Sonntag

la paixHeute hat mich jemand erkannt. Vor der Kirche Sacre Coeur du Prado im Viertel um den Boulevard de la République, als wir ein bisschen benommen und unsicher herumstanden und uns fragten: Wie gehts jetzt weiter? Was passiert? Gehen wir wieder rein? Ich hörte deutsche Töne mit einem leichten österreichischen Akzent und konnte nicht umhin zu sagen, dass das vermutlich keiner so recht wüsste, kommt ja nicht so oft vor, dass sich Muslime, Juden, Buddhisten, katholische und evangelische Christen vor und in einer katholischen Kirche versammeln. Der Französische Rat der Muslime (CFCM) hatte dazu aufgerufen, aus „Solidarität und Mitgefühl“ zu den Sonntagsmessen zu kommen, in denen heute besonders dem am Dienstag ermordeten Priester Jacques Hamel gedacht wurde.

Ich bin heute bewusst in diese Kirche gegangen, denn das Quartier République ist ein Viertel mit hoher nordafrikanischer Bevölkerung. Ich kenne hier so manchen Tunesier oder Marokkaner, der nach dem Attentat auf die Redakteure von Charlie Hebdo gehässig sagte „bien fait pour leur gueule“, geschieht ihnen recht. Hier solidarisch ein Fähnchen mit der Trikolore zu zeigen, ist schon ein mutiger Akt. Ich war gespannt, ob sich überhaupt Muslime zeigen würden. Ich zählte während der Messe vermutlich Drei: zwei Männer und eine verschleierte Frau. Immerhin, dachte ich, und gab den beiden Männern, die in meiner Nähe saßen, beim Friedensgruß bewusst die Hand.

Dass in den Fürbitten gleichzeitig für den ermordeten Priester und für seine Täter gebetet wurde, ließ mich schlucken. Ich war überhaupt sehr gerührt und hatte immer wieder Tränen in den Augen. Der Pfarrer bat darum, dass wir nach der Messe nicht gleich nach Hause gingen, sondern uns draußen versammeln sollten, um danach mit den vermutlich anwesenden Muslimen ein Friedensgebet zu sprechen. Als ich aus der Kirche trat, musste ich unwillkürlich weinen. Der Hof war voll mit Menschen: Männer, Frauen, Kinder. Ich sah auch ein paar junge Männer, die sich nicht so ganz wohl fühlten, das sah man. Aber sie waren da. Ein Mann streckte mir weiße Blumen entgegen, eine verschleierte Frau umarmte mich und eine weitere verschleierte Frau drückte mich an sich und sagte „Nous sommes tous avec vous!“, wir sind alle mit Euch (solidarisch und traurig). Ich schluchzte und sagte immer wieder „Danke, dass Sie da sind!“ „C’est normal!“ hörte ich, oder „Wir sind auch traurig“. Dann standen wir gerührt herum mit den weißen Rosen und den anderen weißen Blumen in den Händen und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. „Sind Sie Christiane Dreher?“ fragte mich in dem Moment die Dame mit dem leicht österreichischen Akzent. „Ja“, antwortete ich verblüfft, „kennen wir uns?“ „Nein, aber ich lese alle Ihre Bücher!“ sagte sie begeistert und strahlte mich an. Wahnsinn! Das war mir bis dahin noch nie passiert. Ich habe in der Aufregung den Namen, den ich zwar erfragte, leider schon wieder vergessen, aber falls Sie es hier lesen, dann winke ich Ihnen noch einmal zu!

„Das ist „mein“ Cannes, das Sie beschreiben“, sagte sie, die Epicerie aux deux Palmiers, l’Église Sacre Coeur du Prado, all das kenne sie gut. Seit dreißig Jahren komme sie nach Cannes, aus familiären Gründen, manchmal wäre sie lieber mal woanders, aber nein, man muss nach Cannes. Auch wenn die Hitze im Sommer kaum zu ertragen ist. Aber jetzt gibt es meine Bücher als Urlaubslektüre, und siehe da, jetzt hat man auch die Autorin kennengelernt, einfach so beim Kirchgang.

Wir gingen dann alle wieder zurück in die Kirche, mit allen Menschen, die sich eingefunden hatten: Muslime, Juden, Buddhisten, Protestanten und vielleicht auch noch Menschen anderen oder gar keinen Glaubens. Die Punkte der Charta des Vereins Vivre ensemble wurden verlesen, einer nach dem anderen, jeweils von einem anderen Glaubens-Kollegen, wie sie sich untereinander nennen. Der Verein Vivre ensemble versucht, ein friedliches Miteinander der Religionen zu leben und zu vermitteln und hatte speziell die Kirche in diesem Viertel zu der heutigen Solidaritätskundgebung ausgesucht. Das erklärt, warum sich so viele Menschen dort eingefunden hatten. Wir sangen zusammen, beteten, und hielten uns während einer Schweigeminute an den Händen.

Danach gab es einen Umtrunk, ich aber ging nach Hause, nicht ohne dem Aufgebot der Police Municipale, die solche Kundgebungen beschützen (müssen), zu danken. Genug Emotionen für einen Tag.

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6 Antworten auf Sonntag

  1. Karin sagt:

    Liebste Christiane,

    gerade zurück aus den Arbeitsferien (Auflösung der Wohnung meiner kürzlich verstorbenen Eltern) lese ich Deinen Bericht. Die letzten drei Wochen waren wahrlich das emotionale Chaos, einerseits der nun wirklich endgültige Abschied von der Kindheit und meinen Eltern, andererseits die sich überstürzenden Ereignisse um mich herum: Ueberschwemmungen in Niederbayern einschliesslich Passau (meine Heimatstadt), Attentat in Nizza, Amoklauf in München, Attentate in Würzburg und Saint-Etienne-du-Rouvray, die Nachrichten überschlugen sich und liessen mich ratlos und in Tränen zurück. Das einzig Tröstliche: die Menschen rücken zusammen, stehen sich bei und geben sich gegenseitig Trost und Hoffnung.

    Liebe Grüsse,
    Karin aus Genf

    • dreher sagt:

      Das tut mir leid, liebe Karin, dass du beide Eltern verloren hast – das alleine ist ja schon traurig genug und das Drumherum (Wohnung auflösen) aufwühlend und anstrengend. Persönliche Trauer geht immer vor, denke ich. In solchen Zeiten würde ich all diese anderen Schrecknisse nicht allzu nah an mich heranlassen. Man kann nicht alles tragen.
      Ja, es war bewegend, dass Menschen gestern zusammenstanden und sich umarmten und trösteten, ein bisschen Liebe und Hoffnung tut in diesen Tagen gut. Alles Liebe für dich!

  2. Eva sagt:

    Liebe Christiane,
    wir sind gestern im Urlaub in Portugal beim Bummeln zufällig in einen Gottesdienst in der Kathedrale von Braga gelandet und haben einfach teilgenommen. Beim Friedensgruss hat mich eine sehr emotionale Welle überkommen und ich musste ein paar Tränen verdrücken. Das ist mir bisher noch nie passiert, allerdings habe ich mich auch selten so im Alltag angegriffen gefühlt wie zur Zeit.
    Ich würde mir wünschen, dass dieses Gefühl wieder weggeht, habe aber die Befürchtung, dass das nicht eintreten wird. Ich habe auch Angst, dass meine Offenheit Schaden nimmt.
    Trübe Gedanken an einem sonnigen Tag….
    Es grüßt dich von Herzen
    Eva

    • dreher sagt:

      Liebe Eva,
      ich weine relativ schnell und finde das heute auch nicht mehr schlimm, es ist wie ein Druckausgleichsventil, danach geht es mir besser; mit allem, was passiert, ist es doch auch kein Wunder, dass einem die Trânen kommen, oder? Ich bin in Kirchen bei Orgelklang und Gesang schneller berührt und fühle mich vielleicht auch offener, durchlässiger in diesem geschützten Raum (bislang zumindest fühle ich mich in Kirchen immer noch geborgen), vielleicht kommt das Weinen da schneller. Ich wünsche dir nach den Tränen auch Frohes und Leichtes in Portugal! Alles Liebe!

      • Eva sagt:

        Danke,
        doch, es gibt auch viel Frohes, Leichtes und Lustiges hier zum Glück. Ich hoffe, bei Dir auch.
        Eva

  3. Uschi sagt:

    Liebe Christiane,
    was für ein emotionaler Tag am Sonntag!
    Die nette Begegnung mit der österreichischen Dame freut mich sehr für Dich.
    Alles Gute für Dich und Monsieur und herzliche Grüße und „Bussis“
    Uschi