Licht und Schatten

Heute findet fand in Frankreich der zweite Durchgang der Kommunalwahlen statt, der für manche Städte spannend wird wurde. Nizza zum Beispiel. Dort halten momentan viele den Atem an. Kann der seit 2008 amtierende, Macron-nahe Bürgermeister Christian Estrosi die Wahl noch einmal für sich entscheiden, obwohl er im ersten Durchgang klar hinter dem Herausforderer Eric Ciotti lag, der sich vor kurzem mit seiner eigenene Partei “Le meilleur est à venir” (dt: Das Beste kommt noch) der rechtsextremen Partei RN angenähert hat?

So. Ich habe heute so lange und mit vielen Unterbrechungen an diesem Text geschrieben, dass ich jetzt die Ergebnisse schon einbauen kann. Nein, Estrosi hat es nicht geschafft. Nizza hat einen rechtsextremen Bürgermeister. Eric Ciotti. Sie sehen mich erschüttert.

Nun, zwischen Estrosi und Ciotti gibt es schon immer eine Rivalität in dieser Ecke Südostfrankreichs. Beide gehörten zunächst der gleichen konservativen Partei an, die heute LR Les Républicains heißt und fast unsichtbar geworden ist. Estrosi ist vor ein paar Jahren ins eine Zeitlang aufstrebende Macron-Lager gewechselt. Vor kurzem hat Ciotti seinerseits gewechselt, und zwar ins extrem rechte Lager. Eigentlich hat Estrosi in den vergangenen Jahren nichts falsch gemacht: Er hat ein gut genutztes Straßenbahnnetz geschaffen, mit dem man sogar bis zum Flughafen fahren kann, und eine wunderschöne und großzügige Grünanlage namens „Coulée verte”, die sehr gut angenommen wurde. Warum also wurde es trotzdem Ciotti?

Weil Nizza, wie so viele andere Städte hier im Süden, einfach sehr konservativ ist. Macrons Politik, insbesondere die Innenpolitik, ist hier nicht genehm. Estrosi hatte aufs falsche Pferd gesetzt.

Im CCFA Centre Culturel Franco-Allemand fragt man sich, wie man als kulturelle Institution zukünftig mit einem rechtsextremen Bürgermeister zusammenarbeiten will. Ich muss dabei an den gerade angelaufenen Film „Les Rayons et les Ombres” (der Titel verweist auf ein Buch von Victor Hugo, das im Film Erwähnung findet) denken. Wir haben ihn vor einer Woche in einer Vorpremiere gesehen, aber er ist jetzt offiziell angelaufen. Er zeigt am Beispiel des Journalisten Jean Luchaire (gespielt von Jean Dujardin) und seiner Tochter Corinne, einer jungen Schauspielerin (Nastya Golubeva), die Kollaboration der Franzosen mit den Nationalsozialisten.

Luchaire war nach dem Ersten Weltkrieg Pazifist und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Sein deutscher Gegenpart und bester Freund ist Otto Abetz (gespielt von August Diehl). Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht und bedienen sich ihrer, um eine Zusammenarbeit (collaboration) der Franzosen mit den Deutschen zu propagieren. Es beginnt scheinbar harmlos, und vor allem Luchaire glaubt lange, intelligenter zu sein und nur so ein bisschen mitzuspielen, ohne wirklich mitzuspielen, gerade so viel, wie es eben sein muss, um seinerseits vom System zu profitieren. Luchaire ist ein sympathischer Mensch, der allerdings stets über seine Verhältnisse lebt und Geld benötigt, um seine Zeitung zu finanzieren, seine Angestellten zu bezahlen und sich und seiner Tochter ein schönes Leben zu ermöglichen. Dafür macht er mehr und mehr Zugeständnisse und rutscht so immer weiter in den Sumpf der Kollaboration hinein.

Der Film dauert drei Stunden und ist ein historisches Zeitgemälde, das von der Zwischenkriegszeit bis 1948 reicht. Am Ende des Films ist die Stimmung im Publikum gedrückt. In ihrem historischen Gedächtnis waren die Franzosen stets alle in der Résistance. Die Kollaborateure, das waren immer die anderen, natürlich irgendwelche Drecksäcke, denen man am Ende der Besatzungszeit zu Recht einen kurzen Prozess gemacht hat. Luchaire und seine Tochter entsprechen jedoch nicht diesem Bild.

„Wir haben das alles nicht gewusst“ ist auch ein in Frankreich häufig geäußerter Satz, wenn es um das Schicksal der Juden in dieser Zeit geht. Das sagt auch die junge Corinne Luchaire, als sie ihren ersten Regisseur nach dem Krieg wiedersieht. Der ist ein ukrainischer Jude, der seine Familie im KZ verloren hat. „Hast du versucht, es wissen zu wollen?”, fragt der Regisseur zurück.

Beim Rausgehen spricht niemand, ich auch nicht, denn ich möchte gerade mal wieder nicht als Deutsche erkannt werden.

Ein absolut sehenswerter Film!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Responses to Licht und Schatten

  1. Marion sagt:

    Danke für das Wahl-Update und den Filmtipp. Wünsche eine angenehme Woche !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.