zur französischen Aktualität

Wir haben hier viel zu viel mit unserem „Penelope-Gate“ und der Vorbereitung der sozialistische Stichwahl zu tun gehabt, als dass wir uns in der vergangenen Woche auch noch groß mit Trumps Politik befasst hätten. In Deutschland ist das anders, soweit ich sehe.

Es schüttelt mich, wenn ich sehe, was Trump macht. Beim Mittagessen sagte ich zu Monsieur, dass das einzig Gute daran hoffentlich ist, dass die Franzosen rechtzeitig sehen, was ihnen blüht, wenn sie die ebenso populistisch arbeitenden Kandidatin des FN zur Präsidentin wählten. Und sie daher vielleicht vernünftiger wählten. Monsieur zog nur die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel nach unten. Ich dachte, er verstehe mich nicht. „Die Franzosen“, wiederhole ich, „wählen vielleicht vernünftiger. Zukünftig. Ende April. Nein?“ „Träum weiter, Mädchen“, sagt Monsieur und schüttelt den Kopf. Ich seufze. Ich weiß es eigentlich. „Amerika?“ fragt der gemeine Franzose. „WTF hat Amerika mit uns zu tun?“ Der gemeine Franzose denkt nur bis zur Staatsgrenze.

Zum „Penelope-Gate“: Damit es klar wird,  es ist nicht illegal, seine Frau, seinen Sohn oder Tochter oder den Neffen auf einen Posten als attaché parlemantaire zu setzen. Das wird wohl auch häufig gemacht. Die Abgeordneten sind oft abwesend, sie brauchen jemanden, (oft auch mehrere Mitarbeiter) der sie im Parlament vertritt, und der sie umgekehrt über alles dort auf dem Laufenden hält. Jeder Abgeordnete hat für diese sogenannten attachés parlemantaires insgesamt 9500 Euro monatlich zur Verfügung. Normalerweise teilen sich diesen Betrag drei Mitarbeiter. Es ist selten, dass ein Mitarbeiter 5000 oder gar 7500 Euro erhält. Wäre aber legal. Nicht legal wird es, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin gar nicht arbeitet und das Geld trotzdem einstreicht. Was möglicherweise der Fall von Penelope Fillon ist.

Fillon zeigte sich die ganze Woche extrem angegriffen, verletzt, wütend und verteidigte wie ein Löwe seine Frau. Ihn ein bisschen aus der Reserve gelockt zu haben, zu sehen, dass dieser kalte Mann Gefühle hat, hat ihm sogar Sympathien eingebracht. Neben dem Ärger.

Die Franzosen sind nämlich ziemlich sauer und Fillons Position ist durch diese Affaire wirklich geschwächt. Diese Politiker, die schon genug Privilegien haben und zusätzlich in den Topf der öffentlichen Gelder greifen, um sich zu bereichern, und das ohne jedes Unrechtsbewusstsein, man hat sie satt. Und jetzt auch noch der „aufrichtige“ Fillon. Was für eine Enttäuschung.

Fillon hat jedoch nichts eingestanden, sondern den Gegenangriff gestartet: Man wolle ihm etwas anhängen, ihn bewusst als Präsidentschaftskandidaten in Misskredit bringen und das, indem man seine Frau angreife. DAS sei ein Skandal! Gerade eben vor 15000 versammelten rechten Politikern hat er zusätzlich laut gesagt, er liebe seine Frau! Wie schön. Aber daran hatten wir auch keinen Zweifel.

Nun ja, seine Erläuterungen, wie sehr er seine Frau liebt und wie sehr diese ihn unterstützt, wird er jetzt den Richtern erklären müssen.

Die Stichwahl zwischen Manuel Valls und Benoît Hamon hat wohl Benoît Hamon mit über 58% der abgegebenen Stimmen für sich entschieden. Es ist verrückt. Alles kann passieren.

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ps: eine treffende Analyse der gerade aktuellen Situation gibt es (schon seit gestern Abend) hier. (Für die Kommentare unter dem Artikel keine Gewähr) Aber bis zur Wahl kann noch viel passieren. Hoffentlich.

pps: Ich bin hier in Frankreich übrigens viel politischer als ich in Deutschland je war. Es liegt viel an Monsieur, der das einfordert, gebe ich zu. Ich bin aber ganz zufrieden damit, mich nicht mehr nur als „mitlaufendes“ Lamm einer Herde zu verstehen, mit viel Gefühl und wenig Wissen. Es ist anstrengend, auch wahr. Manchmal ist es mir auch alles zu viel. Ich darf hier ja nichtmal wählen. Ich habe aber das unbehagliche Gefühl, dass wir vielleicht in einer Vorkriegszeit leben, vergleichbar der Weimarer Republik, und wir uns später, genau wie unsere (Eltern und) Großeltern, fragen (lassen) müssen, „wie konnte das alles passieren?“ Ich mag daher, was Sibylle Berg gerade schrieb. Ich werde in Frankreich vermutlich nicht in eine Partei eintreten, höchstens vielleicht eines Tages auf Dorfebene. Aber mich dafür zu interessieren, was politisch passiert, ist mir wichtig geworden. Hier ist jemand, dem das (in Deutschland) ähnlich geht, und der sein Sabbatjahr dazu benutzen will, sich (und seine Leser) zu informieren. (Dank für beide Links, wie so oft, an Maximilian Buddenbohm.)

 

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9 Kommentare zu zur französischen Aktualität

  1. Marion sagt:

    Ach ja, die Scheiß-Korruption immer…

    • dreher sagt:

      Das war nicht mal Korruption, es war schlicht „Umleitung“ öffentlicher Gelder auf ein Privatkonto – bin mal gespannt, ob die Richter mutig genug sind, darauf zu beharren –

      • Marion sagt:

        eben drum, private Bereicherung im Amt, das ist doch Korruption

        • dreher sagt:

          schön, wenn man so aufmerksame, kluge und reaktive Leserinnen hat :) ok, habe die Definition gelesen und du hast Recht – für mich war Korruption immer nur „Bestechung“, also du kriegst das, wenn ich das kriege … und ich habe Fillon „nur“ Geldgier unterstellt – aber nein, persönliche Bereicherung im Amt ist ein kleines Teilgebiet der Korruption *Augenroll*

  2. Mumbai sagt:

    Angriff ist die beste Verteidigung? Man wird sehen Monsieur Fillon

  3. mhs sagt:

    Aber es ist beileibe kein rein französisches Problem:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Verwandtenaff%C3%A4re
    und manch einer zeigte sich auch hierzulande ziemlich hartleibig, das als Unrecht einzusehen.

    • dreher sagt:

      Genau. Wieso Unrecht? Machen doch alle. Man ist eher ein Depp, wenn man es nicht macht. Danke für den Link, (der zu einer richtigen Ausarbeitung des Themas führt); es tröstet mich nur bedingt, muss ich sagen … bestätigt es doch die Aussage des Gatten, dass es auch in Deutschland nicht besser sei, was ich ja immer so gerne glauben würde.