Fifty shades of grey

Cannes, Midi Plage, heute Nachmittag

 

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Johnny und anderes zum zweiten Advent

Falls Sie es nicht gesehen haben, hier ein kleiner Ausschnitt der unzähligen Live-Übertragungen der gestrigen „populären Ehrung“ für Monsieur Johnny Hallyday , wie Präsident Macron in einer kurzen Rede vor der Eglise de la Madeleine sagte und darin auch um einen letzten Applaus für ihn bat. Das wäre nicht mal nötig gewesen, denn
applaudiert und gerufen wurde Johnny auf dem gesamten Weg über die Champs Elysées bis zur Place de la Concorde. Seine Musik wurde, wie auch seit Tagen in Cannes und vermutlich in allen Städten, über Lautsprecher auf die Straßen übertragen. Die Fans sangen seine Songs mit, laut und manchmal falsch, immer inbrünstig, sie weinten, lachten, tanzten und lagen sich in den Armen. 700 Biker folgten Johnnys Sarg. Es war eine Rock n Roll Abschiedsfeier, ein letzter großer Auftritt, wie ihn Johnny sich vermutlich gewünscht hat. Hier aus allen Filmschnipseln zwei, die mir am berührendsten scheinen: Bilder von den Bikern und Fans,

… und seine Musiker, die in der Kirche Que je t’aime spielten. Johnnys Stimme fehlte.

Ich habe das alles auch erst heute früh gesehen. Gestern waren wir nämlich in den Bergen. Der Weihnachtsmarkt, zu dem wir neulich nicht gefahren sind, war nämlich erst gestern. Man wird älter, kann ich dazu nur sagen, ich vergesse Dinge und verschussele Termine. Nun, wenn ich meiner inneren Stimme gefolgt wäre, dann wäre ich auch gestern zu Hause geblieben. Sie sind wirklich zu selten die Tage, an denen „nichts“ ist. Aber nicht nur Johnny ist gestorben, auch ein Freund aus dem Dorf ist gerade, nach langer Krankheit und dann doch überraschend, verstorben. Seine Frau, eine liebe Freundin, hat in all den letzten Jahren den Weihnachtsmarkt dort oben hauptamtlich organisiert, und sie brach unter der Last ihrer Traurigkeit und all dessen, was es zu organisieren gab, beinahe zusammen. Ich fand meine Situation, gemessen an der ihren, dann doch weit weniger tragisch und produzierte am Freitag Abend kurzfristig eine Fuhre Christstollen, mein alljährlicher Beitrag für den Weihnachtsmarkt, und wir fuhren in die Berge. Dieses Mal habe ich mich auch wieder richtig beteiligt und blieb, anstelle mich irgendwo warm an einen Kachelofen zu kuscheln und dem neuesten Dorftratsch zu lauschen, den ganzen Tag draußen, sprach mit allen Besuchern und Ausstellern, schenkte mittags heiße Suppe aus und half abends beim Abbauen und Aufräumen (danach waren wir alle frigorifié, bis ins Mark ausgefroren, es war so kalt!). Später am Abend wurde die frisch restaurierte Dorfkirche, unter Anwesenheit lokaler Politikergrößen, eingeweiht, es gab eine kleine Nikolaus-Andacht und wir gedachten dem verstorbenen Freund, gedachten Johnny (sangen gar eines seiner Lieder karaokemäßig mit!) und ebenso Jean d’Ormesson , ein berühmter Schriftsteller, der der Academie Française angehört hat, und kurz vor Johnny Hallyday verstorben ist, und dessen Verschwinden, trotz nationalem Ehrenbegräbnis, gestern unter „ferner liefen“ stattfand. Ironie der Geschichte, er soll in einer Sendung einmal ironisch gesagt haben, „man solle besser nicht zeitgleich mit einer anderen Berühmtheit sterben, um nicht bei der Berichterstattung übersehen zu werden“ und er zitierte den Fall Jean Cocteaus, der zeitgleich mit Edith Piaf starb (Danke für diesen Hinweis an Martina!). Nun ist ihm genau dies doch passiert.

Ich möchte gern Abbitte leisten für meinen flapsigen Artikel über Johnny, und ich danke explizit Martina, die mich mir ihren Worten getroffen hat. Würde ich den Text heute schreiben, würde er sicher auch anders ausfallen, aber ich wollte, ohne Johnny und seine Beliebtheit wirklich zu verstehen, verstehen zu wollen, nur sehr schnell am Todestag präsent sein.

Ich glaube, Johnny Hallyday hat mit seinen Liedern, seinen Texten, seinem Rock n Roll-Leben, seiner Underdog-Herkunft und vor allem mit seiner Authentizität sehr, sehr vielen Menschen „etwas“ gegeben. Man fühlte sich mit ihm und seinen Liedern nicht mehr so allein, sagte Macron in seiner Rede. Ich verstehe es plötzlich. Ich habe auch Lieblingssänger und habe manche Lieder bei Liebeskummer schmerzvoll mitgebrüllt, habe mich in Texten oder Interpretation wiedergefunden und getröstet gefühlt. Ich selbst war zwar nie ein langjähriger oder „großer“ Fan irgendeines Stars, und bin befremdet, wenn erwachsene Menschen vor einer Posterwand mit Johnny-Bildern erzählen, dass sie ihre Kinder Sylvie und Johnny genannt haben und dass die Enkeltochter Laura heißt (wie Johnnys Tochter mit Nathalie Baye). Aber es rührt mich auch. Johnny ist/war/bleibt Teil ihres Lebens, das verstehe ich. Gestern waren Hunderttausende auf der Straße, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, jeden Alters. Ich kann es nicht richtig nachempfinden, aber ich bin berührt und beeindruckt. Ich ziehe meinen Hut. Chapeau!

Meine Flapsigkeit tut mir umso mehr leid, als ich, seitdem ich selbst mit meinem Schreiben Kritik ausgesetzt bin, gar nicht mehr so schnell spöttisch und kritisch sein möchte. Überheblichkeit, Ignoranz und Vorurteile, die mir und meinen Büchern entgegen gebracht werden, schmerzen nämlich durchaus. Anyway. Anderes.

Etwas, was ich gerade gelesen habe und weil es gerade zweiter Advent ist, nicht wahr, Micha stellt Foodbloggerinnen die Sinnfrage zum Advent und Plätzchenrezepte gibt es auch.

Die Kaltmamsell fragt nach den Großeltern und erzählt von den ihren. Viele berührende Geschichten in den Kommentaren. Herr Buddenbohm erzählt von den seinen und ich las  gern auch diese Geschichte in der Blog-Serie „Was machen die da?“.

Deniz Yüzel, dem ich eigentlich auch schreiben wollte, aber schon bei der Auswahl der ersten passenden Postkarte scheiterte und nochmal mehr bei dem zu schreibenen Text, bekommt zu meiner großen Erleichterung doch Post (Frl. Read-on schreibt ihm meines Wissens täglich) und antwortet hier. 

Und zum Abschluss noch einmal Johnny: Toute la musique que j’aime, zusammen mit Florent Pagny und dem Eiffelturm!

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On a tous en nous quelque chose de Johnny

In sämtlichen französischen Medien, selbst in den intellektuellsten Sendungen, geht es heute nur um Johnny Hallyday. Kennen Sie vielleicht nicht, wundert mich nicht, man muss schon sehr frankophil sein, denke ich, um ihn zu kennen. Johnny Hallyday war Sänger, französischer Rocksänger, und das seit den Sechziger Jahren. Er hat seinerzeit Elvis-Lieder auf Französisch gesungen und Hey Joe von Jimi Hendrix, auf Französisch, versteht sich. So ist er der Franzose. Er amerikanisiert sich nicht wie wir Deutschen und hört die US-amerikanischen Sänger und deren Lieder im Original, nein hier wird selbst The House of the Rising Sun auf Französisch gebrüllt oder Black is Black. Johnny Hallyday hat also den US-Rock für die Franzosen auf Französisch eingesungen. Später dann aber auch eigene Songs. Anfangs hat Aznavour Texte für ihn geschrieben, da wars noch sanfter, später wurde es immer rockiger. Immer auf Französisch, versteht sich. Über 50 Jahre Karriere hat er hingelegt. Ungezählte Platten, Konzerte, jede Menge unvergessliche Songs. Heute Nacht ist er gestorben. Als ich Monsieur heute früh mit dieser Nachricht begrüßte, nickte er nur leicht, er wusste es schon, er hat mitten in der Nacht Geschirr gespült und schon um Drei Uhr morgens rauschte die Nachricht durch den Äther. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ganz Frankreich kollektiv derart um ihn trauert. es geht den ganzen Tag überall nur darum: Johnny. Seine Lieder. Seine Frauen (darunter Sylvie Vartan und Nathalie Baye). Seine Kinder. Und nochmal. Und nochmal. Heute Abend wird kurzfristig eine Sondersendung angesetzt und morgen ebenso. Ob ihm gar eine nationale Ehrung zuteil werden könnte, wird diskutiert. So etwas haben bislang höchstens Schriftsteller vom Rang Victor Hugos erhalten. Manche Fans fordern gar einen nationalen Feiertag. Selbst unser Präsident hat Johnny mit dem Satz geehrt On a tous en nous quelque chose de Johnny, eine Anspielung auf den Song  On a tous en nous quelque chose de Tennessee …

Ich habe Johnny erst spät „kennengelernt“, da sah er schon recht verlebt aus, trug wie immer Lederjacke, Permanent-Make-up, hatte seine fünfte Ehefrau und gerade zwei vietnamesische Kinder adoptiert. So richtig warm bin ich nicht mit ihm geworden, auch nicht mit seiner Musik oder seinen exzessiven Bühnenshows, zu denen er sich einmal vom  Hubschrauber abgeseilt hatte, habe aber begriffen, dass es quasi keinen Franzosen gibt, der ihn nicht liebt.  Arte Karambolage hat vor zwei Jahren einen kleinen Film (das ist der link zu Facebook, ich weiß nicht, ob das für Nicht-FBer funktioniert, hier wenigstens der Text) über ihn gemacht. So ähnlich wie Nikola Obermann geht es mir auch mit ihm. Johnny kriegt einen irgendwann weich und man kann ihn einfach nicht nicht mögen.

Seit etwas mehr als einem Jahr war bekannt, dass Johnny Hallyday Krebs hatte, er ist bis zum Schluss aufgetreten, hat ein neues Album eingespielt und gegen Ende seiner Karriere auch in Filmen (sich recht amüsant selbst) gespielt. „Wir glaubten, er sei unsterblich“, sagt gerade Michel Drucker berührt, der die heutige Sondersendung animiert. „Johnny ist eine Legende.“

Fürs erste das hier, ich suche noch ein paar andere Songs, muss mich mal durchören … vermutlich werde ich noch ein verspäteter Fan ;)

Johnny hat mit allen gesungen, stelle ich gerade fest, mit Sylvie Vartan, mit Patricia Kaas, mit Eddie Mitchell und Jacques Dutronc, Les vieilles Canailles nannten sie sich, das französische Pendant des Ratpacks sozusagen, er sang mit Kim Wilde, mit Celine Dione und 500.000 Choristen, mit seinem Sohn, der ihm ein ganzes Album geschrieben hat … und hier in dramatischer Szene mit Lara Fabian

Ich mag ja, wenn überhaupt, die Balladen lieber, muss ich sagen, aber Ma Gueule im Duo mit Laurent Gerra, einem Comédien, der Johnny gerne imitiert (hat), muss sein.

Voilà, wenn Sie noch weitere Johnny-Hits wollen, schauen Sie mal … —> HIER kommen Sie zur Auswahl von Paris Match „15 Hits für die Ewigkeit“

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Zu viel

„Licht in den Alltag“ wollte Marion. Ich bin nicht sicher, ob ich damit dienen kann. Schnee vielleicht. Schnee ist für heute und am Wochenende Frankreichweit angesagt, bis runter an die Côte d’Azur, und, gerade auf Facebook gesehen, kurz hinter Marseille in den Hügeln schneit es schon! Das gab es vor etwa zehn Jahren zum letzten Mal. Hier hatte es heute Nacht tatsächlich nur (plus) 2°C und auch jetzt, tagsüber, sind wir im unteren einstelligen Temperaturbereich. Wir passen uns also der Großwetterlage an. Bislang regnet und stürmt es an der Küste nur, aber es ist auf jeden Fall Schluss mit dem Schwimmen im Meer, vor zwei Wochen konnte man das noch gut tun.

Heute spülte Facebook einen Blogbeitrag vom ersten Dezember vor fünf Jahren nach oben und fragte an, ob ich den nicht nochmal teilen wolle. Ich las also meinen Text von 2012 erneut, in der Hoffnung, mit einfachem Blogrecycling das Schweigen auf dem Blog brechen und gleichzeitig „etwas Licht“ verbreiten zu können. Geht nur bedingt. Hätte ich mir denken können bei der Überschrift. Ich aber fand den alten Text tröstlich, denn ich fand darin nicht nur all die Dezember-Events (Schreibnöte, wenn auch andere als heute, Weihnachtsmarkt in den Bergen, Familiengeburtstagsfeier) sondern auch meine derzeitige Stimmung wieder. Ich spreche die Erschöpfung nicht so explizit an, aber ich war kurz vorher im Kloster gewesen, das ist immer meine letzte Zuflucht.

Erschöpft. Müde. Ausgelaugt. Mir ist alles zu viel. Alle wollen etwas von mir und ich will nichts mehr geben. Ich KANN nichts mehr geben, auch wenn es die frohlockende Adventszeit ist, wo man Geld, Geschenke, Liebe und Zuwendung geben soll. Ich habe kürzlich einen Bogen um den Ort gemacht, wo die halb-obdachlose Frau, der ich eigentlich immer und gerne etwas gebe, steht, weil ich ihr Gejammer nicht mehr hören kann. Nicht schön. Sie hat es weniger gemütlich als ich, aber es ist mir zu viel, ihre Situation auch noch einen Moment mitzutragen und liebevoll und zugewandt zu sein. Das ist ja mein Anspruch, menschlich sein, ich will ihr ja nicht nur einen Schein in die Hand drücken und sagen „erzählen Sie mir bloß nicht, wie es Ihnen geht!“ Aber ich will es gerade nicht wissen, es geht mir nämlich ungefiltert rein, was sie mir erzählt. Wie alles. Ich habe so gut wie keinen Schutz gegen das, was von außen kommt: Lärm, Stimmungen, Gefühle. Ich sehe die armen und manchmal absonderlichen Menschen in Cannes und überall, ich spüre ihre Not und ihre Einsamkeit, und sie können sicher sein, die wiederum spüren, dass ich spüre. Ich habe mich immer gefragt, warum man ausgerechnet mir im Zug vertrauensvoll Lebensgeschichten erzählt, warum man immer mich nach dem Weg fragt, oder warum man gerade mich bittet, zu erklären wie der Waschsalon funktioniert oder darum, im Supermarkt eine Packung Nudeln aus dem oberen Regal zu holen oder das Haltbarkeitsdatum vorzulesen. Warum ich? Es gibt zeitgleich zig andere am gleichen Ort. Irgendetwas ist da. Das Durchlässige, Weiche, Empathische vielleicht. Ich bin ansprechbar, erreichbar. Das ist sehr schön, aber es ist für mich sehr anstrengend. Ich laufe durch die Welt und spüre alles. Ich höre auch alles. Alles! Und alles gleichzeitig und gleich stark. Ich habe keinen Filter. Ich höre in der Küche wie sich die Waschmaschine dreht, den nicht enden wollenden Autolärm vor dem Fenster, kann die unterschiedlichen Autosorten (die Marken noch nicht ;) ) benennen: Pkws, den Bus, den Lkw, das Motorrad, den knatternden Scooter, ich höre den Hund zwei Grundstücke weiter bellen, die Haustür knallen, das Klappern des Briefkastens, den Staubsauger von oben über den Boden rumpeln, irgendwo im Haus rummst es, die Leute auf der Straße sprechen, die Tür von oben wird geöffnet, Flaschen klirren im Treppenhaus, schon wieder die Haustür, die Waschmaschine, der Autolärm. Den ganzen Tag geht das so. Man nennt es „einen ruhigen Tag zu Hause verbringen“. Für mich ist es laut. Ich könnte Musik über den Lärm legen, aber für mich macht das nur noch eine Schicht mehr Geräusch. Ich werde aggressiv, wenn Monsieur (wie gerade eben) im Wohnzimmer seine textlastigen Chansons aus den Sechzigern hört, in der Küche aber noch zusätzlich Radio Nostalgie trällert, ICH höre nämlich beides. (Hier ein Beispiel des Programms von heute Morgen)

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil, ach … schon lange wollte ich etwas zur Hochsensibilität schreiben.

Be a teacher forderte neulich Tim Minchin (ein mir bis vor kurzem nicht bekannter australischer Schauspieler) in Punkt 6 seiner neun Punkte umfassenden amüsanten Life Lesson eindringlich (btw., ich mochte Punkt Zwei besonders gerne: Don’t seek happiness. Happiness is like an orgasm. If you think about it too much, it goes away :D ); Punkt Sechs also lautet: Be a teacher! Please, please, please be a teacher! Selbst wenn man kein Lehrer sei, solle man sein Wissen weitergeben. Das tue ich hiermit.

Wie unendlich dankbar und erleichtert war ich, als jemand im Internet offen seine Hochsensibilität ansprach. KLICK. Es war wie eine Offenbarung. Nach über 50 Jahren wurde mir klar, dass ich anders bin als die meisten anderen. Ich verstand zum ersten Mal, dass ICH SO bin: hochsensibel nämlich. All dieses Überempfindliche, das Schreckhafte, das distanzslose Mitfühlen und -leiden, das Weinen wie ein Kleinkind bei Büchern, im Theater, im Kino. Ich kann nicht nicht weinen, wenn ich berührt bin und ich bin schnell berührt. Alles trifft mich tief im Inneren und bleibt dort lange spürbar. Ich erinnere mich, dass uns in der Buchhändlerschule ein Schauspieler Gedichte vortrug und ich in Tränen ausgebrochen bin. Der Schauspieler war geschmeichelt, dass er mich erreicht hatte, aber ich habe mich geschämt. Und wie sehr erst habe ich mich an der Uni geschämt, als wir den Stummfilm über Jeanne d’Arc sahen und ich haltlos weinte. Alle anderen analysierten danach cool die Lichteffekte und die Kameraführung und ich schniefte in mein Taschentuch. Der Prof hätte gerne gehabt, dass ich etwas sage, denn offensichtlich war ich der Beweis dafür, dass der Film aus den Zwanziger Jahren noch immer funktionierte, aber ich schämte mich zu sehr über meine unintellektuelle Distanzlosigkeit.

La Passion de Jeanne d’Arc, C.T. Dreyer, 1928 – Lamentate, Arvo Pärt, 2002 from trineor on Vimeo.

Seit ich weiß, dass es der Hochsensibilität geschuldet ist, schäme ich mich weniger. So ist es eben. So bin ich. Diese Sensibilität macht aus, dass ich mehr spüre als andere. Auch die Stimmungen der anderen. Wir hatten einmal einen jungen Mann zu Gast, der einen Vortrag vorbereitete und halten würde. Er war supernervös. Ich bat ihm ein Mittel dagegen an, was er empört ablehnte. Er sei nicht nervös, behauptete er. Schließlich musste ich es selbst nehmen, weil ich seine vibrierende Zappeligkeit nicht mehr ertrug und selbst lampenfiebrig, nervös und schlaflos wurde.

Seit ich das endlich weiß, passe ich besser auf mich auf und versuche nicht mehr, das Leben wie alle anderen zu leben und immer noch mehr Arbeit, Events und Begegnungen in den Tag zu quetschen, nur weil alle anderen das auch tun (können). Denn selbst wenn es für alle anderen der normale Rhythmus sein mag, mir ist das alles zu viel, es erschöpft mich. Mich unerbittlich zu fordern, und diese Schwäche (wie ich lange fand) zu übergehen, ließ mich vor dreizehn Jahren in einen fetten Burnout rutschen. So deutlich habe ich das hier noch nie ausgesprochen. Zwischen den Zeilen steht es immer mal. Vielleicht haben Sie es verstanden. Damals wusste ich nicht, warum mir das passierte. Diese totale Erschöpfung bis hin zur Lebensmüdigkeit. Vieles war zusammengekommen und man nannte es Depression. Heute würde ich sagen, es war keine wirkliche Depression, auch wenn die Symptome sich ähneln (was übrigens erklärt, warum die Antidepressiva nie angeschlagen haben). Es war aber sicher ein Burnout, ein Ausgebranntsein, da war keine Lebensenergie mehr, geschuldet einer jahrzehntelangen (Reiz-)Überforderung.

Nach sieben Wochen psychosomatischer Kur kam ich zumindest von der unendlichen Lebensmüdigkeit gerettet zurück ins Leben, aber man kommt nicht „geheilt“ zurück und man „funktioniert nicht wieder“ oder gar „besser“nach so einer Kur. Im Gegenteil, man ist noch immer empfindlich wie ein rohes Ei und sich dessen zusätzlich bewusst und weiterhin anfällig für die gleichen Verhaltensmuster, die zu erneuten Erschöpfungsphasen führen. Dass ich hochsensibel bin, wusste ich da, trotz allem, noch nicht. Ich dachte, es reicht, das Lebensumfeld zu ändern und ging nach Frankreich. Dass ich mich auch dort im lieblichen, ländlichen und langsamen (aber auch wahnsinnig lauten und geselligen) Südfrankreich immer wieder aufrieb und bis heute aufreibe, liegt daran, dass ich nicht verstand, dass ich ANDERS bin und entsprechend anders leben muss. Wobei ein ruhiges, zurückgezogenes und ungeselliges Leben in Südfrankreich noch weniger verstanden wird als anderswo, und vermutlich hätte ich mir besser Finnland als neuen Lebensort aussuchen sollen.

Nun, ich spüre in der Zwischenzeit, wann es mir zu viel wird und versuche rechtzeitig zu stoppen. Es gelingt nicht immer. Der Weg ins Kloster, kompromisslos weg von allem und hin zur Stille, ist dann mein letzter Ausweg. Immerhin WEISS ich nun, was mit mir los ist. Früher ging ich soweit, bis ich nicht mehr konnte, verkrachte mich mit einem „Lasst mich endlich alle in Ruhe, mir ist alles zu viel!“-Gebrüll mit allen Menschen und hatte zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Die andere Variante war, mich schweigend in mich abzukapseln. Wie dem auch sei. Ich brauche Ruhe. Viel Ruhe.

Dieses Zitat wird Allan Ginsberg zugeschrieben. Vielleicht ist es auch nicht von ihm, egal, mir geht es aber GENAU SO! Ich schreibe alleine vor mich hin und spreche doch gleichzeitig mit Ihnen. So ist es mir am liebsten. Es ist ruhiger, als wenn ich mich gleichzeitig mit Ihnen allen treffen würde. Das wäre mir auch zu viel. Ich muss das mal sagen, weil so viele von Ihnen mich neuerdings kennenlernen wollen. Das freut mich, aber glauben Sie mir, privat bin ich eine Enttäuschung. Ich bin eigentlich kein sehr geselliger Mensch, oder sagen wir, ich bin es nur punktuell. Es täuscht ein bisschen, wenn man mich nur vom Blog kennt. Hin und wieder habe ich mich in den letzten Jahren mit Lesern oder Leserinnen getroffen, aber für alle bin ich dann in der Regel eine Enttäuschung, nicht, weil ich oder die Begegnung nicht nett wäre, sondern weil ich das einmal mache, den Kontakt aber nicht halte(n kann). Ich kenne schon viel zu viele Menschen, ich schaffe es kaum, die, die mir nah sind, regelmäßig zu sehen oder wenigstens hin und wieder Kontakt aufzunehmen. Ich komme nicht mal dazu, von mir aus, auf andere zuzugehen, weil ich immer schon auf irgendetwas reagieren muss. Mir ist das zu viel. Vielleicht können andere all ihre Freunde und Bekannte besser, häufiger und spielerischer in ihr Leben integrieren. Mehr ausgehen, mehr telefonieren, mehr chatten, whatsappen, was weiß ich. Ich kann es nicht. Ich erkläre es gerne mit der Chemie, ich bin wie ein Elektron, das auch nur eine bedingte Anzahl an Bindungen eingehen kann. Ich habe schon zu viele Bindungen und absolut keine Valenzen mehr frei.

Viele von Ihnen schreiben mir auch aus Ihrem Leben. Es rührt mich immer an, dass Sie mir so viel Vertrauen entgegenbringen. Ich erhalte nicht nur Mails, auch Briefpost, Päckchen, kleine Geschenke. Das ist sehr lieb, ich freue mich sehr! Wirklich. Bislang habe ich Ihnen allen immer geantwortet, etwas, worauf ich sehr stolz war, aber, der Fluch des Ruhms vielleicht, es wird immer mehr. Natürlich lese ich weiterhin alles. Es rührt mich auch immer noch an, aber zurückschreiben, das kann ich gerade nicht mehr oder nur noch punktuell. Ich weiß gar nicht, wie andere Autoren das handhaben?! Haben die eine vorgefertigte Antwort „Vielen Dank für Ihre Mail, über die ich mich sehr freue, aber bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen nicht persönlich zurückschreiben kann“ – so ewas in der Art? Haben die eine Sekretärin, schicken die zwei Smileys und ein Herzchen, eine signierte Autogrammkarte oder antworten die gar nicht?! Dann wird einem vermutlich auch nicht mehr geschrieben.

Ganz ursprünglich ist der Blog, den ich führe, aus dem Bedürfnis entstanden, meiner Familie und meinen Freunden aus meinem Leben zu erzählen, ohne jeden einzeln anzuschreiben, und ich lade meine deutschen Freunde immer ein, meinem Blog zu folgen (nicht alle tun das), damit sie das Wichtigste aus meinem Leben mitkriegen. Insofern ist der Blog das Medium, mit dem ich alle zu erreichen und „zufriedenzustellen“ suche. Ich liebe den Blog, das Schreiben, ich liebe das Internet. Ich lese eine Handvoll anderer Blogs gerne. Gerade habe ich Instagram entdeckt, ein bisschen spät, ich weiß, aber ich war im Prinzip schon mit dem Blog und Facebook ausgelastet. Instagram ist nett, unkompliziert und schnell, und man kann dort schnell mal was hochladen. Zack. Aber es geht auch gegen Unendlich die Bildchenguckerei und Kommentieren muss man ja auch. Ich schaffe das alles gar nicht. Gerade ist mein Real-life sehr fordernd und mir ist dieses Jahr vorzeitig die Puste ausgegangen. Ich komme nicht mehr zum Schreiben. Ich lese nicht mal mehr die anderen Blogs. Es macht mich wütend, dass andere so viel Energie haben, um täglich zu schreiben und ich nicht. Ich müsste schließen, so wie manche Ärzte, die ihr Kontingent an medizinischen Zuwendungen schon im Oktober aufgebraucht haben und nur noch akute Notfallpatienten, wenn überhaupt, behandeln. Ich reagiere auch nur noch da, wo es unumgänglich ist.

Und jetzt ist es auch noch Advent. Noch mehr Aktion. Ich will es dieses Jahr alles nicht machen. Keine Adventsdeko, weder Plätzchen noch Christstollen backen, keine Geschenke suchen. Ich will kein Klingelingeling und keine Kerzen und keinen Zimt, und ich will es nicht mal schön haben, ich will nur meine Ruhe. Dass ich hier und heute schreibe, verdanke ich dem Umstand, dass es in den Bergen heute schneit und wir wegen der schwierigen Straßenlage daher kurzfristig nicht zum Weihnachtsmarkt gefahren sind. Der erste freie Tag seit Monaten. Dem Himmel sei Dank.

 

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Glückstag in Grün und Gold

Immer kommt alles zusammen! Gleich zweimal Briefpost heute! Ein grün-blaues Gesamtkunstwerk und ein goldener Gingkobrief! Von Herzen Dank an Marianne und Jutta! Handgeschriebene Zeilen und von Hand umhäkelte Taschentücher sind einfach großartig! Und das Täschchen ist sogar abgefüttert! Was für eine Geduldsarbeit! Merci!

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Am Rand von Ostermundigen …

… haben wir übernachtet, auf dem Weg nach Deutschland. Und sofort wusste ich, dass ich den Anfang des Blogbeitrags damit beginnen würde. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern? „Der Rand von Ostermundigen“ heißt eine der skurrilen Kurzgeschichten von Franz Hohler aus den Achtziger Jahren, in der ein Mann einen Telefonhörer abnimmt und sagt „Dies ist der Rand von Ostermundigen“. So fängt sie zumindest an, die Geschichte. Ich habe sie nachgelesen, denn ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging mit dem Mann und dem Telefon am Rand von Ostermundigen. Ich hatte aber niemals in Erwägung gezogen, dass es Ostermundigen wirklich geben könnte. Jetzt aber nächtigten wir am Rand von Ostermundigen, das wiederum am Rand von Bern liegt. Es passierte aber nichts Groteskes. Weder klingelte das Hoteltelefon noch mein Handy, um mir die Nachricht zu überbringen, dass dies der Rand von Ostermundigen sei, und es schickte auch niemand eine SMS. Schade eigentlich. Das wäre doch mal ein schönes Literaturhappening gewesen. Aber vielleicht haben es die Ostermundiger auch satt, dass man sie ständig mit diesem Satz in Verbindung bringt und mit nichts anderem sonst. Oder vielleicht bräuchte man dafür WhatsApp, das in Deutschland wohl alle haben, nur ich nicht. Die Freundin einer Freundin erklärte mir in diesem Sommer ausführlich die Vorteile von WhatsApp, alles schneller und unkomplizierter undsoweiter. Mirdochwurscht, dachte ich. Immer schneller will ich nicht. Hier rächt sich vermutlich, dass ich keine Kinder habe, mit denen ich „auf Klick- und Augenhöhe“ in Kontakt bleiben will. Mails und SMS’en sind wohl definitiv out. So schreiben nur noch die Alten. Genau wie FB. Da sind auch nur noch die Alten. Das erklärte mir kürzlich Monieurs 13jähriger Enkel. Wenigstens Instagram sollte ich haben, wenn ich nicht ganz den Anschluss verlieren wolle. Ich komme mir wieder mal dinosauriermäßig alt vor und fühle mich sehr müde. Tatsächlich kann ich an den Messetagen auch nicht, wie alle, schnell mal eben noch zusätzlich ein Foto hochladen und veröffentlichen: Hier bin ich! Das mache ich! Noch jemand hier? Ob das jetzt am fehlenden WhatsApp liegt oder an meiner zunehmenden Landpomeranzenlangsamkeit oder der abnehmenden Multitaskingfähigkeit im Alter sei dahingestellt.

Wie dem auch sei, ich schleppte die Erinnerung an Franz Hohler und seine Kurzgeschichten („Die Rückeroberung“ hat mich auch sehr beeindruckt damals!) während meines Deutschlandaufenthalts mit mir herum und murmelte hin und wieder „Dies ist der Rand von Ostermundigen“, damit ich es ja nur nicht vergesse, womit ich anfangen will, wenn ich erst mal wieder Zeit zum Schreiben finde.  Macht Herr B. genauso. Bei ihm geht es zuweilen so weit, dass er vor lauter Memorieren glaubt, den Text wirklich geschrieben zu haben. Nun, ich weiß sehr wohl, dass ich den Text, der mit „Wir haben am Rand von Ostermundigen übernachtet“ gerade erst schreibe. Und eigentlich wollte ich Herrn B. nicht schon wieder zitieren, es könnte so aussehen, als wollte ich mich einschleimen. Aber was wollen Sie machen, mir geht’s oft ähnlich, nur er formuliert es eben öffentlich als erster. Bleibt mir die Rolle derer, die mit aufgerissenen Augen „Das wollte ich auch gerade sagen!“ ausruft. Herr B. schrieb außerdem ein, zwei Blogtexte mit kurzen Gesprächsfetzen, die er unterwegs aufgeschnappt hat. Nette Idee. Könnte mir in Frankreich nie passieren, denn, wenn ich mich nicht darauf konzentriere, läuft französisches Gespräch am Nebentisch oder im Bus oder wo auch immer nur als diffuses Geräusch an meinen Ohren vorbei. Ich lebe in Frankreich in einem steten Geräuschbrei. Wie sehr, merke ich in Deutschland, wo ich erschrecke, weil ich alles plötzlich verstehe, auch das banalste auf Deutsch geführte Gespräch anderer dringt in meine Ohren ein, und ich kann NICHTS dagegen tun! So war das doch früher nicht? Oder doch? War ich nur daran gewöhnt, die Ohren irgendwie zuzuklappen? Was auch immer, es geht nicht mehr. Ich bin in Deutschland den Gesprächen anderer geradezu ausgeliefert. Ich könnte in zwei Tagen ein ganzes Buch mit Gesprächsfetzen füllen, wenn ich die Zeit hätte, sie aufzuschreiben. Zwei junge Frauen sprechen im Frühstückssaal (eines anderen Hotels) gut hörbar und ausführlich über Verhütungsmittel. Pille oder Spirale? Muss ich das wissen so früh am Morgen noch vor dem ersten Kaffee? Ich kann nicht weghören. Später diskutieren zwei Studentinnen in der Straßenbahn ihre Hautprobleme. Ich will auch das nicht wissen, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich denke wieder ernsthaft darüber nach, mir diesen teuren Noise-ReductionCancelling-Kopfhörer zuzulegen. (Falls Sie so etwas haben und Ihre Erfahrungen mit mir teilen wollen, bitte gerne! Ich habe es schon mit banalen Baustellen-Ohrschützern probiert, einfach nur, um mich vor zu viel Lärm zu schützen, war nicht teuer, funktioniert aber auch nur bedingt.)

In Deutschland war zunächst eine große und sehr schöne Hochzeit in einem kleinen schnuckeligen Dorf, mit einer weniger schnuckeligen Hotelwirtin, die mich gleichmal angefahren hat „Hawwe Sie kei Navi?“, nur weil wir nicht pünktlich, wie ausgemacht, um Zwölf angereist waren (wir hatten uns natürlich verfahren!) Nein, Navi haben wir nicht in dem alten kleinen Auto, das meiner Schwiegermutter gehört. Dass mein Handy tatsächlich auch Navi kann, habe ich erst später festgestellt.

Während der Hochzeitsfeier (ein schönes, sehr entspanntes, fröhliches Fest) war für mich leider viel zu wenig Zeit, um mit allen Menschen, mit denen ich gerne noch gesprochen hätte, zu sprechen. Wir nämlich gingen früh schlafen und reisten am Folgetag noch früher ab, um, schwupps, am Rand von Gießen zu landen: Schöne Matinée Lesung hier, wir berichteten! Dann kurzes Eintauchen in Familie, am Rand von Heidelberg, und hier sahen wir dann auch den kleinen Film, den das ZDF gedreht hatte! Wow! Sich selbst im Fernsehen zu sehen und zu hören, ist zunächst befremdlich und auf jeden Fall aufregend (der Beitrag beginnt ab Minute 11,25).

Auf zur Buchmesse: Diesmal logierten wir am Rand von Frankfurt. Ein riesengroßes Dankeschön geht an A. und H.! Wir hätten keine bessere Unterkunft und vor allem keine besseren Gastgeber finden können. Unkompliziert, herzlich und hilfsbereit. Wow! Das Haus, ruhig (!) am Rande von Frankfurt liegend und doch prima angebunden. Genial. Von Herzen Dank! Ich hoffe, ich kann das irgendwann genauso zurückgeben. (Ich bin übrigens immer mal wieder stolz auf den funktionierenden Nahverkehr in Deutschland. An diesen grünen Herzen fuhr der Bus jeden Morgen vorbei.)

Und jetzt begann der Rausch: Auf dem Weg zum ersten mittäglichen Restaurant kamen wir an der Buchhändlerschule vorbei, MediaCampus heißt es heute. Ich bremse und fahre entschlossen dort auf den Parkplatz. Muss ich Monsieur zeigen, diesen Ausbildungsort meiner Jugend. Wie gerne war ich hier! Und es sieht immer noch so aus wie damals. Die Sekretärin im Eingangsgebäude und ich erinnern uns gegenseitig wehmütig an vergangene Zeiten und werfen uns die Namen der Lehrer wie Pingpongbälle zu.  Dann schiebt sie mir den Schlüssel über die Theke: „Sehen Sie sich ruhig um, Sie wissen ja noch wo die  Bibliothek ist, oder?“ Hach! Ich schwelge in Erinnerungen an Orte, Menschen und Begebenheiten.

Abends dann große, elegante Soirée im neu designten Sofitel in Frankfurt. Atout France hatte Journalisten, Reiseveranstalter und handverlesenes VIP Publikum eingeladen, um die Champagne und Cannes zu bewerben. Es gab feinste Häppchen, Champagnerverkostung, Livedrawing und Lesungen von Carole Martinez und Christine Cazon in Sälen, die Marais I und Marais II heißen. Lena Bopp von der FAZ moderierte und Carole Martinez las aus  „Das genähte Herz“.  Christine Cazon las von Herbststürmen auf der Insel vor Cannes, von deftigem Rindfleischeintopf und rotem Landwein, während die Zuhörer  am Jahrgangs-Champagner nippten. Danach gabs auch für die Autorinnen einen Salat, es wurde geplaudert, fotografiert und signiert (Das Foto stammt allerdings vom Buchmessestand).

Und dann war endgültig Buchmesse. Christine Cazon war mehrere Tage am Stand von Atout France und es kamen tatsächlich jede Menge Menschen von nah und fern, um sich Bücher signieren zu lassen und zu plaudern. Das eine oder andere kritische Gespräch mit Buchbloggern wurde auch geführt.

Lustig war die Begegnung mit einem französischstämmigen Iren, mit dem ich auf Deutsch über Cannes sprach und er sagte: „Ihr Deutsch ist ausgezeichnet!“ „Ich bin Deutsche“, gebe ich zurück. „Ich lebe in Frankreich und bin mit einem Franzosen verheiratet, aber ich bin Deutsche.“ Er wollte es mir nicht glauben. „Sie sind Französin!“ „Nein“, sage ich, „wir können gern Französisch miteinander sprechen, aber ich bin Deutsche.“ Das ging so ein bisschen hin und her und während ich ihm auf einen Stadtplan von Cannes „à bientôt à Cannes“ schreibe, sagt er: „Sie haben da eine schöne französische Persönlichkeit entwickelt!“ Da sehen Sie’s. Ich werde doch noch zu Docta Jeykill und Missis Hyde.

Abends lud Kiepenheuer & Witsch ein und es wurde ein absolut netter und gut gelaunter Abend, lecker war es sowieso (ich kann nicht alle Restaurantbesuche aufzählen, aber Monsieur aß während des Aufenthaltes abwechselnd Schnitzel oder Bratwurst und trank sich durch alle Biersorten, die angeboten wurden.). Wir plauderten mit alten und neuen Kollegen, mit Cora Stephan und Monika Peetz, ein bisschen auf Französisch mit Kamel Daoud (!) und später drückte ich noch Sven Regener die Hand und sagte den absolut originellen Satz, den er so vermutlich noch nie gehört hat: „Ich bin ein großer Fan!“ Er verdrehte aber nicht die Augen, was ich ihm hoch anrechne.

Ich bekam von Marion diesen arte Film aus der Serie „Durch die Nacht“ zugeschickt, den ich hier nachträglich einbaue: Kamel Daoud und Leila Slimani im Gespräch. Selten so ein offenes, großartiges Gespräch gehört und gesehen. Die Musik von Hindi Zarah ist für mich eine weitere Entdeckung. (Anschauzeit fast eine Stunde!)

Freitags hatte ich keine Messetermine und lief ein bisschen durch Frankfurt und war absolut überfordert von dem großen Buchkaufhaus, das aber immerhin meine Bücher (alle mehrfach) vorrätig hatte, so etwas überprüft man ja gerne mal.
Ich hätte den französischen Kindern gern ein bisschen schönen Schnickschnack mitgebracht, aber es gab so viel, dass ich letzten Endes gar nichts kaufen konnte. Und ich verstand zum ersten Mal meinen eigenen Beruf: „Der Sortimentsbuchhändler wählt aus einem großen Warenangebot für seine Kunden interessante Titel aus und hält sie bereit.“ (Und Non-books, würde man heutzutage wohl noch hinzufügen, damals gab es das noch kaum und ich erinnere mich wieder an Herrn Paulerberg, in der Zwischenzeit verstorbener, damals vielgehasster Lehrer, der uns drängte, Kleinkram (damals gab es gerade mal Kalenderchen und Lesezeichen, HA!) an der Kasse aufzustellen und überhaupt ins Sortiment zu nehmen!) So oder ähnlich lautet ein Satz, den ich zwar immer noch auswendig hersagen kann, ohne ihn bisher richtig verstanden zu haben. Jawohl! Es lebe der kleine Sortimentsbuchhandel! Wo immer er noch lebt, unterstützen Sie ihn! Später ging ich am Römer vorbei und über den Eisernen Steg und erinnerte mich an früher, an Flohmärkte und Caféhäuser mit Papageien und Äffchen, und an Spielzeugläden mit Vitrinen voller Puppenhausmöbel, und ich ließ das Städel dann doch links liegen und schlenderte stattdessen durch Sachsenhausen und kaufte in einem netten Schuhladen mit kompetenter und freundlicher Beratung meinen schon Messemüden Füßen ein Paar weiche petrolblaue Schuhe.

Es wurde noch einmal mit Freunden österreichisch gegessen, einen Abend später aber schleppte ich Monsieur in eine Apfelweinstube, er muss Apfelweinsecco probieren  und Apfelwein trinken und nach dem ersten halben Liter, den er mit verzogenem Gesicht mutig hinunterstürzte, hatte er sich dran gewöhnt. Hier gab es dann ausnahmsweise ein Kilo Schweinshaxe.

Dann wieder Messe as usual. Morgens am Stand von Atout France, später ein bisschen am Stand von Kiepenheuer & Witsch und dann ein Abstecher in den französischen Pavillon. Er hat irgendeinen Designpreis erhalten, sieht aber nur aus wie ein Haufen einfachster Ikea-Regale.

Wir hatten das Glück, gerade an einer (französischen) Podiumsdiskussion teilnehmen zu können, bei der auch Kamel Daoud sprach. Seine kritische Haltung zum Islam macht ihn nicht überall beliebt. In Algerien trachtet man ihm nach dem Leben. In Paris übersieht  man ihn hochnäsig.

Im Gewühl verlor ich Monsieur und wartete am Verlagsstand, unausgemachter Treffpunkt, auf ihn, er kam aber nicht, stattdessen lief ich in eine beste Freundin von früher, oder sie lief in mich, auf jeden Fall stehen wir uns kurz verdutzt und mit offenem Mund gegenüber. Seit zwölf Jahren haben wir keinen Kontakt mehr. Das Leben eben. In einer Stunde holen wir 12 Jahre auf und es ist sehr aufregend und aufwühlend.

Ich fühlte mich am Ende der Messe und des Deutschlandaufenthalts rundum satt und voll und gleichzeitig erschöpft von all den wundervollen Begegnungen mit LeserInnen, KollegInnen, AutorInnen, FreundInnen und Familie; und egal ob kurz oder lang, sie waren alle schön und sehr intensiv! Danke Euch/Ihnen allen!

Noch einmal geht es weiter, kurz an den Rand von Mainz, dort noch ein Abend mit Freunden (Bratwurst und Weihenstephaner Festbier und Kräuterlikör für Monsieur) und am nächsten Tag, bei wunderschönstem warmen Herbstwetter, fahren wir in einem Rutsch nach Hause. Ich wäre gern noch zwei, drei Tage irgendwo in Deutschland geblieben, um den unglaublich sonnigen, warmen Herbst zu genießen, mit Morgennebel und bunten Blättern (auf der Messe habe ich als Ersatz ein Herbstplakat fotografiert!) und um runterzukommen, ich konnte nämlich trotz erschöpfter Müdigkeit vor aller Aufgedrehtheit kaum noch schlafen, aber Monsieur zog es mit Macht gen Heimat.

Da sind wir also wieder. Ich habe mich gleichmal für einen Aquagymkurs eingeschrieben. Man muss ja was tun. Und der Ort an dem der Kurs stattfindet, ist so unglaublich schön, dass ich, trotz fehlendem Herbst, diesmal von Cannes ganz bezaubert war.

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Buchmesse rundherum (kleine Auswahl)

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Premierenlesung in Wettenberg

Die Buchmesse wirft ihre Schatten voraus … Christine Cazon las zum ersten Mal aus Endstation Côte d’Azur!  Und hier gibt es die schöne Besprechung dazu in der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Foto: Norbert Schmidt

Foto: Norbert Schmidt

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Drehtag in Cannes

Heute war das ZDF da und hat für die Sendung „Heute in Europa“ eine kleine Geschichte mit Christine Cazon gedreht. Für eine Sequenz von letztlich zwei Minuten dreißig waren wir seit heute morgen in Cannes unterwegs … auf den Spuren von Commissaire Duval. Ich bin so gespannt! In der Sendung am Dienstag um 16 Uhr wird es ausgestrahlt. Falls Sie reinschauen wollen?!

Anbei ein Foto vom Dreh. Meine Bücher vor Cannes.

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Vielen Dank an die Équipe. Es war supernett!

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Mein Freund der Baum …

Er hatte recht, der Herr Diehl, alles zu spät. Sie ist tot unsere Palme. Außer mir trauert aber niemand. Alle sind extrem pragmatisch. Sie hat den Pflanzen im Vorgarten sämtliches Wasser weggenommen, nichts wollte so richtig dort wachsen. Wir können jetzt endlich einen richtigen Garten mit neuen Orangen- und Zitronenbäumen anlegen, sagt Monsieur. Wir könnten den Vorgarten auch in einen Parkplatz umwandeln, wünscht sich der Nachbar von oben, der es satt hat, jeden Abend mühsam einen Platz im Viertel zu suchen. So richtig hat sie wohl keiner geliebt, die Palme in unserem Vorgarten. Vielleicht hat sich auch deshalb niemand wirklich beunruhigt, als wir vor ein paar Monaten erste Zeichen des roten Rüsselkäfers entdeckten. Man hätte die Palme zukünftig monatlich behandeln müssen und die Kosten dafür sind erheblich. Das wollte die Eigentümergemeinschaft nicht wirklich tragen. Auch die im letzten Moment angeleierte Hilfsaktion dümpelte unentschlossen vor sich hin. Und jetzt ist es zu spät. Heute kam der Gärtner und zuckte nur mit den Schultern. Noch steht ein Stumpf. Aber der wird in den nächsten Tagen auch noch verschwinden.

PalmensterbenUnd hier das Titellied zum tristen Thema …

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Regatta Royale

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Krimiautoren auf der Buchmesse

Sehen wir uns?!

Atout France

Wir nähern uns in Riesenschritten der Frankfurter Buchmesse. Frankreich ist dieses Jahr Ehrengast und ich freue mich, dass ich dort, in Zusammenarbeit mit Atout France und dem Office de Tourisme von Cannes, die Stadt Cannes repräsentieren darf. Ich verlinke  –> hier einen Artikel von Hilke Maunder, in dem sie einen Überblick und den Zeitplan sämtlicher bei Atout France anwesenden KrimiautorInnen gibt. Toll, oder? Mich finden Sie dort (Halle 3.1., Stand K 130) am Donnerstag, Samstag und Sonntag jeweils um 11 Uhr.  Kommen Sie vorbei! Ich freue mich auf Sie!

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Mord im Vorgarten

die Palme schwächeltEin neuer Krimi? Beinahe. Die blaue Küste, heute eher grauverhangen, wurde heute zur Küste des Grauens. Unsere Palme, vor ein paar Monaten noch kraftstrotzdend, schwächelt zusehends und die Blätter fallen ab. Sie ist, entgegen der Aussage des Gärtners im Frühjahr, vom roten Rüsselkäfer befallen, wie so viele andere entlang der Riviera auch. Mehr als zehn Larven fanden wir heute in jedem abgefallenen Blatt. Wir haben sie aus ihren Kokons geholt und gewaltsam vernichtet. Manch eine Larve hatte sich schon in einen jungen Käfer verwandelt. Es half ihr/ihm nichts. Wir kannten keine Gnade. Nächste Woche kommt der Gärtner. Mal sehen, welche Behandlung er uns für die Palme vorschlägt, ob sie überhaupt noch zu retten ist, oder ob wir demnächst auch nur noch einen tristen Stumpf im Garten stehen haben werden.

Kokons

Kokon nah

roter Rüsselkäfer jung

Larven

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Cannes – Rundblick

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Re-recycling: la rentrée

Wir haben gerade das allerletzte Sommerferienwochenende, morgen ist endgültig: la rentrée! Über das allgemeine Verschwinden der Franzosen spätestens im Monat August und die ebenso allgemeine Wiederaufnahme der Arbeit, des Schulunterrichts und jeglicher Aktivität im September, habe ich schon einmal geschrieben und den Text sogar schon einmal recycelt. Er ist in gewisser Weise immer wieder aktuell.

Dieses Jahr hat arte-Karambolage ein nettes Filmchen gemacht, das ich Ihnen nicht vorenthalten will:

So viel für eben. Fangen wir langsam an. Für mich beginnt die arbeitsfreie Zeit nämlich gerade eben erst. Wir haben es geschafft! Das Manuskript ist abgegeben. Monsieur hat mir, nachdem er sich monatelang meiner unsozialen Arbeitsphase gebeugt hat, für morgen Abend erstmals wieder Gäste eingeladen. Auch das soziale Leben geht wieder los: C’est la rentrée!

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Ein Zimmer in Frankfurt …

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Foto: Fenster zur Sonne / Rainer Sturm / pixelio.de

 

… ist gefunden! Hurrah! 

Herzlichen Dank allen, die meinen Aufruf auf FB und Twitter geteilt, mich angeschrieben und mich in jedweder Form kontaktet haben!

Wir sind also auf der Buchmesse anzutreffen! Sehen wir uns?

 

 

 

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Jeanne Moreau …

… ist gestorben. Ich habe gerade keine Zeit, Ihnen meine ambivalente Meinung zu Jeanne Moreau näher zu bringen, wir sind hier sehr in Verzug mit allem. Es wird jetzt aber sicher Nachrufe über Nachrufe geben, voilà, da ist schon einer, überraschend schnell, lag vermutlich schon lange in der Schublade (das erinnert mich an „Einfach so“ von Lily Brett, in dem die Figur Esther hauptberuflich Nachrufe schreibt), sicher wird man ihre Filme wiederholen, Jules et Jim natürlich, L’ascenseur pour l’échaufaud (Fahrstuhl zum Schafott) und ihre Chansons wieder hören …

Von Le tourbillon de la vie kursiert gerade auch die (mich sehr rührende) Variante mit Vanessa Paradis, die ich hier noch einfüge – wird vermutlich keiner mehr sehen, tant pis.

oder das (Tonqualität ist mies)

Mein Lieblingschanson aber ist das hier:

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Abschied von Paris

Oh ja, wir waren fleißig! Ein neuer „kleiner“ Duval ist da! Rechtzeitig für den Urlaub kommt hier für alle, denen die Zeit zwischen zwei Duvals zu lange wird, eine kleine Geschichte. In diesem Fall die Vorgeschichte. Nur als E-Book (es gibt Gratis-Reader, aber man soll es auch so am Rechner lesen können, ich habe es noch gar nicht probiert, so brandneu ist es noch!)

Abschied von Paris

Die kleine Ferienlektüre für fast gar kein Geld gibt es zum Beispiel —> hier.

Wir schreiben weiter … der 5. Duval soll ja rechtzeitig fertig werden, n’est-ce pas, und wünschen Ihnen allen einen schönen Sommer und bonne lecture!

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14. Juli – Nationalfeiertag

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WMDEDGT 7/2017

Bergdorf

Heute ist Tagebuchbloggen dran. Frau Brüllen fragt es jeden, jeden Monat am 5. : Was machst du eigentlich so den ganzen Tag? Heute mache ich mal wieder mit und erzähle es Ihnen: Ich bin in den Bergen.

6.17 Uhr wach geworden. Ich wollte früh wach werden (das klappt, wenn ich es mir vornehme!), ich will nämlich laufen.
6.30 Uhr Milchkaffee und zwei Stück Rührkuchen. Dazu gibts ein kleines bisschen Internetlektüre, und dann gehe ich los. Es ist noch vor Sieben Uhr und es ist hell, die Sonne ist aber noch nicht über die Berge gekommen. Ich laufe ein Stück eines GR-Wanderwegs, der teilweise neu gemacht wurde und richtig breit und toll geworden ist. Vorher musste man trotz der rot-weißen Markierung oft suchen, wo der Weg eigentlich verlief, so zugewuchert war er. Ich laufe bis zu einem verfallenen Hof, der früher der Familie von Monsieur gehört hat, durch Erbstreitigkeiten aber „verloren“ gegangen ist, da der Hof über Jahrzehnte leerstand, bewohnte ein Schäfer illegal das Wohnhaus und brannte es dabei leider ab. Seit Jahren laufe ich dorthin und konstatiere den zunehmenden Verfall der Ruinen. Es soll einmal das schönste Anwesen hier oben gewesen sein, und Monsieur hat als kleiner Junge dort bei seinem Onkel, der Kühe hatte, noch Milch geholt.

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Den Spaziergang habe ich gestern Abend schon einmal gemacht, aber da liegen der Weg sowie die Häuser auf der Schattenseite und ich wollte es gern bei Sonnenaufgang sehen. Normalerweise setze ich mich morgens gleich zum Schreiben an den Rechner, wenn ich erst anderes mache, bin ich schon raus aus dem Fluss und es passiert nicht mehr viel, schreibtechnisch gesehen, meine ich. Frühmorgendliches Spazierengehen kann leicht zur Prokrastination ausarten. Vor allem, wenn ich unterwegs noch Fotos mache. Gehen jedoch will ich einmal am Tag, denn ich habe Rücken vom unergonomischen Sitzen, das aufblasbare Gummikissen hilft nur bedingt, ebenso das halbherzig praktizierte Yoga. Gestern las ich in einem (englischen) Text, dass Autoren durch das ewige Sitzen generell dazu neigten, einen fetten A*** zu bekommen. Vermeiden könne man einen solchen durch Anschaffen eines Hundes und regelmäßiges Spazierengehen mit demselben. Hilft angeblich auch gegen Depression. Ich mache also Rücken-, Depressions- und A***prävention und das ganz ohne Hund.

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Um kurz vor Neun bin ich zurück. Es gibt einen zweiten Milchkaffee und eine Scheibe leckerstes Brot mit überraschender Marmelade, ich dachte, ich hätte ein Glas Johannisbeergelee aus dem Keller geholt, aber es war ein von mir irgendwann in grauer Vorzeit gekochter Ladwersch, wie man im (Süd?)-Hessischen sagt, oder Läckschmier andernorts: Zwetschgenmus. Sehr fein!

Beim Laufen ist mir tatsächlich eine ergänzende, zum gestrigen Text passende, Szene eingefallen, die ich jetzt schreiben werde.

Bis 11.40 Uhr geschrieben, dann die Nachbarin angerufen, ob sie mit mir Mittagessen will (sie hat mich schon so oft eingeladen und ich muss sie mal zurückeinladen, auch wenn das leicht zu weiterem Prokrastinieren ausartet; merke: das Kommunizieren und Sozialisieren in kleinen Dörfern ist verpflichtend, nur zurückgezogenes Schreiben geht auf Dauer nicht!). Sie räumt aber gerade mit einer Freundin die Scheune aus und sagt, wir wollen nicht „richtig“ essen, das dauert zu lang, wir picknicken quasi, komm mit deinem Essen zu uns hoch, und wir essen zusammen. Halb Eins ist ausgemacht. Mein Essen ist noch gar nicht fertig und ich mache in Windeseile eine Gemüse-Käse-Quiche und bereite einen Rhabarberstreuselkuchen vor, der aber noch nicht gebacken ist, weil der Herd so alt, so klein und mit Gas und überhaupt, da geht immer nur ein Ding gleichzeitig rein. Ich werde also zum Essen zur Nachbarin gehen und meinen Kuchen in ihren Ofen schieben, die Quiche ist auch noch nicht fertig für halb Eins, ich komme erst um Viertel vor Eins mit dampfender Quiche an, aber es ist wie immer in Frankreich. Halb Eins ist nur ein Näherungswert. Wir essen gegen Eins und plaudern, und um Viertel nach Zwei gehe ich wieder und lege ich mich zur Sieste kurz hin.

Um fünf vor Vier sitze ich wieder mit einem Kaffee vor dem PC. Geschlafen habe ich nicht, vielmehr im Liegen gedöst und nachgedacht. Wie sollen die kommenden Ferienwochen ablaufen, wo werde ich schreiben können, werde ich überhaupt schreiben können, wieviel bzw. wie wenig Präsenz meinerseits ist nötig beim Familienurlaub, ohne dass es unhöflich ist? Was mache ich mit der Katze? Lasse ich sie in Cannes, schleppe ich sie wieder hier hoch, nur damit sie sich hier mit der aggressiven Nachbarkatze herumschlägt und sich panisch unters Bett verkriecht? Ist durchgängig jemand in Cannes für die Katze? Ich habe über eine Woche gebraucht, um meine entzündeten Augen wieder zu beruhigen nach einer Woche Katzenhaushalt in Cannes. Die Desensibilisierung fängt erst nach der Rentrée, im September, an. Am Sommerhaus müssten vor der Ankunft aller Sommergäste dringend schnell noch Handwerker arbeiten – das würde mich verrückt machen nächste Woche. Das alles drehe ich in meinem Kopf herum.

16.24 Uhr eine Bekannte schreibt mir auf FB, ich antworte und klicke herum: oh Gott, sie haben „Die Moorsoldaten“ gesungen beim Staatsbegräbnis für Simone Veil.

Bis 18 Uhr überarbeite ich halb konzentriert das, was ich gestern und heute geschrieben habe.

Dann rufe ich einen seit Monaten kranken Freund an, der, weil ihm keiner helfen kann, nächste Woche zu einem Magnetheiler gehen wird. Ich kommentiere es nicht, aber er sagt selbstironisch, er sei gedanklich kurz vor der Pilgerfahrt nach Lourdes.

Ste Annedas ist nicht Ste. Bernadette, das ist Ste. Anne

Um Viertel nach Sechs behandle ich die abgefressenen Johannisbeerbüsche ein zweites Mal (vor zehn Tagen schon einmal) mit einem biologischen Spritzmittel, immerhin scheint es die noch nicht befallenen Büsche geschützt zu haben (und wir haben viele davon!). Die abgefressenen sind natürlich weiterhin kahl.

Danach gieße ich die Anpflanzungen der Kinder: Salat, Himbeeren, Erdbeeren und Mangold (nein ich weiß nicht, warum die Kinder ausgerechnet Mangold gepflanzt haben), und die drei kleinen Kirschbäume, und mittels Eimern gieße ich anschließend die Blumen, die die Gemeinde für das Dorf in hölzerne Blumentröge gepflanzt hat. Die ersten Tage habe ich dafür hunderte Meter Gartenschlauch aus und wieder eingerollt, aber das ist mühsamer als (sechs mal zwei) Eimer Wasser schleppen. Tatsächlich besitzen wir keine Gießkanne.

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Bis ich damit fertig bin, ist es 20 Uhr. Ich tippe hier, dann habe ich noch einen Berg Geschirr zu spülen. Essen werde ich die Reste der Quiche. Und beim Geschirrspülen und auch später höre vielleicht ich via Internet etwas Radio. Ich habe nämlich nichts mehr zu lesen, zumindest nichts, was mich wirklich interessiert.

Voilà, das war mein Tag.

Die anderen Tagebuchblogger gibts wie immer hier am Ende des Beitrags.

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