen, aufmerksam machen.

Was ist zutun?

  • Die Person verlinken, die dich nominiert hat
  • 5-11 andere Blogger nominieren mit weniger als 200 Followern
  • stelle 11 Fragen deiner Wahl an die Nominierten
  • du kannst die Person nicht nominieren, die dich nominiert hat
  • die Nominierten müssen informiert werden
  • stelle den Nominierten einen Link zu deinem Post bereit für mehr Informationen
  • du musst alle Fragen beantworten, die dir gestellt werden

Abgesehen davon ist mein absoluter Lieblingsblog gerade der von Fräulein Read on, von der ich aber annehme, dass sie schon genug LeserInnen hat und für diesen Liebster Award außerdem zu erhaben ist. Was die elf Fragen angeht, die man den Liebster-Anwärtern stellt, da habe ich lange gesucht, man will ja nicht ganz banal sein. Sehr schöne Fragen fand ich bei Croco, die ich btw. auch gerne lese, und der ich eine Frage klaue.

Ich stelle also elf Fragen, die sind zunächst für die Liebster Award-Empfänger gedacht, sie können aber auch gern von anderen Menschen beantwortet werden, falls Sie mögen, dann etwa auf Ihrem Blog, oder wenn Sie keinen haben und trotzdem wollen, gern hier in den Kommentaren.

1. Wann sind Sie das letzte Mal auf einen Baum geklettert? 2. Mein Lieblingsversteckspiel meiner Kindheit heißt „Doppel-E“. Kennen Sie das? Welches war Ihr Kinder-Lieblingsspiel draußen? 3. Ihre letzte mutige Tat? 4. Wenn Sie in die Zukunft schauen könnten, würden Sie es tun? 5. Wo möchten Sie leben? 6. Ihr Lieblingsort in Ihrer Stadt (Dorf/Gegend)? 7. Welche schlechte Eigenschaft würden Sie gern loswerden? 8. Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen? 9. Welches Lebensmittel mögen Sie nicht? 10. Gibt es etwas, was Sie tun, obwohl es ökologisch nicht korrekt ist? 11. Gibt es ein Lied, das Sie automatisch froh stimmt, wenn Sie es hören? Wenn ja, welches?

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit | 10 Kommentare

Liebster Award Teil 1

Liebster Award

Zum ersten Mal in meinem Blogleben wurde ich nominiert, nein, nicht zur Bloggerin des Jahres, aber für den Liebster-Award! Jawoll! Und zwar von Ute, die selbst einen Südfrankreich-Blog schreibt. Vielen Dank dafür! Ich freue mich wirklich. Der Liebster Award ist eine Art Wanderpokal, eine Auszeichnung für kleine Blogs, denen man wünscht, dass sie bekannter werden. Um mich herum sind schon alle irgendwann mal damit bedacht worden und es gab schon Momente, wo ich dachte, hey und was ist mir mir? Vielleicht dachten alle, mein Blog sei schon ein alter Hut, *gähn*, und außerdem bekannt genug, keine Ahnung. Jetzt aber, wo ich tatsächlich denke, jo, so langsam habe ich anständige Besucherzahlen, jetzt wird mein kleiner Blog noch einmal herausgehoben aus der Blogosphäre: guckt hin! Hier bin ich! So, ich dreh mich mal, sehen Sie mich alle? Gut.

Wenn man nominiert wird, bekommt man elf Fragen gestellt, die man bitte beantwortet und man soll dann seinerseits elf weitere Blogs nominieren und den zugehörigen Bloggern erneut elf Fragen stellen. Hm. Erinnert so ein bisschen an Kettenbriefe und 11 mal ist schon ein bisschen viel, finde ich. Ich lese nämlich gar nicht so viele Blogs regelmäßig, schon gar keine kleinen, glaube ich; die meisten Blogs, die ich lese, sind, wie mir scheint, große Blogs mit einem gewissen Standing, die sind vermutlich vor hundertzehn Jahren schon mal geliebtsert worden oder sie hatten das nie nötig, was weiß ich. Ich krieg ja vieles nicht so mit, ich bin ja immer so halb drin, halb draußen aus der Blogosphäre als Deutsche in Frankreich. Ich zermartere mir also, seit ich weiß, dass ich geliebstert wurde, den Kopf, wen ich nominieren könnte und sehe, dass Ute schon den Landlebenblog nominiert hat, Le nachbar, Grain de Sel, Frau Novemberregen und die kleine Französin, die in Köln gelandet ist. Das sind fünf der Blogs, auf die ich auch regelmäßig klicke, die sind also schon vergeben. Dann lese ich hier und da rein und stoße auf Beiträge, dass ihn schon gar niemand mehr will, den Liebster Award, so inflationär wurde er herumgereicht. Ja, ich kanns verstehen. Welchen Impact hat er eigentlich noch, dieser Award?, frage ich mich. Und elf neue kleine Blogs suchen kostet Zeit, und elf Fragen, die noch niemand gestellt hat, wollen mir auch gerade nicht einfallen.

Um Zeit zu gewinnen beantworte ich also erstmal Utes 11 Fragen:

1.Wann hast du das Bloggen für dich entdeckt?

Im Winter 2008/2009, Ha! sogar ein Jahr früher, 2007/2008 wars! Ich lebte in einem französischen Bergdorf und wollte unbedingt von diesem (für mich) ungewöhnlichen Leben erzählen. Die Zeitschrift Brigitte hatte damals auf ihrer Internetseite eine Serie „Frauen bloggen aus dem Ausland“ eingerichtet. Aus Südfrankreich und vom Berg-/Landleben hatte bis dahin noch niemand geschrieben. Ich bewarb mich und so entstand mein Blog „French Connection“.

2. Kannst du dir einen Tag ohne FB , Twitter und Co. vorstellen?

Allerdings. Internet-Detox mache ich immer mal wieder (Auszeit in den Bergen, im Kloster)

3.Was fällt dir zu dem Begriff „Nachhaltigkeit“ ein?

Gegenteil von Wegwerfgesellschaft, oder? Ich denke, es geht um bewussten Umgang mit der Natur, den Ressourcen, der Erde allgemein, damit dieser Planet noch ein Weilchen hält für die nachfolgenden Generationen.

4.Welche Sprache würdest du gerne sprechen?

Ich wäre gern wirklich bilingue – wünschte mir, dass mein Französisch genauso gut wäre wie mein Deutsch und außerdem akzentfrei.

5. Du schliesst die Augen und denkst ans Essen. Was ist es?

In der Regel Schokolade.

6. Welches Zitat gefällt dir ?

Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point. Blaise Pascal.

7. Kannst du deine Ferien ohne Handy verbringen?

Kann ich: http://aufildesmots.biz/2014/06/deutschland-fussball-und-kein-handy/

8. Warst du schon einmal in Grasse ?

Aber ja, mehr als einmal!

9. Welchen Buchtipp gibst du mir?

Lange überlegt, entscheide mich für Alexandra Horowitz: Von der Kunst die Welt mit anderen Augen zu sehen.

10. Kaffee oder Tee ?

Kaffee.

11. Was können wir von den Franzosen lernen?

Spontaneität, Unkompliziertheit und Laissez-faire. Und die Wertschätzung von gutem Essen.

———————————————————————————————

Die Blogs, die ich nominieren möchte und meine 11 Fragen folgen in einem zweiten Teil.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Ah l’amour …

Heute mal etwas völlig anderes – l’amour et la bouffe … iesch liebe Fronkraisch …

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 12 Kommentare

Zwischenruf – kleiner Gag

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | 5 Kommentare

Zwischenruf: Es geht los … plus Nachtrag

Warum habe ich das angefangen? Nichts anderes geht mehr, wenn ich halbwegs zeitnah berichten will. Politik, Politik, Politik. Ich fürchte, Sie wollen das alles gar nicht so genau wissen. Aber heute, 34 Tage vor dem ersten Wahldurchgang, ist Le grand Débat, die erste große Debatte: Von 21 Uhr bis Mitternacht werden fünf der elf Präsidentschaftskandidaten ihren ersten großen Fernsehauftritt haben, auf Fragen antworten, ihr Programm vorstellen und verschen, sich einfach gut verkaufen. Fünf von Elf? Elf? Ja, tatsächlich. Neun Männer und zwei Frauen. Tatsächlich habe ich Ihnen manche Kandidaten bislang nicht vorgestellt, einfach, weil ich sie selbst nicht wahrgenommen habe. Philippe Poutou zum Beispiel, Kandidat der extremen Linken, der bis vor vier Tagen noch nicht wusste, ob er tatsächlich 500 „Patenschaften“ unterstützender Bürgermeister  zusammenbekommen würde (In der heutigen Zeitung Nice Matin kann man sehen, wer in unserem Departement welchen Kandidaten unterstützt hat: mehr als hundert Unterstützer hat Francois Fillon bekommen, darunter auch die Bürgermeister von Nizza und Cannes, wen wunderts. Hier und da gibt es einen Unterstützer für einen der anderen Kandidaten: Links, Rechts, Mitte, aber immerhin keine Unterstützung für Marine Le Pen) Poutou und die anderen „kleinen“, weniger aussichtsreichen Kandidaten werden in den Folgedebatten (drei gibt es insgesamt) dran sein. Wir hören und sehen heute nur die fünf „großen“ Kandidaten: Francois Fillon, Benoît Hamon, Jean-Luc Mélenchon, Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Ein Prozedere, das erstmals so stattfindet und was nicht nur von den nicht anwesenden Kandidaten kritisiert wurde, sondern auch von denen, die sich heute präsentieren dürfen.

Ich fürchte, drei Stunden werde ich nicht dabei sein. Ich bin schon jetzt ziemlich müde, mich strengt dieses Zuhören politischer Reden wahnsinnig an, weil mich dabei zusätzlich auch die Attitüde der Politiker zusätzlich beeindruckt. Mir hilft der Live-Stream von LCI (La Chaine Info), die es freundlicherweise auf den Punkt bringt, wenn ich beispielsweise verpasst habe, warum Macron sich erneut von Le Pen angegriffen fühlt oder erstaunlicherweise Mélenchon mit Macron einer Meinung sind, oder Mélenchon mit Le Pen, oder wenn, wie oft, alle durcheinander reden. 23.05 Uhr. Ich gebs auf, zu müde. Ein erster Eindruck von deutscher Seite.

Was bleibt von der großen Debatte?, fragte heute morgen Nice Matin, im Sinne von was bleibt hängen in den Köpfen der Zuschauer. Sehr spannend, denn tatsächlich fragte ich mich das auch. Ich war gestern wirklich guten Willens, aufmerksam zuzuhören, um mich zu informieren, was die einzelnen Kandidaten zu den Fragen „Arbeitslosigkeit“, Sicherheit“, „Laizität“, „Erziehung“, „Rente“ undsoweiter zu sagen haben. Es gelang mir nicht. Die Kandidaten hatten jeweils nur eine Minute dreißig Zeit, sich vorzustellen oder sich zu den Fragen zu äußern; man wollte verhindern, dass sie sich ellenlang in irgendwelchen Worthülsen verlören, aber es hatte zur Folge, dass einer nach dem anderen zack zack in einem Schnellsprechmodus antwortete, und, falls einer zu lange sprach, er unterbrochen und zurechtgewiesen wurde. Auf jedem Pult, hinter dem alle fünf Kandidaten standen, war eine tickende Uhr mit ihrer gesamten Redezeit sichtbar. Das alles war ein bisschen albern und erinnerte an eine Spielshow, ich erwartete fast, dass irgendeiner auf den roten Buzzer drückt mööööp: Ich weiß es! Die Antwort lautet: Burkini. Leider falsche Antwort.

Die Informationen kamen so schnell und so überbordend, dass ich kaum folgen konnte. Nicht nur ich, wie ich heute erleichtert feststellte, denn die Zeitungen druckten überall eine Zusammenfassung, wer was gesagt hat. Wer sich mit wem worüber gestritten hat (vor allem Le Pen mit Macron) undsoweiter. Glücklicherweise waren nicht alle elf Kandidaten anwesend, es wäre katastrophal geworden.

Ob die Wähler, die bislang noch unsicher sind, wen sie wählen sollen, nach diesem Spektakel schlauer und informierter sind, ist fraglich. Man sah nur, wie professionnel sich der eine oder die andere vor der Kamera bewegt. Mélenchon hat da ziemlich viele Pluspunkte zu verbuchen, er hatte auch Schlagworte parat wie „Ich bin für den Frieden!“ So etwas bleibt hängen, wenn auch auf Twitter sofort gespottet wurde, da könne man auch Miss France wählen, die sei auch für den Frieden.

Amüsant war zu sehen, dass Mélenchon (extrem links) sich in dem einen oder anderen Punkt mit Marine Le Pen (extrem rechts) einig war. Leider weiß ich nicht mehr, um was es ging, den Austritt aus Europa und die Deutschfeindlichkeit vermutlich.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 10 Kommentare

Zwischenruf … etwas müde

Verzeihen Sie, aber ich hatte tatsächlich ein paar Tage abgeschaltet und ließ die Nachrichten nur noch wie durch einen Nebel zu mir durchdringen – ich bin es nämlich wirklich müde, immer noch mehr unfassbar blödes Zeug über Fillon zu erfahren. Also nicht nur, dass er angeklagt ist, das ist er jetzt endlich, immerhin, aber natürlich ist er weiterhin von seiner Unschuld überzeugt, und er ist ganz sicher, dass er die Richter ebenso davon überzeugen wird, n’est-ce pas. Nein, es kommt noch schlimmer, oder zumindest noch peinlicher, und der Gag des satirischen Magazins Gorafi, dass man schon ein paar Minuten lang keinen neuen Skandal Fillons aufgedeckt habe, hat sich schon wieder erledigt. Le canard enchainé ist wieder nur voll mit Fillon. Lassen wir mal unter den Tisch fallen, dass er seinen Kindern, die er für gewisse Tätigkeiten ja hoch entlohnt hatte, einen Teil des Geldes wieder abgenommen hat, nein, die Rede ist vom Klamottenskandal: Ein unbekannter Gönner hat Fillon Maßanzüge im Wert von 80.000 Euro geschenkt. Wie nett. Lehnt man nicht ab so etwas, oder? Nein, natürlich nicht, und so viele sind es auch gar nicht, machen Sie sich keine Sorgen, man muss im Schloss keine neuen Ankleidezimmer einbauen. So ein Maßanzug kostet schon so knapp zehntausend Euro. Im Prinzip hat Fillon wirklich nur für jeden Wochentag was Ordentliches zum Anziehen bekommen, sowas braucht man ja in seiner Position, und der Anzug für den sonntäglichen Kirchgang ist eben ein bisschen aufwändiger. Oder auch für den Gang zum Untersuchungsrichter. Kann ja nie schaden, dort gut angezogen zu sein, n’est-ce pas?

Ich habe Ihnen bislang Nicolas Dupont-Aignan vorenthalten. Ein weiterer konservativer Präsidentschaftskandidat, der irgendwo rechts von Fillon aber links von Marine Le Pen steht. Den haben wir die letzten Tage verstärkt zu sehen bekommen, denn er klagte ein, dass er bislang nur 9 Stunden Medienpräsenz bekommen habe, während Fillon schon in über 150 Stunden aufgetreten sei. Er ist Gaullist, das heißt, er sieht sich moralisch in der Tradition von de Gaulle, aber das tut ja auch Fillon nicht wahr; der gute Herr de Gaulle, der wirklich noch bis dahin ging, private Briefmarken zu kaufen, um sie auf seine private Post zu kleben, um nur ja nicht Staatsangelegenheiten mit Privatem zu vermischen, dreht sich vermutlich im Grab herum, bei all denen, die sich in seiner Nachfolge sehen. Dupont-Aignan ist auch Souverainiste, vereinfacht gesagt ist er gegen Europa und für ein eigenständiges, souveränes Frankeich, dessen Grenzen er wieder schließen will. Seine Ideen sind weniger abgegrenzt, die Übergänge zu denen Marine Le Pen’s sind fließend.  Débout la France! heißt sein Slogan. „Frankreich steh‘ auf!“, könnte man das übersetzen. Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat er im ersten Wahldurchgang knapp zwei Prozent der Wählerstimmen erhalten. Sehr viel mehr wird ihm auch dieses Mal nicht vorausgesagt. Seine Wähler werden vermutlich im 2. Wahldurchgang zu Marine Le Pen wechseln.

Macron, der im Augenblick gerade mit Angela spricht, und den die taz in schöner Regelmäßigkeit kritisiert, hier giftig als Messias, hat sich, das ist jetzt schon ein paar Tage her, in den Banlieues sehen lassen, wo ihn zumindest die Kinder schon begeistert mit „Bonjour Monsieur le Président“ begrüßt haben (Vorfeiern bringt Unglück, sage ich nur!), was die FAZ bewegt, sich ebenfalls zu einem Bibelzitat hinreißen zu lassen: Lasset die Kindlein zu ihm kommen. Der Text ist leider kostenpflichtig, es gäbe eine französische Alternative. Die Jugendlichen der Banlieues hingegen haben nur abgewunken. „Glaub‘ bloß nicht, dass wir für dich wählen, wir wählen gar niemanden mehr, uns haben schon viel zu viele verarscht“, sagte der eine oder andere unverblümt in die Kamera.

Genau das ist das Problem. Nicht nur die Jugendlichen der Banlieues wählen nicht mehr, auch sehr, sehr viele junge Menschen sagen offen, dass sie sich enthalten wollen, denn unter den Kandidaten ist keiner, der sie überzeugt. Sie haben keine Lust „taktisch“ und „sinnvoll“ (utile) „gegen“ irgendjemanden zu wählen und sie wollen auch nicht das „kleinste Übel“ wählen. Nicht mal „Blanc“ wählen wollen sie (in einem früheren Beitrag erklärt), nein, sie gehen diesmal gar nicht zur Wahl. Sie haben plus rien à foutre avec la politique. Sie haben nichts mehr am Hut mit der Politik und diesen Politikern. Ich kann diese Entscheidung zwar verstehen, bei allem, was uns geboten wird, aber damit könnte die Wahl zugunsten von Le Pen ausgehen. Deren Wähler gehen nämlich zur Wahl, da können Sie sicher sein. Und wie viele andere von der Rechts-Links-Politik frustrierte Menschen sie ebenso wählen werden, steht noch nicht fest. „Le Pen ist die einzige, die wir noch nicht ausprobiert haben“, sagen sie. Das sagen auch viele ehemalige linke Stammwähler, die „Arbeiterklasse“, die sich abgehängt fühlt und von der linken Politik verraten, von der rechten sowieso. Ich lese dazu gerade Retour à Reims von Didier Eribon und kann Frl. Read On beruhigen, sie ist nicht die Letzte, die es liest, die Letzte bin vermutlich ich. Das liegt natürlich daran, dass das Buch Eribons in Frankreich schon 2009 erschienen ist, das interessiert hier schon keinen mehr. (2009 hat es jedoch mich noch nicht interessiert.) Eribon geht unter anderem der Frage nach, warum seine Mutter, eine Frau der „Arbeiterklasse“, heute FN wählt. Ob es darauf nun einen Antwort gibt oder nicht (bin noch nicht durch), gelernt hat man in Frankreich, so will es mir scheinen, nichts daraus. Ich weiß nicht, ob es nun in Deutschland etwas bewirken kann?!

Etwas bewirken, in Frankreich diesmal, möchte auch Manfred Flügge mit seinem „Brief an einen französischen Freund“. Der Titel ist eine Anspielung auf Albert Camus „Lettre à un ami allemand“, den Camus während des Zweiten Weltkriegs geschrieben hatte: eine Kritik an Deutschland und gleichzeitig die Hoffnung auf ein anderes Europa nach Beendigung des Krieges. Manfred Flügge kritisiert in seinem „Brief“ nun Frankreich, seine zweite Heimat (der Autor ist bilingue und lebt in Paris und Berlin), und ganz konkret den französischen Freund aus Jugendtagen, der sich zu einem FN-Wähler entwickelt hat. Flügge beschwört den Freund (und gleichzeitig Frankreich) sich nicht gegen die europäischen Werte zu stellen, nicht all das zu verwerfen, was sie als erste Generation nach dem Krieg gemeinsam aufgebaut haben: die deutsch-französische Freundschaft und den Anfang von Europa. Noch rechtzeitig zur Wahl kommt das Büchlein auch in französischer Sprache heraus, und der Autor begibt sich damit hoffnungsvoll auf Lesereise.  Wir zumindest werden dazu in Marseille sein, aber uns muss man weder von der deutsch-französischen Freundschaft noch von Europa überzeugen. Vielmehr sollten die Anhänger von Marine Le Pen ihn hören oder auch lesen, aber ich bin nicht sicher, ob man die mit dem Buch und/oder der Veranstaltung wirklich erreichen kann.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit | Kommentare deaktiviert für Zwischenruf … etwas müde

Bestseller !!!

Wir sind so stolz, Christine und ich :D Danke Ihnen allen!!!

screenshot bestseller 2

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 16 Kommentare
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 19 20 21 weiter