Weitergehen

Flucht war mein erster Impuls nach Patricks Tod, ich wollte nur weg von hier. Wohin wusste ich allerdings nicht. Patrick wird mir überall fehlen, Erinnerungen werde ich überall haben, und traurig werde ich auch überall sein. Nach ein paar Tagen des Nachdenkens und ruhiger Werdens habe ich mich nun doch entschlossen (vorerst) hier zu bleiben. Ich werde den Job als entretien behalten und in eine der Ferienwohnungen ziehen. Zumindest für ein paar Monate.

Ich war hier ja die meiste Zeit sehr glücklich, ich mag den Ort, das Tal und die Menschen, die wiederum möchten, dass ich bleibe (und die Auberge weiterführe, aber das kann ich mir (noch) nicht vorstellen). Es ist ein wirklich guter Ort, um zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst zu finden: nur Berge, Himmel, Natur.

Mein kleiner Job zwingt mich, morgens aufzustehen und raus zu gehen, was ich sonst vermutlich nicht machen würde. Die körperliche Arbeit tut mit gut. Und es wird Sommer.
Ob ich einen weiteren langen und kalten Winter hier verbringen möchte, weiß ich nicht, aber bis dahin ist ja auch noch ein wenig Zeit. Einen Schritt nach dem anderen.

Am Freitag habe ich die Urne mit Patricks Asche im Krematorium abgeholt. Das war kein leichter Moment, und ich habe Respekt vor den Menschen, die dort arbeiten, die ununterbrochen mit Leid und Traurigkeit konfrontiert sind, und doch noch so echt freundlich und voller Mitleid sein können.

Ich weinte, als ich die Urne auf dem Beifahrersitz anschnallte, sprach mit ihr, als wäre  es Patrick, schliesslich ist es ja auch Patrick, und gleichzeitig kam mir das alles surrealistisch vor. Patrick wollte, dass seine Asche in den Bergen und am Meer verstreut wird. Noch darf man das hier machen, sofern man eine Genehmigung von der Gemeinde bekommt, aber das Gesetz wird in absehbarer Zeit geändert.

Vieilles-fenetres

Ich wollte die Asche in den Bergen alleine verstreuen, ich wollte alleine mit ihm sein, eine Wanderung machen, ein Picknick, wie früher. Ich wollte einen schroffen Felsen hinter dem Dorf erklimmen, einen Ort, wo ich noch nie war, aber die Aussicht, von dort oben die Asche in den Wind zu streuen, stellte ich mir passend vor.
Eine Freundin, die ich nach dem besten Weg fragte, wies mir eine Alternative, einen Trampelpfad der Schafe, dem ich frühmorgens folgte. Nach einer knappen Stunde landetet ich auf einer steilen Wiese, wunderbarer Blick auf das Dorf und die Berge, am Rand steht die Ruine eines Hauses. Ich war erstaunt, denn hier war ich einmal mit Patrick gewesen, er war damals empört, dass das Haus so verfallen war, und er träumte davon, diese einsame Ruine wieder aufzubauen, um dort zu leben. Aber es ging von dort nicht weiter. Kein Weg, der zum Felsen führte. Ich rief meine Freundin an, um nach dem Weg zu fragen, und sie sagte, „aber du bist doch schon da. Das ist Chanabasse„. Ich hatte mich auf der Karte falsch orientiert, einen falschen Namen gelesen und erfragt und somit einen falschen Weg genommen.

Erst war ich enttäuscht, aber dann dachte ich, es sollte wohl so sein, warum sollte ich auch an einem Ort, wo wir niemals zusammen waren, Patricks Asche verstreuen? Hier waren wir einmal zusammen gewesen, hier hätte er gerne gelebt. Hier war also der Ort. Ich setzte mich, musste Luft holen, atmen, schauen, ein bisschen weinen, bevor ich die Urne öffnen konnte. Die Asche ist hellgrau. Die Urne war bis oben hin gefüllt.

Alles kam mir fremd vor, ich brauchte lange, aber dann nahm ich eine Rose aus dem kleinen herzförmigen Gesteck und zupfte die Blütenblätter ab, warf sie in den Wind und gleichzeitig nahm ich eine Handvoll Asche und ließ sie davon wehen. So ging ich langsam über die Wiese und verstreute Asche und Rosenblätter.

Dann saß ich noch lange auf der Wiese und war einfach nur da.

Machaon-2

Als ich später wieder bergab ging, und es eigentlich zu früh zum Zurückkehren fand, ich wollte ja ursprünglich eine Tageswanderung machen, beschloss ich spontan, doch den Weg zu gehen, den ich hätte gehen sollen, um auf den Felsen zu kommen. Und er war anfangs steil und schroff und steinig, später lieblich und grün mit Vergissmeinnicht und Schlüsselblumen und wilden Orchideen, der Weg führte mich wieder vorbei an Ruinen und sattgrünen Wiesen, und ich ging und ging und war dabei umgaukelt von Schmetterlingen. Und ich sah einen dieser seltenen Schmetterlinge, den Patrick letztes Jahr fotografiert hatte, der mich eine Zeitlang begleitete. Für mich war das ein frohes Zeichen. Den Felsen habe ich nicht erklommen, denn ich hatte am bislang heißesten Tag des Jahres nicht genug Wasser dabei, aber ich war doch ein Stück auf einem neuen und unbekannten Weg unterwegs : weitergehen.

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