Regen

Kleiner Beitrag übers Wetter gefällig? Es regnet. Es regnet seit drei Tagen und Nächten. Und für morgen ist weiterhin Regen angesagt. Na und, sagen Sie, es ist Februar!? Aber es ist Februar in Cannes. Hier haben wir dramatische Zeitungsüberschriften über den langen und ungemütlichen Winter. Sollen wir uns gleich aufhängen? Oder ertränken wir uns im Meer? Wir könnten uns auch einfach unter eine der vielen überlaufenden Regenrinnen stellen und uns langsam in den Gulli wegschwemmen lassen. Sie lachen? Ich sag’s Ihnen, bei jedem Regen passiert das hier. Menschen verschwinden kilometerlang in der Kanalisation und werden irgendwo halb ertrunken kurz vor dem Meer wieder wie von Wunderhand errettet. Oder auch nicht. Die Zeitung ist voll von diesen Geschichten. Das junge Mädchen, das letztens traumatisiert wieder irgendwo an die Oberfläche gespült wurde, wird gern immer mal wieder sehr gefühlvoll ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Ich vermute, das, was man ihr dafür bezahlt, hilft das Trauma zu verwinden. Nein, keinesfalls würde ich je die Berichterstattung der niveauvollen Tageszeitung der Cote d’Azur kritisieren, wo kämen wir da hin? Fakt ist, dass, wie fast überall, begradigte „denaturierte“ Flussbette bei Dauerregen anschwellen und die Wassermassen sich in einer Schnelligkeit hindurchwälzen, die wohl keiner berechnen konnte. Regenwasserkatastrophen sind hier keine Seltenheit. Von Meerwasserkatastrophen sind hier bislang nur die kleinen Strandrestaurants betroffen, denen es die kleine Holzterrasse wegschwemmt oder die mühsam künstlich in den Sand gepflanzten Palmen. Palmen sind übrigens keine Bäume, wussten Sie das? Palmen sind botanisch gesehen Gräser. Und die wunderbaren Palmen der Cote d’Azur wurden ursprünglich importiert. Hier gab es früher nur Pinien und Gebüsch. Früher… na ja, bevor die Cote d’Azur von den Engländern und den Russen entdeckt wurde und sich zu dem entwickelte, was sie heute ist.

Zurück zum Regen. Hier sind die Menschen nach drei Tagen Regen schon zutiefst deprimiert. Man kann nicht raus, wenn es so regnet – logisch, wenn man bei jedem Schritt droht in der Kanalisation zu versinken, bleibt man doch besser drin. Die Menschen hier sind aber nicht für drin gemacht. Oft sind es auch die winzigen Wohnungen nicht. Feucht, kalt, schlecht isoliert, schlecht zu heizen, schlecht schließende Fenster, brrr. Da flüchtet man sich besser in eine Bar, denn da gibt es Heizstrahler und andere, mit denen man verdrießlich übers Wetter reden kann. Dies ist ein Sonnenland. Bei Regen funktioniert das Leben hier nur halb. Es gibt ja auch keine gescheite Regenkleidung. Also, die gäbe es schon, aber wer trägt denn so was Unschickes in Cannes, ich bitte Sie! So laufen allenfalls deutsche Touristen rum. Die Verachtung der Cannois, vor allem der Cannoises ist Ihnen gewiss. Hier wird tapfer dekorativ weitergestöckelt. Tatsächlich trage ich hier meinen Gore-tex-Regenhut auch nicht mehr, sondern ein dekoratives Cape mit absolut unfunktioneller Kapuze. Man passt sich an.

Die Bauarbeiter, die mir seit Tagen mit ihren Presslufthämmern den Kopf und das Haus dröhnen lassen, stehen rauchend und fluchend unter einem Balkon und telefonieren mit ihrem Chef, ob sie wirklich hier arbeiten müssen, bei dem Wetter, merde! Sie haben einen Termin mit einem Handwerker? Er kommt nicht? Na, das müssen Sie verstehen, bei dem Wetter… Ein Bekannter, der im Prinzip das ganze Jahr täglich seine drei Kilometer schwimmt, im Meer versteht sich, kann bei Regen nicht schwimmen. Nach drei Tagen ohne sein Schwimmpensum ist er völlig hibbelig und unausgeglichen. So ähnlich wie meine Katzen, die frustriert und sich ankeifend über Tische und Stühle springen, und zackbumm fällt hier ein Tonkrug um und dort eine Vase zu Boden. Raus ist nicht. Am traurigsten finde ich bei diesem Regen die Afrikaner, die selbstverständlich ohne Regenschirm und völlig durchweicht durch die Fußgängerzone streifen, und versuchen Regenschirme zu verkaufen. Angeblich ist Nizza weltweit der Ort, mit dem höchsten Regenschirmumsatz. Regenschirme sind quasi Wegwerfprodukte in diesem Sonnenland. Ich persönlich mag den Regen, nicht nur, weil er mich zu nichts Aktivem verpflichtet, er hat auch gewisse Vorteile: zum Beispiel gehen die Politessen auch nicht raus. Hier gibt es ja kaum noch kostenlose Parkplätze. Alles ist zeitlich begrenzt und payant. Aber es gibt Parkplatzzonen, bei denen die erste Stunde Parken gratis ist. Da lege ich mein frisch gezogenes Gratis-Park-Zettelchen rein und gut ist’s für den Rest des Tages. Glauben Sie nicht, dass hier auch nur einer durch den Regen läuft und guckt, wie lange Sie schon überzogen haben. Nett ist auch, dass man zwischen zwölf und zwei fast überall kostenlos parken kann, und auch ein bisschen wild – ganz unabhängig vom Regen, nur nicht gerade vor der Nase der allgegenwärtigen flics vielleicht. Um irgendwohin essen zu gehen, muss man sich ja mit dem Auto „deplazieren“, meint bewegen, und für das heilige Mittagessen will man hier niemanden verärgern. Das macht man einfach nicht. Danach, und nach dem tagelangen Regen ist es aber umso gefährlicher, so ein Spielchen durchzuziehen, denn die Politessen haben eine Quote an amandes zu liefern. Amandes, heissen die Knöllchen hier, genau wie die Mandeln, Bittermandeln sozusagen. Die Mandelbäumchen blühen übrigens auch schon. Davon gibt’s ein Foto nach dem Regen. Ich gehe natürlich jetzt auch nicht raus, hab nämlich keine Lust in die Kanalisation zu fallen.

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