Le mur de Berlin

Sie haben in Deutschland vielleicht schon genug Erinnerungsfilme gesehen, hier gibt es ja nun nicht so viel dazu, insofern habe ich mir die Sendung „Le mur de Berlin“ gestern Abend wirklich gerne, fast gierig angesehen. Auch der Rest der Familie, und sogar die Kinder haben sie gesehen. Die Sendung wird komplett erst in einer Woche in der LCP Mediathèque freigeschaltet sein, dann kann ich sie hier verlinken, ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. "Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird", antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird. (opens in a new tab)">was hiermit getan ist ;-) ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. „Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird“, antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird.

Und dann dreißig Jahre später sehen wir noch einmal die ersten Szenen der Maueröffnung. Die französische Korrespondentin in Berlin (im Pelzjäckchen) berichtete den staunenden Kollegen im Studio, mal mit Bild, mal ohne, von dem, was sich ereignete: die Menschenmengen, die ausgelassene Stimmung, die ersten Menschen die von Westseite auf die Mauer kletterten, ohne, dass die Ost-Grenzbeamtenreagierten, die Trabis, die sich kilomterlang stauen …  Sie waren vollkommen überrascht von dieser Entwicklung, sagte der Nachrichtensprecher gestern, nichts hätte darauf hingewiesen, dass sie einen anderen Dienst als sonst machen würden.

Nicht in der Sendung, aber im gleichen Sinn: Claire Doutriaux, eine Begründerin von arte und der arte karambolage Serie erzählt ebenso, dass sie, DIE Expertin für Deutschland zu dieser Zeit, dieses Ereignis buchstäblich verschlafen hat.

Ein Historiker, Nicolas Offenstadt, der ein Buch über „Le Pays disparu“, also über die DDR, „das verschwundene Land“ geschrieben hat, fasste in aller Kürze sehr gut zusammen, wie es weiterging mit der DDR nach diesem ersten Glückstaumel. Damit wir aber in dieser Sendung nicht zu traurig gestimmt werden, gab es danach noch eine weitere Dokumentation: Berlin aller-retour heißt sie: Verschiedene kleine Filmteams begleiteten über 24 Stunden mehrere Personen in diesen ersten Tage nach dem Mauerfall. Für mich auch absolut neue Szenen, auch wenn man natürlich eigentlich alles schon kennt. Darunter ein Studentenpaar, Jana und Jim, ein ausgebürgerter Dissident, der illegal wieder in den Osten einreist und, zum ersten Mal in der Geschichte heißt es, begleiteten die französischen Journalisten einen Vopo auf seiner Dienstrunde und privat. Diese Art der Reportage, in der die Journalisten und die Kamera den Menschen folgen (und nicht entscheiden, was die Menschen machen sollen, damit die Kamera schöne Bilder bekommt!), ist in den achtziger Jahren, das sagte zumindest  der Verantwortliche der Reportage gestern, absolut neu.

Jana und Jim, sind gute Sozialisten, sie finden das aufgeregte Gerenne ihrer Mitbürger in den Westen ein bisschen albern. Aber sie werden, ein paar Tage nach der Maueröffnung, nun auch losgehen, schon um mal zu sehen, „nach was die Menschen dort so lechzen“. Sie können jetzt sogar mit der U-Bahn fahren, ab Jannowitzbrücke, die Linie in den Westen, die unterirdisch immer noch existierte, wurde wieder geöffnet. Jana und Jim sind aufgeregt, aber geben sich unbeeindruckt, sprechen freundlich mit dem erschöpften Vopo, der wie am Fließband Visa in Reisepässe stempelt. Dann sind sie im Westen. Die Häuser sind schon gut in Schuss finden sie. Und der Obst- und Gemüsestand beeindruckt sie fast wider Willen. Erstaunlicherweise kennt Jana Granatäpfel, Quitten aber sind ihr fremd. (Kakis auch, aber die kannte ich in den Achtziger Jahren auch noch nicht.) Sie tanzen in Kreuzberg in einer Disko, Ostbürger zahlen keinen Eintritt, später melden sie sich bei einer Familie an, die bereit ist, Leute aus dem Osten, die im Westen übernachten wollen, bei sich aufzunehmen. AirBnB vor AirBnB sozusagen und komplett gratis. In diesem Fall ist eine polnische Familie so großzügig, sie haben vor vierzehn Jahren selbst Polen Richtung Westen verlassen und können all die Aufregung um die Mauer und die Westbesuche gut nachvollziehen. Nach der Mondlandung sei die Maueröffnung das größte Ereignis für ihn, sagt der Vater. Am nächsten Tag sieht man Jana und Jim an der Mauer. Es missfällt ihnen, dass an der Mauer rumgehackt wird. „Ist doch ein historisches Bauwerk“, findet Jana, „am Eiffelturm würden sie doch auch nicht herumsägen.“ Aber es hört niemand auf sie. Und das Stück Mauer, das man ihr anbietet, will sie auch nicht. „Wie geht es Ihnen?“ ruft sie den Vopos freundlich zu, vermutlich eine der wenigen, die sich in die Haut der Grenzpolizisten versetzen mag in diesen Tagen. Aber sie antworten nicht. „Dürfen nicht“, vermutet Jana. Sie findet übrigens, dass die Menschen in Ost und West zu unterschiedlich seien, eine Wiedervereinigung kann sie sich daher nicht vorstellen, und wenn, dann, klar, nur unter sozialistischer Führung.

Schwenk zum Kudamm, den Champs Elysées allemands. Ein paar Frauen und Männer wagen sich dort in ein Pelzgeschäft. „Nur mal schauen.“ Andere schließen sich an, um „das wirklich mal zu sehen.“ Ein Mann erkennt fachmännisch Fuchs, aber es ist amerikanischer Fuchs wird er belehrt, 3000 Mark soll die Pelzjacke kosten. Gar nicht so teuer, wird befunden. „Ich kann es nicht bezahlen“, sagt hingegen mutig eine Dame ganz offen zu der Verkäuferin, „aber ich würde schon gern mal was anprobieren … NUR mal anprobieren!“ und die Verkäuferin reicht ihr flugs einen Pelzmantel an. Glücklich dreht sich die Dame vor dem Spiegel und es gibt viel bewunderndes „Ah“ und „Oh“ der Umstehenden. „Das können wir uns vielleicht auch bald leisten“, heißt es. Ich konstatiere, in den Achtzigern waren echte Pelze noch nicht verpönt.

Der ausgebürgerte Dissident tritt als einziger die Gegenbewegung an und sucht einen Moment im Grenzgedrängel, um unbemerkt und illegal wieder in den Osten zurückzukommen. Er sucht seine Freunde und geht als erstes zu einer Veranstaltungen des Neuen Forums, wo man noch darüber diskutiert, ob man wirklich politische Mitveranwortung anstrebt und sich mit Mandatsträgern zur Wahl stellen wird oder ob man „nur“ eine Organisation (sobald sie offiziell anerkannt ist!) außerhalb sein möchte. Was für eine Aufbruchsstimmung! „Wirst du hier bleiben?“, fragen die Freunde, und als er bejaht, liegen sich alle weinend in den Armen. Später, auf der Suche nach weiteren Freunden, klopft er häufig vergeblich an Türen. Die Freunde, erfährt er, wen wunderts, machen alle gerade einen Ausflug in den Westen. Erst ganz zum Schluss kommt einer der ersehnten Freunde mit dem Fahrrad aus dem Westen zurück und sie fallen sie sich in die Arme.

Am erstaunlichsten finde ich den Dreh mit einem Vopo in diesen Tagen. Die Journalisten und die Kamera begleiten ihn auf seiner Dienstrunde mit einem Kollegen; am ersten Tag hat er Dienst an einem neu geschaffenen Grenzübergang (die Mauer wurde an verschiedenen Stelle geöffnet, daran erinnerte ich mich gar nicht). Sie wundern sich, dass „die wirklich alle wieder zeitig zurückkommen“. Wie ist es wohl da drüben? Sie selbst waren noch nicht im Westen, aber sie haben ein Visum für die kommende Woche. Später fahren sie gemeinsam im Dienstauto hinter der Mauer entlang. Wir sind wirklich auf der Ostseite direkt hinter der Mauer, niemals vorher waren ausländische Journalisten dazu befugt! Sie kommen an einem Friedhof vorbei, und ein Journalist wagt tatsächlich nach den Todesopfern an der Mauer zu fragen. Der Schießbefehl sei aufgehoben worden, antwortet der Kollege des Vopo ganz freundlich, und auf dem Friedhof lägen die Kollegen, die im Dienst ums Leben gekommen seien, einer sei übrigens vom Westen aus erschossen worden! Am Ende begleiten wir den Vopo bis hinein ins Dienstgebäude, wo er nach Dienstschluss dem Vorgesetzten Bericht erstattet: „alles ruhig, die Menschen freundlich, keine aggressiven Störungen“. Abends zuhause bei ihm diskutieren er und seine Frau. Die Mauer muss stehenbleiben findet sie, damit man sie im Zweifelsfall wieder schließen kann: es passiert so viel Schlimmes im Westen, Drogen undsoweiter, sie will nicht, dass ihre Kinder dem ausgesetzt sind. Am nächsten Tag macht die kleine Familie einen Ausflug und sie sehen das Brandenburger Tor von weitem, „nächste Woche werden wir es von der anderen Seite sehen und dann wieder von hier“, erzählt die Mutter ihren Kindern. Ein bisschen sehnsüchtig nach dem Westen ist ihr Mann schon. „Und, möchtet ihr da drüben sein?“, fragt er stattdessen seine Kinder, aber sie sind noch zu klein, um irgendetwas zu antworten. „Du kennst meine Meinung“, versucht seine Frau abzuschwächen. „Ich habe hier meine Arbeit, die Kinder sind hier geboren und alles …“

So, und nachdem ich Ihnen alles so schön aufgeschrieben habe, habe ich die Sendung Le mur de Berlin (anklicken->) im replay gefunden … bonne séance („Rembob’ina“ ist ein Wortspiel: rembobiner heißt zurückspulen und heißt ebenso Filmmaterial wiederaufwickeln, Sie erinnern sich vielleicht an diese Filmspulen, die man damals in diesen Aluminiumdosen aufbewahrt hat; „INA“ ist das Institut National de l’Audiovisuel, das französische Ton- und Filmarchiv; in der Sendung werden also historische Filmausschnitte zu diversen Themen gezeigt)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Le mur de Berlin

  1. Sunni sagt:

    Toll erzählt, da braucht man die Fimspule nicht. DIE gibt es übrigens immer noch, und es gibt hier ein „Bedarfskino“, mit dem ein unermüdlicher Kinofreund von Ort zu Ort zieht, mit den Dosen und dann für mehr oder weniger Leute einen Film zeigt, denn er war 25 Jahre Leiter des Kinos in einem alten Fabrikgebäude, das vor 2 Jahren verkauft wurde, für sehr wenig Geld an…nunja, die alte Geschichte. Er musste raus dort, ganz schnell, ganz unbedingt, er störte die Planung für Großes, Verheißungsvolles. Das Kino war nicht groß, aber so richtig heimelig, mit roten Plüschsesseln und es gab natürlich die heute unvermeidbaren Dinge, die so knackend stören, wenn einer sie ißt während des Films, und natürlich auch Cola und all das andere Zeug. Und ihn, den grauhaarigen Filmmann, der auch die Karten am Eingang abriß und die Filme in Gang setzte, immer schön nacheinander in den drei kleinen Räumen. Tolle Filme, besondere….Jetzt ist alles platt da, kein Stein mehr, kein Fensterrahmen, kein Geruch mehr nach Metall, wenn man vom Hinterhof dort erwartungsfroh zum neuesten Film die Treppe erklomm. Nichts, ein Nichts, das mit Fördermitteln entstand. Kalte Luft weht über den weiten Platz, auch wenn der Filmliebhaber dort mit seinem alten Kleinbus vorbeifährt, um irgendwo auf dem Dorf oder in einer anderen kleinen Stadt Menschen für Filme zu begeistern.

  2. Mumbai sagt:

    Sie haben sich so viel Muehe gemacht diesen Film zu beschreiben, sodass man ihn bereits gesehen hat und dennoch den Wunsch verspuert ihn mit allen Details zu sehen.
    Bin zwar nicht Deutsch aber ich kann die Gefuehle der Menschen aus dem Osten gut
    verstehen. Ist es nicht jeden Menschens Wunsch Freiheit und ein besseres Leben zu
    wollen? Dass es nun im Westen fuer diese Menschen Enttaeuschung gibt kann ich
    ebenso nachvollziehen, wie der Gedanke „drueben war’s gar nicht so schlecht“. Steuern
    wir nicht wieder einer Ueberwachung und Unfreiheit zu?
    Eigentlich wollte ich meine Gedanken gar nicht veroeffentlichen, dennoch will ich zu
    diesen Menschen gehoeren, die sich trauen offen ihre Meinung zu sagen, denn ich habe
    vor wenigen Tagen gelesen, dass sich die Deutschen nicht mehr frei fuehlen offen zu sprechen. Ist das nicht traurig?

    • dreher sagt:

      Danke für Ihren Kommentar. Ich denke auch, dass es durchaus legitim ist, die Annehmlichkeiten des neuen Lebens zu genießen und dennoch das in gewisser Weise beschützte ehemalige Leben zu vermissen.
      In Frankreich sagt man auch nicht mehr wirklich was man denkt – ganz rechts und ganz links schreien sehr laut, die Zwischentöne werden schnell und heftig beschimpft, so dass man es sich zweimal überlegt, ob man offen Stellung beziehen will.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.