Depardieu singt Barbara

Kuckuck! Da bin ich wieder! Gehts Ihnen gut? Seit Wochen  spreche ich virtuell mit Ihnen, ich hoffe, ich bekomme das noch geschrieben, was ich Ihnen alles sagen und zeigen wollte. Berlin und Kunst unter anderem! Oha!

Jetzt aber kein Rückblick des Sommers, sondern rein in die Aktualität: Auch wenn ich krank bin, oder zumindest doll erkältet. Weil zu viel Wind. Eigentlich wollte ich die diesjährigen Regates Royales in einem Begleitboot miterleben und Ihnen sagenhaft schöne Fotos von geblähten Segeln zum Wiedereinstieg zeigen, aber erst gab es keinen Wind, zwei Tage später war er dann zu stark, ganze Regatta-Tage wurden abgesagt. Es sind ja alles große alte Holzsegelschiffe, die nicht nur wertvoll, sondern auch empfindlich sind. Mich hat der Wind dann buchstäblich umgehauen und ich habe von der Regatta nun überhaupt nichts gesehen. Monsieur kommt gerade (11 Uhr) vom Strand zurück – natürlich ist es jetzt ganz wunderbar, das beste Wetter und der beste Wind überhaupt, das Meer ist türkisblau und klar, und die Segelschiffe laufen sich warm, oder wie immer man das beim Segeln nennt. Ich aber liege im Bett und hoffe, dass ich wenigstens Gérard heute Abend genießen kann und ihn nicht durch mein Gehuste störe.

Wir gehen zu einem Konzert: Dépardieu chante Barbara. Doch, doch, dieser Koloss singt die zarten, vibrierenden Chansons von Barbara und alle, selbst die oft so Depardieu-kritische Presse, sind sich einig: Dépardieu singt und spricht Barbara – das ist alles und doch so viel. Begleitet wird er übrigens von Barbaras Pianisten Gérard Daguerre und dieser spielt auf Barbaras Piano.

Es war schwierig, an Karten zu kommen. Der Vorverkauf für die beiden Konzertabende in Antibes begann offiziell am 15. September um 15 Uhr. Ich war eine Stunde vorher da und stand mit etwa hundert anderen in der sengenden Sonne auf dem Betonfeld vor dem neuen und uncharmanten Betonkonzerthaus anthéa. Kein Schatten, keine Bank. Wir fächelten uns mit Programmheften Luft zu und manch ältere Dame sackte schonmal zusammen. Mit Öffnen der Kasse um 15 Uhr erfahren wir, dass die beiden Konzertabende schon ausverkauft sind, großes empörtes Raunen in der Reihe, man fragt sich, wie es sein kann, gab es doch keine Möglichkeit über Telefon oder Internet zu reservieren. Es wird aber noch für einen kurzfristig anberaumten Zusatz-Abend Karten geben. Aufatmen in der Reihe. Als ich endlich im Konzerthaus stehe, sehe ich auf der Konzertankündigung, dass man ab sofort auch übers Internet oder telefonisch reservieren kann – und ich versuche es nur mal so mit dem Internet und siehe da, schon habe ich, körperlich in der Schlange stehend virtuell zwei Karten erstanden. Aber natürlich sind auch hier die besten Plätze schon weg.  Bevor ich mich aus der Schlange verabschiede, erkläre ich den mit mir Anstehenden, wir sind durch das leidvolle Anstehen in der Sonne nun eine große Gemeinschaft geworden, wie der Kauf der Karten übers Internet funktioniert, der eine oder die andere versuchen es ebenso, die meisten aber bleiben (internetlos) auf klassische Karten hoffend in der Kassenschlange stehen. „Viel Glück!“, wünsche ich und wir nicken und winken uns zum Abschied zu: „Bis zum Konzertabend!“

Der ist heute und ich bereite mich seit Tagen vor. Auf Dépardieu und auf Barbara. Tatsächlich habe ich Barbara nicht gekannt, als ich nach Frankreich kam. Obwohl sie doch über Göttingen gesungen hat!, wie man mir immer ganz begeistert erzählte, kaum dass ich sagte, dass ich ein paar Jahre in Göttingen gelebt habe. Und dann sang man mir ein paar Zeilen dieses Liedes vor.

Jaja, sagte ich dann genervt, ich kenne sie trotzdem nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren immer mal wieder versucht, Barbara zu hören, aber ihre glasklare Stimme und ihre besondere Art zu singen, konnte ich nie lange ertragen und, das ist vermutlich der Hauptgrund, ich verstand ihre poetischen Texte nicht. Um französische Chansons, ganz gleich ob Brassens, Barbara oder Gainsbourg, wirklich zu verstehen, muss ich den Text vor Augen haben, die Chansons nur nebenbei zu hören ist mir unmöglich, es entgleitet mir die Hälfte des Textes, anfangs gar alles, eine Melodie bleibt vielleicht hängen, ein Refrain, aber mehr nicht. Mit Barbara kam ich nicht weit, nur L’Aigle Noir, ein Lied, in dem sie auf symbolische Weise vom Missbrauch singt, den sie durch ihren Vater erlitten hat, habe ich mir so erarbeitet. Viel näher kam sie mir bislang nicht.

Jetzt lege ich also wieder Barbara auf und nehme das Textheft in die Hand, aber ich bin immer noch nicht in der Lage, ein ganzes Album von ihr „einfach so“ anzuhören. Diese Stimme! Das Piano! Ich will aber zumindest die Chansons, die Dépardieu von ihr singt, vorher schon einmal in ihrer Version gehört haben. Und verstanden haben, von was sie singt, will ich auch. So nähere ich mich langsam, Lied für Lied und lese die Texte mit. Zwischendurch höre ich mir die Version von Dépardieu an. Dann lese ich über Barbara und ich schaue Filmchen mit und über den aktuellen Dépardieu.

Und jetzt, beim aktiven Hören ihrer Chansons bin ich plötzlich häufig so gerührt: In Drouot (so heißt ein Auktionhaus in Paris) weint eine alte Dame, als bei einer Auktion Schmuck versteigert wird, und damit all ihre Jugenderinnerungen unter den Hammer kommen.

Da ich Nantes tatsächlich noch nie gehört hatte, war der Schock groß, als ich begriff, dass sie vom Tod ihres Vaters singt.

Ich entdecke Barbara! Und mit dem Verstehen der Worte komme ich ihr näher, höre nun gerne ihre Art zu singen, mag die Tristesse, aber auch die Liebe darin.

So viel für eben. Meinen Konzerteindruck bekommen Sie später! Bis dahin!

ps: WordPress hat in meiner Abwesenheit ein neues Programm entwickelt, mit dem ich meine Texte nun gestalten soll – Gutenberg heißt es und da kann ich als alte Buchwissenschaftlerin natürlich nicht nein sagen, aber so ganz habe ich es noch nicht drauf – falls nun manches komisch aussieht und vielleicht auch für Sie anders funktioniert, dann liegt es bestimmt daran! Ich bitte um Nachsicht!

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8 Kommentare zu Depardieu singt Barbara

  1. Weber Ursula sagt:

    Oh du Arme, es tut mir so leid, daß du krank bist. Drücke die Daumen, daß du trotzdem das Konzert genießen kannst 🍀. Gute Besserung und einen wunderschönen Abend🤗😘

  2. Angelika Kurig sagt:

    liebe Christiane
    ich finde es toll, wie du dich so intensif mit Barbara beschaeftigst. Ich finde Barbara ist Emotion p u r… ich schaffe es nur stückweise weil es mir auf Dauer zuuu schwer klingt.

    Dank deines Beitrages habe ich Depardieu angehort und muss sagen, dass es diesem „Koloss“ doch schafft, eine Menge Emotion „rüberzubringen“.
    volà mein Eindruck.
    mutig, mutig, mach weiter so. dadurch, dass man sich selber ständig aendert, hat man ja auch das Recht, automatisch auch seinen Geschmack zu ändern und seine Prioritäten…
    viele liebe Grüsse und gute Genesung Christiane

  3. Caroline Bahri sagt:

    Coucou,

    Gerard Depardieu ist ein wirklich guter Sänger. Hast du den Film Chanson d‘Amour gesehen? Auch da singt er ja alle Lieder selbst. Ihr habt bestimmt einen tollen Abend!

    Wir machen übrigens jedes Jahr die Fahrt auf dem Begleitboot der Regatta. Das ist wunderbar.

    Der Wind war echt scheußlich. Ich wünsche dir schnelle Genesung und bin froh, dass du wieder schreibst…

    Lieben Gruß Caro

    • dreher sagt:

      Danke dir Caro!
      Erst wollte ich sagen, nee, den Film kenne ich nicht – aber haha, es ist „Quand j’étais chanteur“ :-) klar- bin ein großer Fan!
      Ja, es war ein toller Abend!

  4. Mumbai sagt:

    Danke fuer den interessanten Beitrag. Wusste nicht, dass Depardieu auch singen kann
    und auch von Barbara habe ich nie etwas gehoert. Hab das Gefuehl, dass Chansons nur
    fuer Franzosen komponiert und getextet wurden, dennoch habe ich schon seit einigen
    Jahrzehnten die Freude am Hoeren derselben entdeckt. Die franz. songs loesen
    ganz bestimmte Emotionen aus. Darf ich George Moustaki und Patricia Kaas auch
    dazu nennen?….weiss nicht ob sie unter diesem Genre ihren Platz finden koennen.
    Auf jeden Fall hoere ich sie gerne singen.

    • dreher sagt:

      Merci, Mumbai und désolée für die späte Antwort. Sicher gehört Moustaki dazu. Bei Patricia Kaas gehen die Meinungen auseinander. Die Intellektuellen finden sie banal, kritisieren ihre „schlechten“ Texte etc. Ich habe noch immer Musikkassetten mit ihren ersten Alben im Auto. In den achtziger Jahren habe ich sie geliebt! An Moustakis Stimme hingegen konnte ich mich nur schwer gewöhnen.

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