Zwischenruf – noch sechs Tage

Ein paar Tage war ich gedanklich anderweitig beschäftigt, das mögen Sie mir verzeihen, aber es ist auch nicht wirklich etwas Neues passiert. Außer, dass die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen hat. Mich erinnert das Ganze ein bisschen an den Kölner Karneval, der ja auch über Wochen immer präsenter wird im Alltag und dann geradezu explodiert, wenn nämlich endlich der Straßenkarneval beginnt: Es geht lo-hos! So ist es auch hier. Noch mehr Wahlkampf schien kaum noch möglich, aber doch, man kann es noch steigern, der Straßenkarneval äh -wahlkampf hat begonnen: Man darf erst jetzt offiziell Wahlplakate anbringen, man bekommt die Wahlkampfspots aller Kandidaten im Fernsehen zu sehen, sie sind in sämtliche Nachrichtensendungen eingeladen und dürfen sich und ihr Programm vorstellen, sie machen ein großes Meeting nach dem anderen und baden in der Menge. Am Donnerstag wird es noch eine dritte große Fernsehdebatte mit allen Kandidaten geben. Auch wenn die Einschaltzahlen hoch sind, so schätzen nicht alle Franzosen diese neue Show-Time der Politiker (all die Jahre gab es höchstens ein Rededuell der beiden Kandidaten, die in den zweiten Wahldurchgang kamen). Politiker sollten sich nicht zum Kasper machen, heißt es. Das mache ja schon Canal+ mit den Guignols.


Les Guignols, l’intégrale du 14/04 par lesguignols

Und als hätten wir noch nicht ausreichend schlechte Nachrichten, hat die heiße Phase der Fake-Meldungen ebenso begonnen: Skandal! Fillon sei entlastet und „die Medien“ verschwiegen es, hieß es kürzlich. Heute habe ich eine Mail bekommen, die eine „alternative“ Umfrage mit extrem guten Ergebnissen für Fillon verbreitet: „Teilt die Info!“ heißt es darin. Macron soll vor laufendem Mikro (das er ausgeschaltet glaubte) seine Bewunderung für einen radikalen Muslim geäußert haben. Und überhaupt sei er von Saudi Arabien finanziert. …

Wem glauben wir also? Und wen wählen wir? Macron? Mélenchon? Le Pen? Oder gar den bodenständigen Jean Lassalle? Der selbstbewusst sagt, ich werde Präsident, auf mich geben schon seit 40 Jahren immer alle keinen Pfifferling, aber letzen Endes werde ich gewählt! Dürfte ich wählen, würde ich mich für ihn entscheiden, weil ich seine grundehrliche „ländliche“ Art mag und sein „zentriertes“ Programm (er war jahrelang der engste Mitarbeiter von François Bayrou) gar nicht so abwegig ist. Aber in Paris und in den Großstädten lächelt man nur überheblich. Selbst Yves Calvi, ein mir sehr angenehmer Journalist und Moderator verschiedener Politiksendungen, spricht mit Lassalle betont freundlich, so als habe er es mit einem Kind zu tun, das man mag, aber nicht ernst nimmt. Nun, die doch etwas wahrscheinlichere Vorstellung, dass wir uns letztlich zwischen einem extrem linken europafeindlichen Kandidaten oder einer extrem rechten europafeindlichen Kandidatin entscheiden müssen, führt landesweit zu einer gewissen Nervosität. Oder doch Macron? Oder schafft es Fillon noch? Diese letzte Woche ist entscheidend. Viele wissen noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben wollen. Viele ältere Damen (eine große Wählergruppe!) würden in letzter Konsequenz dann doch auf den „seriösen“ Fillon setzen, trotz seiner unklaren Geldgeschäfte, einfach, weil er ihnen „klassische“ Werte und Sicherheit vermittele, und sie Angst vor Veränderungen à la Mélenchon oder Le Pen haben. 15% der Wähler(innen) wüssten sogar auf dem Weg zum Wahlbüro noch nicht, wen sie wählen würden, hieß es gestern. Alles ist sechs Tage vor der Wahl völlig ungewiss. So etwas gab es noch nie. Diese Kolumne erklärt die Stimmung in Frankreich nochmal ganz gut, finde ich.

Für Wahlunentschlossene aber auch für alle anderen weise ich hier noch einmal auf die Veranstaltung von Manfred Flügge in Marseille hin. Venez nombreux!

Die, die völlig resigniert sind, von den zur Wahl stehenden Kandidaten, hoffen, dass im schlimmsten Fall alles durch die ebenso bald anstehenden Wahlen der Legislative relativiert wird: Die Nationalversammlung wird auch direkt vom Volk gewählt. Allerdings habe ich das komplizierte System nicht wirklich durchschaut. Richtig ist, dass es auch dabei kein Verhältniswahlrecht gibt, was erklärt, dass, trotz der hohen Wählerzahlen für Marine Le Pen, zur Zeit nur ein Abgeordneter der Partei im Parlament sitzt (weil sich auch bei dieser Wahl immer alle gegen den Front National zusammenschließen). Was, das muss man doch auch sagen, die Stimmung im Volk nicht richtig wiedergibt. Passieren könnte also durchaus, dass wir, sagen wir einen extrem linken Präsidenten haben (das ist nur ein Beispiel!), der einem konservativen Parlament gegenübersteht, das alle seine Vorhaben und Gesetzentwürfe blockiert. Im Zweifelsfall passiert dann also die nächsten fünf Jahre gar nichts. Ob das ein Trost ist?

 

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