Rien ne va plus – und bin doch wieder da

Rien ne va plus – nichts geht mehr. Weder technisch noch seelisch. Ich befinde mich außerhalb des globalen Dorfes und in der inneren Emigration. Ich habe kein Internet mehr, kein Festnetztelefon und eine Zeitlang hatte ich auch kein Handy mehr: Und siehe, es hat mich nicht in Panik versetzt. Das Abbinden der Nabelschnur Internet hatte ich zwar mit großem Bangen erwartet, es dann aber fast erleichtert aufgenommen…

Es gab keinen Grund mehr in die Auberge zu gehen. Puh! Denn auch als ich noch in der Auberge über einen Internetanschluss verfügte, konnte ich immer weniger schreiben, habe nur hastig die Mails überflogen und einen ultrakurzen Blick auf die Blogs geworfen, ohne die innere Ruhe irgendeinen Blogeintrag überhaupt zu lesen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, mich in der Auberge längere Zeit aufzuhalten. Dachte dann zwar, ich muss schnell noch einen Blogeintrag schreiben, solange es noch geht, dann dachte ich, ich muss doch wenigstens noch sagen, dass ich gleich nichts mehr schreiben kann – letzten Endes schrieb ich gar nichts.
Jetzt zu schreiben, dass ich nicht schreibe, ist natürlich paradox. Aber noch sitze ich hier allein auf meinem Balkon und wann ich diesen Artikel veröffentliche, ist noch völlig unklar.

Cachou_PC

Ich habe auch einen neuen Handyvertrag und mein Handy hat eine neue Nummer, die ich dann so gut wie niemandem mitgeteilt habe: Ich bin nicht erreichbar. Ich merke: ich will nicht kommunizieren. Kein Radio, kein Fernsehen, keine Musik, kein Telefon, kein Internet. Kloster. Nur ich und meine Traurigkeit. Aushalten. Nicht wegrennen. Nicht zufressen. Nicht ablenken. Aushalten. Stille aushalten. Leere aushalten.
Stille, Grillenzirpen, Windrauschen, von Weitem das Glockengebimmel und mähmäh der Schafe, die unterhalb des Dorfes grasen. Die Stimmen in meinem Kopf sind laut genug, beziehungsweise die Gedanken kreisen unaufhörlich und laut. Mir war und ist alles äußere Geräusch zu viel. Ich will auch nicht reden, nichts hören, nicht schreiben, mich nicht mitteilen. Ich will nicht dauernd sagen wie’s mir geht, will nicht getröstet und nicht verstanden werden. Gar nichts will ich. Nichts geht mehr.

Nicht, dass ich nicht täglich Dinge erleben würde, die berichtenswert wären, schon allein das neue Leben mit meinen drei Katzen birgt Stoff genug. Kaum steige ich ins Auto sind alle drei höchst alarmiert. Lasse ich sie dann tatsächlich ein, zwei Tage allein, weil ich nach Nizza oder Cannes fahre, sind sie bei meiner Heimkehr extrem beleidigt, folgen mir aber tagelang alle drei auf Schritt und Tritt überallhin. Madame et ses chats heißt es hier nur,  oder, „ach da sind die drei Katzen, dann ist Christjann nicht weit…“. Caline ist total verändert, sie wurde aggressiv und unleidlich, sie ist genau wie ich durcheinander und traurig, und sie hat den Umzug in die andere Dorfecke nicht wirklich akzeptiert, und noch immer läuft sie miauend zur Auberge oder sitzt wartend davor. Mir bricht es jedes Mal fast das Herz und Tränen schießen mir in die Augen, wenn ich sie, kaum ist die Tür der Auberge für einen Moment geöffnet, sehnsuchtsvoll in unser ehemaliges Zimmer flitzen und kurz darauf miauend und suchend wieder runter kommen sehe. Sie sucht Patrick. Sie sucht ihn miauend überall im Dorf und kuckt so in jedes offene Haus. Das ist einfach, denn die Häuser sind im Sommer alle offen, die Haustüren sind sperrangelweit geöffnet und gegen die Fliegen und gegen den direkten Blick durch einen Perlen- oder Stoffvorhang ersetzt. Kürzlich wurde Caline so Sonntagsabends im Haus einer nur am Wochenende hier weilenden Familie eingesperrt. Erst am nächsten Tag konnten wir sie dank eines dort offiziell einbrechenden Nachbarn befreien.
Mit homöopathischen Medikamenten und dank speziellem Futter wird sie gerade ein wenig ruhiger und friedlicher, und heute morgen hat sie mich mit einem toten Siebenschläfer geweckt, den sie mir aufgeregt und stolz ins Bett gebracht hat. Ich war ehrlich gesagt mehr erschrocken als stolz, hab sie aber natürlich super gelobt und ihr gesagt, was sie doch für eine tolle Jagdkatze ist, und seit langem ließ sie sich mal wieder von mir streicheln. Den kleinen Schläfer hab ich dann aber doch entsorgt, während sie gierig ihr wohlverdientes Katzenfutter fraß.
Die beiden Kleinen, Pepita und Cachou sind da unbeschwerter, sowieso entdecken sie gerade das sommerliche Dorf mit all den Echsen, Heuschrecken, Vögelchen und Mäusen für sich und sind ständig unterwegs. Cachou rettet sich nur gelegentlich unters Bett, wenn er sich mal wieder mit einem anderen Kater angelegt hat und dabei den kürzeren gezogen hat. Ich weiß nicht so genau, wer bei diesem Verhau-Spiel angefangen hat, ich vermute mein kleiner Macho-Kater zeigte sich in fremdem Revier ein bisschen zu keck, aber sein Gegenspieler ist jetzt doch ganz schön dreist und schlägt Cachou selbst auf heimatlichem Terrain. Neulich war er wirklich ziemlich zugerichtet und lag zwei Tage schwach mit zerfetztem Mäulchen schwer atmend im Bett, ich war ziemlich verzweifelt, dachte kurzzeitig, er stirbt vielleicht, aber keine Sorge zwei Tage später hatte ich wieder ein wildes ungestümes Katerchen, und so ist er mir dann doch lieber, auch wenn natürlich alle Ermahnungen, sich draußen zu benehmen, in den Wind geschlagen werden. Dem andern werd ich’s zeigen… bislang noch nicht so richtig erfolgreich, leider.
Pepita, die sich ihrer Prinzesinnen-Rolle durchaus bewusst ist, kommt wirklich nur noch zum Fressen nach Hause – und zum Training. Ich vermute, ihre Berufung ist es, im Winter Eisanglerin zu werden, sie zerrt dazu alle Stöpsel und Abflüsse aus Dusche und Waschbecken, auch der bewegliche Deckel meines Wasserfilters fiel diesem Trieb zum Opfer, und dann sitzt sie stundenlang vor dem Loch, und versenkt immer mal probeweise ein Pfötchen darin, vermutlich um zu sehen, ob gerade ein fetter Lachs vorbeischwimmt… Ich spreche übrigens französisch mit meinen Katzen, das ist mir vor kurzem aufgefallen, ich hätte sie ja auch zweisprachig erziehen können, oder jetzt wo ich allein mit ihnen bin, auf deutsch umsteigen können, aber zu meinem eigenen Erstaunen spreche ich französisch mit ihnen. Träumen hingegen tu ich noch immer mal auf deutsch, mal auf französisch …

Meine Arbeit als entretien, wieder mal in blauer Latzhose und mit Sicherheitsschuhen gekleidet, ist auch vielfältig, sei es, Wasseringenieure wandernd auf 2000 m Höhe zu begleiten, damit sie unsere Wasserquelle und das Wasserbecken überprüfen können, sei es die Sickergrube einmal monatlich umzurühren (danach habe ich erst mal lange keinen Appetit mehr) zugewucherte Wanderwege freizumähen, den seit Jahrzehnten angesammelten Schrott eines Nachbarn in abenteuerlich zugestopften Anhängern zur Mülldeponie zu fahren (dafür, was weggeworfen wird und wie es auf dem Anhänger verstaut wird, gäbe es in Deutschland vermutlich erst Mal zwei Wochen Sicherheitsunterweisung, aber hier heißt es nur, t’inquiètes Christjann, ça risque rien…also, keine Sorge, da passiert schon nix), oder die Mühle unterhalb des Dorfes für das Mühlenfest in Gang zu bringen. Das Mühlenfest habe ich letztes Jahr noch aus anderer Perspektive erlebt. Dieses Jahr war ich relativ stressfrei nur für den Apéro unten am Fluss zuständig und dafür, den Spielort des abendlichen Jazzkonzerts kurzfristig in die Kirche zu verlegen, weil sich ein gewaltiges Gewitter auf dem Dorfplatz entlud, obwohl ich ihn doch extra für das Konzert noch so schön saubergefegt hatte.

Und ich war bei der Transhumance. Ich habe als Helferin mit den Schäfern eine große Schafherde für das folkloristische Transhumancefest etwa fünfzehn Kilometer weit begleitet. Und dabei ein neugeborenes Schaf im Arm getragen und letztlich vor dem Verhungern gerettet, indem ich es unserer 90jährigen Schäferin im Dorf brachte, die es jetzt mit der Flasche aufzieht. Das Lämmchen wurde von seiner Mutter abgelehnt, die zudem keine Milch hatte, und kein Schäfer der Welt hat während der Transhumance Zeit und Nerven sich um so ein Sorgenkind zu kümmern. Wer nicht mitkommt hat eben verloren… das kleine Schäfchen konnte ich aber einfach nicht liegen lassen, auch wenn diese romantische Hilfsaktion mal wieder nicht so ganz in den rauen Schäferalltag passt. Brigitte Bardot lässt schön grüßen… Transhumance_Lamm

An einem anderen Wochenende war ich Bogenschießen. Auch eine neue Erfahrung, denn die letzten Jahre haben wir die Bogenschützen beherbergt und verköstigt und hatten so weder Zeit, ihren Parcours anzuschauen noch bei ihren erklärenden Ein- und Vorführungen teilzunehmen. Dieses Jahr durfte ich sie auf dem gesamten Parcours begleiten und bekam somit einen persönlichen Bogenschießkurs. Trotz meiner verqueren Kurzsichtigkeit habe ich tatsächlich immer auch mal ins Schwarze getroffen und Krokodile, Truthähne und Steinböcke abgeschossen. Lebensgroße Kautschuktiere, die von Weitem verblüffend echt aussehen, das Krokodil lag zudem ganz passend im Sumpf, wers nicht weiß, kriegt vermutlich einen Herzschlag, beim durchs Unterholz streifen…
Archers_me
So viel hatte ich Anfang Juli verfasst, jetzt ist es einen Monat später und wir haben tatsächlich DSL im Dorf, allerdings ein bisschen instabil, die Sommergewitter bringen es regelmaessig zum Absturz; ich habe es jetzt dann doch wieder ersehnt, denn einmal monatlich in einem Internetcafe zu surfen ist dann doch mager, auch wenn es mir vor einem Monat noch sehr entbehrlich erschien. Ich profitiere von meiner Arbeit für die Gemeinde und sitze in der mairie zum Schreiben. Ich bin wieder da…

PS. Das von mir gerettete Schäfchen ist nach vier Wochen dann doch gestorben, es lag einfach so morgens tot im Stall, obwohl es schon so viel zugenommen hatte und gewachsen war. Ich fürchtete insgeheim wohl so etwas, denn ich wollte mich nicht zu doll emotional engagieren und hatte ihm vorsichtshalber keinen Namen gegeben, und ich frage mich aber auch, ob man nicht einfach ein Schicksal hat, dem man nicht ausweichen kann. Wenn ich das Lämmchen nicht mitgenommen hätte, wäre es schon vier Wochen früher gestorben… solche Gedanken, insbesondere wenn es sich um Tiere handelt, sind hier natürlich unangebracht. Schafe bzw. Tiere sterben oft einfach so. Basta.

PPS: Am Freitag den 14.08.2009 nehme ich telefonisch an der Radiosendung des Deutschlandfunks „Lebenszeit“ zum Thema praegende Auslandserfahrungen teil: Irgendwo zwischen 10.10 und 11.30 Uhr bin ich auch zu hoeren! Falls Ihr reinhoeren wollt…

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