Harlem in Cannes

Gestern Abend habe ich mir den Film „Once Upon a Time in Harlem” angesehen, eine Dokumentation über die „Harlem Renaissance”, die erste intellektuelle Bewegung schwarzer KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und MusikerInnen in den 1920er und 1930er Jahren in New York, genauer gesagt in Harlem. William Greaves filmte 1972 eine Cocktailparty im Hause Duke Ellingtons und lässt all die inzwischen alten und sehr alten Damen und Herren aus ihrem Leben und ihrer großen Zeit erzählen. Man nannte sie auch die „New Negro-Bewegung“ – „Negro“ sagen die meisten noch vollkommen ungerührt, wenn sie von sich sprechen. „Negro“ war in den Siebzigern schon verpönt, man sagte jetzt „Black“ oder „Afro-American“, doch sie waren es nicht gewöhnt, anders von sich zu sprechen, und blieben bei diesem Ausdruck. Sie erzählen von sich und erinnern an andere, deren Gedichte oder Songs sie rezitieren. Oder sie geben Textpassagen wieder, die sie vor 40 Jahren für einen Film gelernt haben.

Wir tauchen dabei tief ein in die Zeit der Rassentrennung. Man habe ihnen bei Empfängen nicht die Hand gegeben, und um das beschämende Gefühl zu vermeiden, reichten sie einem weißen Gesprächspartner nie zuerst die Hand. Menschen seien aus dem Aufzug ausgestiegen, wenn sie hineinkamen. Und wenn sie in einem Restaurant essen wollten, musste ein weißer Freund den Tisch reservieren, ihn bereits besetzen und so wichtig sein, dass er im Lokal durchsetzen konnte, dass sie mit ihm dort essen durften. Ein Mann erzählt, sein Vater sei als erster Schwarzer in ein Verwaltungsamt gewählt worden, aber er konnte sein Amt nie ausüben, weil die Weißen es nicht zuließen. Er wurde vom Ku-Klux-Klan bedroht und trug vorsichtshalber immer zwei Waffen bei sich.

Fotos von ihrem jüngeren Ich werden eingeblendet. Sie sind stolz und dankbar, dass William Greaves sie filmt und so die Harlem Renaissance dokumentiert. Die Harlem Renaissance war eigentlich keine Renaissance (also keine „Wiedergeburt”), sondern eine Naissance (Geburt). Der Film erinnert mich von der Stimmung her ein wenig an „Buena Vista Social Club”, nur dass wir es hier in erster Linie mit SchriftstellerInnen, Produzenten, Verlegern, Buchhändlerinnen und bildenden KünstlerInnen zu tun haben und die gesamte Dokumentation sprachlastig ist. Es wird viel erzählt, und es gibt leider nur wenige und kurze Musikeinspielungen, was den Film etwas anstrengend macht. William Greaves hat den Film nie zu Ende bearbeitet; dies hat erst sein Sohn David Greaves jetzt getan. Dieser war mit seiner Familie anwesend. Den Film mit ihnen zusammen zu sehen, macht ihn noch einmal zu etwas Besonderem. Der Applaus war lang und kräftig. David Greaves war sichtlich gerührt, was wiederum das Publikum zu noch mehr Applaus stimulierte.

(c) Screenshot der Quinzaine

Bisschen Musik aus der Zeit. Vielleicht müsste man auch den Film Cotton Club noch einmal ansehen, aber vielleicht ist er auch ein wenig in die Jahre gekommen, dachte ich zumindest, als ich den Trailer gerade nochmal angesehen habe.

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