Cannes zu Zeiten des Festivals 2018

Eigentlich habe ich gar keine Zeit, nicht wahr, aber das schöne Plakat des diesjährigen Filmfestivals wollte ich Ihnen dennoch zeigen. Jean-Paul Belmondo und Anna Karina im Film von Jean-Luc Godard Pierrot le Fou. Ich kenne den Film aus den Sechziger Jahren gar nicht, aber habe, nachdem ich den Trailer gesehen habe, total Lust, ihn zu sehen. Ah, la France … genau so stellen wir uns das ja immer vor. So ist es nicht mehr, aber träumen wird man ja noch dürfen.

Wir waren gestern in der Vorpremiere. Nein, nicht im großen Saal des Palais des Festivals, sondern schnöde im Kino. Rar sind die Momente, wo ein Film dort in allen Sälen gleichzeitig läuft und bis auf den letzten Platz ausverkauft ist. Wir hatten unsere Karten auch schon seit einer Woche reserviert. Es lief der brandneue Film des iranischen Filmemachers Asghar Farhadi Everybody knows mit Javier Bardem und Penelope Cruz. Großartig! Bis zur letzten Sekunde. Und dann geht es im Kopf weiter. Ich weiß nicht, ob Sie dieses sozial enge Dorfleben kennen, wenn nicht, wird der Film vielleicht weniger eindringlich. Aber diese Geschichten, die jeder kennt und über die niemand spricht und die dennoch das Dorfleben unterschwellig wie Nervenstränge durchziehen, kenne ich aus „meinem“ französischen Dorf auch. Ich habe Javier Bardem mit Penelope Cruz vor ein paar Tagen schon in Escobar gesehen. Javier Bardem fett und hässlich und brutal. Ich nahm ihm Escobar ab und ich glaube ihm eine Woche später diesen Paco, einen Winzer in einem spanischen Dorf. Und Penelope Cruz ist ebenso glaubwürdig. Großartig, sagte ich das schon?

Alles andere aus Cannes: Zum ersten Mal sind mehr Frauen in der Jury als Männer, es gibt drei Filmemacherinnen in der offiziellen Auswahl, Selfies auf dem roten Teppich sind verboten (nur die Schauspieler dürfen, wenn sie unbedingt wollen). Thierry Frémaux will es zukünftig unglamouröser, (noch) mehr „engagierte“ Filme statt Hollywoodträume, es ist nicht unumstritten und die Presse sieht die Filme nicht mehr frühmorgens vor allen anderen. –> hier können Sie, wenn Sie mögen, alles aktuell verfolgen.

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7 Kommentare zu Cannes zu Zeiten des Festivals 2018

  1. Marion sagt:

    Vielen Dank wie immer für die heißen Tips, meine Liebe. Einer Deiner Filmtips, „Aurore“, lief erst vor ein paar Wochen hier, bin ich gleich reingerannt, war nett…

    • dreher sagt:

      Bitte gerne, ist ja alles subjektiv, n’est-ce pas. Dass „Aurore“ nett war freut mich, dass er „nur“ nett war, liegt sicher auch an der Erwartungshaltung, die ich aufgebaut habe … anyway … gern geschehen ;)

      • Marion sagt:

        Na ja, ich hatte gerade keine Muße, um nochmal ausführlicher über den Film nachzudenken. Und ja: die Erwartungen waren (vielleicht zu) hoch. Für einen „sozialkritischen“ Film fand ich ihn ein bisschen flach, es ist jetzt nicht wirklich soviel hängengeblieben bei mir. Das Happy End fand ich unglaubwürdig. Aber ich fühlte mich gut unterhalten, insofern schon „nett“.

        • dreher sagt:

          Ich habe ihn glaube ich nicht als „sozialkritischen“ Film angepriesen, sondern weil ich die neue und sichtbare Rundlichkeit von Agnès Jaoui, die ich als eternelle jugendlich sah, so rührend fand. Das hat viel mit meiner eigenen Körper-Akzeptanz oder dem verf*** Bodyshaming zu tun. Dass es in einem französischen Film möglich ist, rundlich und alt zu werden, ist vielleicht die sozialkritische Botschaft, wenn denn überhaupt. Und das Happy End tut doch gut :)

          • Marion sagt:

            Haha, nee das „sozialkritisch“ kam von mir…anyway, ist ja doch eher ne Komödie (wenn auch mit ernsten Untertönen) gewesen. Und was ist mit BB? Die ist schließlich auch rundlich und alt. Geht doch.

          • dreher sagt:

            Aber sie spielt seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr in Filmen mit!

  2. Caroline Bahri sagt:

    Cannes zu Zeiten des Festivals heißt aber auch: Verkehr, Stau und Menschenmassen. Alles dauert doppelt so lange und ist doppelt so teuer. Die Croisette wird zeitweise gesperrt, der Verkehr umgeleitet. Der Bus Nr. 8 fährt dann nicht oder braucht ewig. Ich kann nicht mehr in die Stadt fahren, als Gehbehinderte kann ich mich nicht durch die vielen Leute, die mich anschubsen, drängeln. Was heißt: ich bleibe zu Hause, sehe es mir im Fernsehen an und warte, bis es vorüber ist.

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