Herbstausflug mit Smartbox

 

Letztes Jahr bekamen wir zu Weihnachten eine Smartbox geschenkt. Es ist schon das zweite Geschenk dieser Art, denn Smartboxen sind hier gerade DER Hit. Ich weiß nicht, ob diese Gutscheine in Deutschland auch so beliebt sind und ich mir daher jegliche Erklärung schenken kann ?! Für alle anderen sei gesagt, die „Smartbox“, ein Kästchen etwa so groß wie eine CD, ist im Prinzip ein Reisegutschein. Aus dem beiliegenden Büchlein in besagter Box kann man sich eine Reise/Unterkunft aus einem Kontingent vorbereiteter Kurzreisen auswählen. Smartboxen gibt es zu allen möglichen Themen und zu den unterschiedlichsten Preisniveaus. Es gibt Wellness-Tage, Gourmetreisen, Städtereisen, eine, zwei oder drei Übernachtungen in Schlössern, in Jurten, in Berghütten oder an sonstigen originellen Orten. Mal mit, mal ohne Verpflegung. Frankreichweit. In Deutschland entsprechend deutschlandweit. Wobei man sich für eine Nacht in einem Zirkuswagen vermutlich nicht einmal quer durchs Land bewegen wird, denn die Kosten für Anreise etc. trägt man selbst. Die Gutscheine sind etwa ein Jahr gültig, und ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, bei uns kommen sie wirklich erst kurz vor knapp zum Einsatz. Natürlich ist dann alles schon ausgebucht, so dass wir uns gezwungenermaßen oft kurzfristig hoppladihopp mitten in der Woche auf Reisen finden, soll der Gutschein nicht verfallen. Wir waren so bereits einmal in Carcassonne und jetzt mussten wir schnellschnell einen Ort für einen kurzen „Gourmetaufenthalt“ suchen. Ich blättere das Büchlein durch, die Angaben zu Unterkunft sind knapp und formelhaft, oft sind die Fotos sehr laienhaft aufgenommen und nicht immer haben die Häuser eine Website, aus der man noch etwas Zusatzinformation entnehmen könnte. Nicht zu weit weg für eine Nacht, entscheiden wir uns für eine Chambre d’Hôtes Unterkunft im Bergdorf Tende im Tal des Roya. Das östlichste französische Tal, ganz nah an Italien hat eine wechselvolle Geschichte erlebt und kulturell viel zu bieten. Wir wollen für ein maximales Urlaubsgefühl gleichzeitig ein bisschen Italien haben und auf italienischer Seite in die Berge fahren, aber diese Strecke war wegen eines Erdrutschs kurzfristig gesperrt worden, was zwar spät, aber immerhin noch zu Beginn der Bergstrecke angezeigt wird, sodass wir wieder zurück und auf französischer Seite über Sospel nach Tende fahren. Landschaftlich schön, fahrerisch anspruchsvoll, sprich Kurven über Kurven. Das bleibt so über 60 Kilometer. Am Ende fällt die Beifahrerin grün im Gesicht aus dem Auto und beschließt, nie wieder irgendwo hinfahren zu wollen.

Das Tal des Roya, wie der Fluss hier heisst, von wo es am oberen Ende in das Tal der Merveilles geht, ist im Sommer völlig überlaufen, aber jetzt sind wir fast alleine unterwegs. Im Tal der Merveilles gäbe es wunderliche prähistorische Steingravuren zu sehen. Und viel zu wandern. Weiter oben auf den Gipfeln reihen sich Forts und Festungen auf der ehemals umkämpften französisch-italienischen Grenze aneinander. Aber wir schlendern nur durch die mit grauem Schiefer gedeckten Dörfer Sospel, la Brigue, Saorge und Tende und durch enge Gässchen und Treppen bergauf und bergab – in diesen Dörfern sollte man besser nicht fußlahm sein und auch ohne große Wanderung verlangen die mittelalterlichen Steine auf den Wegen ordentliches Schuhwerk.

Plätschernde Brunnen allüberall, leere Plätze auf denen Katzen in der warmen Herbstsonne dösen, verblasste Wandinschriften in italienisch und französisch zeugen von der wechselvollen Geschichte. Ein stilles Kloster und hinter schlichten Fassaden verstecken sich barock-überladene Kirchen, die einem den Atem stocken lassen, so sehr blitzt es golden vor abgeschabten Wandfresken, und ganz oben über allem thronen wunderliche Friedhöfe. Die Toten sind dem Himmel ganz nah. Und da sie der Welt schon entrückt sind, haben sie einen himmlischen Blick. Auf den Gräbern witterungsbedingt Plastikblumen und Fotos der Verstorbenen, wie es in Italien üblich ist, auch hier fast ausschließlich italienische Namen, wie überall in diesem östlichsten Zipfel Frankreichs, der erst 1860 Frankreich zugeschlagen wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde es hier teilweise wieder italienisch, in La Brigue weist ein Schild darauf hin, dass Italien das Dorf sogar erst 1947 wieder aufgab.

 

Von Tende hatte ich schon Fotos gesehen, ich hatte daher nicht damit gerechnet, dass mich der Anblick dieses Dorfes so überraschen würde. Aber man fährt und fährt und sieht es lange nicht, dann plötzlich taucht es frontal vor einem auf. Und es sieht so fremd aus, dass ich einen Moment dachte, ich sei in Nepal oder in Tibet. Die Häuser, übereinandergestapelt und an den Berg geklebt mit unendlichen hölzernen Balkons zur Sonnenseite, sehen von weitem aus wie kleine offene Schachteln, daneben ein dicker Leuchtturm, ein Mauerrest und kleine bunte Spielzeughäuschen ganz oben. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Das Fremde des Dorfes verliert sich beim Durchwandern. Wir kaufen in einer kleinen boulangerie bei einer alten Dame, die nebenbei die Bügelwäsche macht, große mit Mangold gefüllte frittierte Ravioli, deren provençalischen Namen ich schon wieder vergessen habe, der aber „tonton Jean“ bedeutet, Onkelchen Jean also, was die Sache nicht klarer macht. Hat er sie erfunden? War es sein Leibgericht? Keine Ahnung, aber sie sind so lecker, dass wir noch ein paar Onkelchen nachkaufen müssen. Mangold, des blettes, ist hier überhaupt sehr beliebt, es gibt auch eine tarte aux blettes, einen süßen Mangoldkuchen, den Sie unbedingt probieren sollten, wenn Sie in der Gegend sind.

 

Von unserer Herberge, die nichts vom Ambiente eines Bergdorfes hat, haben wir den Blick auf den vermeintlichen Leuchtturm, der ein Glockenturm ist. Falls Sie hier sind und ausnahmsweise eine ganz und gar nicht bergstiefelige Unterkunft möchten, kann ich Ihnen die Villa l’Hermitage nur ans Herz legen. Ruhig und etwas außerhalb gelegen, kann Tende dennoch fußläufig in fünf Minuten erreicht werden. Das große, eher banal aussehende Wohnhaus überrascht von innen: Es ist edel und luxuriös eingerichtet mit unterschiedlichsten schönem Deko-Kitsch, nicht ganz mein Stil, aber insgesamt sehr geschmackvoll, großzügige, unterschiedlich gestaltete Zimmer, manche mit eigener Terrasse, alle mit eigenem Bad, gute breite Betten, alles absolut sauber, eine Suite, ein Appartement, ein baumbestandener weitläufiger Garten, durch den ein schwarzes Kaninchen hoppelt, eine schöne, überdachte Terrasse, ein riesiger bequemer Aufenthaltsraum mit Flügel, leise jazzige Musik, die das gemeinsame leckere Abendessen „fait maison“ am großen Tisch untermalt. Die Gastgeber, Patrick und Brigitte, pflegen ein sehr persönliches Ambiente und ihre Geschichte, die so ähnlich klingt wie meine mit Patrick in Chateauneuf, hat mich sehr berührt. Patrick plant, für die Zukunft eine Sauna und/oder einen Hammam mit Massagen einzurichten, so dass man, wenn man etwa vom Wintersport aus dem nahen Limone kommt, seine müden Glieder in wohliger Wärme entspannen kann. Da hätte ich sofort Lust wieder hinzufahren. Trotz der Kurven.

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4 Antworten auf Herbstausflug mit Smartbox

  1. Nicole* sagt:

    Wow, die Bilder sind ja wirklich sehr schön: Sind tolle Motive dabei. In der Tat ist die Nähe zu Italien nicht zu leugnen. Diese bunten Häuser mit der vielen Wäsche auf den Balkonen erinnern mich doch sehr an bella Italia :-)

  2. hsm sagt:

    Das Bild mit den Haeusern und der Waesche ist mir auch sofort ins Auge gesprungen. So was finde ich so toll und gemuetlich. In so einem Haus koennte ich ohne weiteres wohnen, *schmacht*.

    PS. Schoen, dass du wieder Kommentare zulaesst. :)

  3. Dreherfan sagt:

    Jetzt weiß ich endlich, was gemeint ist, wenn in einer Hotelbewertung geschrieben wird, dass man den Aufenthalt über ein coffret Smartbox bekommen hat. Danke für die Audklärung – gibt es so etwas auch in Deutschland – würde das auch mal gern geschenkt bekommen

    • dreher sagt:

      Ich habe da wohl unwillentlich einen Werbeartikel fuer diese hmhm-boxen geschrieben —
      jaa, die gibts auch in Deutschland und anderswo, das Internet macht fuendig (ich verlinke jetzt nicht auch noch) — ich glaube nur, die Deutschen springen da nicht so drauf an. Die Franzosen haben da weniger Beruehrungsaengste, finden das primaer praktisch, schnell gekauft, macht Freude, passt.
      Ich glaube, ich haette selbst nie so eine „Reise in der Dose“ gekauft, man hat ja immer so dieses kritische Hinterfragen im Kopf „ist das auch gut?“ Nun, aussuchen muss man die Unterkunft dann doch noch selbst und da muss man genauso waehlerisch sein, wie wenn man „frei“ sucht und bucht, nur dass eben hier eine Vorauswahl getroffen wurde, um quasi fuer jeden Geschmack (und in jeder Region) etwas anzubieten. Wir haben es aber zweimal gut getroffen.
      Frohes Reisen! So oder so :)