Ease [iiiehs]

Das mit den Vorsätzen im neuen Jahr, das wissen wir schon, das wird nix. Es hat viel damit zu tun, sagen uns die Psychologen, dass man bei den Vorsätzen etwas „tun“ will: dreimal in der Woche ins Fitnessstudio gehen, zehn Kilo abnehmen, gesünder essen, früher Schlafen, weniger Alkohol, disziplinierter Arbeiten was auch immer. Beginnt man das Jahr mit einer Grippe und geht daher schon gleich mal nicht schwungvoll ins Fitnesstudio, ist man quasi schon in der ersten Woche gescheitert mit seinen Vorsätzen. In den letzten Jahren hat sich in gewissen Kreisen eine andere Art von Vorsatz für das neue Jahr entwickelt, das weniger das „Tun“ als das „Sein“ in den Vordergrund stellt: The Word of the Year. Ein Wort, das man sich als Jahresmotto wählt, eine Eigenschaft, die man in seinem Sein braucht oder mehr davon haben will und es daher „in sein Leben einlädt“ (um mal in der typischen Sprache zu bleiben). Das kann (Selbst-)Liebe sein, wenn es einem daran mangelt, oder Vertrauen (statt wildem Aktionismus), dass sich die Dinge schon fügen wollen, oder Spielen, wenn man sein ernstes Dasein spielerischer angehen will oder ganz konkret mit (seinen) Kindern (oder Enkeln) mehr unternehmen will. Mein diesjähriges Wort ist das englische EASE. Leichtigkeit oder Légèreté sind die deutsche oder französische Entsprechung. EASE. Ich brauche EASE. Ich bin so dermaßen nicht EASE. Nichts ist easy für mich. Alles ist schwer, kompliziert und voller nervöser Gedanken. Was wäre wenn … wenn all die Leute, die uns zum neuen Jahr geschrieben oder angerufen haben und sagten „und in diesem Jahr sehen wir uns aber mal wieder“, was natürlich meint, „wir kommen Euch an der schönen Côte d’Azur mal besuchen“, wenn die nun alle wirklich kämen, zum Beispiel. Wo und wann soll und werde ich arbeiten, wenn alle diese lockeren Franzosen wirklich kämen und blieben? Allein die Vorstellung macht mich nervös und unruhig in der allersten noch ganz frischen Januarwoche dieses fast noch nagelneuen Jahres. Ich mache mir jetzt schon Sorgen, statt mich einfach hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Den Rest sehen wir dann. Ganz ruhig. Ausatmen. EASE.

Ich habe mich für das englische EASE entschieden, weil es sich so schön weich aussprechen und denken lässt und (zumindest für mich) keine sexuellen Assoziationen weckt, wie sie das französische Légèreté für mich hat. Légèreté. Huuuh, das klingt nach koketter Lingerie, nach leichten Mädchen und anderen Frivolitäten. Ein bisschen „Je m’en fous“ und „tant pis“ ist auch dabei, also ein lässiges „ph, mir doch egal“ oder „na und“ und wissen Sie was, während ich das schreibe, denke ich, hallo, davon brauche ich auch was. Légèreté. Nur das deutsche Leichtigkeit kommt irgendwie plump und schwer daher. LEICHTIGKEIT. Hmpf.

Ich brauche EASE und LÉGÈRETÉ. Das hat mich doch mal so angezogen, dieser leichte Lebensstil hier in Frankreich, oder? Ich, die ich so gar nicht leichtlebig bin, (und nein, ein leichtes Mädchen bin ich sicher nicht, nur für den Fall, dass Sie da Zweifel haben sollten), die ich ernsthaft, verantwortungsvoll und perfektionistisch bin. Ich bin das Gegenteil von EASE und LÉGÈRETÉ. Ich bin immer auf der schweren Seite, nachdenklich, schwerwiegend. Auch mein Körper wiegt schwer. Ich bin sicher: Ich brauche mehr EASE, mehr Leichtigkeit, in meinem Leben!

Ich brauche EASE, um alle Projekte, vor allem das Schreiben, anders zu bewältigen. Das Drama, das ich vor zwei Jahren erlebte, das mich an den Rand vielleicht nicht eines Selbstmords aber erneut an den eines Burnouts brachte, will ich nicht noch einmal erleben. Irgendwie hatte sich mein Krimi in eine andere Richtung entwickelt und das eigentlich vorgesehene Ende passte nicht mehr. Und ich sah weit und breit nicht, wie es ausgehen könnte und starrte uninspiriert und verkrampft auf die Tastatur. „Bist du fertig?“, fragte Monsieur jeden Tag am Telefon. „NE-IN!“, schrie ich. „NEIN ich bin nicht fertig!“ Fix und fertig allerdings war ich. Klar. Die Zeit verstrich und ich musste das Manuskript abgeben. Ich bin selbstverständlich jemand, der vorgegebene Termine einhält, das denken Sie sich vielleicht. Aber selbst ein Aufschub hätte es nicht getan, weil ich nicht mehr konnte. Fix und fertig, wie gesagt. Ich zitterte innerlich, ich schlief nur noch mit Medikamenten, ich ertrug nichts und niemanden mehr, schon gar nicht meine französische Familie, die nun im August wie ein fröhlicher Bienenschwarm in das ruhige Haus in den Bergen einfiel und Apéro hier, Apéro da, ihre unbeschwerte Urlaubsbslaune herausließen. „Oh Christjann, allez, einen Apéro wirst du doch mit uns trinken, entspann dich, hast du nicht genug gearbeitet für heute?“

Am nächsten Tag brüllte ich erstmals in acht Jahren meine Schwiegermutter an, knallte die Türen und verließ das heitere Haus. Lieber ertrug ich die brütende Sommerhitze an der Küste als diese unbeschwerte Familie im Urlaubsmodus. Hallo! ICH.MUSS.ARBEITEN. So lange ich nicht fertig bin gibts nix Apéro, nix Leichtes, nix Leben.

Letztes Jahr wollte ich das so nicht mehr erleben und entschied, dass der Sommer und das Schreiben anders ablaufen sollten. Ohne Drama. Und selbst, wenn es letztes Jahr noch schwieriger war, weil ich monatelang kein eigenes Büro, das heißt keinen abgeschiedenen Raum zum Schreiben hatte und (aus Gründen) auch nicht in das Berghaus fahren konnte, und ich eigentlich täglich dachte, wie soll ich bitte schreiben? So wurde das Buch doch fertig und der Sommer war der undramatischste in all den Jahren. Jetzt also will ich noch mehr davon. Noch mehr EASE. ich will nicht aufhören zu leben, während ich schreibe, mich von allem abschneiden, was mir Vergnügen und Freude macht. Ich will flexibel und spontan sein, Einladungen annehmen und auch aussprechen können, ich will morgens schwimmen gehen, ohne panisch zu denken, mir läuft die Zeit davon. Ich will all das tun und trotzdem Schreiben: EASE.

Ausatmen. EASE.BREATHE.LÉGÈRETÉ, sage ich zu mir wie ein Mantra.

Gestern am späten Abend erfahre ich, dass ich heute mittag die Enkelkinder zum Essen habe. Sofort bin ich eher un-ease und mache mir Gedanken, was ich ihnen kochen  könnte. Der Kühlschrank ist relativ leer. Jedes Mal, wenn ich die Kids habe, läuft es auf Hacksteaks und Nudeln raus und als Vorspeise gibts Karottensalat oder Karottensalat mit Äpfeln. Jedes Mal. Weil es etwas ist, was komischerweise immer da ist. Gerne essen tun sie es auch. Trotzdem denke ich, dieses Mal will ich etwas anderes machen. Damit sie ihrer Mutter nicht wieder sagen, es gab „steak haché et pâtes“ bei Christiane. Ich wühle im Tiefkühlfach und finde einen halben (ungebratenen) Schweinebraten. Der wird es, denke ich mir und lege ihn zum Auftauen in den Kühlschrank. Ich überlege, was ich zum Dessert machen könnte. Französische Großmütter zeichnen sich durch selbstgemachte Desserts aus. Ein bisschen will ich schon konkurrieren mit Mamie Martine und Mamie Hélène (Die Omis heißen hier beide Mamie, die Mama heißt Maman!) Ich mag das Süße auch, wühle im Schrank herum, viel habe ich nicht, und koche zu später Stunde noch einen Reisbrei. Uff. Irgendwie lässt mich der zu bratende Schweinebraten nicht los. Er ist ziemlich groß, wie lange muss der in den Ofen? Ich suche das vor dem Einschlafen noch im Internet. Bei dem Gewicht mindestens drei Stunden bei Niedrigtemperatur und eine halbe Stunde anbraten. Die Kinder kommen um 12 Uhr. Wann muss ich denn dann anfangen? Herrjeh. Und was gibts dazu? Püree? Bratkartoffeln? Wir haben weder Kartoffeln noch Gemüse. Ich habe Lust auf Rosenkohl, den ich gern mit Datteln und Nüssen im Ofen mache. Essen die Kids überhaupt Rosenkohl? Aber wenn der Schweinebraten im Ofen ist, dann kann ich den Rosenkohl nicht auch noch … Ich könnte früh auf den Markt gehen, vielleicht finde ich etwas anderes. Aber Freitags früh ist auch Nathalie da und hilft mir, die Wohnung sauberzumachen. Irgendwie überfordert mich das alles. EASE sage ich mir. EASE, BREATHE. Ich schlafe zwar ein, wache aber heute Morgen nicht früh genug auf, um alles (Markt, Schweinebraten, Nathalie) zeitlich zu bewältigen. Zusätzlich habe ich eine SMS auf dem Handy. Die Enkelin will nach Monaten mal wieder zum Deutsch lernen kommen. Um 11 Uhr. Aha. „Was soll ich den Kids zum Essen machen?“ jammere ich Nathalie und Monsieur vor. „Was regst du dich auf“, sagt Monsieur, „mach‘ Steak haché und pâtes. Das ist easy und sie mögen es.“ Gut, Monsieur sagt nicht easy, er sagt, facile, aber es ist dasselbe. Ich bin weit weg von EASE und sage „aber das mache ich immer, ich wollte EINMAL etwas anderes machen!“ Monsieur rollt die Augen. „Und was mache ich als Entrée?“, frage ich weiter. „Karottensalat“, schlägt Monsieur vor. „Ich mache IMMER Karottensalat. Ich werde eingehen in die Geschichte als die Deutsche, die nur ein Essen machen kann“, jaule ich. „Spaghetti Bolognese“, schlägt Nathalie zur Güte vor, aber das ist mein zweiter Klassiker. „Dann kannst du immerhin schon zwei Essen“, meint sie trocken. Zum Entrée schlägt sie jedoch eine Tarte vor. Tarte geht einfach und Zeit dafür ist auch noch. Ich habe sogar eine Rolle Blätterteig im Kühlschrank, ich habe nur keine Eier mehr. Monsieur geht für seine Mutter einkaufen und ein bisschen auch für uns. Ich schreibe ihm Käse, Äpfel und Karotten auf den Zettel. Für alle Fälle, Karottensalat geht schnell und immer. Ich beziehe mit Nathalie das riesige Deckbett und wir denken noch über ein paar einfache Hauptgerichte nach. Das meiste scheitert daran, dass ich es gerade nicht vorrätig habe. Letzten Endes lasse ich mir von der Enkelin, als sie zum Deutsch lernen kommt, zwei Eier mitbringen und zaubere eine schnelle Variation einer Quiche Lorraine. Während ich Deutsch-Vokabeln abfrage, taue ich etwas tiefgekühlte Ratatouille auf und mache damit eine verlängerte Tomatensoße und dazu gibt es steak haché und eine riesen Menge pâtes. EASE. Danach Käse und Milchreis. Das kleine französische Mittagessen an einem normalen Freitag. Es bleibt kein Krümelchen übrig. „Danke“ sagen die gefräßigen Kids. „War lecker. Wir freuen uns immer schon. Steak haché und pâtes gibts immer nur bei dir!“ „Ach“, sage ich. „Wie schön!“

Ich sags ja: mehr EASE brauche ich! In einem Jahr sprechen wir uns wieder!


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17 Kommentare zu Ease [iiiehs]

  1. Tina Kolbeck sagt:

    Das hört sich gut an! Und passt zu meinem (heimlichen) Vorsatz: „Zufrieden sein statt perfekt sein“. Beste Grüße nach Fronkreisch….

  2. Vici Daniel sagt:

    meine liebe Christiane, ganz viel Ease wünsche ich dir… und ja, das Leben kann einfach sein, wenn man sich nicht so viele unsinnige Gedanken macht.. Du bist also die Mamie, bei der es Steak haché und pâtes gibt und die Kinder empfinden das nicht als langweilig oder einfallslos, sondern als wundervoll!! Es tut mir leid, für die vielen gedankenschweren und damit grauenvollen Stunden von gestern Abend und heute Morgen, aber nun weißt du für all die kommenden Kurzfristigangekündigtenenkelbesuchszeiten Bescheid… Dir und Monsieur ein ganz wundervolles, gesundes und mit Leichtigkeit zu bewältigendes Jahr 2019 (ich finde das Wort Leichtigkeit im übrigen überhaupt nicht schwer… für mich ist es wie eine Feder, die sich vom Wind sanft treiben lässt)

  3. Luda Liebe sagt:

    Liebste Christiane, ich denke GENAU DAS, diese DEINE ART Dinge so schwer zu nehmen, zu grübeln, perfekt machen zu wollen, sind mit ein Grund, warum du so wundervolle Krimis schreibst. Mach all diese Dinge ZU DEINEM MARKENZEICHEN. Dann gewöhnst auch du dich daran – und kannst die Dinge mit einem Lächeln angehen. Deine Umgebung ist schon daran gewöhnt ….. „Wir freuen uns immer schon. Steak haché und pâtes gibts immer nur bei dir!“ Was für ein wundervolles Kompliment!

    • dreher sagt:

      Danke Luda! ich glaube nun nicht, dass ich, selbst wenn ich EASE einatme, ein leichtlebiges Ding werde, das seine Krimis hinschnuddelt und sagt „ph, mir doch egal“. Ich werde so bleiben, schwer und grüblerisch und perfektionistisch, aber ich möchte gern ein Gegengewicht schaffen gegen dieses „zu viel“ an nervöser Sorge, das mir das Leben schwer macht und meinen „workflow“ blockiert :)

  4. Pingback: Ich als Spezialexperte | Buddenbohm & Söhne

  5. Marion sagt:

    Ach, du schreibst mir wie so oft aus der Seele. Bin ja auch so eine „Schwere“. Was hast du denn jetzt mit dem aufgetauten Schweinebraten gemacht?

  6. Sunni sagt:

    Hach, es könnte eins zu eins hier sein. Nichts mit EASE, nie! Immer das „was wird werden, wenn und …reicht das auch…und wieder nicht perfekt „(Was immer das auch ist!) IMMER! Also üben wir, fern von einander, wenngleich ich mir nicht sicher bin, das man seine natürliche Art überlisten kann…Ich habs versucht, es klappt einfach nicht. Und das Brüllen „NEIN; ich bin noch nicht fertig…“ Auch das, hier. Geteiltes Leid ist ja fast schon wieder Freude. Darauf gleich mal ein Hacksteak! Und ein schnelles Sößchen. Und Karottensalat? Wer könnte den nicht mögen! Herzlichst, und EASE breathing, Sunni

  7. Mumbai sagt:

    ease= Nein sagen und sich gut organisieren. Sicher aber haben es Easer leichter dennoch
    will ich persoenlich keiner sein. Simplicity is the ultimate form of sophistication…..
    sagte da Vinci. Also sollen wir es doch mal versuchen?

    • dreher sagt:

      Darf ich fragen wie Sie das „Nein-sagen und sich gut organisieren“ im tiefen Spanien bewältigt kriegen? Ich frage das mit einem Augenzwinkeern, aber dennoch.
      Nein, ich bin und werde nicht die Verkörperung des Leichtsinns, will ich auch nicht, ich will nur gern etwas davon in „mein Leben einladen“, mal sehen, was es macht! Ja, für den Versuch!

      • Mumbai sagt:

        wenn man oefter Nein sagt und sich nebenbei noch gut organisiert
        (das heist fuer mich, den Tag nach Prioritaeten einteilen oder auch
        nicht) dann macht man es sich selbst easier…. die
        Spanier sagen eben manana, was auch nichts anderes als Nein,
        heute nicht, heisst und sie lassen sich daher auch nicht organisieren, das tue ich nur fuer MICH. Freut mich, dass Sie
        diesen Ease-Versuch mal probieren wollen und wuensche Ihnen
        viel Erfolg.

  8. Hallo Christiane, oh, Ease, das gefällt mir auch sehr gut. Ich aber nehme mir nichts vor fürs Neue Jahr, weder an Worten noch an Taten. Ich probiere aus, was mir jeden Tag so einfällt.
    Klar ist das in keinster Weise mit Deiner Arbeit zu vergleichen; ich habe kaum noch Termine, die ich einhalten muss. Mal sehen, sage ich morgens und schaue dann, wie es kommt. Weiß doch keiner von uns, was nächste Stunde los sein wird.

    Kann Dich trotzdem verstehen, weil Du eben so bist, wie Du bist. Aber, da ist doch nichts falsch dran.

    Und: Unsere Enkel essen am Liebsten: 1.-Hähnchen auf Backofengemüse oder 2.-Hackfleischsoße (braun gebraten) mit NUDELN!!! Mit grünem Salat und Schokopudding. Und das, obwohl wir oft genug sternemäßig kochen, wie Du weißt.

    Wünsche Dir wirklich sehr viel Ease dieses Jahr und ich habe nie gesehen, dass Dein Herz so klein ist- im Gegenteil, es ist nur fürs Auge unsichtbar (klein).

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