du weißt du bist deutsch, wenn du …

gerne Apfelschorle trinkst …  So etwas in der Art kursiert ja ständig im Internet, meistens auf FB, gerne auch die amerikanische Variante, etwa 26 signs you were born and raised in Germany oder 9 American habits I lost when I moved to Germany, da erzählen dann etwa junge amerikanische Menschen, wie verwirrend es ist, dass Deutsche keinen lächelnden „Hi, how are you“-Smalltalk machen, schrecklich pünktlich sind, eine ausgeklügelte Mülltrennung befolgen und sie streng maßregeln, falls sie es wagen sollten bei Rot die Straße zu überqueren, insbesondere wenn Kinder anwesend sind. Umso mehr ist für diese jungen schamhaften amerikanischen Menschen der Umgang der Deutschen mit Nacktheit irritierend, weil diese bei aller Korrektheit plötzlich so überraschend schamlos splitternackt in die (gemischte!) Sauna gehen oder fröhlich in einen Baggersee hüpfen.

Ich lese das doch gerne immer mal wieder und nicke dann, jaja, nach fast zehn Jahren kann ich die deutsche Mülltrennung auch nicht mehr und ich gehe hier ständig bei Rot über die Straße, weil ich keine Lust mehr habe wie eine Idiotin dazustehen, während alle Mütter ihre Kinder schnell noch bei Rot hinüberscheuchen. Im Schwimmbad aber dusche ich mich in der Zwischenzeit mit dem Badeanzug und die Seife kommt jetzt an manche Stellen nur noch verschämt oder gar nicht hin, aber das kann man ja zu Hause wieder machen. Und unpünktlich bin ich auch geworden, das war eine der schwersten Übungen, ich sage es Ihnen! Als ich bei meinem allerersten Vorstellungsgespräch ein „ich ruf dich morgen nochmal an“ zu hören bekam, fragte ich nach, wann etwa man mich anrufen würde. Ich glaube, das war der Dame noch nie passiert. Sie sah mich groß an, ich schob schuldbewusst ein „nur so ungefähr“ hinterher und setzte zur Erklärung an: ich wolle ja erreichbar sein undsoweiter … Sie nickte und sagte „so gegen 10 Uhr“. So ging ich also am folgenden Vormittag nicht aufs Feld arbeiten, sondern setzte mich ab halb zehn neben das Telefon und erwartete meinen so wichtigen Anruf. Ich wartete und wartete und zweifelte zwischendurch daran, dass das Telefon funktionierte und dachte an ein Lied von Ideal: Warum ruftst du mich nicht an? Ich sitze hier im halben Wahn. Du hast gesagt, du meldest dich, warum tust du’s nicht? Sie hat nicht angerufen. Weder um zehn, noch um zwölf und auch am Nachmittag nicht. Und als ich Agnes auf dem Hof fragte, was das bedeuten könne, war sie überrascht, dass ich den Satz „ich rufe dich an“ zusammen mit eine vagen Zeitangabe so ernst nehmen konnte. „Sie ruft schon noch an … und wenn nicht, wer weiß, sie hat vielleicht so viel zu tun, mach dir nicht so einen Kopf.“ Ich aber war unglücklich, glaubte gar, den Job nun doch nicht bekommen zu haben. Am darauffolgenden Tag fuhr ich noch einmal hin – und doch klar, die Dame nickt, ich könne den Job haben. Ich wagte es nicht nachzufragen, warum sie mich denn dann nicht angerufen habe?! Das hatten wir doch ausgemacht? Egal, ich hatte den Job, und ich fing an zu verstehen, dass man manches hier nicht so genau nimmt.

Vielleicht sagen Sie, das ist nicht nur „nicht pünktlich“, das ist auch „nicht zuverlässig“? Ja, kann sein, hier ist man auf jeden Fall weder besonders pünktlich, abgesehen vom Mittagessen, das ist immer pünktlich um zwölf, weshalb man spätestens um elf schon mal drüber reden muss, um sich darauf einzustimmen, qu’est-ce qu’on mange, Cherie? heißt die tägliche Frage, (Sie kennen das schon, ich weiß, aber ich kann nunmal nicht nicht darüber klagen ;) ), nun also, ich nehme den Satz wieder auf, man ist hier weder besonders pünktlich noch besonders zuverlässig und ich kann damit nun umgehen. Smalltalk kann ich jetzt auch, meistens zumindest, denn das quasi obligatorische ça va am Gesprächsanfang vergesse ich am Telefon oft und komme für meine Gesprächspartner irritierend direkt zur Sache und merke erst später, dass ich was vergessen habe und hole es dann schuldbewusst und für meine Gesprächspartner nun völlig überraschend mitten im Gespräch nach: „ach übrigens ça va? tout va bien? les enfants ça va?“, was sie dann erneut irritiert, denn niemand will ja wirklich wissen wie es einem geht, man braucht diese Fragen nur als höfliche Floskeln am Gesprächsanfang.

Nun alles in allem habe ich mich also schon sehr an die französische Art angepasst, ich bin auch viel spontaner. Gestern zum Beispiel habe ich, anstelle in einem innerstädtischen Stau auszuharren und da sich gerade ein Parkplatz fand, spontan das Auto abgestellt und in einem mir eher unbekannten Viertel in einem unbekannten Supermarkt eingekauft. Man braucht ja immer mal was. Ich war sehr zufrieden mit meiner flexiblen Art mit diesem blöden Stau umzugehen, aber kurz darauf, an der Supermarktkasse brach meine korrekte deutsche Art dann wieder durch.

Wenn Sie sich jemals gefragt haben, warum alle Äpfel und eigentlich überhaupt alles Obst immer kleine Namensaufkleber haben, das ist, damit die armen Kassiererinnen wissen, welchen Artikel sie vor sich haben. Zumindest die ausländischen Kassiererinnen können nicht alle eigenartigen französischen Apfelsortennamen kennen, das verstehe ich total. Ich zum Beispiel bin mit all den Südfrüchten, all den Orangensorten und Clementinen und Mandarinen und was es zwischenzeitlich nicht noch alles für Züchtungen gibt auch überfordert. So viele Varianten gabs in Deutschland nicht. Und ich denke an meine Zeit in der Cooperative, die mich mit Pflanzen und Werkzeug zusammengebracht hat, deren französische Bezeichung ich nicht kannte und immer heilfroh war, wenn mir jemand sagte, dass die Fleißigen Lieschen les impatiens, also „die Ungeduldigen“ heißen oder irgendsoein Gartenschlauchverbindungsstück raccord, es war noch schwierig genug zu wissen, welcher genau es jetzt ist. Insofern verstehe ich vollkommen, dass die Kassiererin durch das Plastiktütchen hindurch die Namensaufkleber sucht. Und jetzt hält sie den Salat in seinem Plastiktütchen hoch (der Salat hat nämlich noch kein Aufkleberchen) und schaut mich fragend an: laitue? fragt sie vorsichtig. Nein, es ist kein Kopfsalat, es ist ein … und jetzt passierts: Ich weiß den Namen des Salats auch nicht. Ich überlege, es fällt mir nicht ein. Laitue? fragt die Kassiererin erneut. Nein, ich schüttele den Kopf, nein, nein, kein laitue, Herrgott, ich kaufe diesen Salat so oft und sein Name will mir nicht einfallenund ich lasse die Kassiererin kurzentschlossen stehen und flitze zum Salatregal und suche … und finde noch zwei dieser Wieheißensienochgleich-Salate und einen Kopfsalat, aber leider finde ich nur das Schildchen und den Preis für letzteren. Merde! Zurück an der Kasse erkläre ich kurzatmig und erhitzt der leicht verzweifelten Kassiererin, dass ich leider immer noch nicht weiß, wie der Salat heißt, ich habe nur das Preisschild für laitue gefunden, aber ein laitue sei es ja nicht … Ich befürchte, sie hat außer dem Wort laitue nichts verstanden, das wiederholt sie jetzt hoffnungsvoll: laitue? Und ich setze erneut an, um zu sagen, nein, wie gesagt, es sei kein laitue, aber meinetwegen kann sie es unter laitue eintippen, wird schon annähernd der gleiche Preis sein … und dann sehe ich mich mit den Augen der Menschen in der Schlange, die sich in der Zwischenzeit an der Kasse gebildet hat und sage, na gut meinetwegen laitue. Die Kassiererin lächelt und wiederholt erleichert: laitue! Im Auto schäme ich mich ein bisschen für diese Aktion bis zum Salatregal zu rennen wegen eines blöden Salates für einen Euro fünfzehn und dann fällt es mir ein: Batavia! Ich gehe aber nicht mehr zurück.

 

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9 Responses to du weißt du bist deutsch, wenn du …

  1. Marion sagt:

    Hihi, oh ja, dieser Perfektionismus… Das Lied von Ideal ist ja cool, kannte ich nicht…

  2. Birgit sagt:

    Liebe Christiane, leider kann auch ich das Deutsche schlecht ablegen, obwohl mir die französische Lebensart besser gefällt, aber ich arbeite daran, spätestens wenn wir wieder zum Camping nach France fahren LG Birgit

    • dreher sagt:

      ach Birgit, das Deutsche passt in Deutschland doch sehr gut, ich sehe keinen Grund es da abzulegen (das wäre mir früher, als ich noch in Deutschland lebte, auch nicht eingefallen!) – aber hier passt es eben nicht immer …

      • Marion sagt:

        Mir hat mal eine frz. Kollegin nach Jahren der Zusammenarbeit im Ausland gesagt, ich sei „sehr deutsch“. Das hat mich verletzt. Ebenfalls, als mir das vor fast einem Jahr ein deutscher Landsmann hier in D sagte, der selbst auch im Ausland gelebt hatte und wusste, wie wichtig mir diese Erfahrung war. Schon seltsam, dass man seine eigene Nationalität (u. Identität) so ablehnt, bei mir ist es wohl dieses Multi-Kulti-Gutmenschentum aus meiner Jugend. Dabei bin ich ja nunmal Deutsche, bodenständig aufgewachsen und außerdem sehr groß und kräftig gebaut, also nix zierliche Französin. Nur mein Name ist französisch….:-) Eine Schulfreundin, die im diplomat. Dienst arbeitet, meinte damals mal, wenn man es wagt, als Deutscher zu sagen, Deutschland wäre gut, würde man ja gleich als braun gelten. Aber diese Tendenz haben wir neuerdings in D ja wieder, es artet halt schnell aus.