Herbst in Peking

Monsieur hat am Montag auf dem Flohmarkt diese noch unaufgeschnittene Ausgabe von Boris Vians L’Automne à Pékin gefunden.

Buch mit Dessertmesser

Gedruckte Bücher, das wissen Sie vielleicht, werden seit je in einem eigenartig, dem Laien wirr erscheinenden Seiten-Schema (dem Ausschießschema) auf Papierbögen gedruckt, diese werden dann gefalzt und alle gefalzten Bögen aufeinandergelegt (die Seiten sind dann wundersamerweise in der richtigen Reihenfolge!) und der so entstandene Buchblock wird in der Regel an drei Seiten beschnitten. An der hinteren Seite wurden diese gefalzten Bögen früher mit Fäden zusammengebunden und in einen Einband verwebt. Heute wird diese Seite in der Regel auch aufgeschnitten und zackzack in den Einband geklebt. Das nur als minimale Information – für den Fall, dass Sie nur noch Videos schauen. Neulich fragte tatsächlich eine Instagrammerin, ob eigentlich noch irgendjemand ihre „langen Texte auf Insta“ läse oder ob sie nicht zukünftig nur noch Videos anbieten solle. Die jungen Leute sind ja alle kleine Entertainer heute. Willste Video? Mach isch dir! Zurück zum Buch. Wir sind ja altmodisch hier.

Früher, mes chers lecteurs, hat man (nicht nur) in Frankreich seine Bücher unbeschnitten erworben. Die aufeinandergelegten Bögen waren gebunden oder in einen Einband geklebt und das wars. Je nach Falzung waren die Seiten dann oben, an der Seite und unten verschlossen. Die Seiten vorsichtig mit einem Papiermesser (bei uns ist es ein schlichtes Dessertmesser) dann selbst aufzuschneiden und sich der Lektüre langsam zu nähern, galt (und gilt dem Gatten beispielsweise noch immer) als Vergnügen. Später brachte man das gelesene Werk vielleicht zu seinem Buchbinder, damit er es schön in Leder, Leinen oder Halbleinen binden möge. So geschützt stellte man das schöne Buch in seine private Bibliothek und es überdauerte die Jahrzehnte, ein Leben, manchmal auch länger. Natürlich machte man das nur mit den Werken, die man literarisch, wissenschaftlich oder aus anderen Gründen besonders schätzte. Und natürlich machten es nur bibliophile Menschen, die zusätzlich über die finanziellen Mittel verfügten.

Vielleicht kommt die  französische „hohe“ Literatur auch deshalb bis heute in schlichten und blassen Pappbänden in die Buchhandlungen (während die Unterhaltungsliteratur bunte Einbände bekommt), eine Reminiszens an die Zeit, in der man die hochgeschätzte Literatur noch selbst binden ließ. Heute allerdings sind auch die literarischen Pappbände beschnitten, klar, die Technik schreitet fort, und wer hat heute noch Zeit und Lust, vor dem Lesen umständlich Seiten aufzuschneiden?! Und vermutlich lässt auch niemand mehr seinen Camus oder seinen Houellebecq binden.

Der gefundene Roman von Boris Vian war also noch unaufgeschnitten und das seit den frühen sechziger Jahren. Es gab übrigens auch zehn nummerierte Exemplare, Buchschätzchen für Sammler, und fünf weitere Bücher HC hors commerce, die den Mitarbeitern (Drucker, Lektor, Verleger) vorbehalten waren. Gedruckt wurde es am 22. November 1963 vom Maître Imprimeur Joseph Floch in Mayenne. Das steht alles auf der letzten Seite, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Ich habe noch nie etwas von Boris Vian gelesen, auch nicht L’Écume des jours (dt. Der Schaum der Tage) oder den Skandalroman J’irai cracher sur vos tombes (dt. Ich werde auf eure Gräber spucken). Raymond Queneau, der Autor von Zazie dans le métro, findet, so steht es auf dem Klappentext, L’Automne à Pékin sei „un livre beau et étrange“. Aha. Ich wollte donc nur mal schnell wissen, um was es in L’Automne à Pékin so geht, und da bei mir das Lesen auf Deutsch immer noch schneller geht als auf Französisch, gab ich dazu den deutschen Titel bei google ein: Herbst in Peking. Und siehe da, Boris Vian fand ich nicht, stattdessen die Musik einer (ex-DDR)-Band (darf man noch DDR sagen?!) Völlig unbekannt für mich. Finde ich gerade spannender als Boris Vians Roman, in dem es übrigens laut Klappentext weder um den Herbst noch um Peking geht.

Ob mich dieser Beitrag für eine zukünftige Einreise nach China diskreditieren wird, steht noch dahin, die chinesischen Suchmaschinen, die mich neuerdings massenhaft beehren,  kriegen auf jeden Fall was zu tun.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Herbst in Peking

  1. Caroline Bahri sagt:

    Liebe Christjann,

    bin da auch altmodisch. Schöner Text zu einem schönen Thema. Und allein das Verb „lesen“ im korrekten Konjunktiv zu sehen, verschönt mir schon diesen Regentag.

    Sei gegrüßt aus Antibes von Caro

    • dreher sagt:

      Ups, da bin ich ja froh, dass ich lesen noch schreiben kann ;-) die deutsche Sprache entgleitet mir ja so langsam … Grüße durch den Regen nach nebenan!

  2. Caroline Bahri sagt:

    Ach, das glaub ich nicht… Die deutsche Sprache beherrschst du! Was ich dagegen witzig finde, ist, dass wir beide es für erwähnenswert halten, dass es regnet. In Deutschland hat man seit Wochen keine Sonne gesehen, es ist grau, es regnet, es schneit, es ist kalt. Und wir zwei müffeln rum, weil es mal regnet und morgen auch noch schlechtes Wetter sein soll. Da muss ich kichern und freu mich schon, wenn bald wieder strahlend blauer Himmel sein wird. Ca c‘est sur

    • dreher sagt:

      Pardon, ich hatte es gelesen und vergessen freizuschalten. Ich hatte gar nicht rumgemüffelt wegen des Regens, ich finde Regen immer sehr erholsam, weil ich dann nicht das Gefühl habe, ich müsse raus und vom guten Wetter „profitieren“, sondern ich darf am Schreibtisch sitzen bleiben und Tee trinken. Glücklicherweise muss ich ja nirgendwohin in diesem Regen, der heute doch ziemlich intensiv ist. In den Bergen schneit es! Das ist doch schön!

  3. Marion sagt:

    Habe glaube ich noch nie ein unaufgeschnittenes Buch gesehen geschweige denn aufgeschnitten. Deine Ausführungen sind ja sehr professionell. Die Fachfrau spricht :-) Trotzdem fällt es mir schwer, mir die Herstellung vorzustellen. Vian habe ich auch noch nicht gelesen, aber „L’Ecume…“ im Kino als Film gesehen. Ist aber nix hängengeblieben irgendwie. War vielleicht zu phantastisch.

  4. Marion Dahmen sagt:

    Und profitiere noch schön vom Regen, ich sitze auch am Schreibtisch und profitiere vom strahlenden Sonnenschein und den Schneeresten (gestern morgen hat’s nochmal heftig geschneit, so schön!)

  5. Liebe Christjann, ich habe zum Advent ein sehr schönes Büchlein von unserer Chantal bekommen. Es ist von Coppenrath, diesmal 24 Gedichte und Aphorismen von Shakespeare. Das „Aufregendste“ daran war, dass man mittels einem mitgelieferten „Holzmesser’chen“ die Seiten aufschneiden/auftrennen musste. Was für eine Spannung und ein Hochgenuss. Oh, ich bin zwar auch einigermaßen fit mit dem Computer, und auch sehr visuell gelagert, aber nur noch Filmchen? Nein danke, was wären wir ohne schön klingende Worte in Büchern. Zum Schwelgen- nicht nur für mich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.