Zwischenruf … etwas müde

Verzeihen Sie, aber ich hatte tatsächlich ein paar Tage abgeschaltet und ließ die Nachrichten nur noch wie durch einen Nebel zu mir durchdringen – ich bin es nämlich wirklich müde, immer noch mehr unfassbar blödes Zeug über Fillon zu erfahren. Also nicht nur, dass er angeklagt ist, das ist er jetzt endlich, immerhin, aber natürlich ist er weiterhin von seiner Unschuld überzeugt, und er ist ganz sicher, dass er die Richter ebenso davon überzeugen wird, n’est-ce pas. Nein, es kommt noch schlimmer, oder zumindest noch peinlicher, und der Gag des satirischen Magazins Gorafi, dass man schon ein paar Minuten lang keinen neuen Skandal Fillons aufgedeckt habe, hat sich schon wieder erledigt. Le canard enchainé ist wieder nur voll mit Fillon. Lassen wir mal unter den Tisch fallen, dass er seinen Kindern, die er für gewisse Tätigkeiten ja hoch entlohnt hatte, einen Teil des Geldes wieder abgenommen hat, nein, die Rede ist vom Klamottenskandal: Ein unbekannter Gönner hat Fillon Maßanzüge im Wert von 80.000 Euro geschenkt. Wie nett. Lehnt man nicht ab so etwas, oder? Nein, natürlich nicht, und so viele sind es auch gar nicht, machen Sie sich keine Sorgen, man muss im Schloss keine neuen Ankleidezimmer einbauen. So ein Maßanzug kostet schon so knapp zehntausend Euro. Im Prinzip hat Fillon wirklich nur für jeden Wochentag was Ordentliches zum Anziehen bekommen, sowas braucht man ja in seiner Position, und der Anzug für den sonntäglichen Kirchgang ist eben ein bisschen aufwändiger. Oder auch für den Gang zum Untersuchungsrichter. Kann ja nie schaden, dort gut angezogen zu sein, n’est-ce pas?

Ich habe Ihnen bislang Nicolas Dupont-Aignan vorenthalten. Ein weiterer konservativer Präsidentschaftskandidat, der irgendwo rechts von Fillon aber links von Marine Le Pen steht. Den haben wir die letzten Tage verstärkt zu sehen bekommen, denn er klagte ein, dass er bislang nur 9 Stunden Medienpräsenz bekommen habe, während Fillon schon in über 150 Stunden aufgetreten sei. Er ist Gaullist, das heißt, er sieht sich moralisch in der Tradition von de Gaulle, aber das tut ja auch Fillon nicht wahr; der gute Herr de Gaulle, der wirklich noch bis dahin ging, private Briefmarken zu kaufen, um sie auf seine private Post zu kleben, um nur ja nicht Staatsangelegenheiten mit Privatem zu vermischen, dreht sich vermutlich im Grab herum, bei all denen, die sich in seiner Nachfolge sehen. Dupont-Aignan ist auch Souverainiste, vereinfacht gesagt ist er gegen Europa und für ein eigenständiges, souveränes Frankeich, dessen Grenzen er wieder schließen will. Seine Ideen sind weniger abgegrenzt, die Übergänge zu denen Marine Le Pen’s sind fließend.  Débout la France! heißt sein Slogan. „Frankreich steh‘ auf!“, könnte man das übersetzen. Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat er im ersten Wahldurchgang knapp zwei Prozent der Wählerstimmen erhalten. Sehr viel mehr wird ihm auch dieses Mal nicht vorausgesagt. Seine Wähler werden vermutlich im 2. Wahldurchgang zu Marine Le Pen wechseln.

Macron, der im Augenblick gerade mit Angela spricht, und den die taz in schöner Regelmäßigkeit kritisiert, hier giftig als Messias, hat sich, das ist jetzt schon ein paar Tage her, in den Banlieues sehen lassen, wo ihn zumindest die Kinder schon begeistert mit „Bonjour Monsieur le Président“ begrüßt haben (Vorfeiern bringt Unglück, sage ich nur!), was die FAZ bewegt, sich ebenfalls zu einem Bibelzitat hinreißen zu lassen: Lasset die Kindlein zu ihm kommen. Der Text ist leider kostenpflichtig, es gäbe eine französische Alternative. Die Jugendlichen der Banlieues hingegen haben nur abgewunken. „Glaub‘ bloß nicht, dass wir für dich wählen, wir wählen gar niemanden mehr, uns haben schon viel zu viele verarscht“, sagte der eine oder andere unverblümt in die Kamera.

Genau das ist das Problem. Nicht nur die Jugendlichen der Banlieues wählen nicht mehr, auch sehr, sehr viele junge Menschen sagen offen, dass sie sich enthalten wollen, denn unter den Kandidaten ist keiner, der sie überzeugt. Sie haben keine Lust „taktisch“ und „sinnvoll“ (utile) „gegen“ irgendjemanden zu wählen und sie wollen auch nicht das „kleinste Übel“ wählen. Nicht mal „Blanc“ wählen wollen sie (in einem früheren Beitrag erklärt), nein, sie gehen diesmal gar nicht zur Wahl. Sie haben plus rien à foutre avec la politique. Sie haben nichts mehr am Hut mit der Politik und diesen Politikern. Ich kann diese Entscheidung zwar verstehen, bei allem, was uns geboten wird, aber damit könnte die Wahl zugunsten von Le Pen ausgehen. Deren Wähler gehen nämlich zur Wahl, da können Sie sicher sein. Und wie viele andere von der Rechts-Links-Politik frustrierte Menschen sie ebenso wählen werden, steht noch nicht fest. „Le Pen ist die einzige, die wir noch nicht ausprobiert haben“, sagen sie. Das sagen auch viele ehemalige linke Stammwähler, die „Arbeiterklasse“, die sich abgehängt fühlt und von der linken Politik verraten, von der rechten sowieso. Ich lese dazu gerade Retour à Reims von Didier Eribon und kann Frl. Read On beruhigen, sie ist nicht die Letzte, die es liest, die Letzte bin vermutlich ich. Das liegt natürlich daran, dass das Buch Eribons in Frankreich schon 2009 erschienen ist, das interessiert hier schon keinen mehr. (2009 hat es jedoch mich noch nicht interessiert.) Eribon geht unter anderem der Frage nach, warum seine Mutter, eine Frau der „Arbeiterklasse“, heute FN wählt. Ob es darauf nun einen Antwort gibt oder nicht (bin noch nicht durch), gelernt hat man in Frankreich, so will es mir scheinen, nichts daraus. Ich weiß nicht, ob es nun in Deutschland etwas bewirken kann?!

Etwas bewirken, in Frankreich diesmal, möchte auch Manfred Flügge mit seinem „Brief an einen französischen Freund“. Der Titel ist eine Anspielung auf Albert Camus „Lettre à un ami allemand“, den Camus während des Zweiten Weltkriegs geschrieben hatte: eine Kritik an Deutschland und gleichzeitig die Hoffnung auf ein anderes Europa nach Beendigung des Krieges. Manfred Flügge kritisiert in seinem „Brief“ nun Frankreich, seine zweite Heimat (der Autor ist bilingue und lebt in Paris und Berlin), und ganz konkret den französischen Freund aus Jugendtagen, der sich zu einem FN-Wähler entwickelt hat. Flügge beschwört den Freund (und gleichzeitig Frankreich) sich nicht gegen die europäischen Werte zu stellen, nicht all das zu verwerfen, was sie als erste Generation nach dem Krieg gemeinsam aufgebaut haben: die deutsch-französische Freundschaft und den Anfang von Europa. Noch rechtzeitig zur Wahl kommt das Büchlein auch in französischer Sprache heraus, und der Autor begibt sich damit hoffnungsvoll auf Lesereise.  Wir zumindest werden dazu in Marseille sein, aber uns muss man weder von der deutsch-französischen Freundschaft noch von Europa überzeugen. Vielmehr sollten die Anhänger von Marine Le Pen ihn hören oder auch lesen, aber ich bin nicht sicher, ob man die mit dem Buch und/oder der Veranstaltung wirklich erreichen kann.

 

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