Ein Marseille-Krimi: Sournois

Eine Krimi-Empfehlung. Um es gleich zu sagen, ich bin von diesem Krimi angenehm überrascht. Manchmal komme ich mir ja vor wie Marcel Reich-Ranicki, der mal sagte, „erzählt mir was Neues und das bitte auf 150 Seiten“…

 Ich fand ihn damals sehr blasiert, kann ihn aber zunehmend verstehen. Ich musste beruflich schon immer viel lesen, das verdirbt manchmal – zum einen, die Lust am Lesen zum anderen die Lesegewohnheiten. Ich fange Bücher zwar von vorne an, aber es kommt immer der Moment, wo ich das Ende lese – will sagen, ich lese das Ende noch bevor ich am Ende bin. Überrascht mich der Ausgang der Geschichte, oh! dann lese ich brav weiter, will wissen, wie der Autor da hin kommt. Ist das Ende, gääähn, vorhersehbar, verliere ich die Lust und das Buch bleibt weitgehend ungelesen auf irgendeinem Bücherstapel neben meinem Bett liegen. Sournois von Alexandre Clément hat mich überrascht. Von Anfang bis zum Ende! Ich sag’s auch gleich, das Buch gibt’s nur in französischer Sprache, der Autor lässt zwar gerade eine Hörversion machen, aber die natürlich auch nur en français.
Ich hatte es ein bisschen schwer mit Sournois, in französisch lese ich nicht so flott, wie ich möchte, es ist sehr umgangssprachlich geschrieben, und ich hatte einige nicht so sehr angenehme persönliche Begegnungen mit dem Autor, war also lange nicht so in Mußestimmung, weder für Lektüre noch Besprechung. Ich habe in meinem früheren beruflichen Leben Bücher produziert und mag daher keine Schlampereien. Ich finde es ärgerlich, dass Personen, die auf dem Buchrücken „Franz“ heißen, im Text dann zu „Hans“ werden. Die flaue Abbildung auf dem Cover ist nicht sehr aussagekräftig, erinnerte mich, mit meiner jüngsten bäuerlichen Vergangenheit, an gestapelte Käselaibe und erst nach dem Lesen begriff ich, dass es sich wohl um alte Autoreifen der Tankstelle handeln soll. Trotz aller Umgangssprachlichkeit und meiner französischsprachigen Unvollkommenheit fand ich dann auch im Buch noch viele sogenannte Druckfehler, sprich, es gab keine oder keine gute Korrektur des Textes. Ich hätte noch mehr zu nörgeln, ich mag nämlich auch nicht, dass die Bösen immer Deutsche sind, die dann dämlicherweise immer Hans oder Franz heißen, auch in Bruce-Willis-Filmen ist das so… und das nervt! So viel dazu. Es gab also Hindernisse – jetzt bin ich aber durch mit Sournois und sage chapeau.

Wir sind in einem der tristen Marseiller Vorstadtviertel, Ghetto, Cité. Noé, der noch minderjährige Held, von seiner allein erziehenden Mutter zurückgelassen, fällt durch alle Löcher des sozialen Netzes und schlägt sich so durch – trifft auf Hans, von dem man nicht so genau weiß, was ihn den Weißen mit dem deutschen Namen eigentlich an diesen Ort verschlagen hat, aber Hans nimmt Noé unter seine Fittiche, und auch wenn man spürt, dass nicht alles korrekt läuft, so folgt man Noé erleichtert in ein halbwegs legales Arbeitsleben in der neu zum Leben erweckten Tankstelle, in der neben Benzin auch geschmuggelte Zigaretten, Alkohol und Hasch zu Dumpingpreisen verkauft werden und hin und wieder private Pokerabende stattfinden. Noé ist nicht so unbedarft wie alle meinen, er sieht alles und begreift schnell und profitiert auf seine Weise. Trotz seiner kriminellen Energie sind wir auf der Seite des im Leben rumgeschubsten Jungen und durchaus einverstanden mit seiner Handlungsweise; selbst dann noch, wenn er am Schluss wirklich bitterböse wird. Das hat mich am meisten überrascht. Glücklicherweise ist da noch Adila, einziges Mädchen einer arabischen Großfamilie, kontrolliert von ihren brutalen und kriminellen Brüdern, die in Noé verliebt ist, und so etwas Wärme und Licht in dieses triste Ambiente und in das Leben Noés bringt. Das Ende ist offen, und wir hoffen, den beiden gelingt der Ausstieg …

A. Clément bekam 2007 den Marseiller Krimipreis für Sournois und ich finde es absolut gerechtfertigt. Lesen!

Alexandre Clément: Sournois. L’écailler du sud, 2007. € 7,50

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