(kein) Plastik im Paradies – der Tag X

K800_DSCN5966Es war schlechtes Wetter vorausgesagt worden und es war schlechtes Wetter, ausgerechnet heute am Tag X, dem Tag des vereinten  Müll- und Plastiksammelns auf der Ile Sainte Marguerite. Es regnete. Da geht ja in der Regel kein Südfranzose raus. Die ganze Woche war’s schön, morgen ist es auch wieder schön, warum soll man am einzigen Regentag rausgehen, nur weil man es sich vorgenommen hat?! Der Franzose ist groß im Improvisieren. Heute morgen wurde wild hin- und hertelefoniert: „Lasst es uns morgen machen, morgen ist besseres Wetter!“, hieß es. Und wenn wir nicht die Nizzaer Trash-Heroes erwartet hätten, Deutsche außerdem, von denen man weiß, dass sie auch bei schlechtem Wetter rausgehen, hätten wir vielleicht kurzfristig umdisponiert. Aber so, fuhren wir heute morgen bei strömendem Regen Richtung Insel. „Es ist zum ersten Mal in all den Jahren, dass ich mit Regenschirm auf die Insel fahre!“ sagte etwas missgelaunt eine Dame und warf mir einen strengen Blick zu. Ich fühlte mich unwohl und hoffte, die Deutschen seien nicht schon zu sehr vom südfranzösischen Lebenstil beeinflusst und blieben bei Regen jetzt auch lieber zuhause. Aber nein, die Deutschen sind zuverlässig, sie kamen! Und: es hörte auf zu regnen! Hurrah! Morgens war es noch etwas verhangen, aber nachmittags war die Sonne schon wieder so stark, dass manche den Schatten suchten.

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Wir schwärmten einzeln oder in Gruppen aus und sammelten Müll und Plastik. Ich hatte mich an einem kleinen Strandabschnitt festgesammelt. Mit diesem kleinteiligen Plastikmüll ist es ein bisschen wie beim Pilzesammeln. Erst sieht man ihn nicht, aber dann bückt man sich für den ersten und dann sieht man ganz viele. Ich war wirklich erschüttert, dass ich an diesem von weitem so sauber aussehenden Strand so viel Plastik fand. Und nein, ich meine nicht diese muschelartigen blauen Teile, die auch am Strand lagen, das ist kein Plastik, auch wenn es ein bisschen so aussieht, das sind Segelquallen, die sich am Strand langsam aber sicher auflösen und dabei stark fischig riechen. Dazwischen aber liegen massenweise Lutscherstile, Strohhalme, Plastikschraubverschlüsse und vieles, was schon unkenntlich geworden ist in Weiß, Blau, Gelb, Grün und Pink. Und vor allem Styropor. Das Styropor ist wirklich furchtbar, weil es erstens so viel davon gibt und weil es sich zweitens in unausrottbare kleine Einzelkügelchen auflöst. Es gab Stellen, die waren übersät von weißen Kügelchen.

K800_DSCN6013K800_DSCN6011K800_DSCN6000K800_DSCN6004Ich hatte bei der Müllsackverteilung nur einen relativ kleinen Sack gewählt, das bereute ich jetzt, denn er war, obwohl alles so kleinteilig war, ziemlich schnell voll. Aber sonst hätte ich vermutlich den ganzen Tag gesammelt, und es musste ja auch gegessen und getrunken und geplaudert und in der Sonne gesessen werden. Après l’éffort, le réconfort, wie eine französische Redensart lautet: Nach der Anstrengung, die Belohnung!

Ich werde das immer mal wieder tun, auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein mag. Anbei noch ein Film zum Thema (in Englisch, aber den verstehen Sie auch ohne Englischkenntnisse) über zwei amerikanische Müllsammler, die jeden Tag an einem Strand das sammeln, was an Müll angeschwemmt wird und die damit Skulpturen schaffen. Schön, aber auch erschreckend, wieviel Zeug jeden Tag aufs Neue mit den Wellen angeschwappt kommt. Manches Spielzeug stammt aus den 50er Jahren und schwimmt auf ewig im Meer, ohne sich je aufzulösen.

One Plastic Beach from High Beam Media on Vimeo.

ps: Inspiriert von obigen Film habe ich meinen gefunden Müll auch schön aufbereitet; ich erspare Ihnen den wirklich ekligen Teil (im Sack) sowie den Geruch ;-) und zeige Ihnen nur buntes Plastik und den Rest im Waschbecken (was sich nicht schön zuordnen ließ und unansehnlich war)

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12 Kommentare zu (kein) Plastik im Paradies – der Tag X

  1. Marion sagt:

    Hui, schön nach Farben geordnet wie beim Bücherprojekt damals, hihi…

    • dreher sagt:

      ja, stimmt, war aber eher von dem Filmchen inspiriert :-) (die Bücher sind immer noch nach Farben geordnet, aber ich finde nix mehr … ist schön, aber komplett unpraktisch!)

      • Marion sagt:

        Liebe Christjann, bin enttäuscht von Dir, wie kann eine Intellektuelle ihre Bücher nach Farben sortieren? :-)

        • dreher sagt:

          wiewas? Intellektuelle? kann man das essen? ;-)

          • diana sagt:

            …mit Pfefferminzsauce! Aber sicher doch! Kehren wir zum Thema „Sortieren nach Farben, ist das intellektuell?“ zurück, dann kann ich in Hinblick auf die Buchrückegestaltung von Suhrkamp hinzufügen: Ja, klar! :)

          • dreher sagt:

            Ihr verwirrt mich Mädels, nur zur Klarstellung, ich habe seinerzeit meine Bücher sehr hübsch und sehr unpraktisch nach Farben geordnet (und es mangelt mir an Zeit und „courage“ um das wieder sinnvoll zurückzuordnen), nenne aber keinesfalls eine intellektuelle Suhrkamp-Bücherwand mein eigen! Dennoch, danke für die Blumen! :)

  2. David sagt:

    Merciiii, das war eine echt geniale erste Aktion und deine/eure Unterstützung, und die Begrüßung zum Apero – echt wunderbar!!! A bientôt ;-)

  3. Ines sagt:

    Tolle Aktion! Davon müsste es viel mehr geben. Sag Bescheid, wenn ihr soetwas wieder einmal macht, ich bin dabei.

  4. Sabine Soucek sagt:

    Da kann man Euch ja nur loben…wir waren gestern auf der Insel….saubere Arbeit.
    Im Gegensatz zu Euch hatten wir Glück mit dem Wetter und der See-Nebel am Nachmittag hüllte nur die Küste ein und verschonte das sonnige Eiland….einer meiner Lieblingsorte an der Côte d’Azur…

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