un petit coup …

Liebe Claudia, hier kommt noch ein Text dieser Art, bei dem Sie sich vermutlich ganz normal fühlen können, und ich kann Ihnen versichern, dass hier alles ganz normal ist. Dass ich in Cannes lebe und in unserem Vorgarten eine Palme steht und dass das Meer zu Fuß erreichbar ist und hier häufiger die Sonne scheint als anderswo, ändert gar nichts an der Alltagsnormalität.

Und die Sonne scheint in diesem Herbst sowieso so gut wie gar nicht. Es regnet und regnet und regnet. Und Alltag ist Alltag ist Alltag. Und die Zusammenarbeit mit Monsieur in Sachen Renovierung bringt zumindest mich jedes Mal an meine Grenzen. Es dauert vor allem alles immer viel länger als ich denke, denn Monsieur arbeitet langsam und gründlich. Nach dem Abkratzen der blättrigen Decke und Wände muss zunächst alles abgewaschen werden, danach wird alles mit einem Mittel behandelt, damit die Feuchtigkeit nicht mehr durchschlägt, und nachdem diese abgetrocknet ist, kommt Monsieurs Lieblingsprodukt PF3 zum Einsatz, eine Wunderspachtelmasse, die alle Löcher und Risse und Unebenheiten schließt und nachdem auch das abgetrocknet ist, braucht es nur noch „un petit coup de ponçage“, es muss nur ein bisschen abgeschleift werden … „Un petit coup“ ist ein typisch französischer Ausdruck, der für alles und nichts angewendet werden kann. Beliebt ist etwa „boire un petit coup“, ein Schlückchen trinken. „Allez, on va boire un petit coup“ kann sich dann stundenlang hinziehen, genauso wie der „petit coup de ponçage“ mit dem heute die Wände abgeschleift wurden. Ich habe es übrigens aufgegeben helfen zu wollen, damit es schneller geht, denn kaum nehme ich einen Pinsel in die Hand oder ein Stück Schleifpapier oder was auch immer, herrscht man mich an, dass ich den Pinsel falsch halte, dass ich zu viel Produkt nehme, dass man so nicht streicht oder abschleift oder was auch immer … und schwupps kommt Monsieur von der Leiter und nimmt meinen Pinsel oder mein Schleifpapier und macht es richtig. Entscheide ich, dass ich stattdessen die Türen abwische, denkend, dass ich da nichts falsch machen könne, passiert exakt das gleiche. „Nicht diesen Reiniger, um Gottes Willen, der greift das Holz an!“ „Nicht diesen Schwamm, das ist der Schwamm, mit dem ausschließlich die Wände abgewaschen werden!“ Und vor allem „Nicht so!“ Ich kann nichts. Erneut steht Monsieur neben mir und zeigt mir nun wie man Türen abwischt. Die Stimmung ist zur Zeit etwas gereizt. Was ich dann aber relativ unkontrolliert machen darf, wenn Monsieur mit seiner Vormittagsschicht fertig ist, sind die Reinigungsarbeiten: „donner un petit coup de nettoyage“. Überhaupt ist das Schlachtfeld saubermachen immer nur eine lächerliche Kleinigkeit, sei es Besen, Putzlappen oder Staubsauger, „un petit coup de balai“, „un petit coup de serpière“, oder „un petit coup d’aspirateur“, immer ist es nur „un petit coup“.  Heute war die Küche, oder das, was davon übrig ist, sowie das angrenzende Büro nach dem Abschleifen der getrockneten Spachtelmasse von einer wundervoll weihnachtlichen PF3-Puderzuckerschicht bedeckt. Allerliebst. „Tu donnes juste un petit coup“, gibt Monsieur seine Chef-Anweisungen mit einer wegwerfenden Geste Richtung Küche und verschwindet. Ich hasse saubermachen. Und dieser weiße feine Drecksstaub, der überall reinkriecht ist schrecklich. Ich fege bergeweise weißes Puder und wische, huste und fluche und frage mich, ob überhaupt noch PF3 auf den Wänden ist. Als ich fertig bin sehe ich, dass Monsieur mit seinen weißbepuderten Arbeitsschuhen großzügige Beweise seiner Aktivität im Rest der Wohnung hinterlassen hat, weil er über die ausgelegten feuchten Putzlappen extra einen großen Schritt gemacht hat, um sie nur nicht zu beschmutzen. Im Badezimmer hat er sie dann ausgezogen. „Ah, écoute“, sagt Monsieur herablassend, als ich nörgele, „tu donneras un petit coup par terre“. Was ist denn schon dabei. Niemals wollte ich so hysterisch mit meinem Mann keifen, niemals. Nach dem Essen (meine Lieblingsalltagsfrage: „Qu’est-ce qu’on mange?“) und nach der Sieste macht Monsieur erneut weiße Spuren, diesmal in die entgegengesetzte Richtung. „Was machst du?“ frage ich alarmiert. „Oh, je donne juste encore un petit coup de PF3“, antwortet er. Die Wände in einem alten Haus brauchen eben eine Mehrfachbehandlung.

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3 Kommentare zu un petit coup …

  1. Steffi sagt:

    Da musste ich jetzt aber mehr als einmal schmunzeln… Auch, wenn du mir furchtbar leid tust!! Diese façon de vivre kann einen verrückt machen – vielleicht ein Teil der Mentalität, den ich schon verdrängt habe? Oder habe ich ihn so übernommen gehabt, dass es mich nicht mehr gestört hat im zweiten, dritten Jahr?
    Danke dir auf jeden Fall für deine sehr bildliche Schilderung – sehr unterhaltsam. :D

    Lieber Gruß und bon courage für die verbleibenden Arbeiten!
    Steffi

  2. Marion sagt:

    LOL, ach Christjann, Hauptsache, Du gibst uns weiterhin einen „petit coup d’information et des observations“, immer wieder sooo vergnüglich. „Ich hasse saubermachen“…oooohhhjaaaa…. Halte durch, bald hast Du es schön…

  3. Claudia Petroni sagt:

    Hahaha, herrlich. Aber in dieser Beziehung hab ich nicht so viele Probleme, ich habe keinen Handwerker geheiratet, sondern einen, der lieber darüber redet, und das macht Gott sei Dank sehr wenig Staub und Dreck. Dafür bleibt denn auch alles, was kaputt geht in diesem Zustand, außer ich bekomme es selber irgendwie wieder hin…
    Also, ich wäre begeistert über einen Handwerker im Haus!! Positiv denken!!

    Grüßle vom Bodensee
    Claudia

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