Müde Augen, junge Frauen und alte Meister

Drei Farben Blau: Schnee über der Cote d’Azur

Auf dem Rückweg aus Deutschland kaufe ich mir in der Regel im Duty-Free-Shop am Flughafen eine große Tüte Gummizeugs oder eine teure Sorte Schokolade, die es hier nicht gibt und für die ich in meinem französischen Alltag auch keinesfalls so viel Geld ausgeben würde. Es ist der alte „Belohn-Reflex“ aus meiner essgestörten Zeit, der noch immer in meiner DNA eingegraben ist und leider in stressigen Zeiten auch wieder für vermehrten Zuckerkonsum sorgt. Dieses Mal habe ich erstaunlicherweise kein Bedürfnis nach Schokolade, ich bin anders erschöpft und kaufe erstmals Feuchtigkeitspads, beeinflusst von den vielen jungen Frauen auf Instagram, die sich Feuchtigkeitspads unter die Augen kleben und davon berichten. Ich kann es kaum erwarten, sie unter meine müden Augen zu kleben.

Kein Lippenstift für Boomer

Ich gehöre zur Frauen-Boomer-Generation und nehme die Verschönerungsaktionen junger Frauen aus der Generation X, Y oder Z (oder noch jünger), die ihre eigentlich noch makellose, glatte Haut mit Pads, Masken oder Serum verwöhnen, mit Erstaunen zur Kenntnis. In meinen jungen Jahren wäre mir das nicht eingefallen, so etwas war höchstens für ältere Damen (etwa meines jetzigen Alters 😅) vorgesehen; gleichzeitig aber galt (und gilt) weniger ist mehr. Sich schminken, roter Lippenstift und rote Fingernägel waren verpönt – zumindest in meinem akademischen Umfeld. Und all das „Aufgetakelte“ war, nicht nur meiner Meinung nach, Frauen vorbehalten, deren Interessen sich auschließlich um Äußerlichkeiten drehten. Haare, Mode, Klatsch und Tratsch …

Junge Frauen …

Doch plötzlich gibt es eine Frauengeneration, die sich schminkt, falsche Fingernägel aufklebt, pinken Lippenstift trägt und Zunge-Rausstreck-Selfies macht und trotzdem etwas im Kopf hat.

Und in der Tat sehe ich voller Bewunderung wie viele junge Frauen heute schon so viel Durchblick haben. Sei es, dass sie toxische Beziehungsmuster mit Eltern oder Partner:innen früh erkennen (ich denke hier etwa an @svenjafuxs), oder dass sie sich für Politik interessieren und ausgezeichneten Journalismus machen (wie etwa Natalie Amiri, deren Buch über den Nahen Osten ich gerade lese). Obwohl ich mich seit jeher mit großer Ernsthaftigkeit für vieles interessiere, viel lese und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen, irrte ich doch sehr lange verständnislos durch mein Leben und unwissend durch die Welt.

Alte Strukturen

Gleichzeitig bin ich auch erschüttert, wie wenig weit wir andererseits gekommen sind. Ich dachte wirklich, meine Generation sei die Letzte, in der Männer noch die “klassische” Männerrolle in Partnerschaften einnehmen würden, klassisch in dem Sinn, dass sie weder die Alltags- und Haushaltsdinge mitdenken, geschweige denn mittun, und etwa bei der Kindererziehung wenig bis keine Verantwortung übernehmen sondern sich häufig als quasi zusätzliches Kind von ihrer Frau mitversorgen lassen.

Das sehe ich beispielsweise, wenn ich die Einsenderunden auf Mirjas Instagram-Seite @seiten.verkehrt lese. Sie fragt ihre Leserinnen regelmäßig, wie sie ihren Alltag mit Kindern in Familie oder im Beruf leben. Themen sind etwa der unterschiedliche Umgang von Mann und Frau mit Schlaf, Krankheit, Weihnachten (Adventskalender, Geschenke, Essen) oder die Urlaubsplanung inklusive Packen. Es macht mich fassungslos und wütend, wie hilflos und planlos Männer sein können. Gleichzeitig ruhen sie sich mit Arroganz und Überheblichkeit („Ich bin der Hauptverdiener”) auf dem Rücken ihrer Frau aus.

Zum Weltfrauentag gibt es hier zwei Screenshots von @seiten.verkehrt

Am Ende dreht Mirja all die sexistischen Muster einfach um. Satire! Hallo! Erstaunlich, dass dies immer noch zu Aggressionen bei den Lesern führt – und ich muss hier gar nicht gendern.

Feministischer Klassiker: Die Töchter Egalias

In diesem Zusammenhang wollte ich schon lange auf „Die Töchter Egalias” der Norwegerin Gerd Brantenberg (übersetzt von Elke Radicke unter Mitarbeit von Wilfried Sczepan) hinweisen. Der „Roman über den Kampf der Geschlechter“ ist schon in den Siebzigern erschienen, vielleicht sind unter meinen Boomer-LeserInnen welche, die es kennen? Für die anderen hier eine kurze Erklärung: In Egalia, einem fiktiven Staat, ist alles konsequent umgedreht, sogar die Sprache: Schon der erste Satz macht es klar, hier bekommen Männer die Kinder und Frauen verlieren die „Befrauschung“, wenn etwa der Sohn “Seefrau” werden will. Anders als die auf der Rückseite abgedruckten Kritiken hat es mich nicht „zum herzlichen Lachen” (Emma) gebracht. Ich habe es seinerzeit nicht zu Ende lesen können. Aber auch nach nur zwei Drittel des Buches war die feministische Botschaft absolut augen- und hirnöffnend. Dr. Luise F. Pusch sagt etwa, es sei ein „Meilenstein des Feminismus” und stellt es gleichwertig neben „Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir.

Es ist übrigens ein Buch, das ich mir antiquarisch erneut bestellt habe. Ich dachte, ich würde es heute leichter lesen, aber nein, es nervt mich nur noch viel schneller. Und ich fürchte, dass „Egalia” nur „eine reiche Quelle für Seminar-, Magister- und Doktorarbeiten” wurde (Dr. Luise F. Pusch), aber leider keinerlei Veränderung im echten Leben bewirkt hat. Vielleicht müsste man es neu übersetzen und den Schutzumschlag ändern. Heute würde frau in der feministischen Bildgestaltung keinen Penis mehr neben einen Frauenkopf abbilden, so hoffe ich doch. Vielleicht ist jetzt die Zeit, es wieder auf den Markt zu bringen, mit den vielen jungen pfiffigen und kämpferischen Frauen kann sich ja noch etwas ändern. Nie die Hoffnung verlieren.

Alte Meister: Die Odesa-Ausstellung

Kleiner Themenwechsel. Ich wollte doch noch ewas zur Odessa-Ausstellung (ukrainisch heute Odesa), sagen, die ich in Heidelberg tatsächlich angesehen habe. Es wurden dort vorsorglich evakuierte Bilder aus der Sammlung des Museums für Westliche und Östliche Kunst in Odesa gezeigt. Ehrlich gesagt, war ich erst ein bisschen enttäuscht, hatte mir anderes, mehr Fremdes vorgestellt, aber

Bei den Bildern aus Odesa handelt es sich um eine durch und durch europäische Sammlung: Madonnenbilder aus der italienischen Renaissance und Stillleben aus dem niederländischen Barock, Porträts von Adligen und Bürgern im romantisch-realistischen Stil und beinah impressionistische Szenerien aus dem Mittelmeerraum. Worum es bei der Präsentation dieser Bilder ganz wesentlich geht, ist, zu zeigen, dass Odesa und Heidelberg – die Ukraine und Deutschland – durch eine gemeinsame kulturelle Basis verbunden sind.

Martina Senghaas, SWR

Um diese kulturelle Nähe zu verdeutlichen, wurden einige Bilder aus der ukrainischen Sammlung neben Bildern aus der Sammlung des Kurpfälzischen Museums aufgehängt (ohne Beispiel). Ich hatte keinen Kopfhörer-Guide erworben, aber die zweisprachigen Texte neben den Bildern waren gut verständlich.

Das Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa
Domenico Morelli: Porträt der Gräfin Olena Tolstoi 1875

Besonders beeindruckend und berührend ist der kleine Film, der in einem Nebenraum gezeigt wird. Er veranschaulicht, wie lebendig die kulturelle Vielfalt im Museum war. Neben klassischen Museumsführungen für Erwachsene und Kinder dienten die Räumlichkeiten für Empfänge, Konzerte und sogar Tanzveranstaltungen, die dem Wiener Opernball nachempfunden waren. Zu sehen ist auch, wie die Evakuierung der Bilder und anderer Kunstwerke vonstattenging: Wie Museumsmitarbeiter die Bilder nach und nach aus den Rahmen schneiden und verpacken – die so versandten Bilder wurden in Berlin in einfache braune Holzrahmen gerahmt –, wie das Museum immer leerer wird und wie eilig Sandsäcke vor die Türen gestapelt und die Fenster zumauert werden, um größere Zerstörungen zu verhindern.

Ein wandgroßes Foto zeigt die (erneute) Zerstörung der Verklärungskathedrale in Odesa. Sie wurde 1936 zunächst von Stalin zerstört, 1999 originalgetreu wieder aufgebaut und ist nun erneut teilweise zerstört.

Verklärungskathedrale Odesa heute

Als ich am Eingang die Aufsicht führende Dame frage, was in der Zwischenzeit aus dem Museum für Westliche und Östliche Kunst geworden sei, antwortet sie mir mit starkem slawischem Akzent: „Also, da fragen Sie die Falsche. Keine Ahnung.“ Sie zuckt gleichgültig mit den Achseln. Da ich anscheinend etwas irritiert schaue, schlägt sie mir vor: „Schauen Sie im Internet nach“, Odesa sei ja ihres Wissens nach nicht stark bombardiert worden, fügt sie noch hinzu. Das macht mich kurz sprachlos, aber ich verstehe, dass Odesa dieser Dame, sehr wahrscheinlich russischer Herkunft, ziemlich egal ist, zumindest solange die Stadt zur Ukraine gehört. Ich widerspreche nicht, aber ins Internet schaue ich später. Die historische Altstadt Odesas, die 2023 gerade noch auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, wurde im Juli 2023 stark bombardiert. Dabei wurden die oben gezeigte Verklärungskathedrale, einige Museen und viele Wohnhäuser zerstört. Das Museum für Westliche und Östliche Kunst steht wohl noch, wird aber zumindest in dieser Liste – ja, ich weiß, es ist nur Wikipedia – als „mehrfach durch russische Angriffe beschädigt“ geführt.

Jules-Alexis Muenier: Mord an der Riviera (späterer Titel Streit der Kutscher) 1893

Emile Claus: Sonniger Tag 1895

Ok. So viel für heute! Schönen restlichen Weltfrauentag. In Paris wurde feministisch demonstriert, sah ich gerade. Und es waren auch Männer dabei. Vielleicht wirds besser in der nächsten Generation!

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11 Responses to Müde Augen, junge Frauen und alte Meister

  1. Corsa sagt:

    Danke für die Ausführungen zum ersten Thema. Gerne gelesen.

  2. roswitha sagt:

    ich las “die töchter egalias” als es neu war, gab das buch später weg, weil mir die gedankenspiele zu abstrakt waren. ich hatte damals eine kleine sammlung feministischer bücher. “wie vergewaltige ich einen mann” hieß das buch einer schwedin, es war mehr nach meinem damaligen denken, dem wunsch nach revanche. ich glaube, es ist auch noch lesenswert. in der katholischen buchhandlung in trier sagten sie mir damals, das sei kein gutes buch. darüber grinse ich noch heute…

    • Christjann sagt:

      :D *Wie vergewaltige ich einen Mann* habe ich auch gelesen (und eine Zeitlang besessen),ich glaube,ich habe so gut wie alle Bücher in der Frauen-Literatur-Reihe von Rowohlt gelesen. Heute findet man das Genre *Frauen-Literatur* dumm. Damals war es neu und modern. Ich habe auch afrikanische und französische Autorinnen so entdeckt, Mariama Bâ und Marie Cardinal etwa.
      LG

  3. Wendy sagt:

    Ich kenne Töchter Egalias ebenfalls noch – heute zählt es nicht mehr zu den aktuell gelesenen oder auch nur bekannten Büchern. Ich mochte es eigentlich durchaus (sonst wäre es mir nicht erinnerlich) – ich vermute mal – rückblickend – es gab nicht so eine große Menge an feministischer Literatur, die zumindest den Versuch machte humorvoll zu sein.

    • Christjann sagt:

      Ja, ich glaube auch, dass es in der feministischen Literatur nicht viel Humorvolles gab. Die Töchter Egalias ist immerhin originell, das hat ja meines Wissens vorher noch nie jemand so gemacht.
      Ich habe damals voller Begeisterung Rita Mae Brown gelesen, ich weiß nicht mehr, ob es offen lesbische Literatur war, aber ihre Bücher fand ich damals super witzig. Es sind die einzigen, die mir als amüsant in Erinnerung sind.
      Ich bin dafür damals extra in einen Frauenbuchladen nach Frankfurt gefahren –

  4. Beate sagt:

    Blümchenkleider, roter Lippenstift, Heimatliebe – und Remigrationsforderungen: Lukreta ist eine rechtsextreme Frauengruppe, die unter dem Deckmantel des Kampfes für Frauenrechte eine straff geführte Organisation der Rechten ist und in ganz Europa agiert. Diese Info habe ich von “Campact”. In der ARD Mediathek gibt es eine Doku darüber, Titel: Heimat, Häkeln, Hetze. Erschreckend, aber lohnt sich anzuschauen. Ich weiß, kein schönes Thema, aber dient dem klaren Blick auf die raue Wirklichkeit. Auch so was sollte man im Blick haben am Weltfrauentag, leider.

    Beate

    • Christjann sagt:

      Oh Gott, unfassbar ätzend, habe gerade nur mal kurz reingeschaut. Danke für den Hinweis.
      Ich versuche weniger Rezepte zu teilen, weil ich mich nicht unversehens auf der Seite von Trad-wives finden wollte, aber diese rechte Frauenszene ist unerträglich.

  5. Barbara sagt:

    Die Töchter Egalias habe ich Ende der siebziger Jahre auch gelesen, ich fand es erst witzig, im weiteren Verlauf dann eher anstrengend. Am meisten beeindruckt hat mich damals “Frauen” von Marilyn French.
    Herzliche Grüße!

    • Christjann sagt:

      Ja, ich glaube so war’s für mich auch.
      “Frauen” habe ich nicht gelesen, aber “Wie meine Mutter – My mother myself” von Nancy Friday. Das habe ich auch später nochmal versucht zu lesen, und es ging gar nicht mehr 🤷🏼‍♀️
      Liebe Grüße!

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