Ganz unten –

Ganz oben – über Frankfurt

Nein, ich schreibe heute nicht über Günther Wallraff – oder doch, indirekt vielleicht. Ich schreibe heute darüber, dass ich in letzter Zeit schon mehrfach hingefallen bin und dass ich alleine nicht mehr aufstehen kann. Oder zumindest nicht mehr so leicht und schnell, wie ich es früher konnte. Das liegt natürlich an den Umständen. Vor allem an den unbeweglichen Knien, die mir das Hüpfen, Rennen und Ausführen anderer schneller Manöver unmöglich machen. So starre ich am Flughafen auf der Rolltreppe nach unten nur wie gelähmt auf den riesigen Koffer, der von oben angerumpelt kommt, und nehme die gestikulierenden und schreienden jungen Männer ganz oben am anderen Ende der Rolltreppe wie hinter einer Glasscheibe und unwirklich verlangsamt wahr. Ich kann nicht die letzten paar Stufen hinabhüpfen und mein kleines Köfferchen mitreißen. Ich kann auch ohne das Köfferchen nicht rennen oder hüpfen. Kurz hoffe ich, dass ich es noch auf klassische Art von der Rolltreppe schaffe, bevor der Koffer … Aber da ist er mir schon von hinten in die Knie geknallt, und ich liege dumm mit dem Rücken darauf. Mein verdrehter Arm hält immer noch mein Köfferchen fest, das jetzt irgendwo ganz unten liegt. Dann ist die Rolltreppe zu Ende, und ich blockiere sie auf diesem verdammten Koffer liegend. Ich komme nicht mehr hoch. Von oben kommen junge Männer angerannt, aber sie kommen nicht an mir vorbei, über mich hinweg oder wie auch immer. Sie schaffen es nicht, mich aufzurichten, und ich liege wie ein Käfer auf dem Rücken. Selten habe ich mich so dumm und würdelos gefühlt. Plötzlich ziehen mich zwei junge Männer mit kräftigen Armen in einem Ruck hoch und nach vorne und stellen mich auf die Beine. Ich weiß nicht mal, wo sie herkamen. Mein Köfferchen hängt an meinem rechten Arm, von dem ich noch nicht weiß, ob er noch funktioniert. Die beiden jungen Männer fragen kurz, ob alles in Ordnung ist, und sind kurze Zeit später schon auf der Rolltreppe nach oben. „Danke!”, rufe ich ihnen vollkommen verdattert nach. „Vielen Dank!“ „Schon okay“, winken sie ab und sind weg. Jetzt sind auch die jungen Männer da, denen der große Koffer gehört. Sie entschuldigen sich, bleiben neben mir stehen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Ich bewege meinen rechten Arm. Scheint zu funktionieren. Meine Knie zittern, aber sie scheinen sich zumindest nicht weniger zu bewegen als vor dem Hinfallen. „Ich habe kaputte Knie“, stammele ich und versuche, meine Unbeholfenheit auf der Rolltreppe zu erklären. Mein Herz pocht. Ich habe mich furchtbar erschrocken, aber es ist nichts Schlimmeres passiert. Uff! Die beiden jungen Männer, die mich innerhalb von Sekunden und ohne zu Zögern aus dieser misslichen Lage befreit haben, waren in etwa die, die Herrn Merz im deutschen Stadtbild stören: Schwarze Joggingklamotten, Kapuzenpulli, Migrationshintergrund. Diese Jungs haben mir geholfen. Danke!

Warten und lesen

Das erinnert mich daran, dass ich vor vielen Jahren, als ich noch in dem angesehenen Kölner Verlagshaus arbeitete, in dem seinerzeit Wallraffs Enthüllungen erschienen sind, an einem verregneten Tag kurzentschlossen nicht das Fahrrad zur Arbeit nahm – es regnete zu stark. Die Straßenbahn, ich weiß nicht mehr welche, war schon weg oder ich war zu spät dran. Ich lief also in Eile die Severinsstraße gen Süden, um am Chlodwigplatz alternativ einen Bus zu nehmen. Ich war für meine Verhältnisse schick angezogen, rutschte mit meinen glatten Lederschuhen aus und landete im nassen, dreckigen Rinnstein. Damals war ich noch mehr als zwanzig Jahre jünger, eines der Knie war zwar schon kaputt, aber es war doch noch in einem besseren und ich grundsätzlich in einem sportlicheren Zustand. Aber ich hatte mir die Hand aufgeschürft und lag da, und die anderen schicken Leute eilten im Regen an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Der einzige Mensch, der sich mir näherte, mir die Hand reichte und mir beim Aufstehen half, war ein schlecht gekleideter älterer Herr mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Er war unrasiert und sprach gebrochen Deutsch. Er fragte mich mehrfach, ob alles in Ordnung sei. Es hat mich sehr berührt und beschämt, denn Menschen wie ihn habe ich in meinem schicken Verlagsalltag sonst nicht im Stadtbild wahrgenommen. Das und ihn habe ich nie vergessen. Danke!

Zurück: Ganz unten die italienischen Alpen

All das hätte ich schon in einem Hirnwinkel abgelegt, wäre ich heute Morgen nicht schon wieder gefallen. Dieses Mal lag ich im Vorgarten auf dem Rücken und kam nicht mehr hoch. Das kam so:
Wir haben wieder einmal Baustellen und renovieren Wohnungen. Monsieur wollte unseren ehemaligen, sehr großen Badezimmerspiegel, der bei uns seit kurzem ausgedient hat, zu einer Miroiterie bringen. Der Spiegel hat zwar ein paar kleine abgesplitterte Stellen, ist aber ansonsten noch gut und vor allem von guter, schwerer Qualität. Dort sollen aus dem ungefähr drei Quadratmeter großen Spiegel zwei kleinere geschnitten werden, die fürderhin in den neu gemachten Badezimmern hängen sollen. Es ist eine Recycling-Variante, ob es kostengünstiger ist, als der Erwerb zweier neuer (weniger hochwertiger) Spiegel steht noch aus. Monsieur macht viel in seinem Kopf aus, ohne es vorab mit mir zu besprechen, und während ich mir gerade in der Küche die Haare föhne – wir haben zwar im Bad einen schönen neuen Spiegelschrank, aber aus Gründen derzeit keinen Strom (habe ich schon erwähnt, wie beglückend es ist, im Altbau zu wohnen?) – braucht er meine Hilfe. Und zwar jetzt sofort, denn er hat das Auto schon vor dem Haus geparkt. Wir wohnen an einer Durchgangsstraße. Es gibt offiziell keine Haltemöglichkeit. Man muss hier immer schnell sein, wenn man das Auto für eine Reise packt oder Einkäufe ausräumt. Ich lasse also den Föhn fallen, ziehe mir eilig Turnschuhe an und wir wuchten zu zweit die drei Quadratmeter große Spiegelwand durchs Treppenhaus. Ich gehe rückwärts, Treppenstufe für Treppenstufe, durch die Eingangshalle und den Vorgarten. Als ich einen weiteren Schritt mache, bringt mich ein weiches Hindernis aus dem Gleichgewicht. Ich falle rückwärts – immerhin ohne den Spiegel fallen zu lassen – in einen Pflanzenhaufen. Die Nachbarn von oben haben am Wochenende den Vorgarten genauso aufgeräumt wie ich unseren Innenhof. Vor allem haben sie zig der wuchernden, pieksenden Aloe-Vera-Pflanzen herausgerissen, aber auch vieles andere.

Mittelmeer und Himmel

Wir haben zwar einen Kompostbehälter, aber der ist momentan voll, die Pflanzen müssen noch einen Moment warten, bis sie dem Kompost zugeführt werden können und liegen so im Vorgarten herum. Weiß ich eigentlich, sieht man auch, zumindest wenn man vorwärts geht und nicht gleichzeitig einen riesigen Spiegel balanciert. Ich hab nicht dran gedacht, Monsieur hats nicht gesehen. Also liege ich mal wieder auf dem Rücken, dieses Mal in pieksenden Aloe Vera Pflanzen und halte tapfer den Spiegel fest, kann so aber nicht aufstehen.

Nein, niemand kommt dieses Mal, um mir aufzuhelfen, und Monsieur hält lieber den Spiegel fest. Ich muss es alleine machen, dazu stelle ich eine Spiegelecke vorsichtig in eine der ausgerissenen Aloe Vera Pflanzen, drehe mich zur Seite und bringe mich mühsam und gleichzeitig drehend zunächst vorsichtig auf die auf die Knie und von dort mit den Händen abstützend wieder in die aufrechte Lage (einem frühen Feldenkraiskurs sei Dank!). Funktioniert so ähnlich wie das Aufstehen von kleinen Kinder, sieht nur nicht so entzückend aus. Aber immerhin kann ich jetzt den Spiegel wieder aufnehmen und wir wuchten ihn gemeinsam ins Auto, während, wie so oft, der Bus hupend an uns vorbeirauscht und beinahe den Außenspiegel des Autos mitnimmt. Man lebt gefährlich in den engen kurvigen Straßen Südfrankreichs.

Blick auf die Küste ums Esterelgebirge

Voilà, so viel aus meinem Alltag. So kann ich immerhin meine Flugzeugaufnahmen vom letzten Flug nach Deutschland noch unterbringen.

Über Cannes
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