Zwischenruf: Es geht los … plus Nachtrag

Warum habe ich das angefangen? Nichts anderes geht mehr, wenn ich halbwegs zeitnah berichten will. Politik, Politik, Politik. Ich fürchte, Sie wollen das alles gar nicht so genau wissen. Aber heute, 34 Tage vor dem ersten Wahldurchgang, ist Le grand Débat, die erste große Debatte: Von 21 Uhr bis Mitternacht werden fünf der elf Präsidentschaftskandidaten ihren ersten großen Fernsehauftritt haben, auf Fragen antworten, ihr Programm vorstellen und verschen, sich einfach gut verkaufen. Fünf von Elf? Elf? Ja, tatsächlich. Neun Männer und zwei Frauen. Tatsächlich habe ich Ihnen manche Kandidaten bislang nicht vorgestellt, einfach, weil ich sie selbst nicht wahrgenommen habe. Philippe Poutou zum Beispiel, Kandidat der extremen Linken, der bis vor vier Tagen noch nicht wusste, ob er tatsächlich 500 „Patenschaften“ unterstützender Bürgermeister  zusammenbekommen würde (In der heutigen Zeitung Nice Matin kann man sehen, wer in unserem Departement welchen Kandidaten unterstützt hat: mehr als hundert Unterstützer hat Francois Fillon bekommen, darunter auch die Bürgermeister von Nizza und Cannes, wen wunderts. Hier und da gibt es einen Unterstützer für einen der anderen Kandidaten: Links, Rechts, Mitte, aber immerhin keine Unterstützung für Marine Le Pen) Poutou und die anderen „kleinen“, weniger aussichtsreichen Kandidaten werden in den Folgedebatten (drei gibt es insgesamt) dran sein. Wir hören und sehen heute nur die fünf „großen“ Kandidaten: Francois Fillon, Benoît Hamon, Jean-Luc Mélenchon, Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Ein Prozedere, das erstmals so stattfindet und was nicht nur von den nicht anwesenden Kandidaten kritisiert wurde, sondern auch von denen, die sich heute präsentieren dürfen.

Ich fürchte, drei Stunden werde ich nicht dabei sein. Ich bin schon jetzt ziemlich müde, mich strengt dieses Zuhören politischer Reden wahnsinnig an, weil mich dabei zusätzlich auch die Attitüde der Politiker zusätzlich beeindruckt. Mir hilft der Live-Stream von LCI (La Chaine Info), die es freundlicherweise auf den Punkt bringt, wenn ich beispielsweise verpasst habe, warum Macron sich erneut von Le Pen angegriffen fühlt oder erstaunlicherweise Mélenchon mit Macron einer Meinung sind, oder Mélenchon mit Le Pen, oder wenn, wie oft, alle durcheinander reden. 23.05 Uhr. Ich gebs auf, zu müde. Ein erster Eindruck von deutscher Seite.

Was bleibt von der großen Debatte?, fragte heute morgen Nice Matin, im Sinne von was bleibt hängen in den Köpfen der Zuschauer. Sehr spannend, denn tatsächlich fragte ich mich das auch. Ich war gestern wirklich guten Willens, aufmerksam zuzuhören, um mich zu informieren, was die einzelnen Kandidaten zu den Fragen „Arbeitslosigkeit“, Sicherheit“, „Laizität“, „Erziehung“, „Rente“ undsoweiter zu sagen haben. Es gelang mir nicht. Die Kandidaten hatten jeweils nur eine Minute dreißig Zeit, sich vorzustellen oder sich zu den Fragen zu äußern; man wollte verhindern, dass sie sich ellenlang in irgendwelchen Worthülsen verlören, aber es hatte zur Folge, dass einer nach dem anderen zack zack in einem Schnellsprechmodus antwortete, und, falls einer zu lange sprach, er unterbrochen und zurechtgewiesen wurde. Auf jedem Pult, hinter dem alle fünf Kandidaten standen, war eine tickende Uhr mit ihrer gesamten Redezeit sichtbar. Das alles war ein bisschen albern und erinnerte an eine Spielshow, ich erwartete fast, dass irgendeiner auf den roten Buzzer drückt mööööp: Ich weiß es! Die Antwort lautet: Burkini. Leider falsche Antwort.

Die Informationen kamen so schnell und so überbordend, dass ich kaum folgen konnte. Nicht nur ich, wie ich heute erleichtert feststellte, denn die Zeitungen druckten überall eine Zusammenfassung, wer was gesagt hat. Wer sich mit wem worüber gestritten hat (vor allem Le Pen mit Macron) undsoweiter. Glücklicherweise waren nicht alle elf Kandidaten anwesend, es wäre katastrophal geworden.

Ob die Wähler, die bislang noch unsicher sind, wen sie wählen sollen, nach diesem Spektakel schlauer und informierter sind, ist fraglich. Man sah nur, wie professionnel sich der eine oder die andere vor der Kamera bewegt. Mélenchon hat da ziemlich viele Pluspunkte zu verbuchen, er hatte auch Schlagworte parat wie „Ich bin für den Frieden!“ So etwas bleibt hängen, wenn auch auf Twitter sofort gespottet wurde, da könne man auch Miss France wählen, die sei auch für den Frieden.

Amüsant war zu sehen, dass Mélenchon (extrem links) sich in dem einen oder anderen Punkt mit Marine Le Pen (extrem rechts) einig war. Leider weiß ich nicht mehr, um was es ging, den Austritt aus Europa und die Deutschfeindlichkeit vermutlich.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten auf Zwischenruf: Es geht los … plus Nachtrag

  1. Sigrid sagt:

    Ich finde es allerdings spannend, diesen Wahlkampf aus so nächster Nähe verfolgen zu können. Sie geben einen wunderbaren Einblick.

  2. Dorothee sagt:

    Vielen Dank für die verständliche Zusammenfassung dieser komplexen Zusammenhänge – jetzt möchte ich Ihnen aber endlich mal ganz generell für Ihre herzerfrischenden Berichte danken. Vor vielen Jahren las ich Ihr allererstes Buch, und dann folgte ich Ihrem Brigitte-Blog solange, bis der Blog geschlossen wurde. Erst vor ein paar Tagen habe ich gemerkt, dass Sie ja weiter geschrieben haben, und darüber freue ich mich sehr. So viele Beobachtungen, die Sie gemacht haben, sprachen mir aus der Seele! Ich mag jetzt gar nicht alles aufzählen, das würde zu weit führen. Nur soviel: Lange Zeit vor Ihnen, in den Siebziger/Achziger Jahren, habe ich zwölf Jahre an der Côte und im Hinterland verbracht; meine Schwerpunkte waren damals Nizza, Levens und schließlich das Tinéetal. Und ich kann nur bestätigen, was Sie erlebt haben, wenn meine Erfahrungen auch lange nicht so intensiv waren. Denn mit deutschem Mann und zwei Kindern hatte ich keinen so hautnahen Kontakt. Ich bin nach wie vor fasziniert von dieser Gegend und von den Menschen dort und kehre immer wieder dorthin zurück. Allerdings nur noch für kurze Aufenthalte. Also nochmals: vielen Dank und ich werde weiter Ihre Berichte mit großer Anteilnahme lesen.

    • dreher sagt:

      Oh! Vielen Dank Dorothee, das freut mich alles sehr! Schön, dass Sie mich wiedergefunden haben und nach wie vor lesen mögen, denn der Blog und ich und die Themen, wir haben uns schon verändert im Laufe der Zeit. Schöne Grüße!

  3. Steffi sagt:

    Aus mir unerklärlichen Gründen entdecke ich gerade erst deine Reihe zur Wahl. Die letzte habe ich noch aus ziemlich naher Nähe mitbekommen, da der damalige Freund des Nachts Plakate klebte und ich für die Uni in einer mir zugewiesenen Zeitung sämtliche Artikel zur Wahl sammeln und auswerten musste. Was für eine anstrengende Zeit! Ich bin sehr gespannt, was du weiter berichtest. Eine Freundin ist inzwischen tatsächlich im Gers Kandidatin für die Assemblée, einige andere sind in den Wahlkampf involviert, aber so recht will ich nicht mehr durchblicken. Danke für deine Berichte!

    Bonne soirée!
    Steffi

    • dreher sagt:

      Ach fein! Danke! Die letzte Wahl habe ich zwar auch mitbekommen, sogar schon die vorletzte, damals aber plätscherte das eher an mir vorbei. Und ich schaute nur punktuell hin, verstand dann aber nicht viel, deswegen bleibe ich diesmal, zum ersten Mal, dran. Schön, wenn es dich auch interessiert.

  4. Caroline Bahri sagt:

    Meine 92jährige Mutter sagte nur trocken: „die kannst du alle in einen Sack stecken und drauf hauen. Du triffst immer den Richtigen, der es verdient hat“.