
Gestern Morgen um 11 Uhr stand ich Schlange für den Film “Gabin”, eine französische Dokumentation, gefördert unter anderem vom SWR und Arte. Glücklicherweise war ich sehr früh da, so dass ich im Innenraum neben der Kinokasse stehen konnte. Von den Menschen, die draußen anstanden, kamen immer wieder welche, die fragten, ob man denn nicht schon rein dürfte, es sei so kalt und windig. Am 15. Mai ist der Namenstag von Sophia von Rom, eine der “Eisheiligen” (Sie wissen schon Servatius, Mamertus, Pankratius) und wird gemeinhin die “Kalte Sophie”genannt. Sie macht ihrem Namen heute alle Ehre. Etwas oberhalb von Grasse, knapp dreißig Kilometer Luftlinie von hier, in der kleinen Skistation Gréolières, hat es geschneit.

Aber nein, wir kamen nicht früher rein, hier ist alles so eng getaktet, im Saal lief noch der Film von 8.30 oder 9 Uhr, so genau weiß ich es nicht. Die Menschen werden (wir später auch) aus dem Notausgang aus dem Kino in die Fußgängezone geschleust, während von vorne dann die nächsten in den Saal hereinströmen. Punkt 11.30 Uhr geht es los, zwei Zuspätkommer werden noch ein paar Minuten bereits im Dunkeln auf die letzten leeren Plätze gelotst, dann ist die Stimmung im Saal ruhig und konzentriert. Die Jury ist mit ihm Saal und sitzt zwei Reihen hinter mir. “Gabin” ist ein sogenannter Coming-of-age-Film eines Jungen im landwirtschaftlichen Milieu, der zwischen der, vom Vater mit viel Druck geforderten, Übernahme der Metzgerei steht und seinem Wunsch, den Hof der Mutter, der alles andere als rentabel ist, zu übernehmen. Ich habe eine Schwäche für das landwirtschaftliche Milieu, das wissen Sie. Aber das echte Landleben ist, anders als es die vielen Hochglanzmagazine seit ein paar Jahren versprechen, alles andere als romantisch. Der Filmemacher hat den Jungen und seine Familie zehn Jahre lang begleitet und war nah dran an den Menschen und ihren Konflikten. Wie Gabin mit dem Druck der Eltern lebt und schließlich seinen eigenen Weg findet, hat mich sehr und stellenweise zu Tränen gerührt. Ich war beeindruckt und habe mich nicht eine Minute gelangweilt. Es gab viel Applaus.
Der Wind schüttelt den ganzen Tag die Bäume und wühlt das Meer auf. Ich hatte Zweifel, ob der Abendfilm am Strand im Programm Cinéma de la Plage überhaupt gezeigt werden kann; ich ziehe mich mehrschichtig warm an, nehme zusätzlich eine weitere Strickjacke und einen Wollschal mit und gehe um Viertel nach Acht los. Die Journalistin, die vor zwei Tagen noch ungläubig das Schlangestehen ansah und meinte, das würde sie nicht machen, steht bereits seit Acht Uhr in einer Last-Minute-Schlange, für die 22 Uhr Vorstellung von “Gentle Monsters”, den Film der Österreicherin Marie Kreutzer mit hochkarätigen Schauspielern (Léa Seydoux, Catherine Deneuve).
Mir hat übrigens eine Leserin aus Australien diesen Link aus der FR geschickt. Man muss sich (kostenlos) registrieren, um den Beitrag lesen zu können. Unter anderem mit einer (vernichtenden) Kritik zu “Gentle Monsters”.

Als ich an der Croisette ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen – die Schlange für den Film “Les Caprices de L’enfant Roi”, eine Kostümfilm-Komödie, ist bestimmt einen Kilometer lang, ich laufe sie erst in die eine Richtung, um zu ihrem Ende zu kommen und dann in die andere Richtung schrittweise wieder zurück. Der Einlass hat schon begonnen, so viel habe ich verstanden. Und sie haben deutlich mehr Liegestühle aufgestellt als sonst.

Ich habe daher die Hoffnung, dass wir noch hineinkommen und sie in letzter Minute noch weitere Liegestühle aufstellen oder uns einfach so aufs Gelände lassen. Irgendwann sehe ich zumindest das offizielle Eingangsschild, aber die Schlange stockt. Nur sehr zögerlich geht es voran.


Was ich nicht sehe und lange nicht verstehe, ist, dass der Einlass bereits geschlossen ist. Wenn es weitergeht, dann nur, weil Menschen aus der Schlange diese verlassen, um sich anderswo einen nicht offiziellen Platz zu suchen. Irgendwann, als es bereits dunkel ist und bereits die Filmcrew vorgestellt wird, wird mir klar, dass wir definitiv nicht mehr hineinkommen und laufe auch hinter das Gelände und sitze dann sehr weit weg von der Leinwand und den Lautsprechern, im Sand und im Wind, wegen dem ich mir eine Kapuze über den Kopf ziehe, aber dann höre ich noch schlechter und drehe die Ohren unter der Kapuze hervor.


Sieht mich ja keiner im Dunkeln, alle wollen nur den Film sehen. Der zukünftige König Louis der VIX, ein rundlicher, verwöhnter Junge, soll wegen des Aufruhrs des Volkes für einige Zeit aus dem Schloss verschwinden und in Sicherheit gebracht werden. Er landet unter der Obhut von Cyrano de Bergerac in der Theatertruppe von Molière. Im Schloss sitzt derweil ein anderer Junge, der dem jungen König aufs Haar gleicht, aber der Sohn eines Metzgers ist. Das sorgt für Verwirrung, Intrigen und allerhand komische Szenen. Der Film ist leicht, um nicht zu sagen, sehr leicht, aber auch amüsant. Nach etwa der Hälfte bin ich komplett ausgefroren und gebe auf. Auf dem Weg zurück finde ich aber an einer Barriere einen guten und weitestgehend windgeschützten Stehplatz und sehe mir den Rest des Films stehend an.

So etwas macht man auch nur während des Festivals, glaube ich. Gegen Mitternacht laufe ich zurück, der nächste Bus käme erst in einer halben Stunde, bis dahin bin ich auch zu Fuß zu Hause und wärme mich beim Gehen immerhin wieder etwas auf.
Die Eisheiligen sind heute vorbei, die Sonne scheint, der Wind hat nachgelassen. Er würde an den Strand gehen, sagt Monsieur, als er die Fensterläden auftößt. Ich gebe kurzentschlossen mein Ticket für die Vormittagsvorstellung zurück und gehe mit an den Strand. Die Wellen sind noch etwas aufgewühlt, aber wir schwimmen trotzdem einen Moment, dann genießen wir die wärmende Sonne.

Und wir sammeln wie immer ein bisschen Müll, heute besonders viele Glasscherben.


Die Journalistin bemüht sich heute um den Film “Heimsuchung” von Volker Schlöndorff und schickt mir zwischendurch ein Foto von Ulrich Matthes.
Was ist sonst noch los? Bei der Vogue las ich, dass Sandra Hüllers fedriges Outfit von Chanel stammt, und dass sie außerdem die neue Botschafterin (“Ambassador”) für Chanel geworden ist. John Travolta, der mit seiner Tochter in seinem eigenen Flugzeug angereist war und einen Film präsentiert, bekam überraschend die Goldene Ehrenpalme für sein Lebenswerk, die er sehr gerührt entgegennahm. Und im edlen Hotel Eden Roc am Cap d’Antibes wird die jährliche amFAR Benefiz-Gala für die Unterstützung der AIDS-Forschung, mit Robbie Williams und zwei mir völlig unbekannten jungen Damen vorbereitet. Geena Davis “hosted” die Veranstaltung am 21. Mai. Sie können noch teilnehmen, das günstigste Ticket kostet 17.500€. Wenn Sie am Philantropen-Tisch sitzen wollen, müssen Sie allerdings schon 300.000€ hinblättern. Sie können dann zusätzlich ganz großartige Dinge ersteigern, Uhren, Schmuck oder Kunstwerke. Und mit Scarlett Johannson oder Heidi Klum ein Selfie machen. Die werden nämlich auch da sein. Nein? Dann vielleicht mit Pedro Almadovar und Pamela Anderson. Die sind doch sympathisch!
Bis morgen!











