Europa und die Welt

Am 26. Mai ist Europawahl. Ich weiß nicht, wie Sie zu Europa stehen. Solange ich in Deutschland gelebt habe, fühlte ich mich von der Europa-Frage nicht wirklich betroffen oder sagen wir, es war mir so selbstverständlich, dass wir in Europa näher zusammenleben, arbeiten und wirken sollten, na klar war ich dafür. Ich war sehr überrascht, dass in Frankreich, als ich damals 2005 ankam, überall Plakate hingen, die ein Referendum gegen Europa forderten. Auf dem Hof wurde ich auch sofort zu Europa befragt und meine kleine Meinung, die ich schüchtern in meinem rudimentären Französisch stammelte, wurde dort belächelt. Sie redeten auf mich ein, sprachen mir von den Schwierigkeiten, die die Landwirtschaft zu erwarten habe, sprachen von Normen und Dingen, die ich nicht verstand. Noch 2009, als ich schon in Frankreich lebte und als Deutsche zum ersten Mal an einer Europawahl hätte teilnehmen können, habe ich nicht gewählt. Um in Frankreich wählen zu dürfen, hätte ich mich im Vorjahr noch in der Stadt- bzw. Dorfverwaltung auf die Wählerliste einschreiben müssen. Das habe ich versäumt. Ich ging also Anfang Juni 2009 nicht zur Wahl. Ob ich denn in Deutschland mittels Briefwahl gewählt hätte, wurde ich damals vom Bürgermeister der kleinen Dorfgemeinde, in der ich lebte, gefragt, der seine Wähler und Wählerinnen an zwei Händen abzählen konnte. Nö, sagte ich, ich wähle nirgends. Der Bürgermeister konnte es nicht fassen, dass ich, eine intelligente Frau, die Europa „lebte“, war ich doch von Deutschland problemlos nach Frankreich geswitcht, nicht dafür wählen ging. Ich spürte, dass ich an diesem Tag etwas von seiner Achtung verlor. Aber Europa existierte für mich, was gab es da schon zu wählen. Fünf Jahre später, bereits in Cannes, schleppte ich mich, trotz Bänderriss, dann erstmals zum Wahllokal. Monsieur hatte mich im Vorjahr rechtzeitig zur Stadtverwaltung geschickt, damit ich dort das Prozedere des Einschreibens hinter mich brachte und eine Carte électorale beantrage; denn im Jahr 2014 war auch die Bürgermeisterwahl in Cannes, an der ich auch teilnehmen konnte und wollte. Zwei Wahlen, dreimal wählen, es lohnte sich also.

Dieses Jahr aber, 2019, angesichts der nationalen Bewegungen überall, ist mir Europa erstmals wichtig. Dass es Europa vielleicht bald nicht mehr geben könnte, will ich mir nicht vorstellen. Nein, ich habe keine Lösung für alles, aber ich finde die Idee Europa nachwievor eine gute. Daher gehe ich wählen und mache ich mein Kreuz für Europa!

Das Europa-Parlament ist nach dem Verhältniswahlrecht zusammengesetzt und Sie wählen direkt die Personen, für die Sie gestimmt haben. Ich zitiere mal Jose Bovet von der (grünen) Confédération paysanne, der sich dieses Jahr nicht mehr aufstellen lässt, aber dazu aufruft, wählen zu gehen, weil jede Stimme zählt: „Je dirais que s’il y a une élection où chaque voix compte, c’est l’élection européenne puisque les sièges sont répartis à la proportionnelle intégrale. Et donc à partir de ce moment-là, on aura les élus pour lesquels on aura mis un bulletin de vote. Donc, s’abstenir dans l’élection européenne,  c’est la plus grosse erreur à faire. J’appelle vraiment les gens à se mobiliser et à voter véritablement pour les gens de leur choix„. Weiterhin sagt er, dass das man im Europäischen Parlament wirklich Dinge bewegen könne. Es gibt dort keine automatische Mehrheit für ein Thema, man müsse sie wirklich erarbeiten und jeder Abgeordnete zähle. „Je dirais que c’est un endroit où on peut faire bouger les lignes où on peut s’engager. C’est un Parlement qui est élu à la proportionnelle et donc chaque député compte. Comme il n’y a pas de majorité sur chaque thème, on construit une majorité et donc on peut faire changer les choses.“

Bitte gehen Sie wählen! Und wenn Sie Ihr Kreuz auch für Europa machen, tant mieux. Im Internet kursiert die make-a-cross-Applikation. Falls Sie es offen zeigen wollen, dass Sie für Europa wählen gehen.

Auf Arte, Sie wissen schon, meinem Lieblingssender, gibt es am Samstag von 6 Uhr morgens an 24 Stunden Europa zu sehen. Junges Europa. Die Generation nach uns, ich vermute Sie ja eher alle in meinem Alter, nicht wahr. Es ist nicht idyllisch, aber spannend! Lassen Sie uns (weiterhin) aufeinander zugehen!

Weg von Europa und einmal um die Welt ist Guirec Soudée mit seinem Segelboot gefahren, allein, nur begleitet von seinem Huhn Monique, das ihm selbst im größten Sturm fast täglich ein Ei gelegt hat. Was für ein Abenteuer! Ich finde den jungen Mann großartig, und erst dieses Huhn! Ich lese gerade sein Logbuch, es ist faszinierend!

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6 Kommentare zu Europa und die Welt

  1. Tina Sumser sagt:

    merci Christiane! biensur je vais voter… cette fois encore en autriche….
    das logbuch interessiert mich… da du es gut findest .. mache ich mich mal am weg..
    und ja ich liebe ebenso ARTE , wüßte gar nicht wofür ich sonst einen fernseher hätte..na gut, servus tv ist auch ganz fein.. :-)
    herzlichst zu dir xx
    Tina

    • dreher sagt:

      Tina, ich habe das Buch auf seiner Internetsite bestellt, es ist eine Art Tagebuch mit vielen Bildern – ich folge ihm schon lange auf FB und wollte das Buch unbedingt haben, aber vielleicht reicht dir ja auch, auf seiner Seite und bei FB reinzulesen.

  2. chevalier sagt:

    Liebe Christiane!
    Bravo für dieses interessante Plädoyer für Europa und die Europawahl. Leider haben wir hier in Deutschland das Problem, die richtigen oder zumindest geeignetsten Kandidaten aus 1.380 Personen in 41 Parteien herauszusuchen. Da ist es sicher verständlich, wenn sich mancher Wahlberechtigte für seine gewohnte Wochenwahl 6 aus 49 entscheidet und alles andere den anderen überlässt.
    Trotzdem ein schönes Wochenende!

    • dreher sagt:

      Danke Michael, ok, in Frankreich ist es etwas übersichtlicher, und erstmals gibt es nationale Listen bzw. Kandidaten und nicht in jeder Region andere. Nun, man kann ja eine Vorauswahl bei den Parteien machen, da gibt es sicher auch in Deutschland eine Menge, die man ausschließen kann (je nachdem) – in Frankreich kann man sich ja schonmal pro oder contra Europa orientieren. Und dann muss man halt ein bisschen recherchieren, wenn man die Köpfe nicht kennt. Ist doch spannend! Ich mache das aber auch tatsächlich zum ersten Mal.

  3. Sunni sagt:

    Sehr gut! Ich empfinde das Wählen als ein demokratisches Recht, freies Wählen eben insbesondere, nachdem wir es auf unserer Seite Deutschlands 40 Jahre nicht konnten. Es nun freiwillig zu unterlassen aus Bequemlichkeit oder Desinteresse, wäre für mich ein Frevel. Ebenso den Gedanken an ein gutes und dem Guten dienendes Europa aufzugeben, auch wenn man sich nicht mit allen Dingen einverstanden ist. Wo bitte ist man das mit und unter Menschen? Wir jedenfalls haben noch keine Wahl ausgelassen, auch mein sehr viel älterer und kranker Mann nicht. A l`Europe! (Kann man das so sagen, mein Französisch ist sehr rudimentär?) Sunni

    • dreher sagt:

      Danke! Ja, das kann man sagen. Der Franzose ist noch ein bisschen pathetischer, der würde sagen: Vive l’Europe! Und er würde selbtsverständlich anschließen: Vive la France! ;)