12 von 12 im August 2026

Das 12 von 12 im August kommt mal wieder aus den Bergen, hurra! Gerade (15:30 Uhr) tippe ich bereits ein wenig, weil wir ein Gewitter haben. Ich weiß nicht, ob nicht gleich wieder der Strom ausfällt oder ob sich das Telefonnetz einschließlich Internet für ein paar Stunden verabschieden wird. Fangen wir also schon mal an. (Spoiler: Es ist alles ruhig geblieben heute!)

Wir sind seit Samstag wieder hier oben und haben wie jedes Jahr einen jungen Mann zu Gast. Wie ich letztes Jahr schon anmerkte, ist er zwar erwachsen, aber nicht sozial ausgereift. Er hat sich testen lassen und wir wissen nun, dass all seine Eigenarten, einschließlich seiner intellektuellen Genialität und seines außerordentlichen Gedächtnisses, in das Spektrum des Autismus gehören. Ich würde noch ADHS hinzufügen wollen, womit ich mir all das Herumgerenne und Gepfeife, Getrommel und Gesinge einschließlich eines nimmermüden Redeflusses erkläre. Es ist für ihn und uns alle erleichternd zu wissen, dass er nicht “verrückt”, sondern einfach nur anders ist und dass es viele andere gibt, die ähnlich ticken wie er. „Neurodivergent” ist wohl das aktuelle deutsche Wort dafür.

Ich bin aber auch „anders“ mit meiner Hochsensibilität und dem, was jetzt (ich habe das gerade erst entdeckt) „parentizifiert“ heißt. Meine Aufmerksamkeits-Antennen sind gerade sehr ausgefahren. Ich spüre, was er spürt. Seine Nervosität steckt mich an. Und so versuche ich, uns allen Ruhe zu geben. Auch mir. Einatmen. Ausatmen. Alles gut. Anstrengend ist es trotzdem.

Zuerst gab es Frühstück, ich mache mir selbst Lupinenkaffee (Espresso-Röstung) mit Hafermilch, dazu Haferflocken mit Joghurt und frischem Pfirsich.

Dann erst der Blick aus dem Fenster, und mit dem letzten Rest Kaffee bin ich einen klitzekleinen Moment alleine.

Monsieur ist unausgelastet und fährt daher zur Mülldeponie, um Müll zu entsorgen, und kauft ein paar Dinge ein. Zum Beispiel holt er das Bauernbrot ab, das von einer Bäckerei jenseits des Col de la Cayolle kommt und hier nur von etwa Mai bis Oktober verfügbar ist, da der Col im Winter wegen Schnee gesperrt ist. Man muss es spätestens dienstags bestellen. Es wird im Juli und August mittwochs und sonst samstags in die Kooperative geliefert. Es ist eine logistische Herausforderung zu wissen, was es hier wann und wo gibt. Auf der anderen Seite des Cols gab es aufgrund von Gewitter und sintflutartigem Regen jedoch einen Erdrutsch. Die Straße ist für eine Woche wegen Aufräumarbeiten gesperrt. Die Bäckerei liegt allerdings kurz oberhalb des Erdrutsches und kann liefern. Das habe ich erfragt.

Ich bat Monsieur auch darum, Geschirrspültabs zu erwerben, denn ja, hier oben haben wir einen Geschirrspüler, was für ein Luxus. Auch wenn ich nun alleine fürs Geschirr zuständig bin. (In Cannes ist es Monsieurs Aufgabe) Leider hat er sie mit Waschmaschinentabs verwechselt. Ich habe noch bio Spülblätter, aber die machen ehrlich gesagt nicht so sauber, wie ich es gerne hätte, trotz doppelter Dosierung.

Ich gebe einen Text frei, mache ein paar Banküberweisungen per Internet, bestelle etwas und schreibe zwei Reklamationen (weder die Barfußschuhe noch zwei Kopfkissenbezüge sind je irgendwo angekommen).

Später bereite ich das Mittagessen zu. Man hat uns gestern eine riesige Zucchini geschenkt, die ich füllen möchte. Monsieur hat außerdem eine vorbereitete Fleischmischung vom Metzger mitgebracht. Normalerweise kommt bei uns zusätzlich etwas Reis in die Mischung, aber der Reis ist einem Mottenvolk zum Opfer gefallen, sodass ich kurzerhand Buchweizen koche. Ich liebe Buchweizen, bereite ihn aber viel zu selten zu. Er passt übrigens prima in die Füllung und ist als Beilage mit Tomatensoße perfekt.

Ich wache aus der Sieste auf, weil ich trotz Ohrstöpseln Lärm höre: Ein Gewitter ist im Gange, begleitet von starkem Regen. Der noch offene Sonnenschirm wiegt sich im Wind. Ich renne auf die Terrasse und falte ihn wenigstens zusammen. Diese eine Minute draußen genügt, um mich komplett zu durchnässen. Hier: Regen vor dem anderen Fenster.

Ich mache mir trotzdem einen (kleinen) Eiskaffee.

Es regnet nur etwa eine Stunde lang. Schon ist der Himmel wieder blau.

Ich reiße sämtliche Fenster auf, in der Hoffnung, dass die aufdringlichen Fliegen den Weg nach draußen finden, bevor ich sie alle erschlage. Ich hoffe, es spricht sich in Fliegenkreisen herum, dass ich unerbittlich bin.

Eigentlich lese ich einen französischen Text am PC und arbeite daran.

Heute Abend soll hier die Sonnenfinsternis halbwegs zu sehen sein. Ich habe extra vor Wochen schon Sonnenbrillen dafür erworben, die ich, ich habe alles durchgesucht, vermutlich in Cannes vergessen habe. Ich hoffe mal, es ist nachher bewölkt, damit ich mich nicht grämen muss, es verpasst zu haben. Ich erinnere mich an die letzte Sonnenfinsternis, die ich damals in Göttingen erlebt habe. Gesehen habe ich so gut wie nichts, nur kalt, dunkel und windig wurde es am helllichten Tag. Daran erinnere ich mich.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.

Nach dem Abendessen liefen wir zu einer Wiese mit freiem Blick. Die Sonne war jedoch bereits hinter den Bergen verschwunden und wir konnten weder das Dunkelwerden beobachten noch Veränderungen (Wind etc.) wahrnehmen. Es war also gar nicht schlimm, dass ich die Brillen vergessen hatte. Wir heben sie uns für die nächste Sonnenfinsternis auf, 2081 oder wann auch immer.

Gute Nacht!

Danke fürs Lesen und Anschauen. Die anderen 12 von 12er wie immer bei Caro!

ps: Ich habe gerade erfahren, dass Monsieurs Tochter mit ihrem Mann und Freunden, die sich derzeit im alten Schulhaus aufhalten, kurzfristig „schnell” auf den 2500 Meter hohen Cime de l’Aspre gelaufen sind. Dort haben sie wohl eine beeindruckende Sonnenfinsternis mit 95 % Bedeckung gesehen. Ich bin etwas neidisch.

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