Erinnerungen einer mittelalten Westlerin an den Osten

Die letzten Tage und Nächte war mein Kopf mit dem Osten beschäftigt. Dank Ihrer Zuschriften und dem regen Hin- und Her in meiner Mailbox, habe ich viel erfahren. Viel mehr, als ich je gedacht habe. Danke, für Ihr Vertrauen und dass Sie mir ein Stück aus Ihrem Leben preisgegeben haben. Bei Vielem kamen mir die Tränen. Für manches Erlebte fehlen mir die Worte, um zu antworten. Ich werde hier nicht davon erzählen, das verstehen Sie sicherlich, Sie, die „anderen“ meine ich. Ich habe meinen französischen Text über die Mauer, die Wende und die Nachwendezeit für den Vereinsvorsitzenden des Kinoclubs geschrieben, und er hat ihn mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Tatsächlich dachte man hier an einen märchenhaften Schluss unserer deutschen Geschichte: „Und dann lebten sie glücklich vereint bis ans Ende Ihrer Tage.“ Pas tout à fait. Nicht ganz. Mein französischer Text ist sicher etwas emotional und aus der Ostperspektive geschrieben; unter dem Einfluss all der Zuschriften; eine Perspektive die ich aber durchaus selbst im Blick hatte, nur nicht ganz so tief und wissend. Ich habe einen Nachtrag gemacht, denn es kamen gestern dann noch sehr zufriedene Stimmen von jungen Menschen, die sagen, sie haben ein gutes Leben (auch im Osten), die außerdem zur Wendezeit zu jung waren, um in der DDR Repressalien ausgesetzt zu sein, da hatte ich den Text aber schon fertig. Je jünger, desto positiver sieht man die Wende, kann man vielleicht sagen. Ist ja durchaus logisch, der Bruch in der Biographie, den die Wende für ein ganzes Land verursacht hat, ist für ältere Menschen (aus dem Osten) ganz klar dramatischer/traumatischer.

„Hier hat jeder, der heute über 45 Jahre alt ist einen krassen Bruch in der Biographie. Immer wenn in der Geschichte Westdeutschlands ein Opelwerk schließen musste, der Bergbau im Ruhrgebiet oder ähnliches, und tausenden Familien ihr Leben neu ordnen mussten, gab es einen Bruch, so dass es Jahrzehnte später noch Reportagen darüber gibt – im Osten ging es jedem so. Ob man darüber spricht oder nicht, jeder musste sein Leben neu ordnen (zum Guten der Schlechten) und vieles passierte dabei schnell und fremdbestimmt und im Rückblick schmerzend.“

Für uns aus dem Westen waren der Mauerfall und die Wende vielleicht bewegend, aber (in der Regel) nur ein kurzer Moment in unserer Biographie und dann ging unser Leben unverändert weiter. Vielleicht haben wir auch überraschend mit nicht ganz so brillantem Examen Karriere im Osten gemacht, weil man dort gerade die gesamte Elite austauschte und „unbelastete“ Leute brauchte. Etwas, was nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland nicht so ganz geklappt hat. Das aber nur am Rande.

Ich denke immer häufiger, dass man eigentlich erst im reifen Alter studieren sollte. Wenn man selbst etwas erlebt und verstanden hat von diesem verwickelten komischen Leben, das uns passiert. Und ich denke immer häufiger, dass jeder mal ein Jahr alleine und möglichst nur mit wenigen Sprachkenntnissen und einem begrenzten Budget in einem fremden Land leben sollte. Leben. Nicht reisen. Dieses Zurückgeworfen werden auf beobachtendes Kinderniveau, dieses Nichtverstehen von Sprache und Kultur, dieses sich Zurechtfinden müssen und abhängig sein von der Freundlichkeit und Zugewandtheit der Menschen in diesem Land, ich sage es immer wieder, es macht demütig. Ich denke, dass ich erst heute, wo ich selbst in einem anderen Land lebe, in dem man mich, ich schrieb es neulich schon mal im Kommentar, für dumm hielt (hält), nur weil ich die Sprache nicht ausreichend spreche oder eben nur auf einem gewissen umgangsprachlichen Niveau kommunizieren kann, mir nicht zuhört, was habe ich schon zu sagen oder mich als Deutsche ablehnt, in dem ich auch nie einen vergleichbaren Job finden würde, vielleicht wegen meines Deutschseins oder wegen des sehr einfachen Französischs, das ich spreche, erst heute VERSTEHE ich, was Ausländer in Deutschland erleben und was auch Ostdeutsche in Westdeutschland erleben (Uh, ein Ossi, uh, dieser schreckliche Dialekt). Erst heute spüre ich auch diese Fragiliät der Situation. Was, wenn sie morgen in diesem Land entscheiden, dass alle Ausländer raus sollen? Was nützt es mir da, dass ich einen französischen Mann geheiratet und einen französischen Namen habe? Vielleicht endlich die doppelte Staatsangehörigkeit besitze? Was nützt all das und all meine Anpassung, wenn mein Aussehen und mein Akzent mich schon verraten als Ausländerin? Und wenn man zusätzlich an der Grenze auch den Namen meiner Eltern erfragt? Ich hatte, als ich „Jakob der Lügner“ sah, erstmals das Gefühl, dass ich nicht nur einen Film über die dunkle deutsche Geschichte sehe, sondern dass es mich trifft, weil es mich möglicherweise eines Tages betrifft.

Erst heute verstehe ich, was es heißt, sich irgendwo fremd zu fühlen, finanziell ungesichert zu sein und (vielleicht) was es bedeutet, im Exil zu leben; Exilforschung übrigens einer meiner Studienschwerpunkte, den ich sicherlich nicht schlecht gemeistert habe, aber wirklich richtig verstanden habe ich damals wenig. Zu jung, zu unbeschwert und zu sprachbegabt, als das ich mir das erzwungene Leben der Juden in der Fremde wirklich als leidvolle Last vorstellen konnte. Ich wollte immer weg und ins Ausland. Und die Sprache wird man doch wohl lernen können, dachte ich ein bisschen herablassend.

„Es hat nie jemand gefragt. Es hat sich nie jemand dafür interessiert“, hörte ich oft von meinen „GesprächspartnerInnen“. Also niemand aus dem Westen hat gefragt. Es ist kränkend. Ich verstehe das. Seit fast 15 Jahren lebe ich in Frankreich und nur wenige Franzosen interessieren sich hier für meine Geschichte oder gar für die meines Herkunftslandes. Selbst in meiner neuen Familie ist man ziemlich uninteressiert, mal abgesehen von Monsieur. Für die meisten bleibe ich die stammelnde Deutsche, von der man nicht allzuviel weiß, auch nicht wissen will. Wo kommst du nochmal her? Achso ja. Wo ist das nochmal? Aha. Und Basta.

Ich hingegen frage zumindest heute viel, warum auch immer und ich bekomme viel erzählt, und ich kann gar nicht verstehen, dass es so viel Ungefragtes und Unerzähltes gibt zwischen den Menschen. Sich ihr Leben erzählen, um sich kennenzulernen, ist der Ansatz der Biographiegespräche auf Gut Gödelitz. Den Hinweis habe ich von einer meiner Gesprächspartnerinnen bekommen und füge ihn noch schnell hier ein. Das Gut in dieser Form und die Gespräche gibt es seit 1998, vielleicht sind die Gespräche dort nur ein Tropfen in ein noch ziemlich leeres Fass, aber immerhin ein Tropfen. Vielleicht ein Anreiz, mal in den Osten zu fahren?

Ich habe zu einer Zeit unter anderem „Volkskunde“ studiert, das heißt heute in der Regel etwas elitärer „Kulturanthropologie“ oder „Europäische Kulturwissenschaft“, und dort gibt es den Schwerpunkt Erzählforschung. Es geht ganz altmodisch um Märchen, Sagen, Legenden und um die neuen „Modernen Sagen“, die Urban Legends, die man sich so erzählt. Da geht es aber auch darum, was im Familienkreis oder beim Dorffest erzählt und was hingegen auch nicht erzählt wird. Sehr spannend alles, also für mich zuindest. Ich las damals viele gesammelte Berichte von Ostdeutschen, die angekommen im neuen Westalltag ein bisschen verloren waren, verständnislos vor Wasserhähnen, Durchlauferhitzern oder Fotokopierern standen. Das mit den Wasserhähnen kann ich aus Frankreich auch erzählen. Manchmal muss man mit dem Fuß eine Wasserpumpe bedienen, darauf muss man erstmal kommen.

Vermutlich gibts im deutschen Fernsehen jetzt Erinnerungen bis zum Abwinken. Wenn es nicht gerade um den 9. November herum ist, gehen die ostdeutschen Erinnerungen im gesamtdeutschen Alltag aber eher unter. Das sagten mir auch die GesprächspartnerInnen:

„Bei all den schönen Dokus: So war Deutschland in den 70igern, in den 80iger… ist immer der Westen der Standard. Wenn über die Emanzipation der Frauen geredet wird, über Umweltverschmutzung, Industrie usw. fehlt in der Regel die Geschichte der DDR, die eben anders war. Ich verstehe, dass das viele schmerzt. Und das auch im ganz kleinen privaten: Wenn sich „Wessis“ unterhalten, teilen sie Kindheitserinnerungen – Urmel aus dem Eis, die drei Fragezeichen, Unendliche Geschichte usw. sind Erinnerungen, die alle begeistern und sentimental verbinden (und die die meisten „Ossis“ in der Regel auch kennengelernt haben inzwischen oder schon früher durch Westfernsehen).  Dann erwähnt ein „Ossi“ Elli im Wunderland oder Detektiv Pinky oder Timur und seinen Trupp – und wird angeschaut wie ein Ufo, weil das so fremd und unbekannt ist. Weil das auch keinen mehr interessiert, weil diese Bücher/Filme/Geschichten nicht mehr präsent sind, weil diese – ganz persönliche Geschichte – verschwindet.“

Letztes Jahr war ich im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Nizza bei einer Lesung mit Jana Hensel. Tolle Veranstaltung übrigens, interessant, erhellend und in der Regel perfekt zweisprachig, so dass auch immer viele Franzosen anwesend sind. Selbst Monsieur, der abends nicht mehr so gerne vom Sofa aufsteht, begleitet mich gern zu den Veranstaltungen des CCFA. Die Leitung hatte bis vor kurzem Tobias Bütow, er kommt aus dem Osten und hat daher einen anderen und besonderen Blick. Jana Hensel erzählte, dass man sie immer wieder genervt frage, ob sie denn immer noch/nur über den Osten schreiben müsse. Ja, antwortet sie nicht minder genervt, denn wenn sie nicht explizit über den Osten schriebe, dann wäre er in der Presse nicht sichtbar. Es ging um Vieles an dem Abend, ich erinnere mich vor allem an den ersten ostdeutschen Kosmonauten Siegmund Jähn (in der Zwischenzeit verstorben), dem Angela Merkel nicht zum 80. Geburtstag gratuliert hat.

So. Und ob Sie wollen oder nicht, jetzt bekommen Sie auch noch meine Erinnerungen: Ich arbeitete damals, zur besten Wendezeit, in einer Universitätsbibliothek und auch wenn dort alles noch deutlich verschlafen war, die PC’s und das Internet kamen gerade erst in unser Leben, wir waren in unserer Bibliothek noch deutlich vor der elektronischen Ausleihe: alles ging noch von Hand und mit durchgestrichenen Namen auf grünen Karteikärtchen. Aber wir hatten einen Fotokopierer. Den man gegen das Einwerfen von damals noch Zehnpfennigstücken benutzen durfte. Einfach so. Ich weiß noch, was das für ein Staunen hervorrief bei den neuen jungen Studenten. Mitten im Semester aufgeregt und durcheinander und manchmal ein wenig hilflos waren sie plötzlich da. Mit einem von ihnen, einem Architekturstudenten aus Weimar, der aber etwas früher schon über Ungarn gekommen war, war ich befreundet. Ich war sehr verliebt, um ehrlich zu sein. Das erinnert mich an den Kommentar einer Leserin, die schrieb, „die Wende war für mich weit weg, denn ich war gerade so verliebt“. Mir ging das ähnlich, ich weiß, dass die Zeit der Wende mich nicht unberührt gelassen hat, ich lebte ja gerade mein persönliches Ost-West-Abenteuer, aber in meinen Tagebüchern finden sich keine Hinweise auf die historischen Umwälzungen, da geht es nur um die Frage, ob ich ihn sehen werde oder nicht. Er hat mir viel erzählt vom Osten. Einmal war er festgenommen worden, weil er auf der Leipziger Buchmesse ein Buch eines West-Verlages gestohlen hatte. Es folgten quälenden Befragungen. Er erzählte, dass er in der DDR zu jeder Ausstellung fahren und dort selbstverständlich jeden Ausstellungskatalog erwerben konnte, im Westen konnte er sich dann nicht mal das Zugticket und den Eintritt zu den Ausstellungen leisten, die er zu sehen hoffte. Er erzählte mir auch Amüsantes: dass sie sich mit den Freunden um sich schnell zu verabreden, mangels Telefon Telegramme geschickt haben. Und was für eine Enttäuschung, als sich das berühmte „Bauhaus“ im Westen, das Mitarbeiter suchte, als Baumarktkette herausstellte und er dort Regale auffüllen musste. Er war anders, frech und direkt und mit einem offenen Blick. Und er war wahnsinnig ehrgeizig. Und ich auf jeden Fall sehr verliebt. Er hingegen war verliebt in eine Französin, eine Pariserin, die als Studentin mit einer Gruppe durch die DDR gereist war. Sie hatten sich in einem Museum kennengelernt und sie schrieb ihm Karten aus Paris mit Mauergraffiti: „Je t’aime“. Die Karten fand er charmant, aber er wusste nichtmal was „je t’aime“ bedeutet. Auch das hatte er mir erzählt. Er musste also nach Paris, sobald er genügend Geld dafür hatte und hatte vorher extra noch eine Auslandsversicherung abgeschlossen, die ihm ein findiger Versicherungsfuzzi aufgeschwatzt hatte. Und er kam nach wenigen Tagen schon enttäuscht zurück. Paris war großartig, entsetzlich teuer und sie nicht mehr in ihn verliebt. Ich war sein Trostpreis, denke ich heute und nur eine Etappe auf seinem Weg, er ist heute supererfolgreich in Berlin. Kennen tut er mich heute nicht mehr.

Etwas später lebte ich in Göttingen und von dort bereiste ich mit einem anderen (West-)Freund, den nahen Osten hinter Göttingen längs und quer. Ich erinnere mich an die holprigen gepflasterten Straßen, dass man im Winter den Rauch der Kohleheizung roch, und man so auch roch, wenn man sich einem Ort näherte. Wir tranken Tee in einem Jugendclub irgendwo in der Provinz, alles war so anders und wir und die Jugendlichen sahen uns gegenseitig misstrauisch an, in der Ecke aber stand ein Fernseher und dort liefen schon Musikvideos von MTV.  Ich ließ einen Aluminumteelöffel mitgehen, weil ich so einen noch nie gesehen hatte. Ich habe ihn heute nicht mehr, aber ich habe ihn lange benutzt. In Magdeburg suchten wir lange das Stadtzentrum, bis man uns sagte, wir seien mittendrin. Aber es sah nicht so aus, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir liefen in Quedlinburg über mittelalterliche Steine und bei jedem Hoftor, an dem wir vorüberkamen, hatte ich den Eindruck, wenn man es zu fest zuknallte, würde das Haus darüber zusammenfallen. Dort aßen wir übrigens eine recht grauenvolle Soljanka, lustig, was mir alles wieder einfällt. Wir waren auf Rügen und auf Hiddensee. Bevor ich die abenteuerlichen Feldwege in Frankreich kennengelernt habe, waren die holprigen Betonstraßen und -wege, die zu weit abgelegenen Campingplätzen führten, das abenteuerlichste, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich war gerührt von der Schönheit der Landschaft und der idyllisch aussehenden Ländlichkeit. Alleen, Sandwege, Hühner, die in kleinen Dörfern frei und gackernd hin- und herliefen. Der alte Bäcker, der in einem niedrigen Häuschen wunderbaren Blechkuchen backte und ihn uns am nächsten Tag zum halben Preis beinahe aufdrängte, dabei war auch der frische Kuchen für uns schon so billig, dass wir uns schämten, nur den halben Preis zu bezahlen. Campingplätze mit noch sehr rudimentärer sanitärer Ausstattung, fließend Wasser nur morgens und abends, Wasser gäbs in der Ostsee genug, sagte uns der Platzwart ungerührt. Wir wählten dann einen anderen Platz, dort waren die sanitären Anlagen so neu, dass sie noch nicht mal in Männlein und Weiblein getrennt waren, wir hingegen dachten, dass sie cool seien, diese Ossis, und duschten gemeinsam in der gleichen Kabine. Am nächsten Tag dann klebten die entsprechenden Zeichen auf den Türen und man sah uns komisch an, als wir gemeinsam auftauchten. Doch nicht ganz so cool.

Dieser Film wird unsere Vorpremiere. Der Transport von 7 Fässern Karbid im Nachkriegs-Osten erinnert mich an „La Traversé de Paris“ wo zwei Männer ein geschlachtets Schwein durch das besetzte Paris schmuggeln. 

Ich war in Leipzig auf der Buchmesse, zu Zeiten, wo die Messe noch klein und fast unspektakulär in der Innenstadt in einem mehrstöckigen Gebäude, dem Messehaus am Markt, stattfand. Ich wohnte bei einer Familie, die sehr stolz auf ihr hübsches Haus und ihre biedermeierliche Gemütlichkeit waren und auf ihren japanisch angehauchten Garten und darin die Lampen in Form von kleinen Pagoden. Ausführlich erzählten sie, wie und wo sie abenteuerlich und mühevoll in der DDR alles zusammengesucht hatten, um sich die Lampenformen zu bauen und mit Beton selbst zu gießen. Sie sahen perfekt aus, aber ich gebe zu, ich konnte es nicht ansatzweise würdigen. 

Genauso wenig, wie ich als Kind die hölzerne Puppe aus dem Erzgebirge würdigen konnte, die man uns in einem Päckchen aus der DDR als Dank für Kinderkleidung geschickt hatte. Eine Barbiepuppe hatte ich mir gewünscht, nicht so etwas. Die Kinderbücher aber las ich später. An eines kann ich mich noch erinnern, es hieß „Die Rei-no-pi“, glaube ich zumindest, ich habe es gerade im Internet vergeblich gesucht; ein Anagramm der Pioniere natürlich. Und es ging um Kinderstreiche und das schlechte Gewissen und das heimliche Wiedergutmachen. Pioniere eben.

Kurz nach der Wende war ich auch in Dresden, ich besuchte eine Freundin, die es dort an die Uni verschlagen hatte, der das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen als Wessi im Osten auf lange Sicht aber nicht behagte. Insbesondere nicht der arrogante West-Prof, für den sie arbeitete. Die Gartenstadt Hellerau konnte ich besuchen, mit ihren Reihenhäusern, die damals ein bisschen müde wirkten, aber noch vollkommen intakt waren. Eines konnte ich auch von innen sehen. Puppenstubenklein schien es mir. Im Festspielhaus der Gartenstadt, das lange Zeit von russischen Soldaten als Sportsaal genutzt worden und sehr heruntergekommen war, gab es riesige russische Wandgemälde vom großen Vaterländischen Krieg (die gibt es heute immer noch habe ich erfahren, restauriert sogar). Ich habe damals eine Semesterarbeit über diese Gartenstadt geschrieben. Getippt auf einem Atari und mit einem Nadeldrucker ausgedruckt, das weiß ich noch. Ich würde das heute gerne nochmal lesen, aber leider habe ich meine Uni-Unterlagen bei meinem Umzug Richtung Frankreich vernichtet. Brauch‘ ich nie wieder, dachte ich. Stimmt zwar, aber dennoch …

Ich las Jurek Becker und den damals schon umstrittenen Hermann Kant. Später Erwin Strittmatter und die Biographien von Manfred Krug und Armin Müller Stahl. Ich habe mich also bemüht, dieses Land, das es schon gab, als ich auf die Welt kam und dass mir fremder war als Österreich, Frankreich oder Italien, irgendwie kennenzulernen, aber … verstanden, richtig verstanden habe ich nichts vom Osten, vom Leben dort, von den Umständen. Ich glaube, ich war einfach zu jung und zu westdeutsch. Als wir bei dem obligatorischen Schulaufenthalt in Berlin auch einen Tag nach Ostberlin fuhren und dort in ein Café einfielen, wo es Saft und Torte gab, und wir dumm und unwissend nachfragten, was denn für Saft? Apfel? Pfirsich? Orange? Und was für eine Torte? Schoko? Nuss? Sacher? Schwarzwälder? hätte uns der Kellner vermutlich gern eine gescheuert oder uns gleich hinausgeworfen. Wir blieben da und aßen Torte bis wir platzten. Aber wir mussten ja unser Geld ausgeben und auf die Idee, eine Buchhandlung zu suchen, bin ich damals nicht gekommen. Ich war auch da mal wieder sehr verliebt und wollte eigentlich nur einem Jungen nah sein. Ich hatte mich auf die Studienfahrt nach Berlin auch nur eingetragen, weil er mitgefahren ist. Er hat mich nicht eines Blickes gewürdigt. Ich hätte besser nach Rom fahren sollen.

Zum Abschluss Ostmusik. Ich habe mich durch alle Versionen von „Am Fenster“ (Studio, Live, 1978 bis heute) durchgehört, mir gefällt diese hier am besten, weil die Stimmung des Publikums am euphorischsten ist. Trotz der offensichtlichen Kälte.

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16 Kommentare zu Erinnerungen einer mittelalten Westlerin an den Osten

  1. Christiane Haas sagt:

    liebe Christine
    ganz ganz lieben Dank für diesen sehr interessanten Bericht, ich muss gestehen, ich weiß noch viel, viel weniger von der damaligen DDR als Sie, vielleicht etwas mehr als die Franzosen,( Luxemburg war auch weit weg von der DDR) aber leider auch nur extrem wenig. Und nie aus erster Hand, nur durch Reportagen, Filmen oder Büchern. Ich kenne leider auch niemanden der damals in Ostdeutschland gewohnt hat. Ich hatte mich damals riesig gefreut als die Mauer geöffnet wurde, ich sass am Fernsehen, stillte meinen winzigen Sohn und hatte so viel Hoffnung, dass es solche Trennungen nicht mehr geben würde, dass die Menschen toleranter, offener, mit einander leben würden, dass es bald solch eine Kontrolle der Menschen nicht mehr geben würde, dass autokratische Regierungen aussterben würden…. wie naiv war ich, wie unwissend, wie geblendet von meinen Hoffnungen und persönlichen Überzeugungen, und trotzdem habe ich auch heute noch die gleiche Hoffnung.
    liebe Grüsse an alle, egal aus welchem Land
    Christiane

  2. Gabriele Kuhn-Zuber sagt:

    Ein sehr schöner Text – vielen Dank dafür. Und gut, dass Sie auch von sich berichten, ins Gespräch kommt man nur, wenn beide Seiten erzählen. Herzliche Grüße Gabriele

  3. Trulla sagt:

    Ihr Bericht gehört ganz sicher zum Besten, was ich bisher gelesen habe.
    Beide Seiten müssen einander immer noch verstehen lernen in ihrer Unterschiedlichkeit, die keine selbst gewählt oder zu verantworten hat.
    Hoffnung macht die junge Generation, die selbstverständlich miteinander wächst, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein Ossi/Wessi Dilemma nicht mehr diskutiert werden muss.
    Denn das Glück des Mauerfalls kann nicht hoch genug geschätzt werden.

  4. Sunni sagt:

    Danke für den tollen Text und die Mühe des Zuhörens und Bedenkens. Genau das ist es, was fehlt. Und es tut gut, sehr gut. DANKE! Sunni

  5. Klaus sagt:

    Liebe Christiane, Marion und ich haben dich lange nicht mehr gesehen, seit wir Taradeau verlassen haben und nicht mehr so oft im Midi sind. Ich bin – wohl noch auf facebook – inzwischen kein wirklicher facebooker mehr, kriege also von dir nicht mehr so viel mit. Auch die Lust zum Krimi fehlt mir entretemps, dafür viel Lust auf reales Leben, auf erzähltes Leben, auf Biografien (!), die zum sich-Auseinandersetzen mit dem eigenen Leben drängen. Deshalb habe ich beim mal-wieder-auf-facebook deinen Text (zufällig) entdeckt und bin beglückt, dich gelesen zu haben. Obwohl in Leipzig geboren (1945) – 1949 haben meine Eltern nieber gemocht – bin ich bis zum Mauerfall nur ein kleines paar mal drüben gewesen, auch weil der große Rest der ‚Drübenfamilie‘ allmählich verstarb oder das Familiengefühl, leider, immer blasser wurde …
    In meiner Studienzeit in Göttingen hatte ich mich 1964 mit einem Studenten angefreundet, der kurz vorher in Ostberlin durch einen Abwasserkanal in den Westteil geflüchtet war. Was hat er damals erzählt! Was haben wir alles diskutiert!
    In den 70ern und 80ern bin ich oft mit Freunden z.B. in die CSSR gereist, weil dort Fachbücher aus der DDR (Sprechwissenschaft) nur ein Viertel dessen kosteten, was man in der BRD dafür zahlen mussste. Und immer auch, weil, vor allem abends in den Kneipen, man ganz sicher auch junge DDRler treffen konnte, um miteinander zu reden.
    Dafür war ich öfter nach 1990 ‚drüben‘. Die Neugier, zunächst Thüringen und Sachsen etwas näher kennenzulernen, war, claro, groß. Und natürlich, seit Marion zur (erfolgreichen) Schriftstellerin geworden ist, fahren wir fast regelmäßig zur Buchmesse nach Leipzig. Da bin ich auch den Spuren von vier Jahren Nachkriegsleben in meiner Geburtsstadt nachgegangen, habe die Orte meiner Leipziger Onkel, Tanten Omas aufgesucht und versucht, mich einmal in ihr Leben hineinzuversetzen.
    Viele jüngere AutorInnen haben wir kennengelernt, die noch in Städten der ehemaligen DDR leben, dort schreiben und uns von ihrem vorwendigen Leben erzählt haben. Es war (und ist) nicht leicht, sich ohne die schematischen Bilder von Ost-West zu begegnen. Immer noch! Aber im kommunikativen Austausch gelingt es immer besser.
    Tiens, als hätte ich de vive voix mit dir gesprochen! A bientot (Dach fehlt)!

  6. Mumbai sagt:

    Wie soll das Zusammenleben, reden, verstehen weltweit gelingen, wenn selbst im
    eigenen Land der Unterschied so merklich ist ?

  7. Claudia Pollmann sagt:

    Hallo Christiane,
    wunderbar geschrieben. Ein Artikel hat so viele Denkanstöße da muss ich erst mal grübeln ;-). Und ich finde auch nicht das nach 30 Jahren alles so perfekt sein kann und muss. Wichtig ist Dialog und das man die Eigenheiten der Anderen auch akzeptiert. ) Im Westen und im Osten. Wahrscheinlich müssen noch einige Jahre ins Land gehen und dann gibt es die Begrifflichkeiten Ost und West gar nicht mehr. Da die nachfolgenden Generationen das gar nicht mehr so kennen oder es ihnen auch nicht mehr so wichtig ist.

  8. dreher sagt:

    Vielen Dank! Danke für Ihre Kommentare und (langen! Klaus! Ich krieg schon was mit von Euch via Marion auf FB!) Erinnerungen, danke, dass Sie sich damit auseinandersetzen. Mit dem Text und mit dem Osten.
    Gestern war Familientag, Sie wissen schon, diese ellenlangen französischen Mittagessen, die sich bis spät in den Nachmittag ziehen. Danach fällt man komatös in eine verspätete Sieste und danach ist man auch nicht frischer. Ich habe beim Essen aber immerhin von den DEFA-Filmen und dem 30. Jahrestag des Mauerfalls erzählt, immerhin gab es gestern Abend im französischen Fernsehen eine Dokumentation mit Diskussion, die sich dann ein Teil der Familie, unterstützt mit meinem französischen Text, angesehen hat. Wir natürlich sowieso, ich habe es sogar aufgezeichnet. Ich sah also französische Dokumentationen, das alte Archivmaterial, das den Mauerbau 1961 und Reaktionen der Bevölkerung auch noch 1962 dokumentierte, kam aus französischen Quellen. Ich sah also teilweise neue alte Bilder und ganz ehrlich, ich schluchzte dabei ein bisschen. Viele Menschen, die zu Ihrer Situation (getrennte Familie, Angst, Zukunftssorgen) befragt wurden, sprachen übrigens ausgezeichnet französisch, das hat mich sehr überrascht. Und dann sahen wir noch einmal die ersten Szenen der Maueröffnung, knapp 30 Jahre später. So und dazu muss ich einen neuen Blogeintrag machen, das sprengt sonst hier das Kommentarfeld.

  9. Vinni sagt:

    Vielen Dank fürs Aufschreiben und Zuhören und Fragen und Interessieren :)

  10. Pingback: Papiermühlen und Fahrscheinlocken | Buddenbohm & Söhne

  11. Ursula Weber sagt:

    Vielen Dank, liebe Christiane!

  12. Spitzohr sagt:

    Ich bin so froh, diesen Text gelesen zu haben. Danke dafür – und fürs zuhören. Dass sich jemand nachdem geklärt ist, woher ich komme und wie alt ich bin, tatsächlich dafür interessiert, wie denn das Leben vor und während des Mauerfalls war, passiert so gut wie nie von „im Bundesgebiet“ Geborenen. Viel eher möchten Freunde aus dem Ausland ganz genau wissen, wie das damals so war und, nicht minder wichtig, was ich dabei gefühlt habe. Putzig.

    • dreher sagt:

      Dankeschön. Es tut mir leid, dass wir Wessis uns so wenig dafür interessieren, wie es Ihnen im Osten ging und geht. Ich will gerne glauben, dass man sich im Ausland mehr dafür interessiert, dafür interessiert man sich hier nicht für die Wessis, man hat allzu viel bekannte Vorurteile. Ausgleichende Gerechtigkeit 😏

  13. Marion sagt:

    Mich interessieren die Geschichten der Ostdeutschen. Als ich 2017/18 zur Reha in Potsdam war, wo ich natürlich überwiegend Ossis traf, habe ich oft nachgefragt, wie das Leben drüben damals war. Lustig – in dem Lehrgang, den ich derzeit mache, ist auch ein Ossi: er Bäcker, ich Bäckerstochter, ich geb. 10/1967, er 11/1967. Natürlich habe ich gleich nachgefragt, wie er die Wende erlebt und was ihn nach Köln verschlagen hat.
    Was den Mauerfall angeht: Ich kam gerade von meinem ersten längeren Auslandsaufenthalt zurück und interessierte mich mehr für Frankreich als für die Ereignisse im eigenen Land. Natürlich war ich trotzdem überwältigt.
    Christiane, ich hab auch mal einen ostdeutschen Architekten kennengelernt, als ich in London gearbeitet habe. Allerdings als Kollegen. Die Erinnerungen an diese Zeit sind noch sehr lebendig. Das war auch ein tolles Büro und der T. arbeitet dort immer noch. Wir waren alle jung und abenteuerlustig, Ossis und Wessis…

    • dreher sagt:

      Sehr schön! Danke Marion! Ich finde nur, wir, Ossis wie Wessis, sind vielleicht nicht mehr ganz so jung, aber das Abenteuer Leben sollten wir noch nicht komplett in der Vergangenheit abhandeln. Viel Erfolg mit dem Lehrgang!

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