Die Seele bloggen

„Hört auf, Eure Seele zu bloggen“, schrieb neulich jemand in einem Kommentar zu einem langen (und auch ein bisschen langatmigen) Text von Stefan Mesch über das Nacktsein im Internet. Nackt im buchstäblichen Sinne von „unbekleidet sein“, und nackt im Sinne von etwas Intimes von sich preisgeben. Solle man nicht tun. Man solle das Internet höchstens nutzen, um Bahntickets zu buchen. Ausgerechnet Bahntickets. Das zeigt, dass dieser Mensch keine Ahnung hat. Ich könnte jetzt einen albernen Text schreiben, über die Unmöglichkeit, französische Bahntickets bei der SNCF im Internet zu buchen, aber das ist ja nicht das Thema. Nackt sein im Internet ist das Thema. „Sich nackig machen“ steht irgendwo anders. Nackig, uuuuh, da krieg ich Pickel, auch gebildete Menschen sagen das jetzt, wie schrecklich. Wann hat das denn angefangen? Vermutlich meint man das ironisch und mir fehlt nur der Kontext, denn zu meiner Zeit sagte man „nackig“ nur in Südhessen (und da sagt man eher naggisch),  aber in Südhessen sagt man auch buntisch, oder besser bundisch (mit den Konsonanten ist es schwierig in Südhessen) statt bunt, dochdoch, sagt man da, das ist da auch ok. Da ist auch naggisch irgendwie ok, in Südhessen geht das. Aber sonst überall sagte man, zu meiner Zeit zumindest, „nackt“ bitteschön.

Aber früher sagten erwachsene Menschen auch nicht „Wie geil ist das denn?“ Man sagte vielleicht „Wow, das ist ja toll!“ Oder meinetwegen „Das ist ja geil!“, wenn man schon unbedingt „geil“ sagen wollte. Nun, ich fürchte, mir geht der Anschluss an die deutsche Sprache peu à peu verloren, ich krieg ja nix mehr mit. Irgendwann werde ich wohl komplett veraltetes Deutsch sprechen, egal, denn das ist alles nicht das Thema. Sich preisgeben, sich zeigen, sich exhibitionieren im Internet, ist das Thema. Soll man nicht. Das Internet vergisst nix. Einmal ins Web gestellt, für immer blamiert. Schlimm. Gefährlich. Vor allem, wenn man unter seinem Klarnamen schreibt und sich nicht geschickterweise hinter einem Pseudonym versteckt. In meiner Generation, die die Welt noch Computer- und Internetfrei kannte, hat man durchaus Vorbehalte gegen das Bloggen. So richtig verstehen es meine Freunde glaube ich nicht, dass ich so viel Privates in die Welt hinausposaune. Die Familie auch nicht. Auch wenn alle es gern lesen. Hin und wieder, und so lange es nett ist zumindest. Wenn ich manchmal so ein bisschen rotzig werde, dann zuckt man sicher an dem einen oder anderen Rechner zusammen. Muss sie das sagen? Wenn das mal gut geht! Dabei sage ich ja noch nicht mal alles. Wenn Sie wüssten …

Ich selbst lese auch lieber persönliche Texte und glaube, anders als der Kommentator, der das Internet nur zum Tickets bestellen nutzen möchte, ich glaube, dass persönliche Texte im Web durchaus einen Sinn haben und etwas bewirken können, bei dem, der sie schreibt und auch bei dem, der sie liest. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich seinerzeit über das Sterben meines ersten Mannes geschrieben habe. Das war damals noch nicht so üblich, und ich finde diese Texte und den Austausch, den es damals auf meinem Blog gab, auch aus heutiger Sicht immer noch bemerkenswert. Aber kann, darf, muss man alles, was einen bewegt, öffentlich machen?

Ich habe zwei Themen, die mir auf der Seele brennen, die ich gerne loswerden möchte, jenseits meines Tagebuchs, das ich ja auch immer noch schreibe. Aber noch zögere ich. Eine Auto-Zensur findet durchaus statt. Doch, doch. Nicht etwa, weil ich ja gar nicht weiß, wer alles so mitliest, sondern genau deswegen, weil ich weiß, wer mitliest. Was sollen denn die Leute denken? Genau. Manches geht nur in Ansätzen, und Manches geht eben nicht. Oder doch? On verra.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

23 Antworten auf Die Seele bloggen

  1. Franka sagt:

    Ich lese zwar durchaus gerne Privates, jedoch behalte ich selbst beim Bloggen immer gerne etwas an.

    Zur Zeit den dicken Wintermantel, weil ich mich nicht auf mir fremde oder nur virtuell bekannte Personen einlassen will, die bei einem öffentlichen Blog ja jederzeit (so wie ich jetzt) kommentieren können. Die Zwischentöne, die Mimik, der Tonfall fehlen.

    ♥ Franka

    • dreher sagt:

      Danke Franka, freut mich, eine Rückmeldung von einer Leserin zu bekommen, die sich hier bislang noch nicht hier manifestiert hat – ja, ich habe auf Ihrem wundervollen Blog vergeblich irgendeine private(re) Info gesucht. Wintermantel. Verstehe. Aber bei Ihrem Kommentar kommen schon Zwischentöne mit. Und man muss blöde Kommentare ja nicht veröffentlichen. (Aber natürlich treffen sie einen.)
      LG, Christiane

  2. Micha sagt:

    Ohja, dieser Artikel hat mich auch gekitzelt – dazu muß ich wohl auch ein paar Worte loswerden…
    Ich freue mich über alles, was du von deinem Leben preisgeben magt. Und dein Grad an Offenheit reicht (mir) aus, um immer wieder gespannt zu sein, was du zu erzählen hast.

  3. „Aber kann, darf, muss man alles, was einen bewegt, öffentlich machen?“

    Muss man nicht, kann und darf man aber, sogar ganz unbedingt – wenn man denn möchte :)
    Seit kurzem habe ich, die sich, ich sag jetzt mal zumindest unter Genuss- oder Foodblogs öffentlich gemacht hat, wie kaum eine andere, so eine Art „black list“. Dort gibt es Texte, die eigentlich für meine Sonntagskolume „Gallinae Filia Albae“ gedacht waren, die ich aber auf Anraten des Liebsten (Astrid, das verstehen die Leute nicht, wenn Du jetzt so draufhaust) nicht veröffentlicht habe.

    Vielleicht also mache ich aus diesem ganzen Zeug doch ein Buch; das lesen dann eher die, die eh nicht so sehr auf der Suche nach Rezepten sind ;) Wobei diese Variante natürlich dann auch die Frage aufwirft, inwieweit ich die Texte meines Blogs von der Erwartung meiner Leser abhängig mache. Oder sollte es einem nicht eigentlich egal sein, Hauptsache raus mit dem Rotz, wenn es gut tut? Ich weiß es ja auch nicht…

    • dreher sagt:

      Liebe Astrid, eigentlich waren es genau diese Texte, die ich früher schon und vorhin gerade gelesen habe, durch die ich mich ermutigt gefühlt habe, mich eventuell weiter hinaus zu wagen. Aber natürlich schreiben Sie in erster Linie einen Foodblog, und wer dort Seezunge sucht, will vielleicht nicht Seelentiefe finden. Ich aber mag Ihren Blog genau deswegen so gerne, weil es nicht nur die schicke Foodseite gibt, sondern auch etwas aus Ihrem Leben dahinter. Ich würde aber auch ein Buch lesen. :-)

  4. Marion sagt:

    Ahhh, Christjann, je t’aime, depuis toujours… „French Connection“ war legendär, da warst Du aber tatsächlich rotziger und ungefilterter; schade, dass das ein wenig verloren gegangen ist, aber ich denke, das ist tatsächlich der (Auto-)Zensur geschuldet. Mir bedeutet Dein Blog sehr viel, denn es gibt ja – auch wenn wir uns nicht persönlich kennen – doch einige Parallelen. Gut, dass die virtuelle Welt existiert, die neue Horizonte öffnet und Austausch zwischen Gleichgesinnten ermöglicht, während man in seinem langweiligen Kaff sitzt. Und deshalb danke ich Dir für Deinen „Exhibitionismus“.
    Über das „Wie geil ist das denn?“ und die anderen Ausdrücke musste ich sehr lachen. Ja, ist tatsächlich ein geflügeltes Wort auch unter Menschen fortgeschrittenen Alters geworden. Diese künstliche Coolness ist schon wirklich aufgesetzt und infantil.

    • dreher sagt:

      „Legendär“, hach, danke Marion, auch für deine lange Treue. Ja, war eine besondere Zeit, aber es gab da auch viel Aufgeregtheit, das war mitunter sehr anstrengend, dafür hätte ich heute keinen Kopf mehr, wie man so schön sagt. Und die Spendenaktion, uff, das hat mich lange belastet. Auch das Beste kann schnell ins Gegenteil umschlagen. Es gab damals Menschen, die mir unterstellt haben, ich hätte den Tod meines Mannes erfunden, um mein Buch besser verkaufen zu können. Seither bin ich vorsichtiger geworden. Aber wenn dann alles lange so schön rundläuft, ist man leicht geneigt zu glauben, man sei unter besten Freunden. Aber da draußen ist ein Haifischbecken … uaaah ;-)
      LG!

      • Marion sagt:

        Ja ich erinnere mich wage an Stress mit der Spendenaktion. Den Tod eines Menschen erfinden? Wow, das ist wirklich krass. Na ja, ich habe ja auch mal Kritik geäußert, das kam aber sehr aus dem Bauch, da war mir einfach zu viel Betroffenheit. Dabei kann man bei all den Horrornachrichten damals und heute ja nie betroffen genug sein, wahrscheinlich immer noch besser als abgestumpft.
        Na ja, als Blogger macht man bestimmt unterschiedlichste Erfahrungen mit Reaktionen von Lesern, aber ein bisschen ist das ja auch das Salz in der Suppe, oder?

        • dreher sagt:

          Ja, natürlich möchte man als Blogger Kommentare haben, aber ich glaube, dass dieses schnelle (häufig wenig reflektierte) „aus dem Bauch heraus“ schreiben, dazu führt, dass die Suppe heute schnell versalzen ist. Eine Grünen-Politikerin hat neulich all die wütenden Kommentarschreiber aufgesucht, die ihr manchmal sogar den Tod wünschten – so von Angesicht zu Angesicht würde mancher das nicht wiederholen wollen, was er so leichtfertig und hasserfüllt ins Netz gebrüllt hat.

  5. Kiki sagt:

    „Immer persönlich, niemals privat.“ Damit fahre ich ganz gut.

  6. Eva sagt:

    Liebe Christiane,
    Du warst mit french connection sozusagen mein Einstieg in die Bloggerwelt und ich habe seither auch nichts mehr gefunden, was mich so beschäftigt/bewegt/angesprochen hat. Das war sicherlich auch sehr Deiner Offenheit geschuldet. Ich möchte keine Belanglosigkeiten lesen. Es gibt so viel Geschreibsel und deshalb denke ich auch, dass jeder Topf seinen Deckel findet. Und man kann und muss es auch niemandem rechtmachen. Du erzählst so viel Du möchtest und mit Deiner eigenen Sichtweise. Das macht es für mich spannend, lesenswert und (ja, blödes Wort, aber eigentlich ist es das halt aber auch): authentisch.
    Ich will über das Leben einer Frau in Deinem Alter mit Deiner Geschichte und Deiner Sicht der Dinge lesen. Wahrscheinlich hätte ich ohne Dich nie ein so schönes „Verhältnis“ zum Weihnachtsoratorium von Saint-Saens bekommen!
    Mach es doch so, wie es für Dich richtig ist!
    Immer erfreut, von Dir zu hören grüßt Dich
    Eva

    • dreher sagt:

      Oooch Eva, vielen lieben Dank! Danke auch für deine Treue! Und was ist blöd an dem Wort „authentisch“? Es IST doch authentisch. Ich schreibe über mein Leben, das was ich er-lebe, was ich denke, was mich beschäftigt. Manchmal ist das, was und worüber ich schreibe vielleicht amüsant, hell und leicht(er), manchmal dunkler, aber tatsächlich immer meins. Schön, dass dir das gefällt!
      Und auch schön, dass das Weihnachtsoratorium so einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Aber ouuuuh, das setzt mich natürlich unter Druck ;-)

  7. Eva sagt:

    Also, authentisch als Wort fällt mir zur Zeit etwas schwer, da es so überstrapaziert wird. Alles muss/soll authentisch sein. Du bist es aber einfach, deshalb passt es ja. Man kann aber auch „echt“ dazu sagen. Das trifft es genauso gut.
    Und ja, das WO gehört seither an Weihnachten für mich dazu und besonders beglückend war, es selbst singen zu dürfen. Dieses Jahr gibts wieder was von Bach. Und vorher noch Mozart am nächsten Wochenende!
    So, jetzt noch Tagesthemen und dann Feierabend,
    gute Nacht,
    Eva

  8. Rosi sagt:

    sehr interessant dein Beitrag..
    ja.. was darf man kann man soll man
    ich denke das muss jeder für sich alleine entscheiden..

    einen Blog der nur schöne heile Mode oder Wohnwelt zeigt besuche ich 2 oder 3 mal dann langweilt er mich
    dort wo ich Persönliches lese fühle ich mich wohl..
    mir hilft es dann z.B. zu lesen wie andere Menschen in gewissen Lebenslagen und mit gewissen Krisen umgehen..
    man kann über gewisse Dinge und Gefühle nicht schreiben ohne etwas von sich selber preiszugeben
    ich wünsch ein schönes WE
    Rosi

    • dreher sagt:

      Dankeschön Rosi für die vielen Kommentare! War gerade mal bei Ihnen schauen: soo viele schöne Herbstfotos! Toll!

  9. Persönlich ist wunderbar – aber nackt (und schon garnicht nackig, wenn schon dann nackert) nein danke!

  10. Uschi sagt:

    Liebe Christiane,
    ich liebe Deine Art zu schreiben und freue mich, ein wenig an Deinem Leben teilnehmen zu dürfen.
    Herzlichst U.