13

Heute ist Sonntag der dreizehnte im fast noch nagelneuen Jahr 2013 – in Frankreich ist die 13 eine Glückszahl und an einem Freitag, der zudem noch der 13. ist, spielen noch mehr Leute Lotto als sonst. Nicht nur das unterscheidet Deutschland und Frankreich. Ich denke zur Zeit viel über das deutsch-französische nach, denn die deutsch-französische Freundschaft wird 50.

Ich dachte, dazu müsste ich doch auch irgendwas zu sagen haben, als Deutsche in ihrem siebten Jahr in Frankreich. Genau genommen bin ich schon bei siebeneinhalb – mein französisches Leben zähle ich noch wie Kinderjahre, da ist auch noch jeder Monat wichtig, es passiert doch so viel! Siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre in Frankreich machen vermutlich keinen Unterschied mehr, aber zwischen sieben und acht liegen noch Welten. Wirklich? Ich finde schon. Mein Blick auf die Welt wird französischer, nicht dass ich deswegen keine Deutsche mehr wäre. Aber ich habe in diesem Winter zum ersten Mal daran gedacht, die doppelte Staatsangehörigkeit anzunehmen, etwas, was ich vor zwei Jahren noch kategorisch abgelehnt habe. Aber ich denke, eine doppelte Staatsbürgerschaft, die ich ja dank der Sonderstellung, die Deutschland und Frankreich in Europa einnehmen, ohne Schwierigkeiten bekommen könnte, würde dem doppelten Leben, das ich lebe, Rechnung tragen. Nein, kein Exkurs zur doppelten Staatsbürgerschaft von Depardieu, kein langer zumindest, da haben jetzt alle schon genug gesagt – meine anfängliche Empörung weicht auch langsam dem Verständnis für den Schauspieler, der eben eine provokante theatralische Darbietung hinlegt – habe ich nicht selbst auch so einen Hang zu dramatischen Gesten in Zusammenhang mit Geld?! Auch kein Exkurs zu Brigitte Bardot und ihrem vermeintlichen Exodus in das große Pelzmäntel-Land. Da würde sie sich vermutlich ganz schnell in einer der geschlossenen Siedlungen ganz in der Nähe von Depardieu wiederfinden, wenn sie anfinge öffentlich gegen das Pelze tragen zu demonstrieren. Kriegen Sie das eigentlich alles mit in Deutschland? Marseille ist dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt. Wissen Sie das schon? Und dass heute in Paris einmal groß für und einmal gegen die „mariage pour tous„, also für oder gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner demonstriert wird, wissen Sie das auch? Ich merke, dass ich über Manches nicht schreibe, weil ich denke, na, das ist doch so selbstverständlich, das war doch in allen Medien. Aber war es auch in deutschen Medien? Depardieu, BB, Marseille, die Schwulen-Ehe und jetzt … Mali. Vor ein paar Tagen weckte mich Monsieur mit dem Satz „On fait de la guerre au Mali“. Er wirkte zudem noch ganz zufrieden. Ich zog mir das Kissen über den Kopf und dachte schockiert: Wo bin ich nur gelandet? Mein Mann ist zufrieden, weil „man“, also „wir“, was dieses unpersönliche „on“ ja ausdrückt, das hier noch so üblich ist, Krieg führt in Mali. Ich bin grundsätzlich gegen jeden Krieg. Wie kann man denn nur über was auch immer für einen Krieg zufrieden sein? Und was geht mich denn eigentlich Mali an?, dachte ich. Einen ganzen Tag lang war ich wie gelähmt und hörte Nachrichten. Die dramatischen Äußerungen Depardieus und BB’s, die uns die beiden ersten Wochen des Jahres immer und immer wieder vorgekaut wurden, sind mit einem Mal weg vom Tisch. Soll er doch Rasputin spielen und mit dem Präsidenten Wodka saufen, und wer interessiert sich bitteschön noch für kranke Elefanten?! Wir sind jetzt im Krieg. Wo nochmal? Syrien? Nein, in Mali. Gegen die Terroristen im Norden natürlich, die langsam die Macht übernehmen. Für mich wird das nur deswegen halbwegs greifbar, weil ich tatsächlich schon mal in Mali war. Da ein Direktflug nach Burkina Faso, unser damaliges Ziel, so viel teurer war, wählten wir einen Flug nach Bamako und nahmen von dort den Überlandbus. Schon damals galt die Reise in den Norden von Mali, in die Wüste und in das Dogon Land, nicht gerade als sicher, auch wenn uns eine Million selbst ernannter Guides pas de problème dorthin begleiten wollten. Wir sind dann auch lieber direkt weiter gefahren nach Burkina Faso. Trotz zusätzlicher Übernachtung, trotz Busticket war diese Variante viel billiger. Länger dauerte es natürlich auch. Für mich begann mit dem Einstieg in den Bus die erste wirkliche Reise meines Lebens. Als einzige Weiße (mit meinem damaligen weißen französischen Freund) saß ich stundenlang in einem vollgestopften Bus neben einer fülligen Händlerin, die mir fettige Nüsse zu essen gab. Später, an einer der sechs Grenzen, an denen wir warten mussten – drei, um aus Mali rauszukommen, drei, um nach Burkina Faso reinzukommen,  und jedes Mal mit Zollbeamten konfrontiert, die, sagen wir mal, gegen ein gewisses Handgeld, den Aus- bzw. Einreisevorgang hätten beschleunigen können, immer saßen wir zwei Weiße stundenlang in einem Büro rum und warteten, während die Zöllner aßen oder ein Schläfchen machten … Also später, wie gesagt, da aß ich zum ersten Mal in meinem Leben gegrillte Ziege und trank scharfen Ingwersaft. So scharf, dass ich ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Mikroben, sofort noch ein prallgefülltes Plastiktütchen Wasser erstand, das ich in einen Zug aussaugte (man beißt eine kleine Ecke eines Plastiktütchenzipfels ab und saugt so das Wasser raus). Auf der Rückreise kamen wir dank all dieser Warterei dann auch nicht am frühen Abend, sondern nachts um vier in Bamako an und fanden außer einem hotel de passe, einem Stundenhotel auch keine Bleibe mehr offen für die Nacht. Ah, l’Afrique. Diese vier Wochen haben mich geprägt, und nicht nur, weil ich mir natürlich irgendwelche Darmparasiten zugezogen hatte – Danach dachte ich, lasst Afrika in Ruhe. Wir haben da nix zu suchen. Vor allem keine sogenannte und wie auch immer geartetet Entwicklungshilfe. Lasst die sich selbst in ihrem Rhythmus ihren Weg suchen und zu sich finden, zu dem, was sie werden wollen, und wenn sich keiner der superreichen Präsidenten des Landes dafür interessiert, dass 98 Prozent seiner Bevölkerung Analphabeten sind und in mittelalterlichen Zuständen leben, tant pis, mein Problem ist es auch nicht. Ich könnte noch einen Exkurs zu Spenden für ein so wunderbares Projekt wie „Schulen in Afrika“ machen, aber das führt vielleicht zu weit. Fakt ist: ich spende nichts mehr für nirgendwo, vor allem nicht für Schulen irgendwo im afrikanischen Busch, seitdem ich ein nagelneues leeres Gebäude mitten im Nichts besuchen durfte, das mir der Maurer, der sie gebaut hatte, stolz als die von Spenden finanzierte Schule zeigte. Geht da irgendjemand zur Schule? Nein. Denn irgendwann war einfach kein Geld mehr da, um auch noch das Haus für den Lehrer zu bauen, das es ja braucht, um einen Lehrer in den Busch zu holen. Ganz zu schweigen von Geld für Lehrmaterial oder Unterricht, denn der Lehrer müsste ja bezahlt werden. Der Maurer sah mich aufmunternd an. Ob ich das nicht übernehmen wolle? Bei uns liegt das Geld doch auf der Straße. Zwei Tage später war ich Gast in einer Villa eines superreichen Politikers. Interessiert ihn das? Dreimal dürfen Sie raten. Ach ach, so viel zu Afrika, ah, l’Afrique … das wir niemals verstehen werden.

Die Franzosen haben dank ihrer Kolonialgeschichte natürlich einen anderen Blick auf Afrika und sie sind auch nachwievor politisch furchtbar verwickelt. Dass die sich sofort in Krieg begeben, um irgendwelchen „Freunden“ zu helfen, ist quasi unvermeidlich. Zum ersten Mal lebe ich in einem von Linken regierten Land, dass sich so mit wehenden Fahnen in den Krieg wirft. Also, natürlich hat sich der Vorgänger von Herrn Hollande auch schon durch Kriegshandlungen ausgezeichnet, aber den habe ich ja auch nicht geschätzt. Gewählt habe ich ihn sowieso nicht, ich darf ja hier nicht wählen. Womit wir wieder beim Thema wären …

Ich habe mich sieben Jahre lang aus allem rausgehalten. Wenn man mir hier was zu Angela sagt und ihrer Haltung zu Griechenland beispielsweise, dann zucke ich die Achseln. Betrifft mich nicht, ich lebe dort nicht mehr. Wenn Sarkozy dies oder jenes gemacht hat, dachte ich aber auch „betrifft mich ja nicht“, ist nicht mein Land. Herr Schäuble ist (oder war zumindest) gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, weil sie doppelte Loyalitäten schaffe. Man kann ja auch nicht zweimal verheiratet sein. Man muss sich mal entscheiden. Diesen Diskurs führen natürlich die, die sich nicht entscheiden müssen, die das gar nicht kennen, beides zu sein. Die eben nicht zerrissen zwischen zwei Kulturen sind und nirgends richtig zu Hause oder im besten Falle glücklich, beides zu sein, so viel reicher, viel mehr zu sehen und zu verstehen.

Ich habe vor kurzem das viel kritisierte Buch der drei jungen ZEIT-Journalistinnen gelesen, die sich als die „neuen Deutschen“ bezeichnen und die versuchen den Ein-Land-Bewohnern ihr permanentes Zwei-Länder-wohnen-ach-in-meiner-Brust-Leben zu erklären. Ihre gelebte doppelte Loyalität. Mich hat das Buch aufgrund meiner Zwei-Länder-Situation sehr angesprochen, aber ich glaube, wenn man nicht selbst betroffen ist, bleibt das alles abstrakt und weit weg. Was wollen die denn? Wollen sie jetzt Deutsch sein oder nicht? Sind doch integriert, und geradezu privilegiert mit ihrer Ausbildung und ihrem Job bei der ZEIT. Na, dann jetzt mal schön den Mund gehalten. Immer wieder diese Integrations-Diskussion, wie nervig … Und, was geht mich das an? Ich bin ja nicht zweiländrig. Was gehen mich die Schwulen an und ob sie heiraten dürfen oder nicht? Ich bin ja nicht schwul. Und what the hell geht mich Mali an?

So lange man nicht betroffen ist, ist alles einfach. Auch die Frage der Loyalität. Ich bin, dank Monsieur und seiner Verehrung für Graham Greene, gerade in einem Briefwechsel (zwischen Graham Greene, Elizabeth Bowen und V.S. Pritchett) auf einen schönen Satz zur Loyalität bzw. zur Unloyalität gestoßen. Greene sagt, als Schriftsteller habe man geradezu die Verpflichtung grundsätzlich unloyal (gegenüber seinem Staat, seiner Religion, seiner Familie …) zu sein, um frei zu sein, um wirklich das sagen zu können, was man sagen will. Er sagt (frei übersetzt) Loyalität sperrt uns ein und zwingt uns allgemein akzeptierte Meinungen auf und hindert uns, die nicht übereinstimmenden Meinungen anderer freundlich und offen anzuhören und zu verstehen.

In einem anderen Land zu leben, verändert den Blick. Wenn man es denn zulässt. Mali ist von Frankreich aus gesehen recht nah. Wenn islamischen Terroristen jetzt in Frankreich Vergeltungsanschläge ausführen, ist das plötzlich auch nah. Ich höre französische Nachrichten, ich sehe und höre Abgeordnete aus Mali sprechen, mein Blick wird weiter und meine Meinung wird unsicherer. Ich lebe hier. Ich kann in einem anderen Land nicht mit meinen vorgefertigten deutschen Gedanken argumentieren und richten.

Ich wünschte mir, jeder Mensch lebte einmal ein paar Jahre in einem anderen Land, fremd zwischen Fremden mit anderer Sprache und Kultur, und müsse sich dort alleine zurecht finden. Man bekäme eine andere Sicht auf Menschen und würde vielleicht selbst angesichts seiner eigenen Fremdheit sanfter, verständnisvoller und menschlicher mit sich und den anderen. Nur so könnte sich unser Blick wirklich weiten. Und wir würden vielleicht insgesamt offener, freundlicher für Unvollkommenes, für Uneindeutiges, für Fremdes. Eine doppelte Loyalität ist noch viel zu wenig.

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5 Antworten auf 13

  1. Gerd Ziegler sagt:

    Dank der umfangreichen Berichterstattung durch WDR 5, wird man hier sehr gut über die Geschehnisse in der Welt, sowie bei unserem Nachbarn Fronkraisch unterrichtet. Selbst auf dem Parteitag einer „Unter-Fünf-Prozent-Partei“, stellen einige Claqueure einen Vergleich zur hiesigen Steuerverdrossenheit mit dem Neorussen Depardieujewitsch her.

    Dabei kann man mit den schönen Steuergeldern Waffen kaufen (das kurbelt unsere Wirtschaft an) und sie im Ausland (wo sonst) testen.

    Apropos Waffentest. Über das Säbelrasseln in Mali wird natürlich jetzt auch auf allen Kanälen heftig und bunt berichtet. Das lenkt ab. Von Steuergeldveruntreuungen, von bevorstehenden Wahlen, von Nieten in Nadelstreifen und von anderen lästigen Themen.

    Ich streue jetzt mal ein Gerücht: Bei der Eröffnung des Hauptstadtflughafens Berlin (BER) im Jahre 2022 stellt man überrascht fest, das es sich bei dem Bauwerk um einen Bahnhof handelt. Man habe dummerweise die Bauzeichnungen mit Stuttgart21 verwechselt…

    Deinen Wunsch, dass man Weltreisender Ausländer sein sollte teile ich sehr gerne und kann in Facebooksprache „Gefällt mir“ sagen.

  2. Barbara Kiel sagt:

    Hallo Christjann!
    Ja, wir sind gut informiert und ich stimme Ihren Ausführungen voll und ganz zu. Im April 2011 bin ich mit meinem Mann in Paris auf der Champs in eine kleinere Demonstration geraten. Ein junger Mann, sehr kreativ ein Bein in abgeschnittener Jeans, das andere im neckischen Mini-Röckchen, T-Shirt, darüber ein pinkfarbener BH und blonde Perücke, schob einen Kinderwagen mit Demo-Plakat und machte so klar, dass in ihm beide Geschlechter stecken. Er bot mir an, ihn zu fotografieren, schade, dass man kein Foto anhängen kann! Umso mehr hat es mich gerissen, als ich im TV sah, dass eine Riesen-Demo gegen gewisse Rechte von Schwulen und Lesben in Paris statt fand.
    Auch bei ihnen gibt es langjährige Beziehungen und in bestimmten Situationen ist es wichtig, einen legalisierten Status zu haben! Wir hoffen, die Franzosen lassen sich das noch einmal durch den Kopf gehen!! Wir wohnen an der franz. Grenze und sind oft „drüben“.
    Die Nachrichten in Mali und Algerien überschlagen sich und die Auswirkungen auf Frankreich sind unübersehbar. Diese Gegner sind so durchgeknallt und fern unserer Mentalität, es wird sehr schwierig werden. Ich warte auf Scholl-Latour im TV, der alte Mann hat noch viel zu sagen!!!

    Alles Gute!

    Barbara

  3. Karin sagt:

    Hallo Christian,

    Oh, das mit dem Zweiläner-Spagat ist aber eine ‚Wahrheit wie eine Kuh‘, wie man hier in Holland so schön sagt :-) Ich stimme Dir voll und ganz zu in Deinen Erläuterungen und Du bringst das Gefühl für mich auf den Punkt. In einem anderen Land wohnen erweitert den Horizont, macht offener, toleranter und verändert auf jeden Fall den Blickwinkel, zumindest davon bin ich überzeugt. Plötzlich ist nicht mehr alles einfach so wie es ist (also wie man es sich jahrelang gewöhnt war von zu Hause, quasi in die Wiege gelegt bekommen hat), plötzlich gelten da andere ‚Normen & Werte‘. Nach 13 Jahren in Holland werde ich immer mehr zur Holländerin, und das passt dann manchmal nicht mehr so gut ins alte Gefüge, wenn ich zu Besuch in meine altn Heimat (der Schweiz) fahre. Dort flüstert man im Zug, begegnet man sich (über)höflich und sagt man ganz bestimmt nicht auf direkte Weise was Sache ist, während der Holländer direkt, offen und manchmal auch etwas brutal ist. Die Landung mit dem Flieger in Basel fühlt sich an wie zurückschlüpfen in eine alte Haut und diese Haut wird irgendwie immer enger und kneift und drückt und an manchen Stellen ist sie auch gerissen und will einfach nicht mehr passen. Ich bin zwar Schweizerin, aber auch nicht mehr und ich bin zwar keine Holländerin, aber fühle mich aber mehr in Holland zu Hause als in der Schweiz. Verwirrend aber auch gut und lehrreich. Menschen sind in meinen Augen stets mehr Menschen und weniger Schweizer, Holländer, Deutsche, Franzosen oder was auch immer. Schubladendenken ADE und das erfahre ich als sehr befreiend!

    • dreher sagt:

      Danke! Aber, was ist denn „eine Wahrheit wie eine Kuh“? Hier sagt man „la vache!“ (die Kuh!), wenn man etwa „oh verdammt!“ sagen will. ;)

  4. Karin sagt:

    Hallo Christiane,

    Nochmals ich, entschuldige bitte, ich sehe gerade dass ich Dich ungewollt zum Mann gemacht hab, da das e hinter Deinem Namen fehlt..:- (!

    Liebe Grüße,

    Karin