
Die Journalistin wäre am ersten Abend um ein Haar nicht in ihr Hotel gekommen, weil die Rezeption, entgegen der Zusage, dann doch nicht mehr besetzt war. Sie kam nur hinein, weil eine andere Hotelgästin, die spät zurückgekommen ist, sie vertrauensvoll mit hineingelassen hat. Dann gab es keinen Schlüssel zum Zimmer, aber glücklicherweise war ein freies Zimmer offen – es war zwar nicht das, was für sie reserviert war, aber das interessierte um Mitternacht weder die Journalistin und auch sonst niemanden mehr.

Nachmittags trafen wir uns zum Kaffee im Zentrum vor dem Kino Les Arcades, damit ich ihr fast leer gerödeltes Handy mit einer Powerbank auflud. Merke: Ladekabel immer ins kleine Handgepäck! Wir schauten Leute und genossen das Ambiente.


Nachdem schwarze Limousinen vorfuhren, Zeichen für eine der “Montée des Marches” wie man das nennt, wenn die Stars und Regisseure für die Erstausstrahlung ihres Films die rot ausgelegten Stufen des Palais hinaufsteigen, beschlossen wir, uns das näher anzusehen. Soweit man etwas sehen konnte. Eher nicht.


Aber dann klingelte das frisch aufgeladene Handy, die Koffer würden angeliefert, nur kam die Dame mit ihrem Wagen natürlich nicht durch zum Hotel. Sie bat uns, dass wir die Koffer bei ihr abholten, sie stehe auf einem Lieferparkplatz in der Rue d’Antibes und würde zehn Minuten auf uns warten. So hetzten wir durch die Menge, die Journalistin nahm erleichtert ihre Koffer in Empfang, die wir dann zum Hotel rollerten.


Zurück über die Croisette zur Montée des Marches, aber mir reichte es mit dem Gedrängel, ich verabschiedete mich, denn nur knapp zwei Stunden später würde ich schon wieder in die Stadt und zum Théatre Croisette laufen, um dort “Butterfly Jam” zu sehen, den Eröffnungsfilm der Quinzaine über eine tscherkessische Familie, die mehr schlecht als recht ein kleines Restaurant in einer amerikanischen Provinzstadt führt.
Dafür stehe ich kurz vor 21 Uhr an, Einlass ist ab 21.20 Uhr, aber wer zuerst kommt, bekommt die besseren Plätze.

Das schöne Titelbild mit tanzendem Bruder und Schwester trügt. Der Film ist brutaler als ich erwartet habe, ziemlich trist, aber es gibt auch sanfte Momente – eine erste zarte Liebe ensteht, ein Pelikan wird gerettet, ein Mädchen geboren und Monica Belluci sorgt mit ihrem kurzen Gastauftritt für einen Glücksmoment im Leben des sechzehnjährigen Sohnes.


Danach laufen wird durchs nächtliche Cannes, an der Croisette wummert aus allen Strandrestaurants Musik, auch hier muss man eingeladen sein und selbst dann stehen Menschen wieder hunderte von Metern an, um irgendwo hineinzukommen. Ich will nur noch nach Hause und bekomme glücklicherweise einen der letzten Busse um 0.45 Uhr und muss zumindest jetzt nicht mehr laufen. Meine Schritte-App ist trotzdem zufrieden mit meinem neuen täglichen Laufpensum.

Heute dann kein Film, zumindest nicht für mich. Die Journalistin ist spät, aber erfolgreich akkreditiert und steht nun in einer Last Minute Schlange für die Projektion eines der deutschen Filme an: “Vaterland” von Pawel Pawlikowski. Sandra Hüller und Hanns Zischler spielen Erika und Thomas Mann, die durch das Nachkriegsdeutschland reisen. Die Journalistin steht in helles Blau gekleidet zwischen jungen und sehr jungen Menschen, die überwiegend in Schwarz gekleidet sind: Smoking für die Herren, Kleidern und hochhackige Schuhen für die Damen. Das hellblaue Outfit geht durch, die Turnschuhe der Journalistin aber wurden gerügt – so könne man sie nicht hineinlassen. Glücklicherweise hatte sie ihre schicken Schuhe in einer Tasche dabei – die musste sie ultimativ anziehen, bevor sie aufs Gelände zugelassen wurde.
Letztes Jahr hat es deswegen schon einmal einen Skandal gegeben (eine Schauspielerin durfte mit flachen Schuhen nicht auf den roten Teppich) und ich dachte, in diesem Zuge, sei die High-Heels Verordnung sei gestrichen worden, aber anscheinend ist dies nicht der Fall.
Sandra Hüller trug vermutlich High Heels.


Ich hingegen war heute Nachmittag spazieren und sehe Cannes heute nur von oben.

In La Croix des Gardes war es wohltuend leer, nur ein paar Hundebesitzer drehten ihre Runden. Der Wind ist allerdings heftig, ich hoffe, bis morgen hat er sich gelegt, da würde ich gerne abends einen Film am Strand sehen.














Dankeschön für die tolle Bilder und Berichte von den Filmfestspielen.
Jedes Jahr ein Genuss. Ich muss nicht hinfahren dank ihnen bin ich gedanklich immer mittendrin.
Grüße Claudia
Danke liebe Claudia! Da freue ich mich!
LG
Wie interessant ist das alles! Danke sehr für‘s Mitnehmen.
Und dass das Plakat Thelma und Louise zeigt, ist schon frech. Das gefällt mir. Ich glaube, das war der erste Film, den ich gesehen habe, in dem Frauen handeln und sich wehren. Bis auf ein paar Frauen in Western. Aber das ist ja eigentlich auch einer.
Danke dir! Ich verstehe aber nicht ganz, warum du das Plakat “frech” findest?
Hier gab es Kritik, weil das Plakat es so aussehen lässt, als sei das Filmfestival jetzt feministischer geworden, dabei gibt es in der Offiziellen Selektion weniger Filme von Frauen als letztes Jahr (fünf, letztes Jahr sieben) und es ist immer noch alles so männerlastig und die blöde Schuhregelung für Frauen ist ja auch unter aller Kanone.
Ich habe den Film, den ich gestern gesehen habe, nicht so richtig gemocht, weil mir diese nichtsnutzigen besoffenen und sich prügelnden Männer so auf die Nerven gehen, während die brave hochschwangere Schwester für drei schuftet. Er habe eine “male story” und etwas über die Kultur der Tscherkessen erzählen wollen, sagte der junge Regisseur. Na gut.