Carros, mon amour – Kunst im Hinterland

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Naja, vielleicht ein klein wenig übertrieben, die Überschrift – aber so kann’s gehen: Wenn man nix erwartet, wird man überrascht! Ich muss vielleicht etwas ausholen. Carros (man spricht übrigens das „s“ am Ende) war für mich bislang das Industriegebiet nördlich von Nizza, in der Var-Ebene gelegen, durch das man auf dem Weg in die Berge

kilometerlang fährt (so man die neu ausgebaute Strecke links des Var wählt). Einen Ort, den man nur möglichst schnell hinter sich lassen möchte. Nur manchmal fragte ich mich, was das wohl für Dörfer sind, die man von der Ebene aus darüber in den Hügeln liegen sieht. Aber in der Regel fahre ich nur daran vorbei, nur schnell hoch in die Berge ist das Ziel, und dann vergesse ich es wieder … aus den Augen, aus dem Sinn.

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Als wir neulich in Saint Auban den beeindruckenden Kreuzweg von Jean Brandy entdeckt hatten, machte ich mich anschließend im Internet auf die Suche nach dem Maler. Ich fand wenig, er ist bereits verstorben, aber in Carros hatte es einmal eine Ausstellung von ihm gegeben. In Carros?! Dort gibt es, man höre und staune, ein Zentrum für moderne Kunst, das CIAC geöffnet beinahe jeden Tag im Jahr. Dort waren wir also heute und siehe da, Carros ist auch eine Kleinstadt mit sich weit die Hügel entlang streckenden Ausläufern (jeder will ein Häuschen mit Garten und Blick aufs Meer) und oberhalb davon soll noch Carros-Village liegen. Und nach ein paar Kurven auf der engen kleinen Straße entdecke ich es plötzlich von Weitem: Oooh, halt an! Foto! Carros-Village ist eines dieser kleinen zusammengegluckten Dörfer mit Festung und Kirchturm, die exponiert auf einem Felsen thronen, wie schön! Wir finden einen Parkplatz und laufen bergauf in dieses kleine, schnuckelige und aufgeräumte Dorf. Hier soll es sein, das Zentrum für moderne Kunst. Steile, verwinkelte Sträßchen, plätschernde Brunnen, Blumen und liebebedürftige oder schläfrige Katzen und ganz oben im ehemaligen Schloss, Eintritt frei, eine moderne Kunstausstellung! Leider hängt dort aktuell nichts von Brandy, doch wir haben die Telefonnummer des Direktors, es ist sein Sohn, wir werden in Kontakt treten. En attendant, wie man hier sagt, begnügen wir uns mit der ausgestellten Kunst.

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Auch das Schloss ist schon schön, Blicke aus dem Fenster gar fantastisch: verschneite Gipfel des Mercantour auf der einen Seite, die Var-Ebene und das Meer im heute gleißenden Sonnenlicht auf der anderen.

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Die Kunst ist frisch und amüsant und darf fotografiert werden. Das alles ist kostenlos und wir sind die einzigen Besucher. Wo gibt’s denn sowas? Toll!

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Auf einem kleinen kurvigen Sträßchen, der D 2209, fahren wir auf etwa 300 Höhenmetern weiter Richtung Vence. Wir fahren durch waldreiches Gebiet, die Sonne scheint durch das leicht gefärbte Laub, Steinbrückchen führen über kleine Wasserläufe, es rinnt zusätzlich überall Wasser von den Felswänden und fließt über die Straße – es hat viel geregnet die letzten Tage. Immer wieder hat man den Blick auf die Ebene mit dem Var, dem Industriegebiet (das von hier oben weniger hässlich aussieht), die gegenüberligenden Hügel und das Meer und ich muss mich zusammenreißen, dass ich auch hin und wieder auf die Straße schaue.

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Und dann sieht man von Ferne schon wieder so ein niedliches Dorf. Stop! Foto! Es ist Gattières. Und etwas weiter liegt St. Jeannet. Wir kommen kaum voran, weil ich immer anhalten muss, um Fotos zu machen. Ich würde beide Dörfer auch gern durchlaufen und nicht nur daran vorbeifahren, aber dann kommen wir heute nicht mehr zur Fondation Maeght, unser zweites Kunstziel heute, wo unter anderem Zeichnungen eines Freundes von Monsieur zu sehen sein sollen.

Und dann kommen natürlich das schöne Vence und das legendäre St. Paul de Vence, die habe ich nicht fotografiert und darüber muss ich auch nichts schreiben, beide Orte sind nur allzu bekannt. Vence ist ein bisschen städtischer und lohnt sich auf jeden Fall, selbst außerhalb des Altstadtkerns. Auf dem Weg nach St. Paul de Vence liegt übrigens die Matisse-Kapelle. Sie hat Öffnungszeiten wie eine Postfiliale finde ich, immer ist sie „heute jedoch nicht“ geöffnet. Dreimal schon war ich dort und dreimal hatte sie geschlossen. Mit dieser Kapelle ist es dann umgekehrt wie mit Carros. Ich hatte in der Zwischenzeit so viel erwartet, dass ich quasi nur enttäuscht sein konnte, als ich sie endlich von innen sah. Und St. Paul de Vence, bei aller Schönheit und Berühmtheit, ist auch in der Nebensaison kaum auszuhalten. Alles zu viel dort. Nur schnell daran vorbei und abgebogen zur Fondation Maeght.

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Auch dieser Ort ist ganzjährig überlaufen, aber ich mag ihn trotzdem. Mir tut die konsequente Modernität manchmal gut inmitten all dem Lavendel- und Olivenbäumchenkitsch, der einen hier sonst so umgibt. Das Ausstellungsgebäude und der Garten kommen mir vor wie ein großer Spielplatz für Erwachsene. Alles, was in der etablierten modernen Kunst Rang und Namen hat, steht oder hängt hier. Miro, Max Ernst, Giacometti, Kandinsky, Matisse aber auch Bonnard und Chagall und, und, und … Der Eintritt ist happig und die Fotografiererlaubnis kostet noch mal 5 Euro extra, weshalb ich beschließe nicht zu fotografieren. Tant pis. Jedes Mal, wenn ich hier bin, denke ich, man müsste Zeit haben und sich draußen auf eines der Mäuerchen setzen und vielleicht malen oder Skizzen machen und den Ort und die Kunst auf sich wirken lassen. Aber meistens ist es hier zu voll und ich ertrage das Gedränge der Menschen nur kurz und heute Nachmittag war es schon zu frisch – also sehen wir nur die Jubiläumsausstellung an, buchstäblich am allerletzten Tag der Verlängerung und laufen dann draußen über die knirschenden Kieswege, und ich mache heimlich und ohne Erlaubnis doch ein paar Fotos von den plätschernden Brunnen. Und natürlich hängen die Zeichnungen unseres Freundes erst in der kommenden Ausstellung … dann kommen wir eben nochmal und vielleicht haben wir dann auch Zeit für die Fondation Émile Hugues nahe Vence …

 

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3 Antworten auf Carros, mon amour – Kunst im Hinterland

  1. Marion sagt:

    Hach, träum….

  2. Christiane sagt:

    Ich war im September an der Côte d’Azur. Da ich vor allem die Bretagne liebe, war es das erste Mal seit dreißig Jahren. Die Dörfer und Dörfchen auf halber Höhe haben mir eigentlich am besten gefallen – ehrlich gesagt noch besser als die meisten Orte an der Küste, gerade weil dort alles so zugebaut ist. Das Foto mit den verschneiten Bergen im Hintergrund ist atemberaubend! Liegt dort jetzt wirklich Schnee? Fantastisch! Und kann man das von Cannes aus sehen? Liebe Grüße aus Norddeutschland! Ich freue mich, dass es den Blog weiterhin gibt!!!

    • dreher sagt:

      Liebe Christiane, ich freue mich auch, dass es den Blog noch gibt ;-) und JA, natürlich liegt in den Bergen jetzt schon Schnee, das ist nicht gefaked, das ist aktuell! Man kann es von Cannes aus sehen, wenn man sich in einen entsprechenden Blickwinkel begibt – von den kleinen vorgelagerten Inseln zum Beispiel – man kann es aber nicht sehen, wenn man durch die Straßen läuft. Sehr beeindruckend finde ich immer den Blick von der Autobahn A8 Richtung Nizza – ab Antibes geht es leicht bergab und man sieht rechts vor sich die Bucht von Nizza mit dem Meer und links die verschneiten Berge – toll! Leider kann ich da nie fotografieren ;-)
      Liebe Grüße aus dem Süden in den Norden
      C.