Salope

Am Wochenende war ich bei einer literarischen Veranstaltung von espritazur.fr. Rolf Palm las dort aus einem seiner Unterhaltungsromane vor, und er berichtete sehr lebendig und anschaulich, wie man mit knappen Archivunterlagen einen vergnüglich zu lesenden Roman schreiben kann. Palm war und ist Journalist, er arbeitete unter anderem für den Stern, die Quick, falls noch jemand diese Zeitschrift kennt, und viele andere Zeitschriften und Zeitungen. Er ist jemand, der sein Handwerk beherrscht, auch wenn er sehr bescheiden, wenn auch kokett von sich selbst sagt „Ich hab ja nichts Richtiges gelernt, ich kann nur Schreiben“. Er erklärte verschiedene Techniken, wie man vor- oder rückblendet, oder wie man, ohne die Tatsachen zu verfälschen, die spärlich recherchierten Informations-Knochen mit etwas Fleisch anreichert. Ich finde es spannend, dass das alles zu erlernende Techniken sind, ich schreibe irgendwie intuitiv. Meine Abschlussarbeit an der Universität bekam ich mit den Worten zurück „Sie sollten das veröffentlichen“, gleichzeitig bekam ich aber nicht die von mir erhoffte Bestnote. Ich verstand gar nichts. Wenn es so gut ist, dass man es veröffentlichen kann, wieso bekomme ich dann nicht eine Eins mit Sternchen? Erst heute weiß ich, dass mein Text zu unterhaltsam geschrieben war, nicht wissenschaftlich genug. Ich bin vermutlich keine sehr gute Wissenschaftlerin – aber vielleicht bin ich eine gute Unterhalterin. Ich sah so viel Leben in und hinter den Fakten, die ich wochenlang aus Zahlen und Briefen herausgelesen hatte, dass mich das Schicksal meiner zu erforschenden Person selbst ganz mitgerissen hat. Ich hatte genug damit zu tun, dies alles in eine runde, lesbare Form zu bringen, aber ich war hin- und hergerissen zwischen erwarteter Sachlichkeit und meiner Leidenschaft für die Sache.

In der Pause komme ich ins (deutsche) Gespräch mit einer französischen Dame. „Was machen Sie?“, ist Ihre erste Frage, die ich so bislang nur aus Deutschland kenne. Diese Art, den anderen sofort richtig einordnen zu wollen. Ich zögere ein bisschen, dann sage ich „ich schreibe und ich übersetze“. Ah! Ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Sie sind Übersetzerin? Wo haben Sie studiert?“ Ich finde das Gespräch unangenehm. Ich sage, „wissen Sie, ich bin keine diplomierte Übersetzerin, ich übersetze weder Literatur noch juristische Fachtexte, ich übersetze kleine Gebrauchstexte.“ Ihr Gesichtsausdruck wird strenger. Sie IST nämlich diplomierte Übersetzerin und außerdem dreisprachig, und ich weiß sofort alles, was sie denkt: Ohlàlà, es gibt schon genug schlechte Übersetzungen auf der Welt, wieso bilden sich alle ein, dass sie übersetzen könnten, ohne das je richtig gelernt zu haben? Das ist qualifizierte Arbeit… Weiß ich alles. Ich habe selbst lange genug gedacht, ich dürfe das genau aus diesem Grund nicht machen, bis ich offizielle Übersetzungen in die Hände bekam, auf die ich nur mal kurz drauf gucken sollte, um der Sekretärin der Mairie zu erklären, was das für ein komischer Buchstabe ist, der aussieht wie ein B… Ich lese und stocke. „Das kannst du so nicht nehmen“, sage ich. „Du sollst es nicht übersetzen, Christjann, es ist alles schon übersetzt, aber ich kenne dieses Zeichen nicht.“ Ich sage, „das ist ein …ähm… amüsanter Text, aber es ist keine gute Übersetzung.“ Die Sekretärin ist etwas pikiert, das hat ein Übersetzer gemacht. Punktum. Ich seufze, setze ihr das Sonderzeichen ß ein und biete mich an, nur noch mal kurz wegen anderer ä’s und ü’s drüber zu sehen. In der Mittagspause feile ich ein bisschen die Sätze zurecht, damit die sehr geehrten Campingplatzbenutzer beim Lesen der zukünftigen Campingplatzverordnung auch begreifen, wohin sie schnellstmöglichst im Falle eines drohenden grossen Wassers des anschwellenden Fliessgewassers hingeraumt werden sollen unter Hinterlassung sämtlicher Besitztümer und auch des Vehiküls und keine Löcher graben sollen und den Anweisungen des Platzwarts und der Feuerwehr gehorchen müssen, während ihnen schon das Wasser in die Gummistiefel schwappt und sie noch immer das lustige Schild lesen. Die Campingplatzordnung ist auch noch in niederländisch, italienisch und englisch verfasst, ich fühle mich aber bei aller Menschenliebe sprachlich nur für die zukünftigen deutschen Gäste verantwortlich und hoffe, dass die anderssprachigen Touristen den Deutschen im fraglichen Wasser-Entsorgungsfall einfach schnellstmöglichst hinterher laufen.

So geht mir das ja schon jahrelang. Ich habe in Deutschland immer abgelehnt, französische Briefe zu formulieren, weil ich dachte, ich kann das nicht perfekt, und die Franzosen lachen sich allenfalls schlapp über meine hölzern zurechtgezimmerten Formulierungen und hängen den Brief vermutlich an die Pinnwand, damit alle was davon haben. Es gab aber immer jemanden, der sagte, „klar mach ich, kein Problem“. Als ich besagten Brief dann sah, dachte ich fassungslos „na, SO hätte ich es auch hingekriegt“… Genau so dachte ich jetzt: Ok, Campingplatzordnungen traue ich mich ab sofort zu übersetzen. So fing es an, mit meiner Übersetzertätigkeit. Natürlich wird sich nicht Gallimard oder Diogenes morgen an mich wenden, damit ich André Gide oder Georges Simenon neu übersetze. Das würde ich auch, Hand aufs Herz, ablehnen, aber ich denke, das, was ich übersetze, hat Hand und Fuß.

Das alles ist in meinem Kopf, während die Dame immer noch streng schauend vor mir steht und nun versucht, mich zu testen: Ob ich wüsste, was die faux amis sind? Ich schaue sie irritiert an. Salope sagt sie. Mir bleibt die Spucke weg. Wie bitte? „Nur mal als Beispiel.“ Ah, ich verstehe, es geht um die Worte, die in beiden Sprachen gleich klingen, aber jeweils etwas anderes bedeuten. In ihrem Beispiel geht es um die salope , das Miststück und das Adjektiv salopp, im Sinne einer lässig geschnittenen Jacke. Ich frage mich trotzdem, wieso ihr ausgerechnet dieses Wort einfällt. Für mich hätte es als einleuchtendes Beispiel auch der sucre en poudre getan, der eben nicht Puderzucker ist.
Dann fragt sie mich nach dem Vornamen des Sohnes von Sissi. Ich kann nicht glauben, dass sie mich das fragt und bleibe stumm. Außerdem weiß ich es nicht. „Der Sohn, der sich umgebracht hat“, insistiert sie. Wissen Sie nicht ? Also bitte… sind Sie Deutsche oder nicht ? Rudolf ! Das vergesse ich sicher nie wieder, weiß aber nicht, ob ich das in Zukunft noch mal brauche. „Nehmen Sie noch regelmäßig Stunden?“ „Stunden?“ „Französischstunden!“ Das muss ich verneinen, denn ich habe, abgesehen von meinem Schulfranzösisch, noch nie irgend welche Stunden genommen. Ich sehe ihr an, dass sie schockiert ist. Sie gibt es dann auch auf, ich bin ein hoffnungsloser Fall und keine adäquate Gesprächspartnerin. Ich überlege, ob ich ihr hinterher rufen soll, dass ich merde nochmal keine salope bin, dass ich sehr wohl den Genitiv vom Dativ unterscheiden kann, und dass ich sicher bin, dass der Ehemann von Sissi Franz hieß… aber ich lasse es, und höre wieder Rolf Palm zu.

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4 Kommentare zu Salope

  1. marana Z3 sagt:

    Ach ist das schön, dass es so kluge Menschen gibt. So geht es mir mit einer Freundin, die Lehrerin ist, war, denn schon sehr früh widmete sie sich Kindern und Mann und gab die Lehrtätigkeit auf, ich werde examiniert und korrigiert, bis ich endlich auf stur schalte und auf ganz blöd mache. Aber richitg gruselig hat diese Dame mich dann wirklich mal geärgert, als ich in Ungarn eine ihrer Freundinnen bespaßen durfte, und mich herumquälte mit meinem elenden Englisch, und sie mich laufend korrigierte, als wenn sie mir in zwei Stunden perfektes Englisch beibringen könnte. Ach ist das schön, dass es so kluge Menschen gibt.
    :-)

  2. hsm sagt:

    Hallo Christiane – die Gabe, uebersetzen zu koennen, habe ich schon immer bewundert. Ich kann immer nur in EINER Sprache denken, flinkes hin- und- her- Denken geht gar nicht. Also „zweisprachig“ sein nuetzt mir so gesehen erschuetternd wenig, ich koennte es zu meinem Leidwesen nie beruflich oder sonstwie zu meinem Vorteil verwenden. Wenn mich jemand bittet, etwas zu uebersetzen, vom Deutschen ins Englische, oder umgekehrt, dann muss ich erst mal Google (frueher Woerterbuecher, gibt’s so was noch?^^) bemuehen, brauche stundenlang. Obwohl mir etwas in der einen Sprache sonnenklar ist, kann ich es nicht einfach so in die andere umhauen. Dabei sehe ich schon immer Leute, die das einfach so koennen, egal um welche Sprachen es sich handelt. Es ist das Konzept. Wie geht das, dass das Hirn der fliessend Uebersetzenden nicht einfach eine der Sprachen „abschaltet“, sondern sie auf Abruf behaelt, wenn man in der anderen „unterwegs“ ist? Gebrauchsanleitungen uebersetzen? So einfach, wie du es sagst, kann ich mir das gar nicht vorstellen (was nicht viel bedeutet… ^^, es gibt Vieles, was ich mir nicht vorstellen kann… ). Da wuerde ich mir schon die Haare ausreissen. ;) Ich kann noch nicht mal eine Weihnachtskarte von Omma aus Deutschland fuer meinen Sohnemann ins Englische uebersetzen („viele Gruesse“, was waere da jetzt das beste Aequivalent?“). Da kommt immer so was bloedes bei raus, weil ich so wortwoertlich am Geschriebenen dranbleiben will wie moeglich. Denn wenn ich die vielen Gruesse korrekt als „Love and hugs“ oder so was uebersetze (also sinngemaess), dann kommt unweigerlich die Frage, ob „Gruesse“ deutsch fuer „hugs“ sei. Und versuch mal einem Einsprachler zu erklaeren, dass es „direkte“ Uebersetzung meistens nicht gibt, Ausdruecke oft sinngemaess und nicht wortwoertlich bla bla bla…..

    Many greetings from hsm
    ^^

  3. Christiane sagt:

    Wie schön, ich sehe es richtig vor mir wie die streng schauende Dame geguckt hat… Auch gut ist das Arguent „Sie sind doch Deutsche!“, zieht nicht.
    Es lebe das Vorurteil, außerdem weiß es irgendjemand immer besser.

    Immerhin hast Du so eine amüsante Begebenheit für Deinen fabelhaften neuen Blog.
    :-)

    Alles Jute

  4. Marion sagt:

    Salope – also wirklich, da bleibt einem ja das Lachen im Hals stecken…
    Und beim Übersetzen kommt es – wie Dein lustiges Beispiel so schön verdeutlicht – ja vor allem darauf an, dass man sich in seiner Muttersprache gut ausdrücken kann – und das kannst Du ja :-)