
Viel ist passiert, es ist nicht einfach, hier wieder reinzukommen. Ich fange einfach mal an. Das deutsche Filmfestival mit den vier Filmen von und mit Andreas Dresen war großartig! Vor allem die persönliche Begegnung mit Andreas Dresen war großartig. Sonntagsabends, nach dem Festival und unserem gemeinsamen Essen, war ich noch ganz erfüllt, aber zu erschöpft, um zu schreiben. Am Montag hatte ich früh ein paar Termine in Cannes und dann fuhr ich in die Berge.
Anne
Anne, die Mutter des Hofes, auf dem ich 2005 gelandet war und mein erstes Jahr in Frankreich verbracht hatte, war gestorben. Sie wurde dienstagsvormittags im kleinen Bergdorf verabschiedet und beerdigt. Ich fuhr allein hoch; Monsieur fühlte sich schon eine Weile nicht besonders gut und blieb zu Hause. Ich hatte zwar meinen Laptop dabei, dachte, dass ich da oben vielleicht zum Schreiben käme, aber nein, klar hat mich abends eine Freundin zum Essen eingeladen und wir quatschten bis spät. Danach fiel ich ins Bett. Der nächste Tag stand im Zeichen der Beerdigung – es war sehr bewegend. Man hatte Fotos von Anne und von ihrem großen Garten auf den Platz gehängt und Fotoalben lagen herum, in denen man blättern konnte. So viele Menschen waren da und sprachen von und über Anne. Wir waren alle traurig und viele weinten. Trotzdem war es für mich schön, weil ich auch so viele Menschen wiedergesehen habe, die ich schon seit Jahren, manche sogar seit Jahrzehnten, nicht mehr gesehen hatte.

Ein krankes Herz
Danach fuhr ich wieder nach Cannes, was auch gut war, denn Monsieur ging es weiterhin nicht gut. Er wartete dann aber noch bis Freitag Nacht, bevor wirklich genug Not war, um ihn in die Notaufnahme zu fahren. Dann aber natürlich nicht in das Krankenhaus nebenan, sondern in die 30 km entfernte Klinik, in der sein Kardiologe tätig ist. Das ist verständlich, aber doch weit weg, wenn die Not dann groß ist. Ich sehe nachts nicht sehr gut, aber es sind dann glücklicherweise um diese Zeit nicht so viele Autos unterwegs, und auf der Autobahn geht es ja die meiste Zeit geradeaus.

Ich fuhr jetzt weiterhin jeden Tag hin, denn von der Notaufnahme ging es auf die Intensivstation. Ich war sehr schockiert, meinen Mann an allerhand Apparate angeschlossen zu sehen, die blinkten und piepsten und in unregelmäßigen Abständen Krankenpfleger und Schwestern herbeieilen ließen. Er war dort gut versorgt, das war immerhin tröstlich. Er hatte eine akute Herzrhythmusstörung, Wasser in der Lunge, Sauerstoffmangel und viel zu hohen Blutdruck. Es dauerte ein paar Tage, viele Medikamente und einen Elektroschock, bis alles wieder im Gleichgewicht war. Seit Mitte letzter Woche ist Monsieur nun wieder zu Hause, aber besonders gut ist es/fühlt er sich noch immer nicht. Immerhin haben wir die Gewissheit, dass seine vier Herzklappen – auch die vor 15 Jahren reparierte – in einem guten Zustand sind.

Ich lerne derweil, ohne Salz (halbwegs) schmackhaft zu kochen, und wir lernen vor allem, ohne Salz zu essen. Das war anfangs entsetzlich fade. Wir müssen auch auf die typischen und leckeren Wurstwaren, Pasteten und Schinken sowie vor allem auf Käse verzichten. Kein Käse mehr! Und das in Frankreich!
All diese Aufregungen machten, dass ich nicht zum Schreiben kam und auch immer noch nicht komme (ich schreibe seit einer Woche an diesem Text) – denn selbst, wenn da Zeitlöcher sind, habe ich oft keinen Kopf dafür. So viel für Sie zur Erklärung meines vielleicht unverständlich langen Schweigens nachdem ich das Filmfestival doch erst so laut angekündigt habe. Daher jetzt zum:
7. (Ost-)deutschen Filmfestival
Auch rückblickend bleibt die Begegnung mit Andreas Dresen in Cannes großartig! Ich kannte ihn bisher nur aus Interviews, die es zum Beispiel letztes Jahr auf arte zu sehen gab. Er wirkt immer freundlich und unprätentiös, und so ist er auch im echten Leben. Gekleidet ist er ebenso uneitel und schlicht, im Berliner Stil: understatiges Leinenhemd, sommerlicher Dreiviertelhose, Sandalen und Totebag, um nicht Leinenbeutel zu sagen.
Da sind vor allem die Damen des Cannoiser Kinoclubs deutlich exaltierter. Schon die Art sich für die erste Begegnung am Abend vor dem Festival zu kleiden zeigt so deutlich wie anders die Uhren in Cannes ticken. Die Damen im kurzen oder langen schwarzen Kleid, angereichert mit großem (Mode)Schmuck, Statement Brillen, High Heels und schicken Handtaschen.
Ich bewegte mich modisch auf dem deutsch-französischen Zwischenweg: Langes, eher sportliches beiges Baumwollkleid, dezentes Make up und Schmuck, flache Sneakers, beim Friseur war ich aber immerhin auch gewesen.

Schicken wir vorweg, dass es aus vielerlei Gründen schwierig war, vier Filme von Andreas Dresen mit französischem Untertitel zu finden. Die letzten Jahre haben wir fast ausschließlich mit dem Goethe-Institut zusammengearbeitet, wo man viele deutsche Filme aus Ost und Westdeutschland findet, die meisten mit französischen Untertiteln versehen, die für den Einsatz in Schulen, oder Kulturveranstaltungen, wie unser Filmfestival, kostenlos zur Verfügung stehen. Ich setze hier mal einen Link, vielleicht ist das interessant für die eine oder den anderen. Leider hat das Goethe Institut im Moment keinerlei Rechte mehr an Filmen von Andreas Dresen. Wir mussten also auf dem Filmmarkt suchen. Wenn man nicht aus dem Filmmilieu stammt und keine Verleihagenturen kennt, gleicht die Suche nach dem Rechteinhaber älterer Filme einem undurchschaubaren Labyrinth.
Andreas Dresen war mit der Fertigstellung seines neuesten Films “Alte Liebe” (mit Dagmar Manzel und Joachim Krol, nach einem Roman von Elke Heidenreich), der direkt nach unserem Filmfestival in Zürich Weltpremiere hatte, beschäftigt und hatte darum gebeten, mit unserer Planung nicht belangt zu werden. Die Auswahl dessen, was wir ursprünglich vielleicht gerne gezeigt hätten, was der Kinoclub dem französischen Publikum zeigen wollte und dem, was für uns erreichbar war, schrumpfte immer mehr zusammen.
Es gingen wochenlang bestimmt mehrere hundert zweisprachige Mails zwischen uns beiden Deutschen (mir und Franka Günther aus Weimar, die Initiatorin unseres Festivals, das sie mit dem ehemaligen Präsidenten von Ciné Croisette Serge Basilewski im Jahre 2019 erstmals ins Leben gerufen hat) der neuen Vereinspräsidentin von Ciné Croisette, dem Büro des Filmclubs und den diversen Verleihagenturen und möglichen Rechteinhabern hin und her.
Andreas Dresen und seine Filme, man kann es sich als Deutsche(r) kaum vorstellen, sind in Frankreich so gut wie nicht bekannt. Auch die Leitung des Kinoclubs hatte von ihm noch nicht gehört, geschweige denn einen Film gesehen. Und das, obwohl er mehrfach mit seinen Filmen in Cannes war und auch ausgezeichnet worden ist. Für Wolke 9 zum Beispiel oder für Halt auf freier Strecke.
Letzten Endes haben wir “Gundermann” am Start und “Stilles Land” – zwei Filme, die sich mit der DDR beschäftigen, dann haben wir auf den letzten Drücker den zumindest leicht wirkenden Film “Sommer vorm Balkon” bekommen, und enden mit Andreas Dresens (bis dahin) letztem und sehr bewegenden Film über Hilde Coppi, die in der Nazizeit wegen kommunistischer Spionage hingerichtet wurde: “In Liebe, Eure Hilde”.
Es geht los!
Und dann war es soweit. Andreas Dresen reiste mit seiner Lebensgefährtin Esther an, kam in der schönen Villa Belle Rive in Cannes La Bocca unter, wo wir auch unser erstes absolut köstliches gemeinsames Abendessen einnahmen. Es wurde ein sehr netter Abend, nicht nur aber vor allem dank Andreas Dresen, der, wie gesagt, unprätentiös und freundlich mit jedem von uns sprach, erzählte und sich für uns interessierte. Es war ein Sprachenkauderwelsch in Deutsch, Französisch und Englisch. Für die französisch-deutschen Übersetzungen sowie im privaten Bereich als auch die folgenden Tage simultan im Kino, wenn Dresens Einführung zu den Filmen oder Fragen des Publikums in die jeweils andere Sprache übersetzt werden mussten, war über die ganze Zeit unermüdlich und wie stets perfekt Franka Günther im Einsatz. Die Arbeit von ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen wird meines Erachtens selten genug gewürdigt; ich möchte es hier einmal betonen, denn ohne sie würden Veranstaltungen wie die unsere nicht funktionieren. Es ist konzentrierte Arbeit und nichts, was man mal eben so aus dem Ärmel schüttelt, auch wenn es natürlich immer so aussieht. Danke Franka!
Gundermann

Wie jedes Jahr fürchteten wir uns, ob viele Menschen den Weg ins Kino finden würden. Wir hatten wie immer mit anderen deutsch-französischen Vereinen kooperiert, und die Tageszeitung Nice Matin hatte zugesagt, das Filmfestival an drei Tagen in die Veranstaltungsagenda aufzunehmen – ich nehme es vorweg – von den anderen Vereinen kam meines Wissens, wie auch schon die letzten Jahre, niemand, und Nice Matin hatte uns drei Tage lang nicht erwähnt. “Gundermann” war trotzdem gut besucht. Es gab sogar deutsche Urlauber, die zufällig in der Stadt waren und sich zumindest diesen Film ansahen. Dann gab es einen enttäuschend schlecht besuchten Film (“Stilles Land”). Die beiden anderen Filme lagen so im Mittelfeld. Was aber nicht enttäuschte war die Aufmerksamkeit des Publikums, das die Ausführungen und den Dialog mit dem Filmemacher schätzten. Leider waren wir hier zeitlich oft begrenzt, denn die Säle wurden bald schon für den nächsten Film gebraucht.

Wir waren zwar nicht wenig stolz, dass zum Beginn des Festivals eine Dame aus dem Kulturreferat der Stadt Cannes kommen sollte, um Andreas Dresen zu begrüßen. Leider hatte sie keine Ahnung, wie Andreas Dresen aussieht und übersah ihn geflissentlich, begrüßte dafür Monsieur sehr herzlich, der in ihren Augen vermutlich eher einen Regisseur verkörperte. Ihre freundliche Rede wirkte danach, zumindest für uns, etwas aufgesetzt. Dass sie dann nicht wenigstens aus Höflichkeit blieb, um wenigstens den ersten Film anzusehen, konnte uns dann auch nicht mehr erschüttern.
Das Publikum liebte “Gundermann” und es gab viel Applaus für den Film über das Leben des Baggerfahrers (großartige Bilder vom Braunkohleabbau) und Musikers Gerhard Gundermann, ein überzeugter Kommunist, der sein Land liebte, aber zu frei und zu kritisch war für die Parteilinie. Er war Stasi-Spitzel und wurde selbst bespitzelt.
Und ich dachte erneut, dass ich mir eine CD von Gundermann oder den neu eingespielten Soundtrack zulegen möchte und summte wieder tagelang “Jetzt komm’n die fetten Tage, Linda” vor mich hin. Andreas Dresen tritt übrigens immer mal wieder mit der nach dem Film gegründeten Band “Buschfunk” auf, sie spielen und singen mit dem Gundermann-Darsteller Alexander Scheer die Songs von Gundermann. Es gibt auch Konzerte im Westen.
In der kurzen Mittagspause, in der wir uns auf die Schnelle in ein Restaurant begaben, Essen gehen ist hier ja immer sehr wichtig, sprachen wir unter anderem über die schwierige Situation der Filmfinanzierung, die wohl in Deutschland noch einmal problematischer ist als in Frankreich. Volker Schlöndorff hat in einem Interview in Cannes dieses Jahr erzählt, dass er einen Kredit auf sein Haus aufnehmen musste, um seinen letzten Film „Heimsuchung” (nach dem Buch von Jenny Erpenbeck) selbst zu finanzieren, weil er einfach nicht genug Geld zusammenbekam. Andreas Dresen erzählte daraufhin, dass er für den Film „Halt auf freier Strecke” überraschend mit seinem eigenen Geld ein Haus kaufen musste. Sie hatten seinerzeit ein Haus angemietet, das für den Film ideal war und dort bereits mit den Dreharbeiten begonnen, als es plötzlich einen Käufer für das Haus gab. Um das Haus für die Dreharbeiten zu behalten, blieb nur die Möglichkeit, es zeitlich vor dem interessierten Käufer selbst zu kaufen. Dresen erzählte, dass er und ein weiterer am Film beteiligter Freund freitags morgens die Entscheidung trafen, all ihre Ersparnisse abzuheben und dem Makler einen Koffer voller Bargeld zu bringen, um das Haus selbst zu erwerben. Freitagsabends hatten sie dann mal eben das Haus gekauft. Die Idee war, dass sie das Haus nach den Dreharbeiten mit Gewinn wiederverkaufen würden. Aber letzten Endes wurden sie das Haus drei Jahre lang nicht los und machten damit schließlich einen Verlust von zehntausend Euro. So viel zum glamourösen Leben von Regisseuren.
Stilles Land

Am Nachmittag sahen wir im kleinen Kino von Le Cannet den Film „Stilles Land”. Es ist Andreas Dresens erster Kinoafilm aus dem Jahr 2002, und er sagt, dass er ihn sich keinesfalls mehr ansehen kann, da er zu genau sieht, was alles nicht richtig geworden ist. Er glaube sowieso, dass die Strafe für Filmemacher im Fegefeuer sei, dass sie sich alle ihre alten Filme wieder ansehen müssten.
“Stilles Land” zeigt die letzten Wochen der DDR an einem Provinztheater im Norden der DDR. Ein junger, engagierter Regisseur will dort „Warten auf Godot” auf die Bühne bringen – ein gewagtes Vorhaben: Becketts Theatertext, der im Westen schon lange ein Erfolg ist, war in der DDR unerwünscht und wurde erst 1987 in Chemnitz erstmals aufgeführt.

Der Film wurde mit wenigen Mitteln im Theater in Anklam gedreht. Das sieht man, aber ich finde ihn trotzdem eindrücklich. Die marode Stimmung im Land wird eingefangen. Es herrschen Angst, Misstrauen, Opportunismus und viel unterdrückte Wut. Unmengen an Alkohol helfen, das alles auzuhalten. Viel wichtiger als die Proben ist den Schauspielern mithilfe einer aus Berlin organisierten Fernsehantenne, sich im Westfernsehen über die Lage in Berlin und Leipzig zu informieren. Mitten in der Probezeit werden dann überraschend die Grenzen geöffnet –
Am Sonntagmorgen fuhr mich Monsieur in aller Frühe ein bisschen in der Gegend herum, ich habe beim Metzger in Mandelieu einen Rinderbraten bestellt, (bevor ich wusste, dass Andreas Dresens Freundin Vegetarierin ist) und ich musste auch noch beim Patissier (in der anderen Ecke von Cannes) zwei kleine Torten abholen und beim Bäcker Brot mitnehmen. Alles andere, Ratatouille, Käse und Knabberzeug für den Apéro hatte ich schon gemacht oder erworben. Wir planten ein kleines Abendessen unter “uns” – also nur Franka, ich und Monsieur, Andreas Dresen und Esther. Aber zunächst gingen wir erstmal wieder ins Kino. Ins Olympia dieses Mal, das den Film “Sommer vorm Balkon” leider nur klein und im Inneren angekündigt hatte und die Dame an der Kasse schickte zusätzlich die Leute in den falschen Saal. Aber wir kamen dann doch alle zusammen.
Sommer vorm Balkon

Ich habe “Sommer vorm Balkon” beim ersten Sehen vor ein paar Jahren nicht so gemocht: ich hatte eine leichte Sommerkomödie um die zwei Freundinnen Nike und Katrin und vielleicht eine freche Liebesgeschichte erwartet, und fand den Film dann überraschend ernst und melancholisch. Triste Themen wie Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, alleinerziehende Mütter, alte und pflegebedürftige Menschen und auch Alkoholismus, ließen mich beim ersten Sehen ebenso trist zurück. Gefilmt wurde rund um den Berliner Helmholtzplatz, und auch da kann man melancholisch werden, sagt Andreas Dresen, denn so sieht der Platz heute nicht mehr aus.
Vor allem die liebevolle Art, mit der sich Nike (Nadja Uhl), die nicht aussieht, wie man sich gemeinhin eine Altenpflegerin vorstellt, um ihre „Alten” kümmert, hat mich dieses Mal berührt. Das liegt natürlich auch daran, dass meine eigene Mutter nun in einem Pflegeheim lebt und mich diese ganze Thematik heute sehr beschäftigt. Nadja Uhl hat sich auf diese Rolle gut vorbereitet. Sie hat gelernt, wie man bettlägrige Menschen anhebt, wäscht, füttert und Windeln austauscht. Es sei überraschend nicht schwierig gewesen, Schauspieler für die Rolle der alten und teilweise dementen Menschen zu finden, erzählte Dresen. Ihnen war es wichtig, dass vom Altwerden realistisch erzählt wird.

Ich bin froh, dass ich mich dieses Mal anders und tiefer auf den Film einlassen konnte und nicht nur genervt war, dass Nike so lange mit diesem Möchtegern-Macho zusammenblieb, und so die ganze Bandbreite dessen, was die Figuren erleben, wahrgenommen habe: und das geht von Komödie bis Tragödie. Deutsche Schlager, allen voran “Guten Morgen Sonnenschein” von Nana Mouskouri kommentieren die Szenen ironisch, manchmal auch ermutigend, wenn etwa Vicky Leandros “Ich liebe das Leben” singt. Es will trotz allem gelebt werden dieses Leben, trotz aller Enttäuschungen und Schwierigkeiten.
Im Übrigen sind viele Menschen, die im Film mitspielen, keine Schauspieler:innen, so etwa die Rettungssanitäter:innen und Ärzt:innen in der Berliner Charité. Das gibt dem Film sehr viel Realismus. Er habe beim Lesen des nur dreißig Seiten umfassenden Drehbuchs von Wolfgang Kohlhaase, der schon Drehbücher für bedeutende Defa-Filme geschrieben hat („Solo Sunny”), den Eindruck gehabt, als würde man den Menschen beim Leben zuschauen. Und genau so ist der Film geworden, finde ich. Mit einem sehr liebevollen Blick auf die Figuren, was übrigens für alle Filme von Dresen gilt.
Beim Mittagessen, dieses mal bei einem Georgier, das einzige Restaurant, das im Viertel wo unser Nachmittagsfilm laufen wird, sonntags geöffnet hat, saß Andreas Dresen als einziger Mann wieder umgeben von exaltierten und dramatisch gekleideten Damen, manche davon mit großem Redebedarf. Er tat mir ein bisschen leid.
In Liebe, Eure Hilde

Im kleinen Kino in Rocheville, das nicht zu Cannes sondern zur selbstständigen Gemeinde Le Cannet gehört, hat man immerhin eine Dame aus dem Gemeinderat gefunden, die Andreas Dresen herzlich willkommen heißt, auch wenn sie, man spürt es, ebenso keine Ahnung hat, wer dieser Regisseur ist. Immerhin bleibt sie da, um unseren vierten und letzten Film “In Liebe, Eure Hilde” anzusehen. Andreas Dresen sagte im Vorfeld, er könne sich den Film kein weiteres Mal ansehen, er ginge ihm zu nahe, und er versteht auch nicht, wie wir diesen Film als Abschlussfilm zeigen können. Mit so einer traurigen und erschütternden Geschichte könne man die ZuschauerInnen nicht aus dem Festival entlassen. Er bittet daher dringend darum, dass wir nach dem Film nicht in alle Winde davoneilen, sondern wirklich über den Film sprechen.

Die Version des Films für den französischen Markt trägt den Titel Berlin, Été 1942, also „Berlin, Sommer 1942”. Andreas Dresen ärgert sich sehr darüber, weil die Geschichte damit nur in die deutsche Vergangenheit eingeordnet wird. Er hat sie jedoch so erzählt, dass sie universell ist und jederzeit und überall stattfinden könnte – gerade auch in unserer politisch wieder sehr aggressiven Zeit mit extremen Parteien in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern.

Hans und Hilde Coppi und die Gruppe um sie herum – die sogenannte Rote Kapelle (Kapelle im Sinne einer Musikergruppe) – wurden in der DDR als kommunistische Widerstandshelden gefeiert. Andreas Dresen wollte jedoch die (jungen) Menschen zeigen, denen die Vergnügungen in ihrem Leben ebenso wichtig waren: Musik machen, Tanzen, Schwimmen, Zelten, Lagerfeuer am See und sich verlieben. Vor allem Hilde Coppi war keine linientreue Kommunistin, wie sie in der DDR gerne dargestellt wurde, sondern einfach eine junge Frau, die sich in einer dunklen Zeit entschied, ihrem Herzen und ihren Überzeugungen zu folgen. Im Prozess versucht man sie zu manipulieren und dazu zu bringen, auszusagen, ihr Mann habe sie mit hineingezogen. Sie aber steht zu ihrer Überzeugung und sagt (in einem anderen Zusammenhang): „Glaubt ihr, Frauen können keine eigenen Entscheidungen treffen?”
Der Film beginnt mit Hildes Verhaftung. Sie ist hochschwanger und verbringt die Zeit bis zur Geburt und danach noch einige Monate mit ihrem Kind im Gefängnis in Plötzensee, bevor sie dort hingerichtet wird. Gleichzeitig wird ihre Liebes- und Widerstandgeschichte in gegenläufigen Rückblenden erzählt, was dabei hilft, die düstere Geschichte auszuhalten. Denn am Ende habe nicht nur ich geweint. Bedrückt, erschüttert und aufgelöst sind fast alle Zuschauer:innen. Liv Lisa Fries, die Hilde Coppi verkörpert und die manche vielleicht bereits aus der Serie “Babylon Berlin” kennen, spielt eindringlich und intensiv. Es ist ein toller und starker Film, den ich ausdrücklich empfehle, aber leicht ist er nicht.
Andreas Dresen ist am Ende präsent und fängt uns auf, in dem er über den Film erzählt, und er ist später auch präsent für alle Gespräche und Fragen und lächelt freundlich für Selfies in Kameras; dass wir danach noch einen kleinen Apéro geplant haben, um im Vorraum des Stadtteilkinos noch weiter zusammensein und reden zu können, ist angenehm. Das tun wir auch, wir stehen noch lange herum, trinken Prosecco und Orangina, knabbern etwas Gebäck und sprechen nicht nur über diesen Film, auch wenn er uns vielleicht am meisten berührt hat, wir sprechen über Deutschland in Ost und West, über vergangene Kriege und extreme Parteien (die Landtagswahl in Thüringen liegt noch nicht so lange zurück und war auch in den französischen Medien Thema).
Unter den ZuschauerInnen erkenne ich eine alte Dame, sie ist die Mutter eines Freundes, und wir kommen über den Film ins Gespräch. Sie habe alle vier Filme gesehen sagt sie mir stolz, und sie sei sehr beeindruckt. Das Festival habe ihr ausnehmend gut gefallen. Sie sei den Kindern ihres Lebensgefährten dankbar, die von Paris in den Süden gekommen seien, um den Vater zu besuchen und die dann, auf der Suche nach etwas, was sie an diesem Wochenende zusammen mit den alten Herrschaften (beide 90+ !) unternehmen könnten, auf unser Filmfestival gestoßen sind. Und sie haben sich alle zusammen alle vier Filme angesehen! Großartig, oder?
Ein Feuerwerk
Abends hatten wir im kleinen Kreis auf der Terrasse eines Hochhauses, mit Blick auf das nächtliche Cannes, noch ein Abschiedsessen geplant. Nur kurz, Andreas Dresen und seine Freundin mussten am nächsten Tag in aller Frühe zum Flughafen, um den Flieger nach Zürich zu bekommen, und sie wollten für die Weltpremiere des neuen Films und alle Pressetermine der folgenden Tage gern ausgeruht sein. Aber dann blieben wir doch fast bis Mitternacht bei lauen Temperaturen auf dieser Terrasse mit dem tollen Blick, wir aßen und plauderten und erzählten uns private Geschichten aus unserem Leben, die aber, das verstehen Sie, auch privat bleiben. Und dann gab es überraschend noch ein Feuerwerk! Der krönende Abschluss eines tollen Filmfestivals und Wochenendes! Merci an Andreas Dresen und Esther, für Ihre Zeit, Ihre Energie, Ihre Zugänglichkeit und Freundlichkeit! Merci an Franka für die Idee, die Kontakte, die Kommunikation und Organisation im Hintergrund und vor allem und immer wieder, merci für das kongeniale Übersetzen und Simultandolmetschen. Merci an Ciné Croisette, die uns erneut vertraut, und die Filme erworben haben, für die Organisation, das Verhandeln mit den Kinos und die Kommunikation auf den sozialen Medien. Und natürlich, ein großes Merci an alle, die durch ihre Anwesenheit das Festival zu einem Erfolg gemacht haben!












