Depardieu singt Barbara – das Konzert

Magnifique! MA-GNI-FIQUE! war es. Magnifique! Ich will nie wieder ein anderes Konzert hören, weder von Depardieu noch sonst eines. Wenn es einmal so perfekt war, so absolut perfekt, so gefühlvoll, so stark und wundervoll harmonisch auch mit dem Publikum, dann soll man aufhören, oder?

Dépardieu singt wirklich. Ich hatte daran keine Zweifel, ich habe den Film „Quand j’étais chanteur“ gesehen und mir danach den Soundtrack gekauft, weil ich seine Version eines Gainsbourg-Klassikers viel lieber mochte. Allerdings gibt es auf der „Dépardieu singt Barbara-CD“ das eine oder andere Chanson, das Depardieu spricht und die Liedstimme vom Piano übernommen wird. Ich finde das ganz großartig, weil man damit Barbaras Stimme „mithört“ und die dunkle warme Stimme von Dépardieu den Höhen, die mir ja auf Dauer zu anstrengend sind, das (verzeihen Sie) Nervige nimmt. Jetzt sang er aber durchgehend.

Ich hatte also keine Zweifel daran, dass Dépardieu singt, ich hatte nur Angst, dass er irgendwie schwach sein würde. Ich hatte so viel begeistertes gehört und gelesen, das baut eine wahnsinnige Erwartungshaltung auf. Außerdem sind die Franzosen ja schnell von irgendetwas super begeistert, wo ich im Stillen denke „naja, war ganz ok“. Aber nein, Dépardieu war nicht schwach, nicht betrunken, nicht schlecht gelaunt. Er war da, großartig und laut und gleichzeitig leise, zart und liebevoll. Er war präsent und perfekt, obwohl es das ich-weiß-nicht-wieviel-hundertste Konzert war seit Februar 2017, wo sie, anlässlich des 20. Todestags von Barbara, begonnen haben. Die Bühne ist schwarz, es gibt nur wenig Licht, das auf den Sänger, den Pianisten und das Piano fällt. Das Zusammenspiel mit dem Pianisten Gérard Daguerre, Barbaras Pianisten an Barbaras Piano, ist perfettissimo.

Dépardieu spricht zunächst als Barbara „Je suis une femme qui chante“ und nein, niemand lacht, es ist Barbara, die spricht und singt. Später aber erzählt er aus ihrem Leben. Une petite cantate, die wir später als dritte und letzte Zugabe, zusammen singen (alle! sangen, ich krächzte mit dem Textbuch in der Hand) hatte sie für ihre erste Pianistin geschrieben, die eines Abends nicht, wie all die Abende, in der Écluse, dem Pariser Kleinkunsttheater, wo sie anfangs auftrat, erschien. Sie war bei einem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen.

Wir hören Drouot und nach der Geschichte, der um ihre Jugenderinnerungen weinenden Dame im Auktionshaus, beklagt Dépardieu, dass man Barbaras Nachlass, ihre Sonnenbrillen, ihre Schals, ihre Schuhe und selbst ihren Schaukelstuhl, genauso verschleudert habe und, das Schlimmste für ihn, dass man mit dem eingenommenen Geld nicht etwa, wie Barbara es getan hätte, die Schwachen unterstützt habe, sondern nein, die Erben haben das Geld einfach eingesteckt.

Alle Chansons, auf die ich mich vorbereitet habe, sind da. Aber noch viele andere zusätzlich, die ich nicht kannte und die nur halb verstanden an mir vorbeigleiten und außer den Jadeaugen eines Mannes in Marienbad, habe ich nichts davon behalten.

Das Theater ist voll. Das Publikum von Anfang an hingerissen. Anfangs war ich genervt, weil direkt hinter uns ein Mann saß, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, der erste beim Applaudieren zu sein. Gérard Dépardieu hatte den Mund noch nicht geschlossen, Gérard Daguerre streichelte noch hingebungsvoll die Tasten auf dem Piano, da klatschte er schon. Grrr. Er wurde aber weniger schlimm, weil nach kurzer Zeit alle im Saal ständig klatschten. Es war einfach so, die Begeisterung brach sich Bahn. Bravo! wurde gerufen. Merci! und Gérard! Und Menschen summten, schluchzten und lachten und weinten. Und klatschten. Zwei Stunden sang Dépardieu und spielte Daguerre. Zwei Stunden voller Hingabe und Liebe. Es war so großartig.

Das in meinen Augen schreckliche Betontheater entpuppte sich übrigens als ausgesprochen angenehm und funktional. Es gab etwas Zirkus und Akrobatie auf dem Betonplatz vor dem Theater, um das wartende Publikum zu unterhalten. Alle Türen waren offen, keine Taschenkontrolle, eine sich in unregelmäßigen Drehungen nach oben schwingende Rampe führt die Menschen sanft nach oben und später wieder nach unten (und wenn ich gelernt habe, Fotos richtig einzufügen, bekommen Sie die auch!)  – kein Gedrängel, alles ist entspannt, die Platzanweiserinnen nehmen (anders als in Paris, wo man ihnen Trinkgeld in die Hand drückt) kein Geld. Die Sitze sind hellgrau, breit, bequem und man hat viel Beinfreiheit. Wir hatten überraschend gute Plätze, hörten und sahen gut – wie die Akustik weiter oben oder an den Seiten ist, kann ich nicht sagen. Ok, es gab wegen Bauarbeiten keine Parkplätze in der Tiefgarage, die Ausschilderung zum alternativen Platz war etwas dürftig, aber naja, nicht alles kann perfekt sein.

Dépardieu ist nicht zu eitel, um auf die Teleprompter und auf das (unsichtbare) Mikro an seinem Ohr hinzuweisen und dankt einem Techniker, der ihm so das Leben auf der Bühne erleichtere.

Göttingen sei Barbaras engagiertestes Lied, sagt Dépardieu und ich bin stolz, es jetzt mitsummen zu können, brummen trifft es eher. Und ich weise hier gern auf einen Radiobeitrag des WDR hin, der Barbara und ihre Göttinger „Episode“ sehr liebevoll erhellt. Dank an Wibke Ladwig, die mich darauf aufmerksam gemacht hat. (Ich schaffe es nicht, den Beitrag anders hier reinzustellen, aber klicken Sie ihn an und hören Sie rein, es lohnt sich!)

Dépardieu endet (vor den Zugaben) mit Ma plus belle histoire d’amour c’est vous und ja, es ist ein Text von Barbara, aber er passt inhaltlich so sehr auf Dépardieus bewegtes Leben, und als er von dem Septemberabend singt, an dem sein Publikum endlich da ist und ihn voller Liebe erwartet und er je vous remercie de vous ins Publikum ruft, da hält es niemanden mehr im Saal, die Menschen springen auf, schluchzen und rufen Merci Gérard! zurück. Es folgen lange stehende Ovationen. Es war ma-gni-fique. Merci Barbara. Merci (les deux) Gérards.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Kommentare zu Depardieu singt Barbara – das Konzert

  1. Sunni sagt:

    Merci! Seulement merci!Sunni

  2. Marion sagt:

    Hört sich wundervoll an, Dein Konzert. Barbara liebe ich auch. Mein letztes kulturelles Highlight war ein Chambao-Konzert auf Ibiza. Danach war ich auch ganz beseelt.

  3. Uschi Andrä sagt:

    Vielen, vielen Dank liebe Christiane, dass Du uns an diesen Abend teilnehmen lässt!!!!

  4. Tina sagt:

    Sehr verführerisch … dein Erlebnisbericht, Lb Christiane;-) ich wäre gerne im Konzertsaal genießend dabei gewesen …..! Herzlichst v tina🌹

Kommentare sind geschlossen.