Cannes, 8 Uhr morgens

Ich habe zur Zeit die Ehre und das Vergnügen zwei Zwerge in die Grundschule zu begleiten, da deren Mama sich den Fuß gebrochen hat. Abgeholt werden sie von jemand anderem, da ich offiziell nicht auf der Liste der Kinder-Abhol-Berechtigten stehe. Bringen darf sie hingegen jeder. Schule fängt in Frankreich ja viel früher an, es gibt also richtige Baby-Zwerge, die morgens um acht an der Hand ihrer Mama zur Grundschule stolpern, ich hingegen habe mittelgroße Zwerge zur Aufsicht, sie sind schon fünf und sieben, die schon richtige Schulkinder sind. Das Bringen und Abholen gehört aber irgendwie dazu. Selbst Gymnasiasten werden oft gebracht und geholt, von Eltern, Großeltern oder Dienstpersonal. Vor jeder Schule stehen morgens und nachmittags Trauben von Menschen und wild geparkten Autos, um die Kids abzugeben oder einzusammeln. Und strenge Schülerlotsen regeln den Verkehr zu Gunsten der Schulkinder, was ich bei den Kleinen gut verstehen kann, bei den sechzehnjährigen Teenagern, die stets achtlos und rauchend über die Straße schlendern, ziemlich albern finde.

Da ich nun mal so früh schon unterwegs bin, beschließe ich auf den Markt zu gehen, um unbehandelte Zitronen zu erstehen, die zusammen mit den unbehandelten bitteren Orangen, die im Vorgarten reifen, Orangenkonfitüre ergeben sollen. Ich liebe den Markt. Ich liebe ihn vor allem samstags, wenn er prallvoll ist mit Blumen, Früchten, Gemüse, Eiern und Fisch, der so frisch ist, dass er oft noch zappelt. Manche sehen so abenteuerlich aus, dass sie mir selbst offiziell tot noch Angst machen. Rascasse zum Beispiel. Drachenkopf. Schon mal gesehen? Beeindruckend! Samstags ist es aber auch prallvoll mit Menschen, und da dieses Gedrängel mich menschenscheue Bergbewohnerin stresst, bin ich bei aller Duft- und Farbenpracht immer froh, wenn ich dort schnell wieder wegkomme. Dabei kaufe ich eigentlich gern ein, aber ich bin zu langsam, zu unentschieden, zumindest komme ich mir so vor, wenn ich all die fixen tüchtigen Frauen neben mir sehe. Was mir den Geschmack am Markt etwas bitter werden lässt, ist außerdem, dass ich mir ständig übers Ohr gehauen vorkomme. Ich habe zwar schon verstanden, dass man die Stände außen besser meidet, das sind nur Verkäufer, die Obst und Gemüse vom MIN (Marché d’Interet National, sprich Großmarkt) verkaufen, zumeist, hm, wie sag ich’s politisch korrekt?!, ähm, „Maghrebins“ vielleicht, mit einem kommerziellen Lächeln und in zwei Minuten zwanzig Sätzen à la „Madame! Madame! Hier Madame! Was darf es sein, Madame? Möchten Sie nicht auch Orangen, Madame, probieren Sie, Madame, ausgezeichnet, Madame, nur heute Madame, voilà Madame, 7 Euro 50 Madame“, was mich unendlich nervt. Die paar richtigen Bauern oder Gemüseanbauer stehen in der Mitte des Marktes, und am liebsten kaufe ich bei einer alten Omi, die aber nicht immer da ist und leider nur sehr wenig im Angebot hat, so dass ich irgendwo anders immer noch etwas dazu kaufen muss. Habe ich bei der Omi eben Lauch, Feldsalat und Kartoffeln für 3,40 Euro erstanden, so kosten mich vier unbehandelte Zitronen, etwas Fenchel und ein Bund Artischocken nebenan schlappe 15 Euro und ich verstehe nicht wieso. Ich frage zwar noch mal nach, wieso die Artischocken plötzlich 4,90 kosten, wo das junge Mädchen, das den Stand in Abwesenheit des richtigen Händlers betreute, eben noch 4 Euro sagte, aber der schlitzohrige Händler sagt, „hat sie nicht richtig verstanden“. Ich denke, ja klar, der sah mich, denkt, ich bin eine von den reichen Deutschen, die in Cannes leben kann, oder eine Touristin, die sowieso nie wieder kommt, da nehme ich mal eben ein bisschen mehr. Nehme ich die Artischocken jetzt nicht? Mache ich einen Skandal? Natürlich nicht. Ich ärgere mich nur. Und ob vier Zitronen, wenn auch wunderschön und unbehandelt 5,90 Euro kosten dürfen, sei auch mal dahin gestellt. So geht es mir eigentlich überall, wo Preise nicht so richtig nachkontrollierbar gemacht werden. Auch bei der Autoreparatur. Ich bringe das Auto nur für neue Bremsbeläge zu einer kleinen Reparaturwerkstatt und komme zusätzlich mit neuen Stoßdämpfern raus. „So können Sie nicht mehr fahren, Madame!“ – Was weiß ich schon von Autos? Ich will es glauben, aber die Stoßdämpfer kosten natürlich das Vierfache der Bremsbeläge und die Rechnung ist gesalzen. Ich habe im Nachhinein das ungute Gefühl, da dachte sich einer, och, der deutschen Touristin quatschen wir mal eben noch Stoßdämpfer auf. Natürlich gehe ich zukünftig nie wieder in diese Werkstatt. Aber ist es woanders besser? So ist Cannes. Ich müsste vermutlich jeden Tag auf den Markt gehen und wählerisch mit dem Daumennagel in die Kartoffeln pieksen, und sie dann nicht kaufen, damit man mich irgendwann kennt. Nun ja. Es gibt noch viel zu lernen.

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10 Kommentare zu Cannes, 8 Uhr morgens

  1. Marion sagt:

    Ne t’en fais pas Christjann!!! Ach je, speziell die Story mit den Stoßdämpfern kommt mir irgendwie bekannt vor; ich hatte mich aber in ES nicht drauf eingelassen, da mir die Kosten für die einfache Inspektion schon exorbitant hoch erschienen. Es musste auch nix gemacht werden, wie mir der Mechaniker meines Vertrauens hier in Kölle später versicherte. Sie waren höchstens etwas ausgelutscht, aber voll funktionstüchtig. Wie wäre es in Zukunft mit einer Art „Kostenvoranschlag“? Tja, aber was frau gegen die Trickser auf dem Markt unternehmen kann? Gute Frage. Vielleicht den Markt wechseln? Hier in D gibt es ja auch große Preisunterschiede auf den einzelnen Märkten, je nach Viertel z.B. Einen Ausländerzuschlag wird man im Ausland in der einen oder anderen Form wohl meistens zahlen. Aber verarscht wird man hier in D doch auch genug, wenn man nicht aufpasst, und wenn es nur der „Frauenzuschlag“ ist…:-) Dir ein wunderschönes Wochenende!

  2. Marion sagt:

    P.S.: Du könntest doch auch evtl. mal Deinen Freund zum Verhandeln mitnehmen? Mann und Muttersprachler macht sich doch gut, auch wenn er von Technik keine Ahnung haben sollte, gerade im machomäßigen Süden….:-)

  3. Wolfram sagt:

    Hm. Ich würde auch einen anderen Händler wählen – spätestens beim nächsten derartigen Vorfall.
    Und die Werkstatt – na ja. Die dürften dich aber nicht für eine Touristin halten, schließlich ist das Auto ja wohl in Frankreich zugelassen, oder?

  4. dreher sagt:

    Ich sehe schon, den nächsten Artikel muss ich ausführlicher schreiben, sonst muss ich so viele Erklärungen nachliefern.

    Glaubt mal nur nicht, dass Thierry von solchen „arnaques“ ausgenommen wäre. Hier in Cannes ist das ein stetes und ständiges Spielchen, den vermeintlich reichen Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt viele, denen es auf 1000 Euro nicht ankommt, insofern denken alle Händler, Handwerker, Dienstleister etc. probieren kann man es immer… also muss man, wenn es einem leider doch auf 1000 Euro ankommt, sogar auf 100, sogar auf 10… immer auf der Hut sein. Sehr anstrengend. Du hast einen Wasserrohrbruch im Haus und brauchst einen Klempner?! Der wechselt dir nicht das kaputte Teil im Wert von 10 Euro aus, sondern setzt dir in aller Seelenruhe für 300 Euro eine neue Pumpe oder was weiss ich was ein. Wenn du es nicht besser weisst, wirst du veräppelt. Gerade passiert.
    Das Auto hat sogar Thierry in die Werkstatt gebracht (und: es ist eine Leihgabe meiner Ma und daher in D zugelassen) — die „Werkstatt unseres Vertrauens“ hatte trotz ausgemachten Termins ohne Angaben von Gründen morgens geschlossen, so dass er zu einer anderen Werkstatt fuhr. Die riefen mich später zu Hause an und waren vermutlich sehr vergnügt, dass sie auf mich stiessen — Monsieur war nicht zugegen, ist Handylos und daher nicht erreichbar, und ich, die ich nicht wusste, dass es nicht die vorgesehene Werkstatt war, sagte vertrauensvoll „wenn Sie meinen, dass es gemacht werden muss, ok“. Monsieur traf fast der Schlag, als er das Auto dann abholte, aber er hatte auch keine Lust auf Rumstreitereien… nun ja. Lektion 1: Im Zweifelsfall NEIN sagen. Aber ich bin aus den Bergen so viel „Ehrlichkeit“ gewohnt, ich muss mich erst (wieder) an diese andere Art gewöhnen.

    Ja, es wäre vermutlich sinnvoller nicht auf den Innenstadtmarkt zu gehen, sondern auf einen kleineren Stadtteilmarkt, leider liegt der Innenstadtmarkt lauftechnisch so günstig. Und zum Biomarkt müsste ich mit dem Auto fahren, was die Sache dann wieder so unökologisch werden lässt. …

  5. hsm sagt:

    Also ich kann das alles sehr gut verstehen, was du da geschrieben hast, Christiane. Eben so gut, dass ich gar keinen Kommentar abgeben wollte, weil ich eigentlich nichts dazuzufuegen hatte. Dann stosse ich auf die ersten schon vorhandenen Kommentare, und mir geht – sorry – die Hutschnur hoch. „Das ist aber in D (inzwischen) auch nicht anders/ueberall so“, kommt es da weltmaennisch. Und noch so einer von meinen Favoriten: Ja, als Frau wirst du eher ueber’s Ohr gehauen, und …. vlt. kannst du auch die Sprache nicht richtig, und stehst als Auslaender heraus, nimm dir mal einen Muttersprachler mit (als ob man das nach X Jahren in dem betreffenden Land nicht quasi selber ist, v. A. an Orten, wo es von „richtigen“ Auslaendern nur so wimmelt….) *tiefatemhol* Wenn ich solche Klischees ab sofort nie mehr im Leben zu hoeren braeuchte, waere es nicht zuegig genug. Sonst sage ich dazu jetzt nichts, Hildegard.

    Gruss aus NYC (wo vieles aehnlich ablaeuft, in Cannes war ich noch nie)

    • Marion sagt:

      Ist doch super, wenn Du glaubst, Englisch auf muttersprachlichem Niveau zu beherrschen. Viele, die schon lange Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, im Ausland leben und nicht zweisprachig aufgewachsen sind, sind da aber selbstkritischer; selbst Leute, die professionell mit Sprache arbeiten. Schön auch, wenn Du noch nie das Gefühl hattest, als Frau in einer Autowerkstatt über’s Ohr gehauen zu werden. Also spar‘ Dir lieber Deine Angriffe und mach‘ das erstmal, Französisch so gut zu beherrschen, dass Du in jeder Alltagssituation klarkommst. Christiane hat ja selber schon mal geschrieben, dass ihr die Sprache in bestimmten Situationen noch Probleme bereitet und das ist auch völlig normal. Aber so „weltmännisch“ wie Du im Big Apple, die voll über allen „Klischees“ steht, sind eben nicht alle.

  6. dreher sagt:

    Naja, ich weiss es nicht, ich lebe ja nun nicht gleichzeitig auch anderswo, um zu beurteilen, ob es da in der Zwischenzeit nicht „auch so“ ist. Und ich habe die letzten fünf Jahre in einer Art Seifenblase gelebt — umso mehr finde ich Cannes jetzt hart, oberflächlich und geldgeil. Oder sagen wir, die Schere zwischen arm und reich ist hier so gross, dass die Armen wenig Hemmungen haben. Man muss sich so durchschlawinern, immer nur brav und auf dem legalen Weg kommt man ja zu gar nichts. Die sollen mal was abgeben von ihrer Kohle, diese Reichen… wenn nicht freiwillig, dann eben ausgetrickst. … ich könnte noch viel dazu sagen, tue ich auch, aber „peu à peu“, will ja nicht die türkisblaue Côte d’Azur gleich von Anfang an so tiefschwarz malen… ;) bonne soirée!

  7. hsm sagt:

    Liebe Marion, in Autowerkstatten hat man auch schon versucht, mich uebers Ohr zu hauen, aber mir war nie in den Sinn gekommen, dass es daran liegen koennte, dass ich weiblich bin. Interessanter Aspekt, muss ich mal darueber nachdenken. Danke fuer den Denkanstoss. Zum Rest sage ich jetzt mal lieber nichts. :)

  8. skizzenblog sagt:

    das mit den werkstätten zieht sich durch, überall…
    http://skizzenblog.claus-ast.de/?p=4879

  9. Marianne sagt:

    Das mit dem Auto kann schon stimmen, denn die Stoßdämpfer halten auch nicht ewig;
    Du musst dir das nächste Mal die Alten zeigen lassen, die er raus geholt hat. Auch als Laie erkennst Du an den Stoßdämpfern, ob die bald hin sind oder nicht.Dann bist Du sicher, dass es richtig war.
    Und noch eins: Du musst (oder Ihr Beide) ganz klar Ansage machen in der Werkstatt; also nur Bremsbeläge und sonst nichts und wenn etwas zusätzlich entdeckt wird, müssen sie Euch anrufen und vorher fragen. Ansonsten kannst Du es auch ablehnen, den nicht bestellten Artikel zu kaufen. Wenn er sich weigert, kannst Du auch so weit gehen und sagen, er soll die nicht bestellten Teile wieder ausbauen, denn dafür hat er keinen Auftrag/Bestellung erhalten.
    Bei mir war das auch mal so mit Stoßdämpfern, dass sie marode waren,aber wie gesagt, ich habe von Anfang an mit der Werkstatt klare Vereinbarungen getroffen.
    Ich lasse mir immer zeigen, wie die alten Teile aussehen, egal um welches Ersatzteil es sich handelt.
    Nicht dass Du mich jetzt falsch verstehst, ich will Euch nicht belehren oder neun mal klug daher reden, ich wollte nur einen Tip geben.

    Die Marktgeschichte musst Du sicher noch länger beobachten und ich laufe auch erst mal einige Stände ab und vergleiche die Preise. Oder haben die dort die Preise nicht ausgeschildert? Ansonsten sag doch mal nein, das ist mir zu teuer, dann kannst Du vielleicht handeln. Aber ich denke, mit der Zeit wirst Du sicher Deine Händler Deines Vertrauens finden.

    Ansonsten verstehe ich diese Situationen, wo unendlicher Reichtum auf Normalos treffen sehr gut. Ich habe so etwas auch schon erlebt auf der Insel St. Barthélémy
    in der Karibik, wo ich einige Wochen bei meiner Freundin, die dort schon lange lebt, wohnte. Das war noch krasser und dort verkehren Leute wie Michael Douglas, Gerard Depardieu und Andere, die ich dort gesehen habe am Strand oder beim Shoppen.
    Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass wir „Normalos“ in einer Parallelwelt lebten.
    oder anders herum, wir waren dort nicht die Normalen, denn die sprichwörtlichen Stinkreichen waren in der Überzahl. Mir macht das nichts aus, denn am Strand liegen sie im selben Wasser unter derselben Sonne wie ich.
    Aber, es hat eben doch leider Einfluss auf die Preise und das macht es schon nicht ganz so einfach, damit umzugehen.

    Ich freue mich auf weitere Beobachtungen und daran, dass Du uns daran teilhaben lässt, Grüße auch von Michel und auch an Thierry.
    Marianne

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