WMDEDGT 7/2017

Bergdorf

Heute ist Tagebuchbloggen dran. Frau Brüllen fragt es jeden, jeden Monat am 5. : Was machst du eigentlich so den ganzen Tag? Heute mache ich mal wieder mit und erzähle es Ihnen: Ich bin in den Bergen.

6.17 Uhr wach geworden. Ich wollte früh wach werden (das klappt, wenn ich es mir vornehme!), ich will nämlich laufen.
6.30 Uhr Milchkaffee und zwei Stück Rührkuchen. Dazu gibts ein kleines bisschen Internetlektüre, und dann gehe ich los. Es ist noch vor Sieben Uhr und es ist hell, die Sonne ist aber noch nicht über die Berge gekommen. Ich laufe ein Stück eines GR-Wanderwegs, der teilweise neu gemacht wurde und richtig breit und toll geworden ist. Vorher musste man trotz der rot-weißen Markierung oft suchen, wo der Weg eigentlich verlief, so zugewuchert war er. Ich laufe bis zu einem verfallenen Hof, der früher der Familie von Monsieur gehört hat, durch Erbstreitigkeiten aber „verloren“ gegangen ist, da der Hof über Jahrzehnte leerstand, bewohnte ein Schäfer illegal das Wohnhaus und brannte es dabei leider ab. Seit Jahren laufe ich dorthin und konstatiere den zunehmenden Verfall der Ruinen. Es soll einmal das schönste Anwesen hier oben gewesen sein, und Monsieur hat als kleiner Junge dort bei seinem Onkel, der Kühe hatte, noch Milch geholt.

K800_DSC03043 K800_DSC03046 K800_DSC03064Las Palus

Den Spaziergang habe ich gestern Abend schon einmal gemacht, aber da liegen der Weg sowie die Häuser auf der Schattenseite und ich wollte es gern bei Sonnenaufgang sehen. Normalerweise setze ich mich morgens gleich zum Schreiben an den Rechner, wenn ich erst anderes mache, bin ich schon raus aus dem Fluss und es passiert nicht mehr viel, schreibtechnisch gesehen, meine ich. Frühmorgendliches Spazierengehen kann leicht zur Prokrastination ausarten. Vor allem, wenn ich unterwegs noch Fotos mache. Gehen jedoch will ich einmal am Tag, denn ich habe Rücken vom unergonomischen Sitzen, das aufblasbare Gummikissen hilft nur bedingt, ebenso das halbherzig praktizierte Yoga. Gestern las ich in einem (englischen) Text, dass Autoren durch das ewige Sitzen generell dazu neigten, einen fetten A*** zu bekommen. Vermeiden könne man einen solchen durch Anschaffen eines Hundes und regelmäßiges Spazierengehen mit demselben. Hilft angeblich auch gegen Depression. Ich mache also Rücken-, Depressions- und A***prävention und das ganz ohne Hund.

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Um kurz vor Neun bin ich zurück. Es gibt einen zweiten Milchkaffee und eine Scheibe leckerstes Brot mit überraschender Marmelade, ich dachte, ich hätte ein Glas Johannisbeergelee aus dem Keller geholt, aber es war ein von mir irgendwann in grauer Vorzeit gekochter Ladwersch, wie man im (Süd?)-Hessischen sagt, oder Läckschmier andernorts: Zwetschgenmus. Sehr fein!

Beim Laufen ist mir tatsächlich eine ergänzende, zum gestrigen Text passende, Szene eingefallen, die ich jetzt schreiben werde.

Bis 11.40 Uhr geschrieben, dann die Nachbarin angerufen, ob sie mit mir Mittagessen will (sie hat mich schon so oft eingeladen und ich muss sie mal zurückeinladen, auch wenn das leicht zu weiterem Prokrastinieren ausartet; merke: das Kommunizieren und Sozialisieren in kleinen Dörfern ist verpflichtend, nur zurückgezogenes Schreiben geht auf Dauer nicht!). Sie räumt aber gerade mit einer Freundin die Scheune aus und sagt, wir wollen nicht „richtig“ essen, das dauert zu lang, wir picknicken quasi, komm mit deinem Essen zu uns hoch, und wir essen zusammen. Halb Eins ist ausgemacht. Mein Essen ist noch gar nicht fertig und ich mache in Windeseile eine Gemüse-Käse-Quiche und bereite einen Rhabarberstreuselkuchen vor, der aber noch nicht gebacken ist, weil der Herd so alt, so klein und mit Gas und überhaupt, da geht immer nur ein Ding gleichzeitig rein. Ich werde also zum Essen zur Nachbarin gehen und meinen Kuchen in ihren Ofen schieben, die Quiche ist auch noch nicht fertig für halb Eins, ich komme erst um Viertel vor Eins mit dampfender Quiche an, aber es ist wie immer in Frankreich. Halb Eins ist nur ein Näherungswert. Wir essen gegen Eins und plaudern, und um Viertel nach Zwei gehe ich wieder und lege ich mich zur Sieste kurz hin.

Um fünf vor Vier sitze ich wieder mit einem Kaffee vor dem PC. Geschlafen habe ich nicht, vielmehr im Liegen gedöst und nachgedacht. Wie sollen die kommenden Ferienwochen ablaufen, wo werde ich schreiben können, werde ich überhaupt schreiben können, wieviel bzw. wie wenig Präsenz meinerseits ist nötig beim Familienurlaub, ohne dass es unhöflich ist? Was mache ich mit der Katze? Lasse ich sie in Cannes, schleppe ich sie wieder hier hoch, nur damit sie sich hier mit der aggressiven Nachbarkatze herumschlägt und sich panisch unters Bett verkriecht? Ist durchgängig jemand in Cannes für die Katze? Ich habe über eine Woche gebraucht, um meine entzündeten Augen wieder zu beruhigen nach einer Woche Katzenhaushalt in Cannes. Die Desensibilisierung fängt erst nach der Rentrée, im September, an. Am Sommerhaus müssten vor der Ankunft aller Sommergäste dringend schnell noch Handwerker arbeiten – das würde mich verrückt machen nächste Woche. Das alles drehe ich in meinem Kopf herum.

16.24 Uhr eine Bekannte schreibt mir auf FB, ich antworte und klicke herum: oh Gott, sie haben „Die Moorsoldaten“ gesungen beim Staatsbegräbnis für Simone Veil.

Bis 18 Uhr überarbeite ich halb konzentriert das, was ich gestern und heute geschrieben habe.

Dann rufe ich einen seit Monaten kranken Freund an, der, weil ihm keiner helfen kann, nächste Woche zu einem Magnetheiler gehen wird. Ich kommentiere es nicht, aber er sagt selbstironisch, er sei gedanklich kurz vor der Pilgerfahrt nach Lourdes.

Ste Annedas ist nicht Ste. Bernadette, das ist Ste. Anne

Um Viertel nach Sechs behandle ich die abgefressenen Johannisbeerbüsche ein zweites Mal (vor zehn Tagen schon einmal) mit einem biologischen Spritzmittel, immerhin scheint es die noch nicht befallenen Büsche geschützt zu haben (und wir haben viele davon!). Die abgefressenen sind natürlich weiterhin kahl.

Danach gieße ich die Anpflanzungen der Kinder: Salat, Himbeeren, Erdbeeren und Mangold (nein ich weiß nicht, warum die Kinder ausgerechnet Mangold gepflanzt haben), und die drei kleinen Kirschbäume, und mittels Eimern gieße ich anschließend die Blumen, die die Gemeinde für das Dorf in hölzerne Blumentröge gepflanzt hat. Die ersten Tage habe ich dafür hunderte Meter Gartenschlauch aus und wieder eingerollt, aber das ist mühsamer als (sechs mal zwei) Eimer Wasser schleppen. Tatsächlich besitzen wir keine Gießkanne.

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Bis ich damit fertig bin, ist es 20 Uhr. Ich tippe hier, dann habe ich noch einen Berg Geschirr zu spülen. Essen werde ich die Reste der Quiche. Und beim Geschirrspülen und auch später höre vielleicht ich via Internet etwas Radio. Ich habe nämlich nichts mehr zu lesen, zumindest nichts, was mich wirklich interessiert.

Voilà, das war mein Tag.

Die anderen Tagebuchblogger gibts wie immer hier am Ende des Beitrags.

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4 Antworten auf WMDEDGT 7/2017

  1. Marion sagt:

    Waas, nichts mehr zu lesen? Du? ;-)
    Es tut mir immer leid, dass Du jedes Jahr aufs Neue in der großen Sommerhitze und im Ferien-Familien-Trubel Deiner Arbeit nachgehen musst. Wäre bestimmt im Herbst/Winter viel leichter und angenehmer.
    Diese Landschaft ist so grandios, genieße noch die Ruhe vor dem Sturm, auch wenn Du ja doch immer ohne Unterlass machst und tust.

    • dreher sagt:

      Ja, Monsieur hat auch gespottet, das Haus sei imerhin voller Bücher, ich solle mal die Regale entlanggehen … ich bin, sagen wir, sehr wählerisch in meiner Lektüre ;-)
      Ich versuche ja, es jedes Jahr anders zu organisieren, aber es läuft immer auf das Gleiche hinaus. Ohne Druck geht es nicht.

  2. Croco sagt:

    Danke für den schönen Tag, die Berge und den Brunnen.
    Die Moorsoldaten haben mich zum Weinen gebracht.
    Dieses Lied!
    Im Schneidersitz auf dem Boden der Mensa sitzend, habe ich es zum ersten Mal gehört.
    Dort wo es geschrieben wurde, im Lager Börgermoor, gibt es noch einen Acker, aus dem beim Pflügen immer wieder die Steine nach oben kommen. Damals, als wir für eine Weile in der Nähe wohnten, konnte man den Platz nicht finden. Der Bauer montierte die Schilder ab, immer wieder. Ein Radfahrer, Sohn eines ehemaligen Wärters, zeigte uns aber, wo alles war. Und erzählte. Einen der Mauersteine haben wir mitgenommen.
    Er liegt hier, zum Andenken.

    • dreher sagt:

      Verzeihung Croco, für das verspätete Freischalten. Danke für deinen bewegenden Kommentar. Wollte mir das Lied in der frz. Fassung nochmal anhören, aber der Link geht wohl schon nicht mehr.
      Die Moorsoldaten habe ich im Schneidersitz am Lagerfeuer irgendwelcher Jugendfreizeiten gesungen; ich war jetzt nur schockiert, dass es für Simone Veil gesungen wurde, zu der zu Lebzeiten immer dazugesagt wurde, dass sie Auschwitz-Überlebende sei, und jetzt sagt man es auch angesichts ihres Todes noch einmal. Ich dachte, darf sie nicht mal jetzt friedlich gehen, muss man ihr noch einmal das Lager mit all seinem Schmerz so getragen und schwer hinterherrufen? Ich erinnerte mich aber nicht mehr an die letzte Strophe (der deutschen Fassung), dass es „einmal vorbei sein wird“ – das hat wenigstens etwas tröstliches.

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