Cannes – hässliche Orte (1)

Reist man nach Cannes pragmatisch über die Autobahn an, und hat man endlich die Ausläufer eines Gewerbegebiets hinter sich gelassen, das so aussieht wie Gewerbegebiete überall auf der Welt aussehen,  fährt man in der Regel lange den Boulevard Carnot hinunter und hat das Vergnügen sich dem Zentrum von Cannes langsam zu nähern, im steten stop and go dank vieler nicht synchron geschalteter Ampelhaltestellen. Bislang ist alles ein bisschen normal städtisch, keine Palmen, kein Meer, kein Flair. Und dann kommen wir an eine Kreuzung, die einem erst mal den Atem nimmt, und die, wenn man später die wahre Größe Cannes’ kennt, wirklich gigantisch aber gleichzeitig ein bisschen lächerlich ist: Mehrspurig in alle Richtungen, verwirrende Abbiegemöglichkeiten, riesige Hinweisschilder, fast wie auf amerikanischen Autobahnen. Cannes hat immerhin ein Stadtviertel das La Californie heißt —  das muss man ja finden. Man zwingt Sie geradezu rechts oder links abzubiegen, auf die voie rapide, die Schnellstraße, dabei wäre das einzig lohnende Ziel geradeaus zu finden: Das Meer liegt quasi vor Ihnen, ein bisschen versteckt, aber Sie sehen es zwischen Dächern blau hervorblitzen, ein paar Palmenwedel sehen Sie auch, aber schon sind sie links oder rechts abgebogen und sehen nur noch Betonwände.

voie rapide von untenlinks der voie rapide

Es scheint, als sollten Sie auf der Schnellstraße, die Cannes der Länge nach durchschneidet, schnellstens an Cannes vorbei und sofort wieder hinausfahren. Da Sie das Meer aber schon riechen können, und Ihr Drang dorthin zu kommen groß ist, entscheiden sie sich spontan und instinktiv richtig von der Schnellstraße abzufahren und in irgendeines der kleinen Sträßchen abzubiegen und landen so sofort in einem unübersichtlichen engen Einbahnstraßengewirr, in dem zu viele Menschen, hupende Autos und vor allem wild sausende Scooter, kleine Mofas und Vespas, unterwegs sind. Einen Parkplatz finden Sie nirgends, machen Sie sich keine Illusionen, und wenn, ist er so eng, dass Sie es nicht wagen. Hier parkt man ein, indem man sich zwischen Vordermann und Hintermann reinschaukelt, sprich Tuchfühlung mit den Stoßstangen aufnimmt. Wenn Sie das nicht wollen und wenn Sie vor allem vermeiden wollen, dass man das mit Ihrem Auto auch so macht, bleibt nur, eins der überteuerten Parkhäuser zu nehmen. Aber da müssen Sie auch erst mal hinkommen. Ich vermute, Sie landen irgendwann auf der Rue d’Antibes, die schon gut parallel zum Meer und zur Croisette liegt, es geht kaum vorwärts, aber das stört Sie auch nicht mehr, denn ab sofort gibt es was zu sehen, wenn auch nur eine teure Einkaufsstraße mit teuren Klamottenläden, Galerien, Banken, Juwelieren und eine Menge sonnenbebrillter Menschen. Ab und zu sehen Sie das Meer durch Häuserzeilen hindurch, aber es scheint, als sollten Sie nicht hinkommen, alles Einbahnstraßen. Vielleicht kriegen Sie irgendwo die Kurve auf die Croisette, aaaaah, voilà enfin, endlich: das Meer, Blau, Palmen, üppigst blühende Grünzonen, Grandhotels, Prada, Valentino, Schiffe, der Hafen, …  Nach dieser langen Anfahrt und Suche war es mir persönlich dennoch zu wenig: Das ist es jetzt? DAS ist Cannes? Aha. Und wo ist es jetzt so schön? Der Erwartungsdruck war allzu hoch gewesen. 

Ich glaube, das Problem mit der Cote d’Azur und Cannes ist, dass man immer diese 50er Jahre Glamourfotos im Kopf hat, dass man erwartet, an der Ampel stünden plötzlich lächelnd Grace Kelly mit Kopftuch und Cary Grant im offenen Sportcoupé neben einem.  Man möchte durch Cannes quasi allein wie durch ein mondänes Museum flanieren und huldvoll erkennend rechts und links lächeln, ah, Onassis sitzt heute hier, ach, und was hat Jacky so ein niedliches Hütchen! Wer ist denn diese reizende Person da? Nein, tatsächlich? Oh, und was für ein gutaussehender Herr, kennst du ihn? Ach, schau mal an, Depardieu ist auch da. Nehmen wir unseren Aperitif im Carlton, cheri?

Aber nein, es ist laut, es ist voll, es stinkt nach Auspuffgasen. Mofas knattern, es hupt, es röhrt und kreischt, durch die Straße stehen und schieben sich Menschenmassen, mit Hund, mit Kinderwagen, mit Taschen bepackt, Menschen mit Musik-Stöpseln im und Telefon am Ohr, stöckelnd oder in Flipflops, halbnackt, kaugummikauend, rauchend, alle mit Sonnenbrille, und alle sind auf der Suche nach dem Glamour und dem Flair, das sich daher dezent zurückgezogen hat, und sie finden – ja was? Eine banale und vulgäre Stadt, die vor Klamottenläden und Friseursalons überquillt, voller Bars und Restaurants, und sie hoffen alle, noch etwas von dem Glanz von Cannes hier zu finden, von dem Glanz der Jahrhundertwende oder wenigstens dem der 50er Jahre, und sie selbst würden automatisch auch glänzend und besonders. Was für eine Enttäuschung! Und kaum verlässt man die zwei Straßen, die Cannes bedeuten, wird Cannes auch noch hässlich und dreckig, wie jede andere Stadt auch.

Wenn Sie zudem in Cannes leben, wohnen und arbeiten, dann finden Sie sich schnell auf der anderen Seite der Schnellstraße. Sie gehen nur eine Ecke vom Chichi-Schick entfernt durch eine scharf nach Urin und Desinfektionsmitteln riechende Unterführung und sind zum Beispiel im Viertel Republique, das sich um die Straße Boulevard de la Republique drängelt. Hier haben sich Ende des 19. Jahrhunderts Italiener angesiedelt, bauten kleine Häuschen und richteten kleine Läden und kleine Werkstätten ein. Es ist immer noch ein „kleinteiliges“ Viertel, niedrige Häuschen, daneben aber auch viele Appartementhäuser aus den 60er Jahren, im Erdgeschoss dieser Gebäude dann arabische und russische Händler, halal oder koschere Metzger, afrikanische Friseure, hinter staubigen Vitrinen eigenartige Import-Exportläden, Bäcker, Schlüsselläden, Autowerkstätten in einer Garage, Fingernagelstudios, Telefonläden, Bars und Teesalons, die nur von arabischen Männern frequentiert werden, verschleierte Frauen mit Kinderwagen auf dem Spielplatz, um ein paar Mofas lungern Gruppen rauchender Jugendliche, die rauchen und ununterbrochen auf die Straße spucken. Hier habe ich mein Büro. Im Keller eines halbwegs nett aussehenden Hauses, in dem nur noch wenige Weiße wohnen und noch weniger Franzosen. Das ist auch Cannes.

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