Alternativprogramm

Während es in Cannes mit dem Festival gerade so richtig losging, und man dem neuen Film des Altmeisters Godard entgegenfieberte und  spekulierte, ob Godard wohl kommen werde, verbrachten wir einen Tag in einem Paralleluniversum. Am Donnerstag waren wir auf der Ile St. Honorat, der kleineren der Lérins Inseln, wo ich hin und wieder eine Auszeit im Kloster nehme. Hilke Maunder hat sie –> hier etwas ausführlicher beschrieben. Sie hat dort auch das „jährliche Event“ erwähnt, das an Christi Himmelfahrt stattfindet, ich zitiere:

„An Christi Himmelfahrt pilgern die Nachfahren der alten Familien aus Cannes nach Saint-Honorat, um den Treueeid ihrer Vorfahren fortbestehen zu lassen. Nach der großen Messe, die von den Mönchen der Abteikirche von Lérins gesungen wird, führt ihre Prozession zur Musik von Einhandflöte und Tamburi zur St.-Peters-Kapelle (chapelle Saint-Pierre). Dort überreichen sie symbolisch ihre Opfergaben, allesamt lokale Produkte, an ihren Lehnsherrn, den Gebietsherrn von Cannes, den Prinzen des Heiligen Grabes und den Abt der Abtei von Lérins.“

L’allégeance, der Treueeid, wird seit 1448 alljährlich erneuert und auch wenn es neuerdings ein „touristisches Event“ geworden ist, so ist er für die Anciennes Familles Cannoises ebenso wie für die Mönche eine wichtige symbolische und ernstzunehmende Handlung. Dort waren wir also, denn Monsieur gehört den Anciennes Familles Cannoises an, auch wenn seine Familie erst seit vier Generationen hier ansässig ist und nicht, wie etwa die Familie des Bürgermeisters, schon seit dem 15. Jahrhundert.

Um 9 Uhr morgens nahmen wir das Boot mit jeder Menge Touristengruppen, den Mitgliedern der Academie Provencale, die natürlich wieder traditionell angezogen waren, und den Mitgliedern der Anciennes Familles Cannoises. Das Wetter ist dieses Frühjahr an der Côte d’Azur nicht so wie man sich das gemeinhin vorstellt. Es ist frisch und regnet häufig. Nur hin und wieder gibt es wunderbare Sonnentage, an denen ich dann, ganz wie früher in Deutschland, dringend raus muss, denn wer weiß, wann es das nächste Mal wieder so schön wird. Am Donnerstag sah es gewittrig aus, wir nahmen Regenjacken, Tücher und warme Pullover für die kurze, aber windige Überfahrt mit, ebenso wie Sonnenmilch, Hut und Sonnenbrille.

In der überfüllten Kirche kamen wir inmitten einer Touristengruppe zu sitzen, das war etwas nervig, denn zwei ältere Damen vor uns tuschelten die ganze Zeit, „wie ergreifend“ es doch sei, „diese Mönche, nein, also wirklich so festlich, wundervoll, ganz fantastisch“, die Dame neben mir schickte hingegen ihre Sitznachbarin ständig los, um noch ein Foto zu machen „von ganz vorne“ oder von einem bestimmten Mönch und vom dem, was sie tun, denn wir saßen hinter einer großen Säule und man sah nicht alles. Das geht ja nicht, wozu ist man denn extra gekommen. Dabei hatte ich vorher noch gedacht, dass es nur noch wenige Momente gibt, wo nicht fotografiert wird, ich dachte auch, eine katholische Messe gehöre dazu, aber ich revidiere meine Überlegungen, vermutlich wird nur auf Beerdigungen nicht mehr fotografiert, und vermutlich auch nur dann, wenn man persönlich betroffen ist.

So war ich dann auch den ganzen Tag im Zwiespalt, an dieser Veranstaltung als angeheiratete Cannoise an der Seite Monsieurs mit allen Sinnen aktiv und würdig teilzunehmen oder meiner semi-journalistischen selbstauferlegten Verpflichtung, Ihnen davon zu berichten und aussagekräftige Fotos zu machen, nachzukommen und mich so auf die Seite der fotografierenden Touristen zu begeben.

Schon beim Auszug aus der Kirche, jetzt schien übrigens groß die Sonne, auf dem Weg zur Chapelle St. Pierre, standen die Mitglieder der Academie Provencal für uns Spalier und es gab ein traditionelles Flötenkonzert. Mich rührt so etwas und nein, ich konnte es nicht fotografieren. Vor der Kapelle wird dann die Geschichte des Treueeids erzählt, der Bürgermeister spricht ein paar Worte, danach der Abt, und dann wird der Treueeid (–> hier nachzulesen) von den anwesenden Cannois brave gens genou en terre „niederknieend“ und „Hand aufs Herz“ auf französisch und provenzalisch gesprochen. Es ist (ich habe schon mehrfach daran teilgenommen) immer wieder berührend wenn der Gatte neben mir (aber nicht für mich) in die Knie sinkt und voller Inbrunst diesen Text spricht *aufschluchz*, ebenso wie die anderen Cannois, und ich möchte diesen Augenblick nicht stören, indem ich die Kamera draufhalte wie die Touristen „wundervoll! ergreifend!“ Das heißt, ich tue es verschämt und natürlich wird es nix. Ich hätte es besser lassen sollen und gleich diesen Film suchen, den es nämlich schon gibt!

Danach überreichen die Cannois dem Abt mitgebrachte lokale Produkte, das geht von Brot und Käse über Schinken, Fisch, Obst, Gemüse und Blumen. Und es werden natürlich wieder provenzalische Weisen (Coupo Santo) gesungen. Anschließend werden die Anwesenden von den Mönchen in den Klostergarten (des Gästehauses) eingeladen und dort wird tatsächlich der Wein der Abtei (Weißwein in diesem Jahr) verkostet. Der klösterliche Weinanbau auf der Insel ist limitiert, es gibt nur eine kleine Produktion, der Wein ist entsprechend gefragt und kostbar. Ihn hier angeboten zu bekommen, ist eine Ehre. Er wird von den Mönchen freundlich ausgeschenkt und ich finde es immer ein wenig beschämend, wie sehr sich die Menschen darauf stürzen und den Mönchen die Gläser quasi aus den Händen reißen.

Er ist besonders grün der Klostergarten dieses Jahr, denn es regnet wirklich viel dieses Jahr und ich nehme zum ersten Mal die Maulbeerbäume wahr, vermutlich, weil ich gerade in Lyon von der Seidenherstellung gehört habe.

Anschließend geht es zum einzigen Restaurant auf der Insel, wo wir unter Pinien und Olivenbäumen und mit Blick aufs Meer zusammen essen. Dieses Mal saßen wir mit netten Menschen zusammen und erzählen aus unserem Leben. Nicht immer ist das so. Mit der Dauer der Zugehörigkeit zu Cannes wird gerne kokett gewetteifert und Monsieur, dessen Familie erst seit vier Generationen hier ansässig ist und zudem mit einer Ausländerin verheiratet, wird gern mal links liegen gelassen (ich natürlich noch linkser, denken Sie sich).

Es gibt wieder Tanz und Musik zur Freude auch der anderen Gäste des Restaurants,

wir gehen danach ein bisschen spazieren, das Mittelmeer ist zwischen den Inseln jetzt karibisch blau, und Monsieur findet eine Bank, oder besser einen Tisch für seine Sieste.

Und nachmittags geht es wieder zurück nach Cannes, ins Festivalgewusel.

Und nur damit  Sie es wissen, Godard, immerhin schon 87, ist zur Premiere seines Filmes nicht erschienen, war aber überraschend via ein in die Luft gehaltenes Mobiltelefon präsent und beantwortete auch Fragen. Sein Film Le livre d’image gilt als „experimentell“ und geht vielleicht im besten Sinne als Kunst durch.

Und Everybody Knows, den Film den ich Ihnen das letzte Mal anpries, stellte der Figaro verächtlich auf die Stufe einer Telenovela. Ich sprach mit ein paar blasierten versierten Cinéphilen, die ebenso meinten, der Film sei wirr und banal, aber was wolle man schon von einem iranischen Filmemacher erwarten, der in Spanien drehe, ohne ein Wort Spanisch zu können. Sie sehen, die Meinungen sind geteilt. Ich, mit meiner südfranzösischen Dorfvergangenheit, mag den Film sehr.

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