Zwischenruf: „historique“

„Ce résultat est historique“ rief Marine Le Pen, die für den FN das beste Ergebnis seit je eingefahren hat, wenn sie auch nicht die Erste ist. Macron hat etwa 2% mehr Stimmen erhalten. „Historique“ ist das meistgeäußerte Wort heute Morgen, und es meint, wir haben es mit einem geschichtlichen Ereignis zu tun, dass es so noch nicht gegeben hat. „Historisch“, dass zwei Kandidaten, die noch nicht im politischen System sind, sich endgültig für das Amt des Präsidenten qualifiziert haben: Macron und Le Pen. Beide feiern jeweils „ihren“ Sieg. Es ist aber vor allem eine „historische“ Niederlage für die etablierten Parteien.

Mit Blick auf die „Legislative“, die Wahl der Nationalversammlung im Juni, ist es „historisch“, dass zwei „Außenseiter“-Kandidaten gewählt wurden, die noch nicht mal zwei Abgeordnete in der Nationalversammlung haben! Macron hat keinen einzigen Abgeordneten hinter sich, Marine Le Pen einen. Das ist mehr als eine Niederlage, das ist eine totale Absage, eine Ohrfeige hört man auch, an/für das bestehende System, und auch eine Antwort auf die Frage, wie denn ein Viertel (oder immerhin ein gutes Fünftel) der Bevölkerung überhaupt Marine Le Pen wählen konnte. Weil die Wähler rechts wie links genau das althergebrachte politische System mit den Profiteuren à la Fillon satt haben. Und bislang gab es nur Marine Le Pen als Alternative. Man mag sich nicht vorstellen, welchen Sieg sie ohne die Alternative Macron davongetragen hätte.

Für Fillon ist die politische Karriere, fürs Erste zumindest, beendet. Er hat gestern schon seine Niederlage eingestanden und dazu aufgerufen, im zweiten Wahlgang Macron zu wählen. Das bedeutet jetzt nicht, dass alle seine Wähler es auch tun werden. Ein Drittel folgt ihm vielleicht, ein Drittel wird nicht wählen und ein Drittel wählt vermutlich lieber Le Pen.

Ebenso hat Benoît Hamon sich für Macron ausgesprochen. Mélenchon gibt keinerlei Vorgaben. Jeder kann machen, was er will, sagt er.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, WIE erleichtert ich über dieses Ergebnis bin. Wir waren am Wochenende in Marseille, in dieser armen, „weltoffenen“ Stadt, einem „Melting Pot“ aller Nationalitäten, standen alle Zeichen auf Le Pen UND Mélenchon, ein solches „Duell“ zweier extremer, europafeindlicher Kandidaten wünschte ich mir nicht für Frankreich. Ich kam sehr angespannt nach Hause und hing gebannt vor dem Fernseher. Tränke ich noch Alkohol, ich hätte eine Flasche Champagner aufgemacht, als die ersten Schätzungen verkündet worden sind. Macron hat seinen Champagner übrigens in der Brasserie La Rotonde getrunken. Eine berühmte Brasserie im Montparnasse, in der Schriftsteller und Künstler verkehr(t)en.

 

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11 Antworten auf Zwischenruf: „historique“

  1. Marion sagt:

    Erleichterung auch hier. Hoffentlich geht jetzt nichts mehr schief. In zwei Wochen dürfen wir dann nochmal zittern. Am Wochenende hat die AfD ihren Parteitag in Köln gehalten, ausgerechnet in unserer liberalen Stadt – die Proteststürme waren heftigst.

  2. Sunni sagt:

    Salut, man kann auch mit Apfelsaftschorle oder Mineralwasser anstoßen. Alles, nur nicht noch ein May-Trump- Erdogan -Orban-Typ! A la prochaine!

  3. Anne sagt:

    Ich glaube nicht, dass die Kuh (hihi) schon vom Eis ist. Trumps Wahlsieg hat man ja auch nicht für möglich gehalten… (klopfe 3x aufs Holz).
    Erschreckend deutlich, wie und wo rechts gewählt wurde: http://graphics.france24.com/resultats-1er-tour-election-presidentielle-2017/
    Gruß aus dem elsassnahen Baden
    Anne

  4. Sunni sagt:

    Die Kartenübersicht macht wirklich Angst!Sunni

  5. Caroline Bahri sagt:

    Mein Sohn ist gerade zu Besuch aus London und WIR haben den Champagner aufgemacht und auf das Wahlergebnis angestoßen. Tja, Macron steht ab jetzt im Focus und schon erntet er Kritik, weil er mit seinen Freunden in der Rotondo gefeiert hat. Ich wünsche ihm für die Zukunft starke Nerven…

    LG Caro

    • Marion sagt:

      Das kam sogar hier in den Nachrichten und wurde mit Sarkozys damaliger, als dekadent wahrgenommener, Feier im Fouquet’s verglichen.

      • dreher sagt:

        Ich bin gerade unterwegs, deshalb kommen keine Antworten, aber hier muss ich einfach widersprechen. La Rotonde ist ein schickes, in literarischen Kreisen angesagtes Restaurant, hat aber nichts mit dem Fouquet zu tun, das vor allem teuer ist und bling bling. Macron hat mit seinen Freunden und Mitarbeitern gefeiert, Sarkozy mit irgendwelchen Milliardären. Anderer Start. Grüße aus Propriano… C.

        • Marion sagt:

          Otto Normalverbraucher schmeißt das halt alles in einen Topf… Oh, la Corse, wie schön!!! Viel Spaß und gute Erholung!!!

          • dreher sagt:

            Pardon, ich bin ein bisschen spät mit dem Freischalten und dem Antworten, hatte fast kein Internet auf der schönen Insel und hatte so viel anderes anzusehen … und deine Antwort ist mir durchgegangen – es ist nicht deine „Schuld“, dass du das in „einen Topf“ wirfst, es wurde hier von den Journalisten ein bisschen so dargestellt, man fragte Macron provokativ, ob er nicht das gleiche mache wie Sarkozy seinerzeit – da antwortete Macron ein bisschen patzig, was ihm die Journalisten widerum übel nahmen … so schaukelte sich das hoch.

  6. Auch wir haben gezittert und mir gar ganz schlecht vor der Glotze, als sie anfangs so lange brauchten, um die ersten Zahlen bekannt zu geben und: mein Mann wird jetzt beim zweiten Durchgang natürlich wieder Macron wählen, keine Frage. Madame muss verhindert werden, wo kämen wir da nur hin? Ich drücke ernsthaft die Daumen.