14. Juli

Voilà, ich bin nicht sicher, wie weit ich hier komme, es ist Familienferienzeit in den Bergen, das bedeutet, nicht viel Ferien und nicht viel Zeit für mich alleine, wie Sie sich vielleicht erinnern, das ist auch nicht vorgesehen: die Familie versammelt sich komplett im Ferienhaus in den Bergen, damit dort alle voneinander „profitieren“, wie das hier heißt, Ah, les vacances, profitez bien de la famille! wünscht man sich gern. Genießen solle man die gemeinsame Zeit mit der Familie. Das tun wir. Wir sind ununterbrochen zusammen. Kochen zusammen, essen zusammen, spülen Geschirr zusammen, diskutieren zusammen, spielen Gesellschaftsspiele zusammen, arbeiten zusammen im Garten, machen Ausflüge zusammen, um wieder irgendwo zusammen zu essen. Familie eben. Ganz schön. Nun ja, Sie wissen schon. Dazu später noch mehr. Wenn ich dazu komme, sagen wir so. An diesem Text schreibe ich schon seit etwa einer Woche.

VirgaWie Sie wissen, habe ich schon ein paar Tage alleine hier oben von der Stille und der Einsamkeit wirklich profitiert, immerhin, dann kam Monsieur hinzu und kurz darauf, genau am 14. Juli, auch die ersten Familienmitglieder. Es war ein wundervoller Sommertag. Wir trafen uns zum Flohmarkt und zum Essen in Guillaumes, sahen dort staunend eine Wolke in Regenbogenfarben vorübergleiten (Virga heißt diese meteorologische Besonderheit übrigens) und fuhren nachmittags eilig wieder hoch zum Sommerhaus, denn es zog sich über den Bergen gewaltig und düster zu. Abends gab es hier ein mehrere SHageltunden andauerndes Hagelgewitter; schon dreihundert Meter weiter oben verwandelte sich der Hagel in Schnee. Wir sahen staunend zu. Vor der Tür war es weiß. Hagel und Schnee am 14. Juli! Die Temperatur sank nachts rapide ab, wir legten noch eine Decke mehr auf, und ich machte mir mal wieder eine Wärmflasche. Am nächsten Morgen fotografierte ich die verschneite Bergwelt um uns herum, es schien strahlend sonniger Sommertag werden zu wollen, nur ein wenig frischer als sonst. Schnee am 15. Juli hat hier noch niemand erlebt.

Cime de PalManche gingen in aller Frühe los zum Wandern, durch Schnee und Blumen. Verrückt! Wir waren völlig aus dem Häuschen. Natürlich hatten wir, wie immer bei Gewitter, alles ausgestöpselt und als wir uns am 15. Juli vormittags wieder mit der Welt verbanden, fand ich 17 Mails und noch mehr Nachrichten auf FB vor, mit besorgten Fragen nach unserem Wohlergehen. „Mach‘ mal das Radio an“, sagte ich alarmiert zu Monsieur und klickte mich selbst nervös ins Internet ein. So erfuhren wir am Morgen des 15. Juli von dem Schrecklichen, das in Nizza, nach dem großen Feuerwerk anlässlich des Nationalfeiertags, passiert war. Schockiert und nervös begannen wir nun unsererseits Freunde und Bekannte in und um Nizza anzurufen. Waren Sie bei dem Feuerwerk gewesen? Ja, nein, aber allen geht’s gut, die meisten waren gar nicht in Nizza. Erleichterung. Ich konnte dann gerade noch hier und da sagen, dass es uns gut ging, dann machte die Livebox ein kurzes „pling“ und das Internet hatte sich verabschiedet. Zu viel Hagel, zu viel Schnee, zu viele aufgeregte Nutzer, was weiß ich. Vier Tage lang, bis Montag Nachmittag waren wir von der Welt abgeschnitten und lebten hier oben quasi heile Welt mit Schafen, Blumen, Bienen und Schmetterlingen. Der Schnee war nach knapp zwei Tagen wieder weggetaut. Für die Kinder war und ist die Informationsleere angenehm, sie spielen sorglos und bauen Hütten wie jedes Jahr, für uns Erwachsene blieb ein komisches Gefühl: Nur hin und wieder warfen wir uns Nachrichtenfetzen zu, die wir dem einzigen kratzigen Radiosender, den man hier empfangen kann, abgelauscht haben. Dennoch war ich gleichzeitig auch erleichtert, einmal nicht diesen ganzen Medienrummel „Keiner-weiß-was-genaues-Nice Matinaber-alle-senden-ununterbrochen-Aufregung“ mitzukriegen, und auch nicht in der emotionsgeladenen Facebookschleife hängenzubleiben oder vor BMFTV, in dem vermutlich zum x-ten Mal das private Video, das den Lastwagen gefilmt hat, gezeigt wurde. Zwischenzeitlich konnte ich ein paar Artikel lesen, die die Situation zusammenfassten, und heute, eine Woche danach, haben wir die Zeitungen der vergangenen Tage bekommen. Das ist allerdings ein Schock. Ich kann die Bilder nicht ansehen, ohne zu weinen. Eine Luftaufnahme zeigt ein Menschenmeer, das sich auf der Promenade des Anglais eingefunden hat, um die Schweigeminute zusammen abzuhalten.

indexIch vermeide es, Facebook anzuklicken, weil es dort schon wieder um alles andere geht. Es kränkt mich geradezu, wie schnell man sich dort wieder über jeden Kleinscheiß austauscht. Neulich habe ich mit einem Freund diskutiert, warum wir so wenig von den Attentaten in den anderen Ländern betroffen sind. Ich könnte auch fragen, warum man nur so kurze Zeit davon betroffen ist. Irgendwo habe ich diese Karikatur gesehen: Ein Männchen hält einen Karton hoch auf dem das plakative solidarische „Je suis … “ steht, gefolgt von dem Wort „habitué“: Ich bin … dran gewöhnt. Das ist wohl so. Ich bin allerdings von den Attentaten in meinem Land (das habe ich tatsächlich geschrieben, „mein“ Land, Frankreich, das Land, in dem ich lebe, ist wohl wirklich mein Land geworden) so erschüttert, wollte ich das für alle Attentate der Welt sein, würde ich vermutlich bald aus dem Fenster springen vor Gram und Schmerz. Mehr kann ich nicht an mich heranlassen.

Immerhin habe ich dieses gefühlvolle Video über Nizza auch auf Facebook entdeckt, das ich als liebevollen Ausklang zeigen möchte. Ach Nizza, diese liebliche, quirlige, wundervolle Stadt! Natürlich sollen und werden wir weiterleben, in Nizza und überall. Ja sicher, wir sollen auch wieder Feuerwerke ansehen, klar, und uns nicht einschüchtern lassen, nein. Weiterleben, es ist Sommer, es sind Ferien … Vordergründig leben wir Ferien in dieser „heilen“ Bergwelt, ja, auch wir essen und reden und spielen wie alle Tage, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, aber, um wieder einmal Hilde Domin zu zitieren, auch an blauen Tagen kann es einem das Herz brechen.

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10 Antworten auf 14. Juli

  1. Uschi sagt:

    Liebe Christiane, vielen Dank für den wunderschönen Film. Herzliche Grüße und frohe Ferientage in den Bergen!

  2. Marion sagt:

    Mensch Christjann, die Wolke ist auch noch rot-weiß-blau! Auch von mir ein Dankeschön für das schöne friedliche Video dieses wunderbaren Fleckchens Erde. Seit gestern nun auch traurige Nachrichten aus dem Land, das lange Deins war. Tatsächlich geht es mir wie Dir, dass man den Medienhype rund um diese schrecklichen Ereignisse kaum noch aushalten kann. Da hilft oft nur noch der Rückzug ins Private, das bewusste Ablenken, die Hinwendung zum Schönen. Nicht auszudenken, was noch auf uns zukommt, wenn in ein paar Monaten dieser verrückte ungebildete Populist Amerikas Präsident werden sollte. Weltuntergang…

    • dreher sagt:

      Ach ja, Marion, ich hatte diesen Text gerade noch abschicken können, dann gab es erneut ein Gewitter, und als wir uns wieder mit der Welt verbanden, hörte ich das von München – es ist ein Elend.
      Ich bin übrigens doch auch noch Deutsche im Herzen, das habe ich bei der EM gemerkt, ich fühlte mich doch verpflichtet, das Halbfinal-Spiel Frankreich-Deutchland anzusehen, auch wenn mir Fußball eigentlich völlig wurscht ist. Und vorher hätte ich gesagt „ich bin neutral“, aber für mich völlig überraschend habe ich beim ersten Freistoß angefangen, für Deutschland zu zittern … und ich fand den Elfmeter nicht gerechtfertigt und maulte empört vor mich hin. Monsieur ist übrigens dabei eingeschlafen, nachdem er kurz vorher noch gefragt hat „Welche Trikotfarbe haben die Franzosen?“ So viel zu unserer Fußballbegeisterung. ;-)

      • Marion sagt:

        Genau, immer dieser Loyalitätskonflikt bei Länderspielen…;-) Ich fieberte aber auch tendenziell eher mit der dt. Mannschaft (na ja, vermutlich, weil ich halt schon viiielll zu lange wieder hier lebe) und der Elfmeter in der Nachspielzeit war echt übel…

  3. Marion sagt:

    P.S.: Was für ein wundervolles Gedicht von Hilde Domin. Danke dafür!

  4. Birgit sagt:

    Liebe Christiane,
    Vielen Dank für deine sehr zu Herzen gehende Zeilen. Besser kann man es nicht sagen. Es ist eine furchtbare Zeit, müssen wir jetzt immer weiter damit leben? Kaum hat man den Horror von Nizza (wir waren im Mai 2011 für eine Woche in dieser zauberhaften Stadt) halbwegs verarbeitet , kam der Axtangriff in einer bayrischen Bahn und gestern der Amoklauf in München, wo unser Sohn mit seiner Familie in der Nähe des Olympiaparks lebt und wir voller Sorge waren. Da könnte sich man wirklich ganz auf eine einsame Insel wünschen. Oder wie in dem Video Schafe beobachten. Liebe Grüße von einer verunsicherten Birgit aus Dresden

    • dreher sagt:

      Danke, liebe Birgit – mir tut die Abgeschiedenheit, auch die mediale sehr gut. Die Welt dreht sich trotzdem, auch wenn ich nicht alles als erste weiß und mich verrückt mache(n lasse). Liebe und Frieden zu dir nach Dresden und in die Welt schickt, Christiane

  5. Sunni sagt:

    Danke für den Text und das wunderbare Video. Herzlich, Sunni