
Ich habe eine neue Freundin: eine kleine Turteltaube. Vermutlich ist sie von dem Turteltaubenpärchen, das jahrelang in unserem Vorgarten lebte – oder zumindest immer wieder dort zu Gast war. Jetzt ist die andere Taube nicht mehr da. Diese hier kommt jedes Mal angeflogen, wenn ich nachmittags die Balkontür öffne und meinen Kaffee halb drinnen, halb draußen genieße – meistens steht auf dem Balkon ein Wäscheständer. Dann sitzt sie auf dem Geländer, leistet mir Gesellschaft, blinzelt mir zu und trippelt von rechts nach links und wieder zurück. Lieb, oder?

Weniger lieb war die Seemöwe, die mir vor unserem Küchenfenster das Fleisch fürs Mittagessen geklaut hat. Ich hatte es zum Auftauen in der Sonne auf die Fensterbank gestellt. Man hat ja schon allerhand Videos gesehen, in denen Seemöwen Menschen die Sandwiches aus der Hand reißen, aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn es einem selbst passiert. Die Fensterbank, die mir oft als Platz zum Auftauen oder Abkühlen von Speisen diente, ist also fürderhin tabu, ebenso der Gartentisch. Wenn besagter Möwe der Ort jetzt bekannt ist, will ich sie und ihre Freundinnen schließlich nicht gleich wieder einladen.
Monsieurs Tochter erzählte, dass sie einmal den Tisch auf der Terrasse gedeckt und diverse Häppchen (Schinken, Melone etc.) für den Aperitif bereits nach draußen gestellt hatte. Als sie mit den Gästen auf die Terrasse kam, war alles verwüstet und das Essen war verschwunden. Seitdem wird das Essen erst auf der Terrasse serviert, wenn die Gäste bereits da sind. Außerdem wird Essen (Grillgut zum Beispiel) nicht mehr unbeaufsichtigt gelassen.

Was ich alles noch erzählen wollte – Ausflüge, Lesung in Nizza, Bergdorf, Schwimmen – im Text verstreut ein paar Symbolbilder – kommt vielleicht ein anderes Mal, denn jetzt beginnt gleich das 79. Filmfestival und ich werde erstmals (fast) richtig involviert sein.

Ich bin zwar nicht akkreditiert, habe mich aber für die Quinzaine des Cinéastes eingeschrieben. Das ist eine der Parallelveranstaltungen der Sélection Officielle. Es gibt noch andere parallele Filmveranstaltungen, aber nur die Quinzaine des Cinéastes (früher Quinzaine des Réalisateurs) sind für nicht akkreditiertes Publikum zugänglich. Das mache ich dieses Jahr, weil ich eine deutsche Journalistin begleite, die zum ersten Mal zum Festival kommt. Sie will unter anderem darüber schreiben, wie die Einwohnerinnen und Einwohner von Cannes am Festival teilnehmen oder teilnehmen können. Sie hat mich ein bisschen geschubst, damit ich mich auch um die Quinzaine bemühe. Und so habe ich mich dieses Jahr durch die unübersichtliche Homepage gekämpft, denn man muss sich natürlich erst einschreiben, ein Konto eröffnen und einen Ticketpass für 40 € für sechs Filme erwerben. Danach kann man die Filme, die man sehen möchte, reservieren. Die Filme werden tageweise und immer vier Tage vor der Ausstrahlung morgens zur Reservierung freigegeben. Sie laufen an unterschiedlichen Orten in Cannes von morgens neun bis abends elf Uhr. Man muss also erstens wissen, was man von den knapp dreißig Filmen (Spielfilme, Dokus, Animationsfilme, Kurzfilme) sehen will, über die es nur ein oder zwei kurze Sätze in der Broschüre zu lesen gibt. Und dann muss man superschnell sein, um den Film zu einer möglichst komfortablen Zeit an einem möglichst zentralen Ort sehen zu können. Wenn man es nicht geschafft hat, wird empfohlen, immer wieder und auch eine Stunde vorher noch einmal nachzuschauen, ob für einen ausgebuchten Film doch ein Platz frei geworden ist. Man kann nämlich Tickets reservieren und kurzfristig wieder zurückgeben. Das war mir in den letzten Jahren alles zu kompliziert und vor allem zu aufwändig.


Die Quinzaine des Cinéastes, die nach der 68er-Bewegung als Kontrastprogramm zum klassischen Festival von Cannes gegründet wurde und damals zumindest eine Art Gegenfestival mit unbekannten Filmemachern war (“Cinéma de liberté”), wirbt damit, eine feine Nase für besondere Filme zu haben, die für die offizielle Sélection zu ausgefallen sind. Jim Jarmusch wurde beispielsweise bei den Quinzaines entdeckt.
Ich habe mir jetzt also ein paar Filme ausgesucht, die mich interessieren und die nicht zu gewalttätig sind – ich werde ja immer sensibler und habe keine Lust, traumatisiert aus dem Kino zu kommen.
Apropos traumatisiert: Das diesjährige Plakat der Quinzaine zeigt einen dicken, nackten Mann in einem Busch. Ein Bezug zum Exhibitionismus ist natürlich nur meiner überbordenden Fantasie zu verdanken und bestimmt nicht gewollt. Schrecklich. Wer entscheidet so etwas?

Ich zeige es hier vorsichtshalber auch nur ganz klein, damit Sie sich nicht erschrecken. Und damit Sie das offizielle Plakat des Filmfestivals umso besser genießen können: Es zeigt Susan Sarandon und Geena Davis als Thelma & Louise, und ich finde es toll!

Ich werde berichten, so hoffe ich doch!











