Cannes zu Fuß – Le Boulevard Montfleury

Exakt vor einer Woche bin ich in diese Ecke Cannes‘ gefahren – vor allem, weil ich dieses Haus fotografieren wollte, ohne zu wissen, dass es „Chalet Montfleury“ heißt und zunächst, ohne zu realisieren, dass ich mich auf dem Boulevard Montfleury befinde.

Chalet Montfleury

Montfleury. Da klingelte etwas. Vielleicht erinnern Sie sich. Ich habe schon einmal davon gesprochen. Hier befindet sich eine Stele, ein Gedenkstein für die am 15. August 1944 erschossenen Gefangenen der Gestapo, die irgendwo hier, Hausnummer 42, seinerzeit in der Villa Montfleury ihren Cannoiser Sitz hatte. Das weiß ich, seit letztes Jahr die Ausstellung „Cannes sous l’occupation“ (Das besetzte Cannes) im Stadtarchiv zu sehen war. Gesehen hatte ich diese Stele in echt noch nie, und das obwohl ich schon oft über diese Straße gefahren bin. Hier im Quartier Montfleury befindet sich nämlich auch das Hallenbad, in dem ich eine Zeitlang regelmäßig schwimmen gegangen bin. Das Hallenbad (mit dem unfreundlichsten Personal ever, das außerdem, obwohl noch recht neu, schon ziemlich heruntergekommen ist) heißt auch Montfleury, Piscine Montfleury und es liegt im Parc Montfleury, einer neu angelegten Parkanlage mit Tennisplätzen.  Alles heißt hier Montfleury stelle ich fest, obwohl Schwimmbad und Parkanlage an der Avenue Beauséjour liegen, die hier ganz unspektakulär in einer Kurve beginnt, weshalb ich mir nie bewusst war, dass ich über den Boulevard Montfleury hierher kam. Hier war also die Villa Montfleury mit dem traurigen Schicksal und hier muss also diese Stele sein.

Villa Montfleury (credits: Archives municipales de la ville de Cannes)

Nun, von der Villa ist nichts mehr übrig, sie wurde irgendwann abgerissen, um ein großes Appartmenthaus auf dem weitläufigen Gelände zu bauen.

Palais Montfleury
Boulevard Montfleury auf der Höhe der Stele; Slamlomlaufen zwischen Palmen, Olivenbäumen und Strommasten auf dem Trottoir

Nur die sehr diskrete Stele erinnert noch an Villa, an die Gestapo und die Gefangenen, die man am Tag des Débarquements der Alliierten erschossen hatte. Zwei haben (hinter und unter den Körpern ihrer Mitgefangenen) überlebt und konnten so erzählen, wie es sich zugetragen hat.

Gedenkstein für die Opfer der Gestapo

Ich wüsste gerne etwas mehr zu der Villa. von der es lapidar immer nur heißt „Die Gestapo hatte dort ihren Sitz in Cannes“. Wem hat sie vorher gehört? Oder stand sie leer? Was ist danach passiert? Ich finde aber nichts, vielleicht müsste ich mal selbst im Stadtarchiv nachforschen, aber wann, herrjeh, man kommt ja zu nichts. Mehr zufällig laufe ich die kleine Avenue des Palmiers hinein, die auf dieser Höhe vom Boulevard abzweigt, wundere mich über den schlechten Straßenzustand der Sackgasse und stehe plötzlich vor Monsieurs Elternhaus, das jetzt anderen Menschen gehört.

Avenue des Palmiers
holprige Straße

Ich bin perplex. Hier, in unmittelbarer Nähe der Villa Montfleury ist Monsieur groß geworden. Er ist erst kurz nach dem Krieg geboren, aber vielleicht hat er Erinnerungen an die Villa? Weiß er, wem sie gehörte? Hat man sich etwas darüber erzählt? Hat er als Kind heimlich auf dem Gelände der vielleicht aufgegebenen Villa gespielt? So wie ich als Kind in aufgegebenen Kleingärten in der Nachbarschaft herumgelungert habe, auf Bäume kletterte, mir beim Herunterfallen einen abgebrochenen Ast ins Knie rammte und davon immer noch eine gewaltige Narbe habe, Rhabarber und Erdbeeren futterte und immer auch so ein bisschen Angst hatte, von der alten Frau Schwarz erwischt zu werden, der einer der Gärten noch gehörte. Der Name „Frau Schwarz“ ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Das Gedächtnis ist schon eigenartig, nicht wahr?! Ich befrage also Monsieur, als ich nach Hause komme. Erinnert er sich an etwas? Rien. Nix. Gar nix. „Hat man die Villa vielleicht abgerissen, wegen ihrer dunklen Geschichte?“ Er zuckt die Schultern. Ich meckere ein bisschen über das permanente Ignorieren der Franzosen von Geschichte (aus dieser Zeit) und Monsieur jault auf. „Wenn man alle Häuser, in denen die Polizei ein Verbrechen begangen hat, abreißen wollte, da hätte man viel zu tun“, sagt er. Ich lasse das mal so stehen. Vermutlich hat man die Villa abgerissen, weil man einen guten Immobiliendeal machen konnte und auf dem weitläufigen Grundstück diese riesige Appartementanlage gebaut hat.

Ich laufe jetzt bewusst zum Anfang des Boulevards Montfleury, der ziemlich weit weg, im eher ärmlichen Viertel rund um dem Boulevard de la République beginnt. Kleine Häuser mit Handwerksbetrieben wechseln sich mit riesigen, schon in die Jahre gekommenen Appartementanlagen ab.

Boulevard Montfleury Anfang
École primaire Hélène Vagliano

Das langgezogene Gebäude, das ein bisschen aussieht wie ein Gefängnis, ist die Grundschule Hélène Vagliano  (Wa-gli-a-no spricht der Franzose das aus). eine junge Frau, die in der Résistance war, gefoltert und erschossen wurde. Für sie wurde diese Gedenktafel an der Schule angebracht, die, wie so oft bei dieser Art Gedenktafeln, länger dem Bürgermeister dankt und gedenkt, der die Tafel angebracht hat, als der jungen Frau, der diese Tafel eigentlich gedenken soll.

Gedenktafel für Hélène Vagliano (Heroine de la Resistance) und Michel Mouillot (Ex-ex-ex-Bürgermeister)

Boulevard Montfleury rechte Straßenseite
linke Straßenseite
Club net – eine Reinigung

Und nur zwei Schritte weiter wird es überraschend edel: links, etwas zurückgesetzt, das pompöse Bauwerk des ehemaligen Grandhotels, das in eine Wohnanlage umgebaut wurde: Le Gallia.

Le Gallia heute
und früher
Le Gallia Seitenansicht

Nun folgen moderne Appartmentanlagen, eine größer als die andere. Sie wechseln sich mit mittleren und größeren alten (versteckten) Villen ab.

Residence Montfleury Eingang
exzentrische Architektur
Zypressen!
Privatstraße zu Schlössern und Villen
Nostalgie-Briefkasten (noch wird er geleert)

Und schon sind wir wieder auf der Höhe des verlassenen Chalet Montfleury und der Boulevard schlängelt sich daneben klein und sehr kurvig nach oben.

Chalet Montfleury

Dahinter sieht es ein bisschen verfallen aus und während ich dort herumstiefele kommt mal wieder die Police Municipale angefahren und inspiziert mich. Dieses neugierige Herumlaufen, Schauen und Fotografieren hat man in Cannes nicht so gern (Ich wartete eigentlich auf die Frage: Warum laufen Sie hier herum? Haben Sie kein Auto? — Gestern sah ich einen uralten Western, da wurde ein Mann angeherrscht „Warum haben Sie keine Waffe?!“ Das nur am Rande.) Sicherheit undsoweiter. Ich kann es verstehen, aber es ist ein Aspekt, der mir diese Cannes-Spaziergänge etwas verleidet.

Rückseite des Chalet Montfleury
seriöse Kurven
Für Fußgänger gibts Treppen
Pflanzenkunstwerk an Lampen und Stromkabel

Und siehe da, in einer Kurve entdecke ich einen inoffiziellen Zugang zur Trasse der ehemaligen Bergbahn, der Boulevard schlängelt sich parallel zur Trasse nach oben. Über die Bergbahn habe ich hier schon einmal berichtet.

die Trasse der ehemaligen Bergbahn

Viel weiter laufe ich nicht nach oben. Er ist ganz schön lang der Boulevard Montfleury, von hier steigt er jetzt ziemlich an und ich gebe auf. Zu Hause auf der Karte habe ich gesehen, dass nicht viel gefehlt hat – den Rest mache ich vielleicht nachher, on verra.  

Blick von halber Höhe des Boulevards über Cannes

Dieser Text darf als Beitrag zum heutigen Gedenktag der Opfer des Nationalssozialismus verstanden werden.


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2 Kommentare zu Cannes zu Fuß – Le Boulevard Montfleury

  1. Marion sagt:

    Oh wie schön mal wieder mit Dir durch Cannes zu spazieren… Sollte es mich nochmal irgendwann dorthin verschlagen, werde ich mich bestimmt bestens auskennen…:-)
    Ja, das Gedenken muss unbedingt bewahrt werden. Zum Jahrestag gab es auch hier wieder viele interessante Dokumentationen im TV.
    Hier schneit es gerade, jippie! LG

    • dreher sagt:

      :-) es gibt noch sooo viele Straßen und Viertel, in die ich noch nie einen Fuß gesetzt habe – das wurde mir da wieder bewusst. Man fährt und geht immer dieselben Wege –
      Viel Spaß im Schnee!

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