Erst die Arbeit!

5165-LFem1594Seit fast zehn Jahren lebe ich jetzt in Südfrankreich und ich habe mich daran gewöhnt, dass es hier langsamer läuft und unperfekter ist als in Deutschland. An anderer Stelle habe ich sogar geschrieben, dass ich dieses Land dafür liebe, weil ich es mir endlich erlaube selbst langsamer und unperfekt zu sein. So viel zur Theorie.

Kaum geht es nämlich um ein Arbeitsprojekt, bricht aus mir noch immer die deutsche Organisatorin und Schafferin hervor: „Erst die Arbeit!“ Und ich erwarte automatisch, dass Monsieur, wir sind uns doch sonst so nah und ähnlich, den gleichen Blick und das gleiche Tempo hat und natürlich die gleichen Prioritäten setzt. Es klappt nicht. Da kann ich noch so hoffnungsvoll (und streng!) meine Sicht der Dinge darlegen, er widerspricht nicht mal, aber er macht einfach in seinem Rhythmus weiter. Ich würde doch jetzt alles daran setzen, dass diese verdammte Küche so schnell wie möglich fertig wird, und ich würde diesem Ziel alles bis auf Weiteres unterordnen – früh aufstehen, bis spät abends arbeiten, nichts anderes tun und auch gedanklich 100%ig involviert sein. Nicht so Monsieur. Bei aller Arbeitsdiziplin und -perfektion, man muss doch auch leben! In aller Ruhe essen, Zeitung lesen, sein Mittagsschläfchen machen, Bridge spielen gehen, mit Freunden telefonieren, ins Kino gehen, sich einen Vortrag anhören und sich abends seine Lieblingspolitiksendung ansehen. Kann man das nicht eine Woche oder auch zwei mal alles sein lassen und einfach nur arbeiten?! Monsieur schüttelt irritiert den Kopf, und so ganz versteht er nicht, was ich will. Dienstags geht er Bridge spielen, das ist einfach so, und dieses Buch hier ist außerordentlich interessant, warte, ich les‘ dir mal diese Stelle vor, was hältst du davon? Ich möchte nichts vorgelesen bekommen und nicht darüber diskutieren, ich will, dass die Küche fertig wird und dieses dreckige Chaos verschwindet, ich will Plätzchen backen und Christstollen, es ist Advent, Herrgottnochmal und was soll ich sonst deiner Mutter schenken? Und ich will es schön haben und gemütlich auf dem Sofa sitzen und heiße Schokolade trinken … „Dann mach das doch, ich hätte auch gerne einen Tee, wenn du schon dabei bist“, sagt Monsieur und liest in seinem spannenden Buch weiter. „Aber ich kann erst schön sitzen, wenn alles fertig ist und so wird es nie fertig und dann fahren wir weg und es sieht noch genauso aus, wenn wir zurückkommen und …“ „Sie wird schon fertig die Küche, keine Sorge“, sagt Monsieur, „wie hieß noch der Spruch, den du neulich dort aufgehängt hast?“ „Happiness is not the destination it’s a way of life“, murmele ich mürrisch. Ach, wie ist es schön im Süden, wo alle Zeit haben und plaudern und morgen ist auch noch ein Tag. Ein schönes harmonisches Wochenende wünsche ich Ihnen!

 

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7 Responses to Erst die Arbeit!

  1. Marion sagt:

    Aber für Deine Leser ist’s auch gut so….hehe…

  2. Eva sagt:

    Hmmmm, ich denke seit einiger Zeit über eine Veränderung in der Küche nach……und bei uns ist alles offen.
    Vielleicht muss ich noch ein wenig länger darüber nachdenken!
    Liebe Christjann,
    ich wünsche Dir (trotz allem) eine schöne Adventszeit.
    Hier gefühlt seit Wochen trübe Aussichten, keine Sonne, nicht mal Schnee, Dunkelheit. Aber ab 21.12. geht alles wieder in die andere Richtung. Das schaffen wir noch.
    Eva

    • dreher sagt:

      ach Eva … es kommt natürlich darauf an, was du machen (lassen) willst … ich könnte stündlich einen Beitrag schreiben, es ist ein weites (Konflikt-)Feld … (hier denke man sich einen Smiley mit verdrehten Augen) und es ist auch sehr staubig, aber es ist vielleicht ein spezifisch deutsch-französisches Problem bzw. das zweier charakterstarker Personen in einer speziellen Situation … aber, ich wiederhole, es ist doch auch sehr staubig, grmpf (hier ein genervter Smiley) und jetzt mach‘ ich mein zweites Adventskerzchen an!

  3. Monika sagt:

    Ich hatte genau die gleiche Erfahrung, als ich in einem französischen Büro anfing zu arbeiten: Panik, wenn der Kunde zum 5. mal anruft und der Kollege erneut „en ligne“ ist und ich nicht durchstellen kann. Reaktion: kein Problem, dann probier ich es eben später nochmal….da musste ich mich erstmal dran gewöhnen. Aber es ist sehr viel angenehmer. Nachdem ich diesen Kulturschock verdaut habe, würde ich nicht mehr zurück in die deutsche Tretmühle wollen.
    bisous aus der Charente et bon courage!
    PS: „La Charente a des ailes“

  4. Gerd Ziegler sagt:

    Unsere Küche ist auch noch nicht fertig, obwohl bereits 89% der Tätigkeiten erfolgreich waren. Ganze kölsche 11 Prozent der Fertigstellung warten noch auf das Ende der Bauarbeiten. Mittlerweile habe ich mich sogar an dieses Provisorium gewöhnt.

    Aber wie auch beim Kölner Dom, der im späten Mittelalter von den Kölnern als „fäädisch“ erklärt wurde, wird mich auch eines Tages eine gewisse „preußische“ Pflichterfüllung zum Abschluss des Küchenprojekts zwingen. Morgen nämlich, oder Übermorgen (vielleicht) – spätestens aber…

    Damit ist bewiesen, dass ich als gebürtiger Kölner, wohl auch ein Franzose sein muss. Und da Köln im 18. Jhdt. von den Franzosen besetzt wurde, verwundert mich das auch nicht…
    q.e.d.

    PS Danke für deinen Artikel, bei dem ich doch sehr schmunzeln musste ;-)