Cannes zu Fuß

Kann ja sein, dass ich mal wieder zu viel will, aber ENERGIE war und ist mein Wort für 2014. Also, ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon jemals vorher ein Wort als Motto für ein Jahr gewählt hätte, aber dieses Jahr kam es einfach so an und war da, und dann lese ich plötzlich überall davon, dass Menschen sich ein Wort gewählt haben; ich bin ein unbewusster Trendsetter, vermute ich, nun denn, es ist da das Wort: ENERGIE. Ich wollte es dann kurz auch gegen ein anderes tauschen, aber es hat nicht funktioniert, es soll wohl ENERGIE sein. So, und während ich schon dachte, dass sich dieses nagelneue Jahr, in dem doch eigentlich noch ALLES möglich sein kann, schon nach zwei Wochen genauso energielos anfühlt wie das alte, so müde und schlafmützig, so alltäglich, da bekam ich gestern den Kick. Zwischen all den Cappuccino- und Eisbärchen- und Kätzchenfotos, zwischen all den so schrecklich wichtig- unwichtigen Statements, die da immer auf FB (auch von mir) gepostet, angeschaut und geliked oder auch nicht geliked werden (wie viel von meiner ENERGIE geht da jeden Tag verloren!) war einer, der mich elektrisierte. Smilla von anders-anziehen verlinkte einen Zeitungsartikel über einen Blog von einem, der zu Fuß durch Köln geht. Niels heißt er und er geht jede, wirklich jede dieser überwiegend hässlichen Straßen (die Kölner mögen mir verzeihen) dieser großen Stadt ab. So, ich verlinke mal direkt da hin, dann können Sie sich das alles selbst ansehen, er macht das natürlich ganz professionell mit interaktivem Stadtplan undsoweiter. Hässlich oder nicht, ich fands toll heute morgen virtuell am Rhein entlangzugehen (und da ist es ja auch schön!). Und ich wusste augenblicklich, DAS ist mein Projekt für dieses Jahr (oder auch für mehrere). Denn seit letztem Jahr bin ich fasziniert von Menschen, die irgendetwas JEDEN Tag (oder jede Woche) machen und das täglich (oder wöchentlich) zeigen oder davon täglich berichten: Ein Foto von sich selbst in einem täglich wechselnden Rock zum Beispiel (Frau-Mutti), eine freche, witzige oder anrührende Zeichnung jeden Tag (er hat wirklich jeden Tag eine neue Idee!, der Herr skizzenblog), ein selbstgemaltes Bild jeden Freitag, ein Foto aus dem Fenster, jeden Tag das selbe Motiv (erinnern Sie sich an den Film Smoke mit Harvey Keitel?), jeden Tag ein Lied auf FB posten (Hallo Nikolaus!) oder jeden Tag eine Sammlung fotografieren. Aber was soll ich denn nun machen? Jeden Morgen mein Müsli fotografieren? Meine Katze? Meine Füße? Die Palme vor dem Fenster?

K800_IMG_20140103_160847Es gibt einen Fleck in Cannes, von dem ich jedes Mal ein Foto mache, wenn ich daran vorbeikomme, weil man aus einer  Bahnunterführung kommt, die so niedrig ist, dass mein Haar die Decke berührt und dann steht man plötzlich dem Meer gegenüber. Eigentlich verstellen die Schilder den Blick auf das Meer, aber mir gefällt diese Stelle. Aber dort jeden Tag hinlaufen und das Foto machen, finde ich doch wenig verlockend. Tipps für Cannes wollte ich mal schreiben – daraus wurde nichts, weil, ja hm, weil es keine gibt. Es gibt keine süßen alternativen Läden, keine gemütlichen Cafés, unentdeckte Restaurants, geschweige denn originelle unentdeckte Orte. Cannes ist so banal. Und so auf Luxus-Shopping konzentriert, und wo Sie Chanel, Prada oder Dior finden, na das muss (und will) ich Ihnen wirklich nicht erzählen. Ich habe dann resigniert aufgehört, Cannes weiter kennenlernen zu wollen, ich gehe die Wege, die man eben so geht, zum Markt, zum Supermarkt, zum Yoga, an den Strand, zum Friseur und basta. So, und wissen Sie was? Ich werde Cannes abgehen. Nicht, um für Sie den letzten Hype zu entdecken, sondern um mir langsam diese Stadt (die ich immer noch nicht mag) anzueignen. Stück für Stück und zu Fuß. Egal, ob es eine schöne Straße ist oder nicht. Einfach alles. Christjann-Street-View sozusagen. Das mache ich. Heute bin ich auch trotz eiskaltem Regen rausgegangen und lief das Stück der Straße vor meiner Haustür bis zu ihrem Anfang bergab und dann wieder zurück – eigentlich wollte ich noch weiter, aber ich war total durchnässt und dachte, ok, für den Anfang reicht es. Und danach war ich richtig energiegeladen! So, und davon berichte ich gleich im nächsten Text :)

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8 Responses to Cannes zu Fuß

  1. Toni sagt:

    Das Regenwetter hier am Mittelmeer ist ja auch wirklich zum ausflippen. Heute bin ich gegen Mittag zum Sport. Als ich aus der Haustür trat war es zwar nass, aber hat nicht geregnet. Im Sportstudio ankommend war ich Klitschnass, als hätte ich schon ein paar hundert Kcal auf Laufband oder Fahrrad rausgeschwitzt. Nach dem Training gut geduscht und abgetrocknet. An der Haustür zum dritten Mal an diesem Tag Klitschnass. Da brauche ich schon ganz schön viel ENERGIE (geistige Überzeugung) um beim nächsten Regen trotzdem zum Training zu gehen.
    Wahrscheinlich werde ich es trotzdem machen, klingt mir einfach zu Dumm wegen dem bischen Regen auf das Schwitzen auf der Ruderbank zu verzichten.
    Und einen Schirm nehme ich schon garnicht.

    • dreher sagt:

      Nein, Schirm geht gar nicht, sehe ich auch so! Wäre bei mir zum Fotografieren auch ganz unpraktisch gewesen. Aber ES HAT sowas von geregnet … im Hinterland sind wieder viele Straßen gesperrt, wegen der abgerutschten Hänge …

  2. Barbara Kiel sagt:

    Das Ablaufen von Straßen ist wirklich eine gute Idee! Wir machen das seit vielen Jahren, wenn wir in Paris sind. Ich habe einen großflächigen Stadtplan und markiere die „erlaufenen“ Straßen mit Leuchtstift. So lernt man eine Stadt wirklich kennen, was ja in Paris wirklich ein Vergnügen ist.

  3. tkl sagt:

    Cannes a la Christjann. Super Idee! (Mein Motto fürs erste halbe Jahr: Kräfte gut einteilen…) Schönen Gruß, Tina

  4. Ganz Köln sagt:

    Liebe Christjann,
    ich freue mich sehr, was Du über meine Seite schreibst und noch viel mehr, dass Du das als Inspiration nimmst, selber los zu gehen. Und dafür wünsche ich jede Menge ENERGIE, das Tolle ist ja, dass Bewegung zwar erst Energie kostet, sie aber bei regelmäßiger Betätigung auch zurück gibt.
    Ich wünsche gutes Tapern und sperr die Augen auf, es ist viel schöner überall als man denkt.
    Horrido!
    Nielz

    • dreher sagt:

      Lieber Nielz, ich freue mich über deinen netten Kommentar und die Ermutigung! Merci! Und ja, ich bin bereits überwältigt, was ich alles sehe – schön, oder nicht schön, immer sehenswert, ich versuche mich im objektiven Schauen, Entdecken und Wahrnehmen und will nicht mehr alles gleich mit dem Stempel „schön“ oder „hässlich“ bewerten wie die ganze Zeit, was in Cannes leider irgendwie so naheliegt … ich denke, für mich kam dein/dieses Projekt genau richtig, um mit Cannes endlich „warm“ zu werden. Merci encore! Frohes Gehen und Schauen auch weiterhin für dich!