WMDEDGT März 2017

Heute ist, wie immer am 5., Tagebuchbloggen bei Frau Brüllen.

Schon wieder ein Sonntag.

6 Uhr: wach geworden, um Viertel nach Sechs aufgestanden, mache mir einen Kaffee (überwiegend entcoffeiniert), esse ein paar Kekse, streichle die ungestüme und liebebedürftige Pepita und lese im Internet herum. Und sagte ich es nicht, wenn die etwas jüngere Bloggerinnengeneration in die Jahre kommt, kann man auch darüber schreiben (Achtung der Text hinter dem Klick könnte sensible LeserInnen verstören).

7 Uhr: es ist hell!

7.02 Uhr Ich suche noch einmal das Rezept für die Pintade / das Perlhuhn und ein anderes für Orangensauce. Heute haben wir Gäste, Freunde von Monsieur kommen und ich habe zusätzlich eine Freundin aus den Bergen eingeladen, deren Mann vorgestern in Cannes ins Krankenhaus eingeliefert worden ist.

8 Uhr Monsieur ist wieder wach (er ist zu einem Etappenschläfer geworden und hat schon mitten in der Nacht Geschirr gespült) – jetzt kann ich auch lauter herumwurschteln und den Tisch decken. Da liegt aber noch Pepita, die alles vom Tisch auf den Boden geworfen hat, weil ich mich nicht genug um sie kümmere. Daher gehe ich zuerst ins Bad.

ab 9 Uhr etwa stehe ich in der Küche. Kümmere mich zunächst um die Pintade, die trotz einer Nacht im Vorratsschrank noch etwas gefroren ist. Die Pintade stammt von einem kleinen Producteur aus den Bergen und ich mache sie sie à l’orange. Da improvisiere ich ein bisschen mit verschiedenen Rezepten, ich reibe gern auch ein bisschen weiche Butter, die ich mit den Zesten der Orangen vermengt habe, unter die Haut der Pintade und mache eine Orangensauce (und werfe etwas von meiner verunglückten Orangenmarmelade dazu)

Ich habe gestern auf dem Markt Bintje-Kartoffeln gefunden, die gibt es hier nicht so oft. Früher habe ich mir wenige Gedanken um Kartoffelsorten gemacht. Es gibt da aber durchaus Unterschiede. Ich werde also ein schönes Kartoffelpüree machen. Hätte gerne ein Gratin gemacht, aber der Ofen wird ja schon von der Pintade besetzt. Das hin und herjonglieren mit zwei Gerichten im Ofen ist mir zu nervig. Als Vorspeise gibt es frischen (dampfgegarten) Lauch, den ich gestern bei einem rundlichen und vergnügten Producteur auf dem Markt gekauft habe, genau der, der auch die schönen Kartoffeln hatte.  Zum Lauch gibts nur eine Vinaigrette. Das ist lecker und geht hier auch als Vorspeise durch. Nachtisch muss ich nicht machen, der wird mitgebracht. Das ist in Frankreich häufig der Fall. Das alles habe ich vorbereitet, den Tisch habe ich auch gedeckt und um Viertel vor Zwölf schiebe ich die Pintade in den Ofen. Dann renne ich nochmal ins Bad, föhne die Haare und werfe etwas Make-up ins Gesicht. Zum Umziehen komme ich nicht mehr, denn, erstaunlich pünktlich für Franzosen, klingelt es schon.

12 Uhr: die Gäste sind da. Wir plaudern und es gibt Apéro. Dafür habe ich gestern Abend schon Thymian Shortbread gemacht. Es gibt auch noch Oliven und frische Radieschen. Und Orangengenwein, alkoholfreien Bitter und Pastis für die Herren. Ich renne immer mal wieder in die Küche um die Pintade zu begießen und jage nebenbei Pepita vom gedeckten Tisch.

12.45 Wir essen. Vorspeise: dampfgegarten Lauch mit Vinaigrette. Hauptspeise: Pintade à l’orange, Orangensauce und Kartoffelpürree. Käse: Tome de Brébis (Schafskäse) aus Sardinien und frischen (weichen und halbfesten) Schafskäse. Dazu ein paar Blättchen Feldsalat. Die mitgebrachte Apfeltarte. Kaffee. Dazu noch ein paar Datteln und kandierter Ingwer.

Stop Corruption15 Uhr: Ich unterbreche und schlage, zum Amüsement der Gäste, auf dem Balkon etwas auf einen Topf und lasse mich für die Aktion #StopCorruption #CasserolesPartout fotografieren. Ich bin aber vermutlich die einzige, die in Cannes auf einen Topf geschlagen hat. Wir fangen an, über Politik zu reden und schalten den Fernseher ein: es sind doch erstaunlich viele Menschen zur Unterstützung Fillons gekommen. Sehr viele. Und das trotz Regen. Zweihunderttausend wie die Veranstalter sagen, sind es vielleicht nicht, aber doch mehrere Zehntausend und genau so viele Blau-weiß-rote Fähnchen wedeln im Wind. Später auch Regenschirme. Fillon spricht: Ils pensent que je suis seul. Ils veulent que je sois seul. Est-ce que je suis seul? (Sie denken, dass ich alleine bin. Sie wollen, dass ich alleine bin. Bin ich alleine?) Nooooon! ruft die Menge. Voilà, er wird weitermachen. Ich suche vergeblich etwas zur Gegendemonstration auf der Place de la République. Später sehe ich, dass dort nur ein paar Hundert Menschen zusammengekommen sind.

16.25 Uhr gehen die Gäste. Monsieur macht eine Sieste. Ich bleibe müde vor dem Fernseher hängen und schreibe hier.

18.45 Uhr Jetzt entschlossen den Fernseher ausgemacht. Kuschele mich mit einer Wärmflasche aufs Sofa und lese etwas. Viel mehr passiert heute nicht mehr.

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7 Antworten auf WMDEDGT März 2017

  1. Micha sagt:

    Was ein erheiterndes Bild: Christjann, die trommelwirbelt!
    Ach, je politischer alles um mich herum wallt, umso mehr ziehe ich den Kopf ein: die Menschen werden emotionalisiert, polarisiert und engagiert… und das Miteinander irgendwie unharmonischer denn je…
    liebe Grüße in den Süden
    … und etwas verspätet doch nicht minder herzlich: Félicitation zur Buchveröffentlichung!!!!

    • dreher sagt:

      Jaja, ich war vermutlich die einzige hier in Cannes, bekomme heute auch Beifall aus ziemlich linker Ecke, diese Aktion kam von dort, war mir nicht ganz so bewusst. Aber ich habe es aus ganzem Herzen gemacht, die Gäste etwas schockiert vielleicht, die, wie ich dann bemerkte Fillon-Anhänger sind. Ich fühle mich aber gut damit – was mir gefällt an meiner Politisierung ist, dass ich eine Meinung habe, und nicht mehr nur hin- und hergewirbelt werde von anderen Meinungen. Ich teile beileibe nicht alle Ideen der Linken und ebensowenig die Ideen der Rechten, und kann Macron verstehen, der seinen Weg „dazwischen“ sucht. Schwierig ist es, weil man hier immer erst abchecken muss, mit wem man es zu tun hat: Pied noirs? Juden? Französisches Bürgertum? Links? Rechts? Ganz Rechts? Und ich versuche einen friedlichen Weg mit allen. Not easy.
      Danke für die Glückwünsche! So richtig offiziell ist es ja noch nicht erschienen. Wenn, dann bekommst du Post! :-)

      • Micha sagt:

        Oh – ich freue mich vor!! SEHR :)
        Und eine Haltung bzw. einen festen Standpunkt zu haben, finde ich super. Prinzipiell. Und rein theoretisch bietet die Demokratie ja DIE Möglichkeit, sich damit anzufreunden, dass ein Gemisch, eine Gemeinschaft aus Individuen eben aus vielen unterschiedlichen Standpunkten besteht. Stichwort *Toleranz*. So dass wir mittlerweile geübt sein müßten, im Nebeneinander von politischen, verschiedenen Strömungen. Oder im Umgang miteinander, wenn jeder seinen eigenen Standpunkt vertritt. Aber wenn ich so Walhkampf verfolge, wirkt es (für mich) vor allem nach einem: Schlammschlacht…

  2. Marion sagt:

    Eine tolle französische Köchin bist Du geworden. Soviel Aufwand wird hier doch höchstens zu Weihnachten betrieben. Hoffe, dass Dich diese Großaktionen in der Küche nicht mehr so erschöpfen, damit Du auch als Gastgeberin was von der Einladung hast. Und mutig, Deine Topf-Aktion, obwohl sonst keiner mitgemacht hat. Glaube, ich hätte mich das dann nicht getraut, da wird man ja gerne mal als sonderbar abgestempelt. Auf jeden Fall siehst Du fröhlich und überzeugt dabei aus. Oh, mir könntest Du auch ein Buch schicken (aber nein, habe es schon vorab bestellt und freue mich schon drauf).

    • dreher sagt:

      Hm. Ich dachte, ich hätte schon einen Kommentar geschrieben. Hatte ihn wohl nicht abgeschickt. Doch, bin immer noch nervös und es erschöpft mich auch – und das Anrichten und Servieren liegt mir auch nicht so. Und ja, dieser Aufwand an einem x-beliebigen Sonntag ist hier normal. Der Aufwand für Weihnachten geht gegen unendlich und der Stressfaktor durch die Decke.

  3. Uschi sagt:

    Oh la, la, was für ein herrliches Menue! Ich bewundere Deine Kochkünste, liebe Christiane, und Deinen („einsamen“) Trommelwirbel.
    Herzliche Grüße U.

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