Zwischenruf: Zeit der Plagiate

Einen Moment war es hier ruhiger, verzeihen Sie, wir waren ein paar Tage auf Korsika, ich hoffe, ich schaffe es, Ihnen zeitnah davon zu erzählen, es war so großartig! Und ich habe tatsächlich komplett abgeschaltet vom Alltag und von der Politik, die mich umso mehr überfallen hat, kaum waren wir wieder auf dem Boden des Kontinents angelangt.

Sie wissen das vielleicht alles schon, aber ich fühle mich doch bemüßigt, es der Vollständigkeit halber hier aufzuschreiben.

Wie Sie sich erinnern, hat Philippe Mélenchon, der in den vergangenen Jahren bei jeder Wahl dazu aufgerufen hat, den Front National zu blockieren, selbst wenn man dafür als extrem Linker einen konservativen Kandidaten wählen müsse (so geschehen etwa 2002 als die Linken im zweiten Durchgang Chirac wählen mussten, um Jean-Marie Le Pen zu verhindern), Mélenchon also gibt dieses Mal seinen Wählern keine Vorgaben, sondern sagte nach seinem Ausscheiden schnippisch und schmallippig „macht was ihr wollt“ – was indirekt einem Aufruf zum Nicht Wählen gleichkommt. Er sei ein schlechter Verlierer wurde ihm gesagt, aber er bleibt dabei und will Macron nicht unterstützen. Seine von der Wahl enttäuschten Anhänger demonstrieren jetzt ziemlich unfriedlich, denn sie wollen weder Macron noch Le Pen.

In der linken Szene wird heftig gestritten: die, die sagen „wir wählen nicht mehr ‚gegen‘ jemanden und schon gar nicht für einen Bankier, also wählen wir dieses Mal gar nicht, tant pis“

Streit der Linken … streiten sich mit denen, die sagen, „Idioten! Mit diesem Verhalten riskiert ihr, dass Marine Le Pen gewählt wird, wählt besser Macron!“

Charlie HebdoAuch auf der konservativen Seite werden sich die enttäuschten Fillon-Wähler, trotz dessen Aufrufs, Macron zu unterstützen, vermutlich zahlreich enthalten oder sogar Le Pen wählen. So wie Nicolas Dupont-Aignan, der vorgestern entschieden hat, sich Marine Le Pen anzuschließen, die ihn natürlich mit offenen Armen aufnahm und ihm, im Falle ihrer Wahl, einen Posten als Premierminister anbietet. Für Dupont-Aignan hatten nur 5% der Wähler gestimmt, aber wenn die ihrem Kandidaten folgen sollten, macht es immerhin 5% mehr für Le Pen. „Wenn Marine Le Pen gewählt wird, ist es nicht die Schuld derer, die nicht gewählt haben, sondern die Schuld derer, die für Marine Le Pen gewählt haben“ wehren sich entsprechend die zukünftigen abstentionnistes, die Nichtwähler.

claqueWie dem auch sei, bei all dem Debakel robbt sich Marine Le Pen peu à peu nach vorne, und es gibt Umfrageergebnisse, die sie bereits vor Macron sehen. Zumal sie sich vom „Frexit“, dem Austritt aus Europa, plötzlich distanziert. Den sieht Macron aber ebenso überraschend plötzlich möglich, wenn die EU nämlich nicht reformierbar wäre. Nichts ist sicher. Alles kann passieren.

Morgen Abend gibt es ein heiß erwartetes Rededuell Macron – Le Pen im Fernsehen, das vermutlich, trotz eines zur gleichen Zeit ausgestrahlten Fußballspiels Frankreich – Ungarn, die Einschaltquoten in die Höhe treiben wird.

Das Amüsanteste heute war, dass Marine Le Pen sich einen Redetext Fillons angeeignet hat, den sie über mehrere Minuten Wort für Wort wiedergab (im verlinkten Beitrag der Film, den Sie auch verstehen, wenn sie kein Französisch können). Ganz klar ein Plagiat, aber „ach was“ winkt der FN ab, man habe mit einem Augenzwinkern, avec un clin d’œil etwas aus Fillons patriotischer Rede übernommen.

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4 Antworten auf Zwischenruf: Zeit der Plagiate

  1. Micha sagt:

    *Ach*, meinte ein Freund, *so gerne würde ich mal wieder FÜR eine Idee oder ein Vorhaben stimmen und nicht schon wieder GEGEN etwa/ jemanden wählen*.

    So oder so, weder der eine noch die andere entsprechen dem Wunsch nach einer Mehrheit. Schon komisch, Demokratie…

    Ach, Korsika… SO schöne Erinnerungen… einer der ersten Urlaube ohne Eltern, als Mädchen-Clique unterwegs, trampend durch ein Naturparadies, das Meer für uns alleine, von Bucht zu Bucht schwimmend… Erzähl‘ doch ein bißchen!

    • dreher sagt:

      Ja, ich kann das Wahl-Problem der Franzosen verstehen, Monsieur denkt auch, er kann niemanden wählen, und seine einzige Möglichkeit, sich adäquat auszudrücken sei „le vote blanc“. Ich aber, mit der deutschen Geschichte im Kopf, sehe hier mit großen Augen wie sich Geschichte wiederholt, und werde nicht müde zu mahnen: geht (trotzdem) wählen! Eine liebe Freundin, Französin und Französischlehrerin am Gymnasium, aber ursprünglich von den Kapverden stammend und schwarz, sorgt sich, denn ihre 13jährige Tochter wurde am Fahrkartenschalter der SNCF von der Dame hinter dem Schalter bereits angepöbelt. Für alle Franzosen, die nicht weiß sind, ist der Ausgang der Wahl quasi existenziell. Sie wählen daher Macron, um zu überleben, damit sie nicht von einer Hasswelle, erfasst werden, die schon jetzt spürbar ist. Ich verlinke zu dieser Problematik einen (französischen) Text eines Historikers, den ich persönlich schätze.

      Und ja, Korsika, ich will gern (bald) davon erzählen, ohne Politik kommen wir aber auch da nicht aus.

    • Micha sagt:

      … entsprechen dem Wunsch einer Mehrheit… so wollte ich schreiben…

      Ich wiederum verstehe deinen Mann (warum für jemanden wählen, an dem man nix Gutes findet) so gut wie dich (Fremdenhass ist nicht zu dulden) – ein echtes Dilemma!

  2. Mumbai sagt:

    vorerst habe ich auch als Nicht-Franzoesin meine Emotionen in diese Wahl verschwendet. Verschwendet, sage ich bewusst, weil ich mittlerweile immer mehr
    zu der Erkenntnis komme „das Dinge geschehen, wann und weil sie geschehen
    muessen“. Wie Sie schon schrieben, Geschichte wiederholt sich und ist eigentlich
    leicht zu verstehen bzw. vorherzusehen, wenn man die Geschichte studiert. Dennoch
    werde ich Sonntag Abend interessiert auf das Ergebnis warten. Freue mich auch
    auf den Korsika-Bericht. Diese herbe Schoenheit habe ich leider seit Jahrzehnten
    nicht mehr besucht und vielleicht gibt Ihr Report Anlass es bald nachzuholen.